Es vergingen einige Wochen.
Jill und Chris taten auch, was Claire vorgeschlagen hatte und ja, es war besser geworden, das Verhältnis zwischen beiden.
Die letzten fünf, sechs Wochen seit seiner Rückkehr hatten sie viel Zeit miteinander verbracht, alle drei, Jill, Chris und Eric.
Mal waren sie essen gegangen, mal verbrachten sie einen Nachmittag mit Picknicken im Park oder gingen alle am Strand der Chesapeak Bay spazieren, barfuss durch das seichte Wasser oder sie verbrachten einfach nur einen Nachmittag zu hause im Garten und spielten mit dem Kind und dem Hund.
Nicht selten, vor allem in den letzten zwei, drei Wochen, blieb Chris auch noch, nachdem Eric bereits im Bett war. Er sah sich mit Jill einen Film an oder sie verbrachten die gemeinsame Zeit einfach damit sich wieder näher zu kommen, zu reden, wobei Intimität dabei keine Rolle spielte. Seit der gemeinsamen Nacht, kurz nach seiner Rückkehr, war nichts mehr gewesen. Sie war noch nicht so weit gewesen.
Chris störte das nicht.
Es gab wichtigeres für ihn. Er bemerkte, das Jill nicht mehr ganz so ärgerlich auf ihn war, das sie nun öfters mit ihm Lächelte und lachte, wenn er mit dem Kind und dem Hund im Garten spielte. Der Rest würde von ganz allein kommen. Irgendwann.
Und ja, Chris war optimistisch, das alles wieder gut werden würde.
…Irgendwann…
Dieses `Irgendwann´ konnte er aber durchaus versuchen zu beschleunigen und so hatte Chris sich dann doch nach dem hin und her überlegen durchgerungen Jill nach einem Treffen nur zu zweit zu fragen, nach so einer Art Date und er war erfreut darüber, das sie zugestimmt hatte.
Er hatte ihr nicht sagen wollen, was er geplant hatte und lächelte über Jills verdatterten Gesichtsausdruck, als er sie zum Flugplatz der BSAA etwas außerhalb von Washington brachte. Sie dachte wohl erst, es wäre ein Scherz, doch dem war nicht so, als Chris sie tatsächlich in eines der Flugzeuge schob, startete und nach wenigen Augenblicken und Überprüfungen der Messgeräte auch startete.
Ungläubig starrte Jill aus dem Fenster des kleinen Zweisitzerflugzeuges, betrachtete die Welt unter sich und ergriff erst nach etlicher Zeit wieder das Wort: ,,Sag mal, darfst du das überhaupt? Einfach mal so, ein Flugzeug der BSAA entführen?"
Er lachte. Es war Spaß, was sie machte und er bejahte: ,,Sicher darf ich das. Dieses Baby hier gehört mir innerhalb der BSAA. Niemand sonst fliegt sie."
,,Sie?" ungläubig hob Jill die Augenbrauen.
,,Ja, sie…" Chris tätschelte das Gehäuse seines Flugzeuges, ,,…Ist zwar kein wirkliches Kampfflugzeug, aber zu Test- und Staffelflügeln reicht sie."
,,Und woher weißt du, das es ein Mädchen ist? Es heißt doch `das´ Flugzeug."
Wieder grinste Chris: ,,Nein, es ist `die´ Maschine…" er sah triumphierend zu seiner Frau, ,,…und wenn du beim Einsteigen auf die Kennummer an der Seite geachtet hättest, hättest du JC-09 lesen können."
Jill schloss kurz die Augen. Es war ihr klar, was es bedeutete, Jill, Chris, zweitausendneun, ihr beider Hochzeitsjahr.
,,Was denn? Hast du deine Stimmer verloren?" wollte er nach der Ruhepause wissen, wusste aber auch, das er erneut gepunktet hatte und darüber freute er sich.
Sie schüttelte den Kopf, amüsiert und teilweise irgendwie auch gerührt: ,,Ich kann nur kaum glauben, das ich das hier wirklich mache."
Chris grinste einmal mehr, blickte neben sich, musterte sie: ,,Ach komm, sag mir nicht, das du neuerdings an Flugangst leidest."
,,Natürlich nicht…" entgegnete Jill, ihre Augen trafen seine. Der Motor des kleinen Flugzeuges war so leise, das beide keine Kopfhörer brauchten, um sich zu verständigen, ,,…Warum haben wir das früher eigentlich nie gemacht? Ich habe ja ganz vergessen, das du so was kannst."
,,Keine Ahnung…" meinte er und zuckte mit den Schulten.
Jill lächelte noch immer, blickte kurz zu ihm: ,,Und eingerostet bist du nicht?"
,,Nein."
,,Sicher?"
