Ein leises Stöhnen hatte ihn aufhorchen lassen und als er den Kopf angehoben hatte, hatte er gesehen, das sie dabei war aufzuwachen. Ihre Lider zuckten, sie kämpfte damit diese aufzuschlagen.
Umgehend festigte Chris den Griff um ihre Hand, die Finger seiner Linken strichen ihr hauchzart über die kühle Stirn. Blass war kein Ausdruck, ihr Gesicht war weiß wie eine Wand.
,,Ganz ruhig, Jill…" leise und sanft klang seine tiefe Stimme, ,,…lass dir Zeit und komm langsam zu dir, es ist alles in Ordnung."
Ja, das war es.
Er war erleichtert, auch darüber, das sie endlich aufgewacht war, oder besser gesagt, noch am aufwachen war.
,,…Chris…" Ihre Stimme war schwach und kaum zu hören.
,,Ja, ich bin da, mein Schatz…" er beugte sich näher, sodass sie sich nicht anstrengen musste, um ihn zu sehen. Er flüsterte weiter, ,,…Alles ist gut…"
Völlig verwirrt und ohne Orientierung schaffte Jill es ihre Augen zu öffnen, nach einigen Momenten klärte sich auch der Blick vor ihren Augen sie sah ihn und bemerkte in der Umgebung ein Krankenhauszimmer. Infusionen, Schläuche an ihrem Arm.
Was war passiert?
Warum war sie hier? Ihr Kopf war noch völlig umnebelt, alles fühlte sich noch so dumpf an. Was war denn nur auf einmal los?
Und dann erinnerte sie sich.
Die Babys, der Schmerz.
,,Wie fühlst du dich?" wollte Chris derweil wissen, sah ihr wohl an, das sie noch neben sich stand.
Jill reckte den Kopf, als ihre linke Hand zu ihrem Bauch gewandert war. Sie tastete erschrocken nicht mehr die gewohnte Wölbung. Panik stieg in ihr auf.
,,…Mein Bauch?…Wo…wo sind meine Babys? Wo…"
,,Hey…" Chris fasste ihr an die Schulter, drückte sie mit sanfter Gewalt zurück in die Kissen, da sie sich aufsetzen wollte, ,,…mach langsam, sonst kann die Naht aufplatzen."
Jetzt erst, mit weit aufgerissenen Augen, fixiert sie seinen Blick: ,,Naht?…" Ihr dämmerte es, sie erinnerte sich noch an die Schmerzen, an das Blut und dann nur noch an umhüllende Dunkelheit. ,,…Die haben mich aufgeschnitten?" Ihre Stimme kratzte, ihr Hals war trocken.
Chris wusste, das ihr das nicht gefiel. Es hatte ihr noch nie gefallen. ,,Es war die einzige Chance, Jill…" nicht einmal hörte seine Hand auf ihr über die Schulter zu streichen, nicht einmal ließ er ihre Hand los. Er war so erleichtert das sie es geschafft hatte. ,,…es gab Komplikationen und die em…Plazenta des zweiten Babys hat sich zu früh gelöst. Du wärest beinahe verblutet, aber…du wirst wieder gesund." er schniefte, hauchte ihr unter tränenden Augen einen liebevollen Kuss auf die Stirn.
,,Was ist mit dem Baby?…" Jill schluckte derweil. Noch immer waren ihre Gedanken durch die Narkose etwas benebelt, doch sie wusste noch gut, das eine Plazenta dazu da war das Baby zu ernähren und mit Sauerstoff zu versorgen.
…Komplikationen?…
Jill fürchtet das Schlimmste, machte sich kaum Gedanken um sich selbst. ,,….Geht es ihm gut?"
Chris sah ihr in die Augen und dann, nach einigen Augenblicken nickte er.
Ein hauchzartes Lächeln huschte über seine Lippen. Er drückte ihre Hand erneut, streichelte ihre Wange und blickte ihr fest in die Augen: ,,Ja, Jill…und sie sind jetzt alle beide soweit wohl auf. Das hast du gut gemacht."
Jetzt lächelte auch sie, spürte Feuchtigkeit in ihren Augen.
,,…Sie schlafen beide noch auf der Säuglingsstation in einem Brutkasten. Evan ist wirklich stark für ein Frühchen in seinem Alter...der zweite Zwilling hat noch etwas Probleme beim Atmen, aber sie werden gut versorgt und gut beobachtet."
