~ Chapter Four ~
Es herrschte ein leicht gedrückte Stimmung am Morgen nach der Abschlussfeier der Siebtklässler. Es gehörte auch zur Tradition, wenn auch zum großen Missfallen Madame Pomfreys, dass sich eine wartende Schlange zum Krankenflügel gebildet hatte, mit dem dringenden Wunsch nach einem Anti-Kopfschmerz Trank.
Einige der Sechst- und Siebtklässler hatten das Frühstück sausen lassen, für ein paar Stunden mehr Schlaf. Die wenigen, die es geschafft hatten zu duschen, sich anzuziehen und mehr oder weniger munter zum Frühstück erschienen waren, hielten sich ihren schmerzenden Kopf oder ihren rebellierenden Magen.
Ron Weasley war noch gar nicht im Bett gewesen und hatte mittlerweile die zweifache tödliche Dosis an schwarzem Kaffee getrunken. Demnach zufolge hatte er zwar dunkle Ringe unter seinen Augen, aber er war sehr gesprächig und kaute hastig auf einem Stück Toast herum, während er sprach.
„Erektionsprobleme, Panik davor es zu tun, ängstlicher Willy- hundert verschiedene Bezeichnungen, Harry. Wirklich, du solltest dich nicht zu schlecht fühlen. Passiert jedem von uns mal ab und an."
Harry Potter hatte sich einfach auf den Tisch gelehnt, die Arme als Kopfkissen nutzend. Sein Haar schien sich besondere Mühe zu geben heute noch verstrubbelter auszusehen als sonst.
-Und auch sein Haar wirkte müde und schlaff. Auf den ersten Blick, sah es so aus, als würde er schlafen. Aber ab und zu entfuhr ihm ein jämmerliches Stöhnen.
„Trinken ist da auch ein zusätzlicher Faktor.", fuhr Ron fort, während er einen großzügigen Klecks Blaubeermarmelade auf sein Brot strich. „Ständig muss man zum Klo, in den unpassendsten Momenten; du schläfst einfach ein; außerdem musst du deinen kleinen Freund praktisch dazu zwingen endlich wach zu werden, um wenigstens für ein paar Minuten…"
„Ron, wenn du dich schon so obszön äußern musst, kannst du es nicht wenigstens vorher ankündigen? Andere wollen hier essen.", murrte Ginny, als sie den Blick von ihrem Porridge hob. Ginnys pfirsichfarbene und weiche Haut war heute genauso grau wie ihr Frühstück. Selbst ihre Sommersprossen wirkten ausgeblichen. Dazu kam noch, dass sie alle zwei Sekunden ihr Gähnen mit der Hand bedeckte und ihre Augen einen trüben, glasigen Blick annahmen.
„Sorry." Ron grinste über die Übelkeit seiner Schwester. Er griff nach einer Feder aus seiner Tasche und verbrachte die nächsten zwei Minuten damit stumm und schadenfroh eine Servierte Vollzukritzeln.
„Reich das mal an Harry weiter."
Zornig griff Ginny nach der Servierte und knallte sie Harry vor die Nase.
„Keine Sorge, Harry.", sagte Ron jetzt und schnitt sein Brot in zwei Hälften. „Ich bin sicher, Alice gehört zu den verständnisvollen Mädchen."
„Ich bin ruiniert.", beharrte Harry jetzt. Er drehte die Servierte in seinen Händen mit einem wehleidigen Gesichtsausdruck. „Vollkommen runiert. Ich werde nie wieder trinken."
Jeder andere in Hörweite nickte feierlich bei dieser Aussage. Ginny brachte es sogar fertig, Harry freundschaftlich auf die Schulter zu klopfen. Und sie meinte es so. Sie hatte nämlich die böse Wirkung von Champagner Cocktails erfahren müssen und hatte die exakt gleiche Aussage nur wenige Minuten zuvor gemacht.
Sobald die post-betrunkene Phase der Party überwunden worden war, wurde der Dialog zwischen den Schülern wieder Standard.
„Ich bezweifel sogar, dass Alice es überhaupt bemerkt hat.", versicherte Ron ihm jetzt. „Harry, kannst du mir mal die Eier reichen… Ja, so gefällt mir das. Ich mag mein Frühstück flüssig."
Ginny schluckte schwer ihren Bissen hinunter und legte den Löffel zur Seite.
Etwas neben sich, stellte Harry den Teller mit den Spiegeleiern vor Ron ab. „Oh, sie weiß es, ok? Ich meine, wir hatten wirklich nicht vor, etwas passieren zu lassen, aber… Oh, Gott, diese Neuigkeiten haben sich sicher schon im gesamten Hufflepuff Gemeinschaftsraum verbreitet."
Ron öffnete seinen Mund, dazu bereit eine weitere Beschwichtigung vom Stapel zu lassen, wurde aber unsanft von Seamus Finnigan unterbrochen.
„Morgen!", strahlte Seamus jetzt in die Runde und ließ sich neben seinen Klassenkameraden nieder. Der Siebtklässler hatte eine leicht orangefarbene Hautfarbe. Ein Indikator dafür, dass er von Madame Pomfrey bereits mit Kopfschmerz Trank versorgt worden war. Das war auch der Grund für seine so offensichtlich gute Laune. Um das beste Resultat zu erzielen, wurde der Trank meist noch mit einem Aufheiterungszauber versehen.
