~ Chapter Seven ~
Fida Mia: Ein Zauber der Ehre, von Nathaniel Fitzwarren Tallowstub
Hermine fuhr mit dem Zeigefinger den vergilbten Rand der Seite entlang. Sie hatte dieses Exemplar in der letzten Ecke der Hogwartsbibliothek gefunden. Unter Altertümliche und abgenutzte Magie. Abgegriffen, aber immerhin vorhanden. Ihre Augen verengten sich als sie sich die Einführung des Buches durchlas. Es war eine sehr substanzielle Abteilung der Bibliothek gewesen. Sie wusste, die Bücher im Westflügel der Bibliothek waren eigentlich nur mit viel Wartezeit zu bekommen, denn sie schienen interessanterweise doch sehr beliebt zu sein.
Altertümliche und abgenutzte Magie. Sie musste schmunzeln. Die älteren Schüler nahmen sich immer die besonders fragwürdigen Zauber vor, wenn sie ihr Thema für den Essay frei entscheiden konnten. Aber eine bayrische Hexe, die sich selbst die Haut vom Körper geschält hat (dieser Zauber wurde eigentlich nur für Geflügel verwendet) war bei weitem spannender als etwas Langweiliges wie die Doxyplage nachzuforschen.
„Miss Granger, wenn Sie hier keine weitere Hilfe benötigen, bin ich in meinem Büro und genehmige mir eine Tasse Tee.", informierte sie Madame Pince jetzt. Sie war sehr damit beschäftigt gewesen, die Bücher, die Hermine wieder abgewählt hatte zurück in die Regale zu räumen.
Es hatte ihre kombinierte Anstrengung gekostet, bis sie den Fida Mia Zauber endlich finden konnten. Laut Pince war Tallowstubs Buch das einzige, welches sich mit diesem expliziten Zauber beschäftigen würde. Vor allem das Einzige in dreihundert Jahren. Zu Hermines Ärger las es sich auch mehr wie eine Anzahl an Anekdoten und sachlichen Beobachtungen, als dass es wirklich eine hilfreiche Nachforschungsquelle war. Von der dicken Staubschicht, die auf dem in purpurnen Leder eingebundenen Buch lag zu schließen, hatten die vorherigen Schüler dieses Thema wohl nicht als spannend genug empfunden, und hatten sich lieber etwas mehr makabre Themen ausgesucht.
„Nein, ich denke ich komme zurecht." Hermine lächelte zu der Bibliothekarin auf. Ein dicker Silberfisch versuchte verzweifelt aus dem alten Buch zu entkommen. Hermine schnippte ihn sanft vom Tisch und beobachtete resignierend wie Madame Pince ihn unter ihrer Schuhsole einfach zerquetschte. Mit einem knappen mm-hmpf des Missmuts machte sie sich auf den Weg zu ihrem Büro.
Madame Pince, neben Dumbledore und Remus Lupin, war wohl mit die einzige, die wenigstens ansatzweise wusste, was Harry, Ron und Hermine ab und an trieben. Man könnte sogar sagen, die Bibliothekarin von Hogwarts hielt sämtliche Beweise für ihre alljährlichen Umtriebe in der Hand.
Wenn der all zu neugierige Snape nur in Ausleihlisten der Bibliothek geguckt hätte, hätte er wahrscheinlich all die vernichtenden Beweise gehabt, die er über die Jahre so dringend gesucht hatte. Die Liste beinhaltete nämlich eine Was-Ist-Was Anleitung der kompliziertesten und meist verbotenen Tränke oder Zaubersprüchen. Harrys und Rons Liste hingegen war im Vergleich langweilig. Aber sie hatte den Jungs immer aufgetragen mit dem Tarnumhang auf ihren Namen auszuleihen. Obwohl Die Pflege deines Tarnumhangs, von Cora Dodd auf Harrys Liste wohl ein Stirnrunzeln bei jedem suchenden Lehrer ausgelöst hätte.
