Trippelnd rannte Eric mit blanken Füßen über das warme Sommergras im Garten einem bunten Gummiball hinterher, den Carlos mit seinem Fuß losgeschubst hatte. Der kleine Junge lachte vergnügt. Ben wedelte mit dem Schwanz, wuselte um das Kind herum.
,,Tritt unter den Ball, Eric, los!…" feuerte Carlos seinen Patensohn an und drehte den Kopf zur Seite, um zu der Mutter des Jungen und zu seiner Frau zu blicken, ,,…Hey, Jill, Rebecca, seht her!"
Umgehend unterbrachen die beiden Frauen ihr Gespräch, hielten damit inne, die frisch gewaschene Wäsche an die Leine zu hängen und sahen dem Geschen zu.
Eric kicherte und trat unter den Ball. Ben hetzte dem Objekt hinterher, quer durch den Garten.
,,Mein Patenkind wird noch ein waschechter Fußballer!" lobte Carlos.
Jill lachte leise.
,,Sicherlich…wobei ich mir immer dachte, das du Baseball bevorzugst, Schatz." hielt Rebecca dagegen. Sie und Carlos waren an diesem Sonntag Nachmittag zu Besuch bei Jill und Eric und die Ärztin ließ es sich nicht nehmen ihrer Freundin beim Aufhängen der Wäsche zu helfen, während Carlos mit dem Jungen spielte.
Es war der dritte August und die Hitzewelle hielt schon beinahe neun Wochen, sie sollte auch laut Wetterbericht noch nicht so schnell abnehmen.
,,Mama!…" Eric kam auf seine Mutter zugerannt, lachte, er hatte Spaß mit seinem Patenonkel. Jill legte die Wäsche zurück in den Korb und ging in die Hocke, um ihren Jungen aufzufangen und kaum hatte er ihre Arme erreicht, hob sie ihn in die Höhe, als sie sich wieder erhob.
,,Ja, ich habe es gesehen, das hast du gut gemacht!" sie lächelte, strich dem Kind eine dunkelbraune locke aus der Stirn. Er hatte ihre einstige Haarfarbe.
,,Mama auch Ball…haben…" Eric zeigte auf den Hund und lachte, denn Ben hatte den kleinen, bunten Gummiball herbei getragen.
,,Soll ich ihn wieder werfen, ja?…" Jill setzte ihren Sohn wieder ab und griff den Ball, warf ihn erneut quer durch den Garten. Ben flitzte los, Eric folgte ihm jubelnd und vergnügt und einmal mehr lächelte die Blondine. ,,Danke…" Jill blickte zu Carlos, ,,…er freut sich immer wahnsinnig, wenn du kommst, er mag dich."
,,Ich weiß Chica, ich mag den kleinen Kerl ja auch…" Carlos hatte sich neben seine Frau gestellt und strich ihr über den Rücken. Verschmitzt grinste er sie an, ,,… und man kann schließlich schon mal üben."
Rebecca lachte augenblicklich, verlegen: ,,Also wirklich!"
Carlos küsste ihre Wange, sah ihr in die Augen: ,,Ich will mindestens zwei!"
Die Ärztin lachte, blickte zu ihrer Freundin, die sich bereits wieder ihrer Hausarbeit widmete und sagte: ,,Als ob das so einfach wäre, was?"
Jill sah amüsiert zu dem Ehepaar, als sie eines ihrer Kleider an die Leine hängte: ,,Tja, Carlos, Rebecca hat recht, es dauert, bis ihr zu viert seit, fangt doch erst mal damit an, zu dritt zu sein."
,,Ja, ja…ist ja gut…" meinte er, ,,…wir haben eh noch bis nächste Jahr Zeit."
,,Dann wollt ihr dieses Jahr nicht mehr umziehen?" fragte Jill.
,,Doch, doch…" entgegnete Rebecca und hängte ebenfalls noch ein Kleidungsstück zum trocknen auf, ,,…Ich muss nur noch einen Käufer für meine Eigentumswohnung finden, aber Weihnachten feiern wir schon im neuen Haus…Du und Eric, ihr seid schon jetzt herzlich eingeladen."
Jill schluckte: ,,Danke, aber wie ihr sicher versteht, ist mir momentan irgendwie…nicht nach feiern zumute…" Ihr war wirklich nicht danach. Um ehrlich zu sein, war ihr nach gar nichts.
