Müde und erschöpft stand Jill in der Küche. Sie kochte eine Suppe mit frischem Gemüse für ihren hungrigen Sohn, seufzte und rührte in der köchelnden Flüssigkeit, während sie sich mit der anderen Hand an der Küchenzeile abstützte.
Vor keiner halben Stunde, war sie aus dem Krankenhaus gekommen. Sie und Eric hatten wie jeden Tag Chris besucht.
Die letzten zwei Wochen war einfach nur schrecklich gewesen.
Während es Eric immer besser ging, ging es Chris immer schlechter. Er war sehr krank geworden und Jill hatte recht gehabt. Chris hatte sich mit Windpocken angesteckt.
Natürlich hatte sie ihm geglaubt, das er beteuerte diese Kinderkrankheit schon mal gehabt zu haben und Claire war es, die in einem Telefonat erzählte, das dies zwar stimmet, ihr Bruder aber nur eine sehr schwache Form gehabt hatte. So hatte das auch der Arzt bestätigt, zu dem Jill ihren Mann geschoben hat. Seine Erkrankung in Kindertagen muss wohl so leicht gewesen sein, das er keine Immunität erlangt hatte und das hatte nun wirklich niemand ahnen können.
Jetzt musste er selbst dafür büßen. Noch nie zuvor hatte Jill ihren Chris so schwach gesehen. Selbst mit den schlimmsten Wunden nach einem Einsatz hatte sie ihn nicht so erlebt.
Sie hoffte, das die Medikamente ihm halfen, wollte sich nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn sich die durch die Windpocken ausgelöste Pneumonie auch noch verschlimmern würde.
Ja, Chris hatte mittlerweile auch eine beidseitige Lungenentzündung bekommen. Es hatte schon ein paar Tage nach der Windpockenerkrankung angefangen. Er hatte erst schlecht Luft bekommen und dann kaum noch atmen können, der Husten war so schlimm gewesen. Jill hatte alles getan, um ihm zu helfen. Sie hatte Medikamente besorgt, sie hatte sich um den fast genesenen Eric, den Hund und den Haushalt am Tag und in der Nacht auch um ihren kranken Mann gekümmert, doch sie war nun mal keine Ärztin. Irgendwann war sie am Ende mit ihrem Latein und als es ja dann los ging mit seiner Atemnot zu dem ohnehin schon hohen Fieber, hatte sie richtig Angst bekommen.
Jill wusste sich nicht anders zu helfen, als ihren Ehemann ins Krankenhaus zu fahren.
Sie wusste das Chris es hasste krank zu sein, sie wusste auch, da er es hasste sich so hilflos fühlen, doch Jill hatte nicht länger zusehen können. Sie hatte etwas unternehmen müssen, war sie ihm zuhause eben nicht Hilfe genug.
Es war nicht selten, das eine Windpockenerkrankung bei Erwachsenen zu diesen Komplikationen führen konnte, das hatte ihr der dortige Arzt erklärt und man hatte Chris auch gleich im Krankenhaus behalten.
Allerdings war es jeden Tag so schwer Chris auf diese Weise zu sehen, sein Zustand hatte sich noch nicht gebessert.
,,Mama…" Eric kam aus dem Wohnzimmer, in die Küche, sah seine Mutter an und wartete bis sie den Kopf zu ihm drehte, ,,..hab Hunger…"
Jill nickte, strich mit einer Hand über den Kopf des Kindes: ,,Bin gleich fertig, Schätzchen…"
Große blaue Augen musterten sie. Auch das Kind merkte, das etwas nicht stimmte, fehlte ihm sein Vater genauso. Es war auch für ihn schwer, seinen Vater nach einem Besuch jeden Tag aufs neue zurück lassen zu müssen. ,,Wann kommt Daddy wieder heim?"
Sie stürzte die Lippen, erinnerte sich nur ungern an die Worte des Arztes: ,,Ich weiß nicht…"
,,Ist das meine Schuld?"
Umgehend blickte Jill ihren Sohn an, schüttelte den Kopf: ,,Aber nein, Baby…diese Krankheit war schuld…aber dein Daddy ist im Krankenhaus gut aufgehoben, die machen ihn schon wieder gesund."
,,Versprochen?" Eric hielt ihrem Blick stand.
