,,…Sein Sohn…" hauchte Jill kaum hörbar und zog zitternd nach Atem, ,,…Oh Gott…" Ihre Hand legte sie auf ihren Bauch, sie wollte ihre Kinder schützen. Wovor wusste sie noch nicht, doch die Tatsache das der Sprössling ihres Peinigers da draußen war, zum greifen Nahe, versetzte ihr einen Hieb, das sie glaubte nicht mehr atmen zu können. Sie war wie in Trance, im Schock.

Zwar hatte Chris ihr von ihm erzählt, doch das zusammentreffen in Edonia und China war damals nicht wirklich rosig gelaufen. Was wollte er nur hier?

Jill hatte Angst.

,,Was wollen Sie hier?" Chris war gespannt bis aufs Messer. Sein Körper war bereit auf einen Angriff, seine Augen erfasste jede Bewegung seines Gegenübers.

,,Hey hey…" Jake hob beide Hände zur Besänftigung, da er die Reaktion des Mannes deutlich wahr nahm, ,,…fahr nicht gleich so aus der Haut, oder glaubst du ich kreuze am helllichten Tag bei dir auf um dir den Schädel weg zu blasen? Nein…das ist nicht mein Stil und glaub mir, wenn ich dich wirklich töten wollte, hätte ich es schon damals getan…" Jake stand breitbeinig auf den Treppen, verschränkte die Arme vor der Brust, ,,…Um ehrlich zu sein, bin ich geschäftlich in der Stadt, schon einige Wochen, wie du dir sicher denken kannst, denn ihr BSAA-Futzis wisst ja doch immer gleich alles..." er seufzte leise, ,,…Nein, ich wollte mir mal ansehen, wie der Mörder meines Vaters sich so zur Ruhe gesetzt hat." Gleichgültig sprach er, klang er.

Chris schwieg.

Es setzte ihm zu `Mörder´ genannt zu werden. Ja, er hatte schon Leben genommen und er wusste, das Pflichterfüllung nur eine Beschönigung des Wortes `Mord´ war, dennoch. Es behagte ihm nicht.

,,Was denn?…" begann der junge Söldner, ,,…Willst du mir keinen Tee anbieten? Ist aber nicht die feine englische Art."
,,Sie sollten gehen, Jake…" entgegnete Chris, ,,…auf der Stelle."

,,Autsch…" Langsam blickte Jack zur Seite, schob sich seine Sonnenbrille zurecht, ehe er weiter sprach, ,,…Aber nein. Ich gehe noch nicht, denn eigentlich will ich wissen, wie es passiert ist. Immerhin musst du es ja am besten wissen, Muskelprotz…" er blickte wieder zu Chris hinauf, ,,…Ich bin der Sache nachgegangen, seit ich damals in China erfahren habe, das Albert Wesker, der Menschenfein, mein Vater war, doch ich konnte nichts finden, rein gar nichts. Lediglich Gerüchte habe ich gehört, über Afrika und einen Vulkan. Klingt ziemlich dick, fast nach großem Kino."

Provozierend, auffordernd blickte Jake den älteren Mann an, doch Chris schüttelte nur den Kopf: ,,Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen."

,,Schade, schade…" der Rothaarige seufzte und schüttelte den Kopf.

,,Papa?"

Chris drehet den Kopf, hörte Jill hinter sich aufgeregt rufen: ,,Nein, Eric bleib da!" Doch es war zu spät. Der kleine Junge hatte sich zwischen der Tür und seinem Vater vorbei gedrückt, ohne das seine Mutter es bemerkt hatte.

Jake erblickte das Kind und das Kind erblickte den Fremden.

Jill war aufgesprungen, als sie ihr Kind nach draußen laufen gesehen hatte, Barry war in der nächsten Sekunde bei ihr, hielt sie am Arm zurück. Er hatte das Gespräch mitbekommen, zumindest das wichtigste davon.

Eric dachte sich nichts dabei, blickte auf zu seinem Vater: ,,Kommst du rein?" Noch im gleichen Moment griff Chris die Hand des Kindes, drängte ihn zurück ins innere des Hauses.