,,Für Eric…" meinte Rebecca nur, wusste, das sie ihre Freundin so umstimmen konnte. Sie wusste natürlich auch, wie jeder andere in ihrem Freundeskreis, dass das letzte Jahr schrecklich für Jill gewesen war und sie vermutete außerdem, das Jill sicher annahm, es wäre nur ein weiterer Versuch sie aufzumuntern. Das wollte sie gleich widerlegen: ,,…Es ist wirklich nicht nur aus nächstenliebe, Jill…oder aus dem Grund, das ich annehme, es wäre gut für dich mal raus zu kommen. Es ist Carlos´ und mein erstes Weihnachtsfest als verheiratetes Paar, ich möchte euch alle einladen, dich und Eric ganz besonders, sicher wird der kleine Mann sich tierisch freuen."
,,Es ist ja noch weit hin…" hielt Jill dagegen, ,,…lasst uns erst mal diese Hitzewelle überstehen, ehe wir über das Schneeschaufeln reden."
Rebecca lachte, stimmte zu und tauschte einen amüsierten Blick mit ihrem südamerikanischen Ehemann. Fast sieben Wochen schon waren die beiden jetzt verheiratet. Und beiden gefiel es sehr gut.
,,Ich finde es so toll, das ihr hier nach Arlington ziehen werdet…" begann Jill dann nach einigen Momenten, ,,…Ich brauche nur noch fünf Minuten mit dem Auto um bei euch vorbei zu schauen."
,,Ja, fehlt nur noch Claire…" meinte Carlos, hatte den Jungen im Auge, der mit dem Hund und dem Ball spielte, ,,…ach ja, und die Burtons natürlich."
,,Na, wart erst mal ab…" entgegnete Jill, ,,…Die Burtons sind in Baltimore so eingefleischt, das ich nicht glaube, das die noch mal umziehen werden…und seitdem Matt bei Claire eingezogen ist, ist sie ohnehin schon im siebten Himmel. Jetzt sind die Zwei endlich für sich und können sich in Ruhe auf ihre Hochzeit vorbereiten."
,,Sie hat mich übrigens vorgestern angerufen…" sagte Rebecca und verdrehte dann amüsiert die Augen, ,,…Sie verschieben es schon wieder. Claire will jetzt doch warten, bis sie wieder in das Brautkleid ihrer Mutter passt."
Die Blondine lachte: ,,Dann kann sie noch mindestens bis zum Sommer nächstes Jahr warten, glaub mir, diese lästigen Pfunde, die man während einer Schwangerschaft zulegt, an denn hat man hinterher noch Monate zu knabbern." Ja, eigentlich war die Hochzeit zwischen Claire und Matthew schon in diesem Sommer geplant gewesen, doch nachdem Claire entdeckt hatte, das sie ein Kind erwartet, hatten sie die Hochzeit erst in den Winter und dann in den nächsten Frühling verschoben, sowie das Baby auf der Welt sein würde, doch Jill kannte ihre Schwägerin gut. Sie wusste, das sie in einem Brautkleid perfekt aussehen wollte, zumal es das Kleid ihrer verstorbenen Mutter war und die Zeit war schließlich auf ihrer Seite. Es würde keinen stören, wenn Claire und Matt sich erst Mitte nächsten Jahres das Jawort geben würden.
,,Schon Schade, das Eric ein Einzelkind ist." murmelte Rebecca dann, als sie an Claires Baby dachte.
,,Er ist mein Ein und Alles, mein Engel…Was brauche ich mehr, wenn ich ihn habe?" sagte Jill mit einem leicht traurigen Unterton.
,,Was ist eigentlich mit Leon? Habt ihr von ihm was neues gehört? Ich habe ihn schon wochenlang nicht erreichen können. Ist wohl ziemlich down wegen dem Präsidenten, nicht wahr?" wollte Carlos wissen, wechselte absichtlich das Thema, um Jill nicht noch weiter an unangenehme Erlebnisse und Verluste zurück zu erinnern.
Jill nickte und drehte sich zu ihm um: ,,Er war auch in…Tall Oaks."
Rebecca stockte, drehet sich zu ihrer Freundin: ,,Woher weißt du das?"
Die Blondine blickte erst zu ihr, dann zu Carlos und dann unter sich: ,,…Angela hat es mir erzählt…und außerdem hat die BSAA vor einigen Wochen angerufen…" sie sprach es einfach aus, ,,…Chris ist aufgetaucht."
