Die Fahrt nach hause war ruhig gewesen. Zu ruhig.
Natürlich hatte Ben sein Herrchen und sein Frauchen begrüßt, als die beiden ihre Jacken ausgezogen hatten, doch Jill war dann gleich nach oben ins Badezimmer verschwunden, um sich frisch zu machen.
Er selbst ließ sie ziehen. Sie wollte sich waschen, das Blut beseitigen, etwas frisches anziehen und das konnte er auch verstehen, doch sobald sie fertig war, würde er dafür sorgen, was sie sich hinlegte.
Die Zeit in der sie oben war, nutzte Chris, um Ben `in den Garten´ zu lassen und ein Feuer im Wohnzimmerkamin zu entzünden. Danach gab er seinem Hund etwas zu fressen. Zum Glück hatte er am Morgen bereist eine ordentliche Tour mit ihm durch den Park gedreht, zum Teil auch, um Jill aus dem Weg zu gehen, denn noch immer hatte der Streit vom Vortag zwischen ihnen gelegen, er lag bei Gott noch immer zwischen ihnen und sie mussten auch noch darüber reden. Irgendwann.
Er sah dem Hund zu, wie dieser seine Mahlzeit genoss, bis er Schritte auf der Treppe hörte.
Ben ließ sich nicht davon stören, Chris allerdings schon. Er verließ die Küche und traf den Blick seiner Frau im Flur.
,,Geht es dir besser?"
Es waren die ersten Worte, die er zu ihr sagte, seitdem sie im Krankenhaus erfahren hatten, das Jill Zwillinge trug.
Jill schluckte, blickte zu Boden.
Sie mochte den Blick nicht, den Chris ihr zuwarf. Eine Mischung aus Sorge und Vorwurf, doch sie nickte kaum merklich. ,,Etwas…Ich bin nur ein bisschen müde."
,,Komm, leg dich auf die Couch…" er berührte hauchzart ihren Arm, dirigierte sie ins Wohnzimmer zur Couch und Jill war, als sie sich erschöpft auf die linke Seite gelegt hatte, doch dankbar, dass sie sich endlich auch hinlegen durfte.
Der hellblaue Pullover, den sie trug, war ihr wohl etwas zu groß, noch, aber dafür umso weicher und kuscheliger. Jill hatte sich auch nicht mehr die Mühe gemacht sich in eine andere Jeans zu quetschen, sie hatte eine bequeme, schlackernde Sweathose übergezogen.
Chris nahm eine Decke vom Sessel und deckte sie zu, er wollte nicht das sie fror, wusste er doch, sah er ihr an, das sie trotz des lodernden Feuers zitterte. Oder war das etwa nicht auf die Kälte des heraufziehenden Winters zurückzuführen?
,,Danke…" hauchte Jill überrascht und merkte, wie sehr es ihr ihre Beine dankten, das sie entlastet wurden. Es war so nicht viel gewesen, ihr war körperlich nicht viel passiert, doch die Tatsache, das ihre Krämpfe sie bei Rebecca zu Boden gebracht hatten und das sie geblutet hatte, machte ihr immer noch weiche Knie.
Wieso hatte sie sich nur so kindisch verhalten?
Wie konnte sie auch nicht zum Arzt gehen, wo sie doch schon seit über drei Wochen wusste, das sie schwanger war? Es war ein Fehler, ihr Fehler, ihre Verdrängung, die ihrem Kind…nein, ihren Kindern geschadet hatte.
,,Kann ich dir was bringen? Hast du Hunger?" wollte Chris wissen.
Jill schüttelte knapp den Kopf. Sie hatte immer Hunger, doch irgendwie war ihr jetzt nicht nach essen.
,,Hey…" Chris sah beinahe ihre Gedanken, wusste genau, was in ihr vorging und er setzte sich auf die Kante der Couch, ,,…gib dir nicht die Schuld, Jill…Es ist passiert und wir können nichts daran ändern. Das wichtigste ist, das du jetzt auf dich achtest, okay?"
Sie schluckte, ihr Blick ging nicht zu ihm, sondern einfach nur ins Leere: ,,…Nein, ich wollte es wohl wirklich nicht wahr haben…"
Verdutzt blickte er auf sie herab: ,,Was?"
