Kapitel 9 (Teil 2)

Fremde Besucher, bekannte Lieder

„Wieso fahrt ihr eigentlich alle solche Nobelkarossen. Würde es etwas einigermaßen Alltagstauglicheres nicht auch bringen?" fragte ich und deutete um die Autos um mich herum. Das hier war noch schlimmer als der Schulparkplatz. Zumindest, was die Wagen betraf.

Menschen waren ja immer noch weit und breit nicht zu sehen.

„Wieso den? Der Hummer ist doch alltagstauglich. Genau wie der BMW hier oder der Porsche Cayenne. Vielleicht ein bisschen protzig. Aber es muss Josh gefallen, nicht mir." Entgegnete Collin und suchte nach irgendetwas im Handschuhfach.

„Josh? Welches Auto gehört ihm den?" Egal welches es war, ich konnte nachvollziehen, dass er vor ein paar Tagen so übel reagiert hatte, als es um sein Auto ging.

„Der H2 neben dir."

Josh. Einen Hummer H2. Irgendwie brachte ich die beiden Bilder nicht zusammen. Ich hätte eher gedacht, dass er so was ‚normales' fuhr wie meine Mum. Nichts, was viele Blicke auf sich zog. Aber das Monstrum hier. Und dann auch noch in gelb?

„Was suchst du da eigentlich?" fragte ich und beugte mich ein wenig herunter, um sehen zu können, was er da suchte. Vergebens. Das einzige, was ich sah waren Collins Schultern und sein Haarschopf.

„Das hier." Sagte er und leuchtete mich mit einer Taschenlampe an. Ich drückte die Augen zusammen und wendete den Kopf ab.

„Depp." Brummte ich so leise.

„Also, können wir uns dann auf den Weg machen?" fragte er und hielt mir seine Hand hin. Auf den Weg machen? Wie weit wollte er denn noch in den Wald hinein? Aber um das herauszufinden, musste ich mitgehen.

„Sicher." Sagte ich, hackte mich an seiner Seite ein und warf noch mal einen prüfenden Blick über die Autos. Ich hatte keines bisher auf dem Schulparkplatz bemerkt. Also mussten hier wohl ein paar andere Leute feiern. Oder aber, es waren genau die gleichen, nur dass sie andere Autos benutzten. Joshs Auto hatte ich bisher auch nicht bemerkt. Und wenn die ganzen Leute schon so reich waren, ist es doch eher unwahrscheinlich, dass die nur eine von diesen Karren daheim herumstehen hatten.

Collin führte mich um die Autos herum zu einem kleines Weg, der gerade breit genug war, sodass man nebeneinander laufen konnte, ohne andauernd das Buschwerk zu streifen. Durch das Blätterdach über uns konnte ich wage den Mond erkennen. Immer mal wieder raschelte es um uns herum. Nichts Weltbewegendes. Im Wald war es nie still.

„Hast du Angst?" fragte Collin nach einer Weile.

„Wieso sollte ich? Ich hab ja meinen großen Bruder dabei." Scherzte ich.

„Ich meine ja nur, weil du dich so festklammerst."

Festklammerst? Jetzt erst bemerkte ich, wie ich seinen Arm dicht an mir hielt. Ich hatte mich schon regelrecht verkrampft. Schnell lockerte ich meinen Griff ein wenig.

„Sorry, ist mir gar nicht aufgefallen." Entschuldigte ich mich und war bedacht, mich nicht wieder so festzukrallen. Was war mit mir los? Ich hatte kein bisschen Angst. Und trotzdem sagte mir mein Körper etwas anderes.

Ich schaute mich um, was mit meinen Augen auch nicht schwer war. Der Wald sah fast schon gleich aus, wie der in Forks. Aber was hatte ich auch gedacht. Wald war Wald. Bäume, Büsche, Sträucher, Tiere. Das gleiche eben.

Ich wollte schon meinen Blick wieder auf den Trampelpfad vor uns werfen, als mir etwas auffiel. Irgendwas leuchtete in weiter Ferne. Ein Licht, dass sich schwankend auf uns zu bewegte. Von links nach rechts, von rechts nach links. Immer und immer wieder.

„Collin, da kommt was auf uns zu?" sagte ich so trocken, wie nur möglich.

„Ach quatsch. Was soll hier draußen denn schon sein? Das bildest du dir bestimmt nur ein." Meinte dieser und hielt meinen Arm ein wenig fester, so als wollte er damit meine Gedanken vertreiben.

Doch es half nichts. Da war dieses Licht und es kam auf uns zu. Ich sah es und bisher konnte ich mich immer auf meinen Sehsinn verlassen.

„Da ist ein Licht und es kommt auf uns zu." Beharrte ich, jetzt schon mit ein wenig angehobener Stimme.

„Nessie, das kann einfach nicht…." Ich hörte nicht länger auf das, was er mir zu sagen hatte, sondern drehte ihn mit einem Ruck in die Richtung. Er verstummte augenblicklich und schielte, genau wie ich, in das Unterholz.

„Da ist wirklich ein Licht." Sagte er, starrte in die Dunkelheit vor uns.

„Ach, was du nicht sagst. Wie bist du den darauf gekommen?"

