Kapitel 33 – Die Macht, die er nicht kennt
Der Portschlüssel brachte die fünf Teenager in ein großes Wohnzimmer, in dem zierliche Möbel standen und spitzenbesetzte Vorhänge in der trägen Seebrise flatterten. Das Landhaus – mehr wie ein Herrengut, wie Harry fand – hatte die Größe vom Grimmauldplatz, obwohl die Dekoration nicht verschiedener hätte sein können.
Die Wände waren in einer hellen Terrakotta- Farbe, zwischen denen sowohl helle Korbsessel standen als auch antike Schätze, die von Generation zu Generation weitervererbt worden waren. Die spitzenbesetzten, grünen Vorhänge ließen die Nachmittagssonne herein und verliehen dem Zimmer ein warmes, heimisches Gefühl.
Harry lag ausgestreckt auf einer groben, farbenfroh bestickten Decke und obwohl sie sauber war, konnte er schwache Spuren von Sand spüren. Er hatte es immer noch nicht geschafft, nach einer Portschlüssel- Reise auf den Füßen zu landen. Er konnte Rons Schnauben hinter sich hören.
„Merlins Bart! Geht's dir gut?", fragte eine Hexe, die auf ihn zurauschte und ihm auf die Füße half. „Warum haben sie dich nicht auf einen Hilfssessel gesetzt?"
Sie hatte leuchtend blaue Augen und dunkles Haar, das sie fest zurückgesteckt hatte. Ihr Aussehen war so vertraut und doch so anders, dass Harry einen Schritt zurücktrat. Er wusste, ohne vorgestellt zu werden, dass das Andromeda Tonks war. Sie sah keiner ihrer Schwestern ähnlich, sondern glich stattdessen einer weiblichen Version von Sirius.
Sie trug sperrige Roben mit blumigem Aufdruck und einen Kranz von getrockneten Weinranken auf dem Kopf. Auf der Spitze ihrer Nase saß eine Brille mit lila Tönung. Onkel Vernon hätte sie schon bei ihrem Anblick verachtet, ob sie nun eine Hexe oder Muggle war. Aus genau diesem Grund schloss Harry sie auf der Stelle ins Herz.
„Keine Sorge. Das Landen hat nichts mit seiner Verletzung zu tun. Für Harry waren Portschlüssel schon immer eine Herausforderung", sagte Ron feixend, aufrecht stehend. „Aber vielleicht ist ein Hilfssessel eine gute Idee."
Harry richtete seine Kleidung und funkelte Ron an. Draco saß neben ihnen, an einen weichen, gepolsterten Sessel gebunden, den St. Mungos zum Transport von verletzten Patienten benutzte. Ginny und Hermine standen an der Seite der Jungen und verbargen ihr Grinsen hinter den Händen.
„Bist du sicher, dass es dir gut geht, Harry?", erkundigte sich Andromeda und Harry musste vor der Besorgnis in ihren Augen den Blick abwenden.
Er hatte den gleichen Ausdruck bei jemand anderem in der Vergangenheit gesehen.
„Mir geht's gut", sagte er. „Danke, dass Sie uns aufnehmen."
„Es ist mir ein Vergnügen", antwortete Andromeda, obwohl ihr Lächeln ihre Augen niemals erreichte. „Ich wollte meinen Beitrag leisten. Meine Tochter hatte euch alle sehr gern."
„Und wir sie auch", sagte Ginny mit glänzenden Augen. „Sie hat uns natürlich das Leben gerettet, aber sie stand uns auch immer mit einem Lächeln zur Seite, wenn wir einen Ansprechpartner brauchten. Sie fehlt mir furchtbar."
Andromeda lächelte wehmütig. „Nymphadora hatte immer eine Vorliebe für Missetaten. Sie hätte gewollt, dass ihr alle in Sicherheit seid, und ich freue mich, euch eine Unterkunft anzubieten. Wir haben einen neuen Flügel im zweiten Stock, wo für jeden von euch ein Zimmer ist. Tuggy wird euch den Weg zeigen."
Ein kleiner Hauself, der in ein winziges Strandtuch gewickelt war, erschien in der Tür, verbeugte sich tief und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Harry war sicher, dass es eine Elfe war, obwohl sie kein Wort gesagt hatte.
„Ihr werdet feststellen, dass das Landhaus nicht anders als die anderen auf der Insel erscheint, obwohl es offensichtlich von innen magisch vergrößert ist. Dennoch, es ist vollständig ausgestattet mit Muggle- Elektrizität und Geräten. Tuggy weiß, wie alles zu benutzen ist, also fragt nach, wenn ihr Hilfe braucht. Wir versuchen, die meisten magischen Bequemlichkeiten hinter uns zu lassen, wenn wir hier wohnen", sagte Andromeda mit wedelnden Armen.
„Mein Mann ist als Muggle aufgezogen worden und wollte einen Ort haben, an dem seine Eltern sich wohlfühlten, als sie noch am Leben waren. Wir haben uns seitdem daran gewöhnt", fügte sie hinzu. „Es ist zu einer Art Abenteuer für uns geworden."
„Sollen Sie mir sagen, dass Sie von uns erwarten, hier zu leben wie Muggle?", fragte Draco ungläubig, das letzte Wort wie einen Fluch ausstoßend.
„Genau das", antwortete Andromeda. Sie sah ihren Neffen finster an und verfiel wieder in den Singsang- Tonfall, den sie bei Harry verwendet hatte. „Es ist mein Zuhause und es sind meine Regeln. Du wirst damit leben müssen – du bist nicht zum ersten Mal hier."
„Verzeihung?", sagte Draco wachsam. Er blickte sich im Raum um, als wäre er gerade zum Galgen verurteilt worden.
„Du warst schon einmal hier als Baby, bevor deine Mutter und ich vollkommen den Kontakt verloren haben", sagte Andromeda schnell und wandte den Blick ab. „Wenn ich mich recht entsinne, hatte dein Hintern einen ziemlich schlimmen Sonnenbrand, nachdem du deine Windel abgemacht hast. Du solltest immer darauf achten, einen vollen Sonnenschutz- Zauber aufzulegen."
Draco wurde rot, während Ron vor Entzücken aufheulte. Harry konnte sehen, dass Andromeda für alle Ewigkeit einen Platz auf Rons Lieblingsmenschen- Liste gewonnen hatte.
„Alle haben einmal Windeln getragen", sagte Andromeda und wedelte mit der Hand durch die Luft. „Ich gehe jetzt zu meiner Korbflechtgruppe. Ihr Mädchen dürft mich jederzeit begleiten während eures Aufenthaltes hier."
Ginny und Hermine nickten höflich, doch Harry konnte erkennen, dass der Gedanke ans Korbflechten Ginny überhaupt nicht ansprach.
„Hallo, Tuggy", sagte Hermine und kniete sich vor die winzige Hauselfe. „Wie geht's dir?"
Die Augen der Elfe weiteten sich, als wäre sie erschrocken, direkt angesprochen zu werden. Sie wich mehrere Schritte zurück zu Andromeda.
„Tuggy ist etwas ängstlich, aber sie wird sich irgendwann mit euch aufwärmen", sagte Andromeda. „Mein Mann Ted ist mit einigen Einheimischen fischen gegangen, aber er wird zum Abendessen zurück sein. Tuggy, warum zeigst du ihnen nicht ihre Zimmer, wo sie sich umziehen und den Strand erkunden können?"
Die fünf Jugendlichen dankten Andromeda und folgten der Hauselfe die Treppen hinauf. Draco keifte sie an, ihn ja nicht anzurempeln, während sein Sessel anmutig über die Treppen schwebte. Tuggy dirigierte sie alle zu verschiedenen Räumen auf einem Flur. Harry bemerkte, dass Dracos Zimmer, obwohl es dieselbe Größe hatte wie die anderen, sehr viel einfacher möbliert war. Nachdem Tuggy sie verlassen hatte, schloss Draco seine Tür, während die anderen vier sich in Harrys Zimmer versammelten.