,,Du…" Jake blickte auf den Jungen, dann wieder auf zu Chris, ,,…Du hast einen Sohn?"

Jill wich aus Barrys griff, schnappt hastig die Arme ihres Sohnes und zog ihn zu sich. ,,Ich habe dir schon mal gesagt, das du nicht nach draußen laufen sollst!…" ihre Stimme war forsch, fast schon verzweifelt, ,,…Tu das nie wieder, hast du verstanden!"

,,Jill…" Barry ermahnte sie, wusste, was in seiner Freundin vorgehen musste, was das auftauchen von Weskers Sohn in ihr ausgelöst hatte. Sie musste ihr Kind, ihre Familie, sich selbst gefährdet wissen, sonst würde sie nicht so reagieren.

Eric senkte traurig den Kopf. Er war es nicht gewohnt von seiner Mutter im bösen Ton getadelt zu werden. Tränchen drückte er aus seinen Augen und er lief an ihr vorbei, nach hinten ins Wohnzimmer.

Jill sah ihm nach, wusste, das sie sich falsch verhalten hatte, blickte in die Augen von Barry und schüttelte den Kopf. Sie lehnte sich gegen die Wand, beugte sich nach vorne, wusste nicht, was in sie gefahren war. Die Hand ihres Freundes auf ihrer Schulter gab ihr Halt, ließ sie nicht gänzlich die Fassung verlieren.

,,…dann verstehst du es sicher…" Jake sprach derweil weiter an Chris gerichtet, ,,…Dein Sohn würde auch wissen wollen, wer sein Vater war, glaubst du nicht?"

Chris atmete durch. Er musste die Situation entschärfen, wusste er doch, das Jill das alles andere als leicht hinnehmen musste. Der Agen nickte: ,,Warte hier…" dann verschwand er im innern des Hauses…

,,Nein…" Jill schüttelte den Kopf, ,,…du gehst nicht da raus! Nicht mit ihm!"

Chris traf ihren Blick, stand vor ihr und hatte eine seiner Hände an ihre Wange gelegt. ,,Ich muss…"

,,Scheiße Chris, du musst überhaupt nichts! Du darfst nicht gehen, Chris, er könnte dich töten, es könnte eine Falle sein. Bitte, schick ihn weg!…" Jill wollte ihn festhalten, doch Chris griff ihre Oberarme, drückte sie von sich, nickte Barry zu und dieser legte eine Hand abermals an ihre Schulter: ,,…Komm schon, Sandwich…" sagte Barry, ,,…Chris weiß schon, was er tut."
,,Chris…" Jill sah in die Augen ihres Mannes.

,,Ich erkläre es dir später, okay…" er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen, ,,…Es wird nicht lange dauern."

,,…Chris, nein…" Jill wollte abermals zu ihm, doch Barry war es, der sie noch einmal zurück hielt und dann war Chris draußen.

Er zog die Tür hinter sich zu und ging auf den Sohn seines Erzfeindes zu…

,,Verdammt noch mal, Barry…" Jill war wütend, ,,…Warum lässt du das zu?" Sie drehte sich zu ihm um, blickte ihn fassungslos an.

,,Weil Chris weiß, was er tut…" wiederholte Barry. Er sah seine Freundin an, ,,…mach dir keine Sorgen."

,,Ich soll mir keine Sorgen machen?…" Jill musste beinahe anfangen zu lachen, ,,…Barry, mein Mann befindet sich draußen vor der Tür mit dem Sohn von Albert Wesker, sag mir das ich das alles träume!" Sie wusste nicht wieso, aber sie hatte Angst.

Ja, sie hatte plötzlich furchtbare Angst um Chris, um ihre Familie. Jake Muller wusste nun von Eric. Er wusste, das Chris für das Schicksal seines Vaters verantwortlich war und er wusste das Chris eine Familie hatte. Was hielt ihn davon ab, Rache zu üben? Wenn er nur ein bisschen so war wie sein Vater, würde er das auch tun.

,,Niemals wirst du mir entkommen, Jillian, niemals, ganz gleich was passiert, vergiss das nicht!"…

Weskers Worte brannten auf ihrer Seele.