Jill atmete durch, wandte sich zu, Topf auf dem Herd und zog ihn von der Platte, nachdem sie diese ausschaltete. Sie gab keine Antwort, weil sie es selbst nicht wusste. Eine Lungenetzündung war nun mal…
Wie sollte sie ihrem Kind erklären, das diese Krankheit Menschen im schlimmsten Fall töten konnte? Sie wollte ihren Sohn nicht unnötig beunruhigen, ihm aber auch nicht das Blaue von Himmel versprechen.
,,Komm, iss etwas…" zu ihrem Glück war das Essen fertig.
Jill stellte den Topf auf die Spüle, schöpfte die Suppe auf einen Teller und ging mit ihrem Sohn zum kleinen Küchentisch.
Ein Löffel lag bereits an Erics Platz.
,,Magst du auch Brot dabei?"
Das Kind schüttelte den Kopf: ,,Nein, nur Suppe…" er lächelte knapp, freute sich auf die Mahlzeit. Er mochte diese Suppenart besonders, da die Nudeln die Form von kleinen Tieren hatten. Jeder Löffel ließ ihn etwas neues entdecken.
Jill setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, es tat gut endlich mal wieder zu sitzen.
,,Mama, hast du keinen Hunger?"
Sie schüttelte den Kopf, ihre Hand strich über ihren Bauch, das Ziehen plagte sie schon wieder. Es waren nicht die Tritte ihrer Zwillinge, nein, es war ein unangenehmes Gefühl, fast Krämpfe. ,,Nein, iss nur, Eric…" Jill atmete durch, versuchte ihr Unwohlsein vor ihm zu verbergen. Sie schluckte, legte sich eine Hand an die Brust, dann atmete sie tief durch, wartete bis die Übelkeit abklingen sollte. Doch dem war nicht der Fall.
Im Gegenteil.
Jill wurde mit einem mal so richtig anders. Sie fühlte ihren Magen sich umdrehten, bemerkte dieses komische Gefühl in ihrer Kehle und wie von einer Tarantel gestochen, erhob sie sich, stürmte aus der Küche.
Eric blicke ihr erschrocken hinterher, hörte, wie die Tür zum Badezimmer zufiel und rutschte von seinem Stuhl. Er ging nicht recht wissend, was er denken sollte in den Flur, blickte zu der Badezimmertür neben der, die in den Keller führte.
Seine Mutter hustete, etwas plätscherte. Der Junge konnte noch nicht deuten, was vor sich ging, doch er machte sich so seine Gedanken. War seine Mama etwa auch krank?
Musste sie etwa auch ins Krankenhaus, so wie sein Papa? Dann wäre er ja ganz allein. Eric wollte nicht allein sein, lieber würde er mitgehen wollen.
Er wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, bis seine Mutter das Badezimmer wieder verließ, doch gleich musterte er sie ängstlich und irritiert.
Jill stockte als sie ihn da stehen sah, beugte sich etwas zu ihm runter, stützte ihren Oberkörper dabei auf ihren Knien ab: ,,Hey…" sie atmete durch, ,,…was ist denn los?"
Mit Sorge in den Augen sah er sie an: ,,Gehst du auch ins Krankenhaus?…"
Verwundert blickte sie in seine Augen: ,,Was?…Nein. Wie kommst du darauf?"
,,Du bist auch krank…"
Jill schluckte. Ihr ging es zwar etwas besser, aber noch immer war ihr flau im Magen. Sie schüttelte den Kopf: ,,Nein, ich bin nicht krank. Keine Sorge, ich geh nirgendwo hin, versprochen, nur weißt du…" sie blickte kurz zu ihrem Bauch, rieb sich über die Rundung, als eines ihrer Kinder rebellierte, ,,…manchmal fühle ich mich nicht ganz okay, verstehst du? Das geht aber wieder vorbei."
Erics Augen gingen zu ihrem Bauch: ,,Mama, warum ist dein Bauch so dick geworden?"
Jill hob einen ihrer Mundwinkel. Sie hatte erwartet diese Frage irgendwann gestellt zu bekommen. Immerhin war ihre Mitte in den letzten Wochen regelrecht explodiert. ,,Du weißt doch, das wir…also Chris und ich dir erzählt haben, das deine Geschwister in meinem Bauch sind, so wie du auch einmal…"
Eric nickte und sie sprach weiter, ,,…Nun, zuerst waren sie ganz klein, aber die wachsen, werden größer…Das war bei dir genauso und da dieses Mal deine beiden Geschwister auf einmal drin sind, brauchen sie ein bisschen mehr platz, als du ihn damals gebraucht hast." Sie beobachtete ihn genau, sah, das er ihr folgen konnte.