,, Probleme?…" Jill machte sich Sorgen, ,,…Ich verstehe nicht…" sie war aufgeregt, wollte hoch, doch Chris hielt sie im Bett, was auch gut so was, denn unter heftigem Schwindel, blinzelte sie das Schwarze vor ihren Augen weg.
Er schluckte kurz, erzählte ihr genau das, was der Kinderarzt ihm gesagt hatte: ,,…Wir wussten ja vorher schon das der zweite Zwilling etwas kleiner war…die Lunge war…ist noch nicht so stark ausgebildet wie bei Evan."
,,Oh Gott…ist es…Was?…" Jill stammelte vor sich hin, sie konnte kaum einen klaren Satz aussprechen, zu komisch war ihr. Sie fühlte sich elend, sie versuchte die Augen offen zu halten und sie hatte Angst um ihr Kind.
,,Hey…" Chris versuchte sie zu beruhigen, strich ihr über die Stirn, ,,…Jill…Hey…" Erst als sie ihn ansah, sprach er weiter, ,,…Mach dir keine Sorgen, das Baby trägt zwar eine Atemhilfe, aber wenn es die ersten achtundvierzig Stunden übersteht, ist es überm Berg."
Seine Worte waren Peitschenhiebe in ihren Ohren: ,,Übersteht?…"
,,Sie wird gut überwacht…" Chris kämpfte mit den Tränen, machte er sich doch genauso große Sorgen, wie Jill, ,,…reg dich bitte nicht auf mein Schatz…"
,,Sie?…" Jills Ohren vernahmen noch immer eines seiner Worte, ,,…es ist ein…ein Mädchen?" Sie schöpfte Atem.
Chris kam nicht um ein Lächeln, trotz der Feuchtigkeit an seinen Wangen. Er nickte eifrig: ,,Ja…ein wunderschönes kleinen Babygirl, sie hat die gleichen Augen wie du, das selbe wundervolle, eisige Blau."
Tränen fluteten Jills Wangen. Sie war voller Freude, sie war voller Sorge, sie war einfach durcheinander und doch erschlug sie die Nachricht ein Mädchen bekommen zu haben einfach mit einem Hieb. Es war wunderbar.
,,Ein Mächen…" ihre Hand drückte seine, ,,…Wirklich?…" Wie sehr hatte sie sich eine Tochter gewünscht.
Er steckte sich und hauchte ihr einen weiteren Kuss auf die Stirn, bejagte.
,,Ich möchte sie sehen, alle beide…" Jill weinte vor Freude.
Chris schniefte und hielt sie abermals im Bett: ,,…Du darfst noch nicht aufstehen, Jill, bitte bleib liegen!…Du hast einen Notkaiserschnitt hinter dir und sehr viel Blut verloren...Bei Gott, es sah in den ersten Stunden überhaupt nicht gut für dich aus…" müde, unendlich erleichtert senkte er den Kopf, legte ihn neben sie auf die Matratze und war einfach nur froh, das sie lebte, das sie wieder bei sich war.
,,Wie lange war ich weg?"
,,Knapp zwanzig Stunden…es schon wieder Abend…" er schüttelte den Kopf, ,,…Jill, den ganzen Tag, ich…ich hatte wirklich schiss, du lässt mich mit drei kleinen Kindern allein. Ich hatte so Angst dich zu verlieren."
Jill schwieg.
Sie sagte nichts, ließ seine Worte sinken, dann streckte sie ihre Hand aus, strich ihm über den Kopf. ,,Ich liebe dich…"
Er hob den Kopf, nur um sehen zu müssen, wie ihr die Augen zufielen. Mit leicht wachsender Sorge, strich er ihr über die Wange: ,,Jilly? Bist du okay?"
,,Ja…" sagte sie, blinzelte, um wach zu bleiben, ,,…mir ist nur schwindelig."
,,Das ist die Narkose schuld…du stehst sicher noch etwas neben dir und…" er strich ihr das Haar aus dem blassen Gesicht, ,,…verzeih mir aber, du siehst schrecklich aus…"
Sie nickte kaum merklich, schien müde zu werden. Das wach sein strengte sie einfach noch zu sehr an, das sah er deutlich und beugte sich wieder zu ihr herab: ,,Schatz, ich weiß du bist müde, du kannst auch gleich wieder schlafen, nur…Dr. Green und Dr. Carver wollten noch mal nach dir sehen, schaffst du es, noch ein Weilchen wach zu bleiben?"
