,,So, knapp zehn Tage sind vergangen…" begann Rebecca und wickelte ihre Nudeln auf ihre Gabel, ,,…Was gibt es neues an der heimatlichen Front?"
,,Ach, das übliche…" seufzte Jill, ,,…was ein Gefühlschaos eben so anrichtet." Sie hatte sich wahnsinnig auf dieses Treffen gefreut. Schon lange hatten Rebecca und sie sich nicht mehr einfach so gesehen, oder einfach mal so etwas unternommen. Beide Frauen waren heute in ihrem üppig besuchten Stammlokal in Washington, aßen zu Mittag und wollten auch den Nachmittag zusammen verbringen.
,,Aber vor ein paar Tagen sagte Chris mir bei der BSAA, ihr wäret wieder so einigermaßen ganz okay, das hat man letztens auf der Geburtstagsparty von Eric auch merken können."
Jill nickte, nachdem sie eine weitere Gabel voller Nudeln gegessen hatte. Sie musste zugeben, das sie einen Bärenhunger hatte: ,,Naja…ich glaube, wir sind wieder auf einem freundschaftlichen Level. Em…er hat mir vieles erklärt und wir haben viel miteinander gesprochen, das er wieder zuhause ist, tut uns doch irgendwie allen gut, vor allem unserem Sohn."
,,Aber so richtig zusammen seid ihr noch nicht? Du weißt, so als Chris und Jill das Ehepaar?"
,,Nein…" die Blonde sah unter sich. Sie widmete sich dem, weitere Nudeln auf ihre Gabel zu drehen und kam nicht umhin, an ihren Bauch zurück zu denken. Mit Sicherheit war das auch ein Grund dafür, Chris nicht zu nahe zu kommen. Wenn sie wirklich ernsthaft krank war, wollte sie ihn vielleicht auch gar nicht mehr an sich binden.
,,Aber irgendwann vielleicht schon, ich meine, ihr liebt euch doch."
,,Sicher…Liebe war niemals unser Problem und…ich kann ihn, also seine Reaktion nach meiner Fehlgeburt letztes Jahr auch irgendwie verstehen, aber…" Jill blickte ihre Freundin an, seufzte nochmals, ,,…Ach, ich…ich weiß auch nicht, alles ist so anders im Moment, alles so kompliziert."
,,Inwiefern?" hinterfragte Rebecca, sie konnte ihrer Freundin nicht folgen.
Jill zuckte nur mit den Schultern, sie wollte nicht über ihre offensichtlichen Sorgen sprechen: ,,Keine Ahnung, er strengt sich richtig an, hilft mir mit der Hausarbeit und so, das hat er früher nie gemacht und stell dir vor, letztens hat er mich sogar zur Flugbahn ausgeführt, mich eingeladen mit ihm einer seiner Testflüge für die BSAA zu machen, glaub mir, es war beinahe ein richtiges Date."
,,Das ist normal. Er will dich schließlich zurück gewinnen, mit allem was dazu gehört." Rebecca trank aus ihrem Wasserglas.
,,Ja, aber wir hatten noch nie ein richtiges Date…" meinte Jill plötzlich amüsiert und kaute, hielt sich die Hand vor den Mund, ,,…Wir waren jahrelang ineinander verliebt, ohne etwas zu tun und dann waren wir schon gleich fest zusammen, inklusive der Hochzeit."
Rebecca lächelte: ,,Ich finde es schön, das er sich so ins Zeug legt. Hast du ihm denn wenigstens auch, wie es sich für ein Date gehört, einen Abschiedskuss gegeben? Muss nicht auf die Lippen sein, die Wange geht auch.."
Jill schüttelte den Kopf: ,,Nein…hätte ich es tun sollen?"
Rebecca zuckte mit den Schultern: ,,Bei Carlos und mir war es so. Glaub mir, er wusste gleich, was er wollte…nicht das ich das nicht auch täte, im Gegenteil, ich war und bin fasziniert von ihm und so und ich liebe ihn über alles, aber ich hatte auch meine Zweifel."
,,Wegen mir?…" fragte Jill, ,,…Wegen dem, was Carlos für mich em…" Sie blickte unter sich, fand es etwas unangenehm, dieses Thema anzuschneiden.
,,Ja…" sagte die Ärztin, wartete bis ihre Freundin ihr wieder in die Augen blickte, dann sprach sie weiter, ,,…ich wusste schließlich nicht, wie stark der Teil von Carlos war, der an dir hing, ich meine…Der Mann war wirklich in dich verliebt Jill und solche Gefühle kann man nicht einfach abstellen."
,,Hat er es denn jetzt?"
Schwer stieß Rebecca Luft aus: ,,Ich glaube, ganz gleich, was er mir sagt, das da noch immer etwas ist…aber ich weiß auch, das von dir nichts zurück kommt. Du liebst Chris, nicht Carlos, also muss ich keine Angst haben, das meine beste Freundin mit meinem Ehemann davon hüpft."
Jill lächelte leicht: ,,Nein, musst du nicht…Ich mag ihn, er ist ein lieber Freund und er ist süß mit Eric, aber er ist nicht der den ich will. Das habe ich schon vor Jahren erkannt."
Rebecca sah ihr in die Augen: ,,Chris…"
Die Blonde nickte, dann überlegte sie und fragte: ,,Glaubst du ich bin unfair zu ihm? Oder zu streng mit uns beiden?"
Die Ärztin schüttelte den Kopf: ,,Du bist vorsichtig und wenn du nur das tust, was du für richtig erachtest, kann es nicht falsch sein, glaub mir. Das ist schon in Ordnung, immerhin hat er dir sehr weh getan…" Rebecca musterte ihre Freundin wie diese nur leicht nickend den Kopf senkte, dann fragte sie weiter, ,,…Glaubst du, du kannst ihm verzeihen?…Glaubst du, ihr werdet wieder eine richtige Familie?"
Schwer atmete Jill durch und zuckte mit den Schultern: ,,…Ich weiß nicht…um ehrlich zu sein, ein Teil von mir, wünscht sich nichts anderes. Sicherlich habe ich ihm schon teilweise verziehen, sonst würde er nicht wieder bei uns wohnen, aber…irgendwas ist zerbrochen…Ich fürchte wohl, er könnte mir wieder so etwas antun."
,,Du vertraust ihm nicht mehr."
,,Nicht direkt…" Jill blickte in Rebeccas Augen, ,,…Ich kenne ihn, ich würde ihm ohne zu zögern mein Leben und das unseres Kindes anvertrauen. Er ist in diesem Punkt einhundert Prozent zuverlässig, aber er vergisst eben alles andere."
