Chris war glücklich.

Ja, es freute ihn seine Schwester zu sehen, obgleich er bei der Trauung vorhin doch weiche Knie gehabt hatte. Immerhin war er ihr großer Bruder, sie war seine Familie, seine einige, kleine Schwester und nun, heute hatte er festgestellt, das er wohl nicht länger gebraucht wurde.

Claire hatte jetzt eine eigene, richtige Familie, einen guten Mann und sie war vollkommen glücklich damit. Das sah Chris ihr ein jedes Mal an, wenn er während dem Essen und der Feier zu ihr rüber blickte. Zweieinhalb Stunden war es schon her, das er sie zum Altar geführt hatte, das er ihre Hand in die von Matthew gelegt hatte, das er sie einfach `gehen gelassen hatte´.

Wieder blickte der Agent zu seiner frisch verheirateten Schwester, die mit ihrem frisch angetrauten Ehemann lachte, Kuchen aß. Ihre Augen strahlten, ihr Lächeln war herzlich und warm und ja, Chris wusste, das Claire ein gutes Leben vor sich haben würde.

Er seufzte zufrieden.

Sanft legte sich eine Hand an seinen Unterarm und er lächelte weiter, in die Augen der Person neben sich, seiner Frau.

,,Was hast du?…" Jill musterte ihren Ehemann und hob beide Augenbrauen, ,,...Worüber denkst du nach?"

Er zuckte nur mit den Schultern, hielt seine Stimme gedämpft: ,,Keine Ahnung…" er seufzte kurz und sagte dann, ,,…Ich freue mich für meine Schwester."

Auch Jill lächelte nun, nicht nur weil er es tat, nein, sondern auch aus dem bestimmten Grund, das sie ganz deutlich in seinen Augen erkennen konnte, das er sich nicht nur für Claire freute, sondern das er selbst glücklich war.

Leise Musik tingelte im Hintergrund um die Leon sich kümmerte. Er saß ihnen gegenüber bei Angela, Moira, Polly und Rebecca. Neben Jill saßen Eric, Barry und Kathy. Die Tische waren hufeneisenförmig aufgestellt und am Mitteltisch, die Leons Seite mit der von Chris verband befand sich der Tisch des Brautpaares. Claire und Matt saßen dort neben Matthews Vater.

Es wurde viel gelacht in der Runde.

Claire und Mathew hatten die Feier mit Absicht klein gehalten. Sie wollten nichts großes, sie wollten nur mit denen Leuten zusammen feiern, die ihnen am wichtigsten waren.

Natürlich war Claire und Chris´ Tante mit ihrer Familie zur Trauung auch gekommen, allerdings vor ein paar Minuten schon wieder gegangen, um sich zuhause um den Hof und das Vieh zu kümmern.

,,Mama…" Eric zupfte am Shirt seiner Mutter, erregte ihre Aufmerksamkeit und als Jill sich zu dem kleinen Jungen drehte, sah dieser ihr in die Augen. Er hielt sich die die kleine Hand an den Mund, sodass niemand hören sollte, was er flüsterte: ,,…Muss mal Pipi."

Jill kam nicht um ein Lächeln, schluckte und drehte sich zu ihm vollends um: ,,Okay, dann geh ich mit dir…"

Kathy blickte zu ihr, hielt inne damit ihren Kaffee zu trinken und sah ihr zu: ,,Wo wollt ihr hin?" Sie verkniff es sich zu sagen, das Jill sich aufgrund ihres Bauches unbeholfen bewegte, lächelte derweil nur.

,,Mein Sohn muss mal für kleine Jungs…" entgegnete die Blondine, wartete, bis Eric aufgestanden war und seinen Stuhl wieder zum Tisch bei geschoben hatte. Erst dann wollte Jill sich hochstemmen.

,,Bleib sitzen, liebes…" Kathy stand auf, kam die zwei Schritte dazu, ,,…Ich gehe mit ihm, bleib du nur sitzen…"

,,Wirklich?"

Kathy lächelte ehrlich: ,,Aber ja, bis du mit deinem riesigen Bauch hoch gekommen bist, ist dem jungen Mann hier ein Unglück passiert…" sie sah zu dem Kind, streckte die Hand aus, ,,…Na, was ist? Kommst du mit deiner Tante Kathy?"

Kurz schien Eric zu überlegen, blickte zu seiner Mutter, die ihm nickend zulächelte und dann lachte er: ,,Ja…" Das Kind ergriff die Hand der älteren Frau und nickte.

Jill sah zu, wie beide sich entfernte und am Ende des Raumes, neben dem Eingang der für heute gemieteten, kleinen Sporthalle durch eine Tür verschwanden.

Unweigerlich stellte sie fest, das Chris sich zu ihr gedreht hatte, das es seine Hand war, die sanft ihren Rücken rauf und runter strich.

,,Alles klar?" wollte er wissen.

Jill schaffte sich zu ihm herum, atmete durch und nickte dann: ,,Alles klar…" ihre echte Hand legte sich auf ihren Bauch, ,,…die beiden scheinen endlich zu schlafen."

Er lächelte, beugte sich zu ihr und küsste sie flüchtig.

Ja, er wusste um die Rückenschmerzen seiner Frau. Sie plagten sie schon seit dem aufstehen heute morgen.

Neben ihnen lachte Barry plötzlich auf, er hatte mit Leon Witze gemacht, die nicht nur das Brautpaar, sondern auch seine Töchter zum Lachen brachten.

Jill freute sich. Das Lachen steckte förmlich an, sodass ihr wieder ein Lächeln auf die Lippen fiel. Der Tag war einfach perfekt gewesen.

Doch dann fiel ihr Blick auf ihre Beste Freundin. Sie drehte den Kopf zu ihrem Ehemann, sprach unter dem lauten Gerede mit leiser Stimme zu ihm: ,,Ich glaube, ich muss mit ihr reden."

Chris blickte kur durch die Runde, wusste, das seine Frau wohl Rebecca meinen musste und sah wieder zurück in Jills Augen: ,,Ja, sie kommt mir heute auch schon so…"
,,…ruhig vor. Als ob es etwas gäbe, was sie bedrückt…" entgegnete Jill, ,,…Vielleicht ist etwas zwischen ihr und Carlos vorgefallen."

,,Kann sein…" Chris hob die Schultern, während seine Finger um seine alkoholfreie Bierflasche spielten, ,,…Wollten die beiden sich nicht sowieso noch vor der Hochzeit aussprechen?"