Glücklicherweise schien Madame Pince einer Art Bibliothekaren-Kodex zu folgen, der höchstwahrscheinlich lautet „du sollst nicht die Bücherliste deines Schülers prüfen, außer der zornige Zaubertranklehrer hat es befohlen". Sie bekam vielleicht einen wirklich sehenswerten Wutanfall wenn ein Schüler ein Buch auch nur falsch hochhob, aber dennoch hatten Hermine und Pince sich zusammen zu einer Art Allianz zusammen gerauft. Vielleicht machte es der ernsten Bibliothekarin ja Spaß herauszufinden, was das Trio als nächstes geplant hatte. Unter den Augen des Direktoriums. Vielleicht lebte Pince durch die semi-illegalen Taten der drei Freunde. Der letzte Gedanke brachte Hermine zum lächeln. Aber egal was es nun war, Hermine war dankbar für die Bibliothekarin-stellt-keine-Fragen-Methode. Die Frage nach Hilfe auf der Suche nach dem Fida Mia Spruch hatte lediglich in einer hochgezogenen Augenbraue gegipfelt. Und nichts weiter.
Hermine bewegte ihre Schultern, um die Verkrampftheit loszuwerden und blickte sich prüfend in der Bibliothek um. Der besagte Text lag jetzt vor ihr und beschäftigte sie fast schon die gesamte Mittagspause. Ihn bloß anzusehen verursachte bei ihr schwitzige Handflächen und das unangenehme Zusammenziehen ihres Magens vor Nervosität.
Abgesehen von ein Paar Drittklässlern aus Ravenclaw, die hastig einige Zeilen auf ihr Pergament kritzelten war Hermine allein in der Bibliothek. Sie saß geschützt in einer kleinen Nische mit einem Erkerfenster, mit Blick nach draußen auf die Schlossgründe, welche sie über die Jahre hinweg ihr eigen genannt hatte. Dieser Platz war ihr Stammplatz in der Bibliothek und ausgezeichnet dafür geeignet ungestört zu forschen. Es war ihr unmöglich die vielen Begebenheiten zu zählen, an denen sie hier mit Harry, Ron und Ginny gesessen hatte, über dicke Wälzer gebeugt, leise flüsternd, dass niemand es mitbekommen konnte…
Sie wandte sich wieder ihrer Aufgabe zu und schüttelte die momentane Post-Abschlussfeier-Nostalgie einfach ab, wie Wasser von einem nassen Regenmantel und setzte ihre Studie fort.
Kapitel Drei: Die Entstehung
Sie fand des seltsam, dass Fida Mia eigentlich dafür verwendet wurde Loyalität zu beweisen. Ein Zauber der Ehre, bei dem Küchentuch von meiner Tante Gertie. Blödsinn. Sie schnaubte leise auf. Dieser Zauber war schwer als gutartig zu bezeichnen. Wie das Chinesische Flüstern hatte sich Fida Mia über die Jahre verändert und umgestaltet, wurde immer zweckentsprechender deformiert und dem Nutzer anderweitig angepasst. Das war ein Schicksal, welches den meisten Zaubersprüchen passierte, wie Professor Binns ihnen schon oft erklärt hatte. Viele Zauberer hatten sich über die Jahrhunderte mit dem Deformieren alter Zaubersprüche und Banne beschäftigt. Es gab kaum noch Beschwörungen in der heutigen Zeit, die in der Entstehung nicht für etwas völlig anderes gedacht gewesen waren.
Hermine machte sich hastige Notizen, während ihre Augen über die Zeilen von Tallowstubs Aufzeichnungen flogen. Die Eselsohrbelasteten Seiten ihres alten Notizblocks füllten sich schnell. Sie hielt inne und las sich ihren letzten Eintrag noch einmal durch.
- Die Beteiligten unterziehen sich Fida Mia, oder sie initiieren Fida Mia. Meist ist einer der Beteiligten der dominante Part (Master), der andere ist der devote Part (Slave)
- Die Unterzogenen werden mit einem freiwilligen Symbol gekennzeichnet, dass den dominante Part auszeichnet (möglicherweise Tattoo oder Brandmarke)
- Die Symbole beziehen sich nicht auf Familientraditionen oder eigene Wahl, der Zauber scheint eher ein intuitives Symbol auszusuchen (Assoziation des jeweiligen Partners)
Es verursachte ihrem Verstand praktisch Schmerzen, dass sich eine Person tatsächlich dazu bereit erklären konnte sich durch Magie physische Schmerzen zu verursachen, um sich einem anderen Menschen zu verschreiben. Und doch schien dieses Buch genau um ausschließlich dieses Thema zu gehen. Bilder von drallen Mägden zierten die Seiten, die sich ihren Meistern zu Füßen geworfen hatten. Angst und Vergewaltigung zierten ihre Züge, dunkle Striemen und blaue Flecken hatten sich auf die Haut von Gesicht und Schultern gezeichnet. Ebenso auf die Handgelenke und auf Seite hundertsiebzehn auch auf das Gesäß.