Ginny zuckte unter dem Geräusch zusammen und murmelte etwas in ihr Frühstück, das verdächtig nach verfluchte, laute Iren klang. Trotzdem freute sich über die Ankunft ihres „mehr oder weniger" Freundes.
„Fabelhafter Tag!", verkündete Seamus den anderen, während er nach einer Scheibe Toast aus dem Korb griff. Er begutachtete die verkaterten Gesichter seiner Freunde. „Wo ist eure Abschluss-Freude?", erkundigte er sich, bevor er anfing gutgelaunt die Schulhymne zu summen. Er lud sich Massen an Schinken, Speck, Rührei und Marmelade auf seinen Teller. Ginny verzog den Mund.
„Diese Freude liegt so lange flach, bis ich meine Abschlussprüfungen hinter mir habe.", murrte Ginny jetzt. „Fang an zu singen, Finnigan und ich schwöre bei Merlin, ich bin nicht mehr verantwortlich für das, was ich dir antun werde!" Mit tödlicher Absicht griff sie nach ihrem Buttermesser.
Aber Seamus hatte bereits aufgehört zu lächeln. Er hatte nun Neville entdeckt, der bis jetzt still schweigend sein Porridge gegessen hatte. Er schien hinter einer riesigen Schüssel voller Früchte zu verschwinden.
„Das war ziemlich krass, was du dir da gestern geleistet hast, Longbottom."
Neville sah man es an, dass er sich extrem unwohl fühlte. „Seamus, du weißt, das war keine Absicht."
„Worum geht's?", mischte sich jetzt Ron mit ein und starrte von Seamus' wütendem Gesicht in das glühend rote von Neville.
Seamus faltete seine Arme vor der Brust. „Unser Neville hier hat gestern seine Hüllen fallen lassen. Vor Ginny und Susan Bones." Harrys Kopf erhob sich und seine eigenen Peinlichkeiten waren für einen Moment vergessen. „Neville hat was getan?"
Neville schüttelte hastig den Kopf. „Nicht mit Absicht! Es… es war ein Notfall. Ich musste wirklich ganz dringend. Naja, es war niemand in der Nähe also bin ich in die Büsche. Ihr kennt das doch. Ich hatte gedacht, ich wär allein, aber…"
Harry musste lachen, während Ron immer noch zwischen Mitleid und Ärger schwankte. „Neville, du bist ein toter Mann! Das ist meine Schwester!"
Ginny verdrehte die Augen. „Welch schockierende Drohung, Ron. Ich habe sechs Brüder. Es ist nicht so als hätte ich noch nie einen …" Ron hatte ihr eilig die Hand auf den Mund gepresst.
„Du sollst unschuldig und rein sein, verstanden? Mum würde mir den Kopf abreißen und… du hast unter gar keinen Umständen schon einmal einen gesehen!", fügte er nachdrücklich hinzu, als ob die exakte Betonung seine Worte wahr machen könnte. „Und du wirst auch keinen sehen bis… bis du mindestens dreißig bist!"
Ginny schob den Arm ihres Bruders beiseite, während dieser wieder Neville fixierte.
Harry hatte während dessen das erste Lächeln des Tages auf seinen Lippen. „Es tut gut zu sehen, dass ich nicht der einzige bin, der diesen Morgen Probleme hat."
Kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, endete die trügerische Ruhe.
„Ah, der große Potter, unser unumstrittener Held!", rief Dean Thomas quer durch die große Halle. Und wie Seamus hatte er einen Organen Glanz auf der Haut.
Ron schüttelte warnend den Kopf.
„Die Fahnen sollen wehen! Mutig hat er sich hinter die Hufflepuffgrenzen gewagt, um ihre Prinzessin zu stehlen!"
Ginny prustete in ihren Saft.
„Die Flagge gehisst, Erfolg auf ganzer Linie!"
Neville stöhnte auf.
Harrys Gesichtsfarbe machte nun Rons Haaren Konkurrenz. „HALT DIE KLAPPE, THOMAS! Es gab keine wehenden Fahnen und die verfluchte Flagge hat den Boden auch nicht verlassen!"
An den anderen Tischen blickten nun die restlichen Schüler mit interessierten Blicken auf. Dean schaute einen Moment lang recht verblüfft drein. Dann grinste er dreckig. „Was ist dann passiert?"
Harry seufzte. „Ich denke, du wirst noch früh genug davon hören."
Die Freunde wandten gleichzeitig ihren Blick nach hinten zum Hufflepufftisch, wo die sehr attraktive Alice Crowley, Harrys fehlgeschlagene Eroberung, ziemlich intensiv mit Susan Bones tuschelte. Zu allem Überfluss schienen die Blicke der Hufflepuff Jungen Harry und Neville erdolchen zu wollen.
„Reizend.", sagte Neville mit einer tapferen Resignation, die er sich in sieben Jahren Zaubertränke mit Snape angeeignet hatte. „Wenn wir Montag noch am Leben sind, dann ist das bloß einem Wunder zu verdanken."
Ginny kicherte. „Hermine wird dich schon beschützen, Neville. Es ist immer gut, die Schulsprecherin zu kenne. Und Alice ist ein nettes Mädchen. Nicht alles, was sie erzählt ist Klatsch. "
„Wo ist Hermine überhaupt?", warf Harry jetzt ein und spähte durch die Große Halle. Natürlich war es nicht verwunderlich für Hermine, dass sie nicht am Frühstück teilnahm. Das Mädchen war oft eine Stunde früher wach als alle anderen. Aber es war Wochenende und für gewöhnlich frühstückten sie da zusammen.