,,Was denn?"
,,Er sagte, er hätte die Mission nach Edonia angenommen, um uns zu schützen und das ist genau das, was ich meine. Er ist so darauf fixiert, übles aufzuhalten, er ist bereit sein Leben zu geben, um andere zu retten und merkt nicht einmal, das er es ist, der seine Nächsten von sich stößt…Er ist immer noch bei der BSAA und wenn jetzt wieder eine solche globale Bedrohung auftaucht wie im Sommer glaube ich nicht, das er zuerst an sich und seine Familie denkt…Ich habe Angst davor, das er wieder gehen würde, er meint es gut, keine Frage, er würde die Welt retten, wenn er es könnte und deswegen bewundere ich ihn, aber…ich kann es nicht ertragen, ihn noch mal zu verlieren, ich will das einfach nicht noch mal durchmachen müssen…und ich will auch nicht daheim sitzen und beten, das er heil zurück kehrt."
,,Jill…" Rebecca griff die Hand ihrer Freundin, erinnerte sich gut, wie schwer es für Jill war, damals ein leeres Krankenbett vorzufinden, ihn nicht wieder finden zu können. Sie wusste nur zu gut, wie schwer die Depressionen waren, die Jill nieder gedrückt hatten. ,,…ich kenne ihn, er ist ein verdammt guter Freund, er hat gemerkt, was er dir angetan hat und er hat aus seinen Fehlern gelernt...Ich glaube nicht, das er dir so etwas noch einmal antun würde."
Jill blickte zur Seite, irgendwie hatte ihre Freundin recht und sie nickte dann langsam: ,,Vielleicht liegt es auch an mir…Ganz klar, du hast Recht, trotzdem…Versteh mich richtig, ich habe, ich war nach Afrika dabei abzurutschen, in ein ebenso schwarzes Loch zu fallen wie er nach seiner Mission in Edonia, aber Chris hat das nicht zugelassen…Ich schon…ich habe nicht verhindern können, das er fiel. Ich habe versagt. "
Rebecca nickte innerlich. Sie erkannte, das Jill sich ebensolche Schuld an seinem verschwinden gab, wie ihm.
,,Das hast du nicht, Jill…" versuchte Rebecca sie aufzumuntern, ,,…Seine Situation und deine waren Grund verschieden. Du darfst das nicht vergleichen, versuch nach vorne zu sehen."
Jill atmete durch, legte die Gabel zur Seite und lehnte sich zurück gegen die Lehne des Stuhles. Sie schluckte, da in ihr aus heiterem Himmel wieder diese Bauchschmerzen zurück kehrten. ,,Lass uns das Thema wechseln, ja?…" sie atmete durch, versuchte ihr Unwohlsein zu verbergen, ,,…Wie geht es bei dir und Carlos?"
Der Blick der Ärztin hellte sich augenblicklich auf: ,,Oh, ich hab endlich einen Käufer für meine Wohnung gefunden. Ende Oktober, also in knapp dreieinhalb Wochen ziehen wir um."
,,Das ist wunderbar…soll ich euch beim Umzug helfen? Ihr habt mir, uns damals schließlich auch geholfen."
,,Gerne. Carlos hat jede Menge Krempel und ich glaube allein schon mit meiner Fachliteratur kann man ein ganzes Zimmer füllen." Rebecca lächelte.
Jill erwiderte das, doch augenblicklich war da wieder dieser helle, beißende Stich in ihrem Bauch und sie stockte. Ihr Lächeln verging, sie krümmte sich prompt etwas nach vorne, legte sich eine Hand an den Unterleib, als die Krämpfe zurück kehrten. Heimtückisch und in aller Öffentlichkeit überfiel es sie.
,,Jilly?" Rebecca blickte auf, musterte ihre Freundin.
Die Blondine schüttelte nur den Kopf: ,,Ist okay…ist nicht wild." Ein weiterer Stich peinigte sie, sie schloss die Augen, versuchte es zu verbergen, damit niemand sonst es mitbekam.
,,Das sieht aber ganz anders aus. Claire meinte, du hast vorgestern schon nicht gut ausgesehen, als sie und Matt die Babysachen abgeholt haben. Bist du okay?"
,,Ja…" Jill stützte ihren Kopf mit einer Hand auf dem Tisch ab und schluckte, ,,…ich bin okay, nur etwas müde und nicht so fitt wie ich sein sollte…" die Krämpfe ebbten ab, ,,…ich glaub es ist mein Magen."
,,Soll ich dich mal durchchecken?"
,,Rebecca, wirklich, das ist nicht nötig, es geht schon wieder." Jill trank einen Schluck Wasser.
,,…Du musst es ja wissen, aber es ist auch nicht ausgeschlossen, das dein Körper noch immer durch die Medikamente nachbebt…" Rebecca hob beide Augenbrauen. Sie konnte eindeutig sehen, das Jill blass geworden war. Es konnte ein Medizinstudent im ersten Semester erkennen, das die Frau ihr gegenüber krank war. Umgehend wanderte Rebeccas Hand zu Jills Handgelenk. Geübte Finger erfühlten den kräftigen Pulsschlag: ,,Du siehst mir aber ein bisschen blass aus. Hat das mit dem Absetzen gut funktioniert?"
Die Blondine entzog sich ihrem Griff: ,,Ja, Rebecca…Es geht schon wieder klar! Es ist vermutlich nur der ganze Stress mit Chris, der mir auf den Magen schlägt. Ich sehe es selbst, ich steigere mich da viel zu sehr rein."
Rebecca nickte, nach kurzer Überlegung: ,,Das kann sein. Immerhin hatten deine Depressionen dich bis vor kurzem im Griff und der Körper reagiert auf das, was sie Seele beschäftigt."
Jill verdrehte die Augen: ,,Danke, Sigmund Freud!"
Die Brünette lachte: ,,Ist doch so."
,,Lass uns bitte das Thema wechseln und unser Mittagessen verdrücken, bevor ich hier noch verhungere!"
,,Ganz wie du willst…" die Ärztin aß weiter, bemerkte wirklich, das es ihrer Freundin wieder gut zu gehen schien und fragte dann nach einigen Momenten, ,,…Wo ist eigentlich dein Junior, spielt Chris Babysitter?"
Jill aß weiter, war froh, das ihre Schmerzen vorbei waren, es konnte also erneu verdrängt werden. Sie schüttelte den Kopf und antwortete: ,,Nein, die beiden sind im Zoo."