Mit einem angewiderten Blick drehte Hermine die Seite etwas zu hastig um. Sie riss oberhalb ein und erschrocken hob sich ihr Blick, fast so, als erwartete sie, dass Madame Pince mit erhobenen Fäusten aus ihrem Büro stürmen würde, aber nichts geschah.
Sah man von den romantischen Motiven ab (wahrscheinlich musste man erst von einem Klatscher getroffen werden, um Fida Mia romantisch zu finden), war der Zauber recht abstoßend. Nicht so ruchlos und schrecklich wie ein Unverzeihlicher, aber er troff nur so von schwarzer Magie. Es war ein Spruch, der entwickelt worden war, als es noch keine so große Grenze zwischen Gut und Böse gegeben hatte. Wenn Hermine drüber nachdachte, war sie sich sicher, dass ein Hauch Imperius in dem Spruch enthalten war. Gute alte Gedankenkontrolle mit Hilfe einer physischen Verbindung. Das gab dem „Master" immer die Gewissheit, dass sein „Slave" nicht einfach fliehen konnte. Es war unmöglich.
Falls jemand überhaupt fliehen wollte. Das amüsierte Mädchen auf Seite hundertsiebzehn sah jedenfalls nicht danach aus, als ob sie es besonders eilig hätte davon zu laufen.
- Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Fida Mia höchst popular und wurde bei jeder Art von Sklavenhaltung verwendet. Zur selben Zeit wuchs die Beliebtheit Hauselfen zu halten, anstatt menschlicher Sklaven
- 1762 erhielt der dänische Zauberexperte und berühmte Polygamist Lars Hendricks das Verbot vom Ministerium seine fünf Geliebten zu heiraten, die er mit dem Selbstpatentierten Hochzeitsritual an sich gebunden hatte. Nebenbei: Lars wurde später verfolgt und festgenommen wegen Misshandlung einer Ziege (eigene Notiz: Im Vergleich zu Aberforth Dumbledore nachschlagen)
-1800. Fida Mia, das Hochzeitsritual, wurde von der Hendricks Familie entwickelt (etwa vierunddreißig Familienmitglieder) und als Modezauber unter die magische Bevölkerung gebracht, als Zusatz des Eheschwurs
Und weniger als hundert Jahre später wurde der Zauber in Brittannien als illegal erklärt, wurde aber immer noch in Teilen von Osteuropa als legal bindend praktiziert.
Mit einer erhobenen Augenbraue blätterte Hermine zum nächsten Kapitel, den Stift bereits wieder auf dem Papier.
Kapitel Vier: Effekte und Nebenwirkungen
- Die Fida Mia Unterzogenen erleben oft kurze erotische Perioden…
Erotische? Sie stöhnte, aber sie war fair genug einen Freudschen Versprecher hinzunehmen, wenn sie einen niederschrieb. Sie leckte kurz über die Spitze der Feder und berichtigte hastig den Fehler.
- Die Fida Mia Unterzogenen erleben oft kurze euphorische Periode direkt nach dem Vollzug des Rituals. Dieser Zustand kann Stunden bis auch Wochen lang anhalten
Von dem, was sie bis jetzt aufgeschrieben hatte, erkannte sie, dass die Magie sich in ihr befand, seit dem ersten Stich der Nadel in ihren und Dracos Körper. Ob es nun rücksichtlose Leichtsinnigkeit oder einfach eine schlichte betrunkene Suche nach Nervenkitzel gewesen war, sie hatten sich tatsächlich einem magisch bindenden Ritual unterzogen. Fida Mia war unumkehrbar sobald es ausgeführt worden war.
Dracos Tattoo war bei Weitem das komplexere der beiden. Bereits zweimal hatte Hermine es schon versucht aufzuzeichnen. Und beide Male hatte sie ihre Zeichnungen zerknüllt und weggeworfen. Nicht ihre Unbegabtheit fürs Zeichnen war der Grund ihrer Frustration gewesen. Es war schlicht die Tatsache, dass Dracos Flügel auf Papier einfach nicht so aussahen, wie sie es in Wahrheit taten. Keine aufwendigen Schattierungen mit dem Kohlestift schienen daran etwas zu ändern.
Auf dem Papier wirkten die schwarzen, tintenen, leblosen Flügel völlig… nun, falsch.
Vielleicht erinnerte sie sich auch einfach nicht akkurat an ihr Aussehen.
