Wolkenbruch
Kapitel 2
Nicht alle Wolken bringen ausschließlich Regen
Erschrocken, hatte die junge Frau aufgeschrieen, als der Regen sie so unvermittelt traf. Ihr Date, war Wort wörtlich ins Wasser gefallen. Damit hatte aber wirklich niemand rechnen können. Das es schütten würde, wie aus Eimern. Binnen weniger Sekunden war ihr helles Sommerkleid triefend nass geworden. Ihre Schuhe standen förmlich unter Wasser und der edle Tropfen in ihren Gläsern vermischte sich mit dem Regen. Anzu seufzte betrübt. Hatte sie heute noch so viel mit Seto vor gehabt. Doch im Moment sah es damit ziemlich schlecht aus. Kaiba packte ihre Hand und zerrte seine Begleitung kommentarlos auf die Beine. Schnell flüchteten sie ins Hausinnere, wo der CEO die Terrassentür geräuschvoll zuzog, kaum das Anzu durch die Tür gehuscht war. Tropfend und frierend, standen sie ein wenig hilflos nebeneinander. Blickten hinaus in den Garten, wo ihr Picknick unter den Wassermassen geradewegs zu ertrinken schien. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Solch ein Zwischenfall, sollte eventuell auch umkommentiert bleiben. Ein wirklich toller Abend! So hatte ihn sich Anzu nicht vorgestellt. Aus dem Fenster zu starren, ihrem gemeinsamen Essen hinterher zu trauern und auf Kaibas teuren, weißen Teppich zu tropfen. Sie war gerade dabei ihn zu ruinieren, dessen war sich die junge Frau durchaus bewusst.
Doch dem Mann neben ihr schien das nicht sonderlich zu stören. Eine super tolle Verabredung war das. Das Schrie ja geradezu nach einer Fortsetzung. Seto sah seine ehemalige Mitschülerin nur kurz an, ehe er den Blick etwas zu hastig wieder abwandte. Dies irritierte Anzu allerdings ein wenig. Was hatte er denn auf einmal? Sah die Tänzerin so schrecklich aus, dass er ihren Anblick nicht länger ertragen konnte? Okay, ihre Frisur hatte ihren halt verloren und ihr Kleid klebte unangenehm an ihrem Körper, aber war das nicht gleich ein Grund... Moment mal... ihr Kleid klebte an ihr? Sofort blickte die Frau an sich herunter und realisierte erst jetzt die Problematik. Dieses verräterische Stück Stoff klebte nicht nur, nein, es wurde zu allem Überfluss auch noch durchsichtig. Beschämt versuchte Anzu irgendwie ihre kaum noch verhüllten Blöße zu bedenken, was allerdings unnötig war. Er blickte sie ohnehin nicht an. Seto schien es kalt zu lassen. Da konnte sie auch nackt vor ihm herumspringen, es würde ihn anscheinend nicht interessieren. Oder blickte er sie nur aus Anstand nicht an? War er nicht neugierig? Obgleich angeblich mehr zwischen ihnen war? Und im selben Moment schallte sie sich für diese unanständigen Gedanken.
Sie konnte doch froh sein, dass er derartig viele Manieren an den Tag legte und sie nicht anstarrte wie ein Wolf, der den Braten vor sich liegen hat.
„Komm mit. Ich zeig dir wo das Badezimmer ist."
Es klang beinahe wie ein Befehl. Etwas unfreundlich und kalt. Welchem Anzu nicht zu widersprechen versuchte. Sie wollte sich einfach nur abtrocknen und dann so schnell es ging nach Hause. Nach so einer Blamage hielt sie hier nichts mehr. Die junge Frau konnte Seto in diesem Zustand nur schlecht in die Augen sehen. Und ehrlich gesagt wusste sie nicht, wann sie nach so einer Pleite überhaupt ihr nächstes Date haben würde. Ob es überhaupt ein nächstes Date geben würde. Das machte Anzu traurig. Während die Beiden die unzähligen Stufen nach oben in den ersten Stock hinaufstiegen, hörte die Tänzerin wieder die sehnsuchtsvolle Melodie, die aus Mokubas Zimmer zu dringen schien. Der Junge hatte eindeutig Talent, dass musste sie ihm lassen. Als sie an einem großen Fenster vorbeiliefen, gab es plötzlich einen markerschütternden Knall und das Licht im ganzen Haus erlosch. Auch Mokubas Musik verstummte augenblicklich. Anzu war merklich zusammen gezuckt. Nur noch ihre Atemzüge waren zu vernehmen. Seto gab einen verwunderten Laut von sich, ehe sich seine Laune um eine weitere Nuance verschlechterte.
