Brummend erwachte er am frühen Morgen. Die Sonne schien hell, erleuchtete das gemütliche Hotelzimmer gnadenlos. Es war erstaunlich wie warm es bereits war.
Chris blinzelte, drehte sich zur Seite, erwartete sie zu erblicken, doch augenblicklich stockte er. Die Seite des Bettes neben ihm war leer. ,,Jill?"
Noch verschlafen richtete er sich auf, bemerkte umgehend, das er alleine war.
Sie war weg.
Entmutigt, ließ er seine Schultern hängen, als er auch keine Sachen mehr von ihr entdeckte. Keine Kleidung, keine Tasche. Die Hoffnung, das sie vielleicht nur im Badezimmer war, erloschen.
Die Hoffnung, das sie ihm verziehen hatte, als sie miteinander geschlafen haben, erloschen und die Hoffnung nach Hause kommen zu dürfen, ebenso. Sie war gegangen ohne Abschied, so wie er damals. Warum? Hatte sie ihn nur ausgenutzt?
Nein, das war nicht ihre Art und sie würde so was auch nicht tun. Es war echt gewesen, letzte Nacht, das hatte er gespürt. Sie liebte ihn noch immer, doch was ging in ihr vor, das sie nicht über ihren Schatten springen konnte?
Waren es ihre Depressionen? War es Angst davor, erneut verletzt zu werden?
Viele Gedanken, viele ungeklärte Fragen huschten durch seinen Kopf.
Enttäuscht war er, zornig auf sich selbst, obwohl die letzte Nacht einfach nur perfekt und wunderschön gewesen war und dann, als er aufstehen wollte, sah er beiläufig einen Zettel auf seinem Nachttisch, genau neben seinem Handy.
Ein Blatt Papier, darauf Jill Handschrift.
…Chris,
ich weiß nicht, was sich sagen soll, aber ich muss und ich will ehrlich zu dir sein.
Ich liebe dich…aber ich kann nicht vergessen, was gewesen war, noch nicht…ich kann nicht einfach so weitermachen, wie wir aufgehört haben. Versteh´ das bitte und ich kann momentan nicht mit dir zusammen sein.
Ich brauche einfach Zeit für mich, zum nachdenken, mein Leben zu ordnen, also bitte, komm mir nicht nach und…ruf mich nicht an!
…Jill…
Einen kurzen Moment verwundert darüber, wer denn zu so einer gottverdammt frühen Stunde an ihrer Wohnungstür klingelte, fiel es Claire schon im gleichen Moment ein. Es gab nur eine Person, die einen Grund hatte in aller Herrgottsfrühe aus ihrem Schlaf zu wecken.
Sie öffnete sie Tür: ,,Jill…"
,,Wo ist mein Sohn?" Ohne Begrüßung rauschte die Blondine sichtlich angespannt an ihrer Schwägerin vorbei, hinein in die Wohnung. Sie hatte ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Nicht, das sie ihr Kind vergessen hatte, nein, sie wusste, das er gut aufgehoben war, dennoch hatte Jill nicht beabsichtigt bis in die frühen Morgenstunden bei Chris zu bleiben…mit ihm zu sein.
,,Sei leise, er schläft noch…" Claire schloss die Tür und folgte ihrer Freundin durch den kurzen Flur ins Wohnzimmer. Es war immerhin erst kurz nach sechs Uhr in der Früh. Ihr fiel jedoch gleich auf, das Jill etwas durch den Wind zu sein schien.
Beruhigt war Jill stehen geblieben, als sie den kleinen Jungen, noch tief und friedlich schlafend, in einer Decke eingewickelt auf der Couch liegen sah. Sein rotes Feuerwehrauto lag neben ihm, Claires Kater Mickesch neben seinen Füßen. Es ging ihm gut.
Sie atmete aus und schloss kurz die Augen.
,,Kannst du mir sagen, was los ist?…" begann Claire im Flüsterton, um Eric nicht zu wecken, ,,…Warum hast du nicht angerufen?"