„Sorry. Es hört sich nur eben etwas schräg an, wenn das jemand zu dir sagt, wenn man gerade mit einer Horrorfilmstimmung durch einen Wald läuft."

Horrorfilmstimmung? Okaaaaaay.

„Tja. Die Frage, die wir uns jetzt aber stellen sollten, wie in jedem Horrorfilm: Sollen wir stehen bleiben oder weglaufen?"

Er zog die Nase kraus und schielte in die Richtung. Seine Züge erhellten sich und er betrachtete mich. „Ich schau mir das mal an. Warte du hier." Sagte er, ohne einen Funken von Angst.

„Du willst da hingehen?" fragte ich unsicher. Also falls da wirklich etwas lauerte, das nicht ganz koscher war, sollte ich doch eher gehen. Ich war so gut wie unverwundbar. Nur wie sollte ich ihm das erklären, ohne sein Ego zu zerstören?

„Sicher. Was soll schon groß passieren? Mehr als sterben kann ich nicht." Haha. Echt. Sehr lustig. Ich schmeiß mich weg.

„Wenn wir gerade von Sterben reden. Heißt es nicht immer, man soll nicht auf das Licht zugehen?" Dieser Versuch, die ganze Situation ein wenig aufzulockern, misslang, denn mein ach so toller Retter watete schon los in den Wald.

„Warte du hier." Schrie er mir noch zu, bevor ihn die Dunkelheit vollkommen einhüllte. Ein Glück, dass ich so gut sehen konnte. Falls er angegriffen würde oder sonstiges, wäre ich gleich zu Stelle um ihn zu retten. Solange dass aber nicht passierte, war wohl warten angesagt. Aber um auch ganz sicher zu gehen, dass ich Collin nicht verlor, zog ich die Luft tief ein. Seinen Geruch im Gedächtnis zu haben, keine schlechte Idee.

Moos, Baum, Blätter, drei Rehe, aber kein Collin. Es gab keinen Geruch, den ich außer dem typischen des Waldes aufnahm. Ich atmete noch einmal ein. Vielleicht hatte ich es ja nur ‚übersehen', was aber eher unwahrscheinlich war. Und das war es wirklich. Kein Collin. Nur Wald. Wieso war mir das nicht schon in der Schule aufgefallen? Es gab dort viele Gerüche, aber seiner hätte mir doch auffallen müssen. Immerhin verbrachte ich mir ihm so gut wie jede freie Minute. Oder als ich ihn nach Hause gefahren hatte. Und das andere Ding, dass da draußen war, hatte ebenfalls keinen Geruch. Also war es schon mal kein Massenmörder. Der müsste ja nach Blut riechen oder sonstigen Leichensachen. Aber wieso hatte er keinen Geruch. Das war doch nicht möglich.

Ich stand auf dem kleinen Pfad, machte mir Gedanken doch plötzlich schienen sie alle nebensächlich. Ich sah Collins Gestalt nicht mehr. Kein dunkler Umriss mehr. Ich blinzelte ein paar Mal, aber da war nichts. Gar nichts. Selbst das Licht war weg. Panik machte sich in meiner Brust breit. Ich war ein Halbvampir und vor meinen Augen ist gerade mein Freund verschwunden. Ich war ein Wesen der Nacht und mein Freund wurde gerade von der Nacht verschluckt. Das war doch alles verrückt. Was sollte ich machen? Hilfe holen? Aber wo? Ich wusste nicht, wo ich die anderen finden konnte. In den Wald laufen? Aber würde ich ihn da finden? Ich kannte keinen Geruch, der mich leiten konnte. Ich hatte noch nicht einmal einen Umriss. Ich hatte gar nichts. Nothing. Nada.

Niemals hätte ich gedacht, in so einer Situation zu stecken. Wieso war ich nicht gegangen? Wieso hatte ich ihn nicht davon abgehalten, zu gehen. Das war doch alles total verrückt! Ich entschloss das einzige zu tun, was mir im Moment möglich erschien. Ich schaute mich noch einmal um, bevor ich einen Schritt auf den laubbedeckten Boden des Waldes machte.

Ich stellte alle meine Sinne auf höchste Stufe, sodass mir auch ja nichts entging. Einen Schritt nach dem anderen entfernte ich mich immer mehr von dem kleinen Trampelpfad und drang in den nächtlichen Wald ein.

Ein Rascheln zu meiner Rechten. Wie angewurzelt blieb ich stehen, schaute in die Richtung. Nichts. Es war nichts. Aber ich war mir sicher, dass ich es mir nicht nur eingebildet hatte. Da war etwas gewesen.

Ich lief weiter. Keine zwei Schritte weiter, wieder ein rascheln. Dieses mal auf meiner linken Seite. Aber das einzige, was ich sah, war ein Baum. Noch nicht mal ein Busch, der das rascheln erklären könnte.

Ich setzte meinen einen Fuß wieder vor den anderen. Ich musste weiter in den Wald hinein. Das Licht war doch weiter weg gewesen, als ich vorher gedacht hatte. Eine Eule saß auf einem Ast, und schaute mich mit ihren großen, leuchtenden Augen an. Der Blick war schon fast hypnotisierend.