Jill blinzelte heftig, schaffte nur ein leichtes Nicken, sie fühlte sich zu schwach, um zu antworten, aber sie sah zu, wie Chris ihr noch einen Kuss auf die Stirn hauchte, ehe er das Zimmer verließ. Oh, wie sehr sehnte sie sich nach ihren Kindern, sie wollte sie sehen…
Jill hatte nicht gut geschlafen.
Sie betrachtete das kleine Foto ihrer Zwillinge, das Chris ihr gestern gegeben hatte. Es war ihm erlaubt worden seine Kinder zu fotografieren, für sie.
Auf dem Bild stand eine Krankenschwester mit dunklem Haar, in Mundschutz und Handschuhen gekleidet. Sie hielt Evan in den Armen, stand neben einem Brutkasten in dem das zweite Baby lag. Man konnte dieses zweite Baby, das Mädchen, auch nicht besonders gut erkennen.
Der Anblick tat Jill weh.
Sie war die Mutter und konnte nicht bei ihren Kindern sein. Sie hatte ihre Tochter noch nicht einmal gesehen und diese Frau verbrachte fast vierundzwanzig Stunden mit ihren Zwillingen. Doch Jill war nicht böse auf die Frau, nein, sie war dankbar, das sie sich so gut um ihre Kinder kümmerte.
Wie gerne würde sie die beiden sehen, doch aufgrund ihrer schweren Operation und dem hohen Blutverlust war es ihr in den letzten beiden Tagen nach der Geburt unmöglich gewesen aufzustehen und die Babys waren zu klein, das Immunsystem der Kinder noch zu schwach, um durch das halbe Krankenhaus getragen zu werden.
Doch heute war es anders.
Gleich nach der Visite am Morgen waren Jill die Infusionen und der Katheter abgenommen worden. Sie hatte die Erlaubnis ihres Arztes endlich aufzustehen und konnte es kaum erwarten, das Chris sie an diesem Tag besuchte.
Natürlich hatte er das auch gestern schon getan. Und vorgestern am Tag der Geburt selbst, war er nach ihrem Aufwachen bis in die späte Nacht nicht von ihrer Seite gewichen.
Jill drehte den Kopf zur Seite. Viele Blumen hatte man ihr geschenkt. Sie waren von ihren Freunden. Rebecca, Claire und Matt waren gestern da gewesen. Genau wie die Burtons. Angela und Leon hatten von Philadelphia aus angerufen, ihr das Beste gewünscht…
,,Mama!" Eric huschte plötzlich ins Krankenzimmer, kaum das Chris angeklopft und die Tür geöffnet hatte.
Jill drehte abrupt den Kopf und ihr Blick hellte sich auf: ,,Eric…Hey…" Sie streckte die Hand nach ihm aus, strich ihm durchs Haar, kam das er an ihr Bett getreten war.
Der Junge versuchte auf das Bett zu klettern, doch es war einfach zu hoch für ihn. Unter normalen Umständen hätte Jill ihn hoch gehoben, doch ihre Wundschmerzen und das ärztliche Verbot von schwerem Heben ließen das nicht zu.
Erst als die großen Hände seines Vaters ihn unter den Armen griffen, auf das Bett seiner Mutter hoben, konnte der Junge sie umarmen.
Jill tat es ebenso. Erleichtert, denn seit fast drei Tagen hatte sie ihr Kind nicht mehr gesehen. ,,Hey, Baby…" Vorgestern, nach der Operation war Jill zu schläfrig, das wusste Chris und er hatte es auch nicht für gut empfunden Eric gleich zu überrumpeln. Er hatte seinem Sohn schließlich auch erst verständlich erklären müssen, was mit seiner Mutter passiert war.
Jill sah zu Chris und lächelte leicht. Sie war ihm dankbar.
Er entgegnete das, setzte sich ihr gegenüber, neben Eric auf die Bettkante.
,,Mama…" Eric löste sich von ihr, setzte sich auf und Sorge lag in den Augen des Kindes, ,,…bist du gesund? Wann kommst du heim?" Sein Vater hatte ihm erklärt, das seine Mutter krank war und darum eben ein paar Tage im Krankenhaus bleiben musste, bei seinem Bruder und seiner Schwester.