,,Wann kommen die denn da raus?…" wollte Eric wissen, ,,…Will mit ihnen spielen."
Erneut musste Jill hauchzart lächeln: ,,Das dauert noch ein Weilchen…wenn die beiden da raus kommen sind sie nicht größer wie deine Cousine Kathryn…"
Eric stürzte die Lippen, überlegte und nicke dann: ,,Ich spiele so lange mit Jack…Kann ich morgen wieder in den Kindergarten spielen gehen?"
Jill nickte. Sie wusste er meinte den Nachbarsjungen und sie wusste auch, wie gerne ihr Kind in den Kindergarten ging. ,,Ja…du bist wieder gesund und morgen bringe ich dich wieder hin, okay?"
Er grinste.
,,Jetzt geh, iss deine Suppe auf, ja?"
Eric jubelte aufgemuntert und hüpfte zurück in die Küche…
Jill lag schon im Bett. Zufrieden und dankbar war sie in die Kissen gesunden.
Es war kurz nach zehn und sie war auch der Annahme, das ihr Sohn bereits schlafen würde, doch sie irrte sich, denn er kam in ihr Schlafzimmer geschlurft, seinen Teddy unter dem Arm.
Sie hob erschrocken den Kopf, erkannte jedoch die Gestalt: ,,Eric!…Warum schläfst du noch nicht? Ist alles in Ordnung?"
Er kam näher, schmollte: ,,Kann ich bei dir schlafen?"
Jill stemmte sich auf den Ellenbogen. Sie sah ihrem Kind an, das er seinen Vater vermisste, Himmel, ihr ging es ja genau so. Sie schlug die Decke zurück und ließ es zu, das Eric auf die Seite von Chris krabbelte.
,,Du hast ganz kalte Füße…" sie stellte sicher, das der kleine Junge gut zugedeckt war, ,,…besser?"
Eric nickte, lächelte dann. Er hatte zugesehen, wie seine Mutter ihn zudeckte, sein Blick ging auf ihren Bauch: ,,Kann ich mal Baby hören?"
Sie seufzte, ließ die Schultern hängen: ,,Aber dann wird geschlafen, okay? Morgen willst du doch fitt sein, wenn du mit den anderen Kindern im Kindergarten spielst." Jill sah zu, wie er sich wieder hochstemmte, sein Ohr neben seine kleine Hand an ihren Bauch legte. Natürlich konnte er nichts hören, aber es gefiel dem Jungen und wenn sie ehrlich zu sich war, liebte sie diesen Anblick. Es hätte ewig andauern können.
Nur einer fehlte zu ihrem perfekten Glück.
Chris…
Leise und still saß sie an seinem Bett. Sanft hielt Jill seine Hand.
Chris schlief.
Jill war dankbar dafür. Er brauchte Ruhe, noch immer war er so blass, noch immer hatte er hohes Fieber. Eine Infusion mit Medikamenten hing an seinem linken Arm, ein Sauerstoffschlauch an seiner Nase.
So eingehüllt in die weißen Laken, das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie gab zu, das sie vor lauter Sorge am liebsten anfange würde zu heulen.
Es war unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen war. Schon über eine ganze Woche war er hier im Krankenhaus. Es war das selbe in dem auch Rebecca lag, doch Jill hatte es noch nicht geschafft sie zu besuchen.
Sie fühlte sich schäbig, nicht bei ihrer Freundin gewesen zu sein, aber egal, wie nahe sie Rebecca auch stand, der Mann den sie liebte hatte immer Vorrang bei ihr.
Tief atmete sie durch, ihr Blick verlor sich in der Leere des sonst kahl eingerichteten Krankenzimmers. Es war fast ein Fluch, der auf ihr lag.
Erst ihre Fehlgeburt, dann Chris´ katastrophale Mission in Edonia, sein Koma, sein Verschwinden, ihre Depressionen, dann Erics Lungenentzündung im letzten Jahr und als sie glaubte, es würde endlich aufwärts gehen, hatte mit Rebeccas Unfall alles wieder von vorne begonnen. Nicht nur, das Eric an Windpocken erkrankt war, nein, jetzt lag auch Chris richtig flach. Er war im Krankenhaus! Sein Zustand war ernst, sonst würde sein Arzt ihn nicht hier behalten.