Ich spürte einen leichten Druck auf meiner Schulter. Bevor ich es recht realisierte, griff ich danach, machte eine geübte Handbewegung, drehte mich um und konnte gerade noch sehen, wie der Körper des Angreifers auf dem Boden aufkam. Oh Gott.

Er keuchte laut auf, als die Luft aus seinen Lungen gepresst wurde. Jetzt erst sah ich das goldene Haar, das im Mondschein leicht schimmerte.

„Collin." Es war nicht mehr als ein quicken, das ich herausbrachte. Ich schlug die Hände vor den Mund und starrte ihn erschrocken mit großen Augen an. „Es tut mir ja so Leid. Wen ich gewusst hätte, dass du es bist, ich hätte doch niemals…"

„Ist gut. War ja selber nicht der schlauste. Wer schleicht sich schon im Dunkeln an jemanden heran." Sagte er und machte eine abwinkende Handbewegung. Langsam richtete er sich auf. Hielt sich die rechte Hand an den Kopf, während er seinen Oberkörper mit der linken abstützte.

Schnell beugte ich mich zu ihm hinunter um ihm aufzuhelfen.

„Was machst du eigentlich hier? Du solltest doch auf dem Weg warten."

„Ich hab mir Sorgen gemacht, als ich dich nicht mehr gesehen hab. Und dann war da die Eule und dann, hat jemand, hast du meine Schulter berührt,… Es tut mir so Leid. Wirklich."

„Passt schon." Sagte er, klopfte sich das Laub vom Mantel, richtete sich vollkommen auf und schenkte mir ein hinreisendes Lächeln.

„Wo hast du eigentlich so was gelernt?"

„Was meinst du?" fragte ich, während ich ein Blatt von seiner Jacke zupfte, dass er wohl übersehen hatte.

„Diese Jacky-Chun-Aktion." Verdammt. Ausrede. Ausrede. Ich brauchte dringend eine Ausrede.

„Ich hab mal einen Selbstverteidigungskurs gemacht." Die Ausrede war zwar mies, aber er glaubte sie anscheinend, denn er nickte nur mir dem Kopf.

„Collin?" rief eine fremde Stimme durch den Wald. Schnell schaute ich mich um. In einiger Entfernung machte ich eine Silhouette aus, etwa 1,90 groß, von der Statur her männlich.

„Wie sind hier." Schrie Collin zurück und entzündete die Taschenlampe. Er kannte ihn? Im Lichtpegel nahm die Silhouette Form an. Es war ein junger Mann, etwa zwanzig Jahre alt und Muskulös gebaut. Er hatte Dunkelbraune Haare, die in einem Gewirr aus Haaren von seinem kopf hingen. Ein Ansatz von einem Bart. Strahlend Blaue Augen, genau wie Collins. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden Pullover mit V-Ausschnitt. Eine dunkle Jeanshose und einen etwas älter aussehenden Schaal um den Hals, der aber nur noch die Farbe seiner Augen unterstrich.

„Wer ist wir?" fragte der Unbekannte und erst jetzt bemerkte ich, wie perfekt seine Lippen waren.

„Darf ich dir vorstellen, das ist Renesmee. Eine gute Freundin von mir." Erklärte Collin und nahm den Lichtpegel von dem Unbekannten.

„Renesmee?" fragte der Fremde ein wenig ungläubig. „Lustiger Name."

„Danke." Entgegnete ich ein wenig bissiger, als beabsichtigt.

„Sorry, so war's nicht gemeint. Er ist nur … ungewöhnlich."

„Du kannst sie auch Nessie nennen. Ist ihr sowieso lieber." Mischte sich Collin ein, um wohl einem unangenehmen Ausgang des Gesprächs aus dem Weg zu gehen.

„Nessie. Hört sich viel süßer an." Sagte er mit seiner unglaublichen Stimme. Sie war rau, aber dennoch so voller Autorität und Ausstrahlung. Unglaublich eben.

„Wie wäre es denn, wenn wir auf die Party gehen. Hier im Wald herumzusitzen, entspricht nicht gerade der Vorstellung von dem heutigen Abend." Sagte Collin, hackte sich wie eben bei mir ein und lief langsam mit mir wieder in Richtung des Weges. Der Fremde gesellte sich auf seine andere Seite und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

„Wo ist die Party eigentlich?" fragte ich und schaute meinen blonden Begleiter von der Seite an.

„Noch ein kleines Stück den Weg runter. Wir müssten gleich da sein."

„Kannst du mir nachher das Auto geben, Collin. Ich muss schon früher los." fragte der Fremde. Collin sollte ihm das Auto geben? Waren sie so eng befreundet?

„Nein, heute nicht. Ich muss Nessie nachher wieder nach Hause bringen. Frag doch Janice."

Janice. Wer war den das?

„Die ist mit Nicky hergekommen."

„Dann weiß ich auch nicht weiter. Vielleicht kann dich Matt mitnehmen. Der wollte heute auch schon früher gehen."

Na super. Noch mehr fremde Namen. Ich würde heute Abend wohl noch viele Fremde kennenlernen.

„Mal schauen. Wann geht ihr denn?"

„Keine Ahnung. Kommt ganz darauf an." Bemerkte Collin locker.

