Kapitel 6
Die Kälte sauste an mir vorbei und schon nach kurzer Zeit nahm ich sie gar nicht mehr richtig wahr. Es war unwichtig. Alles war unwichtig, solange ER nicht hier war. Wieso war er nicht mitgekommen?
Wieso hatte er mich hier alleine gelassen?
So etwas machten Freunde doch nicht, oder?
Freunde waren immer füreinander da. Freunde bleiben in Kontakt, auch wenn sie noch so weit voneinander entfernt waren. Wieso also hatte Jake sich nicht gemeldet? Wieso hatte ich keine E-Mail bekommen? Wieso hatte er nicht angerufen?
Er konnte mich doch nicht nach so kurzer Zeit schon vergessen haben. Immerhin war ich seine beste Freundin.
So viele Fragen schwirrten durch meinen Kopf, dass ich es kaum mitbekam, als sich der Wind, der bisher um uns getanzt hatte legte und sich in Nichts auflöste.
Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen öffnete, lag ich in meinem Bett. Die Decke lag halb auf dem Boden und auch die Kissen war nicht da, wo sie sein sollten. Ich hatte wohl ziemlich unruhig geschlafen. Und als ich einen blick zum Fenster warf, musste ich feststellen, dass ich auch nicht besonders lange geschlafen hatte. Der Mond schickte sein silbernes Licht durch mein geöffnetes Fenster und erhellte den Raum ein wenig.
Wie ich den Mond liebte. Er gehörte zu den wenigen Dingen im Leben, die sich niemals änderten. Egal was geschah. Jede Nacht zog er seinen Weg am Sternenhimmel.
Ja, ich weiß. In meiner Welt veränderte sich nicht viel. Meine ganze Familie veränderte sich nicht. Nur Opa Charlie und Billy. Seth hatte sich Früher auch noch verändert. Er war jetzt viel größer. Hatte breitere Schultern und auch als Wolf war er um einiges gewachsen. Aber sonst blieb alles gleich. Keine Großartigen Veränderungen. Und ich war dankbar dafür. Ich hasste Veränderungen.
Der Umzug nach Irland war eine Veränderung. Und ich hasste sie. Das einzig gute, was sie bisher mit sich brachte waren Collin und Josh. Aber glaubt mir. Wenn ich an ihrer Stelle Jake haben könnte, ich würde nicht zögern, auch wenn sich das jetzt herzlos anhört.
Ich hatte wohl ein wenig zu viel Zeit mit Tante Rose verbracht. Emmet hatte mal gesagt, dass sie ein ganz einfacher Mensch war, wenn man ihr das gab, was sie haben wollte. Nur genau das zu machen war meistens gar nicht so einfach.
Für mich zumindest nicht. Wenn sie sich erstmal was in den Kopf gesetzt hatte, bekam sie es auch meistens. Und dabei war ihr kein Mittel Unrecht.
Ich schwelgte in der Erinnerung, wie ich einmal mit Rose nach Seattle zum Schlussverkauf gefahren war und sie sich mit einer Frau um ein Top stritt, als mir klar wurde, dass ich schon wieder nur an Zuhause dachte. Immer wenn ich alleine war, triffteten meine Gedanken zu dem kleinen, verregneten Ort, indem ich meine, viel zu schnell vergangene, Kindheit verbracht hatte ab.
Ich brauchte Gesellschaft um auf andere Gedanken zu kommen. Als ich den Kopf aus meiner Zimmertür streckte, konnte ich schon den Fernseher hören. Ich lief barfuss und in meinem Pyjama den langen Flur hinunter. Mum musste mich wohl umgezogen haben.
Ich schenkte den Bildern von fernen Ländern, die meine Mutter an die Wand gehängt hatte kaum Beachtung. Die meisten von ihnen waren sehr antik. Früher hatten sie bei Dad Zuhause gehangen, als er noch menschlich war und in Chicago lebte. Ich hatte sie mir noch nicht genau angeschaut. Aber dazu hatte ich jetzt sicher auch keine Lust. Sie waren nicht die Gesellschaft, die ich haben wollte.
Mum und Dad saßen zusammengekuschelt auf der großen, dunkelbraunen, samtbezogenen Couch und schauten sich irgendeinen Liebesfilm an. Als ich einen Fuß in den Raum setzte und das helle Parkett betrat, schauten beide gleichzeitig in meine Richtung. Ein Lächeln zauberte sich auf ihre Gesichter. Ohne ein Wort rutschten sie ein wenig auseinander und machten so Platz für mich. Dankbar schritt ich schnell zu ihnen und kuschelte mich zwischen sie. Die Couch wäre groß genug gewesen, dass jeder von uns genug Platz gehabt hätte. Aber ich wollte nicht alleine sitzen. Ich wollte ihre Nähe spüren. Und sie verstanden es.
