,,Mama…" Eric zupfte an der Hand seiner Mutter, blickte zu ihr auf, ,,…wann kommt Daddy?"

Jill schluckte, sah zu ihrem Sohn hinab: ,,Gleich. Er ist jeden Moment da." Sie warteten an diesem Nachmittag in der großen Eingangshalle des Hauptgebäudes der BSAA auf Chris, der vor ein paar Minuten Feierabend gehabt hatte. Viele Agents und Angestellte gingen ein und aus, jene, die Jill Valentine kannten, grüßten sie freundlich im Vorbeigehen, es herrschte steter Betrieb. Natürlich grüßte sie jedes Mal zurück, konnte doch förmlich in deren Augen sehen, das nur zwei Wörter, ein Name in deren Gedanken war.

Albert Wesker…

Jill schauderte noch immer etwas, ihre Vergangenheit verfolgte sie auch jetzt noch, nach all den Jahren. Sie war sich sicher, das es sie nie mehr los lassen würde.

Draußen hatte es bereits zu schneien begonnen, verwandelte den späten Oktober in einen weißen Teppich. Es war auch dementsprechend kalt, weswegen jeder geeignete Winterkleidung trug.

,,Mag dann Schneemann bauen."
Sie lächelte bei den Worten ihres Kindes, sah ein weiteres Mal zu ihm herab: ,,Bestimmt. So bald wir zuhause sind…" amüsiert verdrehte sie die Augen, ,,…Ich bin sicher, dein Vater baut dir gleich ein ganzes Iglu."

,,Jill?…" ein Mann, der gerade dran war hinter der blonden Frau vorbei zu gehen, hatte sie im ersten Moment gar nicht wieder erkannt. Er war erst dann stehen geblieben, als er ihre Stimme gehört hatte. Der Mann stutzte, sprach in italienischem Akzent, ,,…Jill Valentine?"

Sie drehte sich neugierig um und weitete überrascht die Augen: ,,Parker?" Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.

,,Hey…" Er umarmte sie. Lange Jahre hatten sie einander nicht mehr gesehen, keinen Kontakt mehr gehabt. ,,…Jill. Wie geht es dir?" Parker Luciani drückte sie wieder von sich und musterte seine nun blonde Expartnerin im Feld.

,,Gut…" Jill war noch immer überrascht, ,,…Was treibt dich denn nach Washington? Ich dachte du wärest an der Adria zufrieden." Sie und Chris hatten ihren Kollegen nach dem Zwischenfall auf der Queen Zenobia und Parkers Rettung vor Malta, nur einmal wieder gesehen.

,,Bin ich auch, bin ich auch…" antwortete der Italiener, ,,…Ich muss nur ein paar Botengänge erledigen, Korrespondenz und dergleichen, werde auch nur ein paar Tage hier bleiben, ehe mein HQ mich zurück beordert…" er blickte noch im selben Moment auf den kleinen Jungen neben Jill und grinste, ,,…Ist das deiner?"

Jill lächelte einmal mehr, herzlich diesmal und nickte, wandte sich an ihren Sohn: ,,Eric, das ist Parker Luciani, ein sehr guter Freund. Sag ihm Guten Tag."

Eric trat verlegen und leicht schüchtern vor, grinste, während er an seinem Finger lutschte: ,,Tag…"

Der Mann ging vor ihm in die Hocke und nickte, schüttelte die freie Hand des Kindes: ,,Guten Tag, Eric…freut mich dich kennen zu lernen."
Das Kind nickte und griff dann wieder die Hand seiner Mutter.

,,Er ist Chris wie aus dem Gesicht geschnitten, Jill…" stellte der Italiener fest, als er sich wieder erhob.

,,Sieht man ihm etwa an, das Chris sein Vater ist? Oder hast du Chris schon getroffen, das er dir das erzählt hat?"