Jill wusste nicht mehr, was sie noch tun sollte. Irgendetwas bestrafte sie, so musste es sein, denn so viel Mist, kann einem doch gar nicht widerfahren. Vielleicht war es doch ihre Strafe dafür, was sie alles angerichtete hatte. Freie Wille hin oder her, es war durch ihre Hand passiert, all das Übel, das Wesker einst über die Welt verbreitet hat, verbreiten wollte.
Schwer seufze sie.
Müdigkeit lag in ihren Gliedern.
Plötzlich dann nahm sie Bewegungen an ihrer Hand wahr, blickte auf und sah, das Chris aufwachte.
Blinzelnd schlug er die Augen auf. Er brauchte sehr lange, um richtig wach zu werden, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Jill bemerkte das.
Sanft strichen ihren Finger über seinen Handrücken und als seine Augen, dann endlich ihre trafen, rang sie sich zu einem Lächeln. Es war jedoch mehr von Kummer und Traurigkeit durchzehrt, als sie es wollte.
Chris sagte nichts, es war ihm einfach nur genug, Luft holen zu können und bei jedem Einatmen schmerze es noch immer.
,,Hey…" Jill sah unter sich, auf ihre beiden Hände. Sein stetig röchelnder Atem beunruhigte sie.
,,Jill…" ihm fielen noch einmal die Augen zu.
Sie blickte auf zu ihm, ihre Hand strich ihm über die warme Stirn. ,,Ich hatte gehofft…" sie stürzte die Lippen, ,,…Ich hatte gehofft, es geht dir heute besser…"
Fragende Augen musterten seine. Chris versuchte wach zu bleiben, versuchte ein Lächeln, sie aufzumuntern: ,,Ich bin…okay…" Das sagte er immer, doch augenblicklich spürte er den Reiz in seinem Hals. Er schaffte es noch sich etwas zur Seite zu drehen, weg von ihr, bevor der Husten ihn heim suchte. Seine freie Hand legte er schützend vor seinen Mund, das krampfhaft Husten tat höllisch weh in seiner Brust.
Besorgt legte sie ihm eine Hand an die Schulter.
Hastig schnappte Chris nach Luft, als es vorbei war. Er drehte sich wieder zu seiner Frau, sah die Angst in ihren Augen: ,,Ist okay…" er atmete durch, hatte das Gefühl einfach nicht genug atmen zu können, ,,…okay…"
Jill schüttelte den Kopf, hielt seine Hand ganz fest: ,,Nein…ist es nicht…" sie seufzte, ,,…Ich sehe doch, wie schlecht es dir geht…" Sie musste sich wirklich zusammenreiße, um es nicht heraus zu schreien. Sie hasste es, ihn so krank zu sehen.
,,Wo ist Eric?"
Sie schniefte, war froh, das er das Thema umlenkte: ,,Er ist wieder im Kindergarten…" ein schwaches Lächeln zierte ihre Lippen, ,,…er hat sich richtig gefreut."
,,Ist er auch artig?" Erschöpft sah Chris Jill an. Gerade erst wach geworden, fühlte er sich noch immer so schwach, als hätte er den härtesten körperlichen Kampf seines Lebens gefochten.
,,Er ist ein Engel…" erzählte sie, ,,…gestern Abend, er konnte wohl nicht schlafen oder so…jedenfalls ist er zu mir gekommen, hat in unserem Bett übernachtet. Es ist so süß zu sehen, wenn er versucht seine Geschwister in meinem Bauch zu hören."
Einer seiner Mundwinkel hob sich: ,,Hört er denn was?"
Jill schüttelte den Kopf: ,,Nein…aber er hat sie gefühlt…"
Chris drehte den Kopf zu ihr, sah zu ihrem Bauch und streckte seine Hand danach aus. Er fühlte ihre Wärme, selbst durch den Pullover.
Es war nicht fair.
Sehnsucht plagte ihn, quälte ihn.
Er müsste zu hause sein, bei ihr, sie unterstützen, einfach nur da sein, doch das war wohl seine Strafe dafür, das er sie damals so schändlich im Stich gelassen hatte.
Jill war seinem Blick gefolgt, ließ ihre Hände auf seinem Unterarm liegen: ,,Ich weiß…" Es war als konnte sie seine Gedanken lesen.
,,Wie geht es dir?…Euch?"