Ich legte meinen Kopf an Mums Schulter und schaute auf den Fernseher. Augenblicklich fing sie an, einzelne Haarsträhnen um ihren Finger zu wickeln.
„Was schaut ihr an?" fragte ich und merkte erst jetzt, wie trocken mein Hals war.
„Stolz und Vorurteil." Antwortete mein Dad und lehnte sich näher zu mir und Mum.
„Wie bin ich nach Hause gekommen?" Ich konnte mich deutlich daran erinnern, mich von Collin und Josh verabschiedet zu haben. Und ich konnte mich daran erinnern, das Radio im Auto eingschaltet zu haben. Ich war förmlich zusammen gebrochen, als ich das Lied von Green Day gehört hatte.
Don't Leave me.
Der Titel des Songs platzte in meinem Kopf, wie eine Bombe. Gestern Abend hatte ich ihn gar nicht richtig bemerkt. Aber jetzt schon.
Jake hatte das gleiche zu mir gesagt. Der ganze Song war so etwas wie eine kleine Erklärung von dem, was Jake gefühlt haben musste.
I'll
go for miles
Till I find you
You say you want to leave me
But you can't choose
I've gone thru pain
Every day and
night
I feel my mind is going insane
Some thing I can't fight
Don't leave me
A
blank expression
covering your face
I`m looking for
directions
For out of this place
I start to wonder
If
you´ll come back
I feel the rain storming
After thunder
I
can´t hold back
Allein schon der Text sprach Bände. Jake hatte noch mehr gelitten als ich jetzt. Und er hatte es mir noch nicht einmal zum Vorwurf gemacht. Er hatte wahrscheinlich ein noch größeres Loch in seinem Herzen als ich.
"Ich hab dich nach Hause getragen. Als du nach einer Stunde nicht Zuhause warst, haben wir uns Sorgen gemacht. Also bin ich losgelaufen. Als ich dich dann sah, wie du ..." Mein Vater verstummte. Wohl wollte er mich nicht an das erinnern, was ich gestern Abend gefühlt hatte. Aber er brauchte es auch gar nicht.
"Nach einer Stunde?" erkundigte ich mich. Das war die andere Sache, die mich an der Aussage meines Dad beunruhigte. Hatte ich wirklich so lange im Auto gesessen und vor mich hingeheult?
"Also um genau zu sein war es sogar mehr als eine Stunde. Eher eineinhalb." gestand er.
Meine Mutter zog mich höher an ihre Schulter. Sie wollte mich lautlos trösten. Aber ich wollte jetzt nicht getröstet werden. Ich wollte reden. Reden mit den Menschen, die genauso jemanden zurück lassen mussten, wie ich es getan hatte.
"Vermisst ihr ihn auch so sehr?" fiel ich mit der Tür ins Haus. Ich wollte nicht länger um den heißen Brei herum reden. Damit war doch eh keinem geholfen.
Meine Mum, verzog schmerzlich das Gesicht und mein Dad zuckte unbeholfen zusammen. Keiner Antwortete, so als wollten sie warten, was der andere sagt.
Dad!!! ermahnte ich ihn in meinem Gedanken. Du weißt genau, dass ich die Wahrheit verkrafte. Also bitte. Sag's mir.
"Natürlich vermisse ich ihn. Er war mein bester Freund. Ein Freund, der kein Vampir war. Er war der beste Freund unserer Familie. Er war ein Teil unserer Familie. Ich vermisse ihn, so wie ich auch dich oder deine Mutter vermissen würde, wenn ihr nicht mehr bei mir wärt." sagte er niedergeschlagen. Selten hatte ich ihn so traurig gehört. Geschweige denn erlebt.
"Und was ist mit dir Mum?" Sie musste ich eigentlich nicht fragen. Ich kannte die Antwort ohnehin. Aber dennoch wollte ich sie hören. Ich weiß nicht, was ich mir davon versprach, aber es war wie ein Drang, dass ich hören wollte, dass es nicht nur mich berührte.