Parker lachte: ,,Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen, bin gerade erst vom Flughafen gekommen…man sieht es einfach. Nebenbei war es schon damals unschwer zu erkennen, das ihr beide zusammen sein solltet, war nur eine Frage der Zeit…" er blickte auf Jills helles Haar, ,,…aber du hast dich auch verändert, Jill, ich hatte dich mit der Haarfarbe überhaupt nicht erkannt."

,,Ja…"

,,Man hat einige Gerüchte gehört…im Bezug auf Chris Redfield und Jill Valentine…ihr habt Albert Wesker erledigt nicht wahr? Mit ein paar afrikanischen Kollegen?"

Jill sah kurz unter sich, dann nickte sie knapp: ,,Mehr oder weniger. Ich rede nicht gern darüber, hier schon gar nicht."

,,Okay…" Parker war etwas verwundert, doch nahm es hin.

,,Was machst du heute Abend noch? Hast du nicht Lust mit zum Abendessen zu kommen?" fragte Jill, ehe der Mann ihr gegenüber weiter fragen konnte.

Überrascht zog Parker seine Augenbrauen hoch, doch lächelte: ,,…Ja, wenn du mich so nett fragst. Das bewahrt mich vor einem einsamen Mahl im Hotelrestaurant."
,,Okay…" nickte Jill, ,,…wir wohnen in Arlington, ist ein paar Minuten von hier em…sollen wir auf dich warten?"
Der Agent hielt einige Unterlagen hoch: ,,Ich muss das hier noch oben abgeben, morgen findet erst eine Besprechung statt bei der ich beiwohnen muss, aber…ich kann mir auch ein Taxi nehmen."

,,Es macht uns nichts zu warten…" entgegnete Jill, ,,…Chris macht sicherlich wieder Überstunden, vielleicht triffst du ihn da oben ja auch. Wir warten und nehmen dich mit."
,,Danke, Jill…" Parker lächelte…


,,Hier, Kumpel…" Chris reichte seinem Kollegen ein kühles Bier, nahm dann neben ihm auf dem Sofa platz.

Parker nickte dankend: ,,Ein schönes Nest habt ihr hier…ist gemütlich, si?"

Chris lächelte hauchzart, sah zu Jill, die gerade zu den beiden ins Wohnzimmer kam. Sie hatte den Jungen zu Bett gebracht. Es war schon kurz vor halb neun.

,,Danke für das Essen, Jill. War köstlich." lobte Parker.

,,Nicht der rede wert…" sie setzte sich auf einen der Sessel, blickte zu Fernseher. Die Nachrichten erzählten mal wieder das übliche.

,,Schläft Eric schon?" wollte Chris dann wissen, er hatte aufgrund des Besuches, seinem Sohn versprochen morgen mit ihm einen Schneemann zu bauen, denn morgen war Mittwoch und den Tag hatte Chris immer frei.

Jill nickte, auf die Frage ihres Mannes hin: ,,Ja, er ist todmüde ins Bett gefallen. Freut sich schon auf morgen."

Chris grinste.

,,Ein prima Junge…" sagte der Italiener, ,,…aber sagt, wie ist es euch ergangen? Wir haben nur flüchtige Gerüchte gehört. Seit der Queen Zenobia, seitdem die BSAA richtig im Spiel ist, hat man nur noch von den erfolgreichen Einsätzen von euch gehört. Ihr habt nichts anderes gemacht, si?"

Chris tauschte einen Blick mit Jill. Er wusste, genauso gut wie sie, was ihr Freund meinte und er registrierte ein Nicken seiner Frau, das ihm zu verstehen gab, ruhig alles zu erzählen.

,,Was willst du denn genau wissen, Parker?…" fragte Chris dann und drehte sich zu ihm, ,,…Möchtest du wissen, das wir es bis heute noch nicht geschafft haben Jessica zu fangen? Oder gibt es da etwas anderes?"