Ein zustimmendes Grummeln war von dem Fremden zu vernehmen. Wir liefen weiter durch die Dunkelheit. Keiner Sagte etwas. Plötzlich fing Collin an in seiner Manteltasche nach etwas zu suchen.

„Shit." Sagte er und vergrub seine Hand noch tiefer in der Tasche.

„Was vergessen?" fragte der Fremde.

„Ja. Ich sollte Matt noch was von meinem Dad mitbringen und hab's im Auto liegen lassen."

„Und jetzt?"

„Ich geh noch mal zurück. Geht ihr beide doch schon mal vor. Ich komm dann gleich nach." Sagte Collin und schon eilte er in die Entgegengesetzte Richtung. Na super. Jetzt war ich auch noch alleine mit dem Fremden. Ich kannte ja noch nicht mal seinen Namen und Collin lies mich mit ihm alleine. Aber es musste ja wohl ein sehr enger Freund sein, sonst würde er ihn ja auch nicht fragen, ob er sein Auto haben könnte. Nichts desto trotz kannte ich ihn nicht. Er ist und bleibt ein Fremder. Ein Unbekannter. Mit einem wirklich schönen Hintern….

Nessie. Schluss. Ermahnte ich mich selbst. Wie konnte ich über jemanden so denken, den ich noch nicht mal kannte?

„Du bist neu hier, oder?" fragte der knackige Hintern.

Überrascht schaute ich auf. Diese Frage hatte mir seit ein paar Tagen keiner mehr gestellt.

„Ja. Wir sind hergezogen."

„Und von wo?"

„Aus Amerika. Washington."

„Washington D.C.? Hat dein Vater was mit der Regierung zu tun?"

„Nein. Der Bundesstaat Washington. Und nein, er hat nichts mit der Regierung zu tun. Ich glaube sogar, dass er die letzten Male nicht mal gewählt hat." Immerhin war er offiziell nicht in der entsprechenden Altersklasse gewesen.

„Der Bundesstaat? Ist doch im Norden der Westküste, nicht?"

„Ja. Ganz oben. Bei Seattle."

„In Seattle war ich schon. Sehr regnerische Stadt. Aber sonst ganz schön." Ein Gefühl machte sich in meiner Brust breit, das ich bisher noch nicht kannte. Der Fremde war in Seattle gewesen, ganz in meiner Nähe und ich hatte ihn verpasst. Ich könnte ihn schon seit Jahren kennen. Nicht erst seit ein paar Minuten. Wir hätten schon unzählige Sache zusammen unternehmen können. Und was das komische daran war. Ich wollte, dass wir schon viel Zeit miteinander verbracht hatten. Ich wollte ihn schon kennen. Ich wollte mir ihm befreundet sein. Ich wollte, dass er mit mir über alles redet, dass er mir vertraute.

„Wieso seid ihr hergezogen?" Der Unbekannte riss mich mit seinen Worten aus meinen Gedanken.

„Mein Dad hat hier einen Job gefunden. Er arbeitet an der Uni als Dozent für Musik." Erklärte ich und erwischte mich selbst dabei, wie ich am liebsten stehen geblieben wäre, um noch länger mit ihm ungestört zu reden. Ich konnte schon in naher Ferne ein paar Lichter ausmachen und das leise Geräusch von Musik und menschlichen Stimmen, die sich unterhielten war zu vernehmen. Doch ich unterdrückte diesen Zwang. Was würde der Kerl dann von mir denken?

„Kennst du dich auch mit Musik aus?"

„Schon einigermaßen."

„Wir wäre es dann mit einem kleinen Spielchen?" schlug er vor.

Spielchen? Na gut. Es konnte doch nur lustig werden. Ich spielte mit einem fremden, wirklich gut aussehenden Kerl im Wald, bei stockdunkler Nacht.

„Okay. Aber unter einer Bedingung."

„Ich werde sie erfüllen, wenn es in meiner Macht steht." sagte er, legte sich eine Hand auf die Brust und stand kerzengrade. Ich kicherte und stupfte ihn mit dem Finger in den Bauch. Sofort zuckte er zusammen und hielt seinen Bauch fest mit beiden Händen umklammert.

„Ich spiele nicht mit Fremden. Besser gesagt, meine Mutter hat es mit vor sehr langer Zeit verboten."

Er schaute mich belustigt an. Schnell griff er nach meiner Hand und umschloss sie mit seiner. Ein kribbeln lief durch meinen Arm, bis hinauf zur Schulter. Er war so unglaublich warm. Und es fühlte sich so gut an. So vertraut.

„Ryan William Kennedy. Schön dich kennen zu lernen." Seine blauen Augen funkelten aus der Dunkelheit wie zwei helle Sterne. Ich hätte sie ewig anschauen können, hätte er nicht meine Hand losgelassen. Zu gerne hätte ich nach ihr gegriffen und sie so um meine gelegt, wie er gerade eben. Stattdessen fasste ich mich wieder und setzte unsere Unterhaltung fort.

„Jetzt wo das geklärt wäre, können wir mit den Spielen beginnen." Sagte ich und lächelte leicht.

Ohne etwas zu sagen, fing er einfach an, ein Lied zu summen. Schon nach einigen Takten erkannte ich es und sagte die dazu gehörigen Zeilen im Kopf auf.