Die Blonde schluckte: ,,Bald…mein Schatz. Okay?"
,,Will Babys gucken…" Er drehte den Kopf zu dem wieder flacheren Bauch seiner Mutter. Natürlich hatte Eric nicht wirklich verstanden, was sein Vater ihm erzählt hatte.
Jill kniff die Lippen aufeinander, sah zu Chris.
,,Eric…" begann dieser und strich seinem Kind über den Rücken, ,,…Dein Bruder und deine Schwester sind nicht mehr im Bauch deiner Mom…Sie sind einem anderen Zimmer, aber du wirst sie bald sehen, ja?…Wartest du draußen bei Tante Becca, während ich mit deiner Mom etwas spazieren gehe?" Chris wusste, das Jill aufstehen durfte. Sie hatte ihn angerufen.
Eric nickte.
,,Rebecca ist hier?" fragte Jill.
Chris blickte in ihre Augen: ,,Ja, ich dachte em…du willst dir unsere Zwillinge in Ruhe ansehen. Ich werde mit Eric später noch mal hingehen. Solange hat Rebecca ihm ein Eis in der Cafeteria versprochen."
Jill nickte, hauchte einen Kuss auf den Handrücken ihres Sohnes.
,,Für dich…" Eric schnallte seinen kleinen Rucksack ab, öffnete ihn und zückte eines seiner Lieblingsspielzeuge. Er schenkte seiner Mutter seinen Stoffpinguin, ,,…Mein Pipu wird auf dich aufpassen."
,,Oh…Danke, mein Schatz…" sie nahm es glücklich an sich, strich ihrem Sohn über die Wange, was hatte sie ihn vermisst, ,,…Ich gebe ihn dir wieder, wenn ich zuhause bin."
Das Kind lächelte vergnügt…
,,Du bist sicher, das du das schaffst?" fragte Chris, nachdem Rebecca ihm draußen seinen Sohn abgenommen hatte und er zurück zu seiner Frau gegangen war.
Sorge lag in seinen Augen.
Jill nickte: ,,Ja, ich bin heute Morgen schon mal aufgestanden und hab es unter den wachsamen Augen meiner Krankenschwester bis zum Badezimmer geschafft…Es ist echt ein tolles Gefühl wieder Pinkeln zu müssen." Sie lächelte.
Chris lachte los, strich ihr das Haar nach hinten.
,,Okay…" Jill sah ihn an, ,,…Du musst mir nur beim aufstehen helfen."
Er griff umgehend an ihren Arm, als sie ihm ihren entgegen streckte. Langsam zog er sie hoch, legte seine freie Hand stützend an ihren Rücken, bis Jill sich aufgesetzt hatte.
In ihrem Gesicht las er Schmerz und Unwohlsein.
,,Geht es?" fragte er. Nervös war er nicht zu knapp. Immerhin wusste er nicht recht, wie er seine Frau anpacken sollte, ohne ihr weh zu tun.
Jill nickte: ,,Ja…" sie schaffte es die Beine vom Bett zu bringen und hielt dann inne. Ihre freie Hand legte sich schützend auf die frische Wunde an ihrem Bauch.
Chris sah es, nickte: ,,Tut sehr weh, was?"
,,Wie würdest du dich fühlen, wenn man dich ausgeweidet hat?…" sie brauchte einen Moment, atmete langsam durch, ,,…Es tut nur weh, wenn ich mich bewege."
Er setzte sich neben sie, hielt sie.
,,Haben dir die Ärzte alles erzählt?" wollte er wissen.
Jill nickte: ,,Ja, sie sagten alles, was ich wissen wollte…" sie atmete durch und schüttelte den Kopf, als sie sich zurück erinnerte, ,,…Gott, es war so schrecklich…Ich weiß nur noch…dieser Schmerz und du warst plötzlich nicht mehr da…" sie blickte ihn an, ,,…Ich dachte, das war´s. Ich glaubte nicht, das ich das durchstehen würde und dann wurde mir schummerig, eine Maske über Mund und Nase gedrückt. Mehr weiß ich nicht mehr…"
Chris drückte sie sachte an sich: ,,Ist vorbei. Ihr habt es alle drei geschafft. Sicher braucht ihr noch ein Weilchen, vor allem du, bist du wieder fitt bist, aber es wird wieder."