Ron schob sich gerade ein paar warme Kekse in den Mund. Zwei auf einmal. „Sie ift bei ihrer Mutter, überf Wochenende. Brief kam form Frühftück." Beim Reden flogen einige Kekskrümel über den Tisch und Dean wich ihnen geschickt aus. Aus dem Nichts erschien ein akkurat gefalteter Brief auf dem Tisch und Ron schob ihn weiter an Harry.
„So viel zum Thema beschützen.", erwiderte Ginny jetzt, mit einem Blick auf Tim Gaggleby, der seine fleischige Faust gegen seine flache Hand schlug, während er Neville beäugte.
„Kommt." Ron erhob sich schwerfällig und brach in ein lautes Gähnen aus. „Kein Grund, sich Sorgen zu machen wegen ´nem kleinen Strip, Neville. Die Schule ist aus und neben Voldemort und der lästigen Akne ist das Leben doch schön."
Das Leben hatte die grauenhafte Angewohnheit einem Steine in den Weg zu legen, wenn man es überhaupt nicht erwartet hätte.
Vor einem Jahr war sie durch und durch ausgelastet gewesen im Kampf gegen das Böse, ZAGs, ihren Freunden und den Aufgaben, die ihr als Schulsprecherin zu Teil wurden.
Vor einem Tag war sie glücklich, teilweise sorgenfrei und vor allem war sie Single.
Vor einer Stunde war sie zuversichtlich, dass sie wenigstens den Tag überleben würde.
Hermine war sich jetzt gar nicht mehr so sicher.
Neugierde tötete wahrscheinlich die Katze, aber sie sollte verdammt sein, wenn sie kampflos aufgeben würde.
Sie saß Malfoy gegenüber in der Pferdelosen Kutsche, die sie in fünfzehn Minuten nach Thimble Creek nach Malfoy Manor bringen sollte. Die Abreise aus dem schmutzigen Muggelmotel war eine stille und heimliche Angelegenheit gewesen. Die sture Stille zwischen ihnen war am Anfang vielleicht noch recht willkommen gewesen, aber jetzt trug sie nur dazu bei, die Spannung zu steigern.
Und Gott, sie konnte die Spannung beinahe greifen.
Sie hatten einen Stopp in der Winkelgasse eingelegt, damit Hermine bei der Post exakte zwanzig Minuten damit zugebracht hatte Briefe an Ron und Harry ( „…bloß eben zu meiner Mum gefahren bis morgen…") und Professor McGonagall ( „… verbringe das Wochenende mit meiner Familie. Entschuldigen Sie die späte Ankündigung.") zu schreiben.
Sie war nicht besonders gut im Lügen, obwohl sie die Zeit mit Ron und Harry in einen Lügenbaron hätte verwandeln sollen, so oft, wie sie die Wahrheit verdrehen hatten müssen…
Die Jungs waren Meister in unschuldigen Blicken, wo sie hingegen versagte und eher verwirrt drein blickte und immer schnell das Thema wechselte.
Diese Taktik wirkte eigentlich immer recht gut bei Filch, der sie dann schließlich aus Wut entließ, so aber nicht bei Snape, der nicht so leicht zu beeindrucken war.
Harry und die anderen lagen jetzt gerade wahrscheinlich am See und genossen die Sonne. Sie würden Snape explodiert spielen, Zaubererschach und danach würden sie Hagrid besuchen. Ginny wäre voll auf damit beschäftigt ihre künstliche Ruhe bei ihrem schusseligen Freund zu bewahren und Neville würde höchstwahrscheinlich im Gewächshaus mit Professor Sprout zusammen an seinem Kräuterkundeprojekt arbeiten. Blaise Zabini, der sehr verantwortungsvolle Schulsprecher aus Slytherin, würde sich durch ihre Abwesenheit nicht beirren lassen und auch ohne sie alle Notwendigkeiten akkurat erledigen.
Hermine überlegte gerade, dass sie wohl mehr als 400 Meilen von Hogwarts entfernt sein musste. Eine Distanz, die natürlich für einen lizenzierten Apparierer keine Entfernung darstellte. Trotzdem fühlte es sich so an, als wäre sie ans andere Ende der Welt katapultiert worden.
Ihre bloße Existenz hatte sich noch nie so fehl am Platze gefühlt.
Und natürlich war der schlechtgelaunte, große Zauberer, der ihr gegenüber saß nicht unbeteiligt an diesem Gefühlszustand. Sie hatte kontinuierlich darauf verzichtete seinem Blick zu begegnen seitdem sie in die Kutsche gestiegen waren. Stattdessen hatte sie den Blick in die andere Richtung gewandt und starrte jetzt aus dem Fenster. Die auf und ab wippenden ländlichen Felder verursachten eine Reisekrankheit bei ihr, aber sie hielt den Blick nach draußen gerichtet.
Ihr kurzer Trip durch die Winkelgasse war sogar recht amüsant gewesen. Hermine war froh, dass sie noch nicht so panisch war, dass ihr die durchaus komischen Details ihrer Situation entgingen. Malfoy war die gesamte Zeit über immer fünf Schritte vor ihr gegangen, die Kapuze seines Reiseumhangs tief ins blasse Gesicht gezogen um bloß zu vermeiden, dass irgendjemand mitbekam, dass eine recht zerzaust aussehende Schulsprecherin von Gryffindor zu ihm gehörte.