I saw thousands who could have overcome the darkness

For the Love of a lousy buck, I've watched them die.

Stick around, baby, we're not trough,

Don't look for me, I'll see you

When the night comes falling from the sky

Er verstummte und schaute mich fragend an. „Na, was war das?"

„When the night comes falling from the sky von Bob Dylan. "

Überrascht und auch ein bisschen misstrauisch schaute er mich an. Damit hatte er wohl nicht gerechnet.

„Wirklich gut. Das hat bisher keiner erkannt."

„Vielleicht liegt es daran, dass du nur jeden dritten Ton triffst." Scherzte ich und kicherte leise.

„Nur jeden dritten. Dann hab ich mich ja wirklich verbessert. Früher hab vielleicht jeden siebten getroffen."

„Was auch erklären würde, wieso es keiner erkannt hat."

„Wirklich lustig. Spielen wir weiter, bevor ich noch mal Opfer eines Witzes werde."

„Schieß los."

Wieder begann er zu summen. Und auch die Nummer war leicht.

Baby close your eyes and listen to the music
Drifting through a summer breeze
It's a groovy night and I can show you how to use it
Come along with me and put your mind at ease

Es war nur der Mittelteil und er hatte sich wohl erhofft, dass ich es nicht erraten würde. Tja. Leider hatte er Pech.

„A little less Conversation von Elvis Presley."

„Wow. Du bist wirklich gut." Lobte er mich. „Aber den nächsten wirst du nicht erraten."

„Das wollen wir ja sehen." Forderte ich ihn auf. Ich war schon gespannt, was es war. Bisher hatten beide Lieder zu der jetzigen Situation gepasst.

Er fing erneut an zu summen. Dieses Mal war der Takt ein wenig anders als bei den vorherigen. Es war ein neueres Lied. Nichts aus den Sechzigern oder den Siebzigern. Was von heute. Dennoch hatte ich den Titel im Kopf.

So when I'm out of control and I'm out of my mind
Just remember one thing – I think I'm just fine
So catch me when I fall, I won't remember anything at all
So catch me when I fall

Ich schaute mich angesichts des Titels um und merkte, dass wir schon fast bei der Party angekommen waren. Wow. Der Songtitel war wirklich gut ausgesucht. Respekt, dass er so was im Kopf hatte.

„Na, hast du's?" fragte er.

„Time is running out von Papa Roach. Aber du hättest mir auch einfach sagen können, dass wir schon da sind."

„Aber so ist es lustig. Was ich allerdings nicht lustig finde ist, dass du bisher alles erraten hast. Das hat noch keiner geschafft." Grummelte er.

„Na gut. Einen Versuch hast du noch."

Ohne etwas zu sagen, begann er mit der gleichen Prozedur wie schon bei den Malen davor.

Und wieder würde ich ihn enttäuschen müssen.

Get this party started on a Saturday night
everybody's waiting' for me to arrive
Sending' out the message to all of my friends

Auch dieser Titel passte wieder genial, das musste man ihm lassen.

„Bitte sag mir, dass du es nicht dieses Mal nicht erraten hast." Flehte er. Doch es tat mir Leid, wenn es um das gewinnen von Spielen ging, war etwas ich eigen.

„Ich sag dazu nur eines. Get the Party started."

„Wie du willst, ich kann schlecht einem so schönen Mädchen einen Wunsch ausschlagen."

Ich lachte nur und gemeinsam gingen wir die letzten Meter.

Wir befanden uns auf einer riesigen Lichtung. Überall hingen Lichter an den Bäumen, was die ganze Umgebung in eine gemütliche Helligkeit tauchte. Insgesamt waren ungefähr dreißig Leute da. Ein paar saßen auf Baumstämmen um ein Lagerfeuer, tranken etwas und unterhielten sich. Andere tanzten in dem niedrigen Gras vor einem kleinen Podest, auf dem ein Kerl Musik auflegte. Und wieder andere tummelten sich um einen Tisch, der etwas abseits stand.

Ryan legte seinen Arm um mich, was mir ein unaufhaltsames Grinsen auf das Gesicht zeichnete und steuerte mit mir zusammen auf das Lagerfeuer zu.

„Hey Leute." Sagte er freudig und hob die eine Hand zu Gruß. Die Leute um das Lagerfeuer schauten auf und nickten ihm einer nach dem anderen begrüßend zu. Es waren größtenteils Jungs.

„Na, Ryan. Wir dachten schon, du kommst nicht mehr." Sagte einer mit hellbraunen Haaren, die sein Gesicht bis zu den Wangenknochen umspielte und strahlend grüne Augen hatte. Was machten die Kerle hier? Bekamen sie als kleine Kinder irgendwelche Chemikalien verabreicht, dass sie so strahlenden Augen bekamen?

„Ich hatte ja auch glänzende Gesellschaft, Joseph." Meinte Ryan locker und grinste frech.

„Willst du uns deine Begleitung nicht vorstellen?" fragte Joseph. Begleitung? Er meinte mich. Er dachte ich wäre die Begleitung von dem heißen Kerl hier.

„Das ist Nessie." Sagte er nur ohne das mit der Begleitung richtig zu stellen. Hieß das dann, dass es ihm nichts ausmachte, wenn ich als seine Begleitung galt?