Herausfordernd blickten die beiden einander an und Chris ging darauf ein.
,,Dann halt dich mal fest, Süße!" Er riss den Steuerknüppel herum, das Flugzeug legte sich zur Seite, drehte eine Schraube. Erschrocken griff Jill ihm an den Arm, war dankbar dafür angeschnallt zu sein und fing an zu lachen. Die Welt um sie herum drehte sich einmal, zweimal, dreimal, dann flog Chris zwei große Loopings hintereinander, ehe sie sich wieder normalisierte und Chris damit aufhörte sie mit seinen Flugkünsten zu beeindrucken.
,,Ist wie Fahrradfahren, Jill, so was verlernt man nicht…" sagte er dann, freute sich, das es ihr gefallen hatte, ,,…Soll ich es dir beibringen?"
Sie weitete die Augen und schüttelte den Kopf: ,,Nein, lass mal…es reicht mir schon dir dabei zuzusehen. Allein die vielen Knöpfe und Schalter wären mir viel zu kompliziert…" etwas zurückhaltend war sie auf einmal, ,,…Nebenbei möchte ich in einem Stück wieder unten ankommen."
,,Das wirst du, keine Sorge, gib mir deine Hand…" er nahm ihre Linke mit seiner freien und augenblicklich hob sie die Hände, zog sie von ihm zurück.
,,Chris, nein…" sie sah ihn an, ,,…du bist der Pilot, nicht ich."
,,Es ist kinderleicht, ich verspreche es, du musst die Kiste nur horizontal halten…" wieder griff er ihre Hand, ließ diesmal nicht los.
,,Ich meine es ernst, ich will den Geburtstag unseres Sohnes nächste Woche nicht tot verbringen!"
,,Ich bin doch da! Es wird überhaupt nichts passieren, immerhin sitzt du neben einem Piloten, der mal Kampfjets für die Airforce geflogen ist…" versicherte er und legte ihre Hand an den Steuerknüppel, er bemerkte ihr Zittern. Sie fürchtete sich?
,,Du musst dir nur vertrauen, Jill…"
Sie wirkte überrumpelt, ehrfürchtig: ,,Das sagst du so leicht." Jill wurde mit einem Mal irgendwie flau im Magen.
,,Ich vertraue dir…"
Jill blickte in seine Augen.
Chris lächelte, um ihr die Furcht zu nehmen und er vertraute ihr wirklich. Er hatte seine Hand noch immer auf ihrer liegen und grinste dann, als er sagte: ,,Hör auf zu zittern, das Baby hier ist feinfühlig."
,,Entschuldige…" Jill fühlte sich ertappt, doch umgriff angespannt die Steuereinheit. Seine Hand auf ihrer, gab ihr das Gefühl von Sicherheit.
,,Du kannst nichts wirklich etwas falsch machen, sieh hier…" Chris zeigte auf einige Messgeräte, ,,…Behalt den Höhenmesser im Auge, das wir horizontal bleiben…und egal, was du tust, denk immer daran, nur minimale Korrekturen. Ist fast so wie bei deinem Sprengstoff."
Die ehemalige Sprengstoffexpertin der STARS Einheit von Raccoon City blicke ihren Ehemann schief an: ,,Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen, Chris."
Er grinste überlegen: ,,Und wenn schon, ich bin sicher du wirst alles ran setzen, damit wir wieder heil runter kommen…Jetzt flieg das Ding hier mal alleine."
Ihr entglitten sämtliche Gesichtszüge. Sie konnte nicht fliegen, sie wusste doch überhaupt nichts anzufangen mit Höhen und Gegenwind und all dem ganzen Zeug: ,,Chris, ich warne dich, wenn du meine Hand los lässt dann…" Doch da war es schon passiert. Er zog seine Hände zurück, überließ ihr die Führung.
,,Chris! Nein, wir stürzen ab!" protestierte Jill mit weit aufgerissenen Augen, blickte zu ihm.
Amüsiert deutete er nach vorne: ,,Tun wir nicht!…Und immer schön den Himmel im Auge behalten."
Sie blickte umgehend nach vorne, dann ungläubig zu ihrer Hand, die den Steuerknüppel beinahe verkrampft und Hilfe suchend umklammert hatte.
Der Himmel erstreckte sich grenzenlos in dem schönsten Blau, das sie je gesehen hatte. Ungläubig betrachtete sie die Umgebung, blickte rechts aus dem Fenster, dann links und schüttelte den Kopf. Das Flugzeug befand sich noch immer in der Luft und das auch noch horizontal: ,,Ich fliege doch nicht!" Sie konnte es kaum glauben.
,,Doch, das tust du." locker und völlig entspannt sah er ihr zu, genoss es sie anzusehen.
