Kapitel 32 – Ein neuer Anfang

Ein tiefes, entferntes Grollen durchbrach die Stille und riss Harry ins Bewusstsein zurück. Das Geräusch klang weit entfernt, doch es war beharrlich und durchbohrte die Wärme und Dunkelheit, die ihn umhüllte. Sein Geist versuchte mühsam, an den letzten Spuren des Schlafs festzuhalten, doch ein gewaltiges Poltern ertönte, worauf seine Augen vor Schreck aufflogen und seine Atemzüge schnell und unregelmäßig wurden.

Der Raum, in dem er lag, war dämmrig, nur von einer einzigen Kerze beleuchtet, die an der Wand auf der anderen Seite hing. Ohne seine Brille konnte er ohnehin nur einen verschwommenen Lichtfleck erkennen. Die schweren Vorhänge neben seinem Bett verdeckten den Nachthimmel, obwohl er hören konnte, wie ein Regenstrom gegen das Fenster prasselte.

Er blinzelte orientierungslos. Er war sich bewusst, dass er im Krankenhaus lag und hatte vage in Erinnerung, dass Ginny an seiner Seite gewesen war, doch ihm fehlten die Details. Verzerrte Erinnerungen von seinen Eltern und anderen, die er verloren hatte, erfüllten seine Gedanken und verwirrten ihn. Er konnte sie jedoch nicht bündeln, da die verschiedenen Schmerzen seines Körpers seine Aufmerksamkeit anforderten.

Ein unsichtbares Gewicht drückte sich auf seine Brust und seine Gliedmaßen fühlten sich bleiern an. Obwohl keine Lähmflüche oder Seile ihn fesselten, war er vollkommen bewegungslos. Er fühlte sich unglaublich wund und es verlangte ihn sehnlichst nach Wasser, um seinen quälenden Durst zu stillen. Alle anderen Schmerzen – selbst seinen Durst – übertreffend, bereitete ihm sein Kopf die schlimmsten Übel. Er war dankbar für das dämmrige Licht, da er im Augenblick nicht glaubte, mit jeglicher Helligkeit zurechtkommen zu können.

Er erwog kurz, seine Augen zu schließen und sich in den Schlaf gleiten zu lassen, doch er musste wissen, was mit allen anderen geschehen war. Sein verwirrter Geist weigerte sich, ihm Details zur Verfügung zu stellen, doch er wusste, dass die anderen in Schwierigkeiten waren. Er stöhnte, während er versuchte, sich von seinem Kissen zu heben, und realisierte verärgert, dass es ihm nicht gelingen wollte. Sein rechter Arm war schwach und zitterte, wenn er ihn bewegen wollte, während sein linker überhaupt nicht reagierte.

Panisch versuchte er, nach seiner Brille auf dem Nachttisch zu tasten. Schweiß brach ihm auf der Stirn aus, während er sich bemühte, sie zu erreichen, doch sein Arm gehorchte nicht. Schließlich musste er aufgeben und legte keuchend seinen Kopf wieder auf das Kissen. Ihm fiel es schwer zu atmen und er stöhnte wieder auf. Was ist los mit mir?

„Harry!", rief Hermine, als sie die Tür öffnete und ihn so erregt vorfand. „Merlin! Wie typisch von dir, die ganze Zeit zu schlafen, wenn ich hier sitze, und ausgerechnet dann aufzuwachen, wenn ich für einen kurzen Moment auf dem Klo bin."

Sie lief durch den Raum, nahm seine Brille und setzte sie sanft auf seine Nase. Ihr besorgtes Gesicht wurde scharf, während er darum rang, seine unregelmäßigen Atemzüge zu beruhigen. Er blickte sich um und da er den Raum nicht erkannte, wusste er, dass er sich nicht im Krankenflügel von Hogwarts befand.

„W-", krächzte er, die Stimme kratzig und trocken von mangelndem Gebrauch.

„Schh. Ganz ruhig", flüsterte Hermine und beschwor wortlos ein Glas Wasser herauf.

Sie ließ ihren Arm unter seine Schultern gleiten und hob ihn hoch, damit er trinken konnte. Es fühlte sich wunderbar kalt und erfrischend an, so wie es seine Kehle hinunterfloss und den brennenden Schmerz linderte.

„Du bist im St. Mungos", klärte Hermine ihn auf und stopfte ein Kissen hinter seinen Rücken. „Tu mir einen Gefallen und gib vor, die Nacht durchgeschlafen zu haben. Ginny wird so außer sich sein. Mrs. Weasley hat darauf bestanden, dass sie nach Hause geht und sich etwas Schlaf genehmigt, und die Heiler glaubten, dass du nicht vor dem nächsten Morgen aufwachen würdest. Wir haben uns alle damit abgewechselt, bei dir zu sitzen, aber Ginny beharrte, dass sie versprochen hätte, bei dir zu bleiben. Sie wollte dich nicht verlassen."

Ein weiterer Donnerschlag grollte draußen, als wollte er Hermines Worte bekräftigen.

„Volde-", begann Harry, bevor seine Stimme versagte.

„Er ist fort, Harry", sagte Hermine, die Augen verdächtig glänzend. „Es ist wirklich vorbei. An wie viel kannst du dich noch erinnern?"

Harry runzelte die Stirn, während er versuchte, seine verstreuten Gedanken zusammenzupuzzeln. Alles war verworren, doch er konnte sich genau vorstellen, wie Toms flaches, verzogenes Gesicht ihn hungrig anstarrte. Er erinnerte sich an einen übelerregenden weißen Lichtblitz, aber er konnte nicht sagen, was geschehen war.

„Es ist alles in Ordnung", beruhigte Hermine. Sie nahm seine Hand und drückte leicht seine Finger. „Die Heiler haben gesagt, dass du am Anfang etwas verwirrt sein wirst. Es wird wiederkommen."

„Arm", murmelte Harry, während er versuchte, seinen linken zu bewegen. Die Decke war eng um ihn gewickelt und er hatte allmählich gefürchtet, ihn verloren zu haben. Es fühlte sich mit Sicherheit nicht danach an, als wäre er noch an seinem Körper.

„Tut er weh?", erkundigte Hermine sich und zupfte unnötigerweise seine Decke zurecht, während sie seinem Blick auswich.

Harrys Panik wuchs. „Spür... ihn nicht", keuchte er.

Hermine sah schnell auf, legte ihre Hand auf seine Schulter und drückte sie. „Es ist okay. Reg dich nicht auf. Die Heiler sagten, je ruhiger wir dich halten können, desto rascher wirken die Wiederherstellungstränke."

„Arm", wiederholte Harry, der ihn immer noch bewegen wollte. Seine Erschöpfung wuchs mit jedem Versuch, doch er bemühte sich weiterhin. Sein Sichtfeld verschwamm und neblige Punkte erschienen an den Rändern. Der Donner grollte laut, als wäre er direkt über dem Krankenhaus. Echos folgten ihm, lange nachdem das anfängliche Krachen vergangen war.

„Hör mir zu, Harry", sagte Hermine und packte ihn an den Schultern, um ihn stillzuhalten. „Das hilft dir nicht. Du musst ruhig bleiben. Einer der Flüche hat deinen Arm tief getroffen und einige Nervenschäden verursacht. Der Trank der Lebenden Toten hat deinen Blutfluss und deine inneren Organe verlangsamt, deshalb wird das Heilen einige Zeit dauern. Ich weiß, dass es mit deiner Geduld nicht sehr weit her ist, aber du hast wirklich keine andere Wahl."

Etwas an ihrem Tonfall, der keine Widerrede duldete, ließ ihn an Madam Pomfrey denken und alarmierte ihn. Ron hatte schon immer gesagt, dass sie manchmal beängstigend sein konnte. Seine Besorgnis musste sich gezeigt haben, denn ihr Blick wurde weicher.

„Wird... heil?", fragte er. Er fühlte sich unglaublich verletzlich und kämpfte gegen die Erschöpfung an, entschlossen Antworten zu bekommen. Es donnerte wieder, schwächer diesmal.

Hermine blinzelte rapide. „Wir denken schon."