,,Was?…Davon hast du uns überhaupt nichts erzählt." Carlos und Rebecca wurden hellhörig, denn seit Monaten hatte niemand mehr etwas von Chris Redfield gehört oder gesehen. Beide blickten die Blondine mit einer Mischung aus Neugier und Fassungslosigkeit an.
,,Er hat sich gemeldet?" fragte Rebecca.
Jill blickte auf das Shirt ihres Sohnes, das sie gerade im Begriff war aufzuhängen und schüttelte den Kopf. Es fiel ihr sichtlich schwer darüber zu reden, doch was raus musste, musste nun mal raus: ,,Nein…und ich weiß noch nicht mal ob er wieder weiß wer er ist oder was gewesen war…" ihre Stimme klang leise und voller Schmerz, ,,…Ich wurde nur darüber informiert, das Piers und die anderen ihn gefunden und zurückgebracht haben und Chris…die Leitung des Teams für den Einsatz in China übernommen hat."
,,Was?…" Rebecca legte ihrer Freundin eine Hand an die Schulter, ,,…Er lebt?" Es war nicht nr für sie ein Schock.
Carlos war noch immer sichtlich baff: ,,Wir haben damals doch alles erdenklich unternommen, um ihn in Osteuropa zu finden, wieso ist er jetzt aufgetaucht?…Wie haben Piers und die Anderen ihn gefunden?"
,,Ich weiß keine Details…und um ehrlich zu sein, will ich es auch nicht wissen." Es tat immer noch so weh in ihrem Innern. Die Momente im Krankenhaus, als sie realisiert hatte, das ihr eigener Ehemann sie nicht mehr kannte. Das nichts mehr da war, an das er sich erinnern konnte und das er sein Leben, seine Familie, seinen Sohn und sogar sie vergessen hatte.
,,Aber…wieso nach China?…" fragte Rebecca perplex, ,,…Wo war er denn die ganze Zeit?"
Jill seufzte, sie wusste, das ihre Freundin nicht locker lassen würde, obgleich sie dieses Thema weiterführen wollte oder nicht. Immerhin hatte sie selbst ja damit angefangen und konnte es ihren Freunden nicht verübeln, neugierig zu sein, also konnte sie auch gleich erzählen was sie wusste: ,,Piers hat mich kurz nach der BSAA angerufen. Sie haben ihn völlig betrunken in einer heruntergekommenen Bar, irgendwo im Osten Edonias gefunden. Er hat die letzten sechs Monate mit Trinken und Schlägereien verbracht…" Jill drehte sich zur Wäscheleine, hing das Shirt auf, damit ihre Freunde die Feuchtigkeit in ihren Augen nicht sehen konnten. Sie seufzte schwer.
Das Bild, ihren Ehemann so ganz tief unten zu sehen, tat ihr mehr weh, als das es sie erschreckte. Wieso hatte er sich damals im Krankenhaus von ihr nicht helfen lassen? Diese Frage geisterte nun schon Monate in ihrem Kopf herum. ,,…Jedenfalls waren sie auf dem Weg nach China, da dort ein ebensolcher Ausbruch stattgefunden hatte wie hier…" Jill schniefte dann, klang verbittert, ,,…Ach, es ist mir auch egal…soll er machen was er will…es ist sein Leben."
,,Hast du versucht ihn zu erreichen?" fragte Rebecca. Sie konnte noch immer kaum fassen, das es ein Lebenszeichen von Chris Redfield gab.
Die Blonde schüttelte nur den Kopf: ,,Nein, er hatte über ein halbes Jahr genug Gelegenheit mich anzurufen oder seine Schwester, oder irgendeinen von uns…nach Hause zu kommen…und er hat es nicht getan, ganz gleich ob er sich erinnern kann oder nicht…also will er nicht zu uns zurück."
,,Jill, er hat eine posttraumatische Amnesie erlitten, er konnte sich…er kann sich an nichts erinnern."
,,Ich weiß…" gab die Blondine leise, ,,…Dennoch habe ich ihm im Krankenhaus gesagt, wer ich bin, mehr als einmal. Ich habe ihm erzählt wo und wie wir alle wohnen. Der Chris, den ich kenne, hätte sicher versucht die Wahrheit herauszufinden, er hätte sich seiner Krankheit gestellt und wäre nicht einfach so davor geflüchtet." Man konnte sehen, das Jill noch immer daran zu nagen hatte.