,,Ich fliege?…" Jill lachte, entspannte sich nach einigen Moment selbst, ,,…Oh Gott, das ist ja wirklich kinderleicht!" Es war ein tolles Gefühl, man könnte sich beinahe dran gewöhnen.
,,Das sagte ich doch…" murmelte er, strich ihr behutsam das helle Haar hinters Ohr und augenblicklich blickte sie ihn an. Mit einem Mal lag Stille zwischen den Beiden und irgendwie mochte Jill es, wie er sich ansah. Irgendwie mochte sie seine Nähe, sie hatte da schon immer gemocht und nie hatte es sich seither geändert.
Chris ging das genauso. Er musste sich beherrschen, sich ihr nicht zu nähern, sie nicht zu küssen, obgleich er ihr schon näher kam, doch im letzten Moment riss sie den Kopf zur Seite, atmete durch und kam zum Thema zurück: ,,Sind wir noch auf dem richtigen Kurs? Wo kann man das ablesen?"
Er stockte innerlich, sie war noch nicht so weit. Seine Enttäuschung überspielend wandte er sich den Instrumenten zu und erklärte ihr die Navigation.
Nur halbherzig hörte sie ihm zu, hatte sie doch gesehen, was er beabsichtigt hatte. Sie konnte verstehen, das er sich nach ihr sehnte, ihr ging es ja nicht anders.
…Wo liegt denn da das Problem, Jill?…Warum nicht einfach nachgeben?…
Sie wusste es ja selbst nicht und je mehr er bei ihr war, desto mehr rang sie mit sich ihm zu widerstehen. Am liebsten würde sie alles vergessen, sich ihm an den Hals werfen, doch irgendwas war da noch, was sie zurückhielt, was sie sich einfach nicht erklären konnte.
,,…und…hey!.." Chris sah zu ihr, sah ihren abwesenden Blick, ,,…Du hörst ja überhaupt nicht zu."
Aus ihren Gedanken gerissen sah sie zu ihm und schüttelte den Kopf: ,,Tut mir leid…vielleicht solltest du wieder den Piloten spielen…" sie wartete bis er die Steuerung wieder übernahm und lehnte sich dann in dem Sitz zurück. Ihre rechte Hand legte sie auf ihren Magen, sie versuchte das flaue Gefühl darin zu unterdrücken. Es war noch nicht abgeklungen.
Chris sah kurz zu ihr, dann wandte er sich wieder dem Himmel zu: ,,Bist du okay?…" er bemerkte heute, wie so oft in den letzten Wochen ihre Blässe und wusste ja bereits um den Grund bescheid, ,,…Ich meine em…wie geht es dir so?" Er wusste, das Jill ihre Antidepressiver auf Geheiß von Rebecca hin seit zwei, drei Wochen schon langsam abgesetzt hatte und das nur er überhaupt an ihren Depressionen schuld war. Er hatte zugelassen, das es sich damals nach der Fehlgeburt angebahnt hat und das Jill nach seinem verschwinden da hinein gefallen war. Noch etwas, was er ihr angetan hatte, womit er ihr weg getan hatte, sie alleine leiden gelassen hatte.
Jill atmete durch und wusste, das er ihre Krankheit meinte. Sie schluckte und zuckte mit den Schultern: ,,Es…es geht mir etwas besser…" sie war ehrlich, ,,…Es ist irgendwie komisch, denn es scheint einfach alles besser und auch leichter zu sein, wenn du in der Nähe bist." Sie schluckte und schloss einmal mehr die Augen, ihr wurde übel.
,,Hey, du wirst mir doch jetzt nicht Luftkrank, oder?" Wieder blickte Chris zu ihr. Stutzig und mit Sorge.
Jill wunderte sich nicht, das er auf jedes kleine Detail achtete, das hatte er schon immer getan. Sie schüttelte den Kopf: ,,Nein…bei mir spielt nur alles verrückt, seitdem ich die Medikamente jetzt doch vollständig abgesetzt habe."
,,Ist das normal?"
,,Ja, Becca meinte, das es vorkommen kann…" sie schüttelte den Kopf, sie wollte nicht mit ihm darüber reden, ,,…lass uns bitte das Thema wechseln."
Chris nickte, verstand das Jill nicht über ihre Depressionen reden wollte und er wusste ja auch das seine Frau bei Rebecca in den besten Händen war.
,,Okay…" sagte er dann, ,,…über was möchtest du reden? Über uns?…Ich finde wir vertragen uns nach wie vor, wir streiten auch nicht…"
,,Wir streiten nicht, weil bisher auch fast ständig unser Sohn dabei war, aber Chris…" sie drehte sich zu ihm, ,,…Ich habe es satt ihm immerzu die heile Welt vor zu spielen. So wie es momentan läuft, dieses ewige hin und her…das steht mir hier!" demonstrativ zog sie mit er Hand eine Linie über ihrer Stirn.
