,,…gedenken heute all der tapferen Männern und Frauen, die im Kampf gegen den Bioterrorismus ihr Leben gelassen haben. Besonders geht unsere Erinnerung zurück an jene, die wir genau vor einem Jahr zu beklagen hatten…" Der Vorstandsvorsitzende der BSAA zählte einige Namen auf, viele und erst bei den letzten paar Namen registrierte Chris einmal mehr die Wirklichkeit, ,,…Marco Antonio, Paul Wingfield, Steven Meyers, Ben Airhard, Andy Walker, Carl Alfonso, den noch viel zu jungen Finn McCauley und Ausnahmeagent, einst bester seines Jahrgangs, Piers Nivans…"

Heute war die Gedenkfeier. Heute war der 30. Dezember und heute waren viele Menschen, viele Agents, Angehörige der Verstorbenen und viele Reporter anwesend.

Die Aula wäre zu klein gewesen, weswegen die Feier in einem Flugzeughangar abgehalten wurde.

Ganz vorne war das Rednerpult auf einem Podest aufgestellt, darunter all die Portraitbilder und Namen der Gefallenen. Blumen wurden von noch immer trauernden Angehörigen auf den Boden gelegt, Kerzen angezündet. Tränen flossen bei Witwen und Müttern. Es gab zwei Blöcke aus Stühlen, die in der Mitte durch einen Mittelgang getrennt wurden. Auf der einen Seite nahmen die Agenten der BSAA platz mit deren Familien, dort wo neben Chris auch Jill und Eric, Claire und Matt saßen. Das Baby schlief daneben im Kinderwagen und auf der anderes Seite dieses Mittelganges saßen all die Angehörigen der Verstorbenen. Und als alle Gäste platz genommen hatten, die Kameras der Reporter mitliefen, war die Gedenkfeier eröffnet worden.

Der neue Vorstandsvorsitzende der BSAA, Allen Summers, einst im Aufsichtsrat und nun ein etwas älter Mann, hatte, als Chris´ unmittelbarer Vorgesetzter, dann mit seiner Rede begonnen. Erst sachliche Fakten, neueste Untersuchungsergebnisse und dann war er übergegangen zu seinen jetzigen Worten.

,,…All diese Toten beklagen wir auch heute und ihr Andenken wird für immer in einer Steinernen Gedenktafel an der Vorderseite des Hauptquartiers der BSAA Washington zu sehen sein…Doch wir wollen heute nicht nur dem Verlust und der Trauer Aufmerksamkeit geben…" sprach Summers am Rednerpult weiter, ,,…Wir wollen heute auch die globale Katastrophe verinnerlichen, die diese ehrenhaften Männer mithalfen zu verhindern. Die massiven Biowaffenangriffe in Osteuropa waren vor einem Jahr nur der Anfang gewesen. Es hatte nur ein Vorbote zu den verheerenden Anschlägen in China und dem Anschlag auf dem Boden der vereinigten Staaten vor einem halben Jahr sein sollen, bei dem so viele unschuldige Menschen, selbst Präsident Adam Benford, dem Terror zum Opfer gefallen waren…Die Gefahr, dieses zweite Raccoon City konnte so hoffnungslos es auch anfangs schien, eingedämmt werden und so unfassbar war es auch, das man hatte die Seuche sich am verbreiten erfolgreich hindern können. All das verdanken wir den Männern und Frauen, die sich aufopferungsbereit dem Bioterror entgegen stellten und unter all denen wollen wir heute ganz besonders einen Mann ehren. Einen Soldaten, einen Captain und einen Helden…"

Chris schluckte. Er hasste es bei so etwas im Mittelpunkt zu stehen, fühlte er sich ganz und gar nicht heldenhaft.