Sollte er denn damals in Afrika wirklich Recht behalten haben? Würde sie niemals Frieden finden?

,,Hey Valentine…" Barry sah all das in ihren Augen, er wusste wie sie dachte, was in ihr vorging. Sanft sprach er zu ihr, als er ihre Aufmerksamkeit hatte, ,,…ich bin sicher, Chris wird kein Risiko eingehen, okay? Er wäre nicht mit diesem Jack da draußen, wenn er den Feind in ihm sieht."
Jill stürzte die Lippen, lehnte sich gegen die Wand neben der Treppe und atmete leise durch. Sicher, Chris würde das nicht tun, er würde auch nicht Gefahr laufen sie oder Eric zu gefährden, aber dennoch verstand Jill nicht, wieso Chris den Forderungen von Weskers Sohn nachgegeben hat.

Wieso war er zu diesem Fremden hinaus gegangen?

Barry betrachtete seine Freundin, nickte innerlich, als er erkannte, das diese zwar immer noch aufgeregt, aber etwas ruhiger geworden war. ,,Warum isst du nicht weiter?"

,,Glaubst du wirklich, mir wäre jetzt nach essen zumute?"

,,Dann geh hinaus und folge ihnen, überzeuge dich, das Chris in Sicherheit ist."

Und ja, Jill hatte tatsächlich daran gedacht, doch schüttelte den Kopf, als sie ihn senkte, die Arme eingeschüchtert um ihren Körper klammerte: ,,Das kann ich nicht…"


Barry betrat das Wohnzimmer, fand Eric vor der Couch auf dem Boden sitzend.

Der kleine Junge weinte still, hatte die Arme um die angewinkelten Knie geschlungen. Er schniefte, als er zu Barry aufblickte, er sich unter einem leichten Ächzen neben ihm auf den Boden setzte. ,,Hey, kleiner Mann, dein Onkel Barry wird langsam aber ganz schön alt…"

Eric schniefte leise, sah nicht auf, sondern starr gerade aus und fragte: ,,Ist Mommy sehr böse?"

Barry blickte verwundert drein.

Es war offensichtlich, dass das Kind weinte, weil seine Mutter etwas forsch mit ihm geschimpft hatte.

Der Mann schüttelte umgehend den Kopf, wischte dem Jungen die Tränen von der Wange: ,,Nein, deine Mama ist nicht böse auf dich, sie hat Angst um dich, weißt du."

Fragend musterte Eric ihn schließlich.

,,Du weißt doch, das du nicht an die Haustür gehen darfst oder mit Fremden sprechen sollst, oder?" Barry sprach es keinesfalls aus Vorwurf aus, sondern verpackte alles in eine Frage, die den Jungen zum nachdenken brachte.

,,Ja…" Eric nickte, ,,…aber mein Daddy war doch da."

,,Sicher…" stimmte der ältere Mann zu, ,,…aber selbst für deinen Vater war der Mann ein Fremder und du musst auch verstehen, das Erwachsene Leute, wie ich, Tante Claire oder deine Eltern viel besser einschätzen können, ob ein Fremder ein guter oder schlechter Mensch ist."

Eric schniefte noch ein weiteres Mal, die letzten Tränen waren getrocknet und auch überhaupt hatte das Kind eine entspanntere Haltung angenommen. ,,Dann ist der Mann von vorhin an der Tür schlecht?"

Barry kniff die Lippen aufeinander, zuckte dabei mit den Schultern: ,,Das wissen wir noch nicht, aber…der Vater dieses Fremden, das war ein böser Mann, ein sehr schlechter Mensch, er hat deiner Mom und deinem Dad sehr viel böses getan…" er dachte an Wesker zurück, ,,…Wir müssen den Fremden daher erst kennen lernen, deshalb musst du verstehen, warum deine Mom vorhin so aufgeregt war. Sie will dich nur beschützen. Sie möchte nicht, das dir etwas passiert." Barry erinnerte sich ungern an die Entführung von Eric zurück. Der Junge war damals noch ein Baby, wusste also von all dem nichts mehr, doch umso schlimmer war es für Chris und Jill gewesen, da Wesker es war, der ihnen ihren Sohn genommen hatte.