Sie hob einen ihrer Mundwinkel: ,,…Die beiden ärgern mich, vermissen ihren Daddy auch…" Jill verschwieg, das es ihr nicht gut ging, auch verschwieg sie, das sie vor ein paar Tagen noch mal, außer der Reihe beim Arzt war. Sie wollte nicht, das Chris sich unnötig Sorgen machte.
,,Ich vermisse euch auch…alle fünf…"
Jill nickte: ,,Du wirst wieder gesund, es dauert nur ein Weilchen, aber ich weiß es…immerhin hast du mir versprochen mich nie mehr allein zu lassen."
Chris war amüsiert, auch wenn er es unter einem erneuten Husten nicht zeigen konnte. Oh, wie elend war ihm. Kopfschmerzen begannen hinter seiner Schädeldecke zu pochen.
,,Warst du…" er schluckte und schöpfte Atem, ,,…Warst du schon…bei Becca?" Wenn er sprach glaubte man, er wäre gerade einen Marathon gelaufen und zum stehen gekommen.
Sie schüttelte den Kopf: ,,Nein…ich hatte es aber heute vor, da Eric ja wieder in den Kindergarten darf…Ich weiß noch nicht, was ich sagen soll…Claire hat mir erzählt, das Beccca sich an nichts erinnert und Carlos ihr das geschehene vorenthalten will…"
,,Immer noch?"
,,Ja…"
,,Dann sag, was du für das Beste hältst…es wird es schon richtig sein…" ihm fielen die Augen zu, er hustete erneut.
Jill dachte über seine Worte nach. Sie mochte es nicht Rebecca zu belügen, wusste noch nicht wie sie reagieren würde. Wieder blickte sie zu ihm, nahm seine Hand in ihre, küsste seinen Handrücken. ,,Ich liebe dich, Chris…" Doch er war bereits wieder eingeschlafen…
Ehrfürchtig betrat Jill nur zwei Stockwerke tiefer das Krankenzimmer von Rebecca nachdem sie angeklopft hatte und zu ihrem Überraschen lächelte die jüngere Frau bis über beide Ohren: ,,Jill!"
Die Blonde entgegnete das Lächeln sofort, kam zum Bett, setzet sich auf die Kante und beide Frauen umarmten sich.
Jill war erfreut darüber, das es ihrer Freundin wieder relativ gut ging. Seit knapp zwei Wochen war Rebecca nun schon aus dem Koma erwacht.
,,Wie geht es dir, Becca?…" fragte Jill, als sie sich von ihr löste, ihre Freundin musterte, ,,…Du siehst wieder ganz okay aus."
Die Ärztin nickte: ,,Ja…ich war noch ziemlich am Ende in der Aufwachphase, aber seit der letzten Woche hat sich mein Zustand enorm verbessert…nur mein Bein braucht noch ein Bisschen, bis es wieder ordentlich zusammen gewachsen ist…" sie lächelte, deutete auf den Bauch der Schwangeren, ,,…Du siehst aber auch gut aus. Den beiden geht's wohl prächtig, was?"
Ein nicken gab Jill nur von sich und Rebecca sah ihren schuldbewussten Blick. ,,…Komm schon…" sie wusste, auf was Jill anspielte, ,,…guck nicht so. Du kannst ja nichts dafür, das hat mir Carlos alles schon erzählt."
Jill sah unter sich. Sie konnte nicht lügen: ,,Rebecca, ich…" sie schüttete schon den Kopf, doch es war die Hand ihrer Freundin, die sie zurück hielt.
,,Nein, ist schon gut…" Rebecca hatte ihre Hand ergriffen, ,,…Ich verstehe, das du erst jetzt kommen kannst. Claire hat mir alles erzählt über Erics Windpocken und…Chris…wie geht es ihm?"
Die Blonde Frau schwieg, zuckte nur mit den Schultern.
,,Der macht das schon, du wirst sehen. Es gehört mehr dazu, einem Chris Redfield schaden zuzufügen…wenn mein Doc mir das Okay gibt, werde ich ihn besuchen gehen. Vielleicht auch schon heute Nachmittag. Ist ja nicht allzu weit."
Schwer atmete Jill durch, sie nickte auf die Worte ihrer Freundin hin, doch wollte eigentlich etwas anderes ansprechen. ,,Becca, em…" sie blickte ihr in die Augen, ,,…Was genau hat Carlos dir gesagt?"
