Es klopfte an Rebeccas Bürotür und gleich blickte die Brünette auf: ,,Herein!…" sie lächelte breit, als sie ihre beste Freundin erblickte, ,,…Jill! Woww…" Sie stand auf, kam um ihren Schreibtisch herum und drückte die blonde Frau zur Begrüßung an sich. Sie hatte gerne Besuch und freute sich über Jills kommen, hatten sie sich doch erst von drei Tagen gesehen.
,,Hey Becca…" grüßte Jill, als sie sich voneinander lösten.
,,Was treibt dich hier her? Ich dachte, du musst heute bis um fünf arbeiten." Sie hatte auf die Uhr geblickt, es war kurz nach vier. Es wunderte sie nebenbei auch, das Jill mal freiwillig einen Fuß ins Gebäude der BSAA gemacht hatte. Bisher hatte sie das nur getan, weil Rebecca sie aus medizinischen Gründen herbestellt hatte.
Jill nickte: ,,Ja, em…ich hab schon Feierabend, muss in einer knappen Stunde Eric vom Kindergarten in Arlington abholen."
,,Chris ist sicher oben in seinem Büro, der hat mit den neuen Rekruten momentan Theorie. Soll ich ihn ausrufen lassen?"
Ja, ohne Sicherheitsausweis, den Jill schon lange nicht mehr besaß, durfte sie nicht in die oberen Büroräume, doch das war ohnehin nicht ihr Ziel: ,,Nein, ich bin nicht wegen Chris hier, ich wollte zu dir."
,,…und da dachtest du, du streckst mal die Nase auf einen freundschaftlichen Besuch herein? Sehr gut…Magst du was trinken?" fragte Rebecca und ging zu ihrem Schreibtisch zurück.
,,Nein, danke…" Jill folgte ihr langsam, ,,…ich will dich auch nicht lange stören em…"
,,Du störst nicht…" unterbrach die Brünette, ,,…Ich arbeite meine Mittagspause immer durch, damit ich abends früher gehen kann. Meistens hat Carlos dann schon das Abendessen fertig."
,,Was macht er denn überhaupt so?…Ich kann ja immer noch kaum glauben, das er für dich sein Söldnerdasein an den Nagel gehängt hat."
Die Ärztin nickte: ,,Ja, kaum zu glauben…aber momentan schraubt und werkelt er eifrig an unserem neuen Haus herum, da er noch bis ersten Dezember frei hat. Dann beginnt sein neuer Job auf dem Revier in Arlington…" sie blickte Jill amüsiert an, ,,…Er sagte, Polizist sein, wäre igrendwie das selbe, wie Söldner, nur dass das tragen von Waffen legal ist."
,,Officer Oliveira…naja…"
,,Die Uniform steht ihm jedenfalls einwandfrei." Rebecca grinste verlegen unter sich.
Jill freute sich für die Beiden. Sie hatten es verdient glücklich zu sein, jeder hatte es verdient. Und sie selbst? Ihr schien, als wenn in ihrem Leben bisher nach jedem Sonnenschein die Dunkelheit gekommen wäre.
,,Also…gibt es etwas bestimmtes?" wollte Rebecca wissen.
Die Blonde nickte: ,,Ja…ich em…" sie wusste nicht wirklich wie sie es ausdrücken sollte, ,,…Ich wollte mir einen Termin bei dir holen."
,,Was ist los? Bist du krank?…Brauchst du Therapiesitzungen?"
,,Nein…" entgegnete Jill, ,,…Ich bin stabil und…meine Depressionen sind auch besser geworden, komischer Weise seitdem Chris wieder da ist und die Alträume sind auch seltener geworden."
,,Das war zu erwarten…" entgegnete die Ärztin, ,,…Ich habe noch kein Pärchen gesehen, überhaupt zwei Menschen, die so einander brauchen, wie ihr beide. Ihr geht alleine zugrunde, nur zusammen seit ihr wirklich am Leben…Hast du ihm verziehen?"
Jill seufzte: ,,Ich kann nicht."
,,Jill…" begann Rebecca, wollte sie beschwichtigen, doch kam erst gar nicht zu Wort.
,,Nein!…Er ist nicht der Grund…es liegt an mir…" unterbrach die Blondine, ,,…Ich weiß, das ist der Standartspruch zwischen zwei Personen, die sich gerade trennen oder…getrennt wurden, aber…in diesem Fall stimmt es einfach. Ich kann ihm nicht verzeihen und ihn wieder Teil meines Lebens werden lassen, wenn ich nicht weiß, was mit mir los ist!"
Rebecca wurde augenblicklich hellhörig: ,,Wie meinst du das?"
Jill blickte beschäm unter sich: ,,Em…" sie schluckte, ,,…mir geht es seit neustem nicht so gut."
,,Was hast du?…" Rebecca trat langsam näher, ,,…Haben deine Magenschmerzen etwas damit zu tun, die du vor ein paar Tagen hattest, als wir in der Stadt waren?"
Die Blonde nickte: ,,Ich habe das…immer wieder in den letzten Wochen und ich wollte wissen, ob das auch damit zusammen hängt, das ich die Antidepressiver abgesetzt habe."