„Nett dich kennen zu lernen, Nessie." Bemerkte Joseph. „Willst du dich nicht zu uns setzen?" Er deutete auf einen freien Platz neben ihm.

Bevor ich etwas sagen konnte, lenkte mich Ryan auch schon dort hin. Ich setzte mich hin und wollte gerade ein wenig mehr Platz machen, dass er sich neben mich sitzen konnte. Er legte nur seinen Arm auf meine Schulter, schüttelte seinen Kopf und sagte: „Lass nur. Ich hol erstmal was zu trinken. Was hättest du gerne?"

„Mir ist alles recht." Antwortete ich und versuchte, das bedauern in meiner Stimme zu unterdrücken, weil er nicht hier blieb.

„Bring uns auch noch was mit, wenn du gerade gehst." Meldete sich jetzt ein Kerl zu Wort, der fast gleich Aussah wie Joseph. Er war nur ein wenig größer und muskulöser.

Ryan nickte und verschwand dann.

„Es ist immer nett, neue Leute kennen zu lernen." Sagte Joseph neben mir und lächelte.

„Ja, das ist." Pflichtete ich ihm bei.

„Kennst du Ryan schon lange?"

„Um ehrlich zu sein, kenn ich ihn vielleicht gerade mal zehn Minuten."

Etwas verwundert schaute mich mein Gesprächspartner an. „Du Gehst mit einem Kerl auf eine Party, den du gerade mal zehn Minuten kennst?"

„Nein, ich bin nicht mit ihm hier. Sondern mit Collin." Erklärte ich.

„Oh. Und wo ist Collin?" suchend schaute er sich um.

„Er ist noch mal zurück zum Auto, weil er was für Matt vergessen hat."

Joseph grinste, stupfte dann den Kerl an, der genauso aussah wie er und hielt ihm fordernd die Hand hin. „Lass springen. Er hat's vergessen."

Sein Nachbar zog ein genervtes Gesicht, fasste dann in seine Hosentasche und zog einen Zehn Pfund schein heraus und legte ihn widerwillig in die Hand seines Gegenübers.

Joseph grinste breit und steckte das Geld ein.

„Habt ihr etwa darauf gewettet, ob Collin es vergisst oder nicht?" fragte ich ein wenig ungläubig.

„Was ist den bitte schlimm dran. Es ist leicht verdientes Geld. Auf Collin ist eben verlass."

Ich schüttele nur den Kopf und schaute in die Flammen vor mir, die sich zur Dunkelheit des Himmels nach oben züngelten.

„Was hab ich verpasst?" fragte Ryan, stieg von hinten über den Baumstamm und setzte sich neben mich. Er reichte ein paar rote Plastikbecher weiter und gab mir auch einen. Ich roch daran und zog sofort die Nase graus.

„Was ist das?" fragte ich und schaute etwas misstrauisch auf mein Getränk.

„Irisches Bier. Das Beste auf der ganzen Welt."

„Ich bin aber noch nicht Volljährig." Ich wusste nicht, ob sie es hier mit den Jungendstrafgesetzen so ernst nahmen. Immerhin hatte ich Ryan nie gesagt, wie alt ich war. Nachher machten sie sich noch strafbar.

„Das macht nichts. In Irland darf man Bier trinken, wenn man Erwachsen ist. Und da Collin dich mit hier her nimmt, reicht das wohl eindeutig."

„Aha." Sagte ich nur und schaute wieder auf die etwas zu dunkle Flüssigkeit in meinem Becher. Bei uns in Amerika war das Bier nie so dunkel gewesen. Nicht, dass ich oft welches gesehen, geschweige denn getrunken hatte. Opa Charlie hatte mal eines getrunken, als wir zusammen beim Footballspiel im Stadion waren. Ich hatte probiert und hatte mich ernsthaft gefragt, was alle daran so toll fanden.

„Soll ich dir was anderes holen?" bot Ryan an. Er musste wohl meinen angeekelten Blick gesehen haben. Ich ließ meinen Blick durch die Runde schweifen und bemerkte, wie alle um mich herum ihre aus ihren Bechern tranken, als wäre es Wasser. Ryan hatte ja auch gesagt, es war das Beste, das es gab. Vielleicht schmeckte es ja nicht so bitter wie das Zeug damals.

Und wie hieß es immer? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Ich schüttelte den Kopf. „Lass nur. Ich probier es erstmal."

„Wirklich Nessie. Du musst das nicht trinken. Ich seh' doch deinen Gesichtsausdruck. So sieht Joseph aus, wenn er ein wenig über den Durst getrunken hat. Und das heißt meistens nichts Gutes."

„Nicht nur meistens. Immer. Stimmt's Bruderherz?" Meldete sich Josephs Nachbar zu Wort und stieß seinem Kumpel gespielt in die Seite.

„Danke Matt. Schinde einen noch besseren Eindruck bei der Kleinen." Beklagte sich dieser.

„Wenn es doch stimmt."

Moment mal. Das war Matt. Der Kerl, der fast genauso aussah wie Joseph. Und wenn ich gerade eben alles richtig mitbekommen hatte, waren die beiden Brüder. Kleine Gesellschaft. Wahrscheinlich kannte sich hier jeder schon seit Kindesalter.