,,Sorry…" begann Jill und drehte sich zu ihr um, ,,…ich hab…der Akku war leer, hab das erst vorhin bemerkt und…" sie sprach die Wahrheit, strich sich dabei nervös einige Haare hinters Ohr, ,,…Ich wollte dir keine Probleme machen…"
,,Eric ist mein Neffe, kein Problem, Jill…" entgegnete die Brünette. Sie musterte ihre Freundin genau und zuckte dann mit den Schultern, ,,…Habt ihr euch ausgesprochen?"
Jill sah ihr in die Augen, wusste nicht recht, was sie sagen sollte: ,,Ich…em…ich bin nicht sicher…"
,,Du bist nicht sicher?" Irritiert war Claire.
Nervös ging Jill auf und ab: ,,Ja…er hat mir Dinge erzählt…die mich noch mehr verwirren als ohnehin schon und…was ich erfahren hab…" Sie dachte an Jack Muller. Es war noch immer ein Schock für sie, das Wesker einen Sohn hinterlassen hat.
,,Hey, komm…" Claire legte ihr eine Hand an die Schulter, ,,…gehen wir in die Küche, damit der kleine Mann noch etwas schlafen kann. Mein Zukünftiger ist übrigens noch unter der Dusche, also haben wir zwei noch ein paar Minuten für uns." Sie zog Jill mit in die Küche, ging dann zur Kaffeemaschine schaltete diese für ihren Verlobten an. Seit sie selbst schwanger war, verzichtete Claire auf Koffein. ,,Möchtest du was trinken? Magst du mit uns frühstücken?"
Jill schüttelte den Kopf, ließ sich dankbar auf einen Küchenstuhl am kleinen Esstisch sinken: ,,Nein…" Sie senkte den Kopf, vergrub ihn in ihren Händen und stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab.
Claire hatte sich einen Donut genommen, die in einem Körbchen neben der Kaffeemaschine lagen. Sie bemerkte einmal mehr, das Jill ganz und gar nicht in Ordnung war. Man sah es ihr unschwer an: ,,…So schlimm, huh?"
,,Es war ein Fehler…" Jill schüttelte den Kopf, ,,…Ich hätte nicht zu ihm gehen sollen." Sie dachte an letzte Nacht zurück.
,,Warum?…" Claire kam näher, setzte sich auf den Stuhl neben sie und blickte sie an, ,,…Warum soll es ein Fehler gewesen sein? Er hat dir doch bestimmt das gleiche gesagt wie mir, nur eben detaillierter und wahrscheinlich auch mit mehr Liebesgezwitscher."
,,Das ist es nicht…"
,,Was dann?…Du kannst mir nicht erzählen, das ihr stundenlang, die ganze Nacht über miteinander geredet habt und nichts dabei heraus gekommen ist. Wie seid ihr denn verblieben?"
Jill seufzte, verdrängte ihre Gedanken und nahm die Hände vom Gesicht, um ihre Schwägerin anzublicken: ,,Ich hoffe er respektiert meine Nachricht und kommt mir nicht nach."
,,Nachricht?" bohrte Claire weiter.
,,Er hat noch geschlafen, als ich ging."
,,Das ist nicht gut, du kennst meine Bruder genauso gut wie ich. Er wird nicht locker lassen."
,,…geschlafen…" murmelte Jill und wieder ertappte sie sich dabei, sich zurück zu erinnern. Sie gab ja zu, das sie es gemocht hatte. Sie hatte es genossen und es war etwas nachdem sie sich so lange gesehnt hatte. Er zurück bei ihr. Sie war letzte Nacht fast der Meinung gewesen, alles vergessen zu haben, doch heute morgen, als sie aufgewacht war, war ihr all der Schmerz, all die Enttäuschung wieder eingefallen.
,,…ich hätte es nicht ertragen, ihn anzusehen…" sie schloss die Augen, wollte es ausblenden, ,,…es war nicht richtig."
,,Natürlich war es das und es war sicher nicht die letzte Aussprache zwischen euch…"
,,…Claire…" unterbrach sie und erst als ihre Schwägerin sie anblickte, sprach Jill es aus, ,,…ich habe mit ihm geschlafen!"
Überrascht hob die Brünette beide Augenbrauen. Das hätte sie ehrlich gesagt nicht erwartet, dennoch war es ihr einerlei. ,,Na und? Ihr seid Mann und Frau und ihr habt euch ewig nicht mehr gesehen, wo ist da bitteschön das Problem?"