Es war geräumig und luftig, doch maskulin. Die schönen Mahagoni- Möbel waren in grün- und goldfarbenen Stoffen mit Seemuster bedeckt, eine Anordnung von tropischen Pflanzen ruhte auf einem Tisch. Ginny ließ sich auf sein Bett fallen und lehnte sich mit weit ausgebreiteten Armen zurück.
„Ich kann nicht glauben, dass wir endlich hier sind. Ich habe schon kaum mehr daran geglaubt, dass Mum jemals aufhören würde, sich von uns zu verabschieden", sagte sie und strich mit den Händen über den weichen Stoff.
Obwohl Mrs. Weasley der Gefalle behagt hatte, sie vier sicher aufgehoben zu wissen, bis die Todesser- Anhörungen abgeschlossen waren, hatte sie sich Sorgen gemacht und ihnen so viele Anweisungen gegeben, wie sie es jedes Jahr auf dem Bahnsteig tat.
„Ich weiß", sagte Ron. „Und hast du die neidischen Blicke von Fred und George mitbekommen? Es ärgert sie zu Tode, dass wir in Urlaub fahren, während sie dableiben müssen, um aufzuräumen. Wie auch immer, wir sind jetzt hier auf uns allein gestellt, also lasst uns das Beste draus machen. Wer will mit schwimmen gehen?"
Harry schaute aus dem Fenster zu dem weißen, sandigen Strand. Tiefblaues Wasser erstreckte sich, soweit sein Auge sehen konnte. „Ich will. Es sieht großartig aus", sagte er.
Sein Arm lag immer noch in einer Schlinge, obwohl das kribbelnde Gefühl nun beständig da war, doch zumindest konnte er seine Finger willentlich bewegen. Ein Heiler sollte jede Woche herkommen, um seine Behandlung fortzuführen. Sie vermuteten, dass er am Ende des Sommers seinen Arm wieder würde voll benutzen können. Sie hatten ihm eine Liste von Übungen gegeben, die er jede Nacht praktizieren sollte, um ihn zu stärken, obwohl Harry Ginny gesagt hatte, dass er ihre Therapie bevorzugte. Ginny hatte ihm einen Klaps gegen den Kopf verpasst.
„Das ist es", stimmte Hermine zu. Sie beugte den Kopf, als sie rot wurde.
„Hermine", sagte Ron stirnrunzelnd. „Du errötest jedes Mal, wenn jemand Formentera erwähnt. Warum?"
Wenn es möglich war, verstärkte Hermines Röte sich noch mehr. „Naja... es ist nur... ich bin schon einmal hier gewesen, als ich mit meinen Eltern verreist bin. Einige der Strände hier sind... interessant."
„Inwiefern interessant?", wollte Ron wissen, den Kopf zur Seite gelegt.
Harry und Ginny starrten Hermine verwirrt an. Sie rang offensichtlich mit etwas und sie lehnten sich vor, eine Erklärung erwartend.
„Viele der Muggle- Strände hier sind Freikörperstrände", sagte sie sehr schnell, während sie die Gegenstände auf dem Schreibtisch unnötigerweise zurechtrückte.
„Du meinst, sie gehen splitternackt sonnenbaden?", fragte Ron entsetzt.
Ginny warf den Kopf zurück und lachte schallend, während Ron nervös herumzappelte und Hermine sich verlegen abwandte. Harry wand sich unbehaglich – bestimmte Körperteile waren nicht dazu bestimmt, von der Sonne verbrannt zu werden.
„Äh, ja", sagte Hermine. Sie räusperte sich. „Manche Muggle tun das gerne."
Ginny, die immer noch auf dem Rücken lag, stützte sich auf die Ellenbogen und lächelte frech. Harry machte sich Sorgen, dass sie in Betracht zog, zu solch einem Strand zu gehen. Er würde es ihr durchaus zutrauen, aber er war sich nicht sicher, ob er den Mumm hatte.
„Woher genau weißt du von diesen Stränden, Hermine?", erkundigte Ginny sich mit erhobenen Augenbrauen.
Harrys Augen flogen weit auf und starrten Hermine ungläubig an. Ginny hatte Recht! Woher wusste Hermine es?
„Ich hab euch doch gesagt, dass ich schon mal hier war", sagte Hermine. Ihre Hände wedelten nervös durch die Luft, als sie zum Fenster deutete. „Sie tragen an dem Strand da Badesachen. Warum ziehen wir uns also nicht um und gehen nach draußen? Die Heiler haben gesagt, dass Harry Ruhe und Entspannung braucht."
Sie verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzublicken. Ron starrte ihr mit einer seltsamen Mischung aus Entsetzen und Faszination nach, während Harry feixte. Er hatte tatsächlich einen der Heiler gebeten, vor Hermine Ruhe und Entspannung zu empfehlen, damit sie ihn nicht zu Wiederholungen für das siebte Schuljahr plagte, während sie im Urlaub waren.
Ginny kicherte und hüpfte nach ihr aus der Tür. „Der Letzte muss das Strandzeug runtertragen", trällerte sie fröhlich.
Ron stierte einen Augenblick lang vor sich hin, bevor er „Verdammte Scheiße" murmelte und ihr aus dem Zimmer folgte.
Harry stand auf, um seine Koffer suchen zu gehen. Er hielt einen Moment lang inne, bevor er seine Tür schloss und Dracos geschlossene Tür anstarrte. Er verzog die Lippen, während er mit sich rang. Der Slytherin würde höchstwahrscheinlich eine höhnische Bemerkung ablassen und ihm die Tür ins Gesicht knallen, doch er glaubte, dass es an ihm war, den ersten Schritt zu tun. Er wappnete sich, schritt energisch durch die Halle und klopfte an die Tür.
Er hörte das Geraschel von Pergament, bevor die Tür weit aufschwang. Draco blieb regungslos stehen und schluckte die Bemerkung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Er verengte die Augen.
„Was willst du?", fragte er, Harry genau beobachtend.
„Äh... wir gehen nach unten und sehen uns den Strand an", sagte er und steckte die Hände in die Hosentaschen.
„Und was genau hat das mit mir zu tun?" Draco hob eine Augenbraue.
Harry zuckte die Achseln. „Nichts, aber wenn du mitkommen möchtest, weißt du, wo du uns findest", sagte er und ging zu seinem eigenen Zimmer zurück.
Dracos Augen weiteten sich vor Überraschung. Schweigend sah er zu, wie Harry sich entfernte. „Ich komme vielleicht später", sagte er mit verzogenem Gesicht, als bereiteten die Worte ihm Schmerzen. „Ich habe ein paar Angelegenheiten mit meinen Anwälten zu klären."
Harry nickte und rieb sich am Nacken. „Sie versuchen, deine Familienangelegenheiten zu regeln?", erkundigte er sich.
„Das, was davon übrig ist", erwiderte Draco finster. „Ich habe hier auch einen Brief von deinem Cousin."
„Dudley?", fragte Harry verblüfft.
„Ja. Er kommt vielleicht für eine Weile, wenn ich wieder ins Malfoy Manor zurückkehren kann", erwiderte Draco.
Harry schüttelte den Kopf, sprachlos. „Äh... das ist toll", sagte er und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Sein Geist hatte den Fall von Voldemort inzwischen angenommen, doch er fand den Gedanken an einen magischen Dudley Dursley immer noch unfassbar. Geschweige denn einen magischen Dudley Dursley, der mit Draco Malfoy im Briefkontakt stand.
„Wir sehen uns am Strand", sagte Draco. Er schloss die Tür, bevor Harry antworten konnte.
„Okay", sagte Harry kopfschüttelnd. Vielleicht hatte sich die Welt auf den Kopf gestellt.
Harry erwachte ruckartig, schweißgebadet und das Herz schmerzhaft pochend. Verstreute, entsetzliche Bilder eines Traumes wirbelten in seinem Kopf, während er das Bettlaken umklammerte und nach Luft schnappte. Es dauerte einen Moment, bis er den Raum erkannte, in dem er schlief.
