Eric lachte.
Er jubelte und hetzte zusammen mit dem Nachbarsjungen Jack, dem Enkel von Susan und Michael Hamilton und seinem Hund Ben dem Ball im Garten hinterher, den sein Vater geworfen hatte. Es war sein Lieblingsspiel und heute geschah ohnehin alles nach seinem Wunsch, denn Eric hatte Geburtstag. Es war der fünfundzwanzigste September 2013 und ganze drei Jahre wurde er alt. Es war noch warm und sonnig, weshalb die kleine Geburtstagsfeier im Garten stattfand, obwohl das Laub der Bäume bereits die grüne Farbe verloren hatte. Der Herbst kam jetzt mit großer Geschwindigkeit.
,,Fang Daddy!" Eric hatte den Ball vor dem Nachbarsjungen Jack erreicht und warf ihn seinem Vater zu. Jack huschte an Eric vorbei, in Chris´ Richtung. Der schwarzhaarige Junge, war etwa einen halben Kopf größer als Eric, auch gute eineinhalb Jahre älter.
Ben bellte, verfolgte den Ball, doch Chris fing ihn auf und schoss ihn mit dem Fuß noch einmal durch den Garten. ,,Hol ihn dir, Eric, lass die anderen nicht gewinnen." Der Agent lachte ausgelassen, er liebte es Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, wann immer er und konnte nur hoffen, das es noch besser werden würde.
Ein Lächeln schenkte er seiner Frau, die mit einer Geburtstagstorte aus dem Haus auf die Veranda trat und den Gartentisch ansteuerte, ehe er sich wieder dem herumtoben mit den Kindern widmete.
Jill hatte das Lächeln erwidert und stellte den Kuchen ab. Am Tisch saßen noch Claire, Kathy, Rebecca, Susan und Michael.
,,Woww…" hauchte Claire und bestaunte die Torte, ,,…Hast du die selbst gemacht?"
Jill nickte: ,,Ja, hat mich den ganzen Vormittag gekostet und Eric hat mir geholfen, indem er mir einfach alles durcheinander gebracht hat…Ich hoffe, es schmeckt euch."
,,Also ich könnte den ganzen Kuchen auf einen Rutsch verdrücken…" murmelte Claire und rieb sich demonstrativ über ihren großen Bauch.
Die Anderen lachten.
,,Überfüttere die Kleine nicht jetzt schon, Claire…" ermahnte Jill scherzend und blickte dann auf die Uhr an Rebeccas Handgelenk, ,,...viertel nach vier. Wir warten noch auf Matt."
,,Ach nein, mach nur, der kommt nie so früh aus dem Büro…" entgegnete die Schwangere, ,,…Ich weiß schon gar nicht mehr wie das war, so lange zu arbeiten." Momentan arbeitete Claire bei TerraSave nur noch Vormittags, ehe sie in wenigen Wochen in die Mutterschaftspause gehen würde.
,,Sieh es doch positiv und außerdem hast du ja etwas anderes, an dem du arbeitest…" neckte Susan, deutete auf ihre Rundung.
Claire lächelte glücklich und nickte. Die Schwangerschaft war überraschend gekommen, doch sie wünschte sich dieses Baby mehr als alles andere.
,,Drei Jahre…" begann Michael und blickte zu seiner Frau, ,,…Ist das schnell vergangen, weißt du noch, als sie damals eingezogen sind?…" er blickte Jill an, ,,…Unglaublich, das wir euch erst so kurze Zeit kennen."
Die Blondine nickte: ,,Ja…" sie sah zu den Kindern, die noch immer mit Chris durch den Garten tobten, ,,…an ihnen sieht man, wie schnell die Zeit vergeht…Jack ist ziemlich groß geworden."
Michael nickte: ,,Das hat er von meinem Schwiegersohn."
,,Aber Eric ist auch nicht klein geblieben…" fügte Susan hinzu, ,,…kommt ganz nach seinem Vater."
Jill nickte ebenfalls: ,,Gestern war er noch ein Baby und heute wird er schon drei Jahre alt. Er wird Chris von Tag zu Tag immer ähnlicher." Dann blickte sie unter sich.
,,Seit ihr wieder okay?" wollte Rebecca wissen.
Alle wussten natürlich, das Chris verschwunden gewesen war, sogar den Nachbarn war es aufgefallen, den Mann über sechs Monate nicht mehr gesehen zu haben und jeder konnte sich gedenken, das daraus Probleme entstanden waren.