Das klang nicht so zuversichtlich, wie er gewünscht hätte. Sein Herzschlag beschleunigte sich wieder und er musste kurze, flache Atemzüge nehmen. Plötzlich wünschte er sich Ginny an seine Seite.

„Ginny?", sagte er und zuckte bei seinem eigenen erbärmlichen Tonfall innerlich zusammen.

„Sie wird am Morgen da sein", antwortete Hermine. Ihre Unterlippe begann zu beben. „Wir hatten solche Angst, dich zu verlieren."

Harry holte mehrmals tief Luft, um sich zu beruhigen.

„Ron?", erkundigte er sich, als verstreute Erinnerungen langsam zu ihm zurückkehrten. Ron war von einem Fluch getroffen und aus dem Gefecht gesetzt worden.

„Ihm geht's gut. Er hat ein paar Tage lang mit dir in einem Doppelzimmer gelegen, aber du kennst ja Ron. Sie konnten ihn nicht lange stillhalten und haben ihn endlich rausgeschmissen, damit er sie nicht länger nervt", erwiderte sie schniefend. Sie fuhr mit ihrer Hand an seinem gesunden Arm hoch und runter, um ihn zu beruhigen.

Ihm wurde eng ums Herz und ein großer Knoten wuchs in seiner Kehle. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, verzweifelt nach einer Ablenkung suchend, bevor er sich in Verlegenheit brachte. Er versuchte, dem Regenprasseln gegen das Fenster zu lauschen, und wartete auf den nächsten Donnerschlag.

„Draco?", fragte er, als die Vision eines schrecklichen Fluchs, der den Slytherin traf, seinen Geist erfüllte.

„Er ist in einem anderen Raum", sagte Hermine vage. „Die Heiler haben ihn zusammengeflickt, aber er hat einen langen Weg vor sich."

Harry wusste, dass sie ihm etwas verschwieg, doch er konnte die Worte nicht herausbringen. Er war so müde und bemühte sich, seine Augen offen zu halten.

„Du hast es geschafft, Harry. Es ist wirklich vorbei", flüsterte Hermine. „Wir sind so stolz auf dich. Jetzt können wir uns darauf konzentrieren, was wir mit unserem Leben vorhaben."

„Dumbledore hat das auch gesagt", wisperte er. Er schloss die Augen.

„Dumbledore?", fragte Hermine scharf.

Harrys Augen flogen weit auf. Warum hatte er den entfernten Eindruck, dass Dumbledore ihm gesagt hatte, es sei an der Zeit zu leben? Hermine starrte ihn an, als wäre er verrückt geworden. Vielleicht war er es auch.

Er blinzelte und wich ihrem besorgten Blick aus. Er blickte zu dem glänzenden silbernen Instrument, das auf dem Nachttisch ruhte, auf dem seine Brille gelegen hatte. Hermine bemerkte es natürlich.

„Oh! Ich habe es aus Hogwarts mitgebracht, aber es hat nicht funktioniert, während du bewusstlos warst. Willst du es jetzt versuchen? Es sollte nur eine Minute dauern und ich bin sicher, dass er wirklich verschwunden ist", erklärte Hermine, die Augen vor Aufregung blitzend.

Harry stockte wieder der Atem. Er wusste wirklich nicht, was mit ihm los war oder warum er sich so sehr nach Ginny sehnte. Er benahm sich kindisch und das wusste er, doch er konnte es nicht vor Hermine zugeben.

Wieder musste Hermine seinen Kummer bemerkt haben, doch sie war rücksichtsvoll genug, es nicht anzusprechen.

„Warum warten wir nicht auf Ron und Ginny? Ich bin sicher, sie würden auch gerne dabei sein", entgegnete sie.

Harrys Augenlider fühlten sich sehr schwer an und seine Willenskraft, sie offen zu halten, schwand allmählich.

„Schlaf ruhig. Es ist alles okay. Das verspreche ich dir", flüsterte Hermine und küsste ihn sanft auf die Stirn.

Harry sank in die Behaglichkeit seiner Kissen, lauschte dem Grollen des Donners und ließ sich wieder von der Dunkelheit einhüllen.


Das nächste Mal, als Harry die Augen öffnete, war es in seinem Raum heller, obwohl er Regenprasseln hören konnte. Sein Körper schmerzte, doch das Pochen in seinem Kopf war etwas besser geworden – zumindest konnte er das Licht ertragen. Alles war verschwommen, aber er hatte nach wie vor nicht genug Kraft, seinen Arm zu heben, um an seine Brille zu kommen. Er blinzelte mehrmals in dem Versuch, die Umrisse seiner Umgebung zu erkennen.

Seine Brille wurde ihm auf die Nase gesetzt und Ginnys lächelndes Gesicht wurde scharf. Sie war blass und ihre Sommersprossen standen deutlich hervor.

„Hi, du", sagte sie und küsste ihn auf die Stirn. „Ich kann dir nicht sagen, wie gut es tut, dich wach zu sehen."

Harry schloss wieder die Augen und labte sich an der Wärme ihres Kusses. Ihm war durch ihre bloße Anwesenheit leichter ums Herz. Er machte gerade Anstalten, ihr zu sagen, wie froh er war sie zu sehen, als Rons Stimme ihn darauf aufmerksam machte, dass sie nicht allein waren.

„In Ordnung, genug davon. Lass mich ihn ansehen. Du hast mich eine Woche lang mit weinenden Mädchen alleingelassen, Kumpel."

Harry blickte über Ginnys Schulter, um Ron und Hermine hinter ihr zu sehen. Hermine sah erschöpft aus, doch sie strahlte ihn an.

„Hi", murmelte er heiser.

„Wie fühlst du dich heute, Harry?", erkundigte Hermine sich, während Ginny ihm etwas zu trinken einflößte.

„Gut", murmelte er und ließ das Wasser seine Kehle besänftigen.

„Du bist immer noch furchtbar blass", stellte Hermine fest.

„Zur Hölle, Hermine. Er hat gerade den mächtigsten Dunklen Lord aller Zeiten besiegt und die Welt gerettet – schon wieder. Er darf schrecklich aussehen", sagte Ron mit verdrehten Augen.

„Wortwahl, Ron", schalt Hermine, doch ihre Augen funkelten. „Ich wollte gerade nach Hause und etwas Schlaf bekommen, aber da du jetzt wach bist, warum benutzen wir nicht das Seelengleichgewicht? Professor Dumbledore hat mir genau erklärt, wie es funktioniert. Es ist wirklich faszinierend und ich bin so gespannt."

Harrys Magen machte einen unangenehmen Satz. Ihm war leicht übel und er fragte sich vage, wie lang es her war, da er etwas zu sich genommen hatte. Der Gedanke, eine Bestätigung von dem Seelengleichgewicht zu erhalten – unabhängig davon, welches Ergebnis es präsentieren würde – erfüllte ihn mit Furcht.

„Vielleicht ist es noch zu früh, Hermine. Er ist gerade aufgewacht", sagte Ginny, die Harry sorgfältig beobachtete.

Er schmiegte sich gegen ihre Hand, die sanft sein Harr streichelte.

„Warum? Was meinst du, es ist zu früh? Wir sind alle hier und er muss darauf brennen, Gewissheit zu bekommen. Ich weiß, dass ich es tun würde. Ich meine, es ist nicht so, als wüssten wir nicht, was für Ergebnisse es zeigen wird. Voldemort wäre nicht gestorben, wenn all die Horkruxe nicht zerstört worden wären, aber ich weiß, dass ich es mit eigenen Augen sehen wollte, wenn ich an seiner Stelle wäre", sagte Hermine und schob den Nachttisch zurecht, so dass das Seelengleichgewicht in Harrys Sichtfeld kam.

Er schluckte schwer. Er sah keinen Ausweg ohne schwach zu erscheinen, aber über Horkruxe zu sprechen, zwang ihn an Dinge zu denken, über die er sich im Augenblick keine Gedanken machen wollte. Seine Übelkeit verschlimmerte sich und ein dünner Schweißfilm brach an seinem Körper aus.

„Ginny hat Recht. Ich denke, wir sollten warten", sagte Ron, scharfsinniger als üblich.