Er und seine Freunde waren zwei Wochen lang am Strand gewesen und Harry war oft von Albträumen heimgesucht worden. Er hatte im Krankenhaus jede Nacht einen Trank des Traumlosen Schlafs eingenommen, musste ihn jedoch zurücklassen, als er entlassen wurde. Die Heiler empfahlen seine Einnahme nicht ohne Überwachung und Harry wollte so verzweifelt das Krankenhaus verlassen, dass es ihm gleichgültig war. Er hatte früher schon Albträume überlebt, also würde er diese auch durchstehen.
„Alles in Ordnung, Harry?", erkundigte Ginny sich leise und er spürte ihre weiche, warme Anwesenheit an seiner Seite. Er hatte sie oft neben sich vorgefunden, wenn er aus einem Traum aufgewacht war und obwohl er es genoss, gefiel ihm der Gedanke nicht, dass er laut genug war, um sie in ihrem eigenen Zimmer zu wecken.
Wenn Ron und Hermine ihn ebenfalls hörten, waren sie so umsichtig, es ihn nicht wissen zu lassen. Selbst Draco hatte ihn nicht damit aufgezogen, obwohl er sich ein wenig darüber beschwert hatte, dass er keine anständige Ruhe in der Nacht finden konnte.
Ihre Tage im Strandhaus verbrachten sie mit Schwimmen, Sonnen und Spaß am Strand. Die Tonks besaßen Jetskis, die beinahe so viel Spaß bereiteten wie Fliegen und sie hatten sich alle damit abgewechselt. Sie hatten Spiele gespielt und waren ins Meer gegangen, hatten Sandburgen gebaut, während ihre Haut braun wurden (obwohl Ron und Ginny nur Sommersprossen bekamen) unter der prallen Sonne.
Sie unternahmen lange Spaziergänge am Strand und sahen eine große Vielfalt an Seelebewesen. Harry genoss seinen Aufenthalt.
Dracos Anwesenheit zwischen ihnen kam ihnen am Anfang seltsam vor. Es war nicht, als wären sie jemals Freunde gewesen, doch nach allem, das in der Mysteriumsabteilung geschehen war, konnten sie einfach keine Feinde mehr sein. Etwas so Großes wie den Fall eines Dunklen Lords zu teilen, verband sie irgendwie für immer. Harry wusste auch, wie es sich anfühlte, allein und ausgeschlossen zu sein, und er wollte niemandem dieses Gefühl geben – nicht einmal Draco Malfoy.
Während die langen, gemütlichen Tage vergingen, hatte sich alles ohnehin eingerenkt. Draco beschäftigte sich damit, seine Inbesitznahme seines Familienanwesens zu planen, so dass er dazu neigte, der heißen Nachmittagssonne zu entgehen. Das gab den beiden Pärchen viel Zeit, allein zu sein. Wie Ron und Harry liebte Draco die Jet- Skis und gesellte sich an den Abenden zum Essen und einem gelegentlichen Schachspiel zu den anderen. Er und Ron waren ebenbürtigere Gegner als Harry und Ron jemals gewesen waren, obwohl Harry wusste, dass es Ron mit Harry mehr Spaß machte.
Andromeda bereitete jeden Abend ausgiebige Mahlzeiten zu und sie versammelten sich alle, um Geschichten ihrer Tage zu erzählen. Ted Tonks war ein freundlicher, redseliger Kerl mit einer Faszination zur See. Seiner Meinung nach gab es keinen besseren Ort und er beharrte, dass sie für alle Ewigkeit seine Herrin sein würde. Andromeda störte es überhaupt nicht und fuhr fröhlich fort. Sie waren wie zwei getrennte Schiffe, die einander gelegentlich passierten, doch ihre gegenseitige Zuneigung war unverhohlen erkennbar.
Andromeda hatte gesagt, dass Ted den Tod ihrer Tochter sehr schwer aufgenommen hatte und seither nicht mehr derselbe gewesen war. Das war vor allem daran erkennbar, dass Ted sich weigerte, mit Draco zu sprechen. Er war nicht unhöflich oder grob, sondern schlichtweg gleichgültig – als wäre Draco überhaupt nicht anwesend.
Abgesehen von den gemeinsamen Mahlzeiten stand Harry seine Zeit zum ersten Mal uneingeschränkt zur eigenen Verfügung, seit er sich erinnern konnte. Er und Ginny unternahmen lange, romantische Spaziergänge am Strand entlang und jeden Morgen erwachte er mit dem Wissen, dass sie da sein würde. Sie hatten die Gewohnheit entwickelt, sich zum Frühstück zu treffen, um ihren Tag gemeinsam zu planen. Harry konnte sich nicht daran erinnern, jemals so sorgenlos gewesen zu sein. Selbst seine gelegentlichen Aufenthalte im Fuchsbau waren von der Drohung des Krieges oder deprimierenden Gedanken über die Dursleys überschattet gewesen.
Für Harry stellte diese Zeit am Strand das erste Mal echter Freiheit dar – und Freiheit war etwas, an das er sich definitiv gewöhnen konnte.
Eines von Ted Tonks' Lieblingsbeschäftigungen war Fischen. Das Dorf, in dem sie wohnten, war eine aktive Fischergemeinschaft und Ted nahm normalerweise teil, wenn er dort war. Ron und Draco hatten beide ebenfalls Gefallen an dem Sport gefunden. Sie waren einige Male mitgegangen, doch Harry hatte nicht die Geduld dafür. Er hasste es, für so lange Zeit stillzusitzen, und zog es stattdessen vor, vom Boot wegzutauchen und eine Runde zu schwimmen. Diejenigen, die fischten, runzelten natürlich über solch ein Verhalten die Stirn, da es die Fische verschreckte.
Obwohl Ginny mehr Geduld dafür aufbringen konnte, machte es ihr auch keinen Spaß und Hermine hatte Mitleid mit den lebendigen Ködern. Sie versuchte ständig vergeblich, die anderen Fischer davon zu überzeugen, zu nichtlebenden Ködern zu greifen. Schließlich aufgebend verbrachte sie ihre Zeit damit, sich an Deck zu sonnen, während sie ein Buch las.
Die seltsame Beziehung, die sich zwischen Ron und Draco infolge des Fischens entwickelt hatte, war belustigend. Von keinem konnte das Verhalten als freundlich bezeichnet werden, doch beide fanden Spaß daran, sich zu messen, wer den größeren Fisch fangen konnte. Ihre gegenseitigen Beschimpfungen und Sticheleien waren schroff und ließen Vorübergehende sie anstarren, als erwarteten sie einen Kampf, doch es fehlte die übliche Gehässigkeit hinter den Worten. Es war nur, dass alte Gewohnheiten schwer abzulegen waren. Harry hatte die Flasche Feuerwhiskey gesehen, die Draco in seiner Tasche mit sich trug, und wusste, dass an einigen Tagen das einzige, das Ron und Draco sich einfingen, ein Schwips war.
Harry und Ginny verbrachten die Tage zusammen am Strand. Harry war insgeheim froh, dass Fischen ihm keinen Spaß machte, weil es ihm die Gelegenheit gab, allein mit Ginny zu sein.
Heute war genau solch ein Tag und obwohl er von dem Albtraum ziemlich früh am Morgen geweckt worden war, wusste er, dass das Fischerboot für den Tag bereits abgelegt hatte.
„War es ein schlimmer?", erkundigte Ginny sich und wischte mit einem feuchten Tuch seinen Schweiß von der Stirn.
Harry schüttelte den Kopf, während sich die erschreckenden Bilder rasch verflüchtigten. „Nur einzelne Erinnerungen" sagte er. „Was machen wir heute?"
„Ich dachte, wir könnten einen Picknick- Korb zu dieser Stelle am Strand mitnehmen, wo die Wellen stärker sind. Meinst du, dein Arm ist fit dafür?", fragte Ginny.
Er streckte ihn ein paar Mal. „Ich denke, ich könnte eine kleine Therapie vertragen", sagte er grinsend.
„Ach ja?" Ginny hob ihre Augenbraue. „Soll ich ein paar Zaubertränke oder einen Heiler holen?"