Jill seufzte und zuckte mit den Schultern: ,,Keine Ahnung, es ist noch immer irgendwie…verdreht, aber wir verstehen uns wieder besser."
,,Klasse, dann könnt ihr Weihnachten alle drei bei uns verbringen…"
,,Becca…" ermahnte Claire, ,,…Ich glaube nicht, das Carlos im Moment gut auf Chris zu sprechen ist."
,,Ach bis dahin hat sich mein Göttergatte wieder abgeregt." sagte die Ärztin. Die anderen wussten alle, das Carlos noch immer böse auf Chris war. Die beiden hatten sich auch seit seiner unverhofften Rückkehr nicht mehr gesehen und das war auch der Grund weshalb Carlos heute nicht auf dem Geburtstag seines Patensohnes erschienen war.
Plötzlich dann zupfte jemand an Jills Rockzipfel: ,,Miss Jill?"
Umgehend blickte sie zu ihrer Linken, Jack stand dort. ,,Ja?…" sie ging vor dem Jungen in die Hocke.
,,Kann ich bitte etwas zu trinken haben?"
Die blonde Frau lächelte, griff zu der leeren Flasche auf dem Tisch und erhob sich: ,,Natürlich, warte einen Moment, ich bringe etwas Limonade raus."
,,Bring gleich einen ganzen Eimer…" grinste Chris, der seinen Sohn über der Schulter Huckepack trug, ,,…hier sind zwei kleine Hüpfer ganz schön am verdursten."
Eric lachte, es machte ihm spaß an den starken Armen seines Vaters zu hängen.
Jill grinste bei dem Anblick und nickte erneut: ,,Okay, einen großen Eimer für die Herren, kommt sofort."
,,Ich geh mit…" verkündete Claire und stand auf. Sie folgte Jill ins innere des Hauses, ,,…muss nämlich noch mal ganz dringend für werdende Mamas."
Amüsiert schüttelte Jill den Kopf, dirigierte die Küche an, während Claire in die Andere Richtung, ins Badezimmer verschwand…
…und als Jill die Küche betreten hatte, die kühle Limonade aus dem Kühlschrank geholt hatte, griff sie zwei kleine Pappbecher, die nicht kaputt gehen würden, wenn eines der Kinder einen fallen lassen würden. Alles stellte sie auf ein Tablett, damit sie es in den Garten tragen konnte.
Jill lächelte.
Es war wirklich kaum zu glauben, das ihr Baby schon drei Jahre alt war. Es kam ihr so vor, als wären die ganzen Monate seit seiner Geburt an ihr vorbeigerauscht. Jill hätte das nie von sich gedacht, früher, doch irgendwie fand sie es schade, sie hatte sich gerne um ihn gekümmert, als er noch kleiner war. Jetzt war er schon reichlich selbstständig.
Sie seufzte.
Schon ganz bald würde Claire auch so etwas kleines haben und sicherlich würde Jill sich nur zu gerne als Babysitterin anbieten.
Gerade dann, als Jill das Tablett ergreifen wollte, kam es wieder. Sie zuckte, krümmte sich nach vorne und spürte den Stich in ihrem Bauch. Sie hielt sich unter einem unguten Gefühl im Magen an der Küchenzeile fest und kniff die Augen zusammen.
…Nicht jetzt!…
Der Krampf ließ nicht nach, es tat genauso weh, wie die letzten Male, in denen sie das gespürt hatte und Angst überflutete sie.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Irgendetwas konnte überhaupt nicht stimmen, denn Bauchschmerzen traten nun mal nicht aus heiterem Himmel auf.
Jill schluckte die aufkommende Übelkeit, ging in die Hockte und hielt sich den Bauch mit beiden Händen. Sie legte den Kopf nach hinten gegen den Schrank an dem sie lehnte und hoffte, das es bald vorbei war. Sie hoffte, das niemand kommen und ihre Schmerzen, ihren Schwindel sehen würde.
,,Jill?…"
Ihre Hoffnung war schon gleich zerstört, denn Chris kam wie aus dem Nichts um die Ecke, lächelte noch immer, ,,…Jill, kann ich dir…" Er stockte abrupt, seine Freude verging. Sorge tat sich in ihm auf, als er in die Augen seiner Frau blickte.
Sofort hockte er sich neben sie, wollte sie berühren, doch hielt inne: ,,Jill?…W…was hast du?"