Harry wich Rons Blick aus, verlegen, dass er seine Schwäche gezeigt hatte. Er wusste nicht, was mit ihm los war. Er blickte in Hermines strahlendes, eifriges Gesicht. Sie wollte es offensichtlich unbedingt wissen. Sie musste genauso viel Zeit damit verbracht haben, über den Horkrux nachzugrübeln, wie Harry. Sie hatten alle ihre eigenen Methoden. Er konnte ihnen die Antwort nicht verweigern, da sie diejenigen gewesen waren, die das Rätsel gelöst hatten, egal wie sehr es seine Eingeweide zusammenzog.

„Schon gut", sagte er zittrig. „Tut es."

Nun da er sein Einverständnis gegeben hatte, wollte er es einfach schnellstens hinter sich bringen.

„Professor Dumbledore sagte, dass sie normalerweise auf den Besitzer angepasst sind. Aber er hat dieses hier auf darauf justiert, deine Aura aufzunehmen. Es sollte nur einen Augenblick dauern", sagte Hermine, die das silberne Instrument anstupste.

„Entspann dich einfach", raunte Ginny. „Du musst gar nichts tun." Der sanfte Druck ihrer Finger, die durch sein Haar fuhren, war tröstlich und Harry versuchte, sich in seine Kissen zu lehnen und nichts zu denken.

Hermine tippte mit ihrem Zauberstab gegen das silberne Instrument und murmelte eine Reihe von Zaubern vor sich hin. Es klang, als spreche sie eine andere Sprache, doch Harry war zu sehr auf die kleinen Rauchkringel fokussiert, die von dem glänzenden Silberrohr aufstieg. Ein Schauer von Anspannung lief seinen Rücken hinunter und er befürchtete ernsthaft, sich übergeben zu müssen.

„Alles okay, Harry?", erkundigte sich Ron, was Harry vermuten ließ, dass er einen kränklichen grünen Farbton angenommen hatte.

Hermine sah zu ihm herüber, während ihr Eifer plötzlich zu Besorgnis wurde. „Soll ich einen Heiler holen?"

„Nein", sagte er. Er kniff die Augen fest zusammen und ließ die Übelkeit über sich ergehen.

„Das ist das Gegenmittel, das sie dir verabreicht haben", sagte Ginny und legte ein feuchtes Tuch auf seine Stirn. „Sie haben schon angekündigt, dass es Übelkeit erregen würde."

Harry antwortete nicht, sondern öffnete stattdessen die Augen, um einen Blick auf den grünen Rauch zu werfen, der nun beständig von dem Seelengleichgewicht aufstieg. Er wand sich und sah aus, als formte er sich zu einer Gestalt.

Harry entsann sich entfernt daran, beim letzten Mal zwei Schlangen gesehen zu haben, doch diese Gestalt wirkte eher wie eine runde Masse. Er sah zu, wie es allmählich länger wurde. Doch sein Mund klappte auf, als Schwanzfedern auf dem rauchigen Gegenstand erschienen und plötzlich ihre Flügel entfalteten. Der Rauch hatte sich keineswegs in den Umriss einer Schlange geformt, sondern stattdessen zu dem Bild eines herrlichen Vogels. Harry spürte Tränen in den Augenwinkeln, als der Klang von Phönixgesang den Raum erfüllte.

„Harry!", hauchte Hermine mit weit aufgerissenen Augen.

„Verdammte Scheiße", murmelte Ron.

„Wie wunderschön", flüsterte Ginny, während sie zusah, wie die letzten Rauchschwaden sich zerstreuten.

„Hat das bestehende Zweifel endgültig ausgeräumt?", fragte Hermine strahlend.

„Du machst nie halbe Sachen, was, Kumpel?", sagte Ron, der wie bekloppt grinste.

Harry lächelte, unendlich erleichtert – selbst seine Übelkeit war verschwunden. Es war wirklich. Er war tatsächlich frei, zum ersten Mal, seit er ein Baby war. Er fühlte sich benommen und wie betäubt.

Es war wirklich vorüber.

„Tja, ich weiß nicht, wie es mit euch steht, aber ich bin kaputt", verkündete Hermine. „Ich gehe nach Hause und hol etwas Schlaf nach. Ich komme später wieder, Harry."

Sie stand auf und küsste ihn auf die Stirn.

„Ich bringe dich nach draußen", sagte Ron und erhob sich, um sie hinauszubegleiten.

Harry sah schweigend zu, wie sie den Raum verließen, während Ginny über ihm gebeugt stand und seine Kissen zurechtrückte. Er genoss die Aufmerksamkeit und ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er ihr dabei zusah.

„Alles in Ordnung, Harry?", erkundigte sie sich schließlich und hob den Blick. Eine leichte Röte zierte ihre Wangen. Sie wusste, dass er sie beobachtet hatte.

„Jetzt ja", flüsterte er. „Bin froh, dass du hier bist."

„Ich bin auch froh, dass ich hier bin. Du hast mich wirklich zu Tode erschreckt", sagte sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, doch sie blinzelte sie resolut zurück.

„Sorry", sagte Harry alarmiert.

Ginny schüttelte den Kopf und straffte die Schulter. „Ich lasse dich diesmal noch damit durchkommen, aber ich warne dich – du hast deinen letzten Freischein verbraucht. Von jetzt an will ich nie wieder an einem Krankenhausbett sitzen und darauf warten, dass du aufwachst. Das meine ich ernst. Nie mehr etwas Schlimmeres als ein verstauchter Zeh."

Harry spürte, wie seine Mundwinkel zuckten. „Ja, Madam."

„Keine Dunklen Lords, Todesser, Dementoren, Drachen, Horkruxe, Zaubertränke, Prophezeiungen...", sagte Ginny, der die Worte ausgingen.

„In Ordnung, in Ordnung", erwiderte Harry glucksend. „Ich werde nichts mehr tun außer im Radio Quidditch zu hören und Butterbier zu trinken, bis mir ein Bierbauch wächst."

Ginny funkelte ihn finster an und rümpfte die Nase. „Naja, das fände ich auch nicht gut."

Harry grinste. „Ich liebe dich", platzte er heraus.

Ginnys Blick wurde weicher. „Ich liebe dich auch."

Er schloss die Augen und atmete tief ein. „Es fühlt sich toll an, es ohne Sorgen sagen zu können."

Ginny strich ihm das Haar aus der Stirn. „Du fühlst dich warm an", sagte sie schniefend.

„Habe ich dich wieder zum Weinen gebracht?", fragte er stöhnend.

„Wer weint?", wollte Ron wissen, der gerade wieder ins Zimmer trat. „Hast du meine Schwester zum Weinen gebracht, Potter?"

„Scheint, als hätte ich es mir zur schlechten Gewohnheit gemacht", erwiderte Harry und ließ den Kopf hängen.

„Das werden wir wohl ändern müssen, nicht wahr?", entgegnete Ron. Er grinste, um seinen Worten die Härte zu nehmen. „Nun da Voldemort dir nicht länger das Leben zur Hölle machen kann, wirst du nur noch mit mir fertig werden müssen."

„Klingt fair", sagte Harry, matt lächelnd. „Es ist schwer zu glauben, dass es wirklich vorbei ist."

„Dad meinte, du würdest einige Zeit brauchen, um dich an alles zu gewöhnen", sagte Ginny.

„Ja", fügte Ron hinzu. „Überleg mal, heute in einem Jahr sollte keiner mehr versuchen, dich zu töten."

Harry schnaubte, während ihm die Augen zufielen. Ron und Ginny blieben und unterhielten sich eine Weile mit ihm. Sie klärten ihn über die Details auf, die er verpasst hatte. Er bekam Gewissensbisse, dass er sich solche Gedanken über seinen Arm gemacht hatte, nachdem er von Georges Bein gehört hatte und davon, wie gut er damit zurechtkam. Er hoffte, dass er dieselbe Courage haben würde, falls er seinen Arm nie wieder benutzen können sollte.

Irgendwann schlief er ein im sicheren Wissen, dass Ginny, Ron, Hermine oder irgendjemand anderes an seiner Seite sein würde, wenn er wieder aufwachte.