Jill atmete durch, blickte zu ihm auf: ,,Du hast mich im Krankenhaus gefragt, ob ich es nicht wahr haben wollte…Ja, ich wollte nicht einsehen, das es da jemanden in mir gibt…"
Aufmerksam hörte er ihr zu.
,,…Ich habe Rebecca nicht geglaubt, sie hat es herausgefunden, ich habe mich mit allem dagegen gewehrt was ich hatte."
,,Warum?…" wollte Chris wissen, ,,…Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?" Endlich redeten sie mal ruhig miteinander.
Sie blickte zur Seite: ,,Ich wusste nicht wie…tut mir leid, ich wollte dich nicht verärgern und ich kann verstehen, wenn du mich jetzt hasst."
,,Ich bin nicht verärgert…" hielt Chris dagegen, ,,…ich hasse dich genauso wenig wie du mich, Jill, ich bin einfach nur enttäuscht von dir!…Von mir aus, hättest du mir auch einen Brief schreiben können, aber ich kann einfach nicht verstehen, nach allem, was gerade zwischen und los ist, das du mich dermaßen angelogen hast."
Jill sagte nichts. Sie hatte auch nichts zu sagen, denn etwas vor einem anderen zu verbergen war nun mal genau das selbe wie eine Lüge. Er hatte recht und sie wusste das.
,,…Gerade du, Jill…" er sah auf sie herab, ,,…ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren!"
,,Ein Recht?…" abrupt blickte sie ihn an, sie wurde aus irgendeinem Grund wütend, ,,…Ein Recht? Du hast dieses Recht vor einem Jahr aufgegeben und nur weil in einem Moment der Unachtsamkeit, in einer Nacht, die hätte überhaupt nicht passieren dürfen, etwas entsprungen ist, heißt das noch lange nicht, das du Rechte darauf besitzt! Es ist mein Bauch klar!"
,,Reg dich nicht so auf!…" kratzte er dagegen, seufzte, als er sein Temperament zügelte und sprach dann in einem ruhigeren Ton weiter, ,,…Und nur zu deiner Information, diese eine Nacht hatte nicht das geringste mit einem Fehler zu tun! Wir lieben uns, Jill und du hast es doch genauso gewollt, sag jetzt nicht, das es nicht so ist. Es war wunderschön und die Tatsache, das du noch dazu, trotz aller ärztlicher Diagnose und deiner medizinischen Vorgeschichte wieder Schwanger wurdest, ist ein reines Wunder…Vielleicht hatte es so sein sollen. Vielleicht wird jetzt wieder alles gut zwischen uns."
,,Zwischen uns?…" Jill schüttelte den Kopf, ,,…Glaubst du das denn wirklich? Wir sind weit davon entfernt eine Familie zu sein. Du wohnst bei uns zu Hause, damit Eric uns beide hat, mehr ist doch da nicht mehr.,,und dieses eine Mal…" sie schluckte, ,,…Es war Sehnsucht und Verzweiflung…Sag mir allen ernstes, Chris, hast du erwartet noch mal Vater zu werden…in der jetzigen Situation?"
Er schwieg.
Chris wusste, auf was sie hinaus wollte. Ja, es war ziemlich kompliziert zwischen ihnen beiden. Sie hatte ihm noch immer nicht verziehen, dennoch war es passiert. Ihnen wurde damals gesagt, das Jill nie wieder Kinder bekommen könnte und selbst wenn es nach der Fehlgeburt nicht so gewesen wäre, glaubte Chris nicht, das er in jener Nacht an irgendwelche Verhütung gedacht hätte.
,,Es spielt keine Rolle, Jill, es ist passiert und wenn ich darüber nachdenke, ich freue mich darüber."
,,Du freust dich?"
,,Aber natürlich…wieso überrascht dich das?"
Sie schwieg, blickte zur Seite.
Er stutzte und blickte zu ihr: ,,Freust du dich denn nicht?…" Sie schwieg und er sprach nach einigen Momenten weiter, ,,…Willst du das alles überhaupt? Die beiden?"