Sie nickte einmal mehr.
,,Na komm…" Chris hielt sie und Jill stand langsam und unter starken Schmerzen auf. Sie hielt sich an ihm fest und schloss die Augen.
,,Okay?" wollte er wissen.
Sie hielt sich den Bauch: ,,Ja, mir ist ein bisschen schwindelig. Das kommt sicher vom langen liegen."
Chris wusste es. Der Arzt hatte ihn aufgeklärt. Deshalb durfte Jill auch nicht alleine herumlaufen, eben weil sie sehr viel Blut verloren hatte und ihr Kreislauf noch immer etwas unstabil war.
Er half ihr sich in einen Rollstuhl zu setzen, der neben dem Bett stand. Der Weg zur Säuglingsstation ein Stockwerk höher war doch noch zu weit für sie…
,,Du machst dich gut als Krankenpfleger…" Jill schlang den Morgenmantel um ihren geschundenen Körper blickte zu ihm auf, als er sie durch den Krankenhausflur schob.
Chris lächelte, betätigte die Aufzugstaste: ,,…und wenn ich einer wäre, wärest du meine Lieblingspatientin."
Sie stiegen ein und Jill konnte es kaum erwarten, bis sie endlich da waren. Mit wachen Augen sah sie zu, wie sie sich der Tür näherten, die sich automatisch öffnete. Zutritt nur für Eltern und Krankenhauspersonal.
,,Hat wirklich noch niemals die beiden gesehen?" fragte Jill einmal mehr, als sie das Schild las.
Chris schüttelte den Kopf: ,,Nein, ich hab nur das Foto gezeigt. Außerdem haben hier nur die Eltern Zugang und es ist nicht fair wenn alle anderen unsere Kinder noch vor dir sehen."
Jill senkte den Kopf: ,,Ja…das wäre nicht fair."
Er sah auf sie herab, während er sie weiter schob, wusste, das Jill es hasste, so wie es gekommen war. Er wusste wie sehr sie ihre Zwillinge sehen wollte und er konnte es verstehen. Sie war die Mutter, sie hatte sie geboren, auch gleich wenn sie Evan schon einmal gesehen hatte, so kannte sie ihre Tochter noch nicht. Das sollte nicht sein.
,,So…" Chris hielt an, vor einem Zimmer.
Jill konnte nur bedingt hinein sehen. Sie saß ja noch immer und nur der obere Teil der Wand war aus Glas.
Eine Schwester, die selbe, die Jill schon auf dem Foto gesehen hatte, öffnete umgehend und begrüßte das Ehepaar. ,,Mr. Redfield…Sie haben sich heute aber Zeit gelassen."
Ja, gestern war er früher schon hier gewesen, doch heute hatte er jemand besonderen dabei. ,,Ja, ich musste noch ihre Mom abholen."
,,Misses Redfield…" die Schwester nickte ihr freundlich zu, gab ihr die Hand, ,,…Ich bin Sara, es freut mich Sie kennen zu lernen. Man erkennt gleich woher die beiden Engelchen ihre Augen haben. Kommen Sie."
Jills Herz klopfte ihr bis zum Hals.
Sie erblickte die Brutkästen, konnte allerdings durch all die viele Kissen darin nicht wirklich viel erkennen. Die Geräte, die umher standen jagten ihr Angst ein.
Schweigend sah Jill der Krankenschwester zu, wie diese an eines der Bettchen ging und die Klappe öffnete. Ihre Augen ruhten auf dem kleinen Bündel, das ihr dann von Sara in die Arme gelegt wurde: ,,Hier ist ihr Sohn."
Jill fehlten die Worte.
Das vertraute Gewicht des Neugeborenen in ihren Armen beflügelte sie. Es tat ihr gut, endlich ihr Kind zu haben, endlich die Mutter zu sein, die sie sein sollte.
Sanft schob sie die Decke zur Seite, die ihren Jungen umhüllte. Er bewegte seine besockten Zehen, seine Finger, seine aufmerksamen Augen musterten sie eingehend. Er atmete, lebte und Jill war einfach nur Glücklich.