,,Im Zoo?"
,,Ja, du weit doch, Erics Geburtstagsgeschenk von Chris…"
,,Ach ja…" Rebecca trank einen weiteren Schluck Wasser, ,,…Und wieso wolltest du nicht mit?"
Die Blondine seufzte müde: ,,Es ist ein Ort an dem Tiere wie Objekte in Käfigen herum hausen und von allen Seiten aus beglotzt werden…" Sie hasste seit ihrer Gefangenschaft alle Arten von Käfigen und sie würde nie wieder einen Fuß an einen solchen Ort setzen. Ihr Sohn war mit gerade mal drei Jahren immer noch zu jung um das zu verstehen, er erfreute sich daran all die Tiere bestaunen zu können und immer mal wieder ertappte Jill sich bei dem Gedanken, wie unschuldig und unwissend die Gedanken ihres Kindes waren. Sie beneidete ihn darum, von all dem Ärger, all dem drum herum noch überhaupt nichts mit zu bekommen. ,,…und außerdem, wollten wir zwei heute den Tag zusammen verbringen, nicht wahr?" vollendete Jill mit einem leichten Lächeln.
Die Ärztin grinste…
,,…will aber nicht schlafen…" protestierte Eric aus übermüdeten Augen, als Jill und Chris den Jungen am Abend ins Bett brachten.
,,Na, komm schon, du kannst doch kaum noch die Augen aufhalten…" Jill stützte ihren Sohn am Rücken, wie dieser in seinem Dinosaurierschlafanzug in sein kleines Bett krabbelte.
,,Mama…ich will doch von Tieren erzählen…"
Sie setzte sich zu ihm, nachdem sie ihm die Decke bis zur Brust hoch gezogen hatte und lächelte: ,,Ich nehme an, du hast viele gesehen. Hat es dir denn gefallen, mit deinem Dad?"
Der Junge nickte: ,,Wir haben Löwen gesehen, Zebras und Stinktiere und Lama und…Elepfan..elfpan…"
,,Elefanten?"
,,Ja!…Und Vögel…und eine Klaspschlange."
Jill lachte herzlich: ,,Eine Klapperschlange…" sie strich ihrem Sohn das Haar nach hinten, ,,…ich bin sicher, ihr hattet viel Spaß."
Eric blickte zu seinem Vater, der bereits den Vorhag am Fenster schloss, um das Abendlicht draußen zu halten. Das Zimmer wurde nur noch durch eine kleine Lampe neben der Tür schwach beleuchtet.
,,Will noch mal gehen…"
Chris kam grinsend hinzu, ging neben Jill in die Hocke und nickte: ,,Okay, wir werden irgendwann noch mal gehen."
,,Morgen!"
Der Agent lachte: ,,Dann ist es doch nichts neues mehr…" er schluckte kurz, um seinem Sohn zu erklären, ,,…Wenn du etwas Zeit vergehen lässt, dann ist es beim nächsten mal noch viel interessanter und aufregender und du wirst noch viel mehr entdecken."
,,Ja?" mit großen blauen Augen blickte Eric ihn an.
Chris nickte: ,,Ja…weißt du…" er tippte auf den Arm des Jungen, ,,…wieso zeigst du deiner Mom nicht einfach, welche Tiere du heute gesehen hast? Du könntest morgen Mittag viele Bilder malen."
,,Oh ja!…" jubelte der Junge, klatschte in seine Hände, ,,…mit Elphanten!"
Chris lachte einmal mehr, tauschte dann einen grinsenden Blick mit Jill ehe er sich noch einmal seinem Sohn zu wendete: ,,Schlaf gut, mein Sohn…" Er beugte sich zu ihm hin und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dann erhob er sich, blickte zu seiner Frau, ,,…Ich geh als runter."
Jill nickte.
,,Bis morgen, Daddy!" Eric hob eine Hand und wank Chris hinterher, was dieser nur erwiderte.
,,So…" begann Jill dann, als sie mit Eric alleine war, ,,…jetzt wird aber geschlafen, junger Mann."
,,Bin aber nicht müde…"
Sie grinste: ,,Es ist aber schon spät und du warst heute lange mit deinem Dad unterwegs, kuck…" Jill deutete mit dem Kopf an die gegenüberliegende Wand. Der Hund hatte es sich in einem Körbchen bequem gemacht. ,,…Ben schläft auch schon und je schneller du schläfst, desto schneller ist es morgen und ihr beide könnt wieder miteinander spielen, okay?"
Eric schien zu überlegen, doch nickte dann.
,,Außerdem musst du morgen fitt sein, da wir ja am Mittag zu Onkel Matts Geburtstag müssen."
Wieder nickte der kleine Junge: ,,Baby hören…"
Jill lächelte: ,,Ja, Tante Claire lässt dich bestimmt wieder das `Baby hören´…schlaf jetzt…" sie hauchte ihrem Sohn eine Kuss auf die Stirn, spürte erneut dieses ungute Gefühl in ihrem Innern. Sie wollte sich erheben, doch eine kleine Hand fasste den Ärmel ihres Shirts.
,,Mama!"
,,Hm?…" Jill sah wieder zu ihm.
Eric sah seine Mutter an, bevor er es aussprach: ,,…Daddy hat dich lieb."
Gerührt setzte Jill sich wieder, sie tätschelte die Hand ihres Kindes und nickte: ,,Ich weiß, mein Schatz…ich hab ihn auch lieb…und dich hab ich auch lieb."
Der Junge lächelte…
Chris grinste, als er sich die heutig gemachten Bilder auf seiner Digitalkamera ansah und Jill hinzu kam.
,,Zeig mal…" sie nahm ihm die Kamera aus der Hand, nachdem sie sich zu ihm gesetzt hatte. Chris ließ es zu, beugte sich näher zu ihr, um ihr zusehen zu können. Der Fernseher spielte im Hintergrund die abendlichen Nachrichten ab.
,,Schläft er jetzt?…" wollte Chris wissen, da es doch noch einige Minuten gedauert hat, bis sie wieder runter gekommen war.
Jill nickte und klickte sich durch die Bilder. Es waren viele Tiere drauf zu sehen. Mal Eric vor einem Gehege, mal er allein, dann ein Bild mit ihm und Chris zusammen, ein kunterbunt gewürfelter Haufen mit lachenden, glücklichen Gesichtern, was Jill erkennen ließ, das die beiden einen schönen Tag gehabt hatten und das freute sie.