,,Was gibt es denn zu flüstern, ihr zwei?" Matthew lehnte sich zu den Redfields rüber, grinste mit erwartungsvollem Blick, während Claire sich dem quengelnden Baby zuwandte, das hinter ihr in ihrem Kinderwagen schlief und nun wohl gerade aufwachte.

Ertappt, als hätten sie in der Grundausbildung gepennt, blickte die beiden ehemaligen STARS Mitglieder auf, ehe Jill nur den Kopf schüttelte und Chris, während er abermals mit den Schultern zuckte, zurück grinste.

,,Nichts…" sagte Jill, ,,…er hat nur vorhin gesagt, wie sehr er sich für Claire und dich freut und das tue ich auch…"

Matt nickte dankend.

,,Jap, ich finde…" begann Chris, ,,…wir hatten heute noch keinen wirklichen Trinkspruch für meine kleine Schwester und als Matthews Trauzeuge, sollte ich dem allmählich nachkommen."

,,Du?…" Claire lächelte wog, ihr Baby in ihren Armen, das sie erfolgreich beruhigt hatte, ,,…Da bin ich aber gespannt."

Chris schluckte, erhob sein Glas und stand auf.

,,Also…wo fangen wir an…" er steckte seien freie Hand in seine Hosentasche und nickte dann, ,,…Mir war der Gedanke anfangs fremd…als meine kleine Schwester mir ihren Matt vorstellte und ihn heiraten wollte. Als großer Bruder und langjährigen Vaterersatz hat man sicherlich die Befürchtung das kein Mann auf der Welt gut genug für sie ist und es hat mich schon ein wenig…belastet, letztlich nicht mehr gebrauch zu werden. Aber genau das ist der Punkt. Ich musste aufhören meine Schwester als kleines Kücken zu sehen, denn so verrückt unsere kleine Claire auch manchmal war, so ist sie zu einer wundervollen, starken Frau herangewachsen auf die ich nicht wenig stolz bin. Sie loszulassen war nicht leicht, aber ich weiß, das sie in den besten Händen ist. Matthew habe ich als ehrlichen, moralischen und guten Mann kennen gelernt. Einen Mann, der meine Schwester liebt und für sie da ist, der meiner Nichte ein guter Vater ist und ich kann euch beiden nur…" er adressierte das Brautpaar, ,,…alles Glück der Welt wünschen, denn nichts geringeres habt ihr verdient…" er lächelte, ,,…Auf Claire und Matt."

,,…Auf Claire und Matt!" wiederholten die anderen und nippten dann an ihren Gläsern.

Gerührt tauschte Claire einen Blick mit ihrem Ehemann, ehe sie dann zu ihrem Bruder blickte, der sich gerade wieder setzte: ,,Ich danke dir Chris…" sie blickte in die Runde, ,,…euch allen und…"

,,Na sieh mal einer an…" jemand klatschte langsam in die Hände und riss die Aufmerksamkeit auf sich. Jemand, der sich der Hochzeitsgesellschaft näherte und der nun alle Blicke auf sich zog. ,,…Wie nett, das ihr mich ausgeladen habt!"

Carlos Oliveira war angekommen.


Rebeccas Wangen liefen hochrot an, geschockt blickte die dem Mann entgegen, der sich in die Mitte des Tischhufeisens stellte. Er trug abgewetzte Jeans, ein zotteliges Hemd und es war mit einem Blick völlig klar, das er nicht wenig betrunken war…

,,Carlos…" hauchte Rebecca fassungslos.

Er drehte sich zu ihr, hob den Zeigefinger der Hand indem er eine fast leere Vodkaflasche hielt: ,,Zu dir komme ich gleich…" er schluckte, wandte sich wieder nach vorne und ging auf Claire und Matt zu, ,,…mussja…noch mein Ge…Geschenk übergeben, si?"

Der angetrunkene Mann stellte die fast leere Flasche auf den Tisch des Brautpaares und ihm entging die Geste nicht, als Claire unweigerlich zurückwich, ihre Arme schützend um den kleinen Körper ihrer Tochter schlang.

,,Alles gute Clair…schen…" er hatte mühe seine Augen offen zu halten und es war klar, das er mehr als neben sich stand und wohl kaum wusste, was er tat.

,,Carlos, verdammt, was machst du hier?…" Rebecca stand auf, ,,…Bitte geh!"

Abrupt drehte er sich zu ihr um, sein blick verfinsterte sich, Wut funkele in seinen Augen: ,,Du…" er kam eiligen Schrittes auf sie zu, so eilig das in Chris und Leons Schädeln die Alarmglocken zu klingeln begannen, doch Carlos zückte lediglich ein paar Blätter Papier aus seiner Hosentasche und knallte diese vor Rebecca auf den Tisch. ,,Da hast du deine Scheidungspapiere!…" er drehte sich zu den anderen um, die Wut war noch da, wisch aber nun einem grinsen, einem lachen, ,,…Meine Süße hier und ich, wir haben gesprochen…ja, ja, ganz lange…und meine herzallerliebste Ex-Frau hier will mich nicht mehr…" Carlis drehte sich zu der Ärztin um, ,,…So wie du es haben wolltest, Miss Chambers! Ich gratuliere Ihnen, Sie sind wieder frei!" Er schnappte sich das Glas Sekt vor ihr und lehnte sich gegen den Tisch, als er es in einem Zug leerte.

Erschütterung zeichnete sich in den Gesichtern der Hochzeitsgäste ab, doch niemand traute sich etwas zu dem angetrunkenen Mann, der sich scheinbar nicht mehr wirklich unter Kontrolle hatte, zu sagen.

Rebecca senkte nur den Kopf zu Boden.
Sie schämte sich für ihn, über diese Demütigung und nur flüchtig suchten ihre Augen, die um Verzeihung baten, jene von Claire und Matt.

Carlos war gerade dabei die Hochzeit ihrer Freundin zu ruinieren und der jungen Ärztin tat es schrecklich leid.

Matthew räusperte sich, zupfte sein Jackett zurecht und legte seine Hand an die Schulter seiner frisch angetrauten Ehefrau, als er sich erhob.

Claire sah zu ihm: ,,Was hast du vor?" Ihre Stimme flüsterte.
Matthew blickte zu ihr: ,,Ich werde ihn bitten zu gehen. Blieb du mit Kathryn bitte hier, Schatz…"

,,Warte…" Chris sah zu ihm, ,,…lass uns das machen." Er sah, das Leon sich ebenfalls erhob.

