Jack hielt an.

Er konnte es nicht glauben. Hier sollte es also sein?

Er war mit Jill hier raus gefahren, in ein Gefängnis außerhalb von Washington, einen Hochsicherheitstrakt. Kahl und kalt.

Schweigend war er ihr hinterher gegangen, hatte gesehen, wie Jill die Wachen ohne Schwierigkeiten überzeugen konnte und war ihr hinab gefolgt, in die Kellerräume, in den hintersten Teil des Gemäuers. Der Geruch von Stein und Beton lag in der Luft, eine Metalltür genau vor ihnen.

Zwei weitere, bewaffnete Wachposten, sie wichen zur Seite, als die blonde Frau mit ihnen sprach und dann drehte sie sich zu ihm um.

,,Hinter dieser Tür…" sagte Jill, ,,…weiter gehe ich nicht." Sie wusste nicht, was sie sich dabei dachte, Jake hier her zu bringen, wusste sie doch, das sie es hatte tun müssen und das Chris ausflippen würde, wenn er es erfuhr.
Der rothaarige Mann nickte.

Es war also an Jake allein die letzten Meter zu gehen. Jill hatte ihm auf der Fahrt hier her einiges erzählt, er wusste, was Albert Wesker der Menschheit angetan hatte, seinen Versuchskaninchen und auch wozu er Jill Valentine benutzt hatte. Jake schauderte innerlich schon.

Verwand mit so einem Monster zu sein, das wünschte er keinem, aber er wäre nicht Jake Muller, wenn er einfach den Kopf im Hintern verstecken würde.

Er würde seinem Erzeuger gegenübertreten, allein schon um zu sehen, was passierte, um zu wissen, wie sein `Vater´ war.

Der Söldner zupfte seine Jacke zurecht, steckte dann die Hände in die Hosentaschen und trat vor. Tief durchatmend, ohne recht zu wissen, wie er sich fühlen sollte, wartete bis einer der Wachposten die Tür mit dem komplizierten Schließmechanismus entriegelte und dann war er drin…

Düster war es in dem kleinen Flur.

Am Ende, nur etwa zwanzig Meter entfernt war ein Gitter eingezogen, es verhinderte das man zur eigentlichen Zelle vordringen konnte. Ein kleiner, Panzerglasschacht auf mittlerer Höhe verband die beiden Gitter, war wohl dazu da, das man dem Gefangenen das Nahrungstablett zuschieben konnte. Die Zelle an sich war karg eingerichtet. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, daneben eine kleine Stange, worauf einige Kleidungsstücke hingen. Dusche und Toilette waren durch einen Vorhang abgetrennt. Überwachungskameras sicherten das Treiben des Gefangenen.

Und dort saß er auch, auf seinem Bett.

Ein stahlblonder Mann, graue, stechend Augen, kein einziger Deut verließ seine zu Stein erfrorene Mine. Schweigend musterte Albert Wesker den sich nähernden jungen Mann.

Und Jake blickte einfach nur stumm zurück.

Sie hatten rech gehabt.

Jeder, der behauptete er würde seinem Vater ähneln, hatte verdammt noch mal recht gehabt. Es kam Jake so vor, als würde er sein Spiegelbild in zwanzig, dreißig Jahren erblicken.

Er schnaufte, blickte den Gefangenen eindringlich an, musterte ihn von oben bis unten. Einen grauen Overall trug Wesker und auch er war es, der den jungen Mann beobachtet.

Seine Fähigkeiten waren weg, sein Vorteil vergangen, so war er verdammt auf ewig hier fest zu sitzen, ohne jegliche Chance auf Flucht, doch wer war dieser Mann? Wieso wich das tägliche Routineprogramm ab, indem lediglich ein, zwei Wärter kamen, ihm das Essen brachten. Wieso wurde nun dieser Jüngling geschickt? Noch dazu in erbärmlicher Straßenkleidung.

,,Wer bist du?…" sprach Weckers kalte Stimme, ,,…Sicher viel zu jung für ein MP…"

Jake stemmte eine Hand in seine Hüfte, schnaufte erneut und schüttelte knapp den Kopf: ,,Nee, bin nicht beim Militär, eher das Gegenteil…"

,,Was willst du hier, wenn es keinen deiner Befehle verlangt? Verschwinde!"