„Hey Leute." Sagte eine vertraute Stimme und in meinem Augenwinkel konnte ich auch schon den blonden Haarschopf ausmachen.

„Hey Collin." Sagten Matt und Joseph gleichzeitig. Der Rest der Runde hob nur grüßend die Hand.

„Alles klar bei euch?" fragte er und schaute sich suchend nach einem Platz um.

„Klar." Sagte Joseph und trank einen großen Schluck aus seinem Plastikbecher. Collin reichte ein, in braunes Papier gehülltes Päckchen an Matt, der es mit einem Grinsen entgegennahm.

Sofort verschwand es hinter seinem Rücken in einem Rucksack. Musste wohl sehr wertvoll sein.

„Und, hast du die anderen schon kennen gelernt?" fragte Collin, dieses Mal an mich gerichtet.

Ich drehte mich zu ihm um. „Matt und Joseph eben."

„Und was ist mit den ganzen anderen?" er deutete auf die Anderen, die ebenfalls um das Lagerfeuer saßen. Ich schüttelte nur den Kopf.

„Na, dann sollten wir das ändern." Sagte er, fasste mich leicht am Arm, um mir zu verstehen zu geben, dass ich aufstehen sollte. Ohne Widerworte stellte ich freudig mein Bier auf den Boden, ein Glück, dass ich es doch nicht probieren musste, und tat, was er verlangte. Er hängte sich an meinem rechten Arm ein und gemeinsam gingen wir um das Lagerfeuer herum, etwas abseits von den anderen. Ganz nah am Waldrand der Lichtung blieben wir stehen und er deutete auf die Menge.

„Siehst du die anderen am Lagerfeuer?" er deutete mit seinem Finger auf die anderen Kerle und die beiden Mädchen.

Ich nickte.

„Das sind die Öffentlichen. Du siehst sie auf jedem Abendessen, jedem Ball, jeder Party. Sie sind einfach immer da. Aber im Grunde haben sie nichts zu melden."

„Also sind sie eigentlich nur da, damit ihr ein paar Gäste mehr habt." Bemerkte ich.

„Ja, so könnte man es sagen. Wenn du mal irgendetwas über einzelne Personen herausfinden willst, wende dich an sie. Sie kennen jeden und wissen auch alles über jeden."

„Wow. Also ist das eure Klatsch und Tratsch Fraktion."

„Nun ja. Sie wissen eher andere Sachen. Wie du Geldmäßig dastehst oder wo du überall Immobilien hast. Die Klatsch und Tratsch Fraktion steht da drüben." Er deutete auf ein paar Mädels, die um einen Tisch zusammenstanden und sich eingehend unterhielten.

„Wenn du einen Skandal verbreiten willst, bist du bei ihnen richtig. Aber nimm dich in Acht. Niemals etwas gemeines oder niederträchtiges über sie zu sagen. Das wäre dein Ende."

„Will ich genauer wissen, wie du das meinst?" fragte ich.

„Nein, sicher nicht." Sagte Collin kopfschüttelnd.

„Okay. Wen haben wir hier noch?"

„Es gibt hier noch die Mitläufer. Erkennst du sofort, wenn du welche siehst. Sie stehen meistens am Rande einer Gruppe und nicken immer nur oder machen zustimmende Bemerkungen."

„Sind die in irgendeiner Weise gefährlich?" Nach der kleinen Info von den Tratschweibern fragte ich besser nach. Nicht, dass ich mich hier total zunichte machte, weil mich keiner gewarnt hatte.

„Nein, eigentlich nicht." Sagte er abwinkend.

„Gibt es hier sonst noch jemanden?"

„Die Kletten, ganz nervige Personen. Versuch sie so schnell wie möglich loszuwerden, falls dich mal eine anfällt." Ich kicherte. „Und dann gibt es da noch die ganz normalen Leute. Wie zum Beispiel Josh. Von denen geht überhaupt keine Gefahr aus. Keine Nennenswerte."

„Und zu welcher Gruppe gehörst du?" fragte ich, immerhin hatte er sich zu keinen von den anderen hinzugezählt.

„In welcher Gruppe ich bin, kann ich dir nicht verraten. Aber Ryan, Joseph, Matt und noch ein paar andere gehören dazu. Und da du meine Begleitung bist, du heute Abend auch."

„Ich gehöre also zu etwas, dass ich noch nicht einmal kenne?" fragte ich ein wenig skeptisch. Waren wir hier im Kindergarten, dass er es mir nicht sagen konnte, oder waren sie die Schlägertruppe von Dienst? Wobei ich mir auch da sicher war, das Dad das vorher in seinen Gedanken gelesen und mich nicht hätte mitgehen lassen.

„So könnte man es sagen." Nickte er und lächelte mich entschuldigend an.

Eine ganze Zeit lang schwiegen wir und schaute nur auf die anderen Partygäste. Josh und Alexis hatte ich auf der Tanzfläche entdeckt, wie sie eng umschlungen tanzten und sich gegenseitig anstrahlten. Sie sahen so süß und glücklich aus. Jetzt freute es mich, dass ich mich vor ein paar Tagen überwunden hatte, und sie für Josh angesprochen hatte. Es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass man etwas dazu beigewirkt hatte.