„Nein", sagte Harry. Er schüttelte den Kopf und versuchte, einen ernsten Gesichtsausdruck zu bewahren. Er wackelte mit seiner Augenbraue schaute sie anzüglich an. „Ich denke, deine Therapie reicht aus."
Ginny kicherte und küsste ihn schnell auf die Lippen. „Nein. Wir werden heute mal hier rausgehen", sagte sie und stützte die Hände auf die Hüften. „Geh dich duschen und dann treffen wir uns in der Küche."
Harry sah sie finster an und hievte sich aus dem Bett. „Ich glaube, ich könnte Hilfe gebrauchen, an meinen Rücken zu kommen", sagte er schmollend.
„Du schaffst das schon. Außerdem habe ich nicht gesagt, dass wir das Knutschen nicht an den Strand verlagern können", sagte sie, bevor sie aus dem Zimmer rannte und mit ihrem Lachen den Korridor erhellte.
Nach schnellem Duschen und Umziehen traf Harry Ginny in der Küche an, wo sie das Mittagessen, das Tuggy für sie zubereitet hatte, nach draußen mitnahmen. Der Abschnitt des Strandes, an den sie gehen wollten, war etwas weiter unten an der Straße als ihr üblicher Platz. Harry band den Picknickkorb auf den Gepäckträger eines alten Fahrrads, das im Haus aufbewahrt wurde. Ginny setzte sich vorsichtig auf die Vorderstange, während Harry die Straße hinunterradelte. Sein Arm war nicht wirklich stark genug, um sie zu stützen, doch er führte schweigend sowohl einen Gleichgewichtszauber als auch einen Bewegungszauber aus, wodurch ihm das Fahren sehr leicht fiel.
Harry hatte sehr umsichtig Magie ausgeübt, als er angekommen war. Er mochte Ted und Andromeda äußerst gern und wollte sich an ihre Regeln halten. Nach den ersten paar Tagen hatte Andromeda ihn beiseite genommen und ihm praktisch gesagt, dass er kein Idiot sein solle. Sie hatte ihm geraten, nichts Unüberlegten vor Muggle zu unternehmen, aber definitiv jeden Zauber auszuführen, der ihm das Leben während seiner Genesung erleichterte. „Was bringt Magie, wenn du sie nicht einsetzt, wenn du sie brauchst?", hatte sie gefragt. Harry fand es sehr zuvorkommend, da sie selbst beinahe niemals Magie benutzte.
Nachdem sie die Zauber ausgeführt hatten, machten er und Ginny sich auf den Weg zum Strand. Er genoss ihre Fahrt und hätte den ganzen Tag damit verbringen können, einfach nur umherzuradeln – und das hatte nichts mit der Magie zu tun, die ihm die Arbeit abnahm. Er genoss die Sonne, die seine Haut erwärmte, das sorgenlose Gelächter, das er und Ginny teilten, und das völlige Fehlen von Ziel oder Absicht. Sie würden ankommen, wenn sie ankamen, und es machte keinen Unterschied, wann das war. Harry liebte diese neue Freiheit.
Später an dem Tag, während sie die ausgiebige Mahlzeit verspeisten, die Tuggy ihnen eingepackt hatte, drang eine verstreute Erinnerung in Harrys Gedanken. Er und Ginny hatten eine Decke auf dem Sand ausgebreitet und Ginny wühlte sich gerade durch den Korb, als hätte sie eine Piratenschatztruhe gefunden. Wie Harry wohl bewusst war, liebten alle Weasleys das Essen.
Ginny trug einen sehr kleinen – sehr sexy – schwarzen Bikini, der, wie er wusste, nicht auf Mrs. Weasleys' Liste von gebilligter Strandkleidung stand. Sein Mund hatte offen gestanden und er hatte sie wie ein Fisch angeglotzt, als sie die Shorts und das T-Shirt ausgezogen hatte, die sie auf der Fahrt getragen hatte. Das zufriedene Lächeln auf Ginnys Gesicht sagte ihm, dass ihr seine Reaktion gefiel.
Er war äußerst glücklich, dass Ginny gerissen genug war, den winzigen Bikini gut vor ihrer Mutter und Ron versteckt zu halten, da Harry ihren Anblick sehr genoss. Als sie gekühlten Kürbissaft aus dem Korb zog und ihn in goldbesetzte Krüge goss, lief Harry ein Schauer über den Rücken. Er wand sich unbehaglich, als verstreute Gedanken und Bilder in seinem Geist aufblitzten und Schwindel hervorriefen, als er versuchte, sie zusammenzupuzzeln.
„Alles in Ordnung, Harry?", erkundigte Ginny sich und ließ einen der Krüge fallen, so dass sein Inhalt überallhin spritzte. Sie ignorierte es und setzte sich neben Harry, ihn genau beobachtend. „Was ist los? Du bist ganz blass."
„Diese Krüge", sagte er und starrte immer noch das Gold an, während er sich bemühte, sich einen Reim aus seinen Erinnerungen zu machen. Bilder flackerten schnell durch seinen Geist.
„Was ist mit ihnen?", fragte Ginny und starrte die Krüge an, als versuchte sie, das Problem zu entschlüsseln. „Sie sehen aus wie die in Hogwarts. Was ist los?"
„Ich... ich erinnere mich", sagte er benommen. Die Luft um ihn herum schien still zu stehen und das Krachen der Wellen klang fern und fehl am Platz.
Ginny runzelte die Stirn. „Du erinnerst dich?", fragte sie und hob fragend die Handflächen. „Woran erinnerst du dich? Ich weiß nicht, was du meinst."
Harry schluckte und suchte ihren Blick – wonach, wusste er nicht genau – aber er wusste, dass er es ihr sagen musste. Früher hatte sie ihm immer ein besseres Gefühl geben können. Ginny würde ihn nie auslachen oder für verrückt erklären oder sagen, dass es unmöglich war.
„Nachdem ich Voldemort getö – ", er hielt inne. „Als es vorbei war, im Ministerium, bin ich in den verschlossenen Raum gegangen."
„Welchen verschlossenen Raum?", fragte sie deutlich verwirrt. „Worauf willst du hinaus? Du bist nirgendwo hingegangen, Harry. Ich war bei dir und du hast den Raum nicht verlassen, bis wir dich nach St. Mungos gebracht haben."
Harry schüttelte den Kopf. „Nein. Ich erinnere mich daran, dich am Boden neben mir gesehen zu haben. Und Hermine und Ron habe ich auch gesehen. Es war, als hätte ich geschwebt und euch alle beobachtet", sagte Harry.
Ginnys Augen weiteten sich. Ihre Iris wurde so groß, dass das Braun kaum mehr zu sehen war. „Du warst im Zwischendrin?"
„Im Zwischendrin?", fragte Harry vorsichtig.
„Das ist der Ort zwischen Leben und Tod. Bill sagt, dass viele Menschen nach einer lebensbedrohlichen Situation dort verharren. Diejenigen, die nicht auf der Stelle getötet worden sind und sich von ihren Verletzungen erholen konnten, haben davon erzählt", sagte Ginny ehrfürchtig.
„Wahrscheinlich", sagte Harry, der keine weiteren Merkwürdigkeiten in seinem Leben akzeptieren wollte. „Wie auch immer, es gibt diesen geheimen, verschlossenen Raum in der Mysteriumsabteilung. Professor Dumbledore hat mir davon erzählt, bevor er gestorben ist. Ich bin in jener Nacht in diesen Raum gegangen – und er war ebenfalls dort", sagte Harry. Sein Körper spannte sich an, als er auf ihre Reaktion wartete.
Ginny schluckte. „Wer war dort?"
„Professor Dumbledore. Er hat auf mich gewartet und gesagt, der einzige Weg, in den verschlossenen Raum zu kommen, ist innerhalb des eigenen Geistes", sagte Harry. Er griff nach Ginnys Hand. Sie drehte ihre Handfläche nach oben und drückte seine Finger.
„Das macht Sinn. Die Unsäglichen untersuchen alle möglichen unbeantworteten Dinge dort", sagte sie bebend.