,,Wie habt ihr Albert Wesker erledigt?…" kam es wie aus der Pistole geschossen, ,,…Wie habt ihr diesen Uroboros gestoppt? Ich habe zwar Berichte lesen dürfen, aber Einzelheiten blieben verschwiegen. Es wurde nur spekuliert und so."

Chris sah noch einmal zu seiner Frau, die einfach nur unter sich blickte, doch er antwortete seinem Freund: ,,Durch Feuer…Uroboros kann durch Feuer vernichtet werden und das gleiche haben wir auch mit Wesker getan, als er sich mit Uroboros verbunden hatte. Nachdem ich Jill wieder gefunden hatte, waren meine neue Partnerin und ich ihm gefolgt und…"

,,Wieder gefunden? Also stimmt es?…" Parker sah bestürzt zu der blonden Frau, ,,…Wir haben natürlich auch von deinem `Tod´ gehört und es hat mich wirklich bestürzt, aber…du warst tatsächlich eines von Weksers Versuchskaninchen?"

,,Ich hasse das Wort…" murmelte Jill nur.

,,Sie em…sie war…" begann Chris, wusste, das keiner gerne über dieses Thema sprach, doch war umso erstaunter, als Jill noch einmal ihre Stimme erhob. ,,…Ja, ich war dort…Fast drei Jahre lang hat er mich gefangen gehalten und es war weiß Gott nicht einfach. Seinen Experimenten habe ich diese Haarfarbe zu verdanken, es war einen Nebenwirkung, denn er kontrollierte mich mit einer Substanz, machte mich willenlos, ich war ein Gefangner in meinem eigenen Körper und musste gehorchen, egal, was mir befohlen wurde. Chris verdanke ich es, damals davon befeit worden zu sein und ich verdanke ihm auch, das ich das alles halbwegs hinter mir lassen kann."
Ehrfürchtig musterte Parker sie, er mochte sich nicht ausmalen, was Jill durchlebt hatte, hatte er doch selbst noch immer nach all den Jahren wegen der Queen Zenobia und die Monster, die sie beheimatete, Alpträume. ,,Es tut mir leid…" sagte er ehrlich.

Jill schluckte und schüttelte kaum merklich den Kopf: ,,Es ist überstanden und nur das zählt. Ich bin wohl momentan nicht ganz auf Deck, aber das kommt schon wieder."

Chris nickte innerlich.

Ja, er hatte bemerkt, das Jill etwas beschäftigte, doch wann immer er dieses Thema anschneiden wollte, wich sie ihm aus. Ihm war, als gäbe es da etwas, was sie partout vor ihm verheimlichen wollte, etwas, was sie ihn einfach nicht wissen lassen wollte.

,,Aber eure Ehe funktioniert gut?" fragte Parker, wie aufs Stichwort.

,,Ach…" Chris schluckte, wollte ihm nicht alle Details aus Edonia und dem vergangenen Jahr erzählen, ,,…du hast sicher von den Anschlägen auf China und Tall Oaks gehört, das hat zwar einiges durcheinander gebracht und ich war em…lange nicht zuhause, aber wir arbeiten dran, unsere Ehe wieder in den Griff zu bekommen. Immerhin sind wir bis hierher gekommen und das heißt doch schon mal was…" er sah zu Jill, tauscht mit ihr ein sanftes Lächeln.

,,Was ist mit dir?…" fragte Jill den Italiener dann, ,,…Immer noch der ewige Junggeselle?"

Parker zuckte mit den Schultern: ,,Ich pflege meine Freiheit…Ja, ich hatte ein Mädchen, vor knapp drei Jahren mal, aber ich bin nicht für so was geschaffen. Vielleicht irgendwann später mal."

,,Vielleicht…" Jill konnte sich das kommende nicht verkneifen, ,,…Nur schade, das Jessica ein böses Mädchen war. Ich habe gesehen, wie du sie angeschaut hast."