,,Er hat mir erzählt, das wir alle auf dem Weg nach draußen waren, wollten uns das Neujahrsfeuerwerk angucken…" Rebecca schluckte kurz, ,,…Naja, ich habe nach oben gesehen und bin dabei auf die Straße gegangen, ich hätte das Auto nicht kommen sehen. Carlos hat noch nach mir gerufen, so wie du auch, doch da war es schon zu spät."
Jill zog die Augenbrauen zusammen: ,,Und davor? Bevor wir nach draußen gehen wollten…"
,,..Da haben wir bei den Burtons gesessen, über alles mögliche geredet…"
,,…und du kannst dich an rein gar nichts mehr erinnern?"
,,Nein, wieso fragst du?" wollte Rebecca wissen.
Jill sah unter sich.
Sie wusste das Carlos das tun wollte, sie wusste, das sie vielleicht nicht das recht dazu hatte, Rebecca die Wahrheit zu sagen, aber genauso wenig wollte sie lügen. Wenn Carlos sich bis jetzt noch nicht dazu durchgerungen hatte die ganze Wahrheit zu sagen, würde er es auch vielleicht nie tun, nur um irgendwelchem Ärger aus dem Weg zu gehen, denn es war klar, das Rebecca mehr als wütend sein würde. Jill machte sich darauf gefasst gehasst zu werden.
,,Jill?…" die Ärztin war nicht dumm, konnte sich das Verhalten ihrer Freundin leicht zusammenreimen, roch den Braten, der im Ofen schmorte, ,,…Gibt es da etwas, das ich wissen sollte? Carlos hat mir doch schon alles erzählt, oder etwa nicht?" Sie schämte sich fast dafür, so etwas über ihren Ehemann zu denken, doch sie konnte sich nicht helfen, sie hatte selbst an der Story gezweifelt, immerhin konnte man ja nicht so dumm sein. Sie zumindest nicht.
,,Na?" fragte Rebecca nochmals, um ihre Freundin zum reden zu bringen.
,,Ich kann nicht glauben, das er es dir verschwiegen hat…" begann Jill, schüttelte kaum merklich den Kopf.
Stutzig betrachtete Rebecca sie: ,,Was? Sag es mir!"
,,Ich weiß nicht, ob ich…" begann Jill, doch mit einem Ruck hatte Rebecca sich aufgesetzt, fasste an die Hand der blonden Frau und unterbrach sie: ,,Sag es mir!"
,,Er hat gelogen…" und Jill tat es, sie sprach es einfach aus, sah in die Augen ihrer Freundin, ,,…Die Kinder schliefen oben, ich ging um nachzusehen. Carlos hat mich abgefangen, mir eine Szene gemacht…wegen Chris…" sie atmete schwer durch, ,,…Er hat mich…geküsst und ich habe ihm eine gescheuert…Du hast es gesehen und deswegen bist du auf die Straße gelaufen, deswegen ist der Unfall passiert…"
,,Was redest du da?…" Rebecca konnte es nicht glauben, sie wollte es auch nicht, ,,…Carlos liebt mich! Wieso sollte er dich küssen? Du bist mit einem anderen Mann verheiratet, bekommst dessen Kinder. Carlos will schon seit langem nichts mehr von dir."
,,Du irrst dich, Rebecca…und es tut mir leid, dir das so sagen zu müssen. Glaub mir, ich konnte es selbst kaum glauben. Chris und Carlos hatten eine Schlägerei, nachdem du ins Krankenhaus gebrach wurdest, sie reden seitdem kein Wort mehr miteinander."
Rebecca entzog ihr ihre Hand, schüttelte den Kopf: ,,Das glaube ich nicht. Das fantasierst du dir zusammen, Jill. Mein Mann würde so etwas niemals tun!"
Die Blonde sah unter sich: ,,Auch wenn du mir nicht glaubst, solltest du ihn fragen. Carlos hat einiges angestellt an diesem Abend, er hat sogar meine Kinder gefährdet und sicher, es tut ihm leid, das weiß ich, trotzdem kann ich nicht mit ansehen, wie dich alle anlügen."
,,Und warum hat mir Claire nichts davon gesagt? Oder einer der anderen?…" Rebecca war verärgert, schüttelte den Kopf, ,,…Nein, Jill, ich glaube dir nicht. Du kommst nach geschlagenen fünfzehn Tagen zum ersten Mal um mich zu besuchen und willst mich gegen Carlos aufstacheln?"