,,Verstehst du, was ich gesagt habe?" hinterfragte Barry noch einmal.

Das Kind nickte und sagte dann: ,,Ich glaube nicht, das der Mann so böse wie sein Daddy ist. Mein Daddy hat mich lieb und ich bin nicht böse, dann muss der fremde Mann so sein wie ich, weil alle Daddys ihre Kinder lieb haben."

Barry hob einen seiner Mundwinkel.

Wie blauäugig kleine Kinder doch waren. Für sie gab es kein grau nur schwarz oder weiß.

In Wirklichkeit sah vieles jedoch anders aus, wie durch die unwissenden, unschuldigen Augen eines dreijährigen Jungen betrachtet. Eric wusste nun mal nicht wer und was Albert Wesker war. Er wusste nichts von all dem Bioterrorismuns welcher damals 1998 in Racccon City seinen Anfang gefunden hatte. Selbst über die Tatsache das seine Eltern jahrelang im Felde gegen diese Biowaffen gekämpft hatten, Verluste erlitten hatte, wusste das Kind nicht bescheid, auch nicht über die schreckliche Vergangenheit von Jill Valentine.

Barry hoffte, das Eric es auch niemals erfahren würde, auch wenn ein Teil von ihm das bezweifelte. Chris hatte ihm einmal vor einigen Jahren erzählt, das er und Jill es ihrem Sohn sagen würden, wenn eben die Zeit reif dafür war. So lange, wollte Barry dem Kind die Illusion noch lassen, denn viel zu schnell würde er begreifen, das die Welt in die er hineingeboren wurde in vielen Fällen feindselig und schlecht ist.

,,Vielleicht hast du recht, Kleiner…" Barry rieb Eric sanft über den Rücken, ,,…aber hör trotzdem auf deine Eltern, ja?"

Das Kind nickte leicht: ,,Tut mir leid…"

Jill seufzte.

Sie stand im Türrahmen, hatte das Gespräch mitgehört.

Eigentlich wollte sie sich selbst bei ihrem Kind entschuldigen, doch Barry hatte sie zurück gehalten, er hatte das Geschehene schlichten und mit dem Kind reden wollen und das hatte er gut gemacht.

Wieder einmal bemerkte Jill, was für ein guter Vater ihr langjähriger Freund war. Er hatte sich zu dem Kind herab gelassen, hatte ihm alles im Ruhigen erklärt und Eric verstand es. Jill selbst hätte es nicht besser machen können, im Gegenteil. Sie war noch immer aufgewühlt.

,,Eric…" sagte sie und sah zu, wie der Junge sich leicht erschrocken zu ihr drehte. Barry tat es ihm gleich.

Umgehend stand das Kind auf, kniff die Lippen zusammen und ging auf seine Mutter zu. ,,Ja?" Er bleib vor ihr stehen, fragende Augen musterten sie.

Jill ging in die Hocke, streckte die Arme aus: ,,Vergibst du mir?"

Eric lächelte breit, kam nach vorne, ließ sich in die Arme von Jill fallen und genoss es gehalten zu werden. Wie sehr liebte er seine Mutter.

,,Tut mir leid, okay?" flüsterte Jill und als das Kind nickte, drückte sie ihn leicht von sich, um ihm in die Augen blicken zu können. Sie strich ihm einige Strähnen aus den Augen, ,,…Lass es uns vergessen, ja?"

Wieder nickte Eric, hatte eine Hand auf Jills Schulter gelegt…


Schweigend gingen die beiden Männer nebeneinander her, entfernten sich von dem Haus, gingen die Straße hinauf.

Jake hatte die Hände in den Hosentaschen stecken, blickte zu Chris und Chris blickte zu Jake. Immer wieder, für kurze Momente, jedoch traf der eine nie des anderen Augen.

Trotz ihrer vorherigen Unterhaltung, wusste wohl jetzt keiner der beiden, wie er ein Gespräch anfangen sollte, jedoch wollten beide die Stille brechen.