Der Mann ihr gegenüber nickte: ,,Sie war nicht schlecht, stimmt…ach…" das führte ihn zu etwas anderem, ,,…Wir haben noch neulich eine Spur verfolgt, die uns vielleicht zu ihr hätte führen können, aber sie ist im Sand verlaufen. Diese Frau gleicht mehr und mehr einem Phantom. Niemand weiß wirklich, wo sie sich aufhält…tsss…und mit so was wollte ich mal ausgehen. Damals noch in Terragregia hätte ich nicht erwartete, das sie ein Spion wird.

,,Tja, das haben wir alle schon lernen müssen, trau niemandem, den du nicht zu zweihundert Prozent kennst vor allem keinen Frauen…" sagte Chris beiläufig, nippte an seiner Flasche.

Jill blickte zu ihrem Ehemann und hob die Augenbrauen: ,,Ich hoffe doch sehr, du beziehst das nicht auf die Allgemeinheit."
Er sah sie an, grinste: ,,Aber nein, Schatz…und ich muss ehrlich zugeben, das Jessica nie mein volles Vertrauen genossen hatte. Ich meine, ich habe ihr schon vertraut, aber es war kein Vergleich zu dir, nur habe ich das niemals gesagt, obwohl ich glaube, sie hatte es geahnt und deswegen war sie sicher schon ein Stückchen eifersüchtig."
,,Ach ja?…" hinterfragte Jill, ,,…Nichts für ungut, aber als eine Agentin hatte sie sich fürchterlich schlecht im Griff. Kaum schaukelt das Schiff eine wenig, fällt sie dir um den Hals…du kannst froh sein, das wir damals keine Zeit hatten, um zu zögern, sonst hätte ich ihr die Augen ausgekratzt…und dann noch dieses Outfit."

Chris lachte knapp: ,,Ich habe deinen Blick damals gesehen, Jill…"

,,Und sie hatte recht, Chris…" pflichtete Parker amüsiert bei, ,,…ich habe es auch gesehen, so wie bei euch. Jessica hatte ein Auge auf dich geworfen. Sie war ja richtig `begeistert´, als ich den Partnertausch vorgeschlagen habe." Das war jedoch nicht der einzige Grund gewesen. Ihm war kurz zuvor erst zu Ohren gekommen, das es Jessica war, die der Maulwurf war.

Chris lehnte sich derweil zurück, nippte noch ein weiteres Mal an seiner Bierflasche: ,,Und wenn schon. Sie war nicht dir Brünette, die mich interessierte." versohlen sah er zu Jill.

Die Blonde fühlte sich irgendwie geschmeichelt, wollte das Thema jedoch wieder umlenken und fragte den Italiener: ,,Was ist mit Raymond? Habt ihr ihn schon?"

Parker schüttelte nur den Kopf: ,,Nein, er ist seit der Mission auf den Schiffen verschwunden…Ach, ist O´Brian auch noch hier in Washington, oder nicht?"

Chris schluckte: ,,Ich habe ihn erst letzte Woche im HQ gesehen. Er kommt nicht mehr so ganz oft, aber noch immer scheint die Tätigkeit als Berater ihm eine Abwechslung zu sein. Wir kamen nur kurz ins Gespräch, aber ich denke, er müsste die Tage wieder vorbei schauen. Vielleicht siehst du ihn ja dann."

,,Vielleicht…"


,,Na, wo hat Mami denn das Pflaster mit den Tieren drauf?…" Chris durchsuchte das mittlere, gemeinsame Fach des Badezimmerschrankes.

Er sprach mehr zu sich, als zu seinem Jungen, der ihn einfach nur beobachtete.

Eric saß auf dem geschlossenen Toilettendeckel, noch immer waren seine Augen feucht. Er hielt sich das Tuch auf sein aufgeschlagenes Knie, das sein Vater ihm gerade gegeben hatte.