,,Chris, nicht!" Jill hielt ihm am Arm zurück, wusste ja, wie jeder andere auch, wie Carlos und Chris aufeinander zu sprechen waren.

Der Agent blickte sie an, schüttelte den Kopf ganz kurz: ,,Keine Sorge Jill, wir schaffen das schon." Er blickte kurz zu Barry, der ihm zunickte.

Carlos bemerkte das Treiben, sah Matt, der sich ihm langsam näherte und unterdrückte einen Schluckauf. Seine Augen waren rot unterlaufen, er wirkte wirklich nicht mehr ganz bei sich.

,,Oh die Herren bereiten mir einen Empfang, die Tür hinaus?…" er lachte, ,,…Dabei habe ich doch noch gar nichts vom Kuchen bekommen. Das is..stja soun..höflisch…" er torkelte abermals auf den Tisch des Brautpaares, au Claire zu, doch Matthew hielt ihn an der Schulter zurück, als Carlos ins stolpern geriet und sich beinahe auf den Tisch vor Claire fallen ließ.

,,Komm schon, du bist randvoll, geh nach hause und schlaf deinen Rausch aus." sagte Matt, wollte ihn von Claire weg ziehen.

Auch das bekam der ehemalige Söldner nicht mit, im Gegenteil, sein Blick festigte die Augen der Braut und Claire war es, die innerlich aufgeregt war, die nicht recht wusste, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Sie wollte das er verschwand, denn Betrunkene waren einfach unberechenbar…

,,Onkel Carlos!"

Gerade waren Kathy und Eric wieder dazu gekommen und Freude breitete sich auf dem Gesicht des Jungen ab, er trippelte los, rauschte auf den Mann zu und Kathy erschrak, denn sie hatte ihn nicht mehr halten können.

,,Eric, nein!" Jill stemmte sich auf, auch Chris´ Herz machte einen Sprung, doch es war zu spät. Carlos hatte sich gebückt und den Jungen in seine Arme gehoben. Gefährlich hatte der Mann dabei geschwankt und voller Angst, die Jill gepackt hatte, krallte sich ihre Hand in den Unterarm von Chris.

,,Na…kleiner Mann?" Carlos tätschelte den Rücken des Kindes.

Jills Worte galten Chris, jedoch ließ sie ihren Blick nicht von ihrem Jungen ab: ,,Du musst ihn holen!"

Eric rümpfte derweil die Nase, als ihm ein ungewohnter Geruch in die Nase stieg: ,,Onkel Carlos, du stinkst…"

Der Südamerikaner begann zu lachen, hielt das Sektglas hoch, das er noch immer in der Hand hielt. Wieder geriet er verdächtig ins Torkeln: ,,…Ach weißt du, Eric, ich…habe nur ganz, ganz wenig getrunken…" er grinste, hauchte dem Kind einen Kuss auf die Wange, ,,…Ist nicht schlimm, alle Großen dürfen das…" Es stieß ihm auf.

Eric sah zur Seite.

Er sah seinen Vater langsam näher kommen und Leon und das Kind verstand wirklich nicht, was gerade vor sich ging, allerdings sah es in den Augen seiner Mutter Furcht und das sagte ihm das etwas nicht stimmte. Doch was, das konnte er nicht beurteilen.

Jill war nicht wenig aufgeregt.

Carlos, der offensichtlich sturzbetrunken war, der ihren Sohn auf dem Arm hielt, ein Glas in der Hand, das gefiel ihr überhaupt nicht. Er musste nur ungünstig fallen und ihr Kind konnte verletzt werden.

,,Carlos…" Leon näherte sich vorsichtig, um den gereizten Mann nicht noch mehr auf zu bringen und als er sicher war, das der ehemalige Söldner ihn anblickte, versuchte Leon auf ihn ein zu reden, ,,…Hey, wie wäre es, wenn du Eric absetzt und wir beide reden über alles. Dann kannst du mir sagen, was passiert ist und sicher findet sich eine Lösung…Was meinst du?"

,,Eine Lösung?…" Carlos fand es irre witzig, ,,…eine Lösung…" er kratzte sich mit der Hand, in der er das Glas hielt am Hinterkopf, ,,…Er will eine Lösung finden, Eric, was sagst du dazu?" Seine müden Augen blickten auf den Jungen hinab, während Eric ihn einfach nur musterte. ,,Onkel Leon will mal wieder die Antwort für alle finden…" Carlos schnaufte, blickte dann mit verzerrter, wütender Mine zu dem Geheimagenten und fuhr fort, ,,…Aber Mister Kennedy kann nicht eine Lösung finden! Es geht ihn nichts an!…" wieder lachte er auf, unruhig wippte er vor und zurück, ,,…Meine Frau vögelt mit dem Wichser der sie über den Haufen gefahren hat und Mister Leon will eine Lösung…"

,,Carlos!…" Rebecca verließ ihren Platz und kam mit entschlossenen Schritten auf ihn zu, an Chris vorbei. Sie breitete die Arme aus, wollte Eric an sich nehmen, ,,…Gib mir das Kind, du bist völlig betrunken und nicht bei dir! Lass uns das nicht hier klären…"

Der ehemalige Söldner jedoch, entzog sich ihr, schubste sie wutentbrannt von sich: ,,Nimm die Pfoten weg!"

Chris war es, der Rebecca fing, davon abhielt auf den Boden zu fallen.

,,Mit dir bin ich endgültig fertig, du Flittchen!…" verletzt sah Carlos sie an, ,,…Wegen dir habe ich meinen Job verloren! Einfach alles…du hast alles kaputt gemacht, Rebecca!"

,,Jemand muss diesem Mann Einhalt gebieten…Er gefährdet den Jungen!" Matthews Vater saß neben seiner Schwiegertochter, richtete seine Worte an seinen Sohn.

Alle hatten Furcht in den Augen, sie waren erschüttert über Carlos´ Benehmen, über sein Verhalten und darüber, das er im betrunkenen Zustand ein Kind auf dem Arm hatte.

,,Es reicht jetzt, Carlos…" Chris konnte nicht länger zusehen, trat vor, neben Rebecca, ,,…Gib mir meinen Sohn! Jetzt!"