Oder besser gesagt, hinter ihm her hastete, diesem selbstbezogenen Ekel.
Zweimal hatte sie es sogar geschafft in zu verlieren. Und zweimal war er zurückgekommen, und hatte sie ziemlich genervt grob am Umhang gepackt und mitgezogen, bevor er schließlich wieder vor ihr her marschiert war. Hermine war die neugierigen Blicke der Leute zwar schon gewöhnt, aber Malfoy brachte es fertig sie anzusehen als wäre sie ein Seuchenopfer, welches im höchsten Grad ansteckend war. Es wäre einige Mal wirklich so verlockend gewesen einen losen Stein aus dem Kopfsteinpflaster nach ihm zu werfen, dass sie ihre Hände in ihren Taschen zu Fäusten hatte ballen müssen, um sich zurück zu halten.
Er hatte sie fast mit Gewalt in das Postgebäude geschoben, ihr vier Sickel in die Hand gedrückt und sie angefahren, dass sie sich beeilen sollte. Hermine hatte ihn mit einem Blick angesehen, der wie sie hoffte, ihre ganze Verachtung gut zur Geltung gebracht hatte und hatte ihm schließlich sein Geld an den Kopf geworfen. Danach hatte sie sich alle Zeit der Welt genommen, um ihre Lügen auf das Papier zu bringen.
Sie hatte das Gebäude verlassen und sah, wie er die Straße schon zur Hälfte hinter sich gelassen hatte. Wahrscheinlich auf dem Weg zu dem ans Flohnetzwerk angeschlossenen Kamin. Mit zusammen gebissenen Zähnen war sie ihm in die Drei Besen gefolgt. Wie ein dummes Schaf einem Hirten.
Und von da an machten sie jetzt ihre Reise nach Thimble Creek, welches südlich der Malfoy Residenz lag.
Hermine war schon immer von der Geschichte der reichen magischen Bevölkerung von Englands fasziniert gewesen. Sie schluckte die Tatsache hinunter, muggelgebürtig zu sein und ignorierte die Gänsehaut, die sie bekam, wenn sie daran dachte, dass man den Stammbaum einer reichen Familie bis weit über tausend Jahre zurückverfolgen konnte.
Es würde definitiv zu einem großen Ego verhelfen, wenn man in einem Buch über Magische Geschichte unzählige Erwähnungen seines nahezu hoheitlichen Hauses finden konnte. Nicht nur die Häuser erzählten eine alte Geschichte. Meist war die ganze Familie in den Erwähnungen untergebracht.
Um Thimble Creek als Beispiel zu nehmen: Vor knapp vierhundert Jahren waren die Bauern vom kleinen Thimble Creek Angestellte der Lords von Malfoy gewesen. Sie hatten Ställe für die unzähligen Pferde gebaut, groß angelegte Parks, Orchideen und Weingebiete angelegt - mit einem Dienstbotengehalt. Alas, damals eine kleine Industriestadt schien nahezu menschenleer, nachdem sie und Malfoy aus dem Kamin gestiegen waren um die Kutschfahrt anzutreten. Die älteren Zauberer, die ungerührt an der Theke lehnen geblieben waren hatten Draco alles andere als freundliche Blicke zugeworfen. Für einen panischen Moment hatte Hermine befürchtet, sie würde Eier und verrottete Früchte nach ihnen werfen. Oder sogar Flüche.
Aber die Dorfbewohner hatten nichts dergleichen getan und so erreichten sie die Grenzen zu Malfoy Manor unbelästigt. Sie hatte bestimmt hundert Fragen auf den Lippen, aber keine einzige schien es wert zu sein deswegen die Stille zwischen ihnen zu unterbrechen.
Sie würde es bestimmt bereuen, würde sie ihrer Neugierde nachgeben.
Vieles hatte sich geändert im letzten Jahr. Vor allem für die Todesser. Das Vermögen der Malfoys hatte einen schweren Schlag verkraften müssen, nachdem Lucius sich ziemlich öffentlich als Todesser geoutet hatte.
Als Cornelius Fugde von seinem Posten entfernt worden war, den nun Arthur Weasley innehatte, war es nur noch eine Frage der Zeit, gewesen bis das Thema Malfoy auf den Tisch kam. Bei den Ministerwahlen gab es nicht einmal eine Nominierung. Niemand war so recht bereit dazu in dieser momentanen Schreckensphase Minister sein zu wollen. Bevor Arthurs Name dann offiziell ausgesprochen wurde, hatte er schon hunderte neuer Gesetze abgesegnet und betrieb den Posten des Ministers schon lange bevor sein Name in die Tür gearbeitet worden war.
Und jetzt war die einzige Möglichkeit Malfoy Manor zu erreichen nur noch mit der Kutsche. Es wurde vom Flohnetzwerk getrennt, auf dem Gelände durfte nicht mehr appariert werden. Auf Grund der mehr oder weniger hilfreichen Informationen, die Lucius Malfoy dem Ministerium hatte zukommen lassen, konnten ein Dutzend Todesser verhaftet werden.