,,Ich glaube so langsam kommt er in das schwierige Alter…" murmelte sie begnügt und betrachtete ein Bild wie Eric die Pinguine bestaunte.
,,Du meinst das gefürchtete `ich will aber nicht schlafen´ Alter?" Chris gestikulierte mit den Händen, lachte.
Jill sah zu ihm auf und fing augenblicklich auch an zu lachen: ,,Ja…" Sie nickte einmal mehr und Chris freute sich ebenfalls. Er hatte sie noch nicht oft zum lachen gebracht, seitdem er wieder bei ihr wohnte, doch es war ein weiterer Schritt nach vorne, eine weitere Annäherung.
,,Och, Gott, ist das süß!" hauchte Jill plötzlich, als sie ein Bild bestaunte, auf dem Eric und Chris zu sehen waren. Beide ritten auf einem Elefanten, der von einem Wärter geführt wurde und winkten in die Kamera. Jemand anders hatte bestimmt das Bild geschossen, ein Besucher oder ein Tierpfleger. ,,…Deswegen ist er von diesen Viechern so angetan."
Chris schaute auf das Display und nickte: ,,Ja, wir hatten Glück, da Elefantenreiten nicht jeden Tag angeboten wird und ich konnte ihn kaum halten, so stürmisch war er darauf zu klettern."
,,Hatte er keine Angst?…" Jill drehte den Kopf zu Chris, ,,…Ich meine, dieses Tier ist riesig im vergleich zu ihm."
Er schüttelte den Kopf: ,,Ich habe mich selbst gewundert. Unser Sohn wollte auch unbedingt alleine reiten, das war mir dann aber doch zu gefährlich."
Jill nickte und blickte wieder zu dem Foto.
Ja, der Elefant war mit Sicherheit zahm und ordentlich ausgesucht, das er nicht aggressiv oder stürmisch werden würde, wenn er Leute, speziell unruhige und lebhafte Kinder auf sich reiten ließ und das war auch nicht der Grund. Eric hätte einfach runter fallen können, er war schließlich immer noch sehr klein, auch wenn es Jill vorkam, als hätte sie ihn schon eine Ewigkeit bei sich.
,,Drei Jahre…" hauchte Jill und seufzte, ,,…Kommt mir so ewig vor."
,,Weißt du es noch? Als du ihn bekommen hast?…" fragte Chris und sah nur wie seine Frau amüsiert die Augen verdrehte. ,,…Was?"
Jill lachte, blickte ihn fassungslos an: ,,Chris, ich habe ihn geboren, so was vergisst man nicht!"
,,Aber ich dachte, ihr Frauen sagt immer, das alles vergessen ist, wenn ihr eure Kinder in den Armen haltet."
,,Der Schmerz ist vergessen, im ersten Moment…" erklärte sie, ,,…aber man wird das niemals vergessen und…ich würde es für ihn jederzeit wieder durchmachen."
,,Ich weiß…" Chris hielt ihrem Blick stand, er hatte kaum bemerkt, wie ihre Körper einander suchten. War vorhin doch noch etwas Luft zwischen ihnen, lehnten sie sich nun einfach gegeneinander, verschmolzen fast zu einem Ganzen.
Dann schluckte er, blickte unter sich und unüberlegt huschten ihm seine Gedanken über die Lippen: ,,Schon schade, das wir nicht mehr haben…ich vermisse die schlaflosen Nächte in denen uns Eric auf Trapp gehalten hat irgendwie."
Jills freudiger Blick stockte, ihr Lächeln verging und Chris bemerkte, das er über eine Narbe gestolpert war. Bestürzt blickte er sie an: ,,Em…das meint ich nicht so, ich em…"
,,Ist schon gut…" unterbrach Jill ihn und blickte leicht zur Seite, von ihm weg. Trauer hatte ihre Stimme durchzehrt: ,,…Es hatte eben nicht sollen sein…"
Chris schloss die Augen: ,,Entschuldige…ich wollte dich nicht daran erinnern."
Jill legte die Kamera auf den Wohnzimmertisch und lehnte sich zurück: ,,Das hast du nicht…es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke…" sie winkelte die Beine an, stellte sie auf die Couch vor sich und schlang ihre Arme darum, ,,…Ich dachte damals, das ich nie darüber weg kommen würde und Rebecca und Claire meinten, es würde leichter werden…doch die Wahrheit ist, es ist seither nur noch schwerer geworden. Es ist mir auch egal, ob es erst so wenige Wochen in mir war, lebte, als ich es verloren habe, es war ein Teil von mir und…der Schmerz wird nie vergehen."
Chris hatte sich zu ihr gedreht, blickte sie an und nickte knapp: ,,Ich verstehe dich…Ich fühl das selbe."
Jill sah ihm in die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf: ,,Nein…" sie sprach leise, ,,…Mag sein, das du verstehst, aber für dich ist es nicht das gleiche…Nicht du hast unser Baby verloren."
Er schluckte. Chris wusste, was sie damit meinte.
Ja, Jill war es gewesen, die damals hatte da durch müssen. Sie war nun mal die Frau, für sie war es anders als für ihn, dennoch korrigierte er ihre Aussage ,,…Du auch nicht…" Er strich ihr das Haar hinters Ohr, ,,…Gib dir nicht die Schuld, ich habe dir das nie vorgeworfen."
,,Das hast du…Indem du so abweisend warst, du konntest mich doch noch nicht mal ansehen…" Jill hielt den Augenkontakt aufrecht, ,,…und am Tag danach, als uns meine Ärztin die Konsequenz gesagt hat…als wir erfuhren, das ich…" sie hatte Mühe, das auszusprechen, ,,…das ich nie wieder im Stande sein werde ein Kind zu bekommen, da hast du meine Hand einfach los gelassen und dich weg gedreht. Ich fühlte, wie du zurück geschreckt bist…und das fühle ich noch immer." Sie blickte unter sich.
,,Jill, ich…" Chris holte Luft. Ihre Worte waren in seinem Innern explodiert. Hatte sie die ganze Zeit über so gedacht? War das die eigentliche Ursache dafür, das sie sich so von ihm distanzierte? ,,…Wir standen doch beide unter Schock, ich wollte dir niemals absichtlich weh tun."
,,Das weiß ich…" Jill blickte wieder zu ihm hoch, ,,…aber es ändert nichts. Ich war es…Es war mein Körper der unser Kind getötet hat, mein Körper der nicht fähig war dieses Leben zu schenken und du kannst einfach nichts gegen diese Leere und diese Einsamkeit tun, die mich seitdem beherrscht."