Sie rief sich wieder ins Gedächtnis wie Draco auf dem Bauch auf der Liege gelegen hatte. Nur mit seinen teuren, schwarzen maßgeschneiderten Hosen. Die Hose war so schwarz gewesen, dass seine helle Haut geleuchtet zu haben schien, in dem dunklen mit Kerzen beleuchteten Raum.
Er hatte die Flasche Odgen's halb geleert, bevor sie zu Dblinksys Tattoo Studio gegangen waren. Dann hatte er sie großzügigerweise Hermine zur Aufbewahrung überlassen, mit der Anweisung, dass sie wenigstens ein Drittel des Inhalts trinken musste, bevor sie unter die Nadel kam.
„Gegen den Schmerz", hatte er knapp erklärt, mit einer großen Menge an Ungeduld.
Abgesehen von der Tatsache, dass er zu diesem Zeitpunkt wirklich mehr als dicht war, war seine Zunge immer noch ungewöhnlich scharf. Er hatte den Mund verzogen, als er den schmierigen Zustands des Studios unter Augenschein genommen hatte, hatte die sterilen Instrumente in Frage gestellt und Vorsehungen über die vielen Splitter gemacht, die er sich einziehen würde, wenn er sich mit nacktem Oberkörper auf die alte Liege legen würde.
Die bucklige alte Tätowiererin war stumm geblieben, hatte aber ein zahnloses, gruseliges Grinsen gezeigt, als Draco schließlich mehrer Galleonen in die Hände der Frau geschüttet hatte. Wie sich herausgestellt hatte, sprach sie weder Englisch noch Französisch oder Deutsch, Latein, Italienisch, Spanisch, Koboldogack oder irgendetwas anderes was sie versuchten.
Das angenehme Geräusch von fallenden Galleonen jedoch, schien jede kommunikativen Barrieren zu überwinden.
Die Alte hatte Hermine mit ihrem gruseligen zahnlosen Grinsen zu einer alten Couch geschoben, um sich mit sichtlicher Schadenfreude wieder Draco zu widmen. Ohne Zweifel war es eine lohnende Ausbeute einen so flüssigen und reinblütigen Kunden auf der Liege zu haben.
Was nun folgte lag zugegebenermaßen etwas im Dunkeln. Hermine meinte, sich zu erinnern, dass sie sich auf der Couch zurück gelehnt hatte und eingenickt war. Als sie wieder aufgewacht, hatte sie die Flasche Ogden's zurück gelassen und war durch den Raum auf Draco zugewankt, um seinen Fortschritt zu begutachten. Das viele Blut, was die Tätowiererin ab und an von Dracos Rücken wischte, hätte alarmierend für sie sein sollen. Aber sie hatte die rote Flüssigkeit auf seinem Rücken seltsam erregend gefunden. Sie hatte den Atem angehalten als sie sich näher zu ihm gebeugt hatte. Sie wollte weder das Ritual unterbrechen, noch für irgendwelche Fehler verantwortlich sein.
„Wo's der Whiskey?", hatte Draco in einem rauen Ton gefragt. Er schien zu wissen, dass sie hinter ihm stand, ohne dass er sie gesehen hatte.
„Alles getrunken.", log sie in dem Glauben, dass sie extrem lustig war. Draco schien ihre Gedanken zu teilen.
Er öffnete seine Augen, schenkte ihr einen trüben Blick und ein schiefes Lächeln, bevor er seine Finger in ihrem dichten Haar vergrub und sie zu einem innigen Kuss zu ihm zog. Wenn man ihn ansah, oder ihn auch kannte, hätte man sich nicht vorstellen können, dass er zu so einem Kuss fähig wäre. Es war eine komplette Antithese. Warm, willkommen, ehrlich und extrem zärtlich.
Es war die Art von Kuss gewesen, der die Knie eines jeden Mädchens für Stunden schwach machte und Logik und Intellekt einfach auszuschalten schien.
Der Schmutz im Tattoo Studio schien wie weggeschmolzen und das flackernde Feuer tauchte den kleinen Raum in drückenden, verführerischen Nebel. Es hing mehr als betrunkene Wolllust und Teenager bedingte Blödheit in der Luft. Hermine überlegte, dass der Spruch jede nur noch so kleine Neigung zwischen ihnen auf das zehnfache vergrößert hatte, so dass es völlig unmöglich war etwas anderes wahrzunehmen als die raue, immer mehr anschwellende Anziehung zwischen ihnen.