,,…Vor einem guten Jahr, als vermisst im Einsatz erklärt, dann jedoch wieder gefunden durch unsere Außendienstagenten. Dieser Mann hat der trotz persönlicher Konflikte und Verluste, trotz der aussichtslosen Missionen, die sein gesamtes Team gefordert hatte, in Zusammenarbeit mit Agenten des Secret Service eine noch schlimmere Katastrophe abwenden können und…es ist allein diesem langjährigen Agenten zu verdanken, das die BSAA heute im Stande ist ein Heilmittel, ein Antigen zu entwickeln, so wie es auch schon einmal vor drei Jahren der Fall gewesen war, damit künftige Bioangriffe, künftige Mutationen, verhindert werden und damit noch so vielen Menschen im Ernstfall geholfen werden kann…" Summers Augen gingen zu Chris, ,,…Ihm dies anzuerkennen, verleihen wir ihm heute feierlich den `SilverStar´, für die jahrelange Treue, die größten Katastrophen in der Geschichte der BSAA zu verhindern und seiner eigenen Aufopferung, ein Leben im Dienstes des Landes zu verbringen. Zudem wird diesem Mann auch die `Medal of Honor´ verliehen…" er machte eine kurze Pause, ehe er die Hand ausstreckte, ,,…Ladies und Gentleman, Captain Christopher Redfield!"

Jill blickte umgehend zu ihrem Mann neben sich, drückte seine Hand und als er ihr in die Augen blickte, lächelte sie ihm zu. Sie wussten, das Chris diese Ehrung bekommen würde und sie wussten auch, das er selbst ein paar Worte dazu sagen musste, vor all den versammelten Leuten.

Chris nickte innerlich, dann stand er auf und ging durch den Mittelgang nach vorne. Claire und Matt tauschten einen Blick mit Jill.

,,Wo geht Daddy hin?" flüsterte Eric auf dem Schoß seiner Mutter.

Jill hielt ihn, flüsterte zurück: ,,Dein Dad war so tapfer im Krieg, das er dafür geehrt wird. Deswegen sind wir alle heute hier. Du, ich, Claire, Matthew und Kathryn."

Eric blickte wieder nach vorne, sah dem Geschehen zu. Auch Jill tat dies.

Sie sah, wie der Vorstandvorsitzende Chris die Medaillen überreichte, wie er sie nacheinander an die Uniform gesteckt bekam. Jill mochte ihn in seiner Uniform. Chris sah wirklich gut darin aus.

Erst der silberne Stern, dann die goldene Medaille mit dem blauen Band und Erinnerungen kamen in ihr Hoch. Sie selbst hatte auch so etwas bekommen.

Ihre Medaille war allerdings eine andere. Es war das `Purple Heart´.

Man hatte es ihr verliehen, wegen dem, was auf dem Spencer Anwesen in Europa geschehen war und ihr Vater hatte es entgegen genommen, als nur wenige Monate danach ihr leerer Sarg beerdigt worden war.

Zudem hatte sie, erst vor zwei Jahren die `Prisioner of War´ Medaille verliehen bekommen, für ihre Gefangenschaft in Afrika.

Für Jill waren es jedoch nur Metallstücke, es bedeutete ihr nichts und sie wusste daher auch, das Chris sich genauso wenig auf seine Auszeichnungen etwas einbildete.

Es klang immer so schön und feierlich, eine Ehrenmedaille zu bekommen, aber in Wahrheit steckte so viel mehr dahinter. Die Umstände die dazu führten, die Verluste, die man erleben musste, den Terror. So ein kleines Stück Metall mochte wohl für die Allgemeinheit viel bedeuten, man wurde von anderen dafür bewundert und verehrt, aber es half kaum gegen ein gezeichnetes Leben.

Es half nichts gegen ihre Alpträume, auch nicht gegen seine.

Chris räusperte sich, nachdem er seinem Vorgesetzten die Hand geschüttelt und sich selbst dann dem Rednerpult zugewandt hatte.

Er hatte zwar keine Angst davor, öffentlich zu reden, dennoch, er fühlte sich nicht wie dieser Held, den Summers beschrieben hatte und das würde er auch sagen. Die Wahrheit.