Beim herumtoben im Garten, nach dem Schneemannbau an diesem Nachmittag war der kleine Junge über einen mit Schnee bedeckten Stein gestolpert, hatte sich, wie es für kleine Kinder üblich ist, das Knie aufgeschlagen. Es war das linke und natürlich nicht wirklich schlimm gewesen, trotz den enormen Krokodilstränen seines Sohnes.

,,Tut´s noch sehr weh, mein Sohn?" Chris blickte zu ihm.

Eric nickte traurig und schniefte.

,,Gleich wird es besser…" er strich dem Kind über das Haar, wandte sich wieder der Suche nach dem Pflaster zu. Er hatte es im gemeinsamen Fach des Badzimmerschrankes nicht finden können und er wusste mit Sicherheit, das in seinem auch keins zu finden war, also öffnete er die Tür zu Jills Schrankseite.

Natürlich hatte jeder so seine Abteilung im Badezimmer und es war noch nie zuvor nötig gewesen in Jills Badezimmerartikel herum zu stöbern, aber Chris wusste, das sie es ihm nachsehen würde, da er ja noch immer das Kinderpflaster suchte. Außerdem hatte sie hier mit Sicherheit nichts vor ihm zu verbergen.

Haarbürste, Haarspangen, Zahnbürste, Badeartikel, Nagelfeile, Deo, Parfüm - Chris mochte ihren Duft - im Fach darunter Tampons, eine angebrochene und längst abgelaufene Packung der Pille, der Typische Frauenkram eben. Sein eigener Schrank war wesentlich magerer ausgestattet und dann fand er im letzten Fach endlich, was er suchte. Neben dem normalen Pflaster, lag das für Kinder mit den bunten Tiermotiven.

Innerlich nickend griff Chris die Packung und beachtete erst dann im zweiten Moment das, was dahinter lag.

Stutzig und doch neugierig griff er beiläufig nach dem kleinen, schmalen Plastikstab und stockte augenblicklich.

Chris konnte es nicht fassen!

Das konnte nicht sein. Es war unmöglich! Er glaubte das Ganze jetzt nicht, oder doch?

Was sollte das? Wieso…?

Eine Gänsehaut prickelte über seinen Rücken, denn er musste kein Experte sein, um die beiden rosafarbenen Linien auf dem Display deuten zu können.

Konnte das…? Niemals, Jill kann doch keine…

,,Daddy?" Eric hatte zu seinem Vater hoch geblickt.

Chris besann sich und packte das Teil zurück, drehte sich mit dem Pflaster und einem eindeutig verwirrten Geist wieder zu seinem Kind um und kniete sich vor ihn. ,,…Ich hab es…" er versuchte seine Gedanken zu verdrängen, die ihn mehr als fragend peinigten. Wieso hatte seine Frau etwas derartiges in ihrem Schrank herum fliegen? War da etwas dran?

War es wahr?

Er erinnerte sich, das Jill in der letzten Zeit oft über Unwohlsein geklagt hatte, hatten sie es doch auf das Absetzen der Medikamente geschoben. Doch war es das wirklich? Oder lag etwas anderes in der Luft? Er hatte ihr geraten zu Rebecca zu gehen, sich durchchecken zu lassen und laut ihrer Aussage, war alles in Ordnung gewesen, nichts, über das man sich Sorgen machen müsste.

Chris war stinksauer. Jill hatte ihn eiskalt angelogen!

,,So…" er verbarg sein aufgewühltes Inneres vor seinem Sohn, hatte ein gelbes Pflaster auf das Knie des Jungen geklebt, nachdem er die kaum blutende, kleine Wunde vorsichtig gesäubert hatte. Er lächelte dann, notierte sich im Geiste mit Jill zu reden, heute Abend und fragte dann: ,,…Na? Tut es immer noch weh?"

Eric schüttelte leicht grinsend den Kopf.

,,Siehst du, ist halb so schlimm, das habe ich dir ja versprochen und in ein paar Tagen ist alles vergessen…" er hob den Jungen in seine Arme, ,,…Weißt du auch, wie wir die Heilung beschleunigen können?"