,,Deinen Sohn?…" der schwarzhaarige Mann lachte einmal mehr, der strenge Geruch von Alkohol lag in seinem Atem, ,,…Ich bin sein Patenonkel, ich kann gut auf ihn aufpassen und dein Sohn ist gerne bei mir…" er zog die Augenbrauen zusammen, beabsichtigte es Chris zu reizen, ,,…Das fuchst dich doch sicher, oder?…Der gute, süße, kleine Eric, der so liebend gerne mit mir zusammen ist, ich, der ihm im letzten Jahr den Vater ersetzt habe…"

Chris´ Kiefer begannen aufeinander zu mahlen.

Ja, er wurde zornig. Er sah in Carlos nichts anderes mehr als eine Termite, die er zerquetschen wollte, denn immer wieder schaffte es dieser schmierige Spanier ihn auf die Palme zu bringen.

,,…Oh, wunder Punkt erwischt…" Carlos grinste triumphierend.

Eric drückte sich mit seinen Armen derweil von seinem Patenonkel weg, auch wenn jeder Befreiungsversuch vergebens war: ,,…Will zu Mami gehen…"

,,Nein, nein…du bleibst hier…" Carlos hauchte Eric noch einmal einen Kuss auf die Stirn, mit voller Absicht, ehe er wieder sein Wort an Chris richtete: ,,…ich bin ja wirklich untröstlich…Hat die gute Jill dir eigentlich erzählt, wie oft sie sich im letzten Jahr bei mir ausgeweint hat, weil du sie verlassen hast? Meiner Meinung nach, hast du gar kein Recht mehr zu behaupten, das du einen Sohn hast!…" er funkelte Chris wütend in die Augen, ,,…Und da ist noch etwas! Es muss dich doch sicher genauso fuchsen, das ich dein kleines Frauchen mal genauso besessen habe, wie du…Ich bin sicher, sie hätte sich vollends an mich gewöhnt, wenn du nur noch ein paar Monate oder Jahre länger weg gewesen wärst…" er lachte plötzlich, ,,…Ha! Nein…Wenn du nie zurück gekommen wärst. Ich hätte mich schon um Jilly gekümmert…und wer weiß…vielleicht wären das dann meine Zwillinge."

Jills Blick war wie versteinert.

Rebecca konnte ebenfalls nicht glauben was sie hörte. Es war Carlos also wirklich immer nur um Jill gegangen? Er hatte ihr im letzten Jahr genauso geholfen wie alle anderen und er war auch für Eric da gewesen, doch nun wusste sie, das er immer Hintergedanken gehabt hatte, das er immer gehofft hatte, Jill wieder näher zu kommen.

Chris wusste das. Er hatte den ehemaligen Söldner schon immer so eingeschätzt und wenn er ehrlich zu sich war überraschte es ihn kaum. Dennoch widerte der Gedanke ihn an, das Carlos vollends seinen Platz an Jills Seite einnehmen wollte, obgleich Jill dabei mitspielen würde. Die Wahrheit war, niemand hätte gewusst, was gewesen wäre, wenn Chris nicht aus Edonia zurückgekehrt wäre, allerdings sagte sein Innerstes ihm, das Jill sich nicht auf Carlos eingelassen hätte. Zum einen, er war mit Rebecca verheiratete und zum anderen wusste Chris mit Sicherheit, das Jill ihn so sehr liebte, wie er sie liebte und er würde sogar ohne zu zögern sein Leben darauf verwetten.

,,Genug mit dem Unsinn, Carlos. Geh deinen Rausch ausschlafen…" Chris wollte es beenden trat einfach zu ihm, griff Eric unter die Arme, ,,…Gib ihn mir!"

,,Pfoten weg!" Carlos hob aus einem Reflex heraus die Hand mit dem Sektglas, ließ es auf Chris´ Kopf herab schnellen, doch der Agent hob seinen Arm zum Schutz und spürte im nächsten Moment nur noch einen beißenden Stich am Unterarm.

Glas brach, regnete zu Boden, im gleichen Moment, da Carlos einen ungeschickten Schritt nach hinten machte, sich vor lauter Torkeln nicht mehr halten konnte und fiel.

,,Carlos!" Rebeccas aufgeregter, besorgter Ruf, drang nicht zu ihm durch. Ein Knall gegen die Tischkante folgte und er ging mit Eric zu Boden…

Erschrocken weiteten Claire und Angela die Augen, sowie Kathy sich eine Hand vor den Mund legte, Leon Chris an die Schulter griff und Matthew mit seinem Vater, Barry und Kathy einen Blick tauschte.

,,Eric…" Jills Herz sank, als sie dem Geschen zusah, als sie Carlos und ihren Sohn fallen sah, ,,…Nein…" sie eilte nach vorne, hinzu, als sie auch schon das abrupte, erschrockene und herzzerreißende Kreischen ihres Kindes hörte.

Eric weinte: ,,…Mama!…Mama!…" Er kroch von seinem regungslosen Patenonkel weg, zu seiner Mutter, die schon neben ihm auf die Knie fiel, ihre Arme um ihn schlang und ihn einfach nur fest hielt.

,,Baby…" Jill drückte ihren Sohn an sich, strich ihm über den Rücken, sie spürte seine kleinen Hände, sie sich in ihren Arme krallten, sie er sich in ihre Arme flüchtete, ,,…Bist du verletzt?…Tut dir was weh, mein Schatz?"

Sie drückte ihn von sich, musterte ihn, bemerkte nur unbewusst, wie Chris sich neben sie kniete, seine Hand sich an den Rücken seines Sohnes legte.

Erleichtert stellte Jill keine Verletzung fest, keine Wunde am Kopf, keine Beule, die Angst wich allmählich.

Eric weinte noch immer. ,,…Mama…" dicke Krokodilstränen nässte die Augen des Jungen, rollten über dessen gerötete Wangen und Jill kam nicht umhin ihn noch einmal an sich zu drücken, fest zu halten, zu trösten.

,,Ist etwas?" Rebecca hockte sich dazu, musterte die kleine Familie. Schuldgefühle plagten sie. Es war allein ihre Schuld gewesen, das Carlos heute hier aufgetaucht war.

Jill schniefte, hatte selbst Feuchtigkeit in den Augenwinkeln, doch sie schüttelte den Kopf: ,,Nein…ich glaube, Eric hat sich nur erschreckt."

Die Ärztin nickte.

,,Ist er tot?" Claire war hinzu getreten, noch immer hielt sie da quengelnde Baby. Sie stellte sich neben Matthew und Leon und blickte zu Carlos, der noch immer regungslos war.

Rebecca drehte sich zu ihrem Noch-Ehemann? Exmann? Sie wusste keine Bezeichnung für ihn, außer das er ein riesengroßes Arschloch war, so wie er sich vorhin aufgespielt hatte.