Über die nächsten paar Tage konnte Harry immer länger wach bleiben, so dass er mehr davon mitbekam, was in der Zaubererwelt vor sich ging. Ihm wurden außerdem die verzweifelten Versuche der Medien bewusst, in seinen Raum einzudringen. Die Heiler und verschiedene Besucher hielten immer noch ein wachsames Auge auf ihn, während er unter Übelkeit und Fieber litt, die von den Gegenmitteln herrührten, die sie ihm verabreichten. In kurzer Zeit, zwischen seinen Verletzungen, den Nebeneffekten und dem Aufstand, den alle um ihn veranstalten – fühlte Harry sich extrem eingeengt.

Leticia Warbanks war als Wiederaufbauungsministerin eingesetzt worden. Der Zaubergamot hatte entschieden, dass es eine allgemeine Abstimmung geben werde, ob sie zur Zaubereiministerin ernannt werden würde, nachdem sie alles wieder zum Laufen gebracht hatte. Harry freute es, bereits die Veränderungen zu sehen, die sie durchzusetzen versuchte.

Kingsley Shacklebolt hatte die Position des Leiters der Abteilung für Magischen Strafvollzug eingenommen, Alastor Moody war aus der Pensionierung zurückgekehrt, um Leiter der Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen zu werden, und Arthur Weasley war zum Abteilungsleiter für Internationale Magische Kooperation befördert worden.

Ron sagte, dass sein Dad sehr eng mit dem Muggle- Premierminister zusammenarbeitete, um die harmonische Koexistenz wiederherzustellen, die die zwei Welten für so viele Jahre genossen hatten. Er glaubte, dass es seinem Dad schlichtweg gefiel, den Mann zu besuchen, um all seine Muggle- Geräte auszuprobieren.

Der Tagesprophet lief wieder und bestürmte die Leser mit Geschichten aus Harrys Leben. Ron erzählte ihm, dass jedem eine gewaltige Belohnung angeboten wurde, der ein Zitat von Harry beschaffen konnte. Dann versuchte er, Harry dahingehend zu bestechen, zuzugeben, dass die Chudley Cannons die besten in der Liga waren, indem er ihm eine Liste von „Zitaten" androhte.

Harry hatte seinen gesunden Arm benutzt, um mit einer sehr unhöflichen Handbewegung zu antworten.

Professor McGonagall hatte vorbeigeschaut und ihn informiert, dass Hogwarts im Herbst wiedereröffnet wurde. Sie lud ihn ein, sein siebtes Schuljahr zu beenden, wenn er es wünschte. Er hatte erwidert, dass er darüber nachdenken würde. Kingsley Shacklebolt hatte ihm ebenfalls erzählt, dass eine Stelle im Aurorentrainingslager für ihn frei war, wann immer er wollte.

Vage Gedanken und Erinnerungen flackerten in und aus seinem Bewusstsein, die ihm den Hinweis gaben, dass seine Eltern gewollt hätten, dass er seine Schulausbildung beendete. Vielleicht war es nur, weil Mrs. Weasley darauf beharrte, dass Ron es tat, doch er konnte das Gefühl einfach nicht abschütteln.

Er dachte, dass er vielleicht von seinen Eltern geträumt hatte, während er bewusstlos war.

Es schien ihm, als setzten alle ihr Leben fort außer ihm. Er war es leid, sich schwach und unsicher zu fühlen, und wollte dieses Bett verlassen.

Das Problem war, dass die Heiler beharrten, sein Körper sei noch nicht bereit dazu, und seine Freunde befolgten ihren Rat entschlossen. Er hatte sehr ungeduldig auf solch einen Augenblick gewartet.

Seine Freunde blieben den ganzen Tag bei ihm, bis er am Abend einschlief, doch manchmal am frühen Morgen hatte er ein paar Minuten für sich allein, bevor jemand ihn besuchen kam. Er erwachte jeden Morgen zu solch einem Moment und war fest entschlossen, das Beste daraus zu machen.

Er hatte darauf gewartet, dass die Heilerin hereinkam, ihre Morgenuntersuchung durchführte und ihm Zaubertränke gab. Dann setzte er sich auf und schwang unsicher die Beine über die Bettkante. Er hatte sich daran gewöhnt, sich mit nur einem Arm zur Hilfe aufzusetzen, sich jedoch nicht vollständig darauf gefasst gemacht, wie schwach seine Beine sein würden. Nachdem er beinahe zwei Wochen lang regungslos dagelegen hatte, wollten sie ihn einfach nicht tragen. Er hatte nicht vor, ihnen eine andere Wahl zu lassen.

In seinem Kopf drehte es sich, als er sich zum ersten Mal ganz aufsetzte. Er musste blinzelnd warten, dass die Benommenheit ihn verließ.

Mit zusammengebissenen Zähnen hievte er sich hoch, der linke Arm nutzlos an seiner Seite hängend. Der Raum drehte sich wieder und seine Beine brannten und zitterten, während sie sein Gewicht trugen. Durch die Nase atmend bewegte er ein Bein über den Boden.

Erbärmlich, doch es war ein Anfang.

Schweiß lief ihm über den Rücken und seine Beine zitterten strapaziert. Die Wand auf der anderen Seite des Zimmers erschien ihm plötzlich sehr viel weiter weg als vorher. Er musste sich selbst beweisen, dass er es schaffen konnte. Er würde mit einem Arm ohnehin nie Krücken benutzen können. Seinen Beinen fehlte nichts und er hatte sich damit überzeugt, dass es Snape Recht über Harrys Schwäche geben würde, wenn er nicht zu dieser Wand hinübergelangte.

Er zog sein anderes Bein zum anderen nach vorn, die Hand zur Balance vor sich ausgestreckt. Seine Knie gaben jedoch nach und er krachte mit einem Grunzen zu Boden.

„Verdammt noch mal, Harry!", rief Ron, der gerade den Raum betrat, als Harry umfiel. „Was versuchst du dir da anzutun und warum tust du es bei meiner Schicht? Hermine und Ginny werden mich lynchen."

Er beugte sich hinunter und schlang seine Arme um Harrys Oberkörper, um ihm auf die Füße zu helfen. Harrys gesamter Körper zitterte unkontrolliert und er musste sich hastig gegen Ron lehnen, was seine Irritation nur noch steigerte.

„Ich wollte nur über den Boden gehen", schnauzte er keuchend, „und ich will keine Hilfe dabei."

„Tja, du wirst einfach deinen Stolz runterschlucken müssen, weil du doch Hilfe brauchst", brummte Ron. Er legte sich Harrys Arm über die Schulter, doch anstatt sich zum Bett zu wenden, ging er weiter langsam auf die Wand zu.

Harrys Verärgerung verpuffte. Er war sehr froh, dass Ron und nicht eines der Mädchen ihn auf dem Boden gefunden hatte.

„Das Bett geht mir auf den Geist", murmelte er mit hängendem Kopf. Seine Beine bebten so stark, dass er spüren konnte, wie seine Knie gegeneinander schlugen.

„Ich weiß", antwortete Ron leise. Sie waren an der Wand angekommen, doch Ron stützte nun Harrys gesamtes Gewicht. „Hörst du jetzt endlich auf, einen Aufstand zu veranstalten, damit ich dich ins Bett zurückschweben lassen kann?"

„Du wirst mich nicht schweben lassen", entgegnete Harry schnaubend. „Ich habe deine Schwebezauber gesehen, weißt du noch?"

Ron grinste. „Sei besser nett zu mir, Kumpel. Ich bin keines der Mädchen – ich würde dich wirklich fallen lassen."

Harry gluckste, während Erschöpfung ihn überfiel.

„Accio Sessel", sagte Ron.

Ein gepolsterter Sessel schwebte zur Tür herein. Ron hob Harry hoch und hievte ihn in den Sessel. Mit seinem Zauberstab drehte er den Sessel herum und sie bewegten sich in den Korridor.

„Wir gehen?", fragte Harry, aufgeregt und alarmiert zugleich. Er hatte verzweifelt diesen Raum verlassen wollen, doch er wusste, dass Reporter in der Nähe lungerten. Er wollte sich wirklich noch nicht mit ihnen befassen. In der Stille seines Raumes konnte er noch ein wenig länger die Realität von allem leugnen, das geschehen war.

„Wir müssen nicht weit", sagte Ron. „Es gibt nur ein paar Patienten in dieser Abteilung und man muss einen Sicherheitscheck durchgehen, um hier reinzukommen. Ich dachte, du wolltest raus."