Chris blickte nun auch unter sich, er hatte schon wieder kaum bemerkt, das sein Arm halb um ihre Schultern lag, erschreckten ihn doch viel mehr ihre Worte.
Ja, es stimme, obgleich er auch ein Kind verloren hatte, wusste er rein gar nichts darüber, wie es einer Frau ergehen musste, welche Schuldgefühle sich in ihr innerstes brannten und sie ein leben Lang quälten. Nie hatte er mit ihr darüber gesprochen, nie erahnt, was in ihr vorging.
Chris bereute.
Er bereute aufs schmerzlichste, das er nicht früher zu ihr gestanden hatte, das er sich von seiner damaligen Taubheit, diesem Verlust hatte hinreißen lassen. Es wäre sicher alles anders gekommen, wenn er gleich mit ihr geredet hätte.
,,Mach dir keine Vorwürfe mehr…" sprach sie weiter, ,,…es ist passiert und du kannst das nicht mehr ändern, ebenso wenig, wie das du vor allem davon gelaufen und in den Krieg gezogen bist. Es ist vorbei…das Einzige, was jetzt noch zählt…" ihr Blick ging zur Decke und sie dachte an ihren Sohn, als ihre Augen sich mit Tränen füllten, ,,…ist dieses Kind da oben, unser einziges Kind und ich will, das er glücklich aufwächst…Das er all das hat, was wir beide niemals hatten. Ein echtes Zuhause…beide Eltern…und ein friedliches Leben…" Sie hob ihre Hände und wischte sich die Tränen aus den Augen. Woher das jetzt kam, warum ihr wieder zum Heulen war, wusste sie nicht. ,,…Entschuldige." Sie sah zur Seite.
,,Hey…" Chris drückte sie sachte an sich, sein Arm war vollends um ihre Schultern gewandert, ,,…ist schon okay. Du bist seine Mutter…es ist okay zu weinen."
Jill schniefte: ,,Ich bin…im Moment nur etwas durcheinander."
Sanft strich er ihr mit der Hand drüber den Oberarm: ,,Das kommt sicher nur von den Medikamenten, die du letztens abgesetzt hast, das wird schon."
Sie atmete durch und nickte: ,,Ja, du hast recht." Doch daran zweifelte sie. Seitdem sie die Antidepressiver abgesetzt hatte, fühlte sie ich nicht wirklich wie sie selbst. Sie fühlte sich oft müde und schlapp, beinahe weinerlich und auch Übelkeit mit Erbrechen und Schwindel plagten sie. Kurz, es ging ihr einfach nicht besonders gut.
…Vielleicht haben meine Magenkrämpfe ja auch wirklich nur damit zu tun. Es würde zeitlich passen und…vielleicht war es dann doch nichts schlimmeres…
Erst jetzt, wo sie so darüber nachdachte, kam ihr das in den Sinn. Vielleicht war sie gar nicht ernsthaft krank, vielleicht waren das alles noch Nebenerscheinungen der Medikamente. So musste es einfach sein.
Jill atmete erleichtert aus. Warum hatte sie früher nicht daran gedacht? Es war doch so einfach.
…Und mein Bauch?…Das was ich dort fühle?…Nein!…Nein, es ist alles okay, es wird wieder gut, ich weiß es!…
,,Hey, bist du noch da?"
Abrupt drehte sie den Kopf wieder zu Chris, rief ihre Gedanken in die Wirklichkeit zurück und sie nickte: ,,Ja, ich habe nur, über was nachgedacht."
,,Wichtig?"
,,Nein…" sie versuchte ein Lächeln, ,,…Lass uns über was anderes reden…Was ist mit deinem Job…gefällt er dir wirklich?" Jill war unsicher ihm diese Frage zu stellen. Sie hatte Angst, das Chris im Innendienst nicht glücklich werden würde.
Chris seufzte: ,,Man bekommt selbst in dieser Abteilung einiges mit…" er sah kurz unter sich, was Jill schon etwas erahnen ließ, dann sagte er, ,,…Der Bioterrorismus existiert noch immer…" Er seufzte noch einmal, ,,…doch ich bin gut aufgehoben, dort wo ich jetzt bin und der neue Vorstand ist diesmal wirklich voll zuverlässig und loyal. Der neue Vorstandsvorsitzende Malcolm Summers scheint ein netter Kerl zu sein und zu wissen, was richtig und falsch ist." Seitdem Jill damals durch Tricells Mitarbeiter entführt worden und rausbekommen war, das der Vorstandsvorsitzende Miller es zugelassen hatte, das seine Affäre in seinen Unterlagen geschnüffelt hatte, somit über Wissen verfügen konnte, das für niemanden bestimmt war, wie über Jills Antikörper und die noch damalige Forschung an einem Impfstoff, wurde der Mann fristlos gefeuert. Summers war es auch gewesen, der Chris und Jill damals alles nötige in Form von Ausrüstung und Verstärkung zur Verfügung gestellt, als Eric sich in Weskers Händen befand.
,,Aber du bist dort nicht glücklich…" stellte Jill fest.
Er schluckte und zuckte mit den Schultern: ,,Ich bin mit nichts glücklich gewesen. Wenn ich behaupten würde, ich wäre als Agent im Feld glücklich gewesen, dann ist das eine glatte Lüge. Ich mache es nicht gerne, ich tat es, weil es meine Pflicht war…Der Einzige Job der mich je glücklich gemacht hat, war der bei der Airforce und der Einzige, bei dem ich mich zuhause gefühlt habe, war bei STARS zusammen mit dir..." Chris sah sie an, ,,...Was ist mit dir? Bist du zufrieden damit die Akten bei TerraSave hin und her zu schieben? Ich konnte mich dich nie als Sekretärin oder so vorstellen."