Das Kind schüttelte den Kopf, mochte es bei seinem Vater zu sein.

Chris lachte leicht: ,,Wie wäre es mit einer dicken Portion Eis aus der Kühltruhe?"

Augenblicklich leuchteten Erics Augen auf. Er nickte eifrig und voller Vorfreude. ,,Ja!…Ja, ja! Mit Sahne!"

Wieder trieb es Chris ein Lächeln auf die Lippen. Er liebte es seinen Sohn glücklich zu machen, Eis ging immer bei ihm, egal zu welcher Jahreszeit: ,,Okay, dann gehen wir runter und dann bekommst du was."

Eric nickte einmal mehr…


,,Mama!…" Eric rief nach ihr, kaum, das Jill ihren Jungen ins Bett gebracht hatte, ,,…Mama!…" Tränen waren zu hören, ,,…Ein Monster! Papa, komm! Mama, ein Monster!"

Sie war gerade auf dem Weg nach unten gewesen, als er angefangen hatte zu weinen. Genervt seufzte die junge Mutter.

Jill machte auf der Treppe kehrt und ging zurück in das Kinderzimmer. Sie öffnete die Tür und schaltete das Licht wieder an: ,,Eric, da ist kein Monster…" sie kam zum Bett, wo sich der Junge, kaum das sie sich gesetzt hatte, in ihre Arme flüchtete.

Sie hielt ihn: ,,Schätzchen, es ist wirklich schon spät, willst du nicht endlich schlafen?"

,,Nein!…Da ist ein Monster, Mama!"

,,Hier ist kein Monster…" Jill beruhigte ihn, strich ihm sanft über den Rücken, ,,…das bildest du dir nur ein, weil du übermüdet bist."

Eric weinte noch immer, blickte zur Tür und sah seinen Vater dort stehen: ,,Papa, ein Monster!"

Jill drehte den Kopf ebenfalls, sah ihren Ehemann an, zuckte mit den Schultern.

Chris seufzte innerlich, momentan war der Junge wirklich in einer Phase, in dder er partout nicht einschlafen wollte und sich alles mögliche einbildetet. Der Agent näherte sich, kniete sich vor Jill und seinen Sohn und sagte: ,,Eric, hey, Sportsfreund, guck mal…" er strich ihm über den Rücken.

Der Junge schniefte und sah ihn an.

,,…Du bist doch schon ein großer Junge…" begann Chris und fand es wieder einmal erstaunlich, das der junge die selben Augen wie seine Mutter hatte, ,,…Große Jungs glauben nicht mehr an Monster. Und immerhin ist dein Dad so was wie ein Agent, wenn hier wirklich eins wäre, würde ich es direkt verhaften…okay?…Versuch noch einmal zu schlafen, ja?…" Er strich dem Kind eine Träne von der Wange, ,,…außerdem schläft Ben da hinten auf seiner Decke, wenn da ein Monster auch nur in die Nähe kommt, schnappt er es, versprochen."

,,Versprochen?"

Chris nickte: ,,Komm…leg dich wieder hin, ja?" Er sah zu, wie Jill Eric zudeckte…


Jill reckte sich das Genick, als sie draußen auf dem Flur war, Chris schloss gerade die Kinderzimmertür, erfreut darüber, das sein Junge sich endlich dazu überreden gelassen hatte, einzuschlafen.

,,Ich glaube er erfindet das alles nur, um nicht schlafen zu müssen." meinte sie müde, befreite ihr langes Haar aus ihrem Pferdeschwanz.

Chris drehte sich zu ihr, musterte sie eingehen und zuckte mit den Schultern: ,,Kann sein, ich hoffe, diese Phase ist bald vorbei."