"Was denkst du den? Es ist Jake. Unser Jake. Mein Jake. Deine Jake. Und das wird er auch immer bleiben. Egal wie weit wir voneinander entfernt sind." sie hielt kurz inne, bevor sie weiterredete. "Ich fühle mich, als hätte ich ihn im Stich gelassen. Ihn verraten oder sonstiges dergleichen. Aber was mich am meistens Schmerzt ist das wissen, dass bald keiner mehr bei ihm sein wird... Alle gehen sie. Wir. Rose und Emmet. Carlilse und Esme. Alice und Jasper. Und der einzige, der zurückbleibt ist Jacob."
Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag. Sie hatte Recht. Er würde allein zurückbleiben. Wie ein Verwundeter Soldat, der nicht von seinen Kameraden mitgenommen werden konnte, aus bestimmten Gründen. Unser bestimmter Grund war, dass sich Jake zwar uns verpflichtet fühlte, so wie man sich seiner Familie eben verpflichtet fühlte. Aber andererseits fühlte er sich auch seinem Rudel verpflichtet. Sie brauchten ihn. Er war das Alpha. Das Tier, das durch niemanden ersetzt werden konnte. Es war schon immer seine Bestimmung gewesen das Alpha zu sein. Und er hatte sie angenommen. Wegen mir. Zu meinem Wohl. Und zu dem Wohl meiner Mutter. Um uns zu beschützten. Und wir ließen ihn einfach allein.
Wieder kam der Schmerz, der sich durch meine Magengegend Richtung Herz vorarbeitete. Langsam aber schmerzhaft.
"Nessie, hör bitte auf." sagte mein Dad, nicht lauter als ein Flüstern. Verwundert schaute ich ihn an. Aber dann verstand ich. Er konnte meine Gedanken hören. Ich hatte sie ihm nicht blockiert. Und sie schmerzten ihn genauso wie mich. Er wusste, dass ich mit alle dem Recht hatte. Und er konnte meine Stimme nicht einfach so ausblenden. Ich war wie seine eigene Stimme in seinem Kopf. Ich war sein Fleisch und Blut. Genauso wenig, wie er seine eigenen Gedanken abstellen konnte, konnte er meine abstellen.
„Sorry, Dad." Ich schenkte ihm einen entschuldigenden Blick. Ich sollte wohl nicht nur um seinen Willen mit solchen Gedanken aufhören, sondern allgemein an etwas anderes denken. Was brachte es mir schon, hier im Selbstmitleid zu zerfließen. Das würde mir Jacob auch nicht näher bringen
Den Rest der Nacht verbrachten wir zusammengekuschelt auf dem Sofa und schauten uns einen Film nach dem anderen an. Erst als die Sonne aufging, machten wir uns langsam daran, uns für den Tag zu richten.
Am liebsten wäre ich den ganzen Tag daheim geblieben, aber es machte ja nicht gerade einen tollen Eindruck, wenn man am dritten Tag an einer neuen Schule schon krank machte. Ich war mir zwar sicher, dass ich heute nichts lernen würde, was ich entweder schon wusste oder in Null Komma nichts lernen konnte, ohne zu jedem Thema noch endlos Aufgaben zu machen. Deswegen entschloss ich mich, das Notebook mitzunehmen, das mir Opa vor meiner Abreise besorgt hatte.
Ich stopfte es in meine Umhängetasche und stürmte dann in den Flur. Dad stand schon an der Haustür und drückte Mum zum Abschied einen Kuss auf. Als sie sich voneinander lösten wandte sich Mum an mich.
„Hast du alles dabei, mein Schatz?"
„Klar." Ich nickte ihr zu. Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und öffnete dann die Haustür.
„Muss ich unbedingt in die Schule?" fragte ich Dad, als wir gemeinsam mit dem Fahrstuhl nach unten liefen. Ich kannte die Antwort zwar schon, aber Fragen kostete bekanntlich ja nichts.
„Nessie. Du musst in die Schule, genau wie ich es immer musste. Sei froh. Das ist erst dein erstes Mal. Wenn du den Abschluss schon sechs oder sieben Mal gemacht hast, ist es um einiges langweiliger."
„Soweit ich von Opa gehört habe, wurdest du nicht gezwungen, zur Schule zu gehen. Genauso gut hättest du auch um die Welt reisen oder studieren können."
„Ja. Aber erst nachdem ich meinen Abschluss hatte. Einmal musst du ihn machen."
„Ich sehe nur keinen Sinn darin. Ich weiß schon alles, was wir durchnehmen. Und wenn ich studieren will, dann kann ich mir am PC schnell selbst ein Abschlusszeugnis oder ich kauf mir irgendwo eines."