„Er sagte, dass wir in meinem Geist wären und dass ich ihn gerufen hätte, weil er mir normalerweise Sachen erklärt, die ich nicht verstehe", sagte Harry. Er wollte nicht auf die Tatsache hinweisen, dass sein Geist zu der Zeit so öde gewesen war.
„Hat er dir geholfen?", erkundigte Ginny sich leise. Ihre Augen waren so weit aufgerissen – so besorgt – dass er glaubte, er könnte in ihre Tiefen stürzen. Irgendwie stärkte es ihn.
„Ich konnte nicht verstehen, wie ich es geschafft habe", sagte Harry, seine Kehle kratzig und heiser. „Er sagte, die Stimmen hinter dem Schleier haben mir geholfen. Er sagte, einige von ihnen waren Menschen, die mich geliebt haben."
Ginny legte ihre andere Hand auf Harrys Knie und drückte es leicht, während sie darauf wartete, dass er sich sammelte und fortfuhr.
Es dauerte einige Momente, bevor er es konnte. „Er war nicht der einzige, den ich gesehen habe", sagte er.
„Oh?", machte Ginny.
Harry blinzelte schnell. „Sirius ist zuerst angekommen. Er hat den gesamten letzten Kampf verpasst, weil er mit einiger Hexe geflirtet hat", sagte er, ein wenig glucksend, während er sich die Nase rieb.
Ginny lächelte sanft. „Das überrascht mich nicht wirklich."
„Es... – es hat gut getan, ihn wieder zu sehen. Ich meine, es hat gut getan, ihn so zu sehen. Das hat es irgendwie einfacher gemacht", sagte Harry und räusperte sich.
„Wen hast du noch gesehen?", erkundigte Ginny sich.
„Remus und Tonks", antwortete Harry und schluckte wieder. „Remus sah besser aus – gesunder als ich ihn jemals gesehen habe. Seltsam, wo er jetzt tot ist, was?"
Ginny blinzelte. „Nein, überhaupt nicht seltsam", flüsterte sie angestrengt. „Hast du deine Mum und deinen Dad gesehen, Harry?"
Harry hielt wieder inne und ließ seine Finger durch den Sand gleiten. Ginny hielt seine Hand mit ihren Fingern umschlungen, während sie sich hinüber beugte, um ihn am Augenwinkel zu küssen. Überrascht bemerkte sie Feuchtigkeit dort.
„Es hat mich einige Überwindung gekostet, sie zu rufen. Ich weiß, dass das seltsam ist, da ich es mir immer gewünscht habe. Ich weiß auch nicht, was mit mir los war", brummte er.
„Wie war es?", flüsterte Ginny schniefend.
„Wunderbar", hauchte Harry. „Es – es war wunderbar. Sie mögen dich. Meine Mum hat mir aufgetragen, dich gut zu behandeln."
„Ich mag deine Mum", sagte Ginny lachend und wischte sich Tränen aus den Augen.
„Ich habe mich mit meinem Dad über Quidditch unterhalten. Er wollte ein Feld in unserem Garten anlegen, wie im Fuchsbau. Das hätte ich echt super gefunden", erzählte Harry, aufgeregt bei dem bloßen Gedanken daran.
„Wir werden eines Tages unser eigenes Feld haben", sagte Ginny, bevor sie ihre Augen weit aufriss und puterrot wurde. Sie wirkte, als wünschte sie, ein Loch würde sich vor ihr auftun, in das sie sich verkriechen konnte. Sie spielte mit dem Sand und wich seinem Blick aus.
„Ja?", sagte Harry und schluckte schwer. „Das würde mir gefallen. So was wie eine Weasley- Potter Tradition, weißt du?" Er schaute auf den Sand und fühlte sich entblößt. Er riskierte einen Blick durch seinen Pony und bemerkte, dass sie immer noch rot im Gesicht war, aber gleichzeitig einen selbstgefälligen Gesichtsausdruck trug.
„Sie haben alle gesagt, dass ich zu meinem letzten Schuljahr in die Schule zurückkehren soll", sagte er. „Sie wollten, dass ich ein sorgenfreies Jahr erlebe."
„Dann solltest du es tun", sagte Ginny und drückte seine Finger. Sie hob den Blick. „Du verdienst diese Chance. Ich möchte es ebenfalls. Möchtest du es?"
„Ja", sagte er. Die Antwort erschien ihm plötzlich klar. „Ich will zurückkehren. Es wird mir etwas Zeit einräumen, meinen Kopf frei zu schaffen, und wir werden für unser letztes Jahr mit Ron und Hermine zusammen sein."
Er wusste, dass er immer noch ein Auror werden wollte – dieser Wunsch hatte sich nicht geändert, seit er das erste Mal im vierten Schuljahr davon gehört hatte, doch sie würden in einem Jahr immer noch Auroren benötigen. Ein Jahr darauf zu warten, dass sich der ganze Aufstand um Voldemorts Untergang legte, könnte eine gute Sache sein. Wenn er seine Utz- Prüfungen abgelegt hatte, könnte er sich zumindest versichern, dass er aufgrund seiner eigenen Leistungen in das Programm aufgenommen wurde. Ron sagte immer wieder, dass sie ihn nehmen müssten, dass er sich bereits bewiesen hatte. Für Harry jedoch hatte es eine große Bedeutung.
„Das würde mir gefallen", sagte Ginny, offensichtlich entzückt. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn innig. „Das wird das beste Schuljahr aller Zeiten werden."
Sie genossen den Rest ihres Mittagessens und verbrachten den Tag damit, in den Wellen zu toben. Harrys Gedanken drifteten gelegentlich zu einigen Unterhaltungen zurück, die er einst mit seinen geliebten Menschen geführt hatte. Es schien alles so real – viel echt als ein Traum. Ab und zu ertappte er Ginny mit glasigem Blick und wusste, dass sie sich ebenfalls Gedanken machte.
Die Sonne hatte ihre schwere Nachmittagshitze verloren und sie entschieden, dass es Zeit war zurückzukehren, damit sie vor dem Abendessen noch duschen konnten. Während sie alles zusammenpackten, fragte Harry: „Meinst du, ich habe es geträumt?"
Ginny hielt einen Moment inne und schürzte die Lippen. Als sie ihm antwortete, überraschte es ihn nicht, dass sie genau wusste, was er meinte, ohne dass er es erklären musste. „Nein. Wenn jemand diese Chance verdient hat, dann du. Nach allem, was du verloren hast, und was du gegeben hast, scheint es richtig, dass dir die Chance eingeräumt wird, inneren Frieden zu finden, bevor du anfängst wirklich zu leben", sagte sie langsam, als wählte sie ihre Worte bedächtig.
Harry blinzelte und zog sie in seine Arme. „Ich liebe dich", flüsterte er.
„Ich liebe dich auch", antwortete sie.
Ihre sanfte, heisere Stimme sandte Schauer seinen Rücken entlang. Er schlang seine Arme fester um sie und neigte den Kopf. Ihre Küsse waren am Anfang sanft und zögerlich, doch allmählich wurden sie stärker und leidenschaftlicher. Er konnte den schwachen Geschmack von Schokolade schmecken, während er sie küsste.
Obwohl sie immer noch am Strand und nicht einmal annähernd so abgeschirmt standen, wie er vorgezogen hätte, ließ er seine Hände frei umherschweifen, wohin sie schon den ganzen Tag wandern wollten. Die knappen Umrisse ihres Badeanzugs machten ihn wahnsinnig. Sie sank gegen ihn und presste sich so nah an ihn heran, dass sie sein Verlangen spüren konnte.
Er hatte immer versucht, sich von ihr zurückzuziehen, wenn dies geschah, um eine gewisse Kontrolle zu behalten, doch nun brannte sein Körper, während ihre Hände federleicht über seine Brust strichen, und seine Lust war überwältigend. Er wollte nicht mehr warten. Voldemort war fort und es war nicht länger nötig, seine Entscheidungen von ihm beeinflussen zu lassen.
Er wusste, dass Ron Hermines Zimmer jede Nacht betreten hatte, unter dem Vorwand, ihr Gute Nacht zu sagen, und dass er auch zum Guten Morgen blieb, doch Harry und Ginny hatten diesen Schritt noch vor sich. Er sah ihr tief in die braunen Augen und sah nur Liebe und Verständnis, umgeben von der Hitze des Verlangens.