Müde schloss Jill die Augen: ,,Ob ich die beiden will?…" sie öffnete ihre Augen wieder, starrte in die ihres Ehemannes. Sie wusste, auf was er hinaus dachte, ,,…Chris, wie kann ich das nicht? Das sind Lebewesen, die ein Recht auf ihr Leben haben und niemand anderes hat das Recht es ihnen weg zu nehmen, selbst ich nicht, also musst du nicht fürchten, das ich mich für eine Abtreibung entscheide, wie könnte ich das auch, bei allem, was ich schon verloren habe…Es ist nur…" Jill drehte den Kopf zur Seite, schniefte und wischte sich ihre Tränen von der Wange, ,,…ich wollte es wäre alles anders. Ich wollte, die Sache mit dir, wäre niemals passiert…Das hier…" sie deutete auf ihren Bauch, ,,…ist nicht richtig. Es hätte schon letztes Jahr so sein sollen, als wir beide es auch gewollt haben…Ich weiß nicht, wie es jetzt weiter gehen soll…Mit dir und Eric und den beiden die noch kommen."
Er war dabei ihre Tränen weg zu wischen, nahm dann ihre Hand und blickte sie an: ,,Du bist nur durcheinander. Wenn du dich beruhigt hast, wirst du sehen, das es wieder gut werden kann."
Sie schüttelte den Kopf.
,,Doch, ich weiß es, Jill…Ich weiß es, weil ich da alles will. Ich will dich zurück, mein Leben als Vater, unsere Familie und ich weiß sehr gut, das du das ebenfalls willst, ich kann es spüren, auch wenn du dich dagegen wehrst. Das hier…" er legte seine Hand sanft an ihren Bauch, zum ersten Mal seit er wusste, das sie schwanger war und ihre Wärme war wohltuend, ,,...das gibt mir Hoffnung." Er lächelte knapp.
Jill schniefte ein letztes Mal, legte ihre Hand auf seine, es war als würden sie beide ihre Kinder halten und bei Gott ja, er hatte recht. Sie liebte ihn mehr denn je, sie sehnte sich nach ihm, wie nach nichts anderem. Er war die Luft, die sie zum Atmen brauchte und sie gestand sich ein, bei allem, was er ihr auch angetan hatte, womit er sie allein gelassen hatte, dass sie ihn brauchte. Er war zu ihr zurück gekommen, er wollte sie wirklich zurück, sie und die Kinder. Wie lange also wollte sie noch die Unnahbare spielen? Sich hinter diesem einen Fehler von Chris verstecken und sich nicht eingestehen, das sie am liebsten alles vergessen wollte?
Nachdenklich nickte sie: ,,Du hast recht, Chris…ich habe nicht mehr wirklich die Kraft mich dagegen zu wehren. So geht es mir schon seit Wochen."
Sein Herz war beflügelt. Erleichterung umgab ihn, denn sie sah es endlich ein, würde sie ihm jetzt endlich verzeihen. Aufmerksam lauschte er ihren Worten.
,,…Ich em…ich will…Ich kann einfach nicht mehr. Alles was war…" sie schluckte, ,,…ich will einfach nur vergessen und ich will einfach nur in Frieden und glücklich leben…" fest sah sie ihm in die Augen, als sie ihre Hand ausstreckte und über seine Wange strich, ,,…Ich liebe dich, aber du musst auch verstehen, das ich jetzt nicht einfach von Null auf Hundert so weiter machen kann wir früher. Das hört sich vielleicht alles selbstsüchtig an, aber ich brauche etwas Zeit, um mich zu sammeln und…ich möchte alles langsam neu anfangen."
Ein warmes Lächeln zierte seine Lippen. Er fand es überhaupt nicht selbstsüchtig von ihr, im Gegenteil. Er konnte alles akzeptieren, solange Jill nur bereit war auf ihn zuzugehen.
Chris griff mit seiner freien Hand ihre und nickte. Nicht einmal hatte er seine Hand davon abgehalten, sanft über ihren Bauch zu streicheln. ,,Du kannst dir so viel Zeit nehmen, wie du brauchst und willst, Jill…wir werden es so langsam angehen lassen, wie du es für richtig hältst…" er hielt ihren Augen stand, ,,…Nicht nur wir beide müssen uns neu formieren, da sind auch noch Eric und…die Zwillinge…Wir werden uns gemeinsam daran gewöhnen, okay?"
Jill nickte zustimmend. Zwei Kinder? Es war noch immer ein Schock für sie.
Für beide.
Es tat Chris unglaublich gut zu wissen, das Jill bereit war, von vorne zu beginnen. Das sie bereit war ihm mit der Zeit zu verzeihen, es konnte doch wieder alles gut werden, er war sich ganz sicher.