Blut lag auf den Fließen, es kam von Carlos Kopf.

Sie überprüfte den Puls, die Atmung und verneinte: ,,…Er ist nur weg getreten. Er hat sich mit dem Hinterkopf am Tisch verletzt, das muss versorgt werden."

Leon hockte sich dazu, nickte: ,,Ich bringe ihn ins Krankenhaus." Er griff ein Wasserglas vom Tisch und kippte es rücksichtslos in das Gesicht des Betrunkenen.

Carlos zuckte, schnaufte und kam dann auch zu sich.

Verwirrt klärte sich nur schwer der Blick vor seinen Augen, doch er erkannte Rebecca, Leon, seine Freunde?

,,Hey Leute…" langsam rappelte er sich auf, in eine sitzende Position. Desorientiert und müde rieb er sich die Augen. Wieso war sein Gesicht denn plötzlich nass? Wo war er denn nur?

,,Du hast vielleicht Nerven…" Leon stutzte ihn zurecht, ,,…was fällt dir eigentlich ein? Du platzt hier rein, ruinierst Claires und Matts Hochzeit, beschimpfst deine Frau und gefährdest ein Kind?"

,,Was?" Verschwommenheit und Schwindel kämpften in Carlos um die Oberhand. Er konnte sich kaum noch erinnern.

,,Sie ihn dir an!…" Leon deutet auf Eric, ,,…Du hättest ihn bei deinem Sturz verletzen können!"

Carlos konnte nicht folgen: ,,Sturz?…Ich…" er drehet den Kopf, blickte in das verängstigte, verweinte Gesicht von Eric, der sich von seiner Mutter trösten ließ. ,,…Nein, ich…" er wollte auf die kleine Familie zukriechen, doch Jill festigte ihren Griff um ihren Sohn. Sie betrachtete Carlos mit einer Mischung aus Verwirrung und Abscheu.

,,Bleib bloß weg von uns!…" böse funkelten ihre Augen in seine. Sie war endlos enttäuscht, verletzt und das zeigte sie auch. Ebenso erkannte sie, das sie ihren Freund Carlos wirklich am verlieren war. Sie erkannte die gleichen Dinge, die ihr Ehemann bereits seit Monaten, gar Jahren wusste. Sie hatte noch immer einen Freund in Carlos gesehen, hatte geglaubt, es würde alles wieder gut werden, doch dem war nun mal nicht so. Der ehemalige Söldner würde niemals aufhören zu hoffen ihr näher kommen, er hatte nach all den Jahren noch immer nicht verstanden, das nicht er es war, dem ihr Herz gehörte und wahrscheinlich würde er es auch niemals verstehen wollen, ,,…Chris hatte die ganze Zeit recht gehabt, also…wage es nicht meinem Sohn oder mir oder meiner Familie noch einmal zu nahe zu kommen!"

,,Jill?…" Er hatte einiges versaut, das wusste er, ,,…Jill, Sorry, ich war…Ich bin besoffen…und ich…"

,,Halt den Mund!…" sie hielt weiterhin ihr Kind, ,,…Verschwinde einfach!"

Leon stand auf, reichte Carlos die Hand: ,,Komm, ich fahr dich ins Krankenhaus."

Carlos blickte in die Runde, sah die verstörten, erschrockenen Gesichter seiner Freunde, wusste, das er dieses Mal wirkliche Scheiße gebaut hatte und folgte den Worten von Jill. Er griff Leons Hand, stand auf und kämpfte gegen Schwindel, gegen erneutes Torkeln.

Claire warf ihm eine Servierte zu: ,,Hier, drück das auf die Wunde, wir wollen ja nicht, das du dir dein ohnehin verdrecktes Hemd noch mehr besudelst!"

Carlos tat es. Die Wunde war an seinem Hinterkopf, er erkannte in Claires Blick, was er getan hatte. Bei Gott, er hatte wirklich ihre Hochzeit ruiniert. Er wolle das doch nicht, wusste er kaum, was momentan über ihm lag.

,,Claire, es tut mir leid, ich…" begann er, doch die Braut schüttelte nur den Kopf, wich zurück, als er auf sie zugehen wollte.

Matthew war sofort an ihrer Seite, stellte sich schützend vor seine Frau: ,,Bleib weg, Carlos! Es ist für dich und für uns alle besser wenn du jetzt einfach gehst."

Der Blick des Südamerikaners ging zu Boden, er folgte Leon hinaus, denn das war das Einzige, was er momentan tun konnte, solange sein Verstand noch so benebelt war…

…und umgehend, nachdem die beiden gegangen waren, drehet sich Matthew zu Claire, nahm ihre Hände: ,,Schatz…"

,,Sag nichts…" sie schluckte. Enttäuschung lag in ihrer Stimme, in ihrem Blick. Die Feier war kaputt, die harmonische Stimmung, die noch bis vor wenigen Minuten herrschte, der perfekte Tag, den Claire geglaubt hatte zu erleben, war völlig im Eimer.

Matthew ging es kaum anders.

Er hatte alles schön haben wollen, für sie, für sich selbst, für alle seine Gäste und nun war es anders gekommen. Tröstend zog er seine frisch angetraute Ehefrau in seine Arme, hielt sie, während sein Vater neben ihn trat und ihm eine Hand an die Schulter legte.

,,…Wir können froh sein, Matty…" begann der betagte, rundliche, grauhaarige Mann, ,,…das es so glimpflich ausgegangen ist. Dieser Mann war ein unangenehmer Zeitgenosse. Nicht auszudenken, wenn er auf den Jungen gefallen wäre. Es hätte sonst was passieren können."

,,…Matthew…Claire…" Rebecca hatte sich erhoben, trat vor das Brautpaar und Reue spiegelte sich unendlich groß in ihrem Gesicht wieder. Sie schüttelte den Kopf, bedauerte: ,,…Es tut mir so leid…ich habe nicht gedacht, das er zu so was im Stande ist."

Claire nickte betrübt, während Matt ihr antwortete: ,,Niemand hat das. Es ist eben passiert und wir machen dir keinen Vorwurf, Rebecca. Seien wir einfach froh, das niemand sonst verletzt wurde."

,,Stimmt es denn?…" wollte Claire wissen, strich ihrer Tochter über den Kopf und sah Rebecca in die Augen, ,,…Du und dieser Marc?"