Das Verlangen war wie ein lebendiges Tier. Hermines Sinne schienen sich mit der Hitze aufzuheizen. Alles was sie berührte oder ansah brachte eine ganz neue Faszination mit sich. Ganz besonders Draco. Als das Tattoo langsam Gestalt annahm, wollte Hermine am liebsten in seine Haut kriechen, nur um zu wissen, wie es sich wohl anfühlen würde. Sie wollte ihn am liebsten von der Liege ziehen und seinen langen, muskulösen Körper mit ihren Händen entlang fahren.
„Süß", hatte er ihr zugeflüstert und fuhr mit Daumen über ihre Wange. Seine sonst so wortgewandte Zunge stand unter Hiatus, während des Tätowierens. Aber sie verstand ihn. Es war süß gewesen. So süß und erregend, dass sie das erste Motel genommen hatten, dass sich ihnen offenbart hatte und wo sie das getan hatten, was als einziges völlig natürlich war nach so einer Aktion. Die Vereinigung feiern. Mehrere und noch mehrere Male.
Draco war nicht er selbst gewesen, während die alte Frau ihn mit der Nadel gepeinigt hatte. Und Hermine war es auch nicht. Es war genauso wie es Tallowstub in seinem Buch beschrieb – eine Periode aus irrationaler Euphorie, die ihren gewöhnlichen Verstand auf die Hälfte reduziert hatte und sie in rammelnde Hasen verwandelt hatte.
Sie hatten sich im Moment verloren. Verzaubert und eingelullt durch den Jahrhundert alten Zauber.
Das Problem war bloß, dass Momente nun einmal nicht nur für sich selbst existierten. Jeder einzelne war unausweichlich und ohne Ausnahme mit dem nächsten verbunden.
Und jetzt saß sie hier. Tage später, versucht, den Schaden zu begrenzen. Mit einem Hauch Selbstekel blätterte Hermine durch die Seiten bis zum letzten Kapitel.
Kapitel Sechs: Wirkung
Zehn Minuten später las sie sich ihre Zusammenfassung dieses knappen Kapitels noch einmal durch und es war nicht gerade zuversichtlich.
- Zauber ist groß und ganz unwiderrufbar, erst kurz vor Tod der Beteiligten ist Entfernen des Symbols und der Verbindung möglich
- Örtlichen Praktiker für mehr Informationen um Rat fragen
Großartig. Einfach großartig.
Hermine streckte den Rücken in dem harten Stuhl durch und war sich der tiefen Röte ihrer Wangen wohl bewusst. Das galt auch für die plötzliche Wärme in ihren Fingern, die Steifheit ihrer Schulbluse und der Stoff der ihre weiche Haut berührte.
Seltsamerweise fragte sie sich, ob Draco gerade ähnliche Erfahrungen wie sie durchlitt. Wenn er es tat, dann war der Mistkerl verdammt gut darin es zu verbergen. Er schlenderte wieder mit einer selbstverständlichen Gelassenheit durch die Gänge der Schule, als könnte ihm die ganze Welt nicht egaler sein. Er teilte immer noch das Meer an Schülern wenn er in der Großen Halle zum Essen auftauchte. Er ging auch immer noch seinen Pflichten als Vertrauensschüler nach als wäre nichts geschehen. Und jedes Mal wenn sich ihre Blicke trafen und er aufstehen wollte um zu ihr zu gehen, war sie schnell genug auf dem Absatz kehrt zu machen und unter einer fadenscheinigen Ausrede für Harry und Ron zu verschwinden.
Es gab außerdem noch die großartige Möglichkeit den Vertrauensschülern zu sagen, was es zu tun gab über das Vertrauensschüler-Brett.
Hermine erlaubte sich ein feines Lächeln, denn sie wusste deshalb, dass Draco die Viertklässler beim nachsitzen beaufsichtigen musste. Eine besonders verhasste Aufgabe der Vetrauensschüler.
Kurz gesagt, leistete sie einen verdammt guten Job mit dem aus dem Weg gehen, seitdem sie zur Schule zurückgekehrt waren. Es war außerdem eine große Hilfe, dass sie keine Klasse zusammen hatten, mit der Ausnahme von Arithmatik für Fortgeschrittene, Montag morgens. Aber Professor Vector war freundlich genug ihren Beinahe-Abgängern die letzten Stunden frei zu geben. Und mit Professor McGonagalls Erlaubnis war Hermine in der Winkelgasse gewesen und hatte den Brief, den sie vorsorglich geschrieben hatte, selbst abgeholt.