,,So…" begann Jake endlich, ,,…war das da vorhin…dein kleines Frauchen?"

Chris blickte einmal mehr zu dem Sohn seines Erzfeindes, diesmal traf er dessen durchdringenden Blick und der Agent nickte, sah dann wieder nach vorne als er antwortete: ,,Ja…das war meine Frau."

,,Nicht übel…" murmelte der Rothaarige, dachte an das blonde lange Haar zurück. Er mochte Blond.

,,Was?" scharf blickte Chris den jüngeren Mann an. Er zog seine Augen zu misstrauischen schlitzen zusammen.

Jake drehte sich zu ihm, hob die Augenbrauen: ,,Ich sagte, sie ist nicht übel, hast´n guten Geschmack, die Lady würd´ ich auch nicht von der Bettkante schubsen…"

Chris glaubte nicht recht gehört zu haben: ,,Also…"

,,Keine Sorge…" Jake hob besänftigend die Hände, unterbrach ihn und grinste mit einem Mundwinkel, ,,….Ich habe bereits mein eigenes Supergirl. Sie ist auch blond."

,,Ja, Sherry…" Der Agent hatte es geahnt, er hatte die Blicke gesehen, die beide sich damals zugeworfen hatten, ,,…dann ist sie auch wieder hier Washington?"

,,Yeah…" Jake nickte knapp, ,,…bin bei ihr untergekommen, solange bis die BSAA mich braucht…Diese Ärztin dort, ist befreundet mit dir? Rebecca Oliviera-Chambers?"

Chris nickte.

,,Sie ist nett…"

Ein Seufzen entglitt Chris, als er einmal mehr in die Augen des jungen Mannes blickte und nach einem weiteren Moment der Stille, sagte er: ,,…I can see your father in you…"

Das hatte er ihm schon mal gesagt. Damals vor knapp sechs Monaten in dem Unterwasserlabor vor der chinesischen Küste.

Hauchdünn entglitt Jake ein Lächeln. Er erinnerte sich daran. ,,…Tut mir leid, das ich dir meine Knarre unter die Nase hielt, ich war wohl einfach nur…angepisst…" er sprach nach einer kurzen Pause weiter, ,,…Weißt du, ich dachte immer mein guter alter Herr wäre ein Drecksack und Versager, der sich verpisst hat, um sich vor der Verantwortung einer Familie zu drücken…" er stoppte abrupt. Seine Kindheit war nicht schön gewesen. Schon früh hatte er sich um seine todkranke Mutter kümmern müssen, ,,…Meine Mutter hat mir nie erzählt weshalb sie zurück nach Edonia gegangen war, weshalb sie die Staaten wieder verlassen hatte…Scheiße, sie könnte heute noch leben, wenn das Geld von meinem Alten da gewesen wäre…" Sein einzige Grund Söldner zu werden war es, Geld für alltägliches zu verdienen.

Jake hatte die Schule abgebrochen, hatte nichts gelernt. Er kam aus den Armenvierteln Edonias, wo man kaum genug Geld für tägliches Brot besessen hatte, geschweige denn für teure Arztkosten. ,,…Ich habe geglaubt, es wäre das üble Klischee, du weißt…Mann und Frau sind zusammen, Frau wird schwanger, Mann lässt sie fallen…und ich habe mich ehrlich auf den Tag gefreut, wenn ich meinem Erzeuger doch mal irgendwann über den Weg laufen sollte, doch dazu wird es ja nicht mehr kommen. Wem kann ich also das Elend das ich Leben nenne vorwerfen?…" Jake dachte an seine Erlebnisse mit den Viren zurück, die BOW´s, die Kämpfe und Gefangennahme und schüttelte den Kopf noch einmal, ,,…Ich bin froh meinen Vater nicht gekannt zu haben. Ich bin froh, das der Mistkerl nie etwas von mir wusste, das er meine Mutter vergessen hatte. Lieber des Hungertodes sterben, als den kranken Hirngespinsten dieses Wahnsinnigen zuzuhören." Er hatte schon viel in seinem jungen Leben gesehen, doch all die neuen Tatsachen die er erst in Edonia und dann in China, die er im letzten Jahr, auch durch Sherry erfahren hatte, erschütterten ihn unheimlich.