,,…Ich danke Ihnen…" begann Chris, wartete noch ein zwei Sekunden, um sich zu sammeln, dann fuhr er fort, ,,…aber es ist nicht nur daran einen einzigen Mann einen `Helden´ zu nennen…Um ehrlich zu sein, würde ich mich selbst überhaupt nicht als solcher bezeichnen…" sein Blick ging in die Gesichter seiner Kameraden, dann zu den Gesichtern der Familien seiner gefallenen Freunde, ,,…Als wir damals nach Edonia aufbrachen…hatte niemand von und gewusst, was auf uns zu kam. Jeder einzelne aus meinem Team, jeder einzelne Agent der BSAA hat seine Pflicht getan. Sie haben ihr leben gegeben für ihr Land, für…ihren Captain und ich würde heute nicht hier vor Ihnen stehen, wenn ich nicht solch verlässliche Freunde gehabt hätte…Das war jeder einzelne von ihnen. Ein Freund…und wenn es jemand unter all meinen Freunden verdient hätte diese Medaillen zu bekommen, dann wäre es Piers Nivans gewesen. Er war der wahre Held, er hat mein Leben gerettet, nicht nur in Edonia, auch in China, auf jede erdenkliche weise. Er behielt die Nerven, er war souverän…meine rechte Hand und ich bedauere seinen Tod sehr. Mein Freund hätte eine große Zukunft vor sich gehabt und ich stehe allein deswegen heute hier, um ihm die Ehre zu erweisen. Ihm allein verdanke ich es, wieder bei meiner Familie sein zu können, wieder an der Seite meiner Frau zu sein und ich werde sein Andenken für alle Zeit wahren…" Chris ließ den Blick weiter schweifen, bis er in Jills Augen blicken konnte.

Sie schniefte, wischte sich eine Träne aus dem Auge, sie war gerührt von seinen Worten.

,,…Dieser Krieg, der all jene gefordert hat, wird sicher niemals vorbei sein. Doch ich kann nur hoffen, das die BSAA dieses Antigen erschaffen kann, das wir nicht nur Zivilisten, sondern auch unsere eigenen Männer schützen können. Eine solche Katastrophe darf nicht noch einmal passieren, das sind wir nicht nur uns selbst schuldig, sondern auch unseren Söhnen und Töchtern und allen Generationen die noch folgen werden…Ich danke dem Vorstandsvorsitzenden Summers der hiesigen BSAA und all meinen Vorgesetzten für diese große Ehre und…" Chris holte noch einmal kurz Luft, ,,…ich danke meinen Freunden!"

Dann drehte Chris sich noch einmal zu Summers um gab ihm noch einmal die Hand und verabschiedete sich mit einem militärischen Gruß, ehe er die kleine Tribüne verließ, den Mittelgang hinunter zu seinem Platz zurück schritt.

,,Daddy!"

Chris sah auf, als Eric ihm grinsend entgegen gerannt kam, bückte sich lächelnd und hob den kleinen Jungen in die Arme. Er drückte ihn sanft an sich.

Alle anwesenden hatten zugesehen und Chris traute seinen Ohren kaum, als er das vertraute Geräusch von Händeklatschen hörte. Er sah sich verdutzt um, seine Kameraden, die Angehörigen der Verstorbenen, alle waren voller Respekt aufgestanden, applaudierten und Chris war jetzt doch gerührt…


Claire blickte auf ihre Armbanduhr, grinste und hielt noch immer die Hand von ihrem Verlobten: ,,Noch knapp vierundzwanzig Minuten bis Mitternacht…"

Matt grinste, nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. Carlos und Rebecca saßen ihnen gegenüber, daneben Chris und Jill.

Leon saß neben Angela am Kopfende des großen Tisches bei Barry, im geräumigen Esszimmer der Burtons.

Ja, Kathy und Barry waren wieder zusammen. Sie hatten heute, an diesem Sylvesterabend ihre Freunde zu sich eingeladen. Die Töchter der beiden waren ausgegangen und daher war Platz genug um zum einen das neue Jahr zu feiern und zum anderen ihre eigene Wiederversöhnung.

Barry hatte am frühen Abend trotz der noch immer winterlichen Schneedecke draußen seinen Barbecue angeschmissen.

Seither verbrachten die Freunde die gemeinsamen Stunden zusammen. Sie lachten, scherzten und redeten miteinander.