Jill blickte unter sich: ,,Ich hätte es nicht tun sollen, ganz egal, wie sehr ich mich nach ihm gesehnt hab…Gott, ich habe ihn so vermisst, aber…ich hätte den Kopf nicht verlieren dürfen, zumal noch immer etwas zwischen uns steht. Er denkt doch jetzt sicher, das alles in Ordnung ist, aber Claire…" sie blickte wieder in ihre Augen, ,,…für mich ist es alles andere als in Ordnung!…" nach einem schweren Seufzer, einem Schniefen, sprach sie weiter, ,,…Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn wir damals einfach nur Freunde geblieben wären."
,,Sag so was nicht!…"
,,Es ist doch so…" hielt die Blondine dagegen, ,,…Sieh doch, wohin es uns geführt hat…Es hat nicht funktioniert…Wir sind unschlagbar als Team, im Kampf, Seite an Seite, aber mehr auch nicht. Verdammt, er ist lieber in den Krieg zurück gezogen, als bei mir zu sein."
,,Das stimmt nicht Jill. Es hat funktioniert immer. Beruflich als Partner ja, und privat sowieso!…" hielt Claire dagegen, ,,…Ihr habt geheiratet, ihr wart glücklich und ihr habt einen wundervollen, kleinen, bildhübschen Jungen…allein das war es doch wert, oder nicht?"
,,Du hast recht…" gestand Jill nach einigen Sekunden in denen sie nachgedacht hatte, ,,…wenn wir nur Freunde geblieben wären, wäre mein Engel jetzt nicht bei mir…Eric würde ich nicht mehr hergeben, nie mehr. Warum hab ich das nicht gesehen?" Sie gestand sich ein, wirklich nicht daran gedacht zu haben und wie würde ihr Leben jetzt aussehen, ohne ihr Kind? Sie hätte es wahrscheinlich schon längst beendet! Ihr Sohn schenkte ihr Hoffnung und einen Grund zum Weiterleben.
,,Na siehst du! Der erste Schritt ist doch da…" Claire schluckte kurz, ,,…Nebenbei warst auch du einmal drauf und dran zu gehen, Chris alleine zu lassen. Du hast ihn damals weg geschickt, alles getan, um ihn von dir fern zu halten."
,,Das war anders, Claire, ich war nach meiner Rückkehr aus Afrika nicht ich selbst, ich war…" Jill fiel es schwer dieses Wort auszusprechen, ,,…Ich war psychisch krank, ich dachte auf meine verdrehte weise, ich würde ihm schaden, wenn ich ihn an mich binde."
,,Dann kennst du auch seinen Grund, Jill. Glaubst du, Chris hatte nur an sich gedacht? Nein…" entgegnete Claire, ,,…Er ist verschwunden, aufgrund seiner Amnesie, seiner Kopfverletzung, weil er unfähig war, sich an etwas zu erinnern. Das hat ihn fertig gemacht. Er ging, um Antworten zu finden, das musst du verstehen!"
,,Ich verstehe das! Claire, ich verstehe das wirklich und ich hätte ihn sogar unterstützt, aber ich kann einfach nicht verstehen, wieso er sich mir so verschlossen hat, vor seinem Aufbruch nach Edonia. Du hast das selbst mitbekommen…Es war noch schlimmer, als nach Erics Entführung damals."
Die Brünette schluckte, sie wusste um Jills Fehlgeburt, ebenso wie Rebecca, sonst jedoch niemand: ,,Ich weiß…Rede noch mal mit ihm und…"
,,Mama!" Eric lächelte.
Er stand plötzlich im Türrahmen, erfreut seine Mutter wieder zu sehen.
Jill drehte sich augenblicklich um und ihr Blick hellte sich auf: ,,Hey, mein Liebling…" Sie breitete die Arme aus und Eric kam auf sie zu gerannt, schmiegte sich in ihre Umarmung, ,,…Hast du gut geschlafen?" Sie hob ihn hoch, auf ihren Schoß.
Der Junge nickte, hob den Kopf, blickte in Jills Augen: ,,Wo warst du?"