Chris hatte ihm zugehört, aufmerksam und ja, Jake hatte es sicher nicht leicht gehabt. Er konnte nichts dafür, auf der Welt zu sein, weder konnte er etwas für seine Abstammung, war sie doch bedeutend für die Welt, für alles Leben, was es gab.

,,Sie sind nicht wie ihr Vater, Jake…" sagte Chris dann, ,,…Sie hätten schießen können, aber Sie haben nicht nur an sich gedacht, so wie er es stets getan hatte. Sie haben an all die Menschen gedacht, die durch ein Antiserum gerettet werden könnten und das rechne ich Ihnen an."

Jake atmete tief durch die Nase ein und wieder aus. Seine Nasenflügel flatterten dabei genau wie die von Wesker. ,,Und doch sehe ich ihm ähnlich?"

,,Sehr."

,,Sag mir eins, Buddy…" sarkastisch klang der junge Mann, ,,…War es wirklich beides? Du hast meinen Vater wegen eines Befehls und deiner persönlichen Rache getötet?"

Chris blieb stehen, drehte sich zu ihm und nickte.

,,Was war der Grund?…" wollte Jack wissen, sah ihm in die Augen, ,,…Ich habe gehört das Chris Redfield bei STARS in Raccoon City mal unter dem Kommando von Albert Wesker stand, damals in den Neunzigern, aber ich habe auch Gerüchte über einen Verrat gehört…"

,,Es gibt viele Geschichten…"

Jake fiel ihm ins Wort, hob seinen Zeigefinger. ,,…Ich will die Wahrheit!…" Wut kochte noch immer in ihm, so wie schon damals, als er von seinem biologischen Vater erfahren hatte. Es grämte ihn, beschämte ihn mit einem solchen abscheulichen Mann verwandt zu sein. ,,…Ich will wissen welches Erbe er mir hinterlassen hat."

Chris schluckte schwer, sah sich um, doch niemand war in der verschneiten Straße zu sehen. Sie waren völlig allein, also konnte er es sagen. Er wolle es auch sagen, denn ganz obgleich wie er selbst zu Jake stand, der junge Mann hatte ein Recht auf die Wahrheit, auf die Vergangenheit.

,,…Ja, ich war in der Einheit, die ihr Vater befehligt hatte. Eliteeinheit der Polizei. Special Tactics and Rescue Service…" begann Chris dann, ,,…Meine Frau Jill, wir waren ein Team zusammen mit einigen anderen, einigen wenigen, die noch übrig sind. Rebecca war auch dabei, aber Ihr Vater hat uns alle in eine Falle gelockt…Damals, im Sommer neunzehnhundertachtundneunzig in Raccoon City, wurde schon lange an Biowaffen geforscht, das Ganze hat seine Anfänge in den sechziger Jahren….Es gab eine Villa in den umliegenden Wäldern, die eine geheime Forschungseinrichtung in den unteren Etagen verbarg. Dort war ein Virus ausgebrochen, das war der ganze Anfang vom Ende Raccoon Citys und allen Terroranschlägen mit Vieren, die seither passiert sind. Wesker schmierte seinen Vorgesetzten, den Polizeichef, änderte Befehle und lockte beide Teams unserer Einheit in dieses alte Herrenhaus…Viele starben…" Chris sah unter sich, Erinnerungen seiner Freunde, huschten durch seine Gedanken, ,,…Wir fanden Wesker in dem Labor, wo er versuchte Beweise zu vernichten. Hatte er anfangs noch für Umbrella gearbeitet, arbeitete er doch seit jener Nacht nur noch für sich. Er starb im Kampf und die Villa mit samt dem Forschungslabor flog in die Luft und ja, wir glaubten alle, er wäre tot, doch er war es nicht. Wir, unser Team, wir wurden für das alles Verantwortlich gemacht, schworen Umbrella ein Ende zu setzen…Ein paar Jahre später, nach der Vernichtung von Raccoon City…" er sah Jake an, ,,…Sie haben davon gehört?"