Kathy kam gerade aus der Küche zurück, brachte noch ein paar Knabbereien und stellte sie auf den Tisch, ehe sie wieder neben ihrem Ehemann platz nahm.

,,Na endlich mal wieder ein vertrauter Anblick." kommentierte Leon, als Barry seiner Frau einen Kuss auf die Wange hauchte.

,,Dem stimme ich zu…" Jill blickte zu Kathy, ,,…es freut mich für euch."

,,Ja, ihr könnt ja noch einmal heiraten…" Claire lachte vergnügt, während Matt ihr einen Arm um die Schultern legte.

,,Ach nein, das überlassen wir erst mal euch." entgegnete Kathy.

Angela drehte den Kopf zu Claire und Matt: ,,Ja, wann wollt ihr denn jetzt endlich heiraten? Kathryn ist ja jetzt da."

Das verlobte Paar blickten einander an, grinste und hielt einander an den Händen. ,,Anfang März…so hatten wir das geplant." sagte Matt.

Claire nickte eifrig, ehe sie ihren Bruder anblickte: ,,Ja und du, Chris, du wirst mich zum Altar führen, ja?…Nicht das du wieder verschwindest."

Chris lächelte, blickte kurz zu Jill, dann wieder zu seiner Schwester und nickte, ehe er sich auf seinem Stuhl zurück lehnte: ,,Aber sicher, Claire…keine Sorge, ich verschwinde nicht mehr."

Carlos hob beiläufig die Augenbrauen, verdrehte die Augen, ehe er an seinem Colabier zog. Dann senkte er den Kopf.

Claire lachte blickte dann zu Angela: ,,Ich möchte, das du meine Trauzeugin wirst…" dann sah sie zu Rebecca und dann zu Jill, ,,…euch beide möchte ich gerne als Brautjungfern - auch wenn ihr beide schon verheiratet seid…"

,,Okay…" sagte Rebecca.

Jill musste lachen: ,,Wenn ich bis dahin nicht geplatzt bin. Ich glaube nicht das ich in eines der Kleider passe die du für die Brautjungfern ausgesucht hast." Sie griff demonstrativ an ihren Bauch.

,,Von mir aus, kannst du auch in einem Schlafanzug kommen…" Claire lachte. Die Runde lachte mit ihr.

,,Ja, ich muss zugeben du bist ganz schön rund geworden." merkte Angela an.

Die Blondine lachte ihr zu: ,,Was glaubst du? Sie haben einen Bären als Vater…" Jill zeigt mit einem Kopfnicken in die Richtung von Chris.

,,Ey…" der Agent umgriff Jills Hüfte zog sie an sich und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals. Sie lachte, wandte sich leicht unter seinem Kitzeln, ,,…Hör auf mich zum lachen zu bringen, sonst muss ich nur wieder aufs Klo!"

Chris lachte ebenso, stoppte jedoch dann.

Der Spaß ebbte ab.

,,Hey Chris…" Barry wandte sich an ihn, ,,…Wie war es überhaupt? Wir konnten die Gedenkfeier der BSAA nur teilweise in den Nachrichten mitverfolgen."

Chris sah zu seinem Freund, atmete tief durch und zuckte mit den Schultern: ,,Wie so was eben laufen soll."

,,Seine Rede war episch." pflichtete Claire stolz bei.

,,Es war keine Rede…" Chris schüttelte den Kopf, blickte dann zu Jill, ,,…es war die Wahrheit."

,,Die haben sogar alle geklatscht und waren aufgestanden…" fügte Matt hinzu und blickte zu Barry, ,,…es war echt Gänsehaut pur und so was wird mein Schwager."

Chris lächelte leicht: ,,Ich bin normal ja nicht so der Typ der jetzt die Nase hoch hält, nur weil er einen Silver Star bekommen hat. Es ist nur ein Stück Metall und so krass sich das jetzt auch anhört, es bedeutet mir nichts."

,,Mir auch nicht, dennoch bin ich stolz auf dich, Liebling…" murmelte Jill, setzte sich auf ihrem Stuhl auf und hauchte ihrem Ehemann einen Kuss auf die Wange. Dann machte sich dran aufzustehen.