Rebecca schüttelte den Kopf: ,,Er hat es doch versucht, nur eben auf seine Art…"
,,…und ist gegangen. Ohne Abschied…" Jill seufzte einmal mehr und blickte unter sich. Sie verdrängte den unangenehmen Schock an dem Morgen, als Chris einfach nicht mehr in seinem Krankenzimmer vorgefunden wurde. ,,…Lasst uns einfach das Thema wechseln, bitte…" beschloss sie dann, ,,…Die Mission in China ist schon über einen Monat beendet, die Situation unter Kontrolle und selbst wenn er sich noch nicht erinnern kann, wird die BSAA ihm unsere Kontaktdaten gegeben haben. Chris hatte also lange genug Zeit, nach Hause zu kommen. Er wird nicht mehr hier auftauchen und damit habe ich mich abgefunden."
Carlos hatte dem kurzen Gespräch nur zugehört. Er hasste es zu sehen, wie Jill litt und ja, das hatte sie getan, sehr sogar. Es war wohl ihre medizinische und psychische Hintergrundgeschichte nach Afrika schuld, das sie nach dem Verschwinden von Chris sich nahe an einem Nervenzusammenbruch befand und schwer depressiv geworden war.
Jill hatte keine Freude mehr gespürt, keinen Sinn im Leben, niemand war im Stande gewesen, sie aufzumuntern, ihr ihre Alpträume zu nehmen und nicht mal Rebecca konnte zu ihr durchringen. Jill hatte nicht reden wollen. Sie hatte eine Therapie verweigert, hatte sich verkriechen wollen, allein sein und an ihrem Verlust zerbrechen wollen und da sich alle um Jill gesorgt hatten, ihr sogar einen Suizid zugetraut hätten, hatte Rebecca ihr starke Antidepressiva verschrieben, um sie ruhig zu halten. Und dann im Mai, hatte sich alles geändert.
Eric war krank geworden.
Der Junge hatte sich eine schwere Lungenetzündung eingefangen, musste lange im Krankenhaus bleiben und es hatte sehr ernst um ihn gestanden. Jill hatte ihr Kind zwar niemals vernachlässigt, im Gegenteil, ihr Sohn, war das Einzige, was sie noch am Leben gehalten hatte, dennoch gab sie sich die Schuld an seiner Krankheit. Sie hatte ihn nicht verlieren wollen und während der Zeit in der sie ihn im Krankenhaus und später auch zuhause wieder völlig gesund gepflegt hatte, hatte sie eingesehen, das sie sich selbst vernachlässigt hatte. Sie hatte damit aufhören müssen, sie hatte sich damit abfinden müssen, das Chris nicht mehr zu ihr zurück kommen würde und sie hatte es geschafft nach vorne zu sehen, denn sie musste durchhalten, für ihren Sohn.
Seit ein paar Wochen, ging es ihr etwas besser. Jeder Tag der verstrich brachte sie weiter von Chris weg und näher an ein Leben ohne ihn. Jill würde schon durchkommen. Carlos wusste das. Immerhin hatte sie ihn und Rebecca und all die anderen auch noch.
,,Mama?" Eric kam hinzu, blickte mit großen blauen Augen in die Runde der drei Erwachsenen.
Jill ging einmal mehr in die Hocke und blickte ihren Sohn an.
,,Hab Hunger…"
Sie lächelte, mehr zu ihrem Sohn, als zu sich selbst, piekste zärtlich mit ihrem Zeigefinder auf seinen Bauch: ,,Du hättest keinen, wenn du deinen Teller heute Mittag leer gegessen hättest."
Der Junge zog eine Grimasse, mimte den Unschuldengel.
,,Also, junger Mann, auf was hast du den Hunger? Soll ich dir dein Essen warm machen?…" fragte Jill, ahnte es jedoch schon, denn sie kannte schließlich ihr Kind.
Sofort grinste Eric und versteckte die Arme hinter seinem Rücken. Er entblößte strahlend weiße Milchzähne und leuchtende Augen: ,,…Eis…"
Jill lachte nickend: ,,Hab ich´s mir doch gedacht, lieber Naschen, als etwas anständiges zu Mittag, was?…" sie konnte nicht anders als nachzugeben und nickte, ,,…Aber nur ausnahmsweise und heute Abend wird Abendbrot gegessen, okay?"