,,Ich stimme dir zu…" er blickte kurz zu ihr, dann auf seine Instrumente im Cockpit, ,,…Ich komme zu euch, dann gehe ich wieder, dann verbringen wir das Wochenende zusammen und dann gehe ich wieder. Mir gefällt das auch nicht…" nach einer kurzen Pause, fragte er, ,,…Willst du das ändern?" Hoffnung regte sich in ihm, ja er hatte das Hotelleben satt, er wollte heimkommen, er wollte nach hause!
Ihr Schweigen verhieß ihm nichts gutes und innerlich seufzte er. ,,Jill, wie lange willst du mich noch zappeln lassen?…Wir wissen beide, das sich an unseren Gefühlen füreinander nichts geändert hat und du weißt, das ich wieder ganz der alte bin, das habe ich dir erzählt, wir haben lange darüber gesprochen."
,,Ich weiß…" ein Murmeln verließ ihre Lippen, sie blickte unter sich.
,,Was kann ich denn dann noch tun, um dir zu beweisen, das ich dich zurück haben will, sag es mir, ich tue alles dafür, für dich!"
Jill nickte innerlich. Ja, Chris hatte einiges aufgegeben. Seinen Posten als Captain, seine Einheit, er hatte sein altes Büro der BSAA in Washington wieder, denn zur BSAA gehörte er nun mal wirklich hin und sie gab ja auch zu, das sie jedes einzelne Treffen genossen hatte. Gerne würde sie es zulassen, das es so werden würde wie früher, vor Edonia, vor ihrer Fehlgeburt. Sollte sie? Es könnte so schön sein, aber…
,,Sagst du jetzt auch mal was, Jill?"
Sie seufzte schwer und sprach einfach ihre Gedanken aus: ,,…Eine Garantie gibt es nicht."
,,Welche Garantie?"
,,…Das du nicht doch noch mal irgendwann auf und davon bist, wenn es dir im Büro zu langweilig wird…" sie blickte zu ihm, ,,…Ich kenne dich Chris, du bist kein Mensch für den einfachen Arbeitsalltag, du kannst mir nicht vormachen das der Job `hinter den Kulissen´ dich glücklich macht. Ich weiß es besser und ich will ja auch nicht, das du hinter einem Schreibtisch versauerst, aber…versteh, das ich es nicht ertragen könnte, zuhause zu sitzen während du im Felde bist, kämpft und ich mit der Ungewissheit leben muss, ob du wieder kehrst oder nicht. Das ist selbstsüchtig, ich weiß, aber ich würde ich einfach nicht aushalten."
Er lächelte verschmitzt, was sie ärgerlich werden ließ. ,,Wieso grinst du so blöd?" verlangte sie augenblicklich zu wissen.
,,Es ist schön zu wissen, das es jemanden gibt, der sich sorgt, Jill…" er lächelte einmal mehr, ,,…aber selbstsüchtig finde ich das nicht von dir. Umgekehrt würde es mir wohl auch so gehen. Also kann ich dich beruhigen. Ich habe einen Kompromiss gefunden."
Jetzt wurde sie hellhörig.
,,Ich habe mit meinen Vorgesetzten gesprochen und ja, ich habe denen gesagt, das ich kein Bürohengst bin und ich freue mich dir mitteilen zu können, das ich ab nächsten Monat die Agentenausbildung übernehme…"
Überrascht blickte sie ihn an.
Chris nickte: ,,Erinnerst du dich? Damals habe ich bei der Arlingtoner Polizei etwas ähnliches gemacht. Ich werde Teams zusammenstellen, Ausbilden in allen Bereichen, Waffentechnik, Schießen, Kampf, Strategie und Überleben wenn es darum geht im Feindesgebiet zu agieren…Meine Vorgesetzten meinten das jemand mit meiner Felderfahrung in diesem Bereich nützlich wäre, sie bedauerten es, mich als Agent im Außendienst zu verlieren, doch schätzen es, das ich dabei helfe die `Neuen´ nach meinem Wissen und Erfahrungen auszubilden."
,,Und…so was magst du?" wollte sie wissen.
,,Es ist ein Job, bei dem auch Aktion dabei ist und sicher, ich werde wohl auch das ein oder andere Mal weg müssen, in andere Hauptquartiere und Ausbildungsstätten, aber ich habe gleich gesagt, das sich diese Arbeitsbedingung nur auf die Staaten und nicht über Dauer beziehen soll…" er sah zu ihr, ,,…Ganz gleich, was du auch tun wirst, Jill…ich werde nicht mehr aus deinem Radar verschwinden."
Schweigend sah sie ihn an, unfähig an irgendetwas zu denken…