,,Warst du denn nicht so?"
Er schüttelte den Kopf, folgte ihr die Treppen hinab: ,,Nein, bei mir waren es Dinosaurier, die durch mein Zimmer getrampelt sind."
Amüsiert schüttelte Jill den Kopf, ging in die Küche, um das restliche Geschirr vom Abendessen weg zu räumen. Chris ging ihr zur Hand, seine Augen ließ er nicht einmal von ihr ab. Er suchte beweise, Indizien, doch er konnte ihr momentan nicht wirklich etwas ansehen.

,,Sag mal, Chris…" begann Jill dann nach einigen Momenten, ,,…Ist irgendetwas?" Ihr entgingen seine Blicke nicht.

,,…Tja…" er blieb stehen und lehnte sich mit der Schulter gegen den Kühlschrank, ,,…wie würde es dir gehen, wenn du weißt, das jemand der dir nahe steht etwas vor dir verheimlicht?"

Stutzig hielt sie inne, fühlte sich zwar irgendwie ertappt, doch überging dieses Gefühl. Er konnte es nicht wissen, unmöglich. Noch nicht. Sie räumte die letzten Teller in die Spülmaschine und fragte dabei: ,,Wieso?…Ich bin sicher, das gefällt niemandem."

Ärgerlich nickte Chris, verschränkte die Arme vor der Brust und sprach es frei raus: ,,Da stimme ich dir zu! Also…hast du mir nicht etwas zu sagen?"

Jill drehte sich zu ihm, sah ihn an, sie erkannte, wie sauer er war und irgendwie ahnte sie bereits, was kommen würde.

,,…Na, los! Sag es mir!…" wütend funkelten seine Augen ihre an, ,,…Sag mir, das du nichts vor mir verheimlichst. Sag mir, das du oben im Badezimmer nichts vor mir versteckt hast."

Sie weitet überrascht die Augen: ,,Wie…" dann fiel es ihr ein. Er musste das Pflaster für Erics Knie gesucht haben, es lag in ihrem Schrank, direkt neben…

,,Warum schnüffelst du in meinen Sachen herum?" fragte sie dennoch das offensichtliche.

,,Warum?…" er fand es fast amüsant, das sie ihm Vorwürfe machte, ,,…Entschuldige, wenn unser Sohn sich das Bein verletzt hat und entschuldige, es ist nicht meine Unordnung, die da in deinem Schrank herrscht!…Wie konntest du es wagen mir zu verheimlichen, das du schwanger bist?"

Jetzt wo es endlich, zum ersten Mal offiziell ausgesprochen war, bereitete sich eine eisige Gänsehaut über ihren Rücken aus. Jill wurde erst jetzt bewusst, was sie getan hatte, ihr wurde erst jetzt bewusst, das sie es nicht länger aufhalten oder ignorieren konnte.

Beschämt blickte sie zu Boden.

Chris sah sie an, deutet ihr Schweigen richtig und schüttelte den Kopf: ,,Dann stimmt es?…Du widersprichst mir nicht…" er drehte sich zur Seite und war dankbar dafür, das er den Rücken an den Kühlschrank lehnen konnte.

Die Bombe war geplatzt und hallte noch in seinem Kopf nach.

Er hatte es ja heute Mittag schon geahnt, doch erst jetzt sank die Information runter. Seine Frau war schwanger. Jill erwartete wieder ein Kind?

Aber wie war das möglich?

Chris schüttelte den Kopf: ,,Mann, ich dachte wir wären durch…" er sah wieder zu ihr, noch immer war er sauer, ,,…Jetzt ergibt alles einen Sinn. Deine Krämpfe, die Übelkeit…Verdammt noch mal, wieso hast du mir das nicht gesagt?"
Sie schluckte, wagte es nicht ihn anzusehen. Stumm blieb Jill völlig starr stehen.

Er weiß es…

,,Ich dachte…" Chris kam zwei Schritte auf sie zu, ,,…ich dachte, du kannst nicht…em, naja…ich dachte du kannst keine Kinder mehr bekommen."