Jill blickte auf, zu ihr, glaubte beinahe nicht, was ihr unterstellt wurde: ,,Das ist Unsinn und du weißt es! Ich will dich nicht aufstacheln, ich will nur nicht, das du verletzt wirst, denn das wirst du sein, wenn du es herausfindest…"
,,Ach komm schon Jill!…Carlos würde nicht lügen, das weißt du…und ich bin sicher, an deiner Geschichte ist kein Körnchen Wahrheit. Vielleicht bereust du jetzt auch, das du dich damals für Chris entschieden hast und deshalb versuchst du…"
,,Was?…" jetzt war Jill sauer, ,,…Ich versuche was? Dir Carlos weg zu nehmen?…Danke, nein, du kannst ihn behalten. Chris ist der Mann meines Lebens und das solltest auch du nach all den Jahren begriffen haben…ich meine, Gott, Rebecca! Du bezichtigst mich dich anzulügen? Was is in dich gefahren? Du bist meine beste Freundin!"
Die Brünette nickte: ,,Eben drum…" sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust, ,,…ich hätte das von dir niemals gedacht, Jill."
,,Aber…aber ich lüge nicht und…ich will auch nichts von Carlos…Nie!"
,,Und doch hast du einmal was mit ihm gehabt, nicht wahr?" Herausfordernd blickte Rebecca die Schwangere an.
Ertappt war nicht das richtige Wort, aber Jill fühlte sich irgendwie irritiert: ,,…Das eine Mal? Das liegt jetzt fast zehn Jahre zurück und…es war nicht mehr als ein…ein One-Nite-Stand, das habe ich deinem Ehemann auch klipp und klar mitgeteilt, nur leider hat er es anscheinend nicht begriffen!"
,,Ich kenne ihn und ganz gleich, was du sagst, Jill, du wirst das nicht ändern können. Ich glaube Carlos…" sie sah der Blonden in die blauen Augen, ,,…er hätte dich niemals geküsst. Er steht doch auch überhupt nicht auf Blondinen!"
Jill glaubte irgendwo falsch abgebogen zu sein. Sie konnte nicht verstehen, das Rebecca ich nicht glauben wollte. ,,Nach allem was war, wie nahe wir uns stehen, Rebecca, kann ich nicht glauben, das du mir nicht vertraust…Ich will dir nichts kaputt machen, ich will dir nur helfen, bevor es schlimmer wird. Carlos sollte ehrlich zu dir sein und…"
,,Jill halt die Klappe okay!…" Rebecca war wütend, zog die Augenbrauen eng zusammen, ,,…Wir wissen doch alle, was du hinter dir hast…Ich habe Verständnis dafür, wenn deine Psyche sich Dinge einbildet, die es nie gegeben hat, aber lass mich in Ruhe, okay!" Sie sträubte sich, einzusehen, das Jill vielleicht nicht unrecht hatte, das ihr eigener Ehemann vielleicht doch noch nicht über Jill Valentine hinweg war, so wie sie es schon vor Monaten bemerkt hatte.
,,Eingebildet?…Rebecca, ich habe mir nichts eingebildet, ich…"
,,Ach, es wäre alles so viel einfacher gewesen, wenn du niemals zurück gekommen wärest…" es waren nur fast leere Worte, doch zu spät bemerkte Rebecca deren Worte, stockte und blickte in die Augen von Jill. ,,…das heißt…" versuchte die Ärztin noch zu retten, ,,…em…ich meinte das nicht so…"
Jill hatte den Stich deutlich gespürt.
Diese Worte hatten ihr weh getan, sie tief drin verletzt und sie schluckte, hallten ihr die Worte ihrer Freundin noch im Geiste nach. ,,…Doch…" Jill atmete durch, ,,…Man sagt nicht einfach etwas, was sich nicht in einem anstaut…" sie blickte kurz unter sich, ,,…ich habe nicht gedacht, dass…" Jill brach ab, erhob sich, ,,…Tut mir leid, wenn ich eine Last für dich war…bin…"
Rebecca schüttelte den Kopf: ,,Das stimmt nicht, Jill, ich…"
Die Blonde nickte, ließ ihre Freundin nicht weiter sprechen: ,,Ich sehe es jetzt…Vielleicht war es einfach zu viel anzunehmen du wärest meine Freundin…" Noch einmal sah sie der jüngeren Frau in die Augen. Ihre Brust fühlte sich verdammt eng an, schnürte ihr sämtliche Luft ab. Sie konnte es nicht mehr ertragen hier zu bleiben, wo sie so unerwünscht zu sein schien. Jill ging…
…und Rebecca legte umgehend den Kopf nach hinten, ins Kissen. Im Geiste schlug sie sich gegen die Stirn, wieso hatte sie auch diese Worte wählen müssen?