Eifrig nickte der Junge, sah zu, wie sich seine Mutter erhob und ihre Freunde anblickte: ,,…Möchtet ihr auch?"
Rebecca tauschte einen Blick mit Carlos, dann nickten beide.
,,Okay…" beschloss Jill, ,,…dann wollen wir mal in die Küche gehen und nachsehen, was wir finden."
,,Ja, ja, ja!" jubelte ihr Sohn, freute sich und augenblicklich fing Ben an zu bellen.
Lauthals kläffte er, rannte an den Vieren vorbei und hinein, über die Veranda, ins innere des Hauses.
,,Ben?…" Jill ging ihm nach, ,,…hör auf zu bellen, okay, du kriegst auch was…" sie lachte und fragte sich, was auf einmal in den Hund gefahren war, denn solch ein lauthalsiges Theater hatte er schon sehr, sehr lange nicht mehr gemacht. ,,Ben?…Du gehst den Nachbarn nur wieder auf die Nerven, wenn du…" Jill ging durch das Wohnzimmer, da ihr Hund in den Flur geeilt war und als sie diesen betrat, erstarrten plötzlich sämtliche Zellen in ihrem Körper.
Die Person, die sich in ihrem Haus befand, die von ihrem Hund freudig und glücklich begrüßt wurde, ließ ihr eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken laufen.
Es war niemand geringerer als Captain Christopher Redfield…
Rebecca und Carlos waren hinter Jill ebenfalls zu Salzsäulen erstarrt, doch tauschten erschrockenen Blicke.
Er war hier?
Chris Redfield, ließ von dem Hund ab, erhob sich und blickte seit langer Zeit wieder in die Gesichter seiner Freunde, seiner Ehefrau. Er musterte sie. ,,Hey…" fast ehrfürchtig klang seine Begrüßung.
Bewegungen an Jills Bein und Chris sah hin. Es war ein kleiner Junge, fast drei Jahre alt, der sich am Rockzipfel seiner Mutter fest hielt. Sein Sohn.
Ihm wurde warm im Innern, der Junge sah prächtig aus und erst jetzt bemerkte Chris, wie groß seine Sehnsucht gewesen war, er hob einen seiner Mundwinkel. Jetzt wusste er endlich, wieso er die ganzen Monate diese Leere in sich gespürt hatte.
Sekundenlang lag Stille im Haus.
Niemand sagte etwas, niemand bewegte sich.
,,Mama…" Eric griff die Hand seiner Mutter, wartete bis diese zu ihm blickte und fragte dann, ,,…Ist das Daddy?"
Jill sah in die Augen ihres Sohnes, dann wieder auf, in die ihres lang verschollenen Ehemannes und nickte kaum merklich. ,,…Ja…" sagte sie, ihre Stimme beinahe gebrochen, ,,…Das ist dein Vater…" Der Anblick ging Jill durch Mark und Knochen und in dem Bruchteil einer Sekunde, kam all das wieder in ihr hoch, was sie zu vergessen versucht hatte. All die Gefühle, all der Schmerz und all die Wut, ihre Knie wurden mehr als weich.
Sie glaubte zu träumen.
Das durfte doch nicht wahr sein. Warum war er hier? Warum jetzt?
Warum heute?
Erinnerte er sich?
Carlos erkannte die Situation richtig und bückte sich zu dem Kind: ,,Eric, was hältst du davon, wenn du und ich, Ben und Tante Becca ein Eis essen gehen. Dann können deine Mom und dein Dad in Ruhe miteinander reden, ja?"
Eric blickte hoch zu seiner Mutter: ,,Mama auch Eis?"
Jill strich ihrem Jungen über den Kopf, wandte ihre Augen jedoch nicht einmal von Chris ab: ,,…Nein, geht ihr nur."
Carlos nickte, reichte dem Jungen die Hand, während Rebecca nach vorne ging, um die Leine des Hundes von der Garderobe zu holen. Unweigerlich traf sich ihr Blick mit dem von Chris und ein wirklich eigenartiges Gefühl kam in ihr hoch. Sie spürte Ehrfurcht und Unglaublichkeit, obgleich sie auch wusste das sein Auftauchen Schwierigkeiten bedeuten würde. Dann leinte sie rasch den Hund an und blickte zu Jill: ,,Wir sind nicht spät zurück."