Sie konnte Dracos Ärger über ihre ständige Abwesenheit praktisch schmecken. Dies stellte sich als lästiger Nebeneffekt des Zaubers heraus. Je mehr Abstand sie zu ihm hatte, umso besser war es wohl, mutmaßte sie. Laut Tallowstub schienen die Auswirkungen von Fida Mia sich nur zu verstärken wenn die Unterzogenen engen Kontakt zueinander hatten.
Zuerst war der einzige Effekt gewesen, dass ihre Haut seltsam gekribbelt hatte. Es war nicht wirklich unangenehm. Es könnte eher als leichte Gänsehaut beschrieben werden, die sich über ihre Hüfte und ihren Oberschenkel zog. Aber es gab auch andere Entdeckungen, die sie wirklich nicht gebrauchen konnte. Nicht ein kleines bisschen.
Am letzten Morgen zum Beispiel ist sie mit der seltsamsten Entdeckung aufgewacht. Erst als sich der Schwanz des Drachen nach innen über ihren Oberschenkel geschlängelt hatte, um nach etwas zu tasten, was gewiss nicht da war, hatte sie eine mittlere Panik erlitten.
Sie hatte das Phantom der „morgendlichen Erleuchtung" erlitten und schlimmer als das, es war schon fast physisch schmerzhaft. Hermine konnte nicht sagen, was schlimmer war. Eine kalte Dusche zu nehmen, um dieses Gefühl loszuwerden oder zu wissen, dass Draco einige Stockwerke tiefer in seiner Shorts einiges mehr an Glück haben würde.
Es reicht um in jeder Frau eine Panikattacke zu verursachen.
Es gab natürlich noch andere Kleinigkeiten, keine von ihnen war willkommen: sporadischer Zorn und Gereiztheit, die für sie sehr untypisch waren. Sie hatte den armen Neville zusammen geschrieen, als er es wieder einmal geschafft hatte, seinen Fuß in der Trickstufe einzuklemmen und die ungeduldige Menge an Schülern hinter ihm aufgehalten hatte. Sie hatte Lavender fast eine Ohrfeige verpasst, als diese sich über ihre Schulter gelehnt hatte, um in der Zeitung mitzulesen. Hermine mochte es nicht, wenn Leute über der Schulter mitlasen, meist deswegen, weil sie viel schneller las als andere und aus Höflichkeit eine Minute wartete bevor sie die Seite schließlich umblätterte. Während sie normalerweise diese Unterbrechung toleriert hätte, war sie an diesem Morgen komplett ausgetickt. Zum Glück schien es weit mehr zu brauchen, um Lavender ernsthaft zu verstören, deshalb hatte ihr diese bloß einen seltsamen Blick zugeworfen und hatte sich wieder ihrem Frühstück zugewandt.
Ehrlich, es war ein Schicksal schlimmer als der Tod. Sie nahm Draco Malfoys schlimmste persönliche Eigenschaften an.
Dann waren da noch Ron und Harry und natürlich Ginny. Alle behandelten sie etwas freundlicher seit Sonntag. Ohne Zweifel schrieben sie Hermines momentane Stimmungsschwankungen den letzten Tagen Schule zu. Vielen Siebtklässlern ging es im Moment so. Zu ihrem Glück lag eine ansteckende Übellaunigkeit in der Luft. Da fiel sie selber gar nicht mehr so auf. Sie würde es den Jungs so gerne erzählen. In einem dramatischen Tagtraum war sie auf die Knie gefallen, hatten einen hysterischen Weinkrampf bekommen und sie um Vergebung angefleht.
Aber sie brachte es ganz einfach nicht über sich. Nicht jetzt und höchstwahrscheinlich auch nicht irgendwann später.
Die Scham und das Bedauern waren leicht zu verstehen. Von sich selbst enttäuscht zu sein, war etwas recht neues für sie. Und es stellte sich als sehr große umständliche und schwere Last heraus, die sie zu tragen hatte. Tatsache war – das hatte sie am Wochenende herausgefunden -, sie war eigentlich immer zufrieden mit sich gewesen und hatte auch nicht schlecht über sich gedacht. Bis zu diesem Zwischenfall.
Es war fast ein Schock gewesen, dass sie, Hermine Granger, genauso fehlerhaft und unvollkommen war wie jeder andere auch.
Oh, die Mächtige ist gefallen.
Mehr als deprimiert ließ Hermine den Kopf auf ihre Arme sinken und seufzte laut genug, dass sich eine Seite ihre Notizblocks von selbst umblätterte.