Wieso machte sie sich eigentlich Vorwürfe? Jill war doch diejenige gewesen, die hier rein geplatzt war und nur wirres Zeug geredet hat. Sie war doch selbst dran Schuld, oder?
Es klopfte noch einmal, Claire trat ein.
,,Hi, Becca…"
,,Hey, Claire…" Rebecca setzte sich wieder auf, ,,…Du schon hier?"
,,Ja…ich habe Chris kurz Hallo sagen wollen, aber er schlief schon wieder, von daher komme ich zu dir…" Die langhaarige Frau trat näher, legte ihre Jacke über den Stuhl am kleinen Tisch, ,,…Wo wollte Jill denn so eilig hin? Sie hat nicht mal zurück gegrüßt."
Ertappt blickte Rebecca unter sich, zuckte mit den Schultern: ,,Keine Ahnung, vielleicht hat sie noch was vor."
Claire nickte, dachte sich nichts weiter dabei und setzte sich zu ihrer Freundin auf die Bettkante, genau dort hin, wo vorhin Jill noch gesessen hatte: ,,Jedenfalls hat sie es endlich mal geschafft vorbei zu kommen. Ich habe ja letzte Woche noch mit ihr telefoniert, sie hatte einiges um die Ohren. Zuerst Eric, dann Chris, du kannst es dir ja sicher denken…"
,,Claire…" Rebecca unterbrach sie, noch immer war sie ärgerlich, ,,…sei mir nicht böse, aber ich möchte nicht wirklich über Jill reden."
Jetzt war Claire irritiert: ,,Wieso? Ihr seid doch Freunde, oder…" sie erinnerte sich an Jills raschen Abgang, ,,…ist etwas vorgefallen? Ich bin nicht blöd, immerhin siehst du etwas angesäuert aus."
Rebecca schüttelte den Kopf, wollte da Thema fallen lassen und wank ab: ,,Ach, lass…das ist ´ne Sache zwischen ihr und mir."
Claire war jetzt noch mehr verwundert als zuvor: ,,Okay, jetzt weiß ich, das etwas faul ist. Bist du sauer auf sie gewesen, weil sie erst jetzt die Kurve gekriegt hat, um dich zu besuchen?"
,,Nein…" genervt klang Rebeccas Stimme, ,,…ich kann es nur nicht leiden, wenn mir jemand Geschichten erzählt. Ich hätte nie gedacht, das Jill zu so was fähig wäre, einfach mir ins Gesicht zu lügen."
Die junge Mutter konnte noch immer nicht folgen, hielt den Augen ihrer Freundin stand: ,,Wieso Lügen? Wer lügt denn?"
,,Na, Jill!…" entgegnete die Ärztin, ,,…Sie hat doch einfach so behauptet, das mein Unfall eine andere Ursache hatte, als die, die Carlos mir erzählt hat, kannst du das fassen? Sie hat mich doch wirklich glauben machen wollen, das Carlos sie geküsst hatte, das er noch immer nicht über sie weg ist…"
Claire riss die Augen auf.
Umgehend fiel Rebecca Claires Veränderung auf und dieses Unangenehme Gefühl kehrte zurück. Sie deutete den Blick ihrer Freundin wohl richtig und fragte: ,,Das stimmt doch nicht, oder?"
Die junge Mutter wusste nicht recht, was sie sagen sollte.
,,Claire!…" braune Augen trafen strickt auf blaue, ,,…Ist das wahr? Ihr habt mir kein Sterbenswörtchen darüber gesagt!" Schuld kehrte zurück.
,,Wir mussten es ihm versprechen…" hauchte Claire ebenfalls Schuldbewusst, ,,...du warst immerhin nichtganz bei dir und du solltest dich nicht aufregen."
Rebecca war geschockt.
Es stimmte also doch?
Ihr eigener Ehemann hatte eine andere Frau geküsst? Dann auch noch Jill Valentine? Das konnte doch nicht wahr sein!