Eindringlich blickte die Ärztin ihre Freundin an. Sie wusste das diese aufgrund des Absetzens erschöpft, teilweise auch noch etwas niedergeschlagen war, mit Schwindel und Übelkeit zu kämpfen hatte, was eben normal war, aber von derartigen Magenschmerzen war Rebecca nichts bewusst gewesen. Überhaupt wurde es bei den möglichen Nebenwirkungen dieses Medikaments nicht erwähnt.
,,Lass mich dich kurz durchchecken und…"
,,Nein…Becca, das ist nicht nötig, ich will dich nicht aufhalten und wollte nur einen Termin machen…"
,,Jill, du hast mich noch nie aufgehalten…" Rebecca griff ihrer Freundin an den Arm und führte sie zu einer Untersuchungsliege die an der rechten Wand des Raumes stand, ,,…setz ich hin, dann hast du es hinter dir und bis du Eric abholen musst, sind wir sicher schon fertig."
Resignierend tat Jill es, wusste, das sie früher oder später ohnehin nicht drum herum kommen würde. Sie seufzte, als die Ärztin schon ihren Puls erfühlte.
,,Ich wollte schon eher kommen, aber…ich habe Angst, das es etwas schlimmeres ist…" gestand Jill.
Rebecca nickte.
Sie wies Jill an ihre Jacke auszuziehen, damit sie deren Herz und Lungen abhören konnte.
Die Ärztin verstand Jills Sorgen und sicherlich konnte es sein, das ihre Freundin erkrankt war, immerhin war es ihr wirklich dreckig gegangen in den letzten Monaten. Rebecca konnte auch verstehen, das Jill sich deswegen noch immer vor Chris zurück hielt.
,,Ich kann so nichts feststellen…" gestand sie, als ihre geübten Finger den Bauch ihrer Freundin abtasteten, die Untersuchung beinahe vorbei war, ,,…Deine Vitalfunktionen sind einwandfrei und Fieber hast du auch keins."
,,Was ist es dann?" wollte Jill wissen, die mittlerweile auf der Untersuchungsliege lag, ihr Shirt bis zur Brust hochgezogen hatte. Sie fühlte, wie Rebecca auf ihrem Bauch herum drückte, erst mittig, dann seitlich.
,,Sag mir bitte, wenn etwas weh tut."
,,Es tut nicht weh…" entgegnete die Blonde, ,,…gar nichts."
,,Hm…" Rebecca hatte gerade die Leber ihrer Patientin abgetastet und nickte dann, ehe sie inne hielt und Jill in die Augen blickte, ,,…Ich hatte schon befürchtet, das deine Leber anfängt Probleme zu machen, eben wegen der Toxine, die du damals gezwungener Maßen durch das P30 verabreicht bekommen hattest…"
,,…Es sind vier Jahre seither vergangen, Becca. Glaubst du nicht, das sich meine Leber bisher gemeldet hätte, wenn etwas nicht in Ordnung wäre?"
Die Ärztin nickte: ,,Sicher…aber die Möglichkeit muss man eben immer zuerst ausschließen, gerade mit deiner medizinischen Vorgeschichte. Auch Jahre später kann dieses Organ dazu neigen, Ausfälle zu haben oder einen Schaden zu zeigen. Es kann nur ein Bluttest belegen, ob alles in Ordnung ist, aber nebenbei lebst du gesund und ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass deine Leber dafür verantwortlich ist, das du dich nicht gut fühlst und auch diese Schmerzen, die du hast, werden dadurch nicht erklärt."
,,Dann liegt es doch nur an dem Absetzen der Antidepressiver?"
Rebecca nickte: ,,So, auf den ersten Blick, bist du für mich kerngesund und wie gesagt, ich müsste dir Blut abnehmen, um etwas genaues sagen zu können."
Jill stemmte sich auf die Ellenbogen: ,,Ist nicht nötig, du bist gut in deinem Job und mein Körper spielt eben verrückt…vielleicht legt es sich ja in ein paar Tagen…" Sie wollte, das Rebeccas Worte wahr waren, sie wollte, das sich selbst einreden, sich selbst glauben machen.
,,Ja, aber…" Rebecca brach ab, als ihr Blick noch einmal zu Jills Bauch ging, sie drücke ihre Freundin wieder in eine liegende Position, ,,…lass mich noch einmal nachsehen. Nur um sicher zu gehen."
Jill seufzte noch einmal resignieren und ließ es zu.
Die Ärztin tastete erneut die Leber ihrer Freundin ab, auch die Nieren, den Magen, Darm und Rebecca kam die Haut unterhalb von Jills Bauchnabel auf den zweiten Blick doch sehr gespannt vor. Sie blickte ihrer Freundin in die Augen: ,,Die Schmerzen die du hast, diese Krämpfe…sind die mehr im Oberbauch oder ehr im Unterbauch?"
Jill überlegte: ,,Ich glaub em…eher im Unterbauch…"
Angestrengt konzentriert, tastete Rebecca nun auch Jills Unterleib ab: ,,Den Blinddarm hast du ja schon raus, nicht wahr?"