Sie schwieg, blickte zur anderen Seite. Die Krämpfe wurden erträglicher, dennoch fühlte Jill sich auf einmal überhaupt nicht gut.
,,Jill?"
,,Es geht schon, Chris…es ist nicht schlimm…"
,,Nicht schlimm?…" er regte sich auf, er machte sich Gedanken, ,,…Sag mir was los ist? Bist du krank? "
,,Kann sein…" gab Jill von sich und rieb sich den Bauch, ehe sie den Kopf wieder zu ihm drehte, es jedoch mied ihm in die Augen blicken, ,,…Kannst du mir einen Gefallen tun? Kannst du die Getränke raus bringen? Die Kinder brauchen etwas zu trinken. Ich komme gleich nach." Sie atmete durch.
Er nickte. Deswegen war er ohnehin gekommen, um ihr vielleicht zu helfen. ,,Wenn ich etwas für dich tun kann, dann…"
,,Chris, geh einfach!" fauchte sie ihn an. Sie wollte alleine sein, jetzt niemand um sich haben, wieso verstand er das nicht?
Die Kinder tranken, während Chris die Kerzen auf dem Kuchen anzündete.
Claire kam grinsend wieder hinaus zu den Anderen gewatschelt: ,,Hey, hab ich es also noch nicht verpasst, hm?" Sie setzte sich wieder auf ihren Platz.
,,Nein, du musst dich noch einen Moment gedulden." grinste Rebecca.
Die Schwangere blickte fröhlich und vergnügt durch die Runde, bis ihr Blick dann an ihrem Bruder hängen geblieben war. ,,Gut, machst du das, Daddy…" neckte sie, ,,…Wo ist deine Frau?"
Chris legte das Feuerzeug zur Seite, er war noch immer geschockt von dem, was er in der Küche vorgefunden hatte und machte sich nicht wenig Sorgen, dennoch zeigte er es keinem. Er setzte ein Lächeln auf: ,,Sie kommt jeden Moment."
,,Sie ist schon da…" sagte Jill und trat in diesem Moment wieder hinaus zu den anderen. Sie lächelte, als ihr Sohn zu ihr gerannt kam, sich an ihrem Rockzipfel festhielt.
Chris musterte sie. All der Schmerz von gerade eben schien weg zu sein. Jill sah aus, als würde es ihr blendend gehen, als hätte sie nichts vorhin zu Boden gebracht.
,,Mama…mag Kerzen blasen!" Der Junge freute sich auf seinen Geburtstagskuchen.
Jill ging in die Hocke, hob ihr Kind auf den Arm und kam zum Tisch. Sie deutete auf die Kerzen: ,,Dann blas sie aus und wünsch dir was schönes!" Sie hielt ihn, während Eric sich nach vorne lehnte und kräftig auf den Kuchen blies. Freude stand in seinem Gesicht, dennoch brauchte er einige Momente, einige Anläufe, bis alle drei Kerzen aus waren. Dann applaudierten die Gäste.
,,Herzlichen Glückwunsch, Eric…" hauchte Susan.
Der Junge klatschte mit, freut sich, da er seiner Ansicht nach etwas großes vollbracht hatte. Jack klatschte ebenfalls. Die beiden Jungs spielten oft zusammen.
,,Und? Was hast du dir denn schönes gewünscht, außer die vielen, bunten Päckchen, die wir dir gebracht haben?" wollte Claire wissen, blickte ihren Neffen an, der verschmitzt grinste.
,,Er darf es doch nicht sagen, sonst geht es nicht in Erfüllung…" entgegnete Rebecca, doch Eric meldete sich zu Wort: ,,…Ich will sagen!"
,,Dann sag, was du dir gewünscht hast?" Jill blickte ihren Sohn an.
Eric nickte lächelnd, dann drückte er sich von Jill weg, was hieße, das er abgesetzt werden wollte. Jill tat es und sah dann, genau wie die anderen zu, wie ihr Sohn in die Arme seines Vaters lief.
Chris lachte, hob das Kind hoch und blickte perplex drein. Er zwickte ihm spielerisch in den Bauch: ,,Na?…Was hast du dir gewünscht, das neuste Spielzeugauto?…Eine kleine Eisenbahn, die wir neulich in der Mall gesehen haben, oder gar einen ganzen Zoo?"
Eric legte seine Hände an die Schultern seines Vaters und schüttelte strickt den Kopf.