„Das will ich auch!", sagte Harry eifrig, während seine Müdigkeit zunehmend offener Neugierde wich. Ron schob ihn aus der Behaglichkeit der Ministersuite in den kalten Gang hinaus. Selbst Magie konnte das sterile Gefühl des Krankenhauses nicht beheben. „Wen haben sie noch hier versteckt?"

„Malfoy liegt in diesem Raum", sagte Ron und nickte zu der geschlossenen Tür neben Harrys Zimmer. „Ich habe gehört, dass er viel Müll über bedauerliche Wohnbedingungen von sich gegeben hat. Du kennst ja Malfoy."

„Ich will mit ihm reden", verkündete Harry.

„Tu dir das nicht an, Harry. Warte, bis du dich ganz erholt hast", erwiderte Ron finster.

„Mir geht's gut", entgegnete Harry.

„Sicher", sagte Ron und verdrehte die Augen. Dennoch hielt er den schwebenden Sessel an und klopfte an die Tür, bevor er sie öffnete. „Ey, Malfoy! Ob du es glaubst oder nicht, du hast Besuch."

Draco lag in einem viel kleineren und bescheideneren Raum als Harrys. Harry spürte Hitze in seine Wangen steigen und war unendlich dankbar, dass Malfoy nichts von dem Unterschied wusste... oder vielleicht tat er es. Das war sicherlich etwas, woran Ron ihn mit Freuden teilhaben lassen würde.

Draco sah unter der strahlendweißen Krankenhausdecke bleich aus. Seine übliche Vitalität und Gehässigkeit schien aus seinen Augen verschwunden zu sein. Er wandte den Kopf, um sie teilnahmslos anzuschauen.

„Oh, sieh an. Tweedledee und Tweedledum. Kann dieser Trip in den Kaninchenbau noch schlimmer werden?", kommentierte er mit verdrehten Augen.

„Bist du dann der verrückte Hutmacher?", erwiderte Ron schnaubend.

„Seit wann kennt ihr beide Muggle- Kindergeschichten?", wollte Harry wissen, beunruhigt, den Slytherin- Jungen so schwach zu sehen. Es war verstörend.

Draco funkelte ihn an, doch Ron sah Harry verständnislos an. „Das ist eine Zaubererkindergeschichte von einem Muggle- Mädchen, das aus Versehen über den Zaubergamot stolpert."

Harry schüttelte den Kopf. „Wie geht's dir?", erkundigte er sich.

„Oh, ich glaube, selbst deine lahmen Fähigkeiten zum logischen Denken sollten das herausgefunden haben, Potter. Meine Eingeweide sind herausgezogen worden, weil ich dir geholfen habe. Was glaubst du denn, wie es mir geht?", fragte Draco verächtlich.

Harry schluckte schwer, kämpfte aber gegen die Schuld an, die Draco ihm aufzuladen versuchte. Er hatte genug Schuld für alle Zeiten gespürt. „Danke, dass du mir mit der Okklumentik geholfen hast. Ich hätte es ohne dich nicht geschafft. Ohne keinen von euch", sagte Harry.

„Tja, es ist jetzt vorbei und du bist jedermanns Held – schon wieder. Hilft uns anderen nicht viel, oder?", entgegnete Draco.

„Was soll das denn heißen?", rief Ron. „Harry und Hermine haben dir deinen nutzlosen Arsch gerettet. Du lebst noch, du wirst nicht länger gejagt und dir steht es frei, dein Leben weiterzuführen und zu tun, was auch immer du willst."

„Ja, ich bin frei", äffte Draco nach. Er verdrehte die Augen. „Meine Mutter ist tot. Die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen sollte, ist tot. Und es wird mich Monate kosten, gesund genug zu werden, um selbst für mich sorgen zu können. Mein Leben ist einfach perfekt."

„Was wirst du tun?", erkundigte Harry sich leise.

„Es ist nicht so, als hätte ich irgendeine Wahl. Das Ministerium hat immer noch nicht vom Malfoy Manor abgelassen und in meinem Zustand könnte ich sowieso nicht allein dorthin gehen. Also bin ich gezwungen, mich auf das Mitleid von entfernten Verwandten zu verlassen", sagte Draco mit knirschenden Zähnen. „Die Schwester meiner Mutter, Andromeda, und ihr Muggle- geborener Mann haben zugestimmt, mich aufzunehmen – unter der Bedingung, dass sie dafür gut entschädigt werden."

Rons Gesichtsausdruck wurde ausgelassen. „Willst du sagen, dass du in die Obhut von deiner Tante und deinem Onkel kommst – deinem Muggle- geborenen Onkel – die dir höchstwahrscheinlich die Schuld für den Tod ihrer Tochter geben?"

Draco funkelte ihn finster an. „Ja und?"

„Naja... zumindest werden sie dich wahrscheinlich nicht in einem Schrank wohnen lassen", sagte Ron, offensichtlich entzückt von der Ironie.

Dracos Blick flackerte zu Harry, bevor seine Miene sich verfinsterte. „Raus. Sofort. RAUS!"

„Gehen wir, Ron – lass uns einfach gehen", sagte Harry hastig, bevor Ron fortfahren konnte, Draco anzustacheln. Es war nicht, als hätte Draco Ron nicht dasselbe angetan – aber er hatte Harry schließlich geholfen und das konnte Harry nicht vergessen.

Ron bewegte den schwebenden Sessel zurück in die Ministersuite, während Harry gegen die Erschöpfung ankämpfte, die ihn endlich überwältigte. Er erinnerte sich kaum noch, wie er tatsächlich ins Bett kam, bevor die Dunkelheit ihn wieder einnahm.


Einige Tage später wurde Harrys Schlaf von einem lauten klickenden Geräusch unterbrochen, das ihn ins Bewusstsein holte. Er drehte sich schnell herum und tastete auf dem Nachttisch nach seiner Brille. Er hörte eine männliche Stimme, die einen Schließzauber murmelte, und ein lautes Grunzen, als etwas in die Tür gezwängt wurde. Harrys Herz schlug wie verrückt, während er sich die Brille ins Gesicht schob. Er bemerkte bestürzt, dass sein Zauberstab nicht auf dem Tisch lag. Er saß in der Falle.

Er wandte sein Gesicht langsam zum Angreifer und wurde von mehreren hellen Lichtblitzen geblendet. Er kniff die Augen zusammen, während sein panisches Gehirn sich allmählich auf die Kamera und die Schnellschreibfeder fokussierte, die neben dem Eindringling schwebte.

„Harry, ich habe eine Familie zu versorgen und ein Zitat von dir kann sie für ein Jahr ernähren. Nur ein weiteres Foto", sagte der Reporter. Die Kamera klickte wieder, während Harry sein Gesicht abwandte. Er versuchte, die Decke über seinen nutzlosen Arm zu ziehen. Er fühlte sich bloßgestellt, so wie er in seinem Pyjama dasaß.

„Mach die Tür auf! Alohomora", rief ein strenge Stimme von draußen. Harry bemerkte, dass der Reporter einen Stuhl gegen die dicke Krankenhaustür gelehnt hatte.

„Sie können Magie beseitigen, aber Muggle- Tricks behindern sie immer", sagte der Reporter grinsend. Er war groß und schlaksig mit glattem Haar, das er über die Seite gekämmt hatte, um die kahle Stelle auf seinem Kopf zu verdecken. „Wie fühlt es sich an, den Dunklen Lord besiegt zu haben, Harry? Wie hast du es geschafft? Hast du Dunkle Magie benutzt? Alle spekulieren darüber, wie Du- weißt- schon- wer wirklich gefallen ist. Erzähl mir davon – in deinen eigenen Worten."

„Verschwinden Sie", stieß Harry hervor.

„Ein Zitat, Harry", bettelte er, Harrys Wut ignorierend. Die Feder kritzelte vor sich hin trotz der Tatsache, dass Harry nur zwei Worte gesagt hatte. „Was ist mit deinem Arm? Warum bist du immer noch im Krankenhaus. Werden permanente Schäden von dem Kampf zurückbleiben?"

„Verschwinden Sie", wiederholte Harry. Er riss die Schublade an dem Nachttisch auf und suchte nach seinem Zauberstab.