,,Ich hab mein Handy mit…" sagte Carlos nachdem er Eric seine Sandalen angezogen hatte.
Chris Redfield ließ die Vier an sich vorbei, sah zu, wie sie das Haus verließen, dann war er mit seiner Frau allein…
Er atmete durch, hörte ihre Schritte, wie sie langsam auf ihn zukam. ,,…Jill…" Chris sah ihr wieder in die Augen, bereit ihr eine Erklärung zu geben, doch ein Knall, ein Schmerz in seinem Gesicht kam ihm zuvor. Ihre Faust war knallend auf sein Jochbein getroffen, sein Kopf flog zur Seite.
Jill war zornig und verärgert, sie blickte ihn sauer an: ,,Was zur Hölle willst du hier?"
Seine Hand betastete seine Wange, es fühlte sich an, als hätte sie einen Schlagring benutzt, er hatte Jills Kraft nicht so ganz fest in Erinnerung gehabt, dennoch gestand er sich ein, das er diesen Schlag wohl wirklich verdient hatte.
Reumütig drehte er den Kopf nach einigen, kurzen Sekunden wieder zu ihr, nur um zu erkennen, das ihr Gesicht von Schmerz und Wut zerfressen war, das sie den Tränen nahe war.
Die Blondine schüttelte einfach nur den Kopf: ,,…Du wagst es jetzt aufzutauchen? Nach all der Zeit?…Wo zur Hölle bist du nur gewesen?" Ihr war es egal, ob er sich erinnern konnte oder nicht, die Fragen sprudelten einfach so aus ihrem kopf heraus.
,,Jill, ich kann erklären…" versuchte Chris sie zu besänftigen.
,,Erklären?…" mit großen Augen hielt sie seinem Blick stand. Sie legte sich eine Hand an die Brust, musste beinahe anfangen zu lachen, ,,…Dann weiß du wieder wer du bist? Was geschehen war?" Sie war unsagbar wütend auf ihn.
Chris nickte: ,,Ja."
Jill sah zu Boden, lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand, da sie sonst glaubte zu fallen und schluckte. ,,Du erinnerst dich?…An Alles?"
,,Ja…"
,,Seit wann?"
,,China…"
Sie schwieg und schloss die Augen. Dort war die Hölle ausgebrochen gewesen, das hatte sie durch die Nachrichten mitverfolgen können und sie hatte es verflucht, mehr als einmal. Sie hatte den Gedanken gehasst, zu wissen, das Chris erstens noch lebte und zweitens schon wieder seinen Kopf in die Schlinge geschoben hatte, sich an den wohl gefährlichsten Ort er Welt begeben hatte, ohne sich vorher bei ihr zu melden, ohne überhaupt den Ansatz einer Erklärung zu liefern, warum er fast über sechs Monate verschwunden war. Er hätte dort sterben können!
,,Ich habe dich vermist, Jill…" begann der Agent nach einigen Momenten der Stille, um einem Gespräch den Anfang zu geben.
Jill atmete durch, wie sie den klang seiner Stimme liebte, wenn er ihren Namen sagte.
,,…wie geht es dir?" vollendete er und sah ihr an, das es ein Schock für sie war, ihm gegenüber zu stehen und er bereute es, damals einfach verschwunden zu sein. Er bereute sein ganzes, feiges Verhalten.
Jill überging seine Frage, weil sie noch nicht wirklich wusste, was sie sagen sollte, stattdessen schluckte sie einmal, nahm sich Mut, um ihren Noch-Ehemann wieder in die Augen zu sehen und fragte: ,,Warum bist du hier?"
Innerlich war Chris irritiert. Warum sollte er hier sein? Das hier war doch immer noch sein Zuhause, oder etwa nicht?
,,…Ich wollte meine Familie wieder sehen."
,,Deine Familie?…" hinterfragte Jill mit einem eindeutig ironischen Unterton, ,,…Die kommt mittlerweile ganz gut ohne dich zurecht." Sie konnte nicht leugnen, das sie einmal mehr zornig auf ihn wurde. Wenn er doch schon seit China seine Erinnerungen zurück hatte, wieso hatte er sich denn dann verdamm noch mal erst jetzt gemeldet?
,,Es tut mir leid…" hauchte er.