Lucius Malfoy war eine Strafe von 16 Jahren Haft auferlegt worden Dafür aber im eigenen Haus. Kein Zauberstab, keine Zauberei, keine Freunde und ein ziemlich widerlicher Fluch würde seinen Kopf abtrennen, würde er versuchen seinen Kopf aus dem Fenster zu stecken, um nach dem Zustand seiner Begonien sehen. Auch andere Todesser, hatten eine lebenslängliche Haftstrafe gegen all ihre Informationen getauscht. Im Ministerium nannte man dieses Prinzip „Arthurs Gesetz".
Einige höher stehende Zauberer haben angedeutet, dass dieses Verfahren wohl kaum effizient sein würde, aber Askaban war schlicht und ergreifend überfüllt und wesentlich schwerer zu bewachen, nun da die Dementoren verschwunden waren. Ein zweites Gefängnis war in Planung. Allerdings war der Premierminister der Muggel nur zu interessiert daran, ob Muggelgeborenen nicht ebenfalls in die Zauberergesellschaft aufgenommen werden könnten, um Voldemort Angst zu machen.
Und trotz des großen Andrangs junger Zauberer, die in die Neugegründete Minister Garde (oder wie Ron sie nannte die Auror Elite) eintreten wollten, gab es doch in vielen Abteilungen des Ministeriums eine anhaltende Unterbesetzung. Jeder Knut wurde für die Sicherung der Gesellschaft verwendet. Schutzzauber, Präventionen und Aurorenwissen gesteckt. Denn Schutz war wertvoller als Angriffswaffen.
So war Lucius in seinem goldenen Käfig eingesperrt. Hermine vermutete, dass Harry eine ganze Menge dagegen vorzubringen hatte, aber letztendlich war er doch froh, dass er die Schule beenden konnte, ohne das ein Dutzend Todesser nach seinem Leben trachteten und in die Schule einbrachen.
Nachdem die Konten ihres Mannes auf Eis gelegt worden waren, hatte Narzissa Malfoy ihre Sachen gepackt und war ausgezogen und lebte nun bei einer Cousine in der Schweiz. Nur wenig war über Narzissas Privatleben bekannt, aber die Zeitung sagte, sie wäre eine unterwürfige Frau, welche jedoch ein unbestechliches Talent für falsche Vorwände und Täuschungen hatte. Sie war eine großzügige Gastgeberin und den Fotos nach zu urteilen, immer noch unglaublich schön anzusehen.
Sie hat mit sich genommen, wessen sie habhaft werden konnte, aber ihr einziges Kind hatte sie in der Obhut eines Mannes gelassen, welcher nicht zu selten Monster geschimpft wurde.
Hermine empfand fast etwas wie Mitgefühl für Malfoy. Obwohl er wahrscheinlich mehr Mitgefühl bekommen würde, würde er nicht durch die Schule stolzieren, dass Kinn in der Luft, ein allgegenwärtiges Grinsen auf den Lippen und einen bösen Blick für jeden, der es wagte, die Situation seiner Familie anzusprechen. Abgesehen von der bösen Auseinandersetzung mit Harry am Ende ihres fünften Jahrs, hatte er Lucius dem Trio gegenüber nie wieder erwähnt.
Dracos Vorschlag zu seinem Vater zu fahren hatte Hermine ungläubig zur Kenntnis genommen. Es war schwer zu vergessen, was dieser Mann den armen muggelgeborenen Kinder auf der Quidditsch Weltmeisterschaft angetan hatte. Nicht zu vergessen, die beinahe zum Tode geführte Besessenheit Ginnys im zweiten Jahr.
Das war derselbe Mann, der direkt hinter Voldemort gestanden hatte, als dieser versucht hatte einen vierzehn jährigen Harry umzubringen, nachdem er bereits Cedric Diggory beseitigt hatte.
Er war derselbe Zauberer, der den Befehl gegeben hatte sie zu töten, als sie in der Mysteriumsabteilung im Ministerium waren.
Das einzige, was Hermine von Lucius Malfoy wollte, war eine gerahmte Einladung zu seiner Beerdigung, auf der sie –eingehakt mit Ginny- einen Foxtrott auf seinem Grab tanzen würde, während sie verrückte Lügen über ihn verbreiten würde.
Sie hatte Draco angeschrieen, sie hatte getobt vor Wut und schließlich hatte sie sauer geschwiegen, als sich der rationale Gedanke nicht mehr verdrängen ließ. Er hatte einen guten Punkt. Wenn sie eine schnelle und saubere Lösung für ihr Problem wollten, dann war es nur wahrscheinlich dass Dracos schleimiger, mit guten Verbindungen ausgestatteter Vater fähig war ihnen zu helfen.
Nicht dass Hermine ohne Vorkehrungen oder Vorsicht in der Kutsche saß. Sie hatte nicht sieben Jahre mit Ron und Harry überlebt, weil sie alle drei solche Glückspilze waren. Der ältere Malfoy war zwar so gut wie keine Gefahr für sie, aber es gab immer ein Risiko. Draco war Gott sei Dank unwissend, aber wäre er einfach mit ihr ins Postgebäude gegangen, hätte er gesehen, dass sie einen weiteren Brief geschrieben hatte. Dieser sollte an Dumbledore geschickt werden, wäre sie in drei Tagen nicht zurück, um ihn abzuholen.
