Diana Reuter. Rokko betrachtete das Namensschild seiner neuen Nachbarin. Von ihrem Einzug war kaum etwas zu hören gewesen und gesehen hatte er sie auch noch nicht. Es war zwar kein kleines Mietshaus, aber wenigstens ihrem direkten Nachbarn hätte sie sich vorstellen können. Nun ja, würde er den Spieß einfach umdrehen. Einen Laib Brot in der einen Hand und einen Becher mit Salz in der anderen versuchte er zu klingeln, was ihm mit einiger Anstrengung auch gelang. Eine ganze Weile herrschte absolute Ruhe hinter der Tür, dann plötzlich leise Schritte. Ganz vorsichtig ging die Tür auf und eine verschüchterte junge Frau sah durch den Spalt, den die Sicherheitskette gerade so zuließ. „Ja?" – „Hallo, ich bin Ihr neuer Nachbar. Ich wollte Sie nur recht herzlich willkommen heißen. Ähm… ich habe Ihnen ein Brot und Salz mitgebracht. Das macht man so, habe ich mir sagen lassen." Diese Stimme… irgendwoher kannte sie diese Stimme. Sie hatte so etwas Warmes, Freundliches… Die junge Frau machte die Tür wieder zu. Dann das Klickern der Sicherheitskette. „Das ist sehr nett", sprach sie, als sie die Tür wieder geöffnet hatte. Sie sah auf und erstarrte. „Lisa?", fragte Rokko irritiert. Er sah auf das Namensschild. Diana Reuter. „Bist du eine Freundin meiner neuen Nachbarin?", schlussfolgerte er unsicher. Lisa senkte beschämt ihren Blick. „Was hast du denn da?", wollte Rokko auf ihren Wangenknochen deutend wissen. Völlig überfordert mit der Situation warf Lisa wortlos die Tür ins Schloss. Rokko blieb mit seinem Brot und dem Becher mit Salz perplex davor stehen.

Wenn du reden willst, ich bin Zuhause, stand auf einem Zettel, den Lisa kurze Zeit später hinter ihrer Tür fand. Rokko musste ihn unter der Tür hindurch geschoben haben. Wollte sie reden? Nein, ganz sicher nicht. Er war bestimmt schadenfroh, dass ihr Glück mit David diese Wendung genommen hatte. Aber ein Gespräch schuldete sie ihm. Mutig trat Lisa aus ihrer Wohnung heraus. Das erste Mal, seit sie vor über einer Woche eingezogen war. Sie sah sich um, als würde sie einen Angreifer im Treppenhaus vermuten. Dann lief sie in kleinen, schnellen Schritten zu der Tür, die ihrer genau gegenüberlag. Sie legte ihren Finger auf die Klingel. Gerade, als sie es sich anders überlegen wollte, erklang auch schon ein Gong. So ein Mist, jetzt gab es kein Zurück mehr. Wie spät war es eigentlich? Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Nicht, dass Rokko schon schlief oder so. „Hey", grüßte sie plötzlich eine Stimme. „Hey-y", wiederholte Rokko. „Träumst du?" – „Ähm… du wolltest reden", besann sich Lisa auf den Grund ihres Besuches. „Nun ja, eigentlich hatte ich dir angeboten, zu reden. Du machst mir nicht den Eindruck, als würde es dir sonderlich gutgehen. Andererseits hatte ich natürlich ein bisschen gehofft, du würdest so etwas sagen wie: ‚Lass mal gut sein, aber ich würde dir gerne das mit unserer Hochzeit erklären'." – „Das würde ich sehr gerne", seufzte Lisa. „Wenn ich es könnte." – „Komm doch erstmal rein", trat Rokko beiseite. Zu ihm in die Wohnung? Ganz alleine zu ihm in die Wohnung? „Oh… okay", antwortete Lisa zögerlich. „Keine Sorge, ich tue dir schon nichts. Aufgeräumt ist auch und du wirst erstaunt sein: Ich bin nicht zum Alkoholiker oder Junkie mutiert, seit du mich abserviert hast. Das einzige, was sich stapelt, sind die Tests, die ich korrigieren muss. Ich hatte mir den Wechsel an eine Berufsschule auch leichter vorgestellt." Lisa lächelte gequält. „Ich habe davon in der Zeitung gelesen. Gefällt dir die neue Arbeit?" – „Es ist eine Umstellung", gab Rokko offen zu. „Mit etwas Abstand folgte er Lisa in sein Wohnung. „Aber das Angebot, angehende Werbefachmänner und –frauen zu unterrichten konnte ich nicht ablehnen. Ich meine, es war Zeit für etwas Neues und das Angebot kam gerade zur richtigen Zeit. Es ist natürlich bei Weitem nicht so einträglich wie meine Stelle bei Kerima, aber… naja… es macht mir Spaß und…" – „Dort ist niemand, der deine Gefühle mit Füßen trampelt", vervollständigte Lisa. „Nun ja, das wollte ich so nicht sagen, aber ja, das trifft auch zu. Setz dich doch", bot Rokko an, als Lisa unsicher vor seiner Couch stehen blieb. „Möchtest du etwas trinken?" – „Nein… nein, Danke", lehnte Lisa ab.

„Was ist da passiert?", deutete Rokko nach einem langen Gespräch auf Lisas Wangenknochen. „Das war ein Unfall." – „Ein Unfall", echote Rokko. „Die Sorte von Unfall, bei der man seinen Namen ändert und die Stadt verlässt?" – „Hm", brummte Lisa. „In den nächsten Tagen kommt ganz sicher auch noch eine Flut an Zeitungsartikeln, die den überraschenden Tod der Lisa Plenske dokumentieren." – „Oh", entfuhr es Rokko überrascht. „Willst du wirklich nicht darüber reden?" – „Nein. Dafür bin ich noch nicht bereit. Und noch viel weniger bin ich für die ganzen ‚ich hab's dir ja gesagt's bereit." – „Das würde ich niemals tun. Alles, was du mir über unsere Hochzeit gesagt hast, hat im Prinzip das bestätigt, was ich mir selbst zusammengereimt habe: Du hast immer nur David geliebt. Okay, das hättest du mir sagen können, bevor ich dem Pastor ein inbrünstiges ‚Ja' entgegen geschmettert habe…" Beschämt sah Lisa auf ihre Hände. „Es tut mir leid. Wenn ich eines in den letzten Wochen gelernt habe, dann wie es ist, wenn man liebt und einem wehgetan wird. Das kann ich nie wieder gutmachen." – „Ui, theatralisch wie eh und je. Lisa, ich kann mittlerweile damit umgehen. Es war keine schöne Erfahrung, aber auch keine, die mich komplett zerstört hat. Solange du jetzt nicht in den ‚mit Rokko wäre alles anders gekommen'-Modus verfällst, haben wir ganz sicher eine gute Nachbarschaft." – „Ich sollte jetzt wieder gehen", ging Lisa nicht auf Rokkos Kommentar ein. „Schön zu wissen, dass es dir gutgeht", verabschiedete sie sich von Rokko. „Hm", brummte dieser als Antwort. „Wenn du irgendwann soweit bist, ich kann nahtlos da anknüpfen, wo ich aufgehört habe, dein Seelenmülleimer zu sein." – „Dafür ist alles noch viel zu frisch, aber Danke für das Angebot."