,,Mir auch…"
,,Ich kann dir alles erklären…" begann er von Neuem.
,,Ach ja?…" fuhr sie ihm übers Wort, ,,…Was willst du bitte jetzt noch erklären?"
,,Alles, ich…" der Agent atmete durch, suchte nach den Worten, die sich in seinem Hals zu verknoten schienen, suchte nach etwas Halt und machte sich gleichzeitig unendliche Vorwürfe.
,,Du brauchst mir nichts zu erklären, Chris!…" sauer fauchte Jill ihn an, ,,…Ich kann verstehen, das dein Dasein als Agent dir immer viel wichtiger war und ist, als deine Familie…Das habe ich schon vor über sechs Monaten erkannt!"
,,Das ist nicht wahr…"
Jill ließ ihn kaum zu Wort kommen: ,,Ach nein? Wo warst du denn dann die ganze Zeit? Du hast dich noch nicht einmal gemeldet! Weißt du eigentlich, das die BSAA den halben Globus nach dir abgesucht hat?…Das ich dich gesucht habe? Deine Freunde…" ihre Agen funkelten ihn beinahe glühend an, ,,…Wir waren kurz davor dich für tot erklären zu lassen! Und dann muss ich erfahren, das man dich in einer Bar aufgegriffen hat! Völlig betrunken!…Was ist bloß in dich gefahren?"
,,Nichts, ich…" Chris versuchte sich zu verteidigen, ,,…Jill, ich war nicht ich selbst…Weißt du wie es ist, plötzlich aufzuwachen und dich an rein gar nichts erinnern zu können? Kein Name, kein Leben…Nichts…alles ist dir fremd."
Sie schüttelte den Kopf, hielt weiterhin Blickkontakt: ,,Nein, das weiß ich nicht…aber ich weiß, das ich dir hätte helfen können dich zu erinnern."
,,Mir konnte keiner helfen, Jill…" Chris schluckte bitter, er senkte einen kurzen Moment betrübt den Kopf, ,,…Ich em…ich war da in diesem Loch, nach allem, was vor einem Jahr mit dem Baby passiert ist und dann…in Edonia, ich hab dich ja nicht mal erkannt, wusste nicht wo ich hin gehörte…"
Tränen begannen aus Jills Augen zu kullern und er wollte ihr näher kommen, ihr die Nässe von der Wange wischen, doch sie wich zurück, ließ es nicht zu.
,,Darum hast du uns allein gelassen?…" unverständlich blickte sie ihn an, ,,…Chris, du bist einfach so aus dem Krankenhaus verschwunden, ohne Abschied! Weißt du eigentlich…" sie brach ab, blickte zur Seite, ,,…Gott, ich dachte wirklich, du wärest tot!"
,,Es tut mir leid…wirklich…" entgegnete er, hielt ihrem Augenpaar stand, ,,…Ich hätte das nicht tun dürfen, hätte ich gewusst, dass…Oh Jill, ich verfluche mein Verhalten ja selber!"
Sie schluckte, drehte sich weg von ihm und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Hatte sie geglaubt aus ihrem Loch, ihrem eigenen Sumpf heraus zu sein, in dem sie nach seinem Verschwinden gefangen war, so hatte sie sich getäuscht. Das Loch war noch immer da, schien sie gerade wieder in die Tiefe zu reißen. Kopfschmerzen jagten plötzlich durch ihre Schläfen. ,,Und was jetzt?…Kommst du doch noch zurück um mir Lebwohl zu sagen?"
,,Nein, ich…" Chris wollte sich ihr wieder nähern, ihre Schulter tröstend greifen, doch beherrschte sich im rechte Moment. Er wollte ihr nicht gleich auf die Füße treten, dennoch war er ehrlich zu ihr, ,,…Ich bin gekommen, weil…ich will wieder nach hause kommen."
Jill schloss die Augen. Genau das hatte sie befürchtet und augenblicklich schüttelte sie den Kopf: ,,Nein…das geht nicht…"
Augenblicklich ließ Chris seine Schultern hängen. Er nickte jedoch leicht, sprach seine Vermutung aus: ,,Du liebst mich nicht mehr, das kann ich verstehen…" Er würde es wirklich verstehen, wenn sich ihre Gefühle geändert hätten, immerhin hatte er allein alles zerstört, das Band zwischen ihnen auseinander gerissen. Nicht nur wegen Edonia oder seiner Amnesie, auch vorher schon, nach ihrer Fehlgeburt.