Die Blondine atmete tief durch und hob einen ihrer Mundwinkel, sie strich ihrem Kind durchs, noch vom Schlaf, zerzauste Haar. Er trug noch seinen Schlafanzug, den blauen mit den Dinosauriern und er war barfuss. ,,…Ich hab mit deinem Dad geredet, hat etwas…em länger gedauert. War es schön bei Tante Claire?"
Eifrig nickte Eric.
,,Warst du auch artig?"
Erneut nickte das Kind, grinste dann zu seiner Tante: ,,Hab Baby gehört."
,,Hm?" verwundert blickte Jill drein.
Claire kam nicht drum herum leise zu lachen: ,,Er hat sein Ohr an meinen Bauch gelegt und `seine Cousine gehört´."
Jill lächelte, sah zu Claire, sah deren Bauch. Irgendwie war sie plötzlich betrübt. Wenn Jill ihr Kind damals nicht verloren hätte, wäre vielleicht wirklich alles anders gekommen und Eric hätte jetzt bereits ein Geschwisterchen. Doch er war Einzelkind und er würde es trauriger Weise auch bleiben.
,,Mami…" Eric wartete, bis seine Mutter wieder zu ihm blickte, dann sprach er weiter, ,,…hab Hunger."
Jill nickte, wollte schon etwas sagen, doch Claire war schneller. ,,Dann sehen wir mal nach, was wir für dich finden…" sie Schwangere stand auf und ging zu einem Küchenschrank, als sie ihn geöffnet hatte, sah sie zu dem Jungen, der auf den Stuhl neben seine Mutter gekrabbelt war, ,,…Magst du Cornflakes?"
,,Auja…mit Schkolade…" jubelte Eric. Einige Wörter hatten es ihm angetan, er konnte sie noch nicht ganz richtig aussprechen.
Claire hielt die Packung hoch: ,,Ich habe nur Schokocornflakes, wenn du da bist. Etwas anderes würde mir auch überhaupt nicht einfallen." Sie lächelte, traf den Blick von Jill.
Auch die Blondine grinste, stand auf und nahm die Packung von Claire entgegen: ,,Ich mach das schon…"
,,Okay, du weißt ja, wo du alles findest…" Claire blickte auf ihren Morgenmantel, den sie noch immer trug, ,,…Was dagegen, wenn ich mich schnell umziehe?"
,,Gar nicht…" schüttelte Jill den Kopf, während sie schon eine kleine Schüssel aus einem weiteres Schrank genommen hatte und sich dran machte die Milch aus dem Kühlschrank zu holen.
Als Claire die Küche verlassen wollte, lief sie Matthew in die Arme, der ihr freudig einen Kuss aufdrückte: ,,Gäste? Zu so früher stunde?" Er streichelte über ihren Bauch.
Claire lachte: ,,Meine Familie ist hier ebenso zuhause, wie du, Mr. McCarthy…Ich watschele mal schnell ins Schlafzimmer und ziehe mich um, ja?" sie küsste ihn zurück.
,,Deine Familie ist meine Familie, Süße…" hauchte er ihr nach, ehe er sich zu den Personen in der Küche wandte: ,,Hey, Jill…"
,,Hallo Matt…" entgegnete sie und stellte ihrem Sohn die kleine Schüssel hin, reichte ihm einen Löffel.
,,Morgen, Onkel Matt…" Es war zwar nicht Erics richtiger Onkel, aber er bezeichnete jeden der Freunde seiner Muter als Onkel oder Tante.
,,Hey, Sportsfreund…" der Mann ging zur Kaffeemaschine und nahm sich eine Tasse, dann wandte er sich an Jill, ,,…auch eine?"
,,Nein, danke, Claire hat mir schon angeboten…Tut mir echt leid, das ich so früh hier rein platze."
,,Ist doch kein Problem…" hielt er dagegen und trank einen Schluck, ,,…Wir waren eh schon wach."
,,Wann müsst ihr denn zur arbeit?" fragte Jill, setzte sich dann neben ihren Sohn, der eifrig ran war seine Cornflakes zu löffeln.
,,So um sieben müssen wir los…" Matt setzte sich ihnen gegenüber, ,,…und du?"