Jake nickte: ,,Das werde ich, keine Sorge, Kumpel…wollt mir nur mal ansehen, was mein alter Herr so treibt."

Wesker verzog keine Mine. Er blieb starr.

,,Sicher erinnerst du dich nicht…" Jake lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Gitterwand, schüttelte den Kopf, ,,…Mann, und ich dachte immer du bist nur ein Versager, der meine Mutter im Stich gelassen hat, aber nein, ich muss erfahren, mein Vater ist ein größenwahnsinniger Spinner!" Wut kochte in dem jungen Mann auf.

,,Wovon redest du?"

,,Du erinnerst dich wirklich nicht mehr?…" wollte Jake wissen, ,,…Anja? Meine Mutter? Sie ging nach Edonia zurück, als du sie verlassen hast."

,,Anja?…" Wesker erinnerte sich, ,,...Anja Muller?"

Ja, in den tiefen seines wieder menschlichen Gedächtnisses erkannte er die Wahrheit. Jahrzehnte war es her, damals, als er noch versuchte an Macht zu kommen und an Einfluss. Als er damals in Raccoon auch Birkin und seine Frau getroffen hatte. Wesker braucht nicht lange um zu begreifen: ,,Du bist mein Sohn?"

Jake nickte, hatte den Kopf zu ihm gedreht und hielt den Augen seines Vaters stand. ,,Hast du es gewusst?"

Wesker erhob sich, wandelte zu den Gittern, näher zu seinem Sprössling und die Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden ließ keine Zweifel aufkommen. Er nickte: ,,Anja sagte mir, sie wäre schwanger, würde abtreiben lassen."
,,Tja, zu schade, hat sie nicht."

,,Warum nicht? So war es abgemacht!" Wesker wurde wütend.

Jake zog die Augenbrauen zusammen: ,,Was?"

,,Ich habe ihr das Geld gegeben, das sie dich weg machen lässt…" böse funkelte Wesker seinen Sohn an, ,,…Ich brauche keinen Erben, der mir den Thron streitig macht. Sie hat mir den Arztbericht zukommen lassen, so hat sie mich getäuscht?"
Der junge Mann schüttelte den Kopf. Innerlich war er fassungslos über das, was er gerade hören musste. ,,Keinen Erben? Deinen Thron? Hör dich doch mal an, Mann, du spinnst!"

,,Sie hat mich also tatsächlich betrogen? Dieses Dreckstück! Hinter meinem Rücken, hat sie sich zur Welt gebracht?…Jetzt weiß ich auch weshalb sie den Putzjob bei Umbrella aufgegeben hat und in ihre Heimat zurück gegangen war!"

Und Jake erkannte es auch. Jetzt machte alles Sinn.

Wenn also seine Mutter damals von seinem Vater Geld für eine Abtreibung bekommen hatte, ihm gefälschte Arztberichte hat zukommen lassen, konnte sie nicht länger in den Staaten bleiben. Sie hatte ihr neues Leben dort hinwerfen und nach Edonia zurückkehren müssen. Alles was seine Mutter aufgegeben hatte, aus diesem Drecksloch von Heimat raus zu kommen, dem Hungertod und der Armut zu entkommen, alles hatte sie wieder auf sich genommen, um ihm, ihrem Sohn das Leben zu schenken und so hart Jake nach außen hin auch war, desto gerührt war er in diesem Moment.

Er hatte Anja viel zu verdanken, auch wenn er wusste, das mit der medizinischen Hilfe hier in den Staaten vielleicht noch hätte leben könnte.

,,Ich schwöre dir, Jungchen, wenn ich jemals hier raus komme, dann mach ich deine verlogene Mutter fertig!" Weskers Wut war da, er umfasste die Gitter, fest, als würde er sie zerdrücken wollen. Verachtend und voller Zorn funkelten seine Augen seinen Sohn an.