Schuldbewusst und schweigend senket die Ärztin das Haupt, das war wohl Antwort genug für ihre Freunde, nur, hätte sie es ihnen gerne selbst gesagt. Sie hatte nicht gewollt, was gerade passiert war.

Angela, die daneben stand, seufzte leise, ihr Blick ging auf den Fließen, sie sah die Scherben des Sektglases auf dem Boden und sie sah Blut daran, auch auf dem Boden gesprenkelt.

Ihre Instinkte als Polizistin ließen sie in die Hocke gehen und ihr Verstand ließ das Geschehen bereits Revue passieren. Carlos war am Kopf verletzt, das hatte er sich durch den Sturz selbst zugezogen, woher stammte dann das Blut an den Scherben, auf dem Boden?

Es dämmerte ihr.

Sie blickte zu den Redfields.

,,Daddy?" Eric schniefte seine letzten Tränen weg und blickte auf, hob den Kopf von dem Bauch seiner Mutter, die ihm beruhigende, tröstende Worte gesagt hatte.

,,Ja? Was ist los, mein Kleiner?" fragte Chris. Seine linke Hand strich noch immer über den Rücken seines Sohnes,

Eric war der Einzige, der sah, dass das Hemd seines Vater rot wurde. Er schniefte: ,,…Hast du Aua?"

Irritiert sah Jill zu ihm, da war auch schon Angela an seiner Seite. ,,Bist du verletzt, Chris?" wollte sie wissen.

Abrupt sah der Agent an sich herab, sah seinen rechten Ärmel blutrot getränkt.

,,Gott, Chris!" hauchte Jill, ließ den Jungen aus ihrer Umarmung, der sich aufsetzen wollte und sie drehte sich dann zu ihrem Ehemann um.

Behutsam griff sie an seinen Arm.

Dunkelrotes Blut sickerte durch den Stoff, tropfte zu Boden und umgehend begann Jill ihm die Manschettenknöpfe zu öffnen, um vorsichtig den Ärmel nach oben zu schieben.

,,Das habe ich gar nicht bemerkt…" murmelte Chris vor sich hin. Und es hatte gestimmt. Seine Einzige Sorge hatte seinem Sohn gegolten.

Angela hatte derweil frische Servierten gegriffen, die Jill dankend an sich nahm und vorsichtig die Wunde abtupfte.

Natürlich hatten die Anderen das Treiben mitbekommen und Rebecca war es, die sich neben Chris kniete: ,,Was ist passiert?"

,,Carlos muss ihn mit dem Glas verletzt haben…" schlussfolgerte Angela.

Claire huschte näher: ,,Ist es schlimm? Chris?" Sorge stand in ihren Augen und Matthews Arme hielten sie weiterhin.

Chris schüttelte den Kopf, blickte zu ihr: ,,Ist nur ein Kratzer, halb so wild…"

,,Das sehe ich anders…" mit geübten Augen untersuchte Rebecca die Wunde, ,,…Du hast da eine klaffende Schnittwunde, knapp fünfzehn Zentimeter und es blutet sehr stark, ich kann ein, zwei Glassplitter erkennen, sie stecken noch in der Wunde…" sie sah ihrem besten Freund in die Augen, ,,…Chris, das muss richtig versorgt und dann genäht werden." Sie nahm die nächste Servierte, da diese schon durchnässt war und legte sie auf Chris´ Wunde.

,,Kannst du das machen?" fragte er die Ärztin und zog scharf Luft zwischen den Zähnen ein, da es jetzt doch anfing zu ziepen und zu brennen.

Rebecca schüttelte den Kopf: ,,Selbst wenn ich das Nähzeug aus dem First-Aid-Kit hole, kann ich es nicht mit gutem Gewissen nähen, da ich nicht weiß, wie viele Glassplitter genau in der Wunde sind und um das abzuchecken und diese zu entfernen brauche ich andere Instrumente."

,,Ich fahre dich ins Krankenhaus…" sagte Jill und als Chris zu ihr blickte, sah er wie sie ihrem Sohn durchs Haar strich, wie aber noch etwas anderes in ihren Augen lag als der Schock über Carlos´ Auftritt. Es war Sorge um ihn.

,,Am Besten lasst ihr Eric hier…" sagte Kathy, ,,…Ich kümmere mich um ihn und lenke ihn etwas ab, von dem, was war."

Eric war es, der Jills Hand griff, wartete bis ihre Augen in seine blickten und dann fragte er: ,,Wird Daddy wieder heim kommen?"

Jill seufzte und nickte. Sie wischte ihm die letzte Träne von der Wange: ,,Natürlich, mein Schatz…mach dir keine Sorgen." Beiläufig fuhr sie sich mit der freien Hand über ihren Bauch. Sie spürte leise Stiche. Ihre Babys waren wieder rastlos.

Chris ließ Rebecca einen provisorischen Verband an seinem Arm anlegen, mit dem Verband aus dem Kasten, den Barry ihr gerade gebracht hatte und wandte sich zu seinem Sohn. Er legte seine linke Hand auf dessen kleine Schulter: ,,Ich komme wieder heim, keine Sorge, mein Sohn…Sei jetzt schön tapfer und spiel ein lustiges Spiel mit Tante Kathy, okay?"

Der kleine Junge stürzte die Lippen und nickte dann…


Ben begrüßte Herrchen und Frauchen freudig, als diese an diesem späten Abend nach hause kamen.

Jill und Chris hatten Mühe den Hund zu bändigen und Chris musste auch aufpassen, das der Schäferhund nicht an seinen Verband kam, als dieser hochsprang.

,,Willst du was zu trinken?" wollte sie wissen, half ihm aus der Jacke.

Chris nickte: ,,Ja, wäre stark…"

Beide gingen in die Küche, wo Chris sich ein Glas aus dem Schrank nahm und durstig das Leitungswasser trank, während Jill sich bückte, um aus einem unteren Küchenschrank das Hundefutter zu nehmen, sich dran machte Ben sein Abendessen zu geben.

Als sie das getan hatte, sich wieder erhob und sich gegen die Küchenzeile lehnte, hörte wie der Hund anfing zu schmatzen, heulte der gleich Schmerz in ihrem Rücken auf, wie immer, wie heute Morgen, wie heute den ganzen Tag schon.

Jill stemmte die Arme in ihr Kreuz und atmete durch.

Chris trank noch ein weiteres Glas, ehe er sich zu ihr drehte, sie musterte: ,,War heftig, was?" Er wusste, das seine Frau innerlich kochte, das sie sich schon wieder aufgeregt hatte und er wusste genau, wie es in ihr aussah.