,,Was dann?"
,,Du kommst heim, Papa…" zufrieden leuchteten die Augen des Kindes. Er hatte gelernt, das Wünsche in Erfüllung gingen und da er sich wünschte, seinen Vater wieder bei sich zu haben, glaubte er fest daran, das es wahr werden würde. Immerhin hatte das Kind keine Ahnung von dem, was zwischen seinen Eltern war.
Umgehend blickte Chris in Jills Augen, konnte in ihren ablesen, das sie genauso überrumpelt war wie er. Was sollten sie tun?
Jill blickte zur Seite, mied die Blicke der anderen Gäste. Erics Wunsch war es, Chris nach hause kommen zu lassen und sie verstand ihr Kind.
Chris seufzte schwer.
,,Daddy?…" fragte Eric neugierig, bemerkte wohl, das doch etwas nicht ganz in Ordnung war.
Chris blickte in die Augen von Claire und Rebecca, dann in die seines Jungen: ,,Weißt du, Eric…" begann Chris. Er wollte es ihm schonend beibringen, ,,…Ich war ja lange, ganz schön lange nicht bei euch, das weißt du ja noch, das heißt aber nicht, das ich Mami oder dich nicht ganz doll lieb habe…Es ist nur so, deine Mom und ich haben etwas Zeit gebraucht, um über einiges nachzudenken und…"
,,…und jetzt kommt dein Vater wieder zu uns zurück."
Eisernes Schweigen ging durch die runde, perplexe blicke gingen zu der Blondine, die gerade das Wort ergriffen hatte.
Jill hatte die Enttäuschung in den Augen ihres Kindes und in denen ihres Mannes gesehen, sie konnte nicht länger damit leben, also wollte sie beiden eine Freunde machen. Sie hatte sich einen Ruck gegeben. ,,…Das heißt natürlich, wenn du es willst, Chris."
Chris hielt ihren Augen stand und unweigerlich begann er zu lächeln. Ein gewaltiger Stein fiel von seinem Herzen, von seinen Schultern. Er durfte wieder nach hause kommen!
,,Willst du, Daddy?"
Der Agent blickte in das Gesicht seines Sohnes und nickte deutlich: ,,Oh ja, Eric…es gibt nichts, was ich lieber tun würde…"
Fröhlich lachte der kleine Junge, legte den Kopf an Chris´ Brust und genoss es bei seinem Vater zu sein…
Rebecca und Claire waren die letzten, die am späten Abend gingen.
,,Bye…" Jill lächelte, als sie die beiden zur Tür brachte.
Rebecca verabschiedete sich mit Küsschen, ,,…Wir sehen uns dann in ein paar Tagen, ja? Ich freu mich ja schon so. Wir beide haben einfach zu selten einen gemeinsamen freien Tag."
Jill nickte: ,,Auf jedem Fall, ich werd da sein." Sie hatte sich mit ihrer Freundin verabredet, ein Frauen Tag eben.
,,Bye, Jill…ich schicke Matt die Tage vorbei, damit er die Sachen dann abholen kommt. Danke noch mal." sagte auch Claire, drückte die Blonde zum Abschied, dann waren beide weg.
Jill seufzte, als sie in die Küche kam, wo Chris dabei war seinen Hund zu füttern. Ben schnappte eifrig nach dem Futter.
,,Was für Sachen?" fragte er umgehend und erhob sich, blickte seine Frau an.
Sie zuckte nur mit den Schultern: ,,Ich habe deiner Schwester noch einiges an Babysachen versprochen. Kleidung und die Wiege, den Kinderwagen…Dinge, aus denen Eric herausgewachsen ist und die ich…die wir ja nicht mehr brauchen."
Er nickte kaum merklich, dachte an die damalige Diagnose von Jills Ärztin zurück. Ja, sie würden wirklich nie wieder Säuglingssachen brauchen. Doch Chris wollte dieses Thema nicht wieder aufkratzen und Jill nicht in Verlegenheit bringen, so sah er ihr zu, wie sie sich dem Geschirr zuwenden wollte und sagte nur: ,,Ich werde auch gleich gehen."
,,Warum?" fragte sie perplex.
,,Warum nicht?…Oder meintest du das ernst, was du heute Mittag zu Eric sagtest?" er näherte sich ihr.