Natürlich konnte in drei Tagen viel passieren. Hermine überlegte, dass die wenige Menge an Vertrauen, die sie Draco hatte zuteilwerden lassen, nachdem sie ihm gestattet hatte, sie aus der Schule zu führen, sich jetzt noch etwas vergrößert hatte, denn jetzt nahm er sie sogar mit nach Hause. Er hätte sie schon längst aus dem Weg räumen können, aber Hermine vertraute darauf, dass er, obwohl er ein Wichser war, keine völlig wahnsinnigen Attentate auf sie ausüben würde.
So auch nicht sein Vater. Lucius war ein Opportunist mit wenig Achtung für Moral. Es war schwer solche Leute einzuschätzen. Vertrauenswürdigkeit und Malfoys vertrugen sich nicht. Und darin lag auch Hermines Sorge. Mit Kerlen wie Crabbe und Goyle, würde eine satte Beleidigung von Ron ausreichen um einen Kampf herauszufordern. Als Ron Draco beleidigt hatte, hatte es Wochen gedauert, bevor auch nur irgendjemand angenommen hätte, Rons plötzlicher und hartnäckiger Pustelbefall hätte auch nur im Entferntesten etwas mit der kurzen Auseinandersetzung mit Draco Malfoy zu tun gehabt, die vor einem Monat Thema gewesen war.
Als sie den neuerlichen Hass auf Draco wieder aufkommen spürte, verschränkte sie die Arme vor der Brust und starrte nun direkt in sein ausdrucksloses Gesicht.
Er hatte die Beine überschlagen und seine Hände ruhten auf seinen Knien. An jedem anderen Jungen hätte diese Pose einfach aufgesetzt gewirkt. Bei Draco wirkte sie einfach bloß gefasst.
Warzen, entschied Hermine jetzt, mit einem gedachten Kopfnicken. Es wäre wirklich einfacher ihn zu verabscheuen, wenn er nicht so attraktiv wäre. Alles was er brauchte, waren ein paar gut platzierte Warzen hier und da. Eine runterhängende Augenbraue und eine dicke Kartoffelnase.
Aber natürlich hatte Malfoy keine Warzen oder Flecken oder irgendeine andere physische Missbildung. Sie wusste das, da sie ja ausgiebig Zeit gehabt hatte seinen Körper zu erforschen. Er war 1,90m groß und absolut makellos. Mit einer Haut, die sich anfühlte wie weiche Seide im Feuerschein. Perfekte Haut über festen, ansehnlichen Muskeln.
Irgendwann im vorletzten Jahr, hatte Draco Malfoy die Äußerlichkeiten eines Jungen hinter sich gelassen und war nun ein Mann. Oh, natürlich galt das nicht für sein Verhalten. Das Verziehen der Unterlippe, zum Beispiel, oder das Glühen seiner Wangen, wenn er sich physisch anstrengte. Sein Haar war über die Jahre auch nicht dunkler geworden, wie bei den meisten blonden Jungen. Es war immer noch so hell, dass es Platinblond gefärbt sein könnte.
Auch andere Teile von ihm, waren definitiv die eines Erwachsenen. Hermine wäre vielleicht beeindruckt gewesen, von der Art und Weise, wie er mit intimen Situationen umging, aber sie hatte nichts anderes von ihm erwartet. Auch wenn er erst 18 war. Es gab nicht Gewöhnliches über Malfoy zu sagen und es war zu ihrem größten Bedauern, dass ausgerechnet diese Charaktereigenschaft von ihr Besitz ergriffen hatte und sich nun als schlimmstes Erlebnis in ihrem jungen Leben qualifizierte.
Die Stille im Innern der Kutsche bereitete ihr nun schon fast physische Schmerzen. Hermine überlegte, dass, wenn sie noch heftiger durchgeschaukelt wurde, eine Hornhaut auf ihrem Hintern entstehen müsste. Malfoy hatte sich seitdem sie eingestiegen waren kaum bewegt. Vielleicht war er ja aus Granit, dachte sie jetzt böse.
Ein ziemlich großes Schlagloch, zwang sie, sich noch etwas aufrechter hinzusetzen. Ihr war heiß, sie fühlte sich eingeengt und sie würde noch verrückt werden.
Nein. Die Stille half ihr hier ganz und gar nicht.
„Wie lange ist es her, seitdem du zu Hause warst?", fragte sie jetzt und die Worte sprudelten nur so über ihre Lippen.
Zuerst sah es so aus, als wolle er sie weiterhin ignorieren, aber schließlich antwortete er.
„Seit Halloween." Sein Blick blieb trotzdem starr nach draußen gerichtet.
„Das sind fast acht Monate."
„Das Schlammblut kann rechnen. Es gibt immer noch Wunder."
Hermine war sich nicht sicher, ob sie sich beleidigt fühlen sollte, weil er dieses verhasste Wort benutzte oder weil er so wenig Anteilnahme in diese Sache legte. Er hatte dieses Wort nun schon seit einigen Jahren nicht mehr benutzt. Es hatte auch nie den Effekt auf sie gemacht, den es auf Ron machte. Und auf Effekt legte Malfoy besonderen Wert.
Sie seufzte jetzt. „Ich hab mich schon gefragt, wann ich dieses Wort wieder höre."
„Wenn du es nicht hören willst, dann gib mir keinen Grund es gebrauchen zu müssen.", erwiderte er. „Wenn wir schon dabei sind, ich rate dir deinen Mund geschlossen zu halten, während wir bei meinem Vater sind. Ich übernehme das Reden. Sprich nur, wenn du aufgefordert wirst. Und sieh ihn nicht direkt an. Ich weiß, es bringt dich wahrscheinlich um, aber stell keine Fragen. Sei respektvoll und wir werden sicher keine Probleme haben."