Der junge Mann nickte: ,,Ja, die Rakete, die Zombies…"

,,…Ja…" Chris sprach weiter, ,,…Es war Anfang zweitausenddrei das wir, Jill und ich, in Russland den Hauptsitz der Biowaffenforschung von Umbrella vernichten konnten. Seither waren wir hinter deinem Vater her. Er hatte durch ein Virus überlebt, das er sich injiziert hatte und mich zu seinem Feind erklärt. Die Jagd schien kein Ende zu nehmen und dann…drei Jahre später im Herbst zweitausendsechs trafen wir auf ihn. Er hatte den Gründer der Umbrella Corporation Oswell Spencer getötet. Wir konnten gegen die Vieren in seinem Körper nichts tun. Er war zu stark, zu schnell für uns…" der Agent schluckte schwer, umschleierte böse Erinnerungen ,,…Dein Vater hat mir alles genommen. Er war Schuld an dem Tod unserer Freunde in jener Villa in den Arklays, er hätte meine Schwester beinahe getötet und er nahm mir in jener Herbstnacht in Europa die einzige Person, die ich je geliebt habe."
Jake überlegte: ,,Deine Frau?…"

Chris nickte.

Abrupt blickte der junge Mann verwirrt drein, dachte an die Frau vorhin an der Haustür zurück und schüttelte knapp den Kopf. Er zeigte mit dem Daumen hinter sich: ,,Aber, die Blonde da hinten, ist das nicht…"

,,Ja…sie war von Anfang an dabei, ich habe sie wieder gefunden, sie aus der Gefangenschaft Weskers befreit. Er hatte unzählige Menschen weltweit entführt, für seine kranke Forschung missbraucht…" Die Luft die er atmete brannte in Chris´ Kehle, als er an Jill in Afrika zurück dachte. Es tat noch immer so weh, wenn er sich erinnerte, ,,…zweitausendneun haben wir ihn in Afrika aufgespürt und…es endlich beendet." Seine Augen gingen zu Boden.

Jake schluckte, blickte ebenfalls auf den Stein unter seine Füßen.

,,…er hat dafür gebüßt, was er getan hat, er büßt wohl noch immer." Chris kannte die Wahrheit. Die geheime Wahrheit um Albert Wesker, die der Öffentlichkeit verwehrt geblieben war.

Schwer atmete Jake Muller durch, er glaubte Chris Redfield.

Er hatte Geschichten über Albert Wesker gehört, viele und er konnte erst jetzt verstehen, weshalb seine Mutter immer so abweisend gewesen war, als er nach seinem Vater gefragt hatte.

,,Mann…" hauchte Jake, ,,…Ich hätte nie gedacht, das es so was geben kann." Er hatte nie angenommen, dass das alles so dicht mit ihm verbunden war. Das Erbe seines Vaters lag unglaublich schwer auf den Schultern des jungen Mannes…


Chris hatte erwartet, das Jill sauer auf ihn war, das sie ihn ärgerlich und furiengleich anfahren würde, doch er wusste gleich, das er sich getäuscht hatte, da, kaum, das er zu ihr ins Wohnzimmer gekommen war und sie ihm erleichtert um den Hals gefallen war.

Sie atmete durch, schmiegte sich an ihn.

,,Alles okay, Liebling?"

Sie wirkte erstaunt: ,,Das fragst du mich?"

Chris wusste nicht recht, ob er es aussprechen sollte, er hatte Angst den schlafenden Hund doch noch zu wecken, doch tat es trotzdem nach einigen, kurzen Momenten: ,,Wieso nicht?…Ich hatte erwartet das du…naja…das du mir den Kopf abreißen würdest."

Jill löste sich von ihm, ließ ihre Hände auf seinen Oberarmen ruhen, fühlte seine Arme um ihre Taille. Sie schüttelte den Kopf: ,,Nein…das bin ich leid. Ich bin sicher, du weißt am besten, was du tust und wie ich darauf reagiere und ich weiß, das du auch weißt, wie mir die letzten zwei Stunden zumute war."