,,Ich bringe Eric noch in den Kindergarten, nach einem Stopp zuhause. Ich rufe an und sage, das es später wird."
,,Und Chris?…" fragte der Mann, trank noch einmal aus seiner Tasse, ,,…ich bin sicher, er könnte Eric auch…"
,,Nein!…Ist schon okay so, ich habe noch überstunden, die ich abfeiern kann." hielt Jill strickt dagegen.
Matthew nickte. Er konnte verstehen, erahnen, was in seiner Freundin vorgehen musste und schwor sich bei allem, was ihm heilig war, Claire und dem Baby niemals so etwas anzutun. Nur nebenbei hörte er es an der Wohnungstür erneut klingeln.
,,…Hey…"
,,Hey, Claire…" Nur Satzfetzen konnte man hören, ,,…hab ihren Wagen unten stehen sehen…Jill hier?"
,,Ja, sie ist hier..." drang Claires Stimme kurz darauf und ganz plötzlich vom Flur aus zu ihnen durch und abrupt blickte Jill hoch. Ihr Blick traf sich mit dem von Matt und schon in der nächsten Sekunde erhob sie sich. Da war jemand an der Wohnungstür, Jill konnte sich denken, wer das war.
,,Bleibst du bei Eric?…"
Matt nickte.
,,…Iss schön weiter, ja, ich bin gleich wider da." Jill gab ihrem Sohn einen Kuss auf den Haaransatz, nachdem dieser genickt hatte, dann verließ sie die Küche, trat auf den Flur, blickte um die Ecke und schwieg…
Chris stand tatsächlich dort, genau wie vermutet und Claire stand vor ihm, die ihn nicht wirklich rein lassen wollte. Klar, sie wollte vermeiden, eine Szene mitzuerleben.
,,Jill…" Chris blickte ihr umgehend in die Augen, vorbei an seiner Schwester, ,,…bitte, ich muss mit dir reden…"
Die Blondine schüttelte den Kopf, als sie sich näherte: ,,Es gibt nichts mehr zu bereden, Chris. Lass mich in Ruhe, bitte…"
,,Nein, ich gebe dich nicht auf! Ich gebe meinen Sohn auch nicht auf. Warum bist du nur so stur?"
,,Ich bin stur?…" sie blickte unter sich, ,,…Chris, du bist gegangen, du hast uns allein gelassen!…Ich will dieses Thema nicht noch mal durchkauen und…"
,,Ach, dann kommst du eben her, erweckst den Anschein, das du mich verstehst, schläfst mit mir und kehrst mir dann den Rücken?" Chris hasste ihren Dickkopf. Er hasste bei ihr in solchen Situationen auf eine Mauer zu prallen, die Härter als Diamantgestein war und es machte ihm auch überhaupt nichts aus, Details zu erwähnen, denn er kannte seine Ehefrau nur zu gut und wusste, das seine Schwester durch sie sicher schon über alles bescheid wusste.
,,Das hat nichts mit letzter Nach zu tun!" hielt sie dagegen.
Claire hob nur beide Augenbrauen, zog sich langsam zurück, sie wollte den beiden Luft lassen, es war immerhin deren Sache. Sie hoffte nur, das der Junge von all dem nichts mitbekommen würde.
,,Warum bist du dann verschwunden?…" fragte er, ,,…Ich habe dir alles gesagt, alles, was seit damals passiert war, ich habe mich mehr als einmal entschuldigt, wieso kannst du mir nicht verzeihen?…" Chris fasste an ihr Handgelenk, ,,…Jill, was soll ich denn noch machen? Auf die Knie fallen und betten?!"
,,Du kannst nichts machen, Chris…" entgegnete Jill, entzog ihm ihre Hand und knapp schüttelte sie den Kopf, ,,…Ich hätte dir vielleicht verziehen, aber…du hast dich ganze sechs Monate nicht gemeldet, du bist ständig betrunken durch die Gegend gestolpert…nicht einmal hast du auch nur versucht nach hause zu kommen…Du hast dich nicht erinnern können, okay…aber ich habe dir im Krankehaus einiges über dein Leben, über uns erzählt. Du hättest zurück kommen und es dir wenigstens ansehen können…War dir dein Leben denn wirklich nichts mehr wert?…" sie schluckte, ,,…Es hat mich einfach erschreckt dich so zu sehen. Du bist nicht nur mein Ehemann und mein Bester Freund, du warst schon immer ein Vorbild für mich, seitdem ich dich damals in Raccoon getroffen habe…Was ist aus dir geworden?"
