Apathisch saß Lisa in ihrem Schlafzimmer. Wann genau hatte David sich zu einem Schläger entwickelt? Vorsichtig nahm sie den Beutel mit Eis aus ihrem Gesicht und musterte das Hämatom auf ihrem Wangenknochen. Das wievielte war das jetzt? In den letzten Wochen hatte Lisa aufgehört zu zählen. Es war ein Unfall. Sie hatte ihn beim Fernsehen gestört. Es war aber auch zu blöd von ihr, ihn zu bitten, ihr den Schraubverschluss eines Glases zu öffnen. Und… naja… sie hatte auch eheliche Pflichten zu erfüllen, auch wenn sie sich nicht immer danach fühlte. Lisa packte den Eisbeutel zurück in ihr Gesicht. Wenn das Baby erstmal da war, denn würde ganz sicher alles besser. Liebevoll strich sie über die leichte Wölbung ihres Bauches. Bis dahin war es aber noch eine lange Zeit. Hoffentlich gab sich Davids Jähzorn ein wenig… und noch viel wichtiger: Seine Eifersucht. Er kochte vor Eifersucht, wenn sie außer Haus ging, ohne ihm einen Zettel mit der Uhrzeit ihrer Rückkehr und dem Ziel ihres Ausfluges hinterließ. Sofort vermutete er einen Liebhaber, was natürlich ausgemachter Blödsinn war. Sie liebte doch niemand Anderen als ihn! Sie hatte immer nur ihn geliebt und sie würde ihm durch diese Phase helfen. Er war ganz sicher bald wieder der Alte – der liebevolle, fürsorgliche David, den sie geheiratet hatte. Lisa sah auf die Uhr. Die Zeitung müsste schon da sein. Endlich etwas, um sich auf andere Gedanken zu bringen! Da draußen gab es doch ganz andere Probleme als diese kleine Ehekrise!

Ohne wirklich die Überschriften oder gar die Artikel zu lesen, blätterte Lisa durch die Zeitung. David war zum Mittagessen mit Max verabredet und dementsprechend lange außer Haus. Einen Moment spielte Lisa mit dem Gedanken, Bruno, Jürgen oder ihre Mutter anzurufen und sich ebenfalls zu verabreden, doch dann viel ihr der Bluterguss wieder ein. Jürgen nahm ihr die Ausreden schon lange nicht mehr ab – er hielt es für unwahrscheinlich, dass Lisa sich ständig an irgendwelchen Schranktüren stieß. Dann eben ein andern Mal, tröstete Lisa sich. Wenn der Bluterguss wieder weg war. Dann konnte sie ja immer noch etwas mit ihren Freunden oder ihrer Familie unternehmen. „R. Kowalski kehrt Werbebranche den Rücken", fiel ihr Blick plötzlich doch auf einen Artikel. Dieser Artikel zog nun doch Lisas Aufmerksamkeit auf sich. Endlich ein Lebenszeichen von Rokko! Hoffentlich ging es ihm gut! Hoffentlich hatte er sein Glück doch noch gefunden! Vielleicht war das ja der Grund für seinen Ausstieg aus der Werbebranche… Bestrebt, eine Antwort auf alle diese Fragen zu finden, machte Lisa sich daran, den Artikel zu lesen.