Diana Reuter. Unter diesem Namen versteckte sich also sein Mädchen hier in der Provinz. David betrachtete die Namensschilder: D. Reuter. Der Detektiv hatte ganze Arbeit geleistet. Doch was war das? R. Kowalski? Der Detektiv war ein Taugenichts. Bei Kowalski war sie! Wo auch sonst. David griff in seine Jackentasche und holte ein Werkzeug heraus. Gleich würde bei seinem Mädchen sein und direkt danach würde er Kowalski den Gar ausmachen.
„Das war ein sehr schöner Abend", gestand Lisa Rokko. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal im Zirkus war." – „Schön, dass es dir gefallen hat", freute Rokko sich mit seiner Nachbarin. „Ich fand den Abend auch phänomenal", grinste er sie an. „Noch schöner wäre er natürlich, wenn…" – „Wenn?", hakte Lisa unsicher nach. „Wenn… weißt du, ich war heute einkaufen und ich habe diesen leckeren Obstsalat mitgebracht. Den würde ich glatt mit dir teilen." – „Oh", lächelte Lisa. „Du bist süß, wenn du unsicher bist." Rokko machte einen Schritt auf sie zu. „Ich weiß, das habe ich schon mal gesagt, aber eigentlich siehst du immer süß aus." – „Ja?", hakte Lisa nach. Sie leckte sich kurz über die Lippen. „Diesmal funkt bestimmt niemand dazwischen." – „Das ist schön", erwiderte Rokko heiser. Fast schon unerträglich langsam legte er seine Lippen auf Lisas.
Mit weitaufgerissenen Augen stand David hinter Rokkos Wohnungstür. Er sah durch den Spion und glaubte, er würde träumen. Da stand sein Mädchen und küsste diesen… diesen Taugenichts. Wütend ballte sich Davids Hand um das Werkzeug, mit dem er sich Zugang zu der Wohnung verschafft hatte.
„Was ist? Kommst du noch kurz mit rein? Nur für ein paar Vitamine, keine Sorge, mehr will ich ja gar nicht", sah Rokko Lisa an. „Gerne, aber wirklich nur auf ein paar Vitamine", stellte sie indirekt klar, dass sie für mehr noch nicht bereit war. „Okay", lächelte Rokko sie an. Sein Lächelnd erwidernd griff Lisa nach Rokkos Hand. Dieser drückte sie kurz, bevor er seine Wohnungstür aufschloss.
„Das hätte den Elefanten ganz sicher auch geschmeckt", hörte David Lisa noch lachen. Sie würde ja ganz sicher nicht ewig bei diesem Kowalski bleiben. Sonst hätte sie ja ganz sicher keine eigene Wohnung. Er würde sich erst sein Mädchen wiederholen und sich dann um diesen Suppenkasper kümmern. So leise und unbemerkt wie er Rokkos Zuhause verlassen hatte, verschaffte er sich nun Zugang zu Lisas Domizil. Was für eine hässliche Einrichtung! Alles so bunt, nichts passte zusammen! David schüttelte den Kopf. Sein Mädchen würde schon bald wieder in den Genuss ihres stilvollen Penthauses kommen.
„Ich bin müde. Ich sollte jetzt gehen", verabschiedete Lisa sich von Rokko. „Ist gut. Warte, ich bringe dich." – „Das musst du nicht. Ich muss doch nur über den Flur gehen, schon vergessen?", lachte Lisa. „Aber ich bringe meine Dates immer bis zur Tür. Ich gebe zu, davon erhoffe ich mir einen zünftigen Abschiedskuss…", grinste Rokko. „Den kannst du auch hier haben." – „Nee, die Spielregeln für ein Date sind anders", wehrte Rokko das Angebot ab. „Ich bringe dich schnell rüber."