,,Natürlich meinte ich das ernst…" Jill ging zum Spülbecken, um das Geschirr zu waschen, das bereits von Garten her gebracht worden war, ,,…Chris, Eric ist immer so bedrückt, wenn du wieder gehst. Ob es mir nun gefällt oder nicht, er liebt dich und ich will das er glücklich ist…Wie ich letzte Woche schon zu dir sagte, ich kann so einfach nicht mehr weitermachen…Wenn du möchtest, dann bleib einfach hier." unsicher suchte sie den Blickkontakt zu ihm.
Chris sah sie an und nickte. Er ging ihr zur Hand, hatte sich ein Geschirrtuch geschnappt und half abzutrocknen: ,,Natürlich möchte ich das, Jill, mehr als alles andere…aber ich will nicht, das du das nur tust, wegen ihm…Sag mir, wie du darüber denkst."
Jill spülte einen Teller nach dem andern: ,,Das habe ich doch schon…Wir…Du bist schon knapp sieben Wochen wieder da und…ich will jetzt nicht sagen, das es gleich wieder so wird wie früher, aber…" sie hielt inne, drehte den Kopf einmal mehr zu ihm, ,,…ich muss zugeben, das ich es vermisse dich hier zu haben."
Hauchzart lächelte er: ,,Weißt du eigentlich, wie schwer es war, das aus dir heraus zu locken?"
,,Freu dich nicht so früh…" entgegnete sie ärgerlich, ,,…Damit eins klar ist, du schläft im Gästezimmer."
Ob sie ihn damit bestrafen wollte war ihm egal. ,,Ich würde auch im Keller schlafen, oder in der Badewanne, wenn es sein müsste…" grinste Chris. Er freute sich einfach wieder darauf zuhause zu sein, ,,...Ich lebe lieber in einer WG mit dir, als noch weiterhin in diesem Hotel herum zu krebsen und euch noch länger fern zu bleiben."
Jill nickte, schwieg dann.
Chris sah ihr einfach nur dabei zu, wie sie die Küche aufräumte. Eine Frage brannte ihm deutlich auf der Zunge und als Jill fertig war und er die letzten Teller in den Schränken verstaut hatte, richtete er das Wort an sie: ,,Jill?"
,,Hm?" sie legte das Tuch zur Seite, mit dem sie die Spüle abgetrocknet hatte, dann drehte sie sich zu ihm.
,,Ich wollte dich fragen…" begann er, stand vor ihr, ,,…wegen heute Mittag. Ist alles in Ordnung mit dir?"
Sie wusste auf was er anspielte und blickte unter sich. Zum Glück hatte Jill seither keine Krämpfe mehr gehabt.
,,Hast du das öfter?"
Sie wollte ausweichen, doch wusste, das er ihr keine Ruhe lassen würde, also antwortete sie: ,,Ja…in der letzten Zeit schon, aber es ist sicher nichts schlimmes."
,,Nichts schlimmes?…" er stürzte die Lippen, ,,…Jill, du hattest eindeutig Schmerzen und die wahren wohl so schwer, das du in die Knie gegangen bist. Ich mache mir Sorgen."
,,Ich weiß aber Chris, bitte, lass es einfach links liegen, es waren sicher nur…Regelschmerzen." Sie griff nach dem erstbesten, was ihr einfiel, war ihr doch bewusst, das sie ihn anlog. Um ehrlich zu sein, war sie seit knapp drei Wochen schon überfällig. Sie wusste, das mit ihr etwas nicht stimmte, die immer wieder kehrenden Schmerzen bewiesen das, doch Jill hatte Angst davor zu einem Arzt zu gehen. Sie fürchtete sich davor, da sicherlich nichts gutes im Verdeckten lag. Sie fürchtete ernsthaft krank zu sein.
,,Regelschmerzen?…" er hob seine Augenbrauen, schien sie zu durchschauen, denn noch nie zuvor hatte Jill solche Beschwerden gehabt. Das wäre ihm früher schon aufgefallen. ,,…Und das letzte Woche? Im Flieger? Es war laut deiner Aussage keine Luftkrankheit sondern nur die Nebenwirkungen des Absetzens deiner Medikamente. Hängt das etwa alles zusammen?"
Jill seufzte und drehte sich zur Seite: ,,Warum musst du immer nachbohren, Chris?"
,,Weil ich mir Gedanken mache, du bist meine Frau!"
,,Ja, das bin ich und wenn es etwas geben würde, das du wissen musst, dann würde ich es dir sicherlich sagen, findest du nicht!?"