Chris blickte zu Boden, schwieg.
Genau das hatte ihn Piers auch gefragt, vor gar nicht allzu langer Zeit und auch jetzt hatte der Agent keine Antwort parat. Er wusste selbst nicht, wieso er sich so verhalten hatte, wieso er nicht gewusst hatte, wer er war, wohin er gehört hatte. Es war so gekommen und er konnte es nicht mehr ändern.
,,…Und warum bist du erst jetzt zurück gekommen?…" wollte Jill dann wissen, ,,…Die Ereignisse in China sind schon Wochen vorbei. Hast du dir erst Mut antrinken müssen?"
,,Nein!…" Chris blickte in ihre Augen, ,,…Ich habe seit Piers mich gefunden hat, keinen Tropfen mehr angerührt und so wird es auch bleiben. Jill…ich, ich wollte dich nicht einfach so überfallen, hab überlegt, wie ich an Besten zu dir zurück komme, aber es gibt nichts, was dich nicht überrumpelt hätte."
,,Da hast du verdammt recht!…Ich habe gerade angefangen, mich damit abzufinden, das mein Ehemann unauffindbar bleibt. Ich hätte nicht mal deine Einverständnis gebraucht, um eine Scheidung durchzukriegen."
Erschrocken weiteten sich seine Augen. Das Mark in seinen Knochen erzitterte.
Jill wollte sich scheiden lassen?
,,Was guckst du? Glaubst du, es ist angenehm eine verheiratete Frau zu sein und nicht mal zu wissen, wo sich der Göttergatte herum treibt? Ich hatte die Schnauze voll!…" Jill wurde sauer, ,,…Ich wollte mein Leben mit dir verbringen, aber das ist nun mal nicht möglich."
,,Sicher ist es das. Jill, ich werde dir so etwas nie wieder antun, ich verspreche es."
,,Versprich bitte nichts mehr, was du nicht halten kannst, denn was ist aus den Versprechen geworden, die du mir gegeben hast? Du wolltest immer für mich, für uns da sein, du wolltest mich niemals verlassen und doch bist du nach Edonia geflogen! Ich wollte nicht, das du gehst…" Es war ihr egal, ob sie darauf herum ritt oder nicht. Sie konnte nun mal nicht anders. Der Druck, der ihre Brust umschnürte, der ihr die Luft zum atmen nahm, verringerte sich einfach nicht.
,,Ich weiß…" er schluckte, ,,…aber ich konnte nicht weg sehen…" leise fügte er hinzu, ,,…Ich wollte euch doch einfach nur schützen…"
,,Schützen?...Hör endlich auf den Beschützer zu spielen! Hör endlich auf, der Held zu sein, den diese Welt braucht, denn du verlierst nicht nur die Menschen die du liebst, sondern auch dich selbst dabei!...Du hast es doch schon bemerkt." Er sagte nichts und Jill sprach einfach weiter: ,,Ich war dein Partner in der Agency für sehr, sehr lange Zeit, aber man kann trotzdem nicht verhindern, das schlimme Dinge passieren…Meine Vergangenheit ist wohl das beste Beispiel. Wir haben unsere Pflicht absolviert, es gab keinen Grund mehr erneut in die Offensive zu wechseln, so gefährlich der C-Virus auch war und ist…Tall Oaks ist nicht weit weg von hier und wo wärest du gewesen, wenn die Seuche sich bis hier her ausgebreitet hätte?…Du wärest nicht da gewesen."
Betrüb atmete er durch.
Ja, sie hatte Recht und er warf sich auch das noch einmal vor. Er hatte erst vom Ausbruch auf amerikanischem Boden gehört, als es schon zu spät war.
,,Du solltest jetzt gehen, ich muss über einiges nachdenken…" Jill wollte sich umdrehen, weg gehen, doch Chris hielt sie abermals zurück.