„Das kannst du machen. Aber es geht nicht nur darum, dass du lernst, was sie dir beibringen, sonder auch, wie man in einer Gesellschaft lebt, die nicht nur aus Übernatürlichen Wesen besteht." Erklärte er.
„Na toll." Brummte ich. Aber selbst wenn er nein sagte. Wie sollte er herausfinden, wenn ich mal einen Tag lang die Schule sausen ließ um shoppen zu gehen oder die Umgebung zu erkunden. Jeder Jungendliche schwänzte doch mal die Schule, oder etwa nicht?
„Schlag es dir gleich aus dem Kopf." Ermahnte mich mein Vater.
Verdammt. Wieso hatte ich vergessen, meine Gedanken für ihn zu blockieren?
„Weil du Leichtsinnig bist." Scherzte mein Vater und konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
„Verdammt Dad. Raus aus meinem Kopf." Schrie ich ihn an. Ich hasste es, wenn er in meinem Kopf herumstöberte wie in einer Bücherei. Wenn er Neuigkeiten hören wollte, sollte er Nachrichten schauen, wie jeder normale Mensch es tat.
„Beruhig dich. Es war keine Absicht." Rechtfertigte er sich.
Mit einem kleinen Klingeln blieb der Fahrstuhl stehen und die Türen öffneten sich und legten die Sicht auf die Garage frei.
Ohne ein weiteres Wirt zu sagen, stieg ich in den Mustang ein. Die Ledersitze waren noch weicher, als die meines Camaros und auch die Innenausstattung war nicht von schlechten Eltern.
Ich schnallte mich an und begann am Radio herumzuspielen. Endlich stieg auch Dad ein. Keine Ahnung, was er gemacht hatte, aber als er mich sah, wie ich an seiner Anlage herumspielte, konnte ich förmlich spüren, wie langsam seine Nerven zu glühen begannen. Er hasste es abgrundtief, wenn ich mich an seiner Anlage verkriff. Er hatte auch seine Gründe. Mein Dad hatte so viele CDs in seinem Auto, dass die Auswahl immer schwer fiel. Und kaum hatte ich mich für eine CD entschieden, entdeckte ich eine andere. So ging dass dann eine Weile, bis mein Vater entweder das Radio ausmachte, oder sich selbst eine CD raussuchte.
Heute fiel mir die Auswahl aber nicht schwer. Außer Klassik hatte er nur noch zwei andere CDs im Handschuhfach. Ich kannte keiner der Gruppen und schob einfach eine in den Schlitz der Anlage. Sofort erklangen E-Gitarre, Schlagzeug und ein Sänger, der es wohl liebte, sein Mikrofon anzuschreien.
„Seit wann hörst du solche Musik?" fragte ich, ein wenig skeptisch. Sonst hörte er gerne Klassik und ab und zu ein wenig Rock. Jazz und Blues kamen auch nicht zu wenig vor. Aber Metall. Das war was neues.
„Ich hab die Gruppe in den Achtzigern durch Zufall entdeckt." Es hörte sich an, als wäre er noch nicht fertig mit seinem Satz, aber er bleib Still. Musste ich wohl nachhacken.
„Und?"
Inzwischen fuhren wir auf der Straße und er warf mir nur einen Du-bist-auch-garnicht-neugierig-Blick zu.
„Als ich deine Mutter kennenlernte, hatte sie diese CD in ihrem Wechsler." Gab er zu und tat so, als würde er sich wieder auf den verkehr konzentrieren und konnte deswegen nicht weiter mit mir darüber diskutieren.
„Ah, so ist das also. Du schwelgst in Erinnerungen."
„Ja. Und auf dich wird schon gewartet."
„Gewartet?" fragte ich. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass wir nur noch wenige Hundert Meter vor der Schule waren. Wie schnell war er gefahren, dass wir jetzt schon da waren?
„Ja, ein Junger Mann macht sich gerade Sorgen, weil dein Auto da ist, du aber nicht."
Collin. Daran war kein Zweifel. Aber wieso machte er sich Sorgen?
„Stellst du ihn mir vor?" fragte mein Dad höflich.
„Irgendwann schon. Aber es ist nichts Ernstes. Er ist nur ein Freund."
„Gut. Kannst du mir aber noch verraten, wer Josh ist?"
Verwundert schaute ich ihn an. Woher wusste er von … Na klar. Unser kleiner Gedankenleser hatte mal wieder zugeschlagen.
