~ Chapter Ten ~
Sie mussten nördlich vom Schloss arbeiten. Mit Ron und Millicent schritten sie den steilen Weg entlang.
Draco und Millicent gingen gemeinsam voraus und unterhielten sich recht angeregt. Hermine schnappte Fetzen wie „die neue Mode der Saison", „Urlaub auf St. Barthelemy's" und irgendwas über Millicents zweifelhaften Geschmack, was Jungs betraf auf.
„Unglaublich wie sie mit vielen Worten gar nichts sagen können", murmelte Ron jetzt.
„Es ist Begabung", erwiderte Hermine.
„Alles klar bei dir?", fragte Ron leise.
Hermine nickte. „Sicher. Wieso?"
„Naja zum einen fehlst du ständig bei den Mahlzeiten. Und Lavender hat erzählt, dass du gestern dreimal geduscht hast. Harry meint, es liegt an der Hitze. Oder Frauenkram. Ginny ist immer doppelt so nervig, wenn sie diesen Frauenkram hat."
„Es ist die Hitze", erwiderte Hermine eilig. „Mir geht es gut. Bin nur etwas ausgelaugt."
Sie erreichten den Waldrand, wo sich ein kleiner Pfad zwischen den Bäumen verlor. Es war weniger ein Pfad, als eine Schneise, die Hagrid und Fang hinter sich ließen, jedes Mal wenn sie den Wald betraten. Hagrid hatte die Zustellereule nicht weit von hier erschossen.
„Wir teilen uns auf. Ihr nehmt den Anfang des Pfads. Weasley und ich bleiben am Ende", bellte Millicent in Richtung Hermine und Ron. „Irgendwelche Einwände?" Es war nicht wirklich so als ließe sie ihnen eine Wahl.
Also gab es auch keine Einwände. Ron warf ihr noch einen vielsagenden Blick zu und Malfoy beschritt nun ihren Weg. Es kostete sie bloß zehn Minuten um den ersten Strang Fadenkraut ausfindig zu machen.
Malfoy war stumm neben ihr hergelaufen, ohne Zweifel deshalb, weil er warten wollte, bis sie wirklich alleine waren. Sie befanden sich relativ tief im Verbotenen Wald. Tiefer als andere Schüler jemals hier hin vorgedrungen waren.
Mit viel Glück würde ein weiblicher Zentaur aus dem Dickicht auftauchen und Malfoy für einen widerlichen, bösen Mann erklären und mit sich schleppen. Dieser Gedanke war sogar wirklich erheiternd und sie unterdrückte ein amüsiertes Grinsen, während Malfoy sie skeptisch beäugte.
Sie ignorierte ihn. Das Fadenkraut war ihre einzige Sorge im Moment.
Neben seinem Wunsch nach einem heißen Klima schien das Fadenkraut Sonne im Allgemeinen nicht besonders anziehend zu finden. Saftige, fette Tentakel lagen ruhig auf dem Boden, aber kaum näherte sie sich ihnen wichen diese zischend zurück und schnellten in die Höhe. Ohne Zweifel hatten die Tentakel ihre Schritte gespürt.
Diese Kreatur war einem Kaktus nicht unähnlich. Sie war nahezu überall dunkellila, mit vielen Stacheln, die beunruhigende Geräusche von sich gaben.
Es war noch eine recht junge Pflanze und Hermine hatte kein Problem damit den Stängel zu packen und sie schließlich zu entwurzeln. Das Winden der Kreatur in ihrer behandschuhten Hand war recht unangenehm und sie verzog angewidert das Gesicht.
„Hast du Borgin schon geschrieben?" Schließlich begann er zu reden. Er hatte sich gegen einen Baum gelehnt und beobachtete den letzten Todeskampf des Fadenkrauts mit abgeklärtem Blick.
Und es ging los…
„Das werde ich. Bald. Ich bin bloß… ich muss noch etwas mehr dafür planen. Ich habe mich in die Materie eingelesen." Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme kleinlaut und gepresst.
Malfoy machte ein entnervtes, dramatisches Geräusch.
„Was?", schnappte sie zornig.
„Gib mir einfach die verfluchte Adresse und ich regele es selbst. Dann haben wir diesen Zauber nach einer Sitzung gelöst und zahlen bloß die Hälfte."
„Ich werde dir nicht die Adresse geben, Malfoy. Dein Vater hat sie mir gegeben, wahrscheinlich gerade weil er kein Vertrauen in deine Initiative hat. Du würdest es bloß versauen." Das Fadenkraut hatte den Kampf aufgegeben und Hermine warf es dankbar in den Eimer.
Malfoy schien einige, bisher noch unentdeckte Reserven an Geduld gefunden zu haben. Er klang sogar beinahe höflich als er die nächsten Worte sprach. „Nur weil mein Vater weiß, dass Slytherins im Allgemeinen bekannt dafür sind, über alles und jeden Bescheid zu wissen. Erpressung ist der älteste Trick den es gibt. Selbst die Erstklässler wissen das. Meine Situation ist schon prekär genug, auch ohne dass ich irgendwelchen Klassenkameraden Grund gebe Gerüchte zu verbreiten."
Hermine dankte Gott für den Abend an dem sie in ein Haus geteilt worden war, wo die Fünftklässler sich ausschließlich darum kümmerten, dass ihre Stinkbomben korrekt landeten statt sich um ihre hausinternen Machtspielchen zu sorgen.
„Ich habe einen Entwurf angefertigt", gab sie letztendlich zu. Sie hatte ungefähr ein Dutzend Entwürfe angefertigt, aber das würde sie ihm nicht unter die Nase reiben.
Er griff sich an die Brust mit gespielter Überraschung. Hermine bemerkte, dass er nicht die Handschuhe trug, wie es Lupin ihnen aufgetragen hatte.
Wahrscheinlich weil er nicht vorhatte auch nur das kleinste Bisschen zu helfen, dieser Wichser.
„Du meine Güte, einen Entwurf. Tust du eigentlich irgendwas ohne es vorher bis zum bitteren Ende durchzuplanen?"
„Verschwinde, Malfoy."
Er hörte auf zu grinsen. Jetzt schien er nachzudenken und das war weitaus schlimmer. „Ganz ehrlich, Granger. Bereust du wirklich was passiert ist?" Sie erkannte das Funkeln in seinen Augen, mit dem er sie zu ködern versuchte.
Hermine errötete bis zu den Haarwurzeln. Ihre Scham wurde etwas von seiner nagenden Angst gedämpft. Sie war tief in ihm versteckt. Irgendwo weit hinter seinem kolossalen Ego. Sie hätte ihm am liebsten vor den Kopf geschlagen, in der Hoffnung etwas von dem Anstand und dem Mitgefühl loszulösen, von dem sie genau wusste, dass es irgendwo in ihm schlummerte. Wirklich, er verwandelte sie in eine gewalttätige, schizophrene Person. Müde und ausgelaugt in der einen – zornig und aufgebracht in der anderen Minute.
„Ja", sagte sie jetzt, als sie sich wieder daran erinnerte, dass er eine Frage gestellt hatte.
„Ich sagte, ehrlich."
„Und ehrlich: Ja! Ich bereue jede widerliche, Übelkeit erregende Minute von all dem." Sie hatte nicht laut werden wollen.
Aus einem unerklärlichen Grund wirkte er ziemlich zufrieden mit ihrem Ausbruch an Wut. Er nickte. „Gib mir deinen Entwurf. Meine Eule kann Borgin schