Kapitel 12

Pumajäger im Flugzeug

„Sehr geehrte Fluggäste. Wir befinden uns im Landeanflug auf Seattle. Bitte legen sie die Sicherheitsgurte an und stellen sie ihre sitze in eine Aufrechte Position. Die Außentemperatur beträgt in der Stadt derzeit 21°C und es ist 14.38 Uhr Ortszeit. Wir bedanken uns, dass sie sich für unsere Airline entschieden haben und würden uns freuen, sie bald wieder begrüßen zu dürfen." Ertönte es aus den Lautsprechern über mir von einer freundlichen, jungen Männerstimme. Sicher würden die sich freuen. Man verbrachte ja auch gerne mal zehn Stunden in einer Hightech Sardinenbüchse, in der man fast schon dazu gezwungen wurde, nachzudenken. Ich hatte keinen einzigen Film angeschaut, der angeboten wurde. Ich hatte kein Kissen angenommen (immerhin waren die First-class-Sitze auch so ganz bequem). Ich hatte mich nicht mit anderen Fluggästen unterhalten. Ausgenommen Mum und Dad.

Ich hatte nichts getan, was mich vom denken hätte abhalten können. Ich hatte nachgedacht, bis ich fast wahnsinnig wurde. Ein Gedanken jagte den Nächsten. Eine Frage jagte die Nächste. Wie sollte ich reagieren, wenn ich Jake wiedersah? Am liebsten würde ich mich einfach nur in seine Arme schmeißen und ihn erstmal ordentlich durch knuddeln. Aber ich war so verdammt sauer. Hatte so einer Wut im Bauch, dass ich schon damit angefangen hatte, Mordpläne zu schmieden. Sie alle hatten zwei Dinge gemeinsam. Naja. Drei. Es kam immer eine Kettensäge darin vor. Die einzige Waffe, von der ich dachte, dass sie einen Wolf wie Jake mühelos zerstören könnte. Aber kommen wir zu den anderen beiden Punkten. Ich würde sie niemals ausführen. Und zu gut all letzt. Sie brachten Dad alle dazu loszulachen (wie ich es hasste, wenn er meine Gedanken las). Aber Jake war doch selbst Schuld. Wieso hatte er mich nicht angerufen? Vor unserer Abfahrt, hatte er mir noch hoch und heilig versprochen, mich jeden Gottverdammten Tag anzurufen. Und was hatte er letztendlich gemacht? Gar nichts! Nicht ein lausiger Anruf!!

„Er hat angerufen, Nessie." Bemerkte Dad beiläufig hinter mir. Ich verdrehte nur genervt die Augen.

Aber erst nach einer Woche. Und dann auch erst, als ich nicht zuhause war.

„Woher soll Jake den wissen, ob du daheim bist oder nicht?"

DAD!!! Darum geht es nicht. Es geht darum, dass er davor schon genug Zeit hatte anzurufen. Was hätte ich den tun sollen? Neben dem Telefon versauern und als alte Frau enden, die mit zwanzig Katzen in einem kleinen, baufälligen Haus wohnt und die Kinder in ihrer Nachbarschaft anzickt? Und alles nur, weil der Flohhaufen sich nicht gemeldet hat.

„Nenn ihn nicht Flohhaufen. Dieses Privileg hat nur Rosalie. Und wenn ich dich beruhigen darf. Du wirst niemals als alte Katzenfrau enden, weil du den besten Schönheitschirurg hast, den es weltweit gibt. Deine Gene."

Mag ja sein. Aber wenn dich meine Gedanken so stören, DANN BLEIB EINFACH AUS MEINEM KOPF!!!

„Aber sie sind so lustig. Besser als jede Komödie. Wenn ich nur daran denke, wie du ihn mit…."

„DAD, ist gut jetzt."

„Ich hasse es, wenn ihr das tut." Bemerkte Mum. Ich konnte den genervten Unterton in ihrer Stimme schon fast herausfiltern.

Genauso entnervt drehte ich mich auf meinem Sitz um, starrte über die Rückenlehne und warf den beiden Hübschen hinter mir einen bösen Blick zu.

„Dann sag deinem Mann, er soll aus meinem Kopf draußen bleiben."

„Miss, wenn sie bitte so nett wären sich anzuschnallen." Wies mich augenblicklich eine Stewardess an. Dad schenkte mir ein breites Grinsen. Ich streckte ihm noch die Zunge heraus, bevor ich der Anweisung nachging. Ich spürte, wie sich Mamas unsichtbares Schild um mich legte, sodass meine Gedanken vor Dad geschützt waren. Im Laufe meines Lebens hatte ich eine art Sensibilität entwickelt und spürte ihr Schild, wenn es sich weitete und mich einschloss.

Jetzt, da ich denken konnte, was ich wollte, beschloss ich, nicht mehr an Jake zu denken. Doch das war gar nicht so einfach. Der Flieger kam auf dem Boden auf und ein rütteln durchfuhr mich. Umso näher wir dem Flughafengebäude kamen, umso schneller wurde mein Herzschlag.

„Dein Herz flattert schneller als das eines jungen Vogels, der von einem Puma angegriffen wird." Bemerkte Dad trocken, woraufhin ich nur die Augen verdrehte.

„Denk erstmal, wie schnell das Herz des Pumas schlägt, wenn er von dir angegriffen wird." Konterte meine Ma. Ich grinste nur und warf einen prüfenden Blick aus dem Fenster. Mit einem rütteln kam das Flugzeug auf dem Boden auf. Die Passagiere fingen augenblicklich an zu klatschen, wie es bei längeren Flügen üblich war. Ich warf stattdessen einen prüfenden Blick auf das Flughafengebäude, auf das wir jetzt mit zügigem Tempo zurollten. Mein Herz trommelte schon so stark, dass ich mir fast sicher war, dass es jeden Moment aus meiner Brust springen und dann einer Popband beitreten würde.

„Miss?" hörte ich eine älter klingende, leise zierliche Stimme. Verwundert schaute ich mich um und bemerkte, wie die ältere Dame, die auf der andere Seite des Flugzeugs mich anschaute.

„Ja?"

„Wären sie so freundlich und würden mir helfen, meine Tasche aus den Oberfächern zu holen. Die Stewardess hat immer so viel zu tun."

Wie konnte ich so einer alten Dame, mit ihren weißen Locken und der ulkigen Brille etwas ausschlagen?

„Sicher." Nickte ich ihr zu. Die anderen Passagiere schnallten sich schon los. Ich tat es ihnen gleich, warf mir meine Schultertasche über die Schulter und machte mich daran, aufzustehen. Mum und Dad waren da schon etwas weiter. Die beiden waren schon auf direktem Weg zum Ausgang. Ich bemerkte einen muskelbepackten Kerl, der Mum einen Hey-Baby-Blick zuwarf. Dad legte provokativ seinen Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf das Haar. Ich schüttelte nur den Kopf und machte mich daran, der älteren Dame mit ihrer Tasche zu helfen.

„Weswegen sind sie hier?" fragte sie mich und schaute mir dabei zu, wie ich mich streckte um an das Oberfach zu kommen.

„Hier ist mein Zuhause." Grinste ich. Das stimmte. Egal ob ich jetzt in Dublin wohnte oder nicht. Hier war und würde immer mein Zuhause bleiben. „Und sie?"

„Ich besuche meinen Enkel. Ein ganz reizender junger Mann. Und Alleinstehend hinzu." Ich wusste schon, worauf das hinauflief. So fingen Kuppelgespräche an.

Ich reichte der alten Dame ihre Tasche, schenkte ihr noch ein breites Lächeln und wandte mich dann mit den Worten „Meine Eltern warten, es war schön, sie kennengelernt zu haben." von ihr ab.

Ich eilte so schnell wie es ging aus der Sardinenbüchse. Eilte die Treppe hinunter, warf unten angekommen einen prüfenden Blick über die Menge und sah Mum und Dad bei einem rostfarbenen Riese stehen. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge von Fluggästen direkt auf die drei zu, Jake flog mir praktisch entgegen, während ich immer langsamer wurde.

Er wollte seine Arme um mich schlingen, doch aus unerklärlichen Gründen zuckte ich zurück. Verwundert schaute er mich an. „Was ist los?" fragte er, worauf er von mir nur einen bösen Blick bekam. All das Gefühl von Freude war auf einmal verfolgen. Und die Wut war allgegenwärtig. Sie sprudelte in mir wie in einem Vulkan. Und ehe ich mich versah, schrie ich ihn auch schon an. „Was fällt dir eigentlich ein dich die ganze Zeit nicht zu melden! Ich hab dich vermisst verdammt noch mal! Du bist mein bester Freund, der wichtigste Mensch in meinem Leben und du denkst noch nicht mal daran dich zu melden! Lass mich ja in Ruhe!" Die meisten Leute in der Flughafenhalle drehten sich neugierig zu uns um. Jake schaute nur verdutzt, als wäre er im falschen Film, was er ja auch irgendwie war.

„Nessie. Nessie, ich konnte dich nicht anrufen. Es hätte mich nichts mehr hier gehalten wenn ich das getan hätte." Meinte er entschuldigend und auch auf seinem Gesicht machte sich der Hundeblick breit, der Hundeblick, den ich so vermisst hatte. Meine Augen füllten sich mit Tränen. „Glaubst du ich hab dich nicht vermisst? Ist der Gedanke so abstoßend mich zu besuchen?" „Nessie nein, um Gottes willen. Ich wäre so gerne bei dir gewesen, aber es ging nicht. Ich hab ein Rudel zu führen." Jetzt kam er wieder mit der alten Leiher. „Rudel, Rudel, Rudel! Bei dir geht es immer nur um dein beschissenes Rudel! Was ich fühle ist die scheißegal!"

Seine Gesichtszüge strafften sich, er wurde wütend. „Nessie, das ist nicht wahr und das weißt du!" Rasch griff er nach meinen Händen, ohne dass ich schnell genug war, sie zu endwinden. „Hör auf mit dem Scheiß."

Blitzschnell zog er mich in seine Arme. Wütend schlug ich auf ihn ein, was ihn wohl nicht viel interessierte. „Nessie, es tut mir leid!"

Ich schluchzte laut auf, gab den Widerstand auf und vergrub meine Hände in seinem Shirt. Und dann kam alles von selbst aus meinem Mund. „Ich hab dich so vermisst Jake. Tu mir das nie wieder an!" Er zog mich fester an sich und flüsterte leise in mein Ohr ein Versprechen, dass ich ihm nur zu gerne abnahm. „Nie wieder!"

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten wir uns wieder voneinander. Mum und Dad standen etwas abseits, mit den Koffern in den Händen und strahlten uns an. „Alles wieder okay?" erkundigte sich Mum. Wir nickten synchron.

„Dann können wir jetzt ja endlich nach Hause." Meinte Dad und lief, einen Arm um Mum gelegt voraus.

„Was hast du eigentlich gemacht, während ich weg war?" fragte ich meinen besten Freund und legte meinen Arm um ihn.

„Ich hab Sam in den Wahnsinn getrieben, genauso wie Emily, Dad, Jasper, Alice und wahrscheinlich alle anderen Rudelmitglieder." Sagte er und fuhr sich mit der hand durchs Haar.

„Also alles beim alten." Scherzte ich.

„Nein. Ich hatte so verdammtes Heimweh, nach drei bestimmten Personen, dass ich total verrückt wurde."

„Was auch erklärt, dass du Emily, Sam, Alice, Jasper und den Rest in den Wahnsinn getrieben hast. Wie geht es ihnen eigentlich?" Mit Alice hatte ich einmal telefonierte, seit wir weg waren. Mit den anderen jedoch nicht.

„Nachdem ich mich dafür entschuldigt habe, dass ich Sams und Emilys Wohnzimmer auseinander genommen habe, wirkten sie so, als würde es ihnen gut gehen. Und Alice." Er hielt kurz inne. „Ich denke, sie hatte ein paar schöne Stunden mit Jasper." und verzog das Gesicht dabei zu einem lasziven Grinsen. Ich konnte mir schon denken, was er damit sagen wollte.

„Wie geht es Opa?" in meiner Stimme schwang die Sorge mit. Jake fuhr mir mit der Hand tröstend über den Rücken.

„Ich war selbst noch nicht bei ihm. Aber da ihr hergekommen seid, muss es wohl etwas schlechter aussehen. Sue hab ich auch schon seit einer Woche nicht mehr gesehen, also weiß ich von ihr auch nichts."

„Hmmm…" Als wir uns aufgemacht hatten nach Irland, ging es Opa noch ganz gut. Er machte sogar noch Scherze, dass ich Hammel und all so Zeugs essen müsse. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich ihm etwas zustoßen könnte. Immerhin war das ganze Rudel da, das auf ihn aufpasste. Und da jetzt auch keine Vampire mehr hier lebten, na ja mit Ausnahme von Alice, durfte es auf diesem Gebiet auch keine große Gefahr für ihn geben. Und jetzt hatte er einen Unfall. Nichts, was mit irgendwelchen mystischen Wesen zu tun hatte. Einfach nur ein stink normales Reh, dass zu dumm war, sich von der Straße fern zu halten. Das Reh konnte von Glück reden, dass es mir jetzt nicht mehr in die Hände kommen konnte. Oder Mum, was weitaus die schlimmere Sache gewesen wäre.

Ich hatte noch nicht mal die Autotür richtig geöffnet, als Alice aus dem Haus gesprungen kam. Sie quiekte und umschlang mich sofort mit ihren Armen.

„Du hast mir so gefehlt, meine Kleine." Verkündete sie mit ihrer hohen Sopranstimme. „Du mir auch." Gab ich zurück und schloss sie ebenfalls fest in meine Arme.

„Hallo Alice." Sagte Ma freudig. Alice lies mich augenblicklich los, so als wäre ihr bewusst geworden, dass es noch andere Ankömmlinge gab, stürmte um den Mietwagen und wiederholte die Prozedur, die ich gerade hinter mich gebracht hatte mit Ma. Dann fiel sie noch Dad um den Hals, sagte irgendwas von einem Schachspiel und glänzte uns alle mit einem fetten Grinsen an.

„Ihr glaubt gar nicht, wie leise es hier ist." Bemerkte sie und deutete mit der Hand auf das große Haus hinter sich. Genau zu diesem Zeitpunkt kam Jasper mit lässiger, aber aufrechter Haltung aus dem Haus und schenkte uns ein Lächeln.

„Ihr seit aber schnell wieder zurück. Habt ihr den Weg nicht gefunden?"

„Naja. Wir hätten uns ja denken können, dass wenn das Navigationssystem sagt: ‚wenn möglich wenden' das auch bedeutet, dass man es tun soll und nicht einfach munter weiter fahren." Konterte Dad. Jasper lachte auf, Alice und Ma verdrehten nur genervt die Augen.

„Wo ist Jake? Wollte er euch nicht abholen?" fragte Jasper, schaute sich suchend um und zog die Luft scharf durch seine Nase ein, so als wolle er Beute wittern.

„Er hat gewettet, dass er auf vier Beinen schneller ist, als wir mit vier Rädern." Klärte ich ihn auf. Alice Gesicht wurde kurz emotionslos, dann grinste sie. „ Er ist gleich da. Ihm sind ein paar Wanderer beinahe vor die Füße gelaufen."

„Lasst uns reingehen. Dann mach ich mich schnell frisch und fahr dann gleich ins Krankenhaus." Sagte Ma und augenblicklich, legte sich Besorgnis auf ihre Miene.

Dad legte ihr tröstend den Arm um die Taille und gemeinsam gingen sie ins Haus.

„Dein Dad und ich fahren jetzt ins Krankenhaus." Sagte Ma und schlüpfte in ihre Jacke. „Ist gut. Ich komme dann gleich nach, wenn Jake fertig ist mit Duschen."

Sie gab mir noch einen Kuss auf die Wange und verschwand nach draußen.

Alice kam aus der Küche, setzte sich neben mich auf die Couch und reichte mir eine Cola. „Ich wusste gar nicht, dass du grüne Augen magst." Sie grinste mich so breit an und die Euphorie, die sie zu unterdrücken versuchte, schien ihr schon fast aus den Ohren herauszuquellen. Geschockt schaute ich sie an. „Woher weißt du…"

„Nur weil uns ein Ozean trennt, heißt das nicht, dass ich nicht schaue, wie es in deiner Zukunft aussieht." Irgendwie war es klar. Wieso sollte sie auch damit aufhören. Wahrscheinlich hatte sie vor ein paar Minuten erst eine Vision, die zeigte wie Carlisle in London mit einem Patienten redete. „Du erzählst es doch nicht Mum und Dad." „Also bei Bella könnte ich noch eine Ausnahme machen. Obwohl ich es nicht gerne tue, weil sie meine Schwester und beste Freundin ist. Bei Edward wird es schon schwieriger, aber ich werde mein bestes tun. Unter der Bedingung, dass du mir sofort alles erzählst." Ihre Augen strahlten so vor Neugierde, dass ich gar nicht anders konnte. „Was hast du den schon gesehen?"

„Eigentlich nur, wie Collin dich im Wald auf dem Pfad hat stehen lassen, wofür ich ihm gerne was antun würde. Wer bitte macht so etwas? Und wir du mit dem gut aussehenden Kerl, mit den strahlend Grünen Augen getanzt hast." Ich atmete einmal tief durch und schilderte ihr dann alles. Die Gefühle, das Aussehen der anderen. Wie es überhaupt dazu kam und so weiter. Eigentlich wollte ich ihn nicht alles erzählen, aber es war so toll, es jemandem zu erzählen. Jake konnte ich ja kaum erzählen, was ich mit einem fremden Kerl gemacht hatte. Immer wenn es um Jungs ging, zog er mich entweder auf, oder er bekam so einen mordlüsternen Gesichtsausdruck.