Das war wohl das schrecklichste Date aller Zeiten. Dabei hatte es so schön werden sollen.
„Na klasse, totaler Stromausfall."
Er drehte sich zu seiner Begleiterin um, welche wie ein scheues Kaninchen in der Ecke stand. Seine Augen, zwei tiefblaue Juwelen die in der Dunkelheit zu leuchten schienen. Sein Blick ging ihr durch und durch. Wie eine Raubkatze die vor ihrer Beute stand. Eine Gänsehaut wanderte ihren Rücken hinauf.
„Warte hier, ich gehe kurz in den Keller und stell den Strom wieder an."
Anzu nickte unsicher. Hier allein, auf diesem dunklen Flur. Irgendwie unheimlich. Doch das würde sie ihm nicht sagen. Am Ende würde er die Tänzerin noch für ein kleines, verängstigtes Mädchen halten. Und im Geiste verbot sie sich, die aufkommenden Gedanken und Szenarien durchzuspielen, welche sich so unaufhaltsam in ihr Bewusstsein zu drängen versuchten. Nein Anzu, denk jetzt nicht an die unzähligen Horrorstreifen, die du mit Jonouchi und Honda ansehen musstest, weil du so eine gute Freundin bist. Denk am besten gar nichts! Als der CEO gerade loslaufen wollte, schlug der Blitz mit einem gewallten Knall erneut in eines der Häuser ein. Das grelle Licht und der plötzlich Krach jagten Anzu einen gewaltigen Schrecken ein.
Reflexartig griff sie nach Seto und klammerte sich an ihn. Wie war das gerade noch mit dem verängstigten kleinen Mädchen? Super Anzu, sehr erwachsen. Das hat jetzt sicher Eindruck auf ihn gemacht. Wie um sich zu trösten, legte er seine Hand auf ihre. Die junge Frau spürte ihn wieder näher kommen. Ließ es geschehen, dass er ihr Gesicht streichelte, sie an sich zog. Konnte er sie und ihre Angst verstehen? Es nachvollziehen? Das hätte Anzu nicht für möglich gehalten.
Das Haus war still, niemand hörte ihre Küsse, niemand beobachtete die Finger auf ihrem zärtlichen Weg unter ihr Kleid. Anzu stand zwischen zwei glatten Säulen an die Wand gepresst. Sie fühlte das Seto mehr wollte. Plötzlich aus sich heraus kam. Machte das die Dunkelheit? Fühlte er sich nun sicherer? Unbeobachteter? Oder war es, weil er spürte, dass die Angst seines Gegenübers größer war als seine eigene? Das er in diesem Spiel die Oberhand haben würde? Dieser Wolkenbruch und dieser Stromausfall schienen endlich alles zu verändern. Sie ließ seine Hände und seinen Mund ihren Körper abtasten, spürte seinen heißen Atem durch den zarten Stoff, mitten über ihrem Schoß. Eigentlich hatte sie sich ihr erstes Mal nicht so vorgestellt.
Als Liebeszwischenspiel im Stehen. Doch um nichts in der Welt wollte Anzu, dass er jetzt aufhörte. Endlich bekam sie auch ein wenig körperliche Zuneigung von ihm. Ein Zeichen dafür, dass sie ihm etwas zu bedeuten schien. Etwas, was ihr so lange verwehrt geblieben war, obwohl sie sich danach sehnte. Da war es ihr egal, wie und an welchem Ort. Doch ihm schienen dieselben Gedanken durch den Kopf zu gehen.
„Komm...", raunte er in ihr Ohr, zog sie hinter sich her in sein Zimmer.
Das erste Mal das Anzu in diesem Raum war. Doch viel Zeit blieb ihr nicht, um sich genauer umzusehen. Gierig auf der Suche nach empfindsamen Stellen, zogen sie sich aus. Seine Hände erkundeten ihren Körper. Das wenige Licht, dass durch die dicken schwarzen Wolken schien, gab ihnen genug Helligkeit, um ausreichend zu sehen. Liebesbisse wechselten sich ab mit stürmischen Küssen und neugierigen Händen. Eng umschlungen fielen sie auf das Bett. Er glitt zwischen ihre Schenkel, öffnete sie wie ein Geschenk. Es tat nicht wirklich weh. Ein kurzes Ziehen, aber nicht mehr. Jedes Eintauchen, ein Einstimmen auf seine Partnerin, als ob er den richten Ton suchte und genau dort weitermachte, bis sie ihre Lust heraus keuchte. Und noch immer hörte er nicht auf, ließ sie kommen, bis sie glaubte, ihr Körper würde explodieren.