,,Es gibt ja nicht viel was ich machen kann…" Jill hob beide Augenbrauen und sah unter sich, ,,…Als Exdiebin und Tochter des einst inhaftierten Meisterdiebes Richard `Dick´ Valentine und aufgrund meiner fast kriminellen Vergangenheit, hat mich ja kaum jemand eingestellt, nachdem mein Vater mich zum Berufswechsel überredet hatte…STARS hat nicht danach gefragt, auch das Training und die Grundausbildung bei DeltaForce kam mir dafür zugute…Den Weg, den wir beide nach Raccoon bestritten haben…habe ich mir nicht unbedingt so vorgestellt und das Ende davon war mein schlimmster Alptraum, deswegen glaube ich, das ich es jetzt ganz gut finde, einfach nur Papierkram zu erledigen und von all dem nichts mitzubekommen, um deine Frage zu beantworten und…der schönste Job, den ich je hatte, der, der mich wirklich glücklich gemacht hat, war es einfach nur Jill Redfield zu sein, Ehefrau und Mutter…" sie lächelte kurz und verlegen, ,,…ich weiß, es klingt blöd, aber das war nun mal das Beste, was mir passieren konnte und mein…Vater würde das genauso sehen…" Jill hob ihren Kopf wieder, blickte Chris in die Augen, ,,…Er wusste schon immer, das ich in dich verliebt war und…er wäre sicher irre Stolz auf dich und Eric gewesen…"
,,Bist du sicher?…Ich weiß doch noch, das du mir mal erzählt hast, dein Dad hätte alle Kerle in die Winde gejagt, die an deiner Tür angeklopft haben."
Sie lächelte einmal mehr. ,,Damals war ich noch ein Teenager und an meine Tür hatten nur Versager geklopft. Mein Vater hat keinen näher an mich ran kommen lassen…Dick hat irgendwie immer über mich gewacht…und wenn er nicht da war, dann eben einer aus seiner Truppe. Es war fast, wie eine Familie, ein Clan, da hat einer dem anderen geholfen, loyal und ohne böse absichten. Als mein Dad dann verhaftet wurde und ich allein war, bin ich natürlich auf den nächst besten Versager reingefallen, nur weil der Typ nett in einer Lederjacke ausgesehen hat…" sie war amüsiert, als sie sich daran zurück erinnerte.
,,Ich sehe doch weit besser aus in einer Lederjacke, oder?" Chris fand es irgendwie interessant über Jills Vergangenheit zu reden. Er lächelte.
Jill lachte wieder, das freute ihn einmal mehr ,,Natürlich…" ihre Wangen wurden rot, ,,…Lass uns das wieder ganz schnell vergessen, es gibt nichts schlimmeres, als mit dir über meine Jugendsünden zu reden."
Chris stimmte ihr lachen mit ein, drückte sie an sich: ,,Jill, das hat dich früher doch nie gestört und du weißt doch auch alles über meine Vergangenheit."
,,Das ist etwas anderes…Chris, damals waren wir beste Freunde, heute sind wir Mann und Frau und haben einen gemeinsamen Sohn."
Er zuckte nur mit den Schultern. Natürlich wussten sie alles voneinander, sie kannten sich gegenseitig in und auswendig und es machte nicht wirklich jemandem etwas aus. Das war alles vor langer Zeit, wichtig war ohnehin doch nur, das heute.
,,Hast du eigentlich noch Kontakt zu der alten Gang?" wollte Chris dann wissen, als die Stimmung wieder etwas ernster wurde.
Jill schüttelte den Kopf: ,,Nein…ich hab keine Ahnung, wo die sich alle rum treiben. Nach der Verhaftung meines Vaters haben sie sich in alle Winde zerstreut. Sicher werden sie von mir gehört haben, wir beide standen ja oft genug in den Zeitungen, allein schon wegen der Gründung der BSAA…"
,,Ja, meine Kumpels von der AirForce sind auch auf und davon. Ist eben nichts mehr wie es mal war…" beiläufig blickte Chris zum Fernseher, in dem die Wettervorhersage lief. In den nächsten Tagen sollte es stetig kühler werden.
,,So…" Jill streckte sich und setzte sich auf, ,,…Ich muss noch ein paar Sachen für Claire zusammenpacken."
Verdutzt blickte Chris drein.
Jill sah seinen Blick und hielt inne: ,,Für unsere Nichte."
Jetzt klingelte es in seinem Innern und er nickte: ,,Stimmt, du gibst ihr die Sachen von Eric."
,,Ja, welche ein Glück, das wir damals Farbneutral eingekauft haben…Die Kleidung hat sie schon, ich habe ihr versprochen die Babliege und den MaxiCosi morgen noch vorbei zu bringen."
,,Und die Wiege haben die beiden schon, nicht wahr?" fragte Chris. Es war schon komisch so über Claires Baby zu sprechen. Er gab ihr die Sachen auch gerne, immerhin war sie seine Schwester, dennoch war es schon ein eigenartiges Gefühl. Wenn Jill die Fehlgeburt nicht gehabt hätte, wäre ja alles anders gekommen und dieses Baby wäre jetzt wahrscheinlich schon wieder drei oder vier Monate alt.
,,Ja…" antwortete Jill, ,,…ich bin irgendwie froh, wenn ich das Zeug nicht mehr ständig im Keller sehen muss."
Chris nickte konnte sehen, das in ihr die selben Gedanken und Gefühle herrschten, wie in ihm. ,,Es war schon eine Überraschung…Ich hatte damit gerechnet Onkel zu werden, aber erst nächstes Jahr. Em…haben sie schon einen Namen?"
Jill schüttete Wortlos den Kopf, die Augen zu Boden gerichtet.
Chris nickte und sah zu, wie seine Frau aufstand, das Zimmer verlassen wollte. ,,Warte…" er hielt sie auf, erhob sich und kam zu ihr.
Fragend blickte Jill ihn an: ,,Ja?"
,,Lass uns die Sachen morgen in den Wagen laden, das läuft uns nicht weg…" er schluckte und fragte sie einfach, ,,…Hast du nicht vielleicht Lust sinnloses Zeug mit mir im Fernsehen zu gucken? So wie in alten Zeiten?" Chris hoffte, das sie sich zu ihm gesellen würde. Bisher hatte sie das noch nicht gemacht und er ließ keine Gelegenheit außer acht, um ihr näher zu kommen. Er wollte sie einfach voll und ganz wieder zurück gewinnen.
Jill atmete aus: ,,Es ist kurz vor neun…"
,,Und es ist noch ewig Zeit, bis die Falle nach dir ruft…ohnehin warst du noch nie jemand, der früh zu Bett gegangen war. Oder hast du noch etwas anderes vor?"
,,Ich wollte eigentlich nur etwas lesen…also…nein, ich habe nichts anderes vor." sie lächelte. Nebeneinander Fern zu sehen war ja nun wirklich nicht schlimm und sie gab auch zu, das sie es gerne hatte, wenn er bei ihr war und sie zum Lachen brachte…
Gegen elf war der Film vorbei.
