Chris hatte die erste Nacht im Gästezimmer sehr gut geschlafen, wenn auch er lieber bei ihr im gemeinsamen Schafzimmer gewesen wäre, aber er riet sich selbst, es langsam angehen zu lassen.
Am späten Morgen war er dennoch die Treppen hinauf gestiegen und klopfte an ihre Zimmertür. Er machte sich mittlerweile Sorgen, da Jill noch nicht zum Frühstück runter gekommen war, mit dem er sie überraschen wollte, es war schließlich schon kurz nach zehn. Überhaupt hatte er an diesem Morgen noch kein Geräusch von ihr gehört und früher war sie immer die Erste gewesen, die auf den Beinen war, allein schon wegen Eric.
,,Jilly?…" Chris klopfte ein weiteres mal, ,,…Bist du schon wach?" Wieder hörte er nichts und wagte es die Tür zu öffnen. Das Zimmer war noch dunkel.
Jill lag schlafend im Bett, auf der Seite. Die Decke hatte sie bis zu ihren Schultern gezogen, die Arme ruhten unter ihrem Kopf.
Chris kam nicht um ein Lächeln herum. Ihr helles Haar schmiegte sich umspielend über ihr Gesicht, verfüllte es fast. Sie war so perfekt, warum hatte er das nur aus den Augen verloren?
Behutsam setzte er sich vor sie auf die Bettkante, sie schien noch immer tief zu schlafen, da sie sich nicht einmal regte. Das Einzige, was sich bewegte war ihr Brustkorb beim Atmen.
,,Jill?…" Chris strich ihr sanft das Haar zurück, sein Daumen glitt über ihre Wange, während seine übrigen Finger ihr Ohr berührten. Er sprach leise um sie nicht zu erschrecken, fürchtete jedoch, das sie ungehalten darüber sein würde, das er so nah bei ihr war. Er hatte Angst, das sie ihn zurückweisen würde.
,,…Schatz, wach auf…"
Sie regte sich, schluckte und atmete tief durch, ehe sie blinzelt die Augen aufschlug.
Jill brauchte einen Moment, um zu realisieren, wo sie war, wer da bei ihr saß und sie war sichtlich verwirrt: ,,Chris?" Sie war nicht verärgert, lediglich erschien sie perplex, als sie sich auf den Rücken drehte.
,,Guten Morgen…" sagte Chris deshalb, ,,…du hast noch geschlafen, deshalb wollte ich mal nach dir sehen, es ist ganz schön spät."
,,Huh?…" Jill hob den Kopf, griff nach ihrem Radiowecker und drehte ihn zu sich. Zwanzig nach zehn.
…Zwanzig nach zehn?…
,,…oh, ich hab…" sie fasst sich noch immer schlaftrunken an die Stirn, ,,…Ich habe verschlafen." Kein Wunder, wenn sie an letzte Nacht zurück dachte. Ihre Kopfschmerzen haben einfach nicht aufhören wollen und schienen auch jetzt wieder zurück zu kommen, ganz zu schweigen davon, das sie sich so müde und gerädert fühlte, als hätte sie ein Bus überfahren.
Jill setzte sich auf: ,,Ich muss Eric wecken und ihm…"
,,Alles schon passiert…" unterbrach Chris, fasste an ihre Schultern, um sie zurück zu halten. Er lächelte, ,,…Unser Sohn hat auch schon sein Frühstück, ebenso wie der Hund. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern, also kein Stress."
Sie kroch dennoch an ihm vorbei: ,,Ich muss, ich muss ihn in den Kindergarten bringen und zur Arbeit und ich hasse es zu spät zu kommen." Schwungvoll schwang sie die Beine aus dem Bett und stand auf.
,,Du bist eh zu spät, also nur keine Eile, Jill…Hey!" erschrocken sprang Chris auf, packte zu und griff ihr an den Oberarm, denn er sah, wie seine Frau ins Schwanken kam.
Perplex krallte Jill sich an ihm fest, da sie geglaubt hatte, sie würde fallen, so schwindelig war ihr in den wenigen Sekunden. Die Welt um sie herum drehte sich unaufhaltsam.