,,Hey…" er stellte sich neben sie, das Glas auf sie Spüle und legte seinen unverletzten Arm um ihre Schultern, ,,…es ist nichts passiert. Eric geht es gut, lass dich also nicht von seinen Gedanken zerfressen."

,,Nichts passiert?…" Jill drehte den Kopf zu ihm, ,,…Chris er hätte dich sonst wo verletzen können…"

,,…und glaub mir, Jill, ich würde ihm den Hals umdrehen, wenn ich ihm jetzt gegenüber stehen würde, aber lass das meine Sorge sein, reg dich nicht auf. Denk an deinen Bauch, du weißt das du deinen Blutdruck zügeln musst."

,,Wie? Sag es mir?…" sie löste sich von ihm, ging in den Raum hinein und blickte ihn wütend an, ,,…Ich könnte bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fahren und heute…Carlos…" sie atmete durch, fing anders an, ,,…Wenn ich nicht schwanger wäre, hätte ich ihm eigenhändig in den Arsch getreten!" Jill seufzte ein weiteres Mal, schloss die Augen und senkte den Kopf, als ihre Rückenschmerzen zurück kamen. Stechend und peinigend breiteten sie sich in ihr aus. Zur gleichen Zeit boxten ihre Babys ihr gnadenlos in die Innereien. Sie reckte sich.

Chris sah es und kam auf sie zu.

Oft hatte er sie in den letzten Tagen massiert, in der Hoffnung ihr wenigstens ein bisschen Erleichterung zu verschaffen.

Sanft legte er seine Hand an ihre Seite: ,,Schlimm?"

Zu ihrem eigenen Wohlbefinden beruhigte sie sich so gut sie konnte und zuckte mit den Schultern: ,,Nach unserer Familienplanung ist das hier meine letzte Schwangerschaft, da hat mein Körper sicher beschlossen, es mir noch einmal so richtig zu geben…" Jill rieb sich über den unteren Rückenbereich und kam nicht umhin zu grinsen, als sie Chris lachen sah, ,,…Was?"

Er schüttelte den Kopf, stahl ihr einen Kuss von den Lippen und sagte: ,,Nichts. Ich finde es nur lustig."

,,Lustig?…" schief blickte sie ihn an, ,,…Du findest es also lustig wenn deine Kinder mir das Rückrad demolieren?…" sie drehte sich von ihm weg, ,,…Na schönen Dank auch!"

,,Hör auf…" er griff an ihren Arm, zog sie sanft zu sich zurück und sein lachen ebbte ab, ,,…Du weiß doch wie das gemeint war und das ich mit dir Tauschen würde, wenn ich könnte."

Jill durchschaute ihn, ging jedoch auf die Witzelei ein: ,,Das sagst du nur, weil du nicht tauschen kannst…" sie lächelte zuckersüß, ,,…aber ich weiß es zu schätzen, das du mich aufbaust. Keiner kann das so gut wie du."

Chris umarmte sie, nickte und beide beschlossen noch einmal einen Kuss, ehe er sich dann von ihr löste: ,,So, dann werde ich mal ein frisches Hemd anziehen, bevor wir unseren Sohnemann abholen."

Jill nickte…

…und noch keine Minute später war Chris im gemeinsamen Schlafzimmer angekommen, hatte sein Hemd aufgeknöpft und es abgestreift. Achtlos ließ er es zu Boden fallen, ehe er zum Kleiderschrank ging und ein bequemeres T-Shirt aus seinem Fach zog. Dieses zog er an und als Chris dann den Kleiderschrank wieder schloss, hielt der beim Anblick auf sein Spiegelbild inne.

Ein dicker Verband prangte an seinem rechten Unterarm.

Drei Glassplitter wurden entfernt und die tiefe, klaffende Wunde war mit zwanzig Stichen zugenäht worden. Es hatte stark geblutet, und eine Schmerztablette tat nun ihr übriges.

Zwar hatte der Arzt ihm geraten es heute und morgen etwas langsam angehen zu lassen, aber trotz des Blutverlustes befand Chris sich genauso fitt wie am Morgen. Etwas müde vielleicht, aber keinesfalls war im schwummerig oder schwindelig.

Im Gegenteil, er war viel zu sauer, als das er an was anderes Denken konnte als an Carlos. Wie sehr hatte dieser Mann sich verändern.

Was war aus der einstigen Freundschaft der beiden geworden? Bei Gott Carlos war der Patenonkel von Eric und allein dass das Kind ihn gerne hatte, hatte heute dazu geführt, das die Situation auf der Hochzeit sich zugespitzt hatte.

Dieser schmierige Spanier, betrunken bis zum überlaufen, mit seinem Sohn auf dem Arm. Der Sturz.

Chris konnte über seine eigene Wunde hinweg sehen, doch wäre Eric irgendetwas passiert, hätte er nicht gewusst, wozu er fähig gewesen wäre.

Doch dem Himmel sei Dank war es für das Kind gut ausgegangen. Einzig sein Vertrauen zu Carlos hatte wohl gelitten, worüber Chris auch ehrlich gesagt dankbar war.

Es würde gut werden, wenn Eric nicht mehr allzu viel Kontakt zu Carlos haben würde, immerhin, Chris war jetzt im Innendienst, er würde nicht mehr weg müssen und Eric würde keinen Paten mehr brauchen.

Chris seufzte, schlüpfte aus seinen Schuhen, um diese, welche eher zu einer Feierlichkeit passten, gegen einfache, bequemere Sneakers einzutauschen.

Er reckte sich den Nacken und war froh, das der heutige Tag vorbei war.

Klar, es tat ihm leid um die Feier seiner Schwester. Er hätte es sich natürlich für sie anders gewünscht, friedlicher und einfach so perfekt wie seine eigene Hochzeit gewesen war, doch auch dies würde vergehen.

Ein Geräusch von unten riss ihn aus seinen Gedanken, ein Scheppern? Er wusste es nicht, auf jedem Fall hatte etwas geklirrt. Aus der Küche?

,,Jill?…" fragte er laut, verließ das Zimmer und trat auf den Flur, ,,…Alles okay, Liebling?"

Keine Antwort.

Innerlich zog Chris die Schultern, vielleicht hatte er sich verhört?