Jake tat es ihm gleich. Auch er umfasst die Gitter, fing die Augen seines Vaters und ein bedauerndes Grinsen entwich ihm: ,,Das kannst du nicht…Mutter ist schon lange tot. Der Krebs hat sie zerfressen…"
,,So dann hat sie doch noch bekommen, was sie verdient hat!…Was tust du nun hier?…" Wesker wollte den Mann nicht sehen, ,,…Ich habe keinen Sohn!"

,,Oh doch, mein Freund, den hast du, aber keine Sorge um dein Erbe…ich will es überhaupt nicht haben, nein…den ich werde nicht für die Sünden büßen, die mein Vater begangen hat! Ich bin her gekommen, um zu sehen, was aus mir niemals werden soll…" Jake blickte Wesker weiterhin an, ,,…Das muss dich doch zerfressen, was?…Von deinem Sprössling zu erfahren, der die Welt retten wird?"

Wesker schwieg.

Oh, wie sehr hasste er seinen Sohn? Ja, seinen Sohn.

Wenn er es gewusst hätte, hätte er ihn eigenhändig umgebracht. Einen Sohn zu haben, das war eine Schande, ach wenn er doch nur aus diesem Trakt ausbrechen könnte, wenn er doch nur im Besitz seiner Fähigkeiten wäre, er würde die gesamte Menschheit abschlachten. Sein Hass war so groß in ihm, das es auch dafür reichen würde…


,,Und?…" Claire stand in ihrem gemütlichen Wohnzimmer, vor Jill, und drehte sich im Kreis, ,,…Was sagst du? Es passt wieder."

Jill hatte Claires Tochter auf dem Arm, musterte ihre Schwägerin, die ihr Brautkleid anprobierte. Es war nur noch knapp ein Monat bis zu der Hochzeit von Claire und Matt.

,,Sieht gut an dir aus…" sagte Jill. Das Kleid hatte normale, etwas breitere Träger, einen Unterrock mit Tüll und über das gesamte weiß, auch über die Arme, erstreckte sich fein genähte Spitze.

,,Ich weiß…" Claire strahlte, ,,…Mom hätte es nicht anders gewollt, ich liebe dieses Kleid…" sie hob den Rock an, drehte sich noch einmal.

,,Ja, Matt wird sicher Augen machen…" Jill lächelte, tätschelte dem quengeligen Baby über den Rücken, das an seinen Fingern lutschte.

Plötzlich dann blieb Claire stehen: ,,Sag mal…was soll ich mit meinen Haaren machen? Sie sind ja wirklich lang geworden. Hochstecken?"

Die Blondine schüttelte den Kopf: ,,Nein, du bist zu jung dafür. Du kannst einen Teil hochstecken, den Rest Hängen lassen. Spiel ein bisschen mit deinem Lockenstab rum, dir fällt sicher etwas ein."

,,Hm, deine Frisur an deiner Hochzeit hat mir gut gefallen."

Jill lächelte, ,,…Du hast sie ja auch gemacht."

,,Eben drum…" Claire lachte, kam auf ihre Freundin zu und hauchte Kathryn einen Kuss auf die Wange, ,,…Mami zieht sich wieder um, sei schön artig…" dann sah sie zu Jill, ,,…bis gleich." Sie verschwand im Schlafzimmer.

Jill setzte sich auf die Couch und wartete. Das Baby auf ihren Armen war lebhaft und strampelte leicht, die Kleine war Claire wie aus dem Gesicht geschnitten.

Unweigerlich dachte sie an die letzten Stunden zurück. Sie hatte Jake zu Wesker gebracht, sie war seit Jahren nicht mehr so nahe an ihrem einstigen Peiniger gewesen, hatte es jedoch auch nicht gewagt mit hinein zu gehen.

Gut, es war ja auch ganz allein die Sache von Jake, auch wenn ihre eigene Neugier groß war. Jill konnte sich nicht helfen, irgendwie hatte sie das Gefühl Wesker gegenüber treten zu müssen. Klar, sie hatte ihn nie wieder sehen wollen, war froh, wie die Gerichtsverhandlungen damals vorbei waren und dennoch. Diese Gedanken hatte sie jetzt schon eine Weile und immer wieder kam das in ihr hoch. Es war beinahe so als wenn etwas sie hin drängte, etwas, das vorhin auch gedrängt hatte, Jake die Wahrheit zu sagen. Sollte sie es also auch tun?