„Wegen vorhin…" durchbrach Collin die Stille. „… Es tut mir Leid, dich allein mit Ryan gelassen zu haben. Es war nicht richtig. Ich hätte dich hier her bringen sollen und dann noch mal zurück laufen." Was redete er da. Was sollte daran denn bitte so schlimm gewesen sein, dass er sich jetzt bei mir entschuldigte?

„Es ist nicht der Rede wert." Sagte ich abwinkend. Und das war es auch. Ryan war nett. Wirklich nett. Und sein Aussehen war auch nicht von schlechten Eltern.

„War er wenigstens nett?"

„Mehr als das. Er ist mir richtig sympathisch." Und noch mehr als das, diese wunderschönen Haare, der fast unsichtbare Bart.

„Gut. Denn normalerweise ist er nicht so gut auf Fremde anzusprechen."

„Also ich wüsste nichts, was ich an ihm auszusetzen hätte. Es war sogar richtig lustig." Gestand ich, als ich daran dachte, wie ich ihn gnadenlos bei seinem Spielchen abgezogen hatte.

„Lustig? Das hör ich nur selten in Verbindung mit meinem Cousin." Sagte er ein wenig nachdenklich, so als sagte er es mehr zu sich selbst als zu mir.

Hatte Ryan nicht gesagt, er hatte das Spielchen schon mit mehreren gemacht. Was fanden die da den nicht lustig dran? So was gab… Moment mal. Hatte Collin gerade Cousin gesagt?

„Dein Cousin?" fragte ich, ein kleines bisschen geschockt.

„Ja, mein Cousin." Bestätigte Collin.

„Du meinst Cousin in Bezug auf, der Sohn deiner Tante?" Das konnte doch nicht wahr sein. Das einzige, was sie gemeinsam hatten waren ihre strahlenden Augen. Sonst nichts. Oh. Doch. Sie hatten beide keinen Geruch. Aber was spielte das für eine Rolle. Niemals konnten sie verwandt sein.

„Ja, genau so meine ich es." Bestätigte er meine Frage erneut. Und es war doch wahr. Jetzt fiel es mir auch wieder ein. Ryan William Kennedy. So hatte er sich vorgestellt. Wieso war es mir vorher nicht schon aufgefallen? Vielleicht, weil ich zu sehr von ihm hingerissen war. Nein. Das konnte nicht sein. Ich hatte wahrscheinlich nur nicht richtig hingehört, weil ich viel lieber mit ihm über etwas anderes reden wollte. Das war es. Oder etwa nicht?

Oder ich wollte es einfach nicht sehen. Ich wollte nicht, dass ich so eine anziehende Wirkung von einem Kerl wahrnahm, der verwandt ist mit meinem hiesigen besten Freund. Ich wollte nicht, dass der Kerl, der so wunderbar aussah und etwas von Musik verstand, der witzig, nett…

„Sollen wir wieder zu den anderen gehen?" Mit diesen Worten riss mich Collin aus meinen Gedanken. Ich nickte nur. Hatte er gesehen, wie ich über seinen Cousin gegrübelt hatte? Wie ich feststellen musste, dass ich wirklich auf ihn stand? Ich weiß es nicht. Aber fragen würde ich sicher nicht.

Er lief gemächlich zurück in Richtung Lagerfeuer. Er setze sich schon auf den Stamm und ich wollte mich neben ihn setzen, als ich heftig von hinten umarmt wurde. Erschrocken zuckte ich zusammen, löste aber meine Verkrampfung, als ich merkte, wer das hinter mir war.

„Hey Alexis." Sagte ich glücklich. Sie ließ mich los und drehte mich zu ihr um. „Hey Nessie." Strahlte sie mich an. Ich konnte nicht anders, und tat es ebenfalls.

„Wie lange seid ihr schon da?" fragte sie.

„Ach, nicht wirklich lange. Und ihr?"

„Schon seit über einer Stunde."

„Wo ist Josh?" fragte ich und schaute mich suchend um. Gerade eben stand er doch noch mit ihr auf der Tanzfläche. Verschwunden sein, konnte er ja schlecht in so kurzer Zeit.

„Er holt nur schnell was zu trinken. Dann tanzen wir weiter." Sagte sie, und strahlte noch ein wenig mehr. Wo die Liebe hinfällt…

Ich erspähte ihren Begleiter, der mit einem grünen Plastikbecher etwas abseits stand und ihn gemächlich leerte, und dabei wie verzaubert das Mädchen neben mir anschaute. Ich winkte ihm leicht und er hob ebenfalls die Hand. Ich würde heute Abend wahrscheinlich nicht viel mit ihm reden, wenn man auf darauf hinsah, dass er nichts anderes im Kopf hatte als Alexis.

„Ich muss dann auch wieder. Viel Spaß dir noch. Und danke für die Hose. Die ist echt megaklasse. Findet Josh auch." Sagte sie noch grinsend und verschwand dann wieder, so schnell wie sie gekommen war.

Ich wandte mich dem Feuer zu und ließ mich zwischen Ryan und Collin auf den Baumstamm sinken.