Chris nickte innerlich.

Ja, sie musste sich große Sorgen gemacht haben. Sie musste große Angst um ihn gehabt haben, das sah er noch immer in ihren Augen. ,,Komm her…" er zog sie zurück in seine Umarmung, hielt sie, spürte förmlich, wie eine Last ihr von den Schultern fiel.

,,…tut mir leid, Jill…"

Wie groß musste ihre Verwirrung sein. Wie verstört musste sie sein, nachdem sie Jake Muller begegnet war. Er war der wahrhaftige, leibliche Sohn ihres Tyrannen, Albert Wesker. Der Mann, der sie drei Jahre lang gefangen gehalten und gefoltert hat, sie als Forschungsobjekt missbraucht hatte.

Chris schluckte. Er ahnte, das all das auch in Jill wieder hervorgerufen worden war.

Sie schüttelte den Kopf: ,,So bist du nun mal." Dann atmete sie durch, löste sich einmal mehr von ihm, ging zum Sofa und setzte sich langsam.

Er tat es ihr gleich beobachtete sie, registrierte aufmerksam ihre plötzliche Blässe.

,,Wo ist er jetzt?"

,,Er ist gegangen, ich glaube, die Wahrheit setzt ihm zu." antwortete Chris.

,,Und er bleibt hier?" fragte sie dann.

Chris nickte: ,,Ja…und er wird so schnell auch nicht wieder verschwinden…" er erklärte ihr, was Jake hier zu tun hatte, was er mit der BSAA noch immer zu schaffen hatte. Das Rebecca es war, die während der Forschung für ein Antigen gegen das C-Virus ständig in Kontakt mit Jake stand.

,,…aber keine Sorge, du musst ihn nie wieder sehen."

Jill nickte.

Irgendwie wollte sie das auch nicht. Zu sehr glich Jake seinem Vater. Die Sonnenbrille, sie Nase, das Kinn, sogar die Körperhaltung und der Sarkasmus.

Sie sagte nichts, stützte nur ihren Kopf mit den Händen auf den Knien ab, strich sich das blonde Haar zurück.

Chris bemerkte das, konnte den Film praktisch ebenfalls sehen, der sich in ihrem Kopf abspielte. Ein Klassiker, eine Erinnerung. Er strich ihr behutsam über den Arm.

Sie schniefte leicht, drehte den Kopf und blickte wieder in seine Augen.

,,Kommst du damit klar?" wollte er wissen.

Jill stürzte die Lippen, setzte sich auf und zuckte mit den Schultern: ,,Ich muss wohl…" dann sah sie ihren Ehemann an, ,,…Was weiß er?"

,,Einzelheiten über Wesker, aber nur das nötigste über uns."

Sie nickte und dennoch konnte Chris erkennen, das ihr das nicht wirklich gefiel. Er wollte sie beruhigen: ,,Jill, ich glaube wirklich nicht, das er so ist wie sein Vater, aber ich werde ihn von dir und unserer Familie fern halten, keine Sorge…"

Sie nickte noch einmal, schwieg abermals. Beiläufig strich sie sich sanft mit einer Hand über den kleinen Bauch, während sie die andere neben sich gestemmt hatte.

Knapp nickte Chris, dann überwand ihn seine Sorge: ,,Bist du okay?"

Aus ihren Gedankenpfaden gerissen, sah sie ihm in die Augen: ,,Hm?"

,,Du bist blass um die Nase, fühlst du dich nicht wohl?" fragte er noch einmal.

,,Nein em…" Jill schluckte, schüttelte den Kopf um ihn zu beruhigen, ,,…nur ein leichter Anfall von Morgenübelkeit und Kopfschmerzen, das vergeht."

,,Willst du dich hinlegen?"

Sie schüttelte abermals den Kopf, untermalt mit einem sanften Lächeln, das sie ihm schenkte: ,,Ist schon okay, Chris…mach dir keine Sorgen um uns." Er hielt ihren Augen stand, wusste, das sie nicht nur sie beide und die Familie, sondern auch die Zwillinge meinte…