Hermine schnaubte auf. Das war beleidigend. „Und ich dachte, der Papst residiert im Vatikan."
Endlich wandte er den Blick in ihre Richtung. Der Windhauch, der durch das offene Fenster hineinwehte, wirbelte eine blonde Strähne in seine Stirn. Ungeduldig strich er sie zurück.
„Was hast du gesagt?" Seine Augen verengten sich zornig.
„Nichts. Nichts, wovon du etwas verstehst.", murmelte sie abwesend.
„Ich weiß, was der verfluchte Vatikan ist.", knurrte er jetzt. Seine Laune hatte in einer Sekunde von desinteressiert zu rasend vor Wut gewechselt.
Hermine fühlte sich nun noch um einiges unbehaglicher, als der kalte Blick sie nun zu durchbohren schien. Durstig und extrem nervös befeuchtete sie ihre Lippen. Seine Augen huschten für einen Moment zu ihrem Mund, bevor sie wieder ihren Blick trafen.
„Musst du es wirklich noch schlimmer machen, als es sowieso schon ist?", fragte sie ihn jetzt ruhig.
„Es wird zur Hölle noch mal hundert Mal schlimmer, bevor es besser wird. Also schlage ich vor, du gewöhnst dich dran.", erwiderte er kalt, doch sie wich seinem Blick nicht aus.
„Denkst du, dein Vater kennt jemanden, der den Zauber zurück nehmen kann?"
Sie hätte auch fragen können, ob Schlösser aus Stein gemacht wurden. Oder ob Quidditsch auf Besen gespielt wurde. „Nein, Granger. Wir fahren zu meinem Vater, um ihn auf eine Tasse Tee und Biscuittörtchen zu besuchen. Er bekommt so selten Besuch, seitdem er ein Gefangener in seinem eigenen Hause ist."
Hermine verzog jetzt grimmig den Mund. „Ich möchte ja bloß gerne wissen, warum du denkst, dass es eine so gute Idee ist, es deinem Vater zu erzählen."
„Oh, ich weiß nicht. Mal sehen….", schnappte er jetzt wütend. "Vielleicht weil er, abgesehen von Voldemort persönlich, mehr über die dunklen Künste weiß als jeder andere lebende Zauberer. Oder vielleicht weil seine Liste an Kontakten so unendlich lang ist, und er als Voldemorts ehemalige rechte Hand Dinge getan hat, die du dir nicht einmal vorstellen könntest. Er muss bloß in seinem Haus sitzen. Hat das Ministerium überzeugen können, ihm nicht seine Seele aus dem Mund saugen zu lassen."
„Wir sind auch keine völligen Idioten, weißt du?", konterte sie jetzt, was Malfoy seine Augen verdrehen ließ. Dieser Satz qualifizierte sich wohl als das erste Kompliment (und wohl auch das letzte), das sie ihm gegenüber jemals geäußert hatte.
„Hältst du es wirklich für eine so gute Idee in der Schule rumzuschnüffeln, auf der Suche danach, wie man illegal magische Tattoos wieder loswird?" Sein Blick war knapp und scharf. „Obwohl ich ja weiß, Leute wie du haben mehr Freiheiten als wir anderen."
Hermine machte ein ärgerliches Geräusch. „Ich darf auch nicht alles, wenn es das ist, was du sagen willst."
„Genau wie ich, ganz abgesehen von meiner enthusiastischen Kampagne, mit der ich seit zwei Jahren jeden überzeugen will, dass ich meinen Vater hasse und alles wofür er steht."
Das war insoweit richtig. Was auch immer über Draco Malfoy gesagt wurde, seit den Problemen seines Vaters mit dem Ministerium, machte er seinen Standpunkt mehr als deutlich. Er wollte nichts mit Voldemort-bezogenen Dingen zu tun haben. Er wollte nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Natürlich vermuteten einige, dass dies die einzig wirksame Taktik war, die er wählen konnte, um den Title als Erben für das Malfoyvermögen zu behalten.
Das Ministerium hatte sich bereits selbst geholfen und einen recht großen Teil des Familienvermögens zur Seite geschafft, aus Schadensersatzgründen. Aber es gab immer noch mehrere Treuhandfonds, Urlaubsresidenzen, ein großes Erbe von seiner Mutter und seinem Großvater und natürlich Malfoy Manor selbst…
Verblüfft realisierte Hermine, dass sie wirklich aufhören musste, die Hexenwoche zu lesen.
Aber Malfoy hatte natürlich Recht. Sie mussten es still und diskret regeln. Sie bezweifelte, dass sie etwas Passendes in Hogwarts finden würden. Der Gegenfluch würde höchstwahrscheinlich etwas selbst Gebasteltes und ziemlich Illegales sein.
„Ich nehme an, es handelt sich dann nicht unbedingt um eine glückliche Zusammenkunft für dich und deinen Vater? Keine Vater-Sohn Picknicke beim Ententeich?"
Sie könnte sich kaum weniger scheren, ob Draco Probleme Zuhause hatte, oder nicht. Aber das Thema „Sein Vater" schien ein sehr sensibles Thema zu sein. Hermine fühlte, dass sie ihm ein, zwei Seitenhiebe schuldig war.