,,Wo willst du hin?" fraget Chris.

Jill stand auf und antwortete: ,,Ich muss mal für wieder werdende Mamas…"

Claire lachte, ebenso wie Angela und Kathy. Rebecca grinste, auch Leon, Carlos und Barry. Chris lachte leise, schüttelte amüsiert den Kopf.

,,Sehr komisch!" Jill verdrehte sie Augen, fuhr mit einer Hand beiläufig über die Schulter von Chris und wollte los.

,,Kannst du dann gerade nach den Kindern schauen?" wollte Claire wissen. Ihre Tochter und Jills Sohn waren schon vor zwei Stunden eingeschlafen und oben in ein Gästezimmer verfrachtet worden. Trotz des Babyfons das vor Claire stand, wollte sie sicher gehen.

Jill nickte: ,,Natürlich, ich bin gleich wieder da."

,,Beeil dich, sonst verpasst du Mitternacht." rief Rebecca ihr noch immer Lächelnd nach.

,,Ja, ja…" Jill wand ab, grinste jetzt selbst und machte sich dran durch die Küche nach oben zu gehen…


Es dauert ein kleines Weilchen, bis Jill ihren großen Bauch die Treppe hinauf geschoben, das Badezimmer besucht und nach den beiden Kindern gesehen hatte. Sie verließ gerade das Gästezimmer leise drehte sich um und stockte, als Carlos vor ihr stand.

,,Hey…" grüßte sie.

,,Hey…" er lächelte ihr zu.

Sie zog die Tür zu, wollte an ihm vorbei: ,,Musst du auch noch mal aufs Klo?"
,,Jup, hab zu viel Bier…" Carlos sah Jill an, ,,…kann ich kurz mit dir reden?"

Jill schien überrascht. Was gab es denn, das er mit ihr besprechen wollte: ,,Klar…kommst du mit runter? Es müsste gleich Mitternacht sein und…" Sie schon los, doch er griff ihr an den rechten Unterarm, um sie aufzuhalten

,,Eigentlich wollte ich mit dir unter vier Augen reden." er sah sie an.

Verdutzt, aber sich nichts dabei denkend nickte sie: ,,Okay? Geht es um Rebecca? Du kommst mir heute Abend so ruhig vor."

,,Nein, es geht mir gut, em…" Carlos sah ihr fest in die Augen, ,,…ich will nur, das es dir auch gut geht."

Jetzt verstand Jill überhaupt nichts mehr.

,,Sei mir nicht böse, wenn ich dich jetzt so direkt frage, Jill, aber…bist du zufrieden mit deinem Leben? So wie es jetzt ist?"
,,Was soll die Frage, Carlos?" sie war nicht erfreut darüber.

Er seufzte, schüttete den Kopf: ,,Ich verstehe es nicht, okay!…Chris war weg und du warst am Ende und jetzt wo er wieder da ist, ist alles wieder paletti?…Hast du ihm wirklich denn verzeihen?"

Jill fühlte sich völlig vor den Kopf gestoßen: ,,Wieso sagst du das auf diese Art?"

Der ehemalige Söldner lehnte sich gegen die Wand neben der Gästezimmertür: ,,Du weißt genau was ich von ihm halte."

,,Ja…" Jill nickte, ,,…das weiß ich nur zu gut, immerhin lässt du kein Treffen aus, um mir oder ihm das unter beweiß zu stellen."

,,Ich habe meiner Frau versprochen mich zurück zu halten, raus zu halten, aber ich habe euch zwei genau beobachtet und ich kann nichts dafür, ich glaube einfach, der Kerl ist nicht gut genug für dich. Er war es nie…"
,,Das du uns beobachtest, habe ich durchaus bemerkt…" Irgendwie gefiel Jill nicht, auf was er hinaus wollte, ,,…Glaubst du denn du wärest besser für mich? Da muss ich dich enttäuschen, schon wieder. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und ich bin glücklich mit Chris…präg dir das endlich ein!"

,,Jill…" Carlos blickte ihr in die Augen, ,,…ich kann nur nicht verstehen, was du an dem so findest! Der Typ hat dich im Stich gelassen! Er hat dich mit einem kleinen Kind allein dastehen lassen!"