Sicher konnte sie Draco nicht für immer aus dem Weg gehen. Es war notwenig, dass sie ihm den Brief zeigt, den sie für Lucius' Kontaktmann entworfen hatte. Aber bis zu diesem Augenblick gab es wirklich keinen Grund, warum sie ihn öfters sehen sollte als im Moment.
Und im Moment sah sie ihn für gewöhnlich fünf Minuten, wenn sich die Vertrauensschüler und Schulsprecher zu ihrem Treffen trafen.
Das war ihre Schule, zum Teufel. Sie war immer noch Schulsprecherin und es gefiel ihr überhaupt nicht sich in Ecken rumdrücken zu müssen, jedes Mal wenn der eingebildete blonde Idiot vorbeistolzierte. Bei Merlin, es gab bereits genug kleine Mädchen, die sich in seiner Gegenwart wie dumme Gänse verhielten.
Wenn sie doch nur mehr Zeit hätten, wenn er doch nur zustimmen würde an dem Problem nach der Schule weiter zu arbeiten, wenn er doch nur nicht irritierend gut aussehen würde, wenn doch nur….
„Was auch immer es ist, du siehst aufgebracht genug aus, um mir die Aufsicht des Sechstklässler Nachsitzens abzunehmen.", sagte eine angenehme männliche Stimme.
Blaise Zabini näherte sich ihrem Tisch. Seine dunklen Mandelförmigen Augen leuchteten warm und amüsiert zu ihr hinab und die Schulsprecher Nadel reflektierte das Sonnenlicht, das durch die dicken Scheiben fiel. Hermine fragte sich für einen kurzen Moment, ob er sie genauso polierte, wie es Percy Weasley getan hatte.
Sie blinzelte zu ihm hoch, war aber schnell genug ihr Buch zu schließen, in der Hoffnung, es sah nicht verdächtig aus.
„Wie lange stehst du schon hier?"
„Kommt drauf an.", entgegnete er. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. „Seit wann schießt du schon Dolche auf das Buch?"
„Ich sehe alle Bücher so an.", erwiderte sie müde. Sie zog einen Stuhl für ihn zurück. „Du bist gar nicht beim Essen?"
Blaise lehnte den Stuhl ab und lehnte sich stattdessen an den Kopf des Tisches und verschränkte seine Knöchel, während er ihr zusah, wie sie ihre Notizen zusammen packte. „Ich wollte dich vor dem Unterricht noch erwischen. Du hast vergessen den Plan für nächste Woche zu unterzeichnen. Weasley war freundlich genug mir eine Antwort entgegen zu spucken, als ich ihn beim Essen gestört hatte. Anscheinend war ich nicht der einzige, der dich gesucht hat."
„Mist." Hermine fuhr sich gedankenverloren über die Stirn als sie das Papier, das Blaise ihr entgegen hielt unterzeichnete. „Entschuldige, ich hab's total vergessen. Und ich übernehm die Aufsicht heut Abend, wenn du Besseres zu tun hast."
Blaise ließ ihren Schriftzug trockenen, bevor er das Pergament zusammen faltete und in der Tasche verschwinden ließ. „Ich würde es überleben, aber ich hab immer Besseres zu tun als Dennis Creevey dabei zu beobachten wie er mit Roberta Carstairs anschmachtet. Und außerdem ist mir das Fehlen ab und zu erlaubt, wo die Schule doch bald sowieso vorbei ist."
Hermien beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und fragte sich ob wohl alle Slytherin Jungen mit einem so ausgeprägten Gen für Grazie geboren worden waren. Oder wurden sie alle mit zwölf zur Seite genommen und ein Mentor hatte ihnen beigebracht so zu reden und sich entsprechend zu bewegen. Oder vielleicht auch nicht. Vincent Crabbe und Gregory Goyle waren vielleicht auch Ausnahmen, die die Regel bestätigte. Unförmig und schwerfällig als Gegenteil zu grazil und fließend.
Blaise war ungefähr so groß wie sie selbst, vielleicht etwas größer. Er war geschmeidig und ausgelassen. Draco gar nicht so unähnlich. Aber Draco glich wohl eher einem Panter und nicht einem Rennpferd.