„Ginny", sagte er. Er strich ihr Haar zurück und fuhr mit seinen Fingern über ihre Narbe. Sie trieb ihn in den Wahnsinn und er konnte kaum denken hier am Strand, geschweige denn im Haus. Er wollte sichergehen, dass sie sich so bereit fühlte wie er.
„Warum kommst du nicht zu mir und sagst mir Gute Nacht, wenn wir uns heute Nacht zurückziehen, Harry?", raunte sie mit tiefer und heiserer Stimme.
Harry befürchtete, dass seine Knie nachgeben könnten. „Das kann ich machen", erwiderte er. Seine Stimme krächzte, wie es seit seinem dreizehnten Lebensjahr nicht mehr geschehen war.
Er fuhr mit seinen Händen durch ihr Haar, über auHaus
ihre Schultern und den Rücken hinunter, während er sie wieder küsste. Ihre Hände erkundeten ihn weiter und sie öffnete den Mund, um den Kuss zu vertiefen.
Der Stoff ihres Bikinis war weich, doch ihre Haut kam ihm noch weicher vor und die einfache Tatsache, dass so viel davon freilag, erregte ihn noch mehr.
Keuchend musste er sich schließlich zurückziehen, wohl wissend, dass es eine Weile dauern würde, bis er auf dem Fahrrad nach Hause fahren konnte.
„Ginny...", sagte er.
„Heute Nacht", flüsterte sie und küsste ihn leicht auf die Nase.
Das Abendessen an dem Abend durchzustehen, war beinahe unerträglich.
Harry erwachte langsam und gemütlich und fühlte die sanfte Meeresbrise, die von dem offenen Fenster hereinwehte. Ein leichtes Kitzeln unter seiner Nase ließ ihn die Hand heben, um daran zu reiben. Seine Hand traf auf seidiges, weiches Haar unter seiner Nase, das auf seiner Brust ausgebreitet war.
Seine Augen flogen weit auf, um eine schlafende Ginny an seine Schulter geschmiegt vorzufinden. Ihr nackter Arm war lässig über seine Hüften gelegt und die Wärme ihrer Haut weckte schnell andere Teile seiner Anatomie. Erinnerungen an den vorherigen Abend erfüllten sein Herz und ein träges Lächeln huschte über sein Gesicht. Er lag einen Moment lang da und nahm sich Zeit, vollends aufzuwachen, während er eine Strähne ihres Haars zwischen seinen Fingern verdrehte.
Letzte Nacht hatte er die schönste Nacht seines Lebens erlebt. Trotz der Tatsache, dass er keinerlei Erfahrung besaß, hatte es sich als verdammt grandios herausgestellt. Naja... zumindest für ihn. Er war nicht sicher, ob es ein Highlight in Ginnys Leben darstellte, doch ihn erfreute das Wissen, dass er nun alle Zeit der Welt hatte zu üben, bis er auch sie beglücken konnte. Tatsächlich würde sein Fleiß Hermines Hingabe in ihre Studien verblassen lassen.
Dämlich grinsend befreite er sich sanft aus Ginnys Umarmung und suchte auf dem Boden nach seiner Jeans. Er zog sich rasch an, obwohl es ihm einige Schwierigkeiten bereitete aufgrund von bestimmten unkooperativen Körperteilen. Bei einem letzten Blick durch Ginnys Zimmer, um sicherzustellen, dass er nichts Belastendes zurückließ, realisierte er zum ersten Mal, wie Ginny das Zimmer zu ihrem eigenen gemacht hatte. Obwohl weit davon entfernt, grell zu wirken, war es definitiv hell und naja... mädchenhaft.
Die Kerzen, die sie angezündet hatte, brannten immer noch auf ihrem Nachttisch und verströmten einen süßen, blumigen Duft, der ihn sehr an Ginny erinnerte. Garnedia hatte sie ihn genannt, obwohl er zu der Zeit kaum zuhören konnte.
Rotz saß auf dem anderen Ende des Nachttischs, den Rücken zum Zimmer gekehrt. Harry erinnerte sich entfernt daran, ihn am Abend zuvor umgedreht zu haben. Irgendwie konnte er sich nicht mit Ginny beschäftigen, wenn dieser dumme Bär, den sie seit jeher besaß, ihnen zusah. Ginny hatte gekichert und seine Unbehaglichkeit sehr belustigend gefunden.
Er schüttelte den Kopf, um seine Erinnerungen zu klären, und küsste Ginny sanft auf die Stirn, bevor er aus dem Zimmer schlich. Obwohl er die Nacht keinesfalls bereute, wollte er keinem erzürnten Ron begegnen, nachdem dieser das Wunder entdeckte, dass Harry und Ginny geteilt hatten.
Er wusste, dass Ron höchstwahrscheinlich noch in Hermines Zimmer schlief, doch Harry öffnete Rons Tür trotzdem sehr vorsichtig. Als er es leer vorfand, schlüpfte er hinein und zog die unterste Schublade von Rons Nachttisch auf, da er genau wusste, wo Ron den Gegenstand versteckt hatte, nach dem Harry suchte. Er fand das Buch zwischen der einzigen sorgfältig gefalteten Jeans verborgen. Auf dem Boden sitzend, durchblätterte er die Seiten von Was jeder Zauberer über die Verlangen seiner Hexe wissen muss.
Fred hatte Harry das Buch in seinem fünften Schuljahr nach seinem gescheiterten Date mit Cho Chang als Witz geschenkt. Es hatte Harry enorm verlegen gemacht, was natürlich Freds Absicht gewesen war. Harry und Ron hatten sich schließlich darüber ausgelassen. In Wahrheit war es die einzige Erziehung, die Harry in dieser Angelegenheit erhalten hatte – abgesehen von Rons verlegener Wiederholung dessen, was sein Dad ihm erzählt hatte.
Harry hatte das Buch nicht wieder gesehen, bis er Ron beim Lesen erwischt hatte, nachdem Ron angefangen hatte, mit Lavender auszugehen. Abgesehen von ein paar scherzhaften Hänseleien seines Kumpels hatte Harry es wieder vergessen. Nun fand er es extrem ironisch, dass der Witz letztendlich auf Fred zurückfiel, da Harry das Wissen, das er aus dem Buch zog, an Freds eigener Schwester anwenden würde. Das Leben spielte manchmal seltsame Streiche.
Er trug das Buch in sein eigenes Zimmer und kuschelte sich in sein Bett. Er las für eine Weile, bis seine Augen zu schwer wurden, um sie noch länger offenzuhalten. Er hatte in der letzten Nacht nicht wirklich viel Schlaf gefunden. Er versteckte das Buch unter seiner Matratze und rollte sich für ein Nickerchen zusammen.
Die Vormittagssonne glühte hoch am Himmel, als ein Pochen an seiner Tür Harry aus dem Schlaf riss. Er setzte sich gerade auf, presste sich die Decke an die Brust und fummelte nach seiner Brille, als Ron ins Zimmer platzte.
„Was ist los mit dir?", erkundigte sich Ron. „Willst du den ganzen Tag verschlafen?"
Es war selten, dass Ron vor Harry aufwachte, es sei denn, für den Tag war eine Fischexpedition geplant.
„Wa – ", machte Harry benommen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
Hermine und Ginny folgten Ron ins Zimmer. Beide kicherten beim Anblick von Harrys Gesichtsausdruck. Ginny wurde rot, als er ihren Blick auffing, und sah zu Boden. Harry spürte, wie trotz seiner Nervosität das dämliche Grinsen auf sein Gesicht zurückkehrte. Die Worte steckten in seinem Hals fest und er hatte nicht die geringste Ahnung, was er sagen sollte.
Er wünschte wirklich, dass Ron und Hermine nicht im Zimmer wären. War es möglich, dass sie erraten konnten, was geschehen war? Würden sie es erfahren? Ron würde ihn verprügeln und er könnte es nicht ertragen, das wissende Funkeln in Hermines Augen zu sehen. Er wollte sehnlich allein mit Ginny sprechen, statt hier zu sitzen und sie einfach nur anzulächeln...