Jill zuckte mit den Schultern: ,,Ich dachte das auch."

,,Warum bist du nicht zu mir gekommen? Wie lange weißt du es schon? Wie weit bist du denn überhaupt?…" er wollte so viel wissen, musterte ihren Bauch, doch durch den legeren Pullover konnte man nichts wirkliches erkennen, ,,…Mann, ich bin aber auch ein Vollidiot, wieso war ich nur so blind?…" sah in ihr Gesicht, ,,…Warum hast du mich angelogen?"

,,Ich habe…nicht gelogen…" Jill drehte sich weg von ihm, wich zurück, wollte keine Nähe zu ihm. Sie mochte es nicht so angefochten zu werden, so mit Fragen gelöchert zu werden. Sie fühlte sich bedrängt und das gefiel ihr nicht.

,,Ach nein?…" er schüttelte unverständlich den Kopf. Er musste sich zurück halten, um nicht zu explodieren, ,,…Nur zu deiner Information, wenn man etwas verheimlicht, ist das genauso eine Lüge!…" und dann kam ihm ein abstruser, verachtenswürdiger und widerlicher Gedanke. Er hatte seit seiner Rückkehr nur ein einziges Mal mit ihr geschlafen, nur ein Mal. ,,…Ist das Kind überhaupt von mir?" wollte er wissen.

Abrupt und völlig entsetzt sah Jill ihn an.

Mit großen, fragenden Augen sah sie in seine. Sie war geschockt. Jill konnte nicht glauben, was er ihr da unterstellte.

,,Wie kannst du es wagen!"

,,Dann erklär es mir bitte!" forderte er.

Hilflos und nervös versuchte sie es: ,,…Verdammt noch mal, hör auf mich in die Ecke zu treiben! Du weißt, das ich seit über einem Jahr keinen Sex mehr hatte, mit niemandem, noch nicht mal mit mir selbst…abgesehen von dir!"

,,Nein, das weiß ich nicht!…" Chris hielt ihrem Blick stand, ,,…Und ich bin noch nicht so lange wieder da, Jill! Wer weiß, was du getrieben hast, als ich weg war."

Verletzt und erniedrigt senkte sie den Kopf, ging los, vorbei an ihm, hinaus aus der Küche. Glaubte er wirklich, sie hätte ihn betrogen? Wieso? Nie hatte sie das getan, selbst als sich ihr Gelegenheit dazu bot, sie hätte damals mit dem Arzt ihres Sohnes ja etwas anfangen können. Jill konnte einfach nicht glauben, das Chris so unfair zu ihr war. Es machte sie wütend und ärgerlich.

,,Hey…" er wollte sie aufhalten, ihren Arm greifen, doch sie entzog sich ihm, ging weiter. Chris folgte ihr: ,,Hey!…Bleib stehen, wenn ich mit dir rede!"

Gerade als Jill die Treppe hinauf gehen wollte, hatte er sie eingeholt, an der Schulter gegriffen und zu sich umgedreht, doch ehe er etwas sagen konnte, entriss sie sich ihm erneut. ,,Lass mich in Ruhe!" Ihre Tränen waren gut zu sehen. Frustriert und sauer sah sie ihn an.

,,Jill…" er gab zu, etwas zu weit gegangen zu sein, doch er war ebenso so stinksauer auf sie. Wie hatte sie ihm das verschweigen können.

,,Nein! Sprich mich ja nicht an, okay!…Ich kann nicht glauben, das du mir so etwas unterstellst! Du müsstest mich besser kennen, Chris…" sie war jetzt auch selbst wütend, ,,…Und selbst wenn es so gewesen wäre und ich mir einen anderem Mann gesucht hätte, du warst doch ohnehin nicht da, denn du warst es, der mich im Stich gelassen hat! Nur du ganz allein!"

Stockend hielt er ihren zornigen Augen stand.

Sie war dankbar, das er ihr nicht mehr folgte…