,,Das hat damit nichts zu tun. Natürlich liebe ich dich!…" hauchte Jill leise, ,,…Ich liebe dich noch immer mehr als alles andere, ich sehnte und sehne mich so sehr nach dir, das es schon weh tut, doch Chris…" sie blickte huschend zu ihm, in seine Augen, ehe sie den Kopf zu Boden sinken ließ, ihre Tränen einmal mehr zu unterdrücken versuchte, ,,…jetzt brauch ich dich nicht mehr!"
Sie legte eine Hand an ihren Bauch, dachte unweigerlich an ihren schrecklichen Verlust zurück, der alles zwischen ihnen erkalten gelassen hatte.
Jill hätte ihn damals wirklich gebraucht, doch er hatte sie allein gelassen. Er hatte sie im Krankenhaus kaum besucht, er hatte sie noch nicht mal abgeholt unter dem Vorwand sich um Eric kümmern zu müssen und kaum war sie wieder zuhause gewesen, überbrachte er ihr die Nachricht in den Außendienst gewechselt zu haben auf eine Mission zu müssen.
All der Schmerz brannte noch immer in ihrer Brust: ,,…Wie kannst du es wagen jetzt zurück kommen, wo ich gerade angefangen habe mich damit abzufinden, das du uns verlassen hast!" Mit aller Macht unterdrückte sie das Schluchzen. Es fühlte sich an, als würde er ihr noch einmal das Herz heraus reißen.
,,Jill…" Chris streckte die Hand aus, wollte ihr nun wirklich an die Schulter greifen, aus Angst, das sie vor lauter Zittern zu Boden ging. Er wollte sie halten, ihr sagen, beteuern, wie leid es ihm tat, doch Jill hielt ihn abermals zurück, hob ihre Hand.
,,Fass mich nicht an!…" Jill schniefte, krampfhaft vermied sie es, ihn anzublicken, ,,…Verschwinde!"
Er schwieg, rührte sich nicht, während seine Augen sie musterten und ja, sie sah gerade wirklich nicht gut aus. Chris erkannte, wie fertig die Frau die er so liebte war und er wusste, das nur er selbst der Grund dafür war.
Was hatte er nur angerichtet? Er hatte einst geschworen sie zu beschützen, doch es war nur immer wieder er selbst, der ihr Leid zufügte. Er hasste sich dafür.
,,…Chris, bitte, geh! Ich muss jetzt allein sein." Der Schock über seine unerwartete Rückkehr, saß noch immer tief. Sie wollte ihn jetzt nicht sehen.
,,Okay…ich gehe, für den Moment…" Chris nickte, wusste, das es zu viel für sie war, das sie drauf und dran war die Haltung vollends zu verlieren. ,,…Kann ich morgen wieder kommen?…" fragte er dennoch, nach einigen Augenblicken und als sie weiterhin schwieg, fügte er hinzu, ,,…Bitte, Jill, es gibt noch so viel, was ich dir sagen möchte, du musst noch so viel wissen und…ich habe so viel wieder gut zu machen."
Jill schniefte: ,,Ich will dich nicht sehen!…Und ich will auch nichts mehr wissen!" sie schluckte und schloss die Augen. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein, er konnte nicht wirklich vor ihr stehen und einfach da weiter machen wollen, wo doch alles geendet hatte. Irgendwie schien ihr gerade ein Haus auf den Kopf zu fallen, sie war mit einem Mal so völlig durcheinander.
…Oh Gott, ich liebe dich Chris…
,,Jill…"
,,Hau ab!…" schrie sie, blickte ihn aus feuchten Augen an, ,,…Lass mich jetzt allein!…Bitte, Chris, geh!"
Er nickte innerlich, als seine Augen ihre trafen, als seine Ohren ihre verletzten Worte hörten. Es tat ihr weh und schwer schluckte er, erschrocken über ihren fast verzweifelten Appell.
Chris ging rückwärts zur Tür: ,,Okay…" Mehr brachte er nicht heraus. Er selbst war geschockt über Jills emotionale Reaktion, doch es war noch nichts verloren.
…Vielleicht Morgen…
Er verließ sein Haus, gab sich fürs Erste geschlagen und bekam nicht mehr mit, das Jill, kaum nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, weinend zu Boden rutschte…