Er sah nun wieder aufgebracht aus. Er schlug seine Beine wieder auseinander und lehnte sich ihr gefährlich nahe entgegen. „Du hältst dein Maul, Granger, oder ich werde dir in im exakten Detail erklären, wozu dein kleiner Mund fähig ist, wenn er nicht gerade Unsinn von sich gibt."
Es erstaunte sie immer wieder, wie schnell er von kalt und gelassen auf angsteinflößend wechseln konnte. Innerhalb eines Herzschlags. Hermine kochte innerlich. Niemand sprach zu ihr in solch einer Art und Weise. Nicht einmal die anderen Slytherins wagten es, die Schulsprecherin anzugreifen. Aber sie waren ja auch nicht in Hogwarts. Und sie war auch nicht in greifbarer Nähe ihrer Freunde. Und obwohl Malfoy sie wie Abschaum behandelte, konnte sie nicht umhin sich zu fragen, ob seine schlechte Laune nicht auch damit zusammen hing, dass er höchstwahrscheinlich einiges mehr von seinem Vater zu fürchten hatte als sie.
Deshalb biss sie sich von innen auf ihre Wangen und hielt ihre Zunge ab jetzt unter Kontrolle.
Die Kutsche klapperte weiter die Straße entlang, bis die dunklen Mauern von Malfoy Manor in Sicht kamen. Hermine stieß heftig die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte. Sie war völlig gefangen von dem Anblick des alten Hauses.
Sie hatte schon Bilder des Hauses gesehen, sicher. Jeder hatte das. Als die Todesser-Ausräucherung begonnen hatte, hatte es einen Drei-Seiten Spezial über die Todesser Residenzen gegeben.
Malfoy Manor war sogar ziemlich interessant, wenn man bedachte, dass es das zweitälteste Zaubererhaus in Britannien war. Das Herrenhaus besaß außerdem die weltweit größte Sammlung an schwarzmagischen Artefakten in ganz Europa. Jedenfalls laut der Liste, auf der sie zusammengestellt und katalogisiert worden sind. Die eher verdächtigen Gegenstände wurden zerstört, während die gefährlichsten von ihnen sicher im Ministerium verwahrt wurden, bis man sicher war, wie man sie unschädlich machen konnte. Die Siebtklässler in Hogwarts befassten sich mit gerade dieser besagten Sammlung an beschlagnahmten schwarzmagischen Objekten, wobei den Schülern eine Tour gewährt wurde, um sie näher betrachten zu können. Es war eine recht brauchbare Übung, denn so konnten sie sich einen Überblick über die verrückten Leute machen, mit denen sie es zu tun hatten.
Hermine bemerkte, dass der Hausarrest, den Lucius zu erdulden hatte, mächtigen Einfluss auf das Anwesen genommen hatte. Ohne den erlaubten Einsatz von Magie bei einem solchen massiven Gebäude, schien alles langsam aber sicher zu verwildern. Hohe, dichte Weinstöcke, die einst wohl dekorativ ausgesehen haben mögen, wucherten nun mit Efeu um die Wette und verdeckten nahezu die gesamte Front. Tote, verrottende Blätter bedeckten den Vorgarten nahezu völlig. Die zuvor luxuriöse dicht bewachsene Rasenfläche war mittlerweile gelbstichig durch die Sonne und hoch genug, um ein kleines Kind darin verbergen zu können.
Das Herrenhaus wirkte dunkel, gotisch und recht ominös, aber Hermine fand es wunderschön. Es erinnerte sie an die Häuser in New Orleans, die sie letzten Sommer mit ihren Eltern besichtigt hatte. Das Haus von Dracos Ahnen, war noch bestimmt 25 Jahre davon entfernt als baufällig zu gelten, aber selbst dann würde es noch seinen Charme versprühen, überlegte Hermine.
Es war nicht schwer, sich Lucius, Narzissa oder Draco hier vorstellen zu können. Sicher, kein Zauberer der Schlichtheit oder Gemütlichkeit vorzog, konnte sich in so einer Umgebung wohl fühlen. In ihrem Kopf hörte sie sich selbst panisch Lachen, würde sie durch die Türen treten und kurz danach wieder ausgespuckt werden. Als wäre sie als lockige, dunkelhaarige, nicht-reinblütige Person, die sie war, in diesem Hause nicht erlaubt.
Die Kombination aus Interesse, Angst und schwitzigen Handflächen schien ihre Zunge automatisch zu lösen. Und obwohl Malfoy ihr befohlen hatte zu schweigen, wandte sie sich jetzt zu ihm um.
Seine Stirn legte sich in feine Falten. Seine Hände, die er zuvor in seinem Schoss gefaltet hatte, fingerten nun abwesend an den Knöpfen seiner Sommerrobe rum. Er sah besorgt aus. Besorgt genug, um Hermines ängstliche Vorhersehungen noch etwas zu verschlimmern. Ihr Herzschlag beschleunigte sich automatisch.
Silberne Augen trafen auf braune und ein kurzer Blick des stummen einvernehmlichen Verständnisses wurde geteilt.
Es war zu schade, dass er so ein unnachgiebiger Wichser war, überlegte Hermine gerade, als die Kutsche zu einem jähen, staubigen Halt vor den Eingangstoren des Herrenhauses kam.
Denn sonst hätte sie vielleicht seine Hand ergriffen.