Direkt drückte Chris sie zurück, drängte sie sich auf das Bett zu setzen und nahm wieder neben ihr platz. Mit sorgevollem Blick musterte er sie: ,,Jill? Bist du okay? Was war denn das?" Seine Hand glitt an ihren Rücken.
,,Ich weiß nicht…" Jill schluckte, sie fühlte sich nicht wohl, wollte es allerdings nicht zugeben, ,,…bin wahrscheinlich noch nicht richtig wach." Sie rutschte weg von ihm.
Er nickte: ,,Du bist ein bisschen blass um die Nase…sicher, das es dir gut geht?"
,,Ja…" kratzte sie genervt, stand dann auf, ignorierte den geringer werdend Schwindel und verließ das Schlafzimmer…
…um kurz darauf das Badezimmer zu betreten.
Müde hielt Jill sich dort am Waschbecken fest, bevor sie sich schnell waschen würde. Sie hoffte, das ihr Schwindel endlich verschwinden würde, waren doch die Kopfschmerzen schon peinigend genug. Wie gerne hätte sie noch weiter geschlafen. Aber nein, sie hatte eigentlich um neun schon auf der Arbeit sein müssen.
Zaghaft schlüpfte sie aus ihrem T-Shirt, ein kühler Schauer lief ihr über den Rücken und Jill stockte, als sie im Spiegel auf ihren Bauch blickte. Sanft legte sie die Hand daran, wollte keinen ihrer Krämpfe wieder auslösen. Tränen kullerten ihre Wangen hinab, sie fühlte ganz deutlich die Erhebung. Wenn sie ja nicht wüsste, das sie…
…Geh doch endlich zum Arzt!…Lass dich untersuchen, damit du endlich weißt, was mit dir nicht stimmt…
Doch Jill hatte solche Angst davor.
Egal, was es war, das sie schon seit Wochen quälte, es war nicht normal und es wurde schlimmer, es wurde größer. Sie konnte nicht länger weg sehen…
,,Du bist also jetzt wieder zuhause eingezogen…" Barry Burton nickte, stellte seinem Freund und sich selbst ein kühles, alkoholfreies Bier an die Bar in seinem Hobbykeller und nahm dann dort neben Chris platz, ,,…Seit gestern?"
Chris nickte und zog dann an der Flasche. Er war diesen Nachmittag wieder bei den Burtons zu besuch, brauchte jemanden unter all den Frauen zuhause, mit dem er reden konnte.
,,Na, siehst du, es ist doch alles wieder im Butter." Barry trank selbst einen großen Schluck.
,,Nein eben nicht…" genervt fuhr Chris sich durch sein dunkelbraunes Haar.
,,Inwiefern?"
Der jüngere Mann sah seinen langjährigen Freund an und schüttelte dann den Kopf: ,,Jill ist noch immer so…so distanziert. Ich weiß, das sie mich gerne um sich hat, aber dennoch ist sie noch immer nicht bereit endlich alles zu vergessen."
,,Gib ihr Zeit, Kumpel! Du bist erst acht Wochen wieder da, so was geht eben nicht von heute auf morgen, glaub mir, ich weiß wovon ich rede…" betrübt blickte der Waffenliebhaber dann unter sich.
Chris zog stutzig die Augenbrauen zusammen, musterte Barry und fragte dann: ,,Sag mal, ist alles okay? Du bist mir letztes Mal schon so bedrückt vorgekommen, genau wie heute."
Barry nickte eifrig, zu eifrig: ,,Ja, ja, alles paletti…"
,,Ach komm…" Chris kannte seinen Freund besser, ,,…Macht dir eins deiner Mädels Kummer?"
Der ältere Mann nickte leicht, er musste darüber reden.
,,Welche denn? Moira oder Polly?" Chris wusste, das die beiden mittlerweile völlig unabhängig und nur noch selten zuhause waren.