„Ein andermal Dad." Sagte ich leichthin, schnallte mich ab, gab ihm noch einen Kuss auf die Backe und steig dann aus dem Auto aus. Er hatte an einer Bushaltestelle gehalten von der ich einen guten Blick über den Parkplatz der Schule hatte. Und er hatte recht. Collin stand wirklich schon an meinem Auto und wartete auf mich.
Schnellen Schrittes lief ich zu ihm und ignorierte die ganzen anderen Schüler.
„Morgen Collin." Rief ich ihm zu, als ich noch einige Meter von ihm entfernt war. Ruckartig drehte er sich zu mir um. Er atmete erleichtert auf und lief mir entgegen.
„Wo bist du gewesen?" fragte er ein wenig zu aufgebracht, wenn ihr mich fragt.
„Daheim."
„Wieso steht dein Auto dann noch hier?" Himmel. Er war wirklich ein wenig aufgebracht. Keine Frage. Hatte er sich wirklich Sorgen gemacht?
„Mein Dad wollte gestern Abend noch was mit mir unternehmen und dann hat er mich hier abgeholt."
„Achso. Ich dachte…" er hielt inne.
„Was dachtest du, Collin? Dass mich auf dem Weg zum Auto der große schwarze Wolf angefallen, aufgefleischt und anschließend verschleppt hat?"
Mit großen Augen starrte er mich an. Angst spiegelte sich in seinem Gesicht wieder.
Hatte ich was Falsches gesagt?
„Morgen Leute." Ertönte Joshs fröhliche Stimme. Er stellte sich zu uns. Musterte erst mich, dann seinen Kumpel.
„Collin, was ist den mit dir los? Du siehst blass aus." Er legte den Kopf ein wenig schräg und sofort erinnerte es mich an Jake. Er hatte mich auch immer so angesehen, wenn er etwas wissen wollte.
„Ähm. Nichts. Mir geht's gut." Collins Stimme hörte sich aber gar nicht danach an, als wäre alles okay.
„Naja. Ist jetzt ja auch egal. Gehen wir rein. Hier draußen erfrier ich noch." Schützend schlang er die Arme um seinen Oberkörper und lief langsam in Richtung Schulgebäude.
Collin und ich folgten ihm. Also mir war überhaupt nicht kalt. Und ich war nicht gerade dick angezogen. Eine Jeans. Ein brauner, dünner Pullover und ein paar beige Chucks. Aber wahrscheinlich lag das mal wieder an den Genen. Mir war immer warm, dass mich Opa schon ein paar Mal seinen kleinen Heizofen genannt hatte.
„Also. Ich kann dir Word of Warcraft drauf laden und dir ein paar Cheats eingeben, damit du schneller aufsteigen kannst, so zu sagen." Erklärte Collin während er fleißig auf die Tastatur meines Notebooks einhämmerte. Wir saßen in der Cafeteria. Zwei volle Tabletts vor uns. Doch seit ich mein Notebook herausgeholt hatte, war Essen anscheinend zweitrangig. Für ihn. Ich hatte keinen Hunger gehabt, mir aber was geholt, weil ich mir schon fast sicher war, dass meine beiden Tischkollegen das Problem eines vollen Tablettes gerne für mich lösen würden.
„Mach, was du nicht lassen kannst." Sagte ich und konnte augenblicklich sehen, wie etwas in Collins Augen aufleuchtete, wie bei einem kleinen Kind, das seine Weihnachtsgeschenke bekam. Dann wandte er sich dem kleinen Elektroding vor sich zu und schien wie in einer Trance zu versinken. Ich fragte mich sogar, ob ich ihn jetzt problemlos mit Edding anmalen konnte, ohne dass er es merken würde.
„Hey Nessie." Mit einem lauten knall, prallte ein volles Tablett und er Josh ließ sich neben mir auf einen Stuhl sinken.
„Tag Josh." Begrüßte ich ihn. Ich hatte ihn erst vorher in Englisch gesehen, aber da war er damit beschäftigt, ein paar Japaner bei Need for Speed abzuzocken. Was würde die Jungs bloß ohne Internet machen?
„Kannst du mir einen Gefallen tun?" auf einmal wirkte er etwas nervös. Ein Blick auf seine Hände verriet mir, dass sie schweißnass waren.
„Klar, wie kann ich dir helfen?" So schlimm konnte es schon nicht sein. Oder etwa doch?
