„David, schön dich zu sehen", freute Max sich. „Dass du extra zur Vorstandssitzung kommst, finde ich einen feinen Zug von dir. Bruno Lehmann freut sich sicher über die Unterstützung." – „Bruno Lehmann?", hakte David nach. „Ja, Bruno Lehmann. Dein Schwager… Hast du ihn noch nicht kennengelernt?" – „Doch, natürlich", besann sich David. Sicher hatte er Lisas Halbbruder schon kennengelernt. Er war ein Bauerntrampel, mehr nicht. Er passte gut zu den Plenskes, aber doch nicht zu Lisa. Er war kein Stück wie Lisa. Wenn es schon ein Halbbruder sein musste, dann doch bitte keinen wie den.
David betrat das Konferenzzimmer. „Lisa!", erkannte er seine Frau in der hintersten Ecke. „Wieso sitzt du denn da? Die Mehrheitseignerin sitzt doch immer da vorne." – „Ich bin aber keine Mehrheitseignerin mehr", erklärte Lisa ihrem Ehemann. „Bitte?", fragte David pikiert. „Ich habe meine Aktien Bruno überschrieben. Du hast selbst gesagt, dass du nicht mehr Tag und Nacht für die Firma ackern willst." Davids Blick verfinsterte sich. „Du… hast… die… Aktien… diesem… diesem… Bauerntölpel überschrieben?", fragte er lang gezogen. „David, Bruno ist mein Halbbruder und er… Aua, du tust mir weh", entfuhr es Lisa, als David sie an ihrem Oberarm packte und aus dem Stuhl zerrte. „Ich muss mal mit dir reden… unter vier Augen."
„David, was soll denn das? Sei doch nicht so grob zu mir", wehrte Lisa sich gegen ihren Ehemann, der immer noch ihren Arm fest umklammert hielt und sie so in das Foyer zerrte. „Du hast Kerima einfach so aufgegeben? Ohne mich zu fragen!" – „David, es sind meine Aktien… gewesen und wir waren uns doch einig, dass in Zukunft nur noch wir zählen, nicht mehr die Firma." – „Aber sie gleich abzugeben und dann auch noch an den! Ehrlich, Lisa, so etwas Dämliches hast du lange nicht mehr gemacht." David dreht sich von seiner Frau weg. Frustriert stemmte er seine Arme auf die Rückenlehne des Sofas, das mitten im Foyer stand. „Lässt sich das irgendwie rückgängig machen? Du musst mir den Vertag geben, dann lasse ich ihn von einem Anwalt prüfen." – „David, was soll denn dieser Aufstand?", wollte Lisa entsetzt von ihrem Ehemann wissen. Sie konnte sich seine Reaktion einfach nicht erklären. Er war doch sonst auch nicht so. „David?", fragte sie. Vorsichtig legte sie ihre Hände auf seine Schultern. „Überleg doch mal, wir werden bald Eltern. Willst du da wirklich den ganzen Tag in der Firma verbringen?" – „Natürlich nicht", gab David zu. „Aber sie gleich abzugeben? Wir hätten doch auch aus dem Hintergrund…" – „Das wäre Kerima gegenüber nicht fair. Bruno macht das ganz großartig. Ich bin immer für ihn da, helfe und berate ihn, wo ich nur kann." – „Wo du nur kannst", klang David plötzlich wütend. „Dann hättest du Kerima auch gleich behalten können. Ich kapiere einfach nicht, warum ausgerechnet dieser Dorftrottel!" – „Er ist mein Bruder, David. Ich traue ihm das zu und er…" Lisa kam nicht mehr dazu auszusprechen. David hatte sich abrupt herumgedreht. Sein rechter Arm schwang durch die Luft und seine Hand traf Lisa mitten im Gesicht. „Ah", reagierte sie sofort auf den Schmerz. Sie tastete nach ihrer Wange. „Ich blute", stellte sie schockiert fest. Davids Ehering hatte die Haut auf ihrem Wangenknochen aufgeschnitten. „Lisa, oh nein, das wollte ich nicht", entschuldigte David sich sofort. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so dicht hinter mir stehst. Lisa, ich… Zeig mal, tut es sehr weh? Soll ich dich einem Arzt bringen? Sag doch etwas!" – „Hast du mal ein Taschentuch?", fragte Lisa. „Ich würde das Blut gerne abtupfen."