Barry schluckte schwer, drehte den Kopf zu seinem Freund und sagte ihren Namen: ,,…Kathy…"
Erschrocken weitete Chris die Augen: ,,Deine Frau?" Und sein Gegenüber nickte.
,,Was ist los?" wollte der Agent wissen.
Abwinkend sagte Barry nur: ,,Ach ist nicht so tragisch, wir haben momentan beide wohl nur die Midlifecrisis, das wird sich schon wieder einrenken. Wenn man so lange verheiratet ist wie Kathy und ich, geht man sich ja schließlich irgendwann mal auf den Sack, das legt sich bestimmt wieder."
Chris nickte, wenn auch er glaubte, das sein Freund ihm nicht ganz die Wahrheit erzählte, er wollte wohl nicht wirklich darüber sprechen und das respektierte Chris auch.
,,Wann musst du denn nachher los?" wollte Barry wissen, um das Thema umzulenken.
,,Em…" Chris blickte auf seine Armbanduhr, rechnete die Fahrzeit zurück nach Arlington ein und sagte, ,,…in einer halben Stunde. Jill arbeitet heute bis sechs, daher werde ich Eric um fünf vom Kindergarten abholen."
Barry nickte…
…und Eric freute sich wahnsinnig, als sein Vater es war, der ihn am heutigen Tag abholte.
,,Daddy!" er lief auf Chris zu und ließ sich von dem Erwachsenen auffangen und auf den Arm nehmen.
,,Hey, mein Sohn, na? Was hast du heute wieder alles so angestellt?" Chris lachte mit seinem Jungen und eine dritte Person näherte sich, entfernte sich von den anderen Kindern in der kleinen Gruppe des Klassenraumes, kam auf Chris und Eric zu.
,,Mr. Redfield…" die Frau, Erics Kindergärtnerin, gab ihm die Hand, ,,…schön Sie wieder zu sehen."
Chris nickte freundlich.
,,Hat Ihre Frau es heute nicht geschafft?"
,,Nein…sie wurde aufgehalten…" Chris verschwieg natürlich, das Jill dadurch, das sie verschlafen hatte, etwas länger als sonst arbeiten musste.
,,Hier…" die junge Frau griff neben sich in ein Regal und zückte eine Kuchenplatte, reichte sie dem Vater ihres Schützlings.
Chris wusste nichts damit anzufangen.
,,…sagen Sie Ihrer Frau bitte noch einmal recht herzlichen Dank, der Geburtstagskuchen hat uns allen und den Kindern vorzüglich geschmeckt."
Es dämmerte ihm und er nickte. Klar hatte Jill einen Kuchen gebacken, ihn im Kindergarten abgegeben. Das tun alle Mütter an den Geburtstagen ihrer Kinder. ,,Danke…"
Sie lächelte noch einmal freundlich, ehe sie sich verabschiedete und sich wieder den übrigen Kindern zuwandte.
,,Daddy?"
,,Hm?" Chris machte sich auf den Weg nach draußen und sah zu seinem Kind.
Eric blickte ihn mit großen Augen an: ,,Wo ist Mama?"
,,Sie muss noch arbeiten, aber in einer Stunde wird sie zuhause sein…" Chris sah ihn dann gespielt beleidigt an, ,,…Freust du dich nicht, wenn dein Dad dich abholen kommt?"
Umgehend lachte das Kind und nickte eifrig: ,,Doch!…" dann sprach er gleich seine Forderung aus, ,,…Will Eis haben!"
,,Ein Eis?" er verließ das Gebäude, blickt ungläubig drein, ,,…Zuhause gibt es bald Abendbrot, deine Mom wird bestimmt nicht erfreut sein, wenn du das dann liegen lässt."
,,Oh bitte Daddy! Bitte!" quengelig zog Eric seine Masche ab, wusste so alles zu bekommen, was er wollte und schließlich gab Chris nach: ,,Okay, kleiner Mann…Wir machen einen Stopp beim Eismann, aber das du mir auch später auch dein Abendbrot verdrückst, okay?"
Mit einem übertriebenen Grinsen ging der Junge auf den Deal ein. Chris lächelte, er freute sich…