„Du hast Frühstück verpasst und es ist schon fast Mittagessen. Was habt ihr beide gestern so getrieben, dass du jetzt so fertig bist?", wollte Ron wissen, Harrys ratternde Gedanken durchbrechend.
„Äh", machte Harry. Er fühlte sich in der Falle.
Ginnys Augen weiteten sich panisch. Sie schüttelte unmerklich den Kopf – als würde er ihre Warnung brauchen, Ron nicht zu erzählen, was sie in Wirklichkeit getan hatten.
„Äh", wiederholte er. Seine Stimme krächzte demütigend.
„Wir sind zum Strand gegangen. Du weißt schon – zu dem Teil, wo die Wellen richtig groß sind", sagte Ginny sehr schnell. „Wir sind mit dem Fahrrad hingefahren. Harry hat einige Zauber ausgeführt, so dass er sich den Arm nicht verletzen konnte. Wir haben ein Picknick mitgenommen. Tuggy hat Hühnchen und Brot eingepackt und uns diesen wunderbaren Schokopudding mitgegeben."
Hermines Blick verschärfte sich, während sie zwischen Harry und Ginny hin und hersah. Dieses wissende Funkeln, das Harry befürchtet hatte, erleuchtete ihre Augen und sie starrte Ginny spitz an. Harry schoss das Blut ins Gesicht und er wandte den Blick ab.
Glücklicherweise hatte Ginnys Erwähnung des Essens Ron abgelenkt.
„Ich habe Hunger", sagte er. „Lasst uns Tuggy bitten, uns einen Korb vorzubereiten, und wir können es essen, bevor wir auf den Jetskis hinausfahren. Ich gehe heute nicht fischen."
„Warum gehen wir nicht alle und ziehen uns Badesachen an?", sagte Hermine süßlich und zog an Ginnys Arm.
„In Ordnung. Wir treffen uns in der Küche", sagte Ron und eilte in sein Zimmer.
„Ginny, können wir uns unterhalten?", fragte Harry und räusperte sich. Er weigerte sich immer noch, Hermines Blick zu erwidern, und konnte die Hitze spüren, die von seiner Haut ausging.
„Du solltest mich lieber deinen Sonnenschutzzauber übernehmen lassen, Harry", kommentierte Hermine feixend. „Gestern muss bei dir etwas schief gelaufen sein. Du bist furchtbar rot."
Wenn es überhaupt möglich war, wurde Harry noch röter. Hermine kicherte, während sie in ihr eigenes Zimmer lief.
„Hey", sagte Ginny, nachdem Hermine die Tür geschlossen hatte. Ihre Wangen waren rot und sie scharrte mit dem Zeh auf dem Boden herum.
„Hey", erwiderte Harry. Warum fiel es ihm plötzlich so schwer, mit ihr zu sprechen? Es war, als wären sie beide in die Zeit seines ersten Aufenthalts im Fuchsbau zurückversetzt worden.
„Du sagtest, du willst mit mir sprechen?", fragte Ginny und in ihrer Stimme hörte er eine entfernte Distanz.
Harry blickte auf und sah, dass sie ihre Arme vor der Brust verschränkt hatte und die Stirn runzelte. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich über etwas aufregte, und sein Herz sank ihm in die Hose, als er realisierte, dass sie entschieden haben musste, die letzte Nacht sei ein Fehler gewesen.
„Äh", machte er. Er fühlte sich verloren. Was konnte er sagen? Es war ja nicht so, als könnte er es rückgängig machen. Wie sollte er es wieder in Ordnung bringen?
„Du bist heute Morgen wirklich sehr wortgewandt, Harry", kommentierte sie. „Hör mal, wenn es etwas gibt, das du sagen willst, dann schieß los."
Harry fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und spürte, wie ihm die Kontrolle noch weiter entglitt. „Es tut mir leid", sagte er.
„Ja, das habe ich schon mitbekommen", sagte Ginny scharf.
Harry blinzelte. „Ich liebe dich", platzte er hervor. Das war das erste, was ihm in den Sinn gekommen war. Er liebte sie wirklich und er hoffte, dass sie es so gerne von ihm hörte, wie es umgekehrt der Fall war.
Ginny starrte ihn an und zum ersten Mal bemerkte, wie ihre Augen glänzten. „Das freut mich", flüsterte sie und lehnte sich gegen die Wand. „Es hat mich überrascht, allein aufzuwachen."
Harrys Augen weiteten sich bei der Erkenntnis. Sie dachte, er wäre davongelaufen! Er sprang vom Bett und durchquerte schnell das Zimmer.
„Nein! Ich bin gegangen, weil ich nicht von Ron bei dir gefunden werden wollte. Ich wollte keinen Streit anfangen", sagte er hastig und strich eine einzelne Träne aus ihrem Augenwinkel.
„Du bereust es also nicht?", fragte sie mit angehaltenem Atem.
„Niemals. Ich werde niemals bereuen, was wir getan haben. Ich will es wieder tun", sagte Harry inbrünstig.
Ein zaghaftes Lächeln huschte über Ginnys Gesicht. „Gut", flüsterte sie und errötete.
„Letzte Nacht war grandios, Ginny. Ich bin noch nie so glücklich gewesen. Ich weiß, dass es nicht so perfekt für dich war, aber ich werde besser, das schwöre ich", sagte Harry schnell.
„Es war okay", sagte Ginny kichernd und bedeckte den Mund mit den Fingern.
„Nein, wirklich. Ich habe einige Sachen gelernt", sagte Harry ernsthaft. „Es wird besser werden, das verspreche ich dir."
„Einige Sachen gelernt? In den letzten paar Stunden? Wie?", erkundigte Ginny sich stirnrunzelnd.
„Vertrau mir, okay?" Harry war so heiß, dass er glaubte, explodieren zu müssen. Er wollte gerade wirklich nichts von dem Buch erzählen müssen. Diese Intimität zwischen ihnen war neu und es würde eine Weile dauern, bis er sich daran gewöhnt hatte.
„Okay", sagte Ginny kichernd, „aber du machst dir zu viele Gedanken. Ich war auch nervös. Das ist für uns beide neu, also werden wir es zusammen lernen."
„Wir brauchen einfach Übung", sagte Harry und wackelte mit der Augenbraue.
„Ja", sagte Ginny und gluckste. „Es wird ein Albtraum sein am Strand mit Ron und Hermine. Ich glaube nicht, dass ich aufhören kann zu kichern."
„Und ich will dich nur berühren", erwiderte Harry ehrlich. „Es wird schwer sein, mich in der Nähe von Ron unter Kontrolle zu halten. Hermine weiß es schon."
„Ja. Das habe ich bemerkt", sagte Ginny. „Mach dir keine Sorgen, ich werde ihr sagen, dass sie dich in Ruhe lassen soll. Ich bin sicher, dass sie in meinem Zimmer auf mich wartet."
„Was wirst du ihr sagen?", erkundigte Harry sich wachsam.
„Alles", erwiderte Ginny strahlend.
„Alles?", wiederholte er und schluckte.
„Oh, Harry", sagte Ginny und verdrehte die Augen. „Das einzige, das ihr Kerle nie über Mädchen begreift ist das Leichteste von allem. Wir reden. Weißt du, wenn Kerle zu dem emotionalen Teil einer Unterhaltung kommen, wo sie einander auf den Rücken schlagen und so tun, als wäre es nicht geschehen? Mädchen fangen da eine Unterhaltung an. Wir mögen Details und wir reden. Woher glaubst du, wusste ich sonst alles über Hermine und Viktor, während du und Ron keine Ahnung hattet?"
Harry kratzte sich am Nacken. Es behagte ihm immer noch nicht, was Ginny Hermine erzählen würde.
„Denk einfach gar nicht daran", sagte Ginny lachend. „Wie denkst du, fühl ich mich in dem Wissen, dass es mein Bruder sein würde, wenn du es teilen würdest?"