,,Natürlich würdest du das…" Chris bemerkte ihre Verärgerung, blieb aber im Gegensatz zu ihr ruhig, ,,…reg dich doch deswegen nicht so auf."
,,Ich reg mich nicht auf, ich…" Jill brach ab als es an der Haustür klingelte.
Verwundert blickte sie ihren Ehemann an: ,,Erwartest du jemanden?"
,,Nein…" sagte Chris und hob demonstrativ seine Hände, ,,…du etwa?"
Jill ging an ihm vorbei, fragte sich, wer wohl jetzt noch stören würde, immerhin war es bereits nach halb neun und sie blickte überrascht drein, als sie die Tür öffnete: ,,Dr. James?"
Ein hoch gewachsener, dunkelhaariger Mann war an der Tür, lächelte breit: ,,Guten Abend, Jill…Ich bin zufällig vorbei gekommen und habe noch Licht gesehen."
,,Guten Abend, em…" sie war wirklich überrascht, ob positiv oder negativ, wusste sie nicht, ,,…ich dachte, Sie wären bis zum Wintereinbruch noch in England bei Ihrer Familie."
,,Schon, aber das Krankenhaus hat mich angerufen. Einer meiner Kollegen ist plötzlich ausgefallen und naja…sie haben mich zurück geholt." er lachte, entblößte strahlend weiße Zähne.
,,Und…warum sind Sie jetzt hier?" wollte die Blondine wissen.
,,Mir ist eingefallen, das ein ehemaliger Patient von mir heute Geburtstag hat…" er hielt ein Päckchen hoch, ,,…Kommt den ganzen Weg aus England."
Jill hob beide Augenbrauen, sie war völlig überrumpelt, doch lächelte freundlich: ,,Oh, das ist em…sehr nett von Ihnen…leider schläft mein Sohn schon…ich kann Ihnen einen Kaffee anbieten oder so. Wir haben noch Geburtstagskuchen." Sie bemerkte, das der Mann vor ihr plötzlich an ihr vorbei blickte, jemanden hinter ihr fixierte und auch Jill drehte sich um.
Chris stand dort im Flur, hatte einen misstrauischen Blick aufgesetzt und musterte den fremden Mann an der Tür. Er und seine Frau schienen sich wohl zu kennen.
,,Das em…das ist mein Ehemann." sagte Jill.
,,Ihr Ehemann? Der Ehemann?" Derek, dem für Chris noch unbekannten, verging das Lächeln augenblicklich.
Chris verdrehte innerlich die Augen. Natürlich, Jill hatte ja schließlich nur einen, dennoch vergaß Chris seine Manieren nicht, kam näher und reichte dem fremden die Hand: ,,Chris Redfield."
,,Dr. Derek James…"
Ein Arzt?
Seit wann kannte Jill den denn? Wer war das?
,,Ja, dann will ich auch nicht länger stören…" sagte der Fremde, blickte Jill an und lächelte einmal mehr, ,,…Bitte überbringen Sie ihrem Sohn schöne Grüße…" er reichte ihr das kleine Geschenk und Chris entging nicht, wie die für ihn schmierige Hand des fremden Mannes sich um die seiner Frau schloss. Eifersucht brodelte in ihm auf.
,,Mach ich…" sie zog ihre Hand jedoch gleich zurück, ,,…Wiedersehen."
Der Arzt nickte, ehe er sich umdrehte und wieder ging…
Chris folgte seiner Frau ins Wohnzimmer, nachdem er die Haustür abgesperrt hatte. Er würde erst morgen zurück ins Hotel fahren, um auszuchecken und seine Sachen holen.
,,Woww…" hauchte Jill und stellte das verpackte Geschenk für ihren Sohn auf den Wohnzimmertisch, ,,…Nett, nicht wahr?"
Er nickte, verschränkte die Arme vor der Brust. Aus irgendeinem Grund hatte er den Kerl an der Haustür gleich abgestempelt, er mochte ihn nicht. ,,Wer war denn das?"
Jill seufzte und setzte sich auf die Couch: ,,Dr Derek James, ich hab ihn im Krankenhaus kennen gelernt, als Eric so krank war. Er ist dort Kinderarzt."
Chris nickte innerlich. Jill hatte ihm während der vielen, tiefen Gespräche in den letzten Wochen natürlich auch von der schweren Lungenentzündung ihres gemeinsamen Kindes erzählt.