Die Tür hinter den Reporter platzte plötzlich auf, worauf Splitter überallhin gesprengt wurden. Der Reporter wurde zu Boden geworfen, während seine Kamera über den Boden schlitterte. Ein erzürnter Charlie Weasley stand dahinter, die Arme verkrampft und den Zauberstab fest in der Hand gepackt. Er war mit Ruß bedeckt, was Harry zuerst kaum erkannte, da er zu fokussiert auf den mörderischen Gesichtsausdruck an Charlie war.

Charlie packte den Reporter um den Hals und hievte ihn auf die Füße. Der Mann strampelte wahnsinnig, das Gesicht voller Entsetzen. Harry lehnte sich aus dem Bett und hob die Kamera auf, während Charlie die Schnellschreibfeder beschlagnahmte.

„Wie bist du hier reingekommen?", verlangte Charlie.

„Die Menschen verdienen Antworten", keuchte der Mann, nach Luft schnappend. Charlie hatte ihn mit einem Arm an der Kehle gegen die Wand gedrückt.

„Das reicht, Mr. Weasley", sagte ein Auror, der den Raum betrat. „Wir übernehmen von hier."

„Ja, als ob ich darauf vertrauen würde, dass Sie es schaffen. Wo war die Wache?", blaffte Charlie.

Harry konnte sehen, wie der Mann trotz seiner dunklen Haut tiefrot anlief.

„Es wird eine volle Untersuchung geben", sagte er. „Bitte lassen Sie ihn los, Mr. Weasley. Ich will Sie nicht lähmen müssen."

„Das können Sie ja mal versuchen", stieß Charlie hervor. Er presste seinen Arm stärker gegen die Kehle des Reporters. Die Augen des Reporters quollen vor Panik hervor und er zog verzweifelt an Charlies Fingern.

„Kommen Sie schon, Charlie", sagte der Auror, endlich seinen formellen Ton aufgebend. „Jeder muss mal aufs Klo. Ich übernehme von hier und gehe sicher, dass der Wache ein Verweis erteilt wird."

Charlie ließ mit einem Brummen los und der Reporter stürzte zu Boden. „Tun Sie das und sorgen Sie dafür, dass seine Kamera und Feder vernichtet werden, bevor sie zurückgegeben werden."

„Das können Sie nicht machen", jammerte der Reporter.

„Dann sieh mal her", schnauzte Charlie. Er nahm Harry die Kamera aus der Hand, hob seinen Zauberstab und zersprengte sie.

Der Auror zerrte den fluchenden Reporter grob hinaus, während er Drohungen gegen ihn aussprach.

Harry war leicht bestürzt über Charlies Reaktion. Harry wollte wirklich nicht mit Reportern sprechen, doch Charlies Reaktion schien übertrieben. Selbst jetzt streifte er wie ein gefangenes Tier vor der ruinierten Tür auf und ab.

„Alles in Ordnung, Charlie?", fragte Harry vorsichtig. „Er war eine Nervensäge, ich weiß, aber er ist nur ein Reporter. Ich denke, ich sollte mit ihnen sprechen und es hinter mich bringen."

Überrascht sah Harry, wie Ginny in der Tür auftauchte, ebenso verschmutzt und zerzaust wie Charlie. Sie sprintete in den Raum und stürzte sich auf Harry. Ihr Blick glitt über ihn, während ihre Hände durch sein Haar fuhren.

„Geht's dir gut?", rief sie.

„Natürlich geht's mir gut", antwortete Harry, zunehmend verwirrt. „Er hat mich nur unvorbereitet erwischt – ich habe geschlafen. Worauf wollt ihr beide hinaus? Früher oder später musste ja einer dieser Reporter Glück haben. Sie haben schon seit Ewigkeiten versucht, sich hier reinzuschleichen."

„Es macht keinen Unterschied, dass es nur ein Reporter war", rief Ginny. „Er hätte nie durchkommen sollen. Es hätte ein Todesser sein können. Sie haben oberste Sicherheit versprochen."

„Todesser?", fragte Harry. Ihm war, als hätte ihn gerade ein Faustschlag in den Magen getroffen. Sein Herz begann sehr schnell zu hämmern. „Ich dachte, es sind keine mehr übrig."

Ginny und Charlie fuhren beide zusammen und wandten den Blick ab. Eine Welle von Unbehagen fuhr über Harry und plötzlich war ihm übel.

„Ein paar von den wenigen verstreuten Todessern, die entkommen konnten, haben sich zusammengruppiert", antwortete Charlie widerwillig. Er wich Harrys Blick aus, während er sprach. „Sie beharren darauf, dass Voldemort wiederkehren wird, wie er es schon einmal getan hat. Sie denken, du weißt mehr, als du verrätst."

„Der Fuchsbau ist heute Morgen angegriffen worden", sagte Ginny leise und blinzelte sich Tränen aus den Augen.

Nein! Es ist doch vorüber. Harrys Gedanken rasten. Das hätte nicht geschehen sollen. Voldemort war tot – es war vorbei und sein Leben sollte nun wirklich beginnen. Es war vorbei!

„Nimm es nicht so schwer, Harry", flüsterte Ginny, während sie ihm tröstend über den Rücken strich. Ihre Hand streifte seinen verletzten Arm, worauf es in seinen Fingern prickelte.

Er war so mit den Neuigkeiten beschäftigt, dass er es kaum wahrnahm. „Geht's es allen gut?", erkundigte er sich.

„Alle sind in Ordnung", versicherte Charlie. „Bill arbeitete daran, die Schutzzauber zu stärken. Ron und Fred helfen ihm. Ginny und ich haben George hergebracht, um sein Bein anpassen zu lassen und nach dir zu sehen. Gut, dass wir es getan haben."

„Meint ihr, das Timing der Reporter war zufällig?", fragte Harry, während die ganze Bandbreite, was alles hätte geschehen können, endlich durch sein nebliges Gehirn durchdrang.

„Das weiß ich nicht, aber wir werden es herausfinden. Ich werde Kingsley direkt durch das Flohnetzwerk bescheid geben. Ich komme gleich wieder", sagte Charlie. Er nickte Ginny zu, bevor er den Raum verließ.

„Tja, mit dir ist das Leben immer Nervenkitzel, was?" Ginny grinste und stupste ihn mit ihrer Hüfte an. „Rück mal ein Stück."

Harrys Gesicht hellte sich auf, während er rasch Gehorsam leistete. Sie setzte sich auf das Bett und legte sich nach hinten, bis sie neben ihm lag und ihren Kopf an seine Schulter lehnte. Sie war auf seiner verletzten Seite, so dass er nicht seinen Arm um sie schlingen konnte. Stattdessen küsste er sie auf den Kopf.

„Wann kann ich hier raus?", murmelte er, die Wärme ihres Körpers an seinem genießend.

Ginny seufzte und er spürte, wie sie sich versteifte. „Ich weiß es nicht, Harry."

Ihm gefiel ihr Tonfall nicht. „Was meinst du? Ich dachte, ich würde irgendwann in dieser Woche entlassen werden?"

Körperlich fühlte er sich viel besser und mehr als begierig, das Krankenhaus zu verlassen. Er war einige Male aufgestanden nach dem ersten Mal mit Ron und konnte sogar allein die Korridore durchstreifen. Die Übelkeit war praktisch verschwunden und die Blutergüsse, die seinen gesamten Körper bedeckt hatten, waren zu einem kränklichen Gelb abgeschwollen.

Das einzige, das noch unsicher war, war sein Arm. Den Nervenschaden zu reparieren war ein langsamer und peinlich genauer Prozess und die Heiler wollten immer noch keine Prognose treffen. Sie waren davon ermutigt, dass seine Schulter sich nach jedem Heilversuch wund anfühlte. Harry vermutete, nur Heiler konnten Schmerz für etwas Gutes halten.

„Das war der Plan", sagte Ginny. „Mum will dich in ihrer Obhut haben und hat dein Zimmer schon bereit gemacht, aber jetzt..."

„Jetzt hält keiner es für sicher genug, mich im Fuchsbau wohnen zu lassen", vervollständigte Harry matt. Er kannte die Routine. Er hatte sie oft genug erlebt. Warum hatte er tatsächlich geglaubt, dass sich die Dinge ändern würden?