„Danke für's Bringen. Das war ein sehr schöner Abend. Ich habe ihn und deine Gesellschaft sehr genossen." – „In der Reihenfolge?", zog Rokko die Augenbrauen hoch. „Öhm… ja, aber das sage ich nur, damit du dir nicht zu viel einbildest", scherzte Lisa. „Es ist schön, dich lachen zu sehen", gestand Rokko. „Es ist schön, wieder lachen zu können. Danke, Rokko." – „Ach, geht das auf mein Konto?", schmunzelte dieser. „Das ist aber nicht umsonst. Dafür will ich einen deiner überirdischen Küsse." Lisa beugte sich vor, um ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen zu hauchen. „Du musst ins Bett, sonst lernen deine Schüler morgen nichts." – „Ay-ay", salutierte Rokko gespielt. Lisa drehte sich um und schloss ihre Wohnungstür auf. Augenblick hallten ihr die ersten Takte von „Bolero" entgegen. „Nein", schossen ihr die Tränen in die Augen. „Hast du vergessen, dein Radio auszumachen?", fragte Rokko. „David, er hat mich gefunden", stammelte Lisa. „Was? Wie kommst du denn darauf?", verstand Rokko nicht. „Hallo mein Mädchen. Wie schön dich wiederzusehen!", erklang Davids Stimme aus dem dunkeln Flur. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dass du nicht tot bist. Ich freue mich allerdings weniger, dass der da auch hier ist." David streckte seine Hand nach Lisa aus. „Tränen der Wiedersehensfreude", stellte er fest, als seine Hand Lisas nasse Wangen berührten. „Endlich habe ich dich wieder, mein Mädchen." Während Lisa starr vor Schock regungslos war, stellte Rokko sich vor sie. „Nimm deine Decksfinger von ihr", zischte er David zu. „Ho, wer hat Sie denn aus Ihrem Käfig gelassen? Sie haben mein Mädchen begrabbelt – schon wieder." – „Wie fühlt sich das eigentlich an, ein Frauenschläger zu sein, he?", setzte Rokko zu einer Provokation an. Ohne etwas zu erwidern holte David aus. Seine Faust traf Rokko hart mitten im Gesicht. Taumelnd ging er zu Boden. „Mein Mädchen", wandte David sich wieder an Lisa. „Komm, das ist unser Lied." Er griff nach Lisas Hand. Scheinbar widerstandslos ließ Lisa sich von ihm in ihre Wohnung führen. „Es tut so gut, dich endlich wiederzusehen. Hast du mich auch vermisst? Unser Lied? Unser Zusammensein?" David verschloss die Tür, bevor er Lisa an sich zog. Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge. „Ich habe deinen Duft so vermisst. Ich verzeihe dir, dass du dich von Kowalski hast begrabbeln lassen. Aber von nun an ist das wieder etwas nur zwischen uns, ja?" Sicher, dass Lisa sich nicht wehren würde, drängte David sie an die Wand. „Es wird alles wieder genauso schön wie früher", beschwor er sie. Seine Hände streckten sich nach Lisas Bluse aus. Er öffnete einen Knopf nach dem anderen, streichelte die darunter freiwerdende Haut. „Das sind Freudentränen, ich weiß es, mein Mädchen", deutete David auf Lisas tränenüberströmtes Gesicht. „Es wird genauso schön wie immer", presste er sich gegen sie. Mit einem Mal hob Lisa ihr Knie und rammte es David in den Unterbauch. „Du tust mir das nie wieder an!", kreischte sie ihn panisch an. Ein spitzer Schmerz durchfuhr Davids Körper. Er ließ von seiner Ehefrau ab, um sich im Schmerz vorn über zu beugen. „Du Miststück", zischte er. Doch Lisa war in die Küche gerannt. Hektisch suchte sie nach ihrem Telefon. Zitternd wählte sie den Notruf.
„Mein Mädchen, was machst du denn da?", wollte David wissen, als er zu Lisa in die Küche kam. „Wir wollen doch jetzt unter uns sein." – „Ja, Diana Reuter", sprach Lisa in den Telefonhörer. „Bitte, beeilen Sie sich!", flehte sie, bevor David ihr den Telefonhörer abnahm und auflegte. „Niemand muss sich beeilen, am wenigsten wir beide. Wir haben doch jetzt wieder ein ganzes Leben vor uns." Kopfschüttelnd stolperte Lisa rückwärts, weg von David. „Du bist total irre, richtig durchgeknallt. Keine Ahnung, wann das angefangen hat und ob sich das therapieren lässt, aber ich will nichts mehr mit dir zu tun haben." – „Du kannst mich nicht abschieben wie die Firma, nur weil du keine Lust mehr auf mich hast. Bis das der Tod euch scheidet, das hast du geschworen", erwiderte David. „Ich bin nur hier, um zu holen, was mir zusteht." Er wollte auf Lisa zuspringen, als diese geistesgegenwärtig nach einem Stuhl griff. „Ich ziehe ihn die über den Kopf, wenn du mir zu nahe kommst", drohte sie. „Du bist so süß, wenn du wütend bist", ignorierte David ihre Drohung. Stattdessen ging er weiter auf seine Frau zu. „Du widerliches Schwein", schrie Lisa ihre ganze Wut heraus, als sie David den Stuhl gegen den Oberkörper schlug. „Du hast mein Baby umgebracht!", rechnete sie lautstark mit ihm ab. Wieder schlug sie mit dem Stuhl auf ihren Ehemann ein. Diesmal traf sie seinen Kopf. David begann zu schwanken. Er bot alle Kraft auf, um sich an der Küchenzeile festzuhalten. „Du hast mein Baby umgebracht!", wiederholte Lisa verzweifelt. Der Stuhl traf David erneut am Kopf. Diesmal sank er gänzlich zu Boden. „Mein süßes, kleines, unschuldiges Baby ist deinem Wahnsinn zum Opfer gefallen." Obwohl der Stuhl schon kaputt war, schlug Lisa immer wieder damit auf David ein.
„Lisa?", schwankte Rokko auf seine Nachbarin zu. „Ist alles mit dir in Ordnung? Hat er dir etwas getan?" – „Nein", schüttelte sie den Kopf, bevor sie sich in Rokkos Arme stürzte. „Ich habe mich endlich gewährt." Über Lisas Schulter hinweg konnte Rokko sehen, wie die von der Polizei herbeigerufenen Sanitäter David auf einer Trage nach draußen brachten. „Das sehe ich." Es lag so etwas wie Anerkennung in Rokkos Stimme.