Es war eine von Chris´ Aktion-DVD´s mit dem Titel `Black Hawk Down´ gewesen, den sich die beiden angeguckt haben. Soldaten im Krieg. Kameradschaft bis zum bitteren, verzweifelten Ende. ,,Hat er dir gefallen?" wollte er wissen, als der Abspann noch im Fernsehen lief.
Jill drehte den Kopf zu ihm und zuckte mit den Schultern: ,,Wir haben den Streifen schon mal gesehen."
,,Ist aber ziemlich lange her."
Sie nickte: ,,Ja…" Es war vor allem, vor Afrika, vor der BSAA gewesen.
Chris deutete ihren Blick richtig und nickte ebenfalls: ,,Ist nicht so deins, diese Filmkategorie, was?"
,,Nicht mehr…" Jill schluckte, sie legte den Kopf zurück gegen die Lehne der Couch, ,,…Ich meine, ich mochte es, das man sich immer voll und ganz auf seine Einheit verlassen konnte, aber ich habe einfach die Nase voll vom Krieg und all dem Elend…Es kann natürlich auch sein, das ich einfach nur eine Abneigung gegen Afrika habe und mich jede Kriegsszene unterbewusst daran erinnert."
Er lehnte sich zu ihr, nachdem er den Fernseher stumm geschaltet hatte, blickte sie an: ,,Sorry, das hab ich nicht bedacht."
,,Ist nicht deine Schuld, aber mich kriegen keine zehn Pferde mehr dahin…" Jill verschränkte die Arme vor der Brust und schluckte, sie fühlte den eigenartigen Druck schon wieder in ihrem Bauch, ,,…nie mehr!"
Chris schwieg. Er wollte nichts sagen, um das Thema nicht zu vertiefen. Er wollte Jill nicht an ihre Vergangenheit zurück erinnern, auch wenn er wusste, das dies bereits passiert war. ,,Em…" begann er dann, um sie vom Thema und ihren Gedanken abzulenken, ,,…Was machen wir jetzt?"
Jill atmete durch, setzte sich auf. Sie versuchte dieses `Ziehen´ zu ignorieren: ,,Nimm es mir nicht übel, aber ich bin erledigt…" sie hob ihren Arm und rieb sich das Genick.
,,Schon wieder?…Du warst doch schon müde, nachdem du heute morgen die Augen aufgeschlagen hast."
Sie zuckte nur mit den Schultern. Einerseits stimmte das andererseits wollte sie es ihm nicht zeigen, wenn ihre Schmerzen doch wieder größer werden würden: ,,Naja…ich geh einfach mal…"
Chris nicke resignierend, er war noch überhaupt nicht müde, hätte gerne noch weiter Zeit mit ihr verbracht: ,,Okay."
,,Bis morgen…" sagte Jill lehnte sich dann leicht zu ihm, um aufzustehen. Sie drehte den Kopf nur einen Hauch zu ihm, um ihn noch einmal ansehen zu können und ehe sie sich zurück ziehen konnte, hatte der Agent seinem Drang nachgegeben, seine Hand an ihr Schulter gelegt und ihre Lippen mit seinen berührt. Er wollte ihre Wange treffen, wusste nicht, das sie noch einmal zu ihm wenden würde und Chris spürte augenblicklich, wie Jill erstarrte, wie sie sich zurück ziehen wollte, doch dann einfach nur still hielt. Er befürchtete erst zu weit gegangen zu sein, malte sich in diesen Millisekunden aus, wie sauer sie sein würde, doch grinste dann leicht, als er sah, das sie ihre Augen schloss und war überrascht, das es sie es war, die plötzlich seinen Kuss erwiderte. Er nutzte die Gelegenheit, ging mit und um so erstaunter war er auch, als Jill es war, die ihre Hände sanft an seine Arme legte.
Er deutete ihre Zeichen, ihre Signale und legte gleichfalls die Arme um sie, vertiefte den Kuss langsam und zärtlich und schloss auch selbst die Augen.
Lange hatte er sie nicht mehr so berührt, er sehnte sich nach ihr, genoss ihre Hand die sich sanft an seine Brust lehnte. Er glaubte unter ihrer Berührung zu verbrennen, es kribbelte bis in seine Zehenspitzen. Chris seufzte leicht, schlang seine Arme augenblicklich dichter um sie und lehnte sich mit der Seite zurück gegen die Rückenlehne der Couch, zog sie mit.
Jill drückte sich an ihn.
Sie wusste nicht was sie dachte, sie wusste momentan nicht einmal mehr, das sie noch immer sauer, verletzt und enttäuscht über sein Verhalten war. Es war ihr auch egal, viel zu lange schon, hatte sie ihre Gefühle unterdrückt, dem Drang ihm nahe zu sein, ihn zu küssen.
Himmel, er war doch ihr Ehemann und weiß Gott, sie liebte ihn über alles, soll ihr die Vergangenheit doch den Buckel runter rutschen, er war schließlich wieder da. Chris war zu ihr zurück gekommen, er liebte sie.
…Warum nicht einfach vergessen…
Angenehm seufzte auch Jill in den Kuss, als sie fühlte, wie Chris´ eine Hand sie noch immer hielt, während die andere ihre Seite hinab und unter ihr Shirt huschte. Er streichelte über ihre warme Haut, schaffte sich ganz langsam nach oben.
So schön es auch war, so schön es auch noch werden konnte, so schnell wurde Jill einen Strich durch die Rechnung gemacht, als sich urplötzlich und aus völlig heiterem Himmel, ihre stechenden Bauchschmerzen zurück in ihr innerstes stahlen. Sie wollte es ignorieren, sie wollte es unterdrücken, doch es ging einfach nicht mehr. ,,Warte!" Sie unterbrach den Kuss.
Chris spürte ihr Zucken, wie ihre Hand an seiner Brust ihn von sich drückte und wie sie in einem Ruck zurück wich. Perplex starrte er sie an, seine Augen musterten sie fragend.
Jill legte eine Hand auf ihren Bauch, bis sich auf die Unterlippe.
…Nicht hier, nicht jetzt und nicht vor ihm!…
Sie wusste nicht wieso, aber es war ihr unangenehm, das er sie so sah.
,,Habe ich etwas falsch gemacht?" wollte Chris wissen, hatte natürlich auch seine Hand unter ihrem Shirt wieder hervor gezogen und
,,Nein, ich…" sie schluckte und blickte unter sich, ,,…ich…ich denke, wir sollten das lassen."