,,Hey…" sie strich ihm mit der freien Hand über die Wange, ,,…Hallo Evan…ich bin es, deine Mama…"
Die winzigen Finger des Säuglings griffen an ihr Handgelenk, seine Augen festigten ihre und Chris lächelte. Es war, als würde sein Sohn sie erkennen. Wieso auch nicht, immerhin hatte sie ihn monatelang im Bauch gehabt.
,,Geht es ihm gut?" es war eine Frage, die Jill an Sara richtete, doch ohne ein Mal von ihrem Sohn weg zu sehen. Er hatte die Nase von Chris, auch dessen Ohren, seine Lippen. Er war das Ebenbild seines Vaters.
,,Ja. Er ist ein tapferer, kleiner Mann…" entgegnete Sara, die sich diskret etwas zurück gezogen hatte, da dies ein Familienmoment sein sollte, ,,…Er hat ordentlich Appetit, hat auch schon an Gewicht zugelegt und wiegt jetzt genau 2173 Gramm und hat eine Größe von 45,2 Zentimetern. Er schreit kaum und ist eine waschechte Schlafmütze."
Jill lachte leicht: ,,Wie sein Vater…" sie drehte den Kopf zu Chris, teilte dessen Lächeln.
,,Wenn er weiter solche Fortschritte macht, dann kann er schon in ein, zwei Wochen aus dem Brustkasten raus."
Ein, zwei Wochen?
Jills Lächeln ebbte ab.
Ja, ihr Arzt hatte ihr erklärt, das wenn sie entlassen werden würde, sie ihre Kinder noch nicht direkt mitnehmen konnte. Es waren Frühchen und sie brauchten noch ein bisschen Zeit, um richtig in die Welt starten zu dürfen.
Chris strich Jill sanft über die Schulter, saß auf einem Stuhl neben ihr. Er wusste, was sie dachte, wollte sie jedoch ablenken, an etwas schöneres Erinnern und fragte: ,,Möchtest du unsere Tochter kennen lernen?"
Jill blickte auf, nickte und ihre Augen gingen zu dem zweiten Bettchen.
Sara nickte, kam zu den jungen Eltern und nahm Jill das Baby wieder ab. ,,Wir legen ihn hier zurück. Wenn sie möchten, dann können Sie ihn nachher auch gerne stillen."
Chris war aufgestanden, schob Jill näher an den Brutkasten, der ihre Tochter beherbergte.
,,Zu meinem Bedauern, hat der Arzt noch nicht erlaubt, das sie herausgenommen werden darf. Sie atmet zwar, doch der Sauerstoffgehalt ist ohne die Atemhilfe nicht so, wie es sein sollte, dennoch machen Sie sich keine Sorgen, Misses Redfield. Seit letzter Nacht, geht es der Kleinen viel besser. Sie ist stark." sagte Sara.
Chris griff Jill unter die Arme, half ihr aufzustehen, jeder Millimeter, den sie sich bewegte, peinigte sie höllisch, doch sie nahm alles auf sich, wenn sie nur ihr Baby sehen konnte.
Und der Anblick trieb ihr ein Messer in die Brust.
,,So klein…"
Winzig war das Mädchen.
So zerbrechlich.
Eingewickelt in warme, rosafarbene Kleidung, umrandet von Kissen und Decken, ein Teddybär am Kopfende. Sie schlief
,,Das ist…meine Tochter?…"
Das kleine Mädchen lag auf der Seite, trug die Atemmaske und Jill war fürchterlich erschrocken. Einen kleinen, hilflosen Menschen so verkabelt zu sehen, das war schlimmer als alles andere.
,,Nur zu…" einfühlsam sprach die Krankenschwester, ,,…sie dürfen sie berühren."
Jill streckte ihre Hand durch die kleine Öffnung, legte ihre Hand auf en Rücken ihrer Tochter Sie fühlte sich mollig warm an.
Sanft strich sie dem Baby über die Wange. Es war die erste Berührung die ihr gestatte wurde und Jill war Chris dankbar, das er für sie da war. Das er sie hielt, sonst wären ihre Beine unter ihr zusammengebrochen. Sie schniefte: ,,Ist sie okay?" Jill wusste von dem behandelnden Kinderarzt, das ihre Tochter, die ja per Kaiserschnitt geholt werden musste, nicht richtig geatmet hat. Das machte ihr noch immer Angst.