„Dass du mir ja keinen Rückzieher machst, Harry Potter", sagte Ginny heftig. Ihre Augen blitzten, als sie ihn an den Schultern packte. „Wenn nicht zum Fuchsbau, werden wir irgendwo anders hingehen... zusammen. Hörst du mich? Es ist anders jetzt und du wirst nicht allein zu den Dursleys zurückgehen. Jetzt nicht – und auch in Zukunft nicht mehr."

Harry lächelte, obwohl er sich nicht danach fühlte. Sie schaffte es irgendwie stets, genau zu wissen, was ihm im Sinn schwebte.

„In Ordnung", sagte er, „aber bald. Dieser Ort hier hängt mir zum Hals raus."

„Hängt dir zum Hals raus?", wiederholte Ginny. Sie hob ihre Augenbraue und deutete in das Zimmer. „Dieser Luxus ist dir nicht gut genug, mein Liebster? Dein Kissen ist nicht genug aufgeschüttelt und die Schokolade nicht nach deinem Geschmack?"

„Ha ha, sehr witzig", sagte Harry und zog eine Grimasse. „Dir würde es auch nicht mehr gefallen als mir, hier eingesperrt zu sein."

„Das stimmt", gab Ginny zu. Sie zerraufte sein Haar. „Obwohl ich dich liebend gern mit etwas Farbe im Gesicht sehen würde, wusste ich, dass wir dich nicht länger abschirmen können."

„Ich will sehen, was vor sich geht – wie alles wieder in die normalen Bahnen gelenkt wird", erwiderte er.

„Ich weiß. Das Ministerium ist wieder in vollem Betrieb. Die ersten Todesser- Gerichtsverhandlungen sollen im September anfangen", sagte Ginny. „Dad meint, dass alle ganz wild darauf sind, alles Schlimme zurückzulassen und einen Neuanfang zu starten."

„Was machen Sie mit Azkaban?", erkundigte Harry sich.

„Ich weiß nicht." Ginny zuckte die Achseln. „Einige der Dementoren sind zurückgekehrt und haben ihre alten Posten eingenommen, aber andere streifen immer noch frei umher. Ich denke nicht, dass auch nur irgendjemand weiß, was man gegen sie unternehmen soll."

Harry nickte. „Wie steht's mit dem Fuchsbau?", fragte er.

Er wusste, dass sie ihm erzählt hätten, wenn es schwere Verletzungen gäbe, doch er fürchtete sich davor, von dem Schaden des neu renovierten Weasley- Zuhauses zu hören. Mrs. Weasley hatte ihm bei jedem Besuch stolz von jedem noch so kleinen Detail der Arbeit berichtet, die daran verrichtet worden war.

Ginny hob die Schultern. „Keiner von uns wurde verletzt und das ist das Wichtigste."

Harry sah sie finster an und hob die Augenbrauen.

„Schon gut, schon gut. Es gibt Feuer- und Zauberschäden. Mums Küche ist eine Katastrophe, aber nichts, das nicht wieder ins Lot kommt", sagte sie hastig.

Harry fluchte. „Die Küche von deiner Mutter? Verdammt, Ginny. Sie war so stolz darauf."

„Das weiß ich, aber sie ist stolzer auf uns alle. Die Küche kann sie wieder neu einrichten. Glaub mir, sie ist sehr viel glücklicher zu wissen, dass du nach Hause kommst, dass George mit einem neuen Bein ausgestattet wird und dass Fleur in ihrem Zustand zu der Zeit nicht im Haus war", sagte Ginny, die Augen verdrehend.

Harry feixte, während er sich vorstellte, wie Mrs. Weasley einen Aufstand um Fleur veranstaltete und Ginnys Geduld damit auf eine harte Probe stellte. „Wo war Fleur?"

„Sie und Bill haben eine Wohnung hier in London gemietet. Ich glaube, Fleur hat sich geweigert, in der Nähe von einem Huhn zu wohnen", antwortete Ginny und verschränkte die Arme.

„Ich dachte, du verstehst dich mit Fleur?", sagte Harry.

Ginny zuckte die Achseln und wedelte mit der Hand durch die Luft. „Sie ist schon in Ordnung und sie liebt meinen Bruder wirklich. Das heißt aber nicht, dass sie mir nicht manchmal auf die Nerven geht. Sie ist so eine Prinzessin."

Harry grinste und enthielt sich weise jeglichen Kommentars. Ginny stieß ihm trotzdem den Ellenbogen in die Rippen.

„Halt die Klappe", sagte sie.

„Ich habe doch gar nichts gesagt", protestierte Harry. Seine Stimme war eine Oktave zu hoch für seinen Geschmack.

„Aber gedacht", erwiderte Ginny.

„Stimmt", gab Harry zu. Seine Gedanken schweiften zum Fuchsbau zurück.

„Mach dir keine Sorgen darüber", sagte Ginny und schmiegte sich enger an ihn. „Bill wird die Schutzzauber reparieren und es wird vollkommen sicher sein. Leticia Warbanks und der Orden scheinen zusätzlich besorgt um dich zu sein, da die Todesser dich kriegen wollen, damit du ihnen erzählst, wo Voldemort ist."

„Er schmort in der Hölle", knurrte Harry.

Ginny strich mit ihrer Hand sanft über seine Brust.

Trotz des Aufruhrs in seinem Kopf, wurde sein Körper sich Ginnys Nähe bewusst. Er rollte sich leicht auf die Seite und fuhr mit seiner Hand über die nackte Haut ihres Arms. Ginny drehte den Kopf, so dass ihre Blicke sich für einen kurzen Moment ineinander verloren. Ihre Augen flackerten zu Harrys Mund, bevor er sich zu ihr lehnte und ihre Lippen gefangen nahm.

Sie öffnete den Mund, um den Kuss zu vertiefen. Sie schmeckte warm und süß und genauso, wie er es in Erinnerung hatte. Sein ganzer Körper prickelte vor Verlangen, während er den Arm über seinen Körper streckte und seine Finger durch ihr seidiges Haar gleiten ließ.

Vielleicht war es nur, weil das letzte Mal so verflucht lange hergewesen war, doch der Kuss kam ihm irgendwie so intensiv wie nie zuvor vor – voller Hoffnung und Verheißungen und... Möglichkeiten. Ein Schauer von Aufregung flatterte in seinem Bauch, als er realisierte, dass sie endlich ihm gehörte. Die Todesser mochten nicht aufgegeben zu haben, doch die Drohung, dass sie von ihm gerissen würde, wenn er sich gehen ließ, war Vergangenheit.

Dieses Wissen beflügelte Harry, während er sie besitzergreifend in seine Arme zog. Sie lag auf seinem verletzten Arm und, durch den leidenschaftlichen Nebel hindurch, spürte er abermals das prickelnde Gefühl in seinen Fingern. Es war die Tatsache, dass er eine Bewegung in ihnen spüren, was ihn zusammenfahren und den Kuss unterbrechen ließ.

„Harry", keuchte Ginny und suchte nach seinen Lippen.

„Meine Finger haben sich bewegt", sagte er verständnislos.

Ginny setzte sich auf. „Was?", fragte sie atemlos.

Trotz seines Schocks und seiner Euphorie, erfreute er sich an dem Anblick ihrer geschwollenen Lippen und wild zerzausten Haaren und er schwoll vor Stolz an. Sie sah aus, als wäre sie gut und gründlich geküsst worden – und das hatte er selbst getan.

„Meine Finger haben sich bewegt", wiederholte er und schaute auf seine schlaffe Hand hinunter. Er versuchte erfolglos, sie nochmals zu bewegen. Sie blieben reglos, doch er konnte definitiv ein prickelndes Gefühl durch seinen ganzen Arm spüren.

„Bist du sicher?", fragte sie. Hoffnung strahlte ihr aus den Augen. „Ich meine... das war grad ziemlich intensiv."

Blut schoss ihr ins Gesicht und Harry grinste frech.

„Ja, nicht war?", sagte er strahlend. „Sie haben sich auf jeden Fall bewegt und fühlen sich jetzt an, als steckten Nägel darin."