Sie hatte Blaise in den letzten Jahren gut kennen gelernt. Sie arbeitete gern mit ihm zusammen. McGonagall hatte sie nach drei Monaten Zusammenarbeit zum effizientesten Team in Hogwarts erklärt, was sich hier seit Molly und Arthur Weasley je zusammen gefunden hatte. Blaise war auch nicht schlecht anzusehen. Das gab Hermine zu. Er hatte die warme und goldene Haut seiner maltesischen Mutter geerbt. In einer Schule, die eigentlich eher von den Angelsächsischen Wurzeln dominiert wurde, sorgte sein Aussehen ab und an für bewundernde Blicke. Die Mädchen bedachten Blaise mit ähnlicher Ehrbietung wie Draco Malfoy.
Kein Wunder, dass das Ego dieser Jungs sich selbst längst schon weit hinter sich gelassen hatte.
Da gab es auch den großen Unterschied zwischen diesen beiden Jungen. Blaise war immer ein verlässlicher Partner, wenn nicht sogar ein Freund für sie. Wenn sie schon völlig betrunken das Bett mit einem Slytherin hatte teilen müssen, wäre Blaise Zabini wahrscheinlich immer die bessere Wahl gewesen. Sie hätte wesentlich schlechtere Entscheidungen treffen können.
Nun, das hatte sie ja schließlich auch.
„Also, Verteidigung mit Lupin.", erinnerte er sie jetzt. „Wir hätten später noch eine grandiose freie Phase, würde Snape nur ein einziges Mal nicht so streng sein." Sie hörte den Unmut in seiner Stimme.
Das war keine Überraschung. Die meisten Lehrer hatten eine eher entspanntere Einstellung gegenüber den letzten Stunden. So nicht Snape. Er schien die Mission zu verfolgen die Siebtklässler noch so lange mit Wissen zu quälen, bis sie zusammenbrachen.
Hermine verdrehte die Augen. „Nicht so streng sein? Wenn schon dann hat uns Lupin ebenfalls doppelt so hart arbeiten lassen, seit Voldemorts drohendem Aufstieg."
Es gab viele Gründe Hogwarts formidablen Zaubertrankmeister nicht zu mögen, aber Hermine hatte immer Partei für ihn ergriffen. Es war ihr innerer Gerechtigkeits-Detektor, wie Ron es gerne nannte. Das Problem war nur, dass Snape seinen Ruf als Mistkerl nur zu gerne aufrecht erhalten wollte. Hermien verstand, was es bedeutete als Doppelagent tätig zu sein, aber musste dieser Mann denn immer so unausstehlich sein?
Und seltsamerweise schien die einzige Person, die mit Snape auszukommen schien Harry zu sein. Die Erlebnisse nach dem fünften Jahr, hatten eine bleibende Erinnerung hinterlassen. Aber das vor allem bei Harry. Aus einem unbestimmten Grund, war Lupin in die Rolle von Sirius gefallen und stand Harry nun zur Seite. Und aus eigenen Gründen, schien Dumbledore dazu auch nichts weiter sagen zu wollen.
Stattdessen hatte Dumbledore Harry dazu bewegt wieder Okklumentik bei Snape zu nehmen. Abgesehen von der einen Auseinandersetzung, die die beiden hatten, übten die beiden nun schon über ein Jahr zusammen. Harry erzählte nie viel über die Stunden, die er mit Snape verbrachte. Harry schien es einfach zu gefallen, dass es da noch eine Person gab, die aus der Generation seines Vaters stammte, die ihn nicht tot sehen wollte und sich um ihn kümmerte. Mehr oder weniger.
Der Gedanke, dass Snape eine Art Vaterfigur für Harry spielen sollte, war bizarre, aber Harry beschwerte sich nicht mehr über Snape.
Blaise trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Ich denke, die exakten Worte Lupins waren „unwissende, Windeltragende Babies". Wir müssen heute Laborarbeiten machen.", informierte sie der zweite Schulsprecher mit genug Unwillen um sie zum lächeln zu bringen. „Auch nach einem Jahr, hab ich es noch nicht verdaut, dass Lupin ein Werwolf ist. Die Zeiten verändern sich. Das jedenfalls ist sicher."
„Zum Besseren.", versicherte Hermine jetzt als sie ihre Büchertasche abnahm, die Blaise ihr entgegen hielt.
So. Mittwoch Nachmittag, Verteidigung gegen die Dunklen Künste mit den Slytherin.
Es war Zeit sich ihren Dämonen zu stellen. Oder eher dem großen, blonden Dämon, der momentan die Macht hatte ihren kompletten Ruf zu ruinieren.
Zusammen mit ihrer Moral.