,,Ja…" sagte Sara, ,,…Sie wiegt jetzt 1762 Gramm und hat genau 40,6 Zentimeter. Zwar ist sie nicht so groß und kräftig wie ihr Bruder, dennoch macht auch sie schon gute Fortschritte. Anfangs hat sie sich gegen die Milch gewehrt, sich erbrochen und hat auch häufig geschrieen, doch das ist gut zur Ausbildung des Lungenvolumens."
,,Isst sie denn jetzt?" Jill konnte ihre Augen nicht von ihrem Mädchen lassen.
Sara nickte: ,,Ja, Sie hat heute Morgen schon kräftig getrunken. Ich weiß, es ist nicht leicht für eine Mutter ihre Kinder so zu sehen, aber ich kann Sie beruhigen, beide werden es schaffen, denn bei den Fortschritten, die beide machen, sind kaum noch Komplikationen zu erwarten."
Jill nickte ebenfalls. Sie war unendlich dankbar dafür. Ein Mädchen, wie sehr hatte sie sich eins gewünscht…
,,Vorsicht…" Chris stützte seine Frau, die sich zurück in ihr Bett legte.
Jill blieb auf der Seite liegen: ,,Danke…"
,,…Möchtest du dich auf den Rücken drehen?" wollte er wissen, als er die Decke über sie legte.
Sie schüttelte den Kopf, kniff unter dem Stechen in ihrem Bauch die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Eine Hand wanderte an ihre Wunde: ,,Nein, ist okay so…" dann blickte sie ihn wieder an.
Chris setzte sich ihr gegenüber, strich ihr das Haar nach hinten. Er wusste, das ihre Schmerzen groß waren. Man hatte sie schließlich aufgeschnitten und Chris musste kein Experte sein, um zu wissen, das bei einem Notkaiserschnitt und unter dem Zeitdruck nicht auf Sanftheit geachtet wurde. Es hatte jede Sekunde gezählt.
,,Die haben dich ganz schön in die Mangel genommen, was?" Er wollte sie etwas aufmuntern, kam sie ihm doch so niedergeschlagen vor, seitdem sie ihre Kinder verlassen hatten.
Jill konnte allerdings nicht lachen, sie schloss nur völlig erschöpft die Augen, legte einen Arm unter ihren Kopf und dann passierte es.
Tränen kullerten ihre Wange hinab.
Sie dachte an die Geburt zurück, sie fühlte sich noch immer so verwirrt und sie dachte an Evan und dann an ihre Tochter. Das Messer in ihrer Brust tat noch immer weh.
,,Hey…" Chris stockte, fuhr ihr übe die Wange, ,,…was ist los?"
,,Es ist nicht fair…" Jill schluchzte, ,,…Sie sind beide noch so klein…ich habe das Gefühl, das ich alles falsch gemacht habe…" Sie konnte nichts dafür, ihr war einfach danach zu weinen, denn wenn sie es anhielt, zurückhielt, wurden die Schmerzen in ihrem Bauch nur noch größer, ,,…Sie hat noch nicht mal einen Namen, Chris…"
,,Nichts hast du falsch gemacht…Komm her, Süße…" er legte sich neben sie, nahm sie in den Arm, ,,…Jill, dich trifft keine Schuld. Niemand kann ändern, was die Natur festlegt. Ob es die letzten Monate oder Claires Hochzeit war, Carlos oder sonst was, was die Wehen ausgelöst hat, weiß niemand und es spielt auch jetzt keine Rolle mehr. Es ist passiert und ich weiß, es erschreckt dich die beiden so zu sehen, besonders unser kleines Mädchen und glaub mir mein Schatz, mir geht es genauso, aber sie werden sich durchbeißen, weil ich ihr Vater bin und du ihre Mutter bist…und wir werden einen Namen finden, der zu ihr passt, ganz sicher."
Jill schluchzte einmal mehr, war sie doch auch gleich über seine Worte hin aufgemuntert und hob einen ihrer Mundwinkel. Sie war zum Teil ja, erschrocken, zum Teil jedoch erleichtert das sie alles hinter sich hatte. Es war alles vorbei, sie hatten es alle geschafft, auch wenn es noch eine Weile dauern würde, bis alles in Ordnung war.
Sie genoss es ihn bei sich zu haben. Seine Arme spendeten ihr Trost und Wärme. Es tat so gut ihn bei sich zu haben…