,,Jill, bitte warte!…Ich weiß ich habe einen ganzen Haufen Scheiße gebaut, okay? Nenn mich einen Feigling, einen Mistkerl, was auch immer du willst, nur bitte, schick mich nicht ins Exil."
Jill blickte ihm über die Schulter in die Augen: ,,Was willst du denn von mir?…Glaubst du ich halte dich für feige, nur weil du verschwunden bist? Nein, Chris…ich wusste, das du Hilfe brauchtest, du musstest diese Krise überwinden und ich war sicher, das ich dir dabei hätte helfen können, doch dein Uneinsehen hat dich weg getrieben, du suchtest nach etwas, was du bei mir nicht finden konntest."
,,Dann verstehst du mich doch?"
,,Ich habe dich immer verstanden!…Aber ich kann einfach nicht verstehen, wieso du dich so verhalten hast, nach der Fehlgeburt und allem, was wir beide zusammen durchgemacht haben! Hast du auch nur eine Ahnung, was hier los war? Was sich seither verändert hat?…Ich habe gelernt wieder alleine klar zu kommen, so wie früher und…" sie schluckte, ,,…Chris, ich kann jetzt einfach nicht mit dir zusammen sein!"
,,Jill…"
,,Daddy!"
Eric huschte an seiner Tante und seiner Mutter vorbei, lachte freudig, als er zu seinem Vater zu rannte.
,,Sorry, ich hab ihn nicht mehr halten können…" verkündete Matt und stellte sich neben seine zukünftige Frau. Der Junge war rastlos gewesen, als er die Stimme seines Vater gehört hatte, wollte unbedingt zu ihm.
Chris ging inne Hocke, hob seinen Jungen in die Arme, lachte: ,,Hey mein Sohn…wie geht es dir?" Er wusste nicht, das sein Sohn hier war, doch es viel ihm gleich wieder ein. Jill hatte erzählt, das Eric bei Claire war und da Jill fast die ganze Nacht bei ihm verbracht hatte, hatte ihr beider Sohn logischer weise bei seiner Tante übernachtet.
,,Gut, Daddy…" Erich lächelte breit, er freute sich bei seinem Vater zu sein, genoss es sichtlich von ihm umarmt zu werden.
Chris strich seinem Sohn über den Rücken. Was hatte er ihn nur vermisst, oh, was liebte er den Jungen.
Jill war sichtlich gerührt von dem Anblick.
Sie wusste noch gut, wie oft Eric nach seinem Vater gefragt hatte, vor allem als er damals krank gewesen war und wie sehr ihr Kind ihn vermisst hatte und mit einem Mal bekam sie ein schlechtes Gewissen.
Würde sie das durchziehen, Chris auf abstand halten, würde sie Erich den Kontakt mit seinem Vater entziehen. Das wollte sie nicht. Sie selbst war nur mit einem Elternteil aufgewachsen und bereute heute noch die andere Seite nicht gekannt zu haben. Ihrem eigenen Kind wollte sie das doch ersparen. Würde sie es also einfach so hinnehmen? Einfach so schlucken, das Chris wieder zurück zu ihnen kam?
,,Hey!…" Claire ging plötzlich doch dazwischen. Sie wusste, das diese Diskussion zwischen ihrem Bruder und seiner Frau auf ewig so weitergehen würde. Jill war uneinsichtig, verstört und voller Angst, erneut diesen Verlust erleiden zu müssen und Claire verstand das. Es tat Chris allerdings auch unendlich leid, auch das wusste Claire. Sie wusste, das ihr Bruder sich seines Lebens nicht mehr froh sein würde, wenn er Jill endgültig verlieren würde und sie hatte einen Vorschlag parat.