Gerade als er runter gehen wollte, um nach zusehen, viel ihm ein, das er noch einmal ins Bad wollte, um dem Ruf der Natur zu folgen und sich die Hände zu waschen. Desinfektionsmittel war zwar hilfreich, aber hinterher hatten die Hände immer diesen chemischen Geruch, Zeit also, sich davon zu befreien…

,,Ah…" sie krümmte sich nicht wenig. Jill fasste sich an den Bauch, als ein stechender Schmerz begann, stützte sich mit der anderen Hand an der Küchenzeile ab. Dieses Mal war er nicht nur in ihrem Rücken, sondern auch in ihrem ganzen Unterleib.

Gerade war ihr das Glas, aus dem Chris vorhin getrunken hatte, welches sie gerade spülen wollte unter den urplötzlich auftretenden Schmerzen zu Boden gefallen und zu Bruch gegangen.

Keuchend ging ihr Atem und sie krümmte sich weiter, als sich in ihr drin alles krampfhaft, zerrend zusammenzog.

Was war das?

Wieso hatte sie Schmerzen? Jetzt?

Aufregung zischte durch ihre Venen, sie wusste instinktiv, das etwas nicht richtig war und es verlangte ihr nur nach einem: ,,Chris…" Kaum ein flüstern brachte sie über die Lippen, eine weitere Peitsche des Schmerzes zischte ungehindert durch ihren Körper, brachte sie fast zu Boden. Allein die Wand neben dem Kühlschrank bot ihr noch Halt.

Raus, sie musste hier raus!

Und mühsam schaffte sie es auf den Flur, wollte zu Chris, wollte es ihm sagen, doch kurz vor der Treppe hielt sie inne.

Jill kniff die Augen zusammen, hielt sich mit der freien Hand am Geländer fest, ein Keuchen entglitt ihr. Das war ein heftiger Tritt. Ein Tritt? Das war es doch, oder?

Aber es fühlte sich so anders an als sonst. Warum tat es nur auf einmal so verdammt weh?

Jill atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. Sie hatte in den letzten Wochen oft leichte Übungswehen gehabt, doch so stark war es bisher noch nie gewesen. Ihre Hand strich über ihren Bauch, der sie schon beinahe nach unten zog, als der Schmerz blieb, anstieg.

Wieso in Gottes Nahmen ebbte er nicht ab?

Ein lautes Stöhnen entglitt ihr in der nächsten Sekunde, ihre Beine wurden weich, sie musste sich setzen. Keine weiteren zwei Schritte würde sie noch schaffen.

Irgendwie fühlte sie sich nicht wohl.

Zittrig schaffte Jill es sich auf die untersten Stufen zu setzen, versuchte ihren Atem zu beruhigen, als dann der Schmerz endlich verschwand.

Innerlich war sie aufgeregt. Ging es etwa los? Jetzt schon? Jill wusste es nicht und es wäre auch viel zu früh dafür. ,,…Nein, nein, nein…" sie sprach zu sich selbst, um sich zu beruhigen.

Sicher war nur der ganze Stress mit Carlos schuld und es würde sich legen, wenn sie sich beruhigte und ausruhte.

Ihre Hände strichen bei ihren Gedankengängen über ihren großen Bauch, sie fühlt die Kinder in ihr unruhig und ob sie es wollte oder nicht, wieder spürte sie es, wieder nahm der Schmerz zu.

Jill konnte es kaum fassen, das die Schmerzen schon so stark waren, ein lautes Stöhnen entglitt ihr, sie stützte sich mit einem Arm auf den Stufen ab und fühlte im selben Moment etwas knallen, platzen…etwas nasses platschte aus ihr heraus.

Nein!

Hastig zog sie ihre Tunika zur Seite, spreizte die Beine und erblickte die Nässe auf dem Teppich. Ihre Hand war ebenso nass, als diese wieder zwischen ihren Beinen hervor zog. ,,Nicht jetzt…" Sie ließ das Kleidungsstück wieder über ihre Beine fallen und kniff abermals ihre Augen zusammen, als das Ziehen schon wieder stärker wurde.

Und endlich dann, fand sie auch ihre Stimme wieder. ,,Chris!…" schrie sie aufgeregt, ihr Atem stoßweise und die Schmerzen stark. Sie ließ den Kopf gegen das Geländer sinken. ,,…Chris, komm her bitte!…Ich brauche dich!"

Nur wenige Augenblicke später, hörte sie, wie die Badezimmertür oben aufgestoßen wurde. ,,Jill?" Schon erklangen seine Schritte, sorge lag in seiner Stimme, ,,…Was hast du?…" er hastete sofort die Treppe hinunter. Hatte er sich doch nicht getäuscht, vorhin?

,,Jill?" Er setzet sich erschrocken neben sie, musterte sie, registrierte nur schwer was vor sich ging. Seine Augen lagen auf ihr, er fragte sich was los war, waren seine Alarmglocken doch längst angesprungen.

Jills Hand wanderte von ihrem Bauch zu seinem Oberarm, während sich ihre andere in das Holzgeländer krallte.

,,Du…" sie sah ihn an, ,,…musst mich ins…Krankenhaus bringen…" hastig Atmete sie, als der Schmerz wieder zu nahm, ,,…Meine Fruchtblase ist geplatzt…aAh!" Sie warf den Kopf nach hinten, kniff die Augen zusammen und ihre Hände krallten sich zusammen.

Er weitete die Augen: ,,Was, jetzt schon?…Aber…" er war völlig perplex, obwohl er wusste, das Zwillinge häufig in einer Frühgeburt kamen. Dennoch…

,,Jill, das ist zu früh!…" sagte er, Griss an ihre Schulter, ,,…Du hast doch noch sieben Wochen vor dir!"

Tief Atmete sie durch, sie versuchte es zumindest, denn wenn es wirklich Wehen waren, dann ging eine in die andere über.

,,Bitte…" sie keuchte, ,,…Aaua!…" und sie spreizte schon instinktiv die Beine. Jill wusste selbst nicht, wieso sie so plötzlich den Drang verspürte zu pressen, aber irgendwas war so völlig anders als das letzte Mal: ,,…Irgendetwas stimmt nicht!"

Ihre letzten drei Worte versetzten Chris einen Stich tief in seinem Innern. Er spürte, wie sein Herz in seine Hose sank und ob er es verstand oder nicht, war in erster Linie egal. Er musste ihr helfen.

,,Okay…" er war mehr als beunruhigt. Vorhin hatte Jill noch nichts wirkliches gehabt und jetzt schrie sie beinahe schon vor Schmerzen? Waren es Wehen oder…Komplikationen?

Bring sie ins Krankenhaus, Junge