Sie wartete keine zwei Sekunden mit der Antwort: ,,Er war verletzt, okay! Du kennst die Umstände nicht wirklich und ich muss dir auch darüber keine Rechenschaft abgeben." Ja, sie hatte schließlich nur Rebecca und Claire in ihren Verlust vor Chris´ Abreise damals eingeweiht, niemanden sonst, auch Carlos nicht und deshalb verstand sie, das er sie nicht verstehen konnte, er kannte nicht im geringsten die ganze Geschichte.

Ein amüsiertes Lachen entglitt ihm: ,,Glaubst du dir eigentlich selbst?…" er kam auf sie zu, ,,…Jill, ich habe es miterlebt, wie es dir ging, wie sein Verschwinden dich fertig gemacht hat, das war alles andere als normal, okay…und ich weiß, das du ihn nicht wolltest, ihn hasstest, als er zu dir zurück kam, sag mir also warum?"

,,Was?"
,,Warum bist du mit einem Stück Abschaum wie ihm wieder zusammen?"

Umgehend drehet Jill sich weg von ihm, wollte gehen: ,,Das muss ich mir nicht anhören!" Sie wollte die Treppen hinab, doch er griff ihren Arm, drehte sie zu sich zurück: ,,Sag es doch, gib es zu!"

Ärgerlich stieß sie ihren Freund von sich: ,,Hör auf damit, du bist angetrunken! Carlos, was ist nur los mit dir? Du benimmst dich wie ein eifersüchtiger Exfreund!…"

,,Einer muss es ja tun, ich hätte dich damals nicht aufgeben sollen, ich hätte um dich kämpfen sollen! Irgendwann hättest du ihn fallen lassen." er hielt ihren Augen stand.

,,Nein, niemals…" Jill schüttelte kaum merklich den Kopf, ,,…Kann sein, das ich ihn hassen wollte, das ich mich gegen ihn wehren wollte, aber ich kann es nicht! Nenn mich einen Feigling, wenn du so willst, nenn mich schwach, das ist mir egal…denn ich liebe ihn! Hast du das verstanden?…" sie sprach weiter, nach einer kurzen Pause, ,,…Ich habe ihn schon immer geliebt und ich werde ihn immer lieben. Er und die Kinder sind meine Familie."

Carlos sah unter sich, blickte auf ihren Bauch und wurde wütend: ,,Er hat dich wirklich gut angeleint. Dir ein paar Kinder zu machen…hätten wir beide vor deinem Aufbruch nach Russland damals kein Gummi benutzt, hätte ich dich vielleicht an mich leinen können."

Es verletzte sie. Sie wich zurück von ihm: ,,Du bist so widerlich, wenn du betrunken bist! Die Kinder sind nicht der Grund. Ich liebe dich einfach nicht auf diese Art, Carlos!…Ich mochte dich, momentan bin ich mir dessen allerdings nicht mehr so sicher und jetzt lass mich in Ruhe." Ein weiteres Mal machte Jill sich dran die Treppe hin ab zu steigen.

Carlos sah ihr hinterher, fuhr sich durchs Haar.

Was hatte er ihr gesagt?

Wut kochte in ihm auf, jetzt hatte er sie verärgert, er wollte sich entschuldigen, er wollte sie nicht verlieren.

,,Jill…" er folgte ihr. Eilig schritt er die Treppen hinab, holte sie unten auch schon ein und packte abermals ihren Arm, ,,…Chica, es tut mir leid!" Er drehte sie zu sich um, sie standen in dem Durchgangsflur zur Küche.

Ja, Jill war verletzt, das sah er ihr an, sie stieß ihn von sich: ,,Geh weg von mir, klar! Kümmere dich um deine Frau! Rebecca liebt dich, also hör auf mir nachzutrauern."

,,Chica…" er griff abermals nach ihr, war vertieft in ihren Blick, in ihr wunderhübsches Gesicht und er wusste nicht wie ihm geschah, als er sich nach vorne beugte, sie an sich zog und ihre Lippen mit seinen berührte.