Nachdem Seto seinen Gürtel geschlossen hatte, blickte er die jungen Frau neben sich an. Inzwischen funktionierte das Licht wieder. Entweder hatte Mokuba oder einer der Angestellten sich darum gekümmert. Glücklicherweise hatte sie niemand gestört.
"Und du willst wirklich nicht bleiben?"
Anzu schüttelte nur mit dem Kopf, lächelte ihm allerdings zu. Sein Angebot, zu dieser späten Stunde bei ihm Übernachten zu können, schlug die Tänzerin aus. Nicht das sie Angst vor einem erneuten Übergriff hatte. Viel mehr zweifelte sie an ihrer eigenen Standfestigkeit.
„Es ist spät und meine Mutter würde nur Telefonterror schieben. Und glaub mir, dass wollen wir uns nicht antun."
Er schien zu verstehen. Jedenfalls bohrte er nicht weiter nach oder versuchte sie umzustimmen.
„Darf ich dich noch zur Tür bringen?"
Die Frage war höflich, aber aufrichtig. Anzu freute sich darüber, dass er plötzlich so gesprächig war. Was so eine kleine Runde Zärtlichkeiten doch verändern konnte.
„Gern."
An der Eingangstür angekommen drehte sie sich noch einmal zu ihm um. Das war er also. Der Moment, des hoffentlich vorübergehenden Abschieds. Anzu hoffte darauf, ihn wieder zu sehen. Das hier war kein One Night Stand gewesen. Zumindest was die junge Tänzerin betraf. Aber die Frage nach einer Beziehung war leider auch nicht gefallen. Sie taten sich beide schwer damit, weil sie nicht wussten, was der andere darüber denken könnte. Und in diesem Fall schien es Seto ausnahmsweise einmal nicht egal zu sein, was ein anderer Mensch dachte.
„So einen Abend können wir ruhig häufiger einplanen. Es hat... mir sehr gefallen."
Anzu kam nicht umhin, rot anzulaufen. Welche Wortwahl. Doch zu direkt konnte sie auch nicht werden. Der Sex mit ihm war schön gewesen, obwohl sie anscheinend beide noch ganz am Anfang standen, doch das würde Seto niemals zugeben, selbst wenn es so wäre. Wobei sie sich da nicht mal so sicher war. Würde er auf das Angebot anspringen? Den Köder schlucken? Anzu war gespannt. Ihr gegenüber grinste sie nur siegessicher an, wie es die junge Frau sonst nur aus seinen Duellen kannte.
„Wenn du willst könnte ich gleich morgen eine Fortsetzung in meinem Terminkalender eintragen. Selbstverständlich nur, wenn du Zeit hast. Wir können es auch auf das Wochenende verschieben."
So eilig hatte er es also? Es schien auch ihm gefallen zu haben. Aber gut, dass gefiel ihr alle mal besser, als sich nur alle zwei Wochen zu treffen.
Das kam ihrer ersehnten Beziehung doch schon deutlich näher. Anzu nickte zufrieden.
„Ich muss morgen nicht arbeiten, aber was ist mit dir? Ich dachte du hättest so viel zu tun. Können wir uns da überhaupt sehen."
„Dafür verschiebe ich das gern."
So offen und ehrlich heute? Seto du machst dich ja, dachte die Tänzerin ein wenig belustigt, aber überglücklich, über diese Wendung der Situation. Endlich konnte sie wieder hoffen.
„Und was machen wir dann?", fragte die junge Frau mit zuckersüßer Unschuld, obgleich sie zu ahnen schien, wonach ihm der Sinn stand.
„Lass dich überraschen.", war alles, was er dazu sagte, ehe er ihr einen Kuss auf die Augenlider hauchte.
„Nehmt euch ein Zimmer.", erklang plötzlich eine jugendliche, eindeutig männliche Stimme neben dem Paar.
Mokuba war gerade aus der Küche gekommen. In der Hand ein Sandwich zu seiner Stärkung. Er sah die beiden gespielt vorwurfsvoll an, ehe er die Treppe nach oben zu seinem Zimmer stieg. War das eine Zurechtweisung? Aus dem Mund dieses Teenagers? Anzu musste darüber lachen und Seto schien es ebenfalls sehr zu amüsieren. Und zum ersten Mal, seit sie sich näher gekommen waren, erlaubte er ihr, sich an ihn zu lehnen, während eine andere Person anwesend war.
ENDE