Harry schnaubte. „Das ist es ja. Ich kann es nicht einmal Ron erzählen!"
„Es wird leichter werden, wenn wir uns alle daran gewöhnt haben", sagte Ginny weise. „Du wirst schon sehen."
Harry nickte und hoffte, dass sie Recht hatte. Ginny kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück und er zog sich seine Badehose an.
Der Rest des Sommers verging in einer Reihe von sonnigen Tagen am Strand, mondbeschienenen Spaziergänge und Nächte voller Wunder und Entdeckungen. Harry und Ginnys Geburtstage gingen vorüber und bevor sie es wussten, war es an der Zeit, in die reale Welt zurückzukehren.
Harry hatte mit Hedwig Nachrichten an Professor McGonagall und Mrs. Weasley geschickt, um sie von seinen Plänen in Kenntnis zu setzen, zur Schule zurückzuehren. Die vier Freunde hatten beschlossen, drei Tage vor Schulanfang zum Fuchsbau zu gehen, um Zeit zu haben, ihre Bücher zu beschaffen, und damit Ginny im Ministerium ihren Appariertest absolvieren konnte.
Nach einem langen und herzlichen Abschied von Andromeda und Ted, reisten die vier Jugendlichen mit dem Flohnetzwerk zum Fuchsbau zurück. Draco hatte am Kamin gewartet, um sie zu verabschieden, und ihnen gesagt, dass sie sich in Hogwarts wiedersehen würden. Obwohl noch immer sehr langsam, befand er sich auf dem Weg zur Besserung und hatte ebenfalls entschieden, sein letztes Schuljahr zu vollenden.
Im Fuchsbau tauchte Harry als letztes aus dem Kamin auf und trat in eine neu renovierte Weasley- Küche. Es war zugleich vertraut und doch fremd mit all den Veränderungen und hellem, neuem Zubehör. Die langen Holztische standen immer noch im Zentrum des Raumes, doch das Holz war neu, glänzend und unbeschädigt. In der Küche duftete es fantastisch und das Aroma von Harrys Lieblingsgerichten bestürmten seine Sinne.
„Harry! Du bist auf den Füßen gelandet", stellte Ron erstaunt fest. Das Blau seiner Augen blitzte. Ron mochte es vielleicht niemals zugeben, doch er war glücklich, wieder zu Hause zu sein.
Harry blinzelte und starrte einen Moment auf den Kamin. „Stimmt", sagte er grinsend. „Vielleicht bin ich endlich erwachsen geworden."
„Wie geht's dir, Harry?", fragte Fred und klopfte ihm auf den Rücken.
Harry schüttelte ihm grinsend die Hand. „Mir geht's gut. Der Strand war fantastisch."
„Schaut nur, wie braungebrannt und gesund ihr alle ausseht", sagte Mrs. Weasley unter Tränen. Sie ließ Hermine los, um Harry in eine ihrer knochenzerbrechenden Umarmungen zu schließend. „Willkommen zu Hause."
Harry erwiderte ihre Umarmung fest und verlor sich in ihrer Wärme. „Es ist toll, wieder zu Hause zu sein", sagte er aufrichtig.
„Ginny, sieh dir nur all diese neuen Sommersprossen an! Hast du daran gedacht, deinen Hut zu tragen?" Mrs. Weasley berührte Ginnys Gesicht.
„Ich habe immer Sommersprossen, Mum", sagte Ginny und verdrehte die Augen.
„Was gibt's zum Abendessen? Ich bin am Verhungern", erkundigte sich Ron.
„Wie war Andromeda?", fragte Bill. „Ich habe sie mehrere Male bei Gringotts getroffen, aber ich habe sie nicht gesehen, seit wir Tonks verloren haben."
„Sie macht sich gut", erwiderte Harry. „Ein bisschen exzentrisch, aber ich schätze, ich hätte nichts anderes erwarten sollen."
„Die Ferien 'aben dir gut getan, 'Arry", sagte Fleur und küsste ihn auf beide Wangen. „Du siehst sehr gut aus."
„Danke", erwiderte Harry und errötete. Er sah hinunter und bemerkte die kleine Ausbeulung an Fleurs Bauch. „Wie fühlst du dich?"
„Mir geht es so gut wie nur mögliesch. Isch mag die Übelkeit am Morgen nischt", sagte sie stirnrunzelnd.
„Ah ja", machte Harry und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
Als Bill sich an Ron wandte, beugte Fleur sich herüber und raunte in Harrys Ohr: „Isch denke, es ist die Medizin der Liebe, die disch besser ge'eilt 'at als das Meer, nischt?" Ihre Augen funkelten fröhlich, während sie einen bedeutsamen Blick zu Ginny warf.
Ginny unterhielt sich gerade mit ihrem Vater, doch sie lächelte, als sie Harrys Blick bemerkte und zwinkerte ihm zu. Harry lächelte zurück und Fleur nickte zufrieden.
„Harry!", rief George und schlug ihm auf den Rücken. Er kam herüber, ohne das leiseste Anzeichen eines Humpelns. „Wie geht's dir, Kumpel?"
„Hi, Harry", begrüßte Shannon.
„Hi!", erwiderte Harry. „Wie geht's euch?"
„So gut wie neu", erwiderte George strahlend. „Das Geschäft läuft wie am Schnürchen. Fred, Shannon und ich haben es grad so geschafft, uns einen Tag freizunehmen. Wir haben heute früher zugemacht, um alle hier zum Abendessen sein zu können."
Shannon und Georges Hände waren ineinander geschlungen und sie schienen sehr glücklich miteinander zu sein. Harry konnte sehen, wie Iris Mrs. Weasley am anderen Ende des Raumes dabei half, das Essen auf den Tisch zu stellen.
Charlie war ebenfalls zu Hause und hatte seine rumänische Freundin Ekaterina mitgebracht. Harry kannte sie von Bills Hochzeit. Sie saßen beide am Tisch und unterhielten sich mit Hermine.
Ein warmes, zufriedenes Gefühl stieg in Harry auf. Es tat so gut, zu Hause zu sein, von seinen Lieblingsmenschen umgeben. In der Weasley- Küche war es so hektisch und voller Aktivität, wie es schon immer gewesen war, und es war schwierig, mit den verschiedenen Unterhaltungen mitzukommen.
Sie bauten sich wieder ihr Leben und eine Zukunft auf, doch sie nahmen sich immer noch die Zeit, sich zu versammeln und einfach die gegenseitige Gesellschaft zu genießen. Harry war nicht länger jener kleine Junge, der ungewollt in einen Schrank gestopft wurde. Stattdessen war er ein Teil einer warmen und liebenden Familie. Durch all die Hölle und Zerstörung, die Voldemort in sein Leben gebracht hatte, hatte Harry am Ende doch genau das bekommen, das er sich immer gewünscht hatte.
Als Mrs. Weasley das Essen auf den Tisch stellte und das Festgelage begann, nahm Ginny den Stuhl neben ihm ein und drückte seine Hand unter dem Tisch. Ihre Augen funkelten glücklich und erfüllten seinen Bauch mit Wärme.
Er lehnte sich zurück, bevor er seinen Teller füllte, und beobachtete die anderen schweigend. Ron und Hermine saßen ihm gegenüber. Ron füllte seinen Teller bis zum Rand und schaufelte ebensoviel auf Hermines Teller. Die Narbe an Mr. Weasleys Handgelenk lugte unter dem Ärmel seines Umhangs hervor, als er nach den Kartoffeln langte. Er konnte Fleurs Narbe sehen, als sie ihr Haar hinter das Ohr steckte, und wusste, dass Ginnys unter ihrem Haaransatz zu sehen war.
Jeder einzelne von ihnen war auf irgendeine Art und Weise vom Krieg gezeichnet worden. Vielleicht war der Grund, weshalb er sich hier so zu Hause fühlte, dass er wusste, dass das Mal auf seiner eigenen Stirn wirklich nur eine weitere Narbe war.
AN: Die Geschichte ist fast zu Ende, Leute. Es kommt noch ein einziges Kapitel, nämlich der Epilog.