,,Schenkt der etwa all seinen Patienten etwas zum Geburtstag?…" gab Chris sarkastisch von sich.
,,Chris!…" ermahnte sie, ,,…Er wollte nur nett sein. Ich habe damals jeden Tag im Krankenzimmer bei Eric verbracht, man unterhält sich doch eben mit den Leuten dort, ganz besonders mit dem Behandelnden Arzt seines Sohnes."
,,Du scheinst dich ja näher mit ihm unterhalten zu haben, wenn er hier einen Überraschungsbesuch abliefert."
Jill zog die Augenbrauen zusammen, fixierte ihn, wie er sich auf den Sessel ihr gegenüber setzte: ,,Was meinst du damit? Du glaubst doch jetzt nicht etwa, das…"
,,Das Leben ging wohl wirklich weiter, als ich weg war…immerhin ist er schon beim Vornamen." er seufzte und fuhr sich durch den Nacken, da war er sicher noch rechtzeitig wieder aufgetaucht, zumindest hoffte er das.
,,Du deutest das jetzt völlig falsch!" sagte Jill strickt.
,,Ach ja?…" Chris blickte sie an, ,,…Jill, wir wohnen in einer Sackgasse! Wenn man keinen Grund hat in diese Straße zu fahren, kommt man auch nicht `zufällig´ vorbei. Hast du nicht gesehen, wie der Typ dich angeglotzt hat?"
,,Was?" Jill wollte nicht verstehen. Sie fand es absurd, was Chris sich da gerade zusammen reimte.
,,Ist doch so, sag mir jetzt nicht, das du nicht bemerkt hast, das der Typ Interesse an dir hat, er wäre doch sicherlich liebend gerne zu dem Kaffee geblieben, wenn ich nicht da gewesen wäre." Ja, Chris war sauer und eifersüchtig. Das hier hatte er sich niemals vorgestellt. Er war wütend auf sich, das er es zugelassen hatte, das sich ein anderer Kerl seiner Frau näherte.
Jill lehnte sich seufzend zurück und schüttelte den Kopf: ,,Mag sein, aber…"
,,Aber? Du hast ihm schöne Augen gemacht?" entfuhr es ihm, als er sie einfach unterbrach.
,,Lass mich gefälligst ausreden!…" fauchte sie ihn ärgerlich an, ,,…Und nein, ich habe ihm keine schönen Augen gemacht!…Er hat mich damals lediglich, nachdem es Eric wieder besser ging, zum Essen einladen wollen, was ich natürlich abgelehnt habe, aber selbst, wenn ich hingegangen wäre, kann es dir doch egal sein, du warst nicht da!"
Chris sah zur Seite.
Hatte er geglaubt, es würde besser, jetzt wo er wieder zuhause war, so wurde er enttäuscht. Jill war noch immer nicht drüber weg.
,,Wie viel weiß dieser Mann…über uns."
Jill schluckte: ,,Das nötigste…Das mein Mann Soldat ist und im Einsatz verwundet wurde und es ihm deshalb nicht möglich war bei seinem Sohn im Krankenhaus zu sein…Mach dir keine Sorgen, Chris…Er läuft mir zwar ab und an in der Stadt über den Weg und ich muss ehrlicher weise zugeben, das es schön ist, wenn sich jemand um einen bemüht, das ich mich über seine Aufmerksamkeit geschmeichelt fühle, aber er bekommt von mir einen Korb nach dem anderen. So war es bisher und so wird es auch bleiben."
Er schluckte, dann blickte er seiner Frau in die Augen: ,,Warum? Du konntest doch nicht wissen, das ich zurück komme…"
,,Du damals auch nicht, als man mich für tot hielt und dennoch hast du dich nicht wirklich auf diese Amber Wales eingelassen, obwohl wir vor Afrika niemals zusammen waren…" Jill stürzte die Lippen, ,,…Ich bin mit dir verheiratet, ich liebe dich, auch wenn es im Moment alles andere als rosig zwischen uns beiden ist. Wieso soll ich mich dann mit einem anderen Mann verabreden? Ich will niemand anderen."
Chris atmete durch.
Es tat ihm leid, das er vorhin an ihr gezweifelt hatte und es rührte ihn, das Jill all die Zeit an ihm fest gehalten hatte. Wenn er nun nie mehr wieder gekommen wäre, wäre Chris sicher, das Jill allein bleiben würde, so wie er es auch getan hätte…