„Ich hole die Heilerin", sagte Ginny und stand auf.

„Nein", erwiderte Harry. Er nahm ihre Hand. „Komm wieder her. Die Heiler werden meine Hand auch nur pieksen und anstupsen, um zum selben Ergebnis zu kommen. Ich mag deine Methode viel mehr."

„Trottel!" Ginny kicherte, setzte sich wieder auf die Bettkante und küsste ihn.

Sie hatten kaum wieder angefangen, als ein Räuspern in der Tür sie auseinanderfahren ließ. Harry sah wachsam auf und erblickte Charlie, der auf den Boden schaute und sich an einem sehr roten Nacken kratzte.

Harry spürte Hitze in sein Gesicht aufsteigen, während er sich fragte, weshalb Charlie ihn nicht schon aus dem Bett gezerrt und verdroschen hatte. Vielleicht sah er schwächer aus, als er dachte, so wie er im Krankenhausbett steckte. Er hätte nie gedacht, dass er jemals froh sein würde, für schwach gehalten zu werden, doch nun wurde er eines Besseren belehrt.

„Super Timing, Charlie", bemerkte Ginny. Sie stand auf, um ihre Kleidung in Ordnung zu bringen. Sie schien überhaupt nicht verlegen oder besorgt um Charlies Temperament.

„Es tut uns so leid, euch zu unterbrechen", sagte Leticia Warbanks, die Charlie ins Zimmer folgte. Ihre dunklen Augen funkelten vor Belustigung. „Es ist schön zu sehen, dass es dir offensichtlich besser geht, Harry."

Diesmal errötete Ginny, und zwar gründlich. Harry konnte die Hitze von ihrem Körper ausgehen spüren und wusste, dass seine Gesichtsfarbe dem Weasley- Rot alle Ehre machen musste. Sie waren gerade in der Ministersuite im St. Mungos von der Zaubereiministerin persönlich beim Knutschen erwischt worden. Keiner könnte jemals behaupten, dass sein Leben nicht interessant wäre.

„Wollt ihr beide die Ministerin nicht begrüßen?", fragte Charlie. Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

„Lassen Sie sie zufrieden. Sie sind schon verlegen genug", sagte Leticia. Sie rauschte ins Zimmer und nahm an Harrys Bett Platz. „Ich bin hier, um einige zukünftige Arrangements zu besprechen."

Harry sah scharf auf und drängte sein Unbehagen beiseite. Er würde sich nicht wieder abspeisen lassen. Es war vorbei. Alles würde sich ändern.

„Was für Arrangements?", erkundigte er sich wachsam.

„Kein Grund, so angespannt zu sein, Harry." Leticia lächelte wissend. „Ich denke, diese Pläne könnten dir wirklich gefallen."

„Ach ja?", fragte Harry zweifelnd.

„Andromeda Tonks besitzt ein Ferienhaus abseits des Festlands in Spanien im Mittelmeer. Die Insel heißt Formentera und, obwohl abgelegen, ein Muggle- Ort, so dass dort keine Magie ausgeübt werden sollte. Andromeda hat sich bereiterklärt, ihren Neffen aufzunehmen, während er sich erholt, und sie hat ebenfalls angeboten, ihr Zuhause für dich und deine drei Freunde, die zum Untergang von Du- weißt- schon- wem beigetragen haben, zur Verfügung zu stellen, bis die Anhörungen beginnen.

Es wird natürlich eine Gerichtsverhandlung geben, aber sie ist nur eine Formalität, während wir Zeit haben, die verbliebenen Todesser zu jagen. Es wird dir etwas Privatsphäre einbringen, während du völlig gesund wirst, und uns erlauben, die Schutzzauber auf dein Zuhause zu legen, Ginny."

Leticia sprach wie jemand, der es gewohnt war, Entscheidungen zu treffen, die ohne Widerspruch befolgt wurden. Es war ein anständiger Plan und der Gedanke an einen Urlaub am Meer war ansprechend. Harry war noch nie zuvor richtig im Urlaub gewesen und er und Ginny hatten ihren Strand im Raum der Wünsche auf jeden Fall genossen.

„Ich glaube, ihr wart befreundet mit Andromedas Tochter, und sie hat auch erzählt, dass ihr eine enge Beziehung zu einem ihrer Cousins hattet. Wenn ihr damit einverstanden seid, werde ich die Vorbereitungen treffen lassen und ihr könnt in den nächsten paar Tagen aufbrechen", sagte Leticia.

„In Ordnung", stimmte Harry nickend zu.

„Sehr gut. Ich werde bald wieder mit euch darüber sprechen. Schönen Tag noch", sagte Leticia und rauschte aus dem Zimmer.

Harry dachte immer noch über das Angebot nach. Es war eine Chance, allein mit Ginny am Strand zu sein – mit nur einem Bruder, dem er auszuweichen hatte, statt fünf. Wo war die Kehrseite der Medaille? Vielleicht könnte Ron sogar so abgelenkt mit Hermine sein, dass er Harry und Ginny etwas Privatsphäre gestatten würde...

Charlie schien genau zu wissen, wohin Harrys Gedanken schweiften. „Denk noch nicht einmal daran, Potter", sagte er finster. „Bill mag im Moment zu beschäftigt mit Fleur und dem Baby sein, aber das heißt nicht, dass ich nicht hereinschneien kann, um nach euch zu sehen – zu jeder noch so unüblichen Zeit."

„Oh, ich bitte dich, Charlie", sagte Ginny und verdrehte die Augen. „Du warst nie besonders gut darin, die überbeschützerische Rolle zu spielen. Ich weiß genau, was du getrieben hast, als du in unserem Alter warst. Hat Mum jemals die ganze Geschichte über Alfreda Dobbins erfahren?"

Charlie wurde bleich. „Woher weißt du davon..." fragte er mit geweiteten Augen.

„Mach dich nicht lächerlich", sagte Ginny abwinkend. „Du hast das Baumhaus benutzt, Charlie! Es ist voller Löcher."

„Hör mir zu, Ginny", sagte Charlie. Seine Ohren wurden so rot wie Rons.

„Ich habe nie etwas verraten", erwiderte Ginny, süßlich lächelnd. „Du behältst meine Geheimnisse für dich, ich behalte deine. So läuft es."

„Das war vor einer langen Zeit", sagte Charlie mit knirschenden Zähnen. Harrys Kopf drehte sich zwischen den beiden hin und her, als schaue er einem Tennis- Spiel zu.

„Das stimmt, aber Mum würde ausrasten, wenn sie wüsste, dass sie vor allen Nachbarn geschworen hat, dass du Alfreda nicht einmal gekannt hast, und es so weit von der Wahrheit entfernt war", sagte Ginny. Ihr Lächeln wurde drohend. „Ich denke, du wirst dein Bestes tun, um Mum davon zu überzeugen, dass es eine großartige Idee wäre, Ron und mich mit Harry gehen zu lassen."

Charlie sah aus, als wäre er drauf und dran, sie zu schlagen, bevor sich ein langsames Grinsen über sein Gesicht ausbreitete. „Muggle- Tests haben bewiesen, dass Ritchie Cortland der Vater des Babys war.", sagte er. „Gut gemacht. Ich glaube, nicht einmal Fred und George haben sich behaupten können, als ich wirklich wütend war."

„Ja, weil dein Arm die Maßen eines Baumstamm hat", erwiderte Ginny und verdrehte die Augen. „Sie sind alles andere als dämlich. Komm schon, Charlie."

„In Ordnung", sagte Charlie. „Ich glaube sowieso nicht, dass Mum ein Problem damit haben wird. Es ist ja nicht so, als wärt ihr unbeaufsichtigt. Ted und Andromeda Tonks werden dort sein."

Harry grinste. Wenn Andromeda Tonks nur im Ansatz die gleichen Ansichten wie ihre Tochter oder Sirius hatte, würde sie kein Hindernis darstellen.

„Ausgezeichnet", sagte Ginny mit funkelnden Augen. Wenn ihr Gesichtsausdruck irgendein Hinweis darstellte, war sie ebenso begierig wie er, von den Weasleys wegzukommen und etwas traute Zeit mit ihm zu verbringen.

Dieser Gedanke gefiel Harry sehr.