Er ließ die Schultern hängen, Enttäuschung machte sich in ihm breit. Hatte er geglaubt, sie hätte ihm endlich verziehen, es wäre endlich wie früher, war er auf dem Holzweg. Da war noch immer etwas, das er wohl gut zu machen hatte.
,,Okay…" Chris schluckte, war gänzlich von ihr gewichen, ,,…ich werde dich zu nichts drängen, du hast Zeit solange du brauchst und ich verstehe das…"
Jill hatte seine Worte kaum gehört. Sie krümmte sich leicht nach vorne und hoffte, das er es nicht bemerkte.
,,Jill?…" Chris hatte es natürlich bemerkt, als sie auch die andere Hand an ihren Bauch legte. Verdutzt drehte er den Kopf zu ihr zurück: ,,…Hey, bist du okay?"
Sie schaffte nur ein schwaches nickte, kniff dann die Augen zu. Die Krämpfe wollten nicht stoppen, wollten ihr die Gnade vor seinen Augen zu verschwinden nicht gewähren. Ihr wurde heiß, sie schwitzte plötzlich.
Chris war sofort alarmiert, griff an ihre Schultern: ,,Jill? Was ist los mit dir?"
,,N…nichts…kannst du…" sie wollte seine Arme von sich drücken, wandte sich weg von ihm und wollte aufstehen, um das Zimmer zu verlassen, doch im nächsten Moment plagten sie weitere Schmerzen, ,,…ah!" Ruckartig griff sie sich an den Bauch, krümmte sich weit nach vorne und schloss einmal mehr die Lider.
,,Hey…" er war nun mehr als besorgt, packte ihre Schulter in dem Moment, da er aufstand und ihren Oberkörper auf die Couch drückte, ,,…leg dich hin!"
,,Nein…Chris, lass mich, geh einfach…bitte!" Sie wollte ihn nicht bei sich haben, nicht jetzt. Er sollte sie so einfach nicht sehen.
,,Diskutier nicht mit mir, leg dich hin!" forsch drückte er ihren Oberkörper gegen das Polster, griff ihre Beine und brachte seine Frau gänzlich in die Wagerechte. Er machte sich Sorgen, blickte in ihr Gesicht, er sah ihre Blässe und wusste das es ihr nicht gut ging.
Jill hatte nachgegeben und sich auf die linke Seite gedreht. Sie zog die Beine eng an den Körper und keuchte, es tat weh.
,,Kann ich was für dich tun?" wollte Chris wissen, wagte es nicht, sich neben sie zu setzen, noch viel zu geschockt war er über ihren plötzlichen Anfall. Was um alles in der Welt war nur los mit ihr?
,,Hier…" Chris saß bei ihr auf der Kante des Sofas und reichte ihr ein Glas Wasser, das er vorhin aus der Küche geholt hatte.
Jill stemmte sich auf und nahm es entgegen: ,,Danke…" sie trank vorsichtig und langsam.
Er nickte, stellte das Glas auf den Wohnzimmertisch vor sich zurück, als sie fertig war und drehte sich wieder zu ihr. Leise räusperte er sich, nachdem Jill sich wieder hin gelegt hatte. ,,…Geht es dir besser?"
,,Etwas…" sie mied es ihm in die Augen zu blicken, hatte weiterhin ihre Hände auf ihrem Bauch. Die Schmerzen waren etwas abgeebbt, aber dafür plagte sie nun Übelkeit.
,,Jill…" begann Chris sanft, fixierte ihr Gesicht, ,,…was ist los mit dir?…Und erzähl mir jetzt nicht wieder, das es nur `Regelschmerzen´ sind. Ich bin zwar kein Experte, aber ich weiß, das eine Frau das nur einmal im Monat hat."
Sie schluckte, stürzte die Lippen, Tränen brannten in ihren Augen. Warum, wusste sie nicht. ,,Lass mich allein, Chris, bitte…"
Er schüttelte strickt den Kopf: ,,Nein, Jill…ich mache mir langsam Sorgen…" sprach er weiter, ,,…Ich habe schon öfters bemerkt, das du Schmerzen hast."
Abrupt sah sie ihn an, sie hatte angenommen, das er es bisher nur einmal, am Geburtstag ihres Sohnes mitbekommen hatte.
,,Was?…" wollte Chris wissen, ,,…Ich wohne wieder hier und ich kenne dich. Ich weiß, das es dir nicht allzu gut geht in der letzten Zeit und ich weiß, das da etwas ist, was dich beschäftigt. Sag es mir, wir können über alles reden, nichts muss dir unangenehm sein, denn egal, was momentan zwischen uns auch ist, du kannst mit mir über alles reden." er blickte ihr in die Augen.
Jill schniefte. Sie wusste, das er nicht locker lassen würde und für ein nervtötendes Diskutieren hatte sie jetzt überhaupt nicht die Kraft. Sie war erledigt und müde.
,,Ich…" begann sie dann, blickte zur Seite, ,,…ich weiß es nicht."
Chris hörte, das sie die Worte ehrlich gesprochen hatte, das sie nicht wieder drum herum reden wollte. ,,Wie oft hast du diese Bauchschmerzen?"
Sie überlegte: ,,Anfangs ging es noch, doch jetzt vielleicht…zwei oder dreimal am Tag, dann wiederum ein par Tage überhaupt nicht…und manchmal auch Nachts und dann kann ich nicht mehr schlafen…Deswegen bin ich immer so müde."
,,Wie lange schon?"
Jill zuckte mit den Schultern: ,,Ein paar Wochen…" sie schluckte, ,,…Ich habe mir eingeredet, es sind nur Nebenwirkungen der Medikamente, die ich habe nehmen müssen und ich hoffe auch, das es so ist, denn ich habe auch diese stechenden Kopfschmerzen, aber…ich habe Angst, Chris…Was, wenn wirklich etwas nicht in Ordnung ist…mit mir?"
,,Warst du beim Arzt, oder…Hast du heute Mittag mit Rebecca gesprochen?"
Ein Kopfschütteln, war alles, was er als Antwort bekam.
Chris nickte leicht: ,,Okay…jetzt ist Wochenende…aber gleich am Montag gehst du zum Arzt."
,,Nein, ich…"
,,Kein `Nein´ Jill…" protestierte er, ,,…du gehst und wenn ich dich da hin schleifen muss. Von mir aus, kannst du auch zu Becca gehen, um dich durchchecken zu lassen, aber bitte Jill…geh. Ich will das es dir gut geht."
Jill blickte zurück in seine Augen…