Irgendwann?

Jill schüttelte den Kopf, seufzte und blickte in die dunklen Augen ihrer Patentochter. Was würde Claire nur dazu sagen, oder gar Chris? Sie musste diese Gedanken einfach für sich behalten, sich auch nichts anmerken lassen. ,,Deine Godi denkt zu viel nach, Süße…"

,,Was meinst du?" Claires Stimme klang gedämpft aus dem Schlafzimmer, die Tür war einen Spalt breit offen.

Jill lächelte: ,,Ach, nichts, ich tausche mich nur ein bisschen mit deiner Tochter aus."
Man konnte Claire lachen hören: ,,Und? Was hat sie zu sagen?"
,,Wenn sie nach dir kommt, eine ganze Menge…" Jill drehte den Kopf zum Schlafzimmer. Claire trat gerade hinaus, zupfte sich noch ihr Oberteil zurecht.

,,Schon fertig? Ging aber schnell…"

Claire nickte, nahm neben Jill platz und ihre Tochter wieder in ihre Arme: ,,Ja, Matt kommt nicht vor acht heute nach hause, ich verstecke das Kleid später…"

Jill nickte: ,,Okay…dann werd ich mal so langsam…"
,,Warte!…" Claire hielt sie zurück, als sie aufstehen wollte, ,,…Du musst nicht gehen, em…du…"

,,Es ist alles in Ordnung, keine Sorge…" Jill legte ihrer Schwägerin eine Hand auf das Knie, ,,…Kathy kümmert sich um das Catering, die Kirch ist gebucht, es kann nichts mehr schief gehen…"

Claire verdrehte die Augen: ,,Ich red doch nicht von meiner Hochzeit. Ich weiß, das alles im Griff ist, du und Kathy, ihr wart mir ja eine wirklich große Hilfe…Nein, ich wollte nicht, das du schon gehst. Du hast doch noch Zeit, bis du deinen Sohn abholen musst."

,,Sicher…"

Claire unterbrach ihre Schwägerin einfach, ,,…Rebecca kommt jeden Moment."
Jill stockte.

,,Rebecca?…" sie war überrascht, ,,…Wieso?"
Claire wiegte ihr Baby in ihren Armen: ,,Na, sie will mit dir reden über…über die Sache im Krankenhaus. Sie weiß, das sie dir unrecht getan hat und es tut ihr wirklich leid…Sieh es ein, ihr müsst die ganze Sache einfach aus der Welt schaffen."

Die Blonde sah unter sich.

,,Komm schon, ihr seid immer so dicke Freundinnen gewesen, diese eine Lappalie darf das nicht kaputt machen, ohnehin geht es ihr scheiße, eben auch wegen der Sache mit Carlos. Du weißt ja, das er momentan irgendwo in einem Hotel herumlungert…Becca muss sich mit ihm zusammenraufen, da wäre es doch immerhin schön, wenn ihr beide wieder..."

Jill seufze: ,,Okay, okay…" sie musste nicht überzeugt werden, ,,…ich bleibe noch…"

Ja, sie hatte selbst nachgedacht, über das, was zwischen ihr und Rebecca vorgefallen war und ja, sie hatte es bereut, sie hätte vielleicht nicht so ganz eingeschnappt sein sollen, ganz gleich wie sehr die Worte ihrer Freundin sie verletzt hatten. Immerhin war Rebecca verletzt gewesen und sie liebte Carlos, also hatte sie ihm natürlich auch geglaubt. Jill seufzte innerlich. Sie hasste es, wie es sich entwickelt hatte, wünschte sich, das es nie geschehen wäre.

Wenn es Rebecca wirklich so leid tat, wie Claire behauptete, dann würde sie ihrer Freundschaft sicher noch eine Chance geben, denn es wäre schade sie zu verlieren. Jill hatte Rebecca als Freundin immer sehr geschätzt…