Jill spürte es, hasste es. So sehr sie Carlos als Freund geschätzt hatte, so ekelte sie sich vor seinen Lippen. Sie wollte das nicht, fing an ihn instinktiv von sich zu drücken: ,,Carlos…Stopp…" Oh, was richtete er da nur an, er sollte von ihr weichen. Jill dachte an Rebecca.

Er drückte sie gegen die Wand, hielt ihre Arme davon ab sich gegen ihn zu wehren.

Sie musste ihn zurückdrängen, es war kein gutes Gefühl, die mochte seine Lippen nicht auf ihren spüren. Eine dicke, unangenehme Gänsehaut huschte durch ihren Körper.

Jill hob ihren Fuß und trat ihm kräftig gegen das Schienbein. Er keuchte, lockerte seinen Griff und Jill hob ihre Hand. Sie ohrfeigte ihn knallen und scharf, wütend blickte sie ihn an: ,,Nimm die Finger von mir und fass mich nie wieder an, klar!"

Jill wollte weg, zurück zu den anderen, doch stockte kaum, das sie sich umgedreht hatte. Sie weitet die Augen, Rebecca stand dort, in der Tür zur Küche.

Auch Carlos sah sie, hielt sich seine pochende Wange: ,,Becca…"


Die Ärztin hatte Schmerz im Gesicht stehen. Sie hatte es gesehen, keine Frage, sie hatte genau mitbekommen, was zwischen ihrem Ehemann und ihrer besten Freundin gewesen war. Sie war verletzt und fühlte sich betrogen, drehte sich um, ging zurück, den Flur hinab.

Jill warf Carlos einen wütenden Blick zu, ehe sie begann ihrer Freundin nachzugehen…

Rebecca hörte nicht auf Jills Rufen.

Sie sah die fragenden Blicke nicht, die all die anderen ihr zuwarfen, die sich mittlerweile bereits im Wohnzimmer versammelt hatten.

Sie hörte den Countdown im Radio bis Mitternacht nicht und auch Barry nicht, der sie fragte was los war, als sie ihren Mantel von der Garderobe im Flur schnappte, die Haustür anvisierte.

Jill folgte ihr noch immer, erreichte sie, kaum das Rebecca die Tür geöffnete hatte. ,,Becca! Warte!"

,,Lass mich in Ruhe, Jill!" sie entriss sich dem Griff der Blondine, ging weiter, durchquerte den Vorgarten.

Sie musste weg, einfach weg von hier.

,,Rebecca…" Jill folgte ihr abermals, ignorierte die frostige Kälte. Hinter ihr waren Chris und Barry zu sehen, Claire, Matt, Leon und die anderen, die nach draußen kamen um einerseits gleich das neue Jahr einzuläuten und um andererseits dem Treiben von Jill und Rebecca nachzusehen.

,,Rebecca bitte bleib stehen!" es war Jills Stimme, die plädierte, als auch Carlos sich so weit gefangen hatte und nach draußen kam, er musste es klar stellen, er musste sich bei seiner Frau entschuldigen. ,,Rebecca!" rief er, sah sie bereits den Bürgersteig überqueren, auf die Straße laufen, zu ihrem Wagen, der auf der anderen Seite geparkt war. Sie wollte gehen? Jetzt?

,,Was ist denn los mit euch?" fragte Barry den ehemaligen Söldner, als auch dieser an ihm vorbei rauschte, die Wiese überquerte.

Misstrauisch näherte sich Chris. Er wusste, etwas stimmt nicht.

,,Warte!" Jill war auf dem Bürgersteig betrat gerade die Straße, sah einen hellen Blitz von der Seite, drehte noch den Kopf und es war zu spät.

Sie schrie etwas. Reifen quietschen, der Wagen versuchte zu bremsen, rutschte allerdings durch die mit Schnee bedecke Straße. Scheinwerfer verschwammen vor ihren Augen und es gab einen dumpfen, heftigen Knall…

Mit Schrecken in den Gesichtern geschrieben sahen die Anderen die regungslose Frau am Boden, ihr Blut tränkte den Schnee, das Feuerwerk der Silvesternacht begann…