„Er mag dich." Grinste sie, als ich ihr alles erzählt hatte. „Ich sage dir nicht, was ich gesehen habe, aber behalte dein Handy in deiner Nähe." Sofort fasste ich mir an meine Hosentasche um sicher zu stellen, dass sich darin das kleine silberne Ding befand.

„Ich bin fertig." Schrie Jake und kam die Treppe hinunter getrabt. Aus seinem Haar tropfte noch ein wenig Wasser, das sein Shirt auf den Schultern einnässte, aber er sah so echt aus. In der letzten Woche hatte ich mehrmals von ihm geträumt. Immer mit der Hoffnung, dass wir in Wirklichkeit gar nicht nach Dublin geflogen waren. Aber jetzt war ich wieder hier, wenn auch nur für kurze Zeit. Und mein großer Knuddelwolf stand keine zehn Meter von mir entfernt.

„Können wir dann gehen?" fragte er und strubbelte sich noch einmal durchs Haar, woraufhin kleine Tropfen durch die Luft flogen. Es erinnerte mich irgendwie an einen Hund, der sich schüttelte, wenn er aus dem Wasser kam.

„Nessie?" Aus meinen Gedanken gerissen schreckte ich hoch musterte ihn noch einmal von unten bis oben, stand dann auf, schmiss mir meine Jacke über und winkte Alice zum Abschied zu.

„Über was habt ihr geredet, während ich duschen war?" wollte Jake wissen, als wir im Auto saßen. „Ach, über die neue Schule und so weiter."

„Gut, dann schalte mal auf Repeat, denn ich will alles wissen."

Ich blickte ihn unsicher an, er wollte alles wissen?

Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher ob das so eine gute Idee war. Jake war noch nie besonderes gut auf meine männlichen Freunde zu sprechen gewesen, solange sie nicht aus dem Rudel stammten. Aber ich konnte ja erstmal mit den etwas bekömmlicheren Anfangen oder? Angeblich hatte ich mit Alice ja sowieso nur über die Schule geredet von daher.

Ich atmete tief ein und begann. „Also Dad hat mich auf eine ganz schreckliche Schule geschickt. Eine Schule für Reiche und Schönlinge, das laufen nur Machos oder Zicken rum, sag ich dir." Jake verdrehte lachend die Augen. „Das sieht Edward ähnlich, aber du musst bedenken das diese, wie sagtest du gleich, ganz schreckliche Schule bestimmt die beste in ganz Dublin, was sagt ich, in Irland ist." Ich nickte leicht, da hatte er wahrscheinlich Recht. „Aber ich hab ein paar gute Freunde gefunden." „Ja? Erzähl, ich werde gewissenhaft lauschen." meinte er glucksend und richtete seine Augen wieder auf die Fahrbahn. „Das wären einmal Collin und Josh. Die beiden hab ich am ersten Tag kennen gelernt, sie sind einige der wenigen auf dieser Schule die dem Schönheitskult nicht verfallen sind. Bei beiden ist zu bemerken das sie die totalen Zocker sind, die haben kaum etwas anderes im Kopf als ihren Computer, aber sie sind beider sehr lustig und ich bin sicher das man sich in brenzlichen Situationen auf sie verlassen kann. Und natürlich ist Alexis dabei nicht zu vergessen. Sie ist ein Engel und anfangs eigentlich nur in unseren Freundeskreis gekommen weil Josh in sie verliebt ist. Er hat mich gebeten bei ihr ein gutes Wort für ihn einzulegen und so ist sie zu uns gestoßen. Wie sich herausgestellt hat, hat sie auch ziemlich was für Josh übrig."

Jakob lachte rau. „Da hat Josh aber verdammtes Glück." Ich nickte strahlend. „Ja das hat er wohl und…" Jake unterbrach mich in dem er quietschend auf die Bremsen seines VW's trat. „Tut mir leid Nessie, aber wir müssen unser Gespräch wohl später fortsetzen, jetzt sollten wir erstmal nach deinem Opa schauen."

Ich blickte erschrocken auf. Wir standen vor dem Krankenhaus, plötzlich hatte ich einen kräftigen Kloß im Hals. Ich hatte Angst.