,,Drei…" begann Jill dann zu begreifen, ,,…wenn es gut geht, dieses Mal, dann hätten wir insgesamt drei Kinder. Was sagst du dazu?" Sie konnte sich nicht davor bewahren doch irgendwo Freude zu spüren.
Er grinste unweigerlich unter sich und blickte ihr dann wieder in die Augen. Amüsiert zuckte mit den Schultern: ,,Wo zwei satt werden, werden auch drei satt…"
Jill setzte den Ansatz eines Lächelns auf: ,,Auch wenn die alle deinen Appetit haben werden?"
Chris lachte über ihren Scherz, strich ihr das Haar hinter Ohr.
Sie wurde dann jedoch wieder ernst, stürzte die Lippen und fragte einen Gedanken, der ihr schon auf der Heimfahrt gekommen war: ,,…Glaubst du…" Jill holte Luft, ,,…glaubst du, das eine der beiden…ist jenes das wir damals verloren haben?…" beide blickten sich einander tief in die Augen, ,,…Es klingt natürlich blödsinnig und dumm aber…vielleicht ist es zu uns zurück gekommen…irgendwie…" Beschämt sah Jill zur Seite, eine weitere Träne kullerte aus ihrem Auge, sie konnte nichts dafür, so zu denken. Ihr war einfach danach und irgendwo glaubte sie fast daran, so kitschig es auch klingen mochte.
Chris erinnerte sich nochmals zurück.
Der Verlust hatte Jill härter getroffen als alles andere zuvor, ihn genauso. Er erinnerte sich noch gut an die Nächte in denen beide kein Auge zubekommen hatten, in denen er ihren Tränen gelauscht hatte, die sie los ließ, sobald sie glaubte er würde schlafen. Taub und stumm hatte er damals reagiert, diesmal würde einfach alles anders werden. Jill würde diese Kinder behalten, dafür würde er sorgen und dafür würde er auch alles in seiner Macht stehende tun.
,,Hey…" sanft drehte er ihren Kopf wieder zu sich, blickte ihr einmal mehr in diese wunderschönen eisblauen Augen. Er wollte ihr die Illusion lassen, linderte sie seinen Schmerz doch ebenfalls etwas. ,,Das ist ein wunderbarer Gedanke, Jill…und es klingt überhaupt nicht dumm oder blödsinnig. Ich bin überglücklich, noch mal Vater zu werden. Ich werde dich unterstützen, du kannst dich auf mich verlassen. Nie wieder will ich dich alleine lassen."
Sie nickte. Seine Worte taten ihr gut, dennoch wollte sie noch etwas klar stellen. ,,Ich will nicht das es jemand weiß…"
Fragend starrte er sie an, dann verstand er und nickte: ,,Du willst noch warten, bis es dir besser geht?"
Jill nickte: ,,Ich em…Es ist mir klar, das unser plötzlicher Abgang heute Mittag fragen aufgeworfen hat und ich weiß nicht in wie weit Rebecca diese unseren Freunden beantwortet hat, ich möchte nicht direkt, das alle wissen, das wir Zwillinge erwarten, es…naja, man wird mir die Schwangerschaft wohl sicherlich früher ansehen als bei Eric, man sieht es ja jetzt schon und wir wissen beide schon seit letztem Jahr, dass das überschreiten der zwölften Woche keine Sicherheit darstellt. Es kann immer etwas passieren und…bevor wir etwas sagen, möchte ich ganz sicher sein, das die Beiden auch bei uns bleiben, okay?"
Chris schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und griff nochmals ihre Hand: ,,Das verstehe ich. Es bleibt unser kleines Geheimnis und wir werden es erst dann preis geben, wenn du es für richtig hältst." Er beugte sich zu ihr, seine Lippen berührten zärtlich ihre Stirn, ehe er sich wieder erhob, ,,…Ruh dich jetzt aus. Ich gehe unseren Sohn abholen. Wenn irgendwas ist, ruf an und ich bin in fünf, sechs Minuten wieder da, okay?"
Sie nickte: ,,Und schon sorgst du dich wieder um mich."
Chris lächelte, strich ihr das Haar hinters Ohr: ,,Das ist mein Job, ich bin schließlich dein Ehemann." Dann ging er…