,,Warum geht ihr zwei nicht einfach in einen Waffenstillstand?…" Claire richtete ihr Wort an Jill, war neben sie gekommen ,,…Chris wird vorerst im Hotel bleiben, auf Abstand, wenn du so willst, dennoch könnt ihr euch sehen, euch treffen, auf neutralem Boden, um zu reden, Zeit miteinander zu verbringen, zu zweit und vor allem zu dritt, um euch ganz langsam wieder anzunähern. Zudem könnt ihr auch in Ruhe über alles nachdenken…" sie ging weiter ins Detail, ihr Blick fixierte das Ehepaar nacheinander, ,,…Ihr dürft nicht einfach all die Jahre weg werfen, die hinter euch liegen. Ihr liebt euch und ich finde, ihr habt eine zweite Chance verdient…Jill, lass Chris versuchen dir zu beweisen, das es ihm leid tut, lass es ihn versuchen es wieder gut zu machen, du wirst sehen, das ihn die vergangenen Monate nicht mehr im Griff haben…und ihr werdet beide mit Sicherheit merken, das ihr zwei noch immer einander braucht. Ihr seid eins, der eine kann ohne den anderen nicht funktionieren, glaubt mir, das habe nicht nur ich bemerkt."
,,Ja…" Chris blickte zu seiner Frau, ,,…lass es uns versuchen Jill. Ich würde alles tun!"
Jill hielt seinem Blick stand, als ihre Ohren die Worte ihrer Freundin erneut empfingen. ,,Ich sagte das nicht, weil er mein Bruder ist und ich ihm automatisch bei halte…" begann Claire von neuem, ,,…ich schlage euch das vor, weil Chris immer noch dein Ehemann und der Vater deines Kindes ist. Eric hat Vater du Mutter verdient."
Schweigend senkte Jill den Kopf, sie konnte nicht leugnen, das dieses Bild ihr gefiel, wie Chris seinen Sohn auf dem Arm hatte. Eine richtige Familie, das war es, was sie seit jeher wollte.
,,Was meinst du?" fragte Claire, blickte die Blondine an.
Jill schniefte und richtete ihre Worte an Chris, als sie ihm wieder in die Augen blickte: ,,…Es tut mir Leid, das ich dich letztens geschlagen habe…"
,,Muss es nicht, ich hatte es wirklich verdient. Ich habe mich wie ein Vollidiot benommen, ich war ein Arsch und ich weiß, das ich dir sehr weh getan habe."
Sie nickte: ,,Es tut immer noch weh…das du einfach so weg gegangen bist, nach dem, was wir im November verloren haben, das du dir nicht hast helfen lassen und das wir…das ich nicht genug für dich war…Und das schlimmste ist, du hast mich an gelogen…du sagtest einst wir wären dir wichtiger als alles andere…Diese Wunde sitzt noch so tief und wird…wenn überhaupt, nur sehr langsam verheilen." Jill sah in das Gesicht ihres Sohnes, der kaum verstand, was los war.
Innerlich nickte die Blondine. Wenn schon nicht um ihren Willen, dann um den ihres Kindes. Jill wollte das Beste für ihn und sein Vater, Chris, war nun mal das Beste.
Chris kam näher, legte seine freie Hand auf ihre Schulter: ,,…Ich werde alles tun…und ich werde warten, egal, wie viel Zeit du brauchst."
,,Dann stimmst du zu, Jill?" Claire brauchte ihren Bruder nicht zu fragen, sie wusste, das Chris bereute, bis aufs Messer, das er mit blanken Füßen durch die Hölle gehen würde, um seine Familie zurück zu bekommen.
,,…Ich…" Jill schluckte und nickte dann langsam.
Ja, Claire hatte irgendwo recht. Jeder hatte eine zweite Chance verdient, irgendwo und immerhin wurde Vergebung hoch gehalten, egal, wie lange es dauern würde.
,,Daddy kommt heim?" wollte Eric wissen, blickte zu Jill.
,,Noch nicht direkt, mein Sohn…" Chris sah ihn an, blickte in die hellblauen Augen des Kindes.
,,…aber er kommt zum Abendessen?" wollte Claire wissen und stieß absichtlich ein Treffen an. Sie blickte zu Jill.
Jill nickte, blickte von den Augen ihrer Schwägerin zu denen von Chris und dann richtete sie ihr Wort an ihr Kind, strich ihm über die zarten braunen Locken: ,,Ja, zum Abendessen…am Wochenende, okay?"
Eric kicherte vergnügt, legte den Kopf an die Brust seines Vaters und nahm die Hand seiner Mutter. Es war offensichtlich wie sehr das Kind sich darüber freute.
,,Danke Jill…" murmelte Chris, blickte nickend in die Augen seiner Frau…