Die Blonde nickte: ,,Ja, da war ich vier oder fünf. Ich kann mich selbst nicht daran erinnern, Dick hat es mir einmal erzählt."
Rebecca hörte zu, fühlte dann jedoch etwas eigenartiges und sie fragte: ,,…Wie ist dein Appetit? Hat sich da etwas verändert, seit du die Medikamente abgesetzt hast?"
,,Ja…" antwortete Jill, ,,…ich esse wie ein Pferd!…Ich weiß nicht warum, aber ich habe immer Hunger."
Rebecca stützte sich auf der Liege ab, fixierte die Augen der Blondine: ,,Du weißt, das deine Symptome sehr den Symptomen einer Schwangerschaft gleichen?"
Jill blickte zur Seite, sie wollte nicht daran erinnert werden. Es waren die Einzigen beiden Male in ihrem Leben in denen sie es nicht gehasst hatte krank zu sein.
,,Was ist mit deiner Periode? Hattest du sie?"
,,Das spielt keine Rolle…" entgegnete Jill verbittert, ,,…wir wissen beide, das ich keine Kinder mehr bekommen kann und wir kennen auch beide den Grund dafür."
,,Ich weiß…" Rebecca strich Jill einige Haarsträhnen nach hinten und schluckte. Sie wusste noch gut, wie hart die Fehlgeburt Jill damals getroffen hatte. ,,…tut mir leid, ich wollte dich nicht daran erinnern."
,,Schon gut…" Jill seufzte, ,,...es ist vorbei…"
,,…Sag mir, wann du deine Blutung das letzte Mal hattest."
Jill schloss kurz die Augen, zuckte mit den Schultern: ,,Keine Ahnung, ich führe nicht Buch darüber…Julie, August denke ich…"
,,Julie, August? Jill, es ist Anfang Oktober!"
,,Und weiter?…" sie blickte ihre Freundin an, ,,…Du hast mir selbst gesagt, dass das Absetzen der Medikamente zu einem Überspringen meiner Menstruation führen kann, ich soll mir keine Sorgen machen und…dann ist Chris zurück gekommen und es war weiß Gott nicht einfach diesem Mann wieder gegenüber zu treten, die Situation bei uns zu hause ist momentan alles andere als so wie früher, da kann schon mal etwas ausfallen."
,,Natürlich und es ist nur zu logisch, das dein Körper darauf reagiert, auf den ganzen Stress und so…" entgegnete Rebecca, ,,…aber Jill, ich kann eindeutig, einen vergrößerten Uterus bei dir ertasten und wenn du ja nicht schwanger bist, so wie du sagst und wir beide es wissen und auch zu einhundert Prozent ausschließen können, dann hat das einen anderen, ernsten Grund, wieso du dich so fühlst wie du dich eben fühlst und den müssen wir herausfinden. Ich werde dir Blut abnehmen und ich werde jetzt einen Ultraschall machen und…"
,,Nein." Jill wollte hoch, sie wollte nicht die Wahrheit wissen, hatte sich schon zu oft etwas schlimmes ausgemalt und jetzt wo Rebecca es ansprach, nutzte ihr all das Schönreden nichts. Sie war dann eben krank, sie wusste es schon, dazu brauchte sie keine fachärztliche Aussage. Jill wollte nicht hören, das etwas mit ihr nicht stimmte.
,,Doch Jill…" hielt Rebecca dagegen und ihre Freundin auf der Liege, ,,…Sieh doch, ich weiß, das du dich davor fürchtest, ich verstehe das, aber wir müssen wissen, was mit dir los ist, nur dann können wir dir helfen!" Ja, etwas war da. Etwas, was Rebecca eindeutig ertastete hatte. Sie machte sich Sorgen um ihre Freundin und das nicht zu knapp. Es konnte vielleicht eine ernsthafte Erkrankung, ein Tumor sein und das wäre schließlich überhaupt nicht gut…
Schniefend kam Jill aus dm Badezimmer zurück ins Wohnzimmer. Sie zitterte noch immer am ganzen Leib über die Schockierende Diagnose, die Rebecca ihr gestellt hatte.
Sie blickte auf ihren Sohn. Eric spielte im Wohnzimmer mit seinen Autos und blickte auf zu seiner Mutter, als diese zurück kam.
,,Mama…warum du traurig?"
Jill versuchte ein Lächeln und schüttelte den Kopf: ,,Ich bin nicht traurig, Liebling…nur müde…" Sie setzte sich auf die Couch und sah zu, wie ihr Kind zu ihr kam, in ihre Arme kroch. Sie hielt ihn fest, strich über seinen Rücken. ,,Alles ist gut mein Schatz…"
Ihre Gedanken gingen zurück.
Rebecca hatte nach der Ultraschalluntersuchung auch ihre Blutprobe vorhin unter einem Schnellverfahren untersucht. Das erschütternde Ergebnis lag auf der Hand, schwarz auf weiß.
Was sollte sie jetzt machen?
Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht damit. Sie würde es erst einmal vor Chris verstecken. Jill wollte nicht, das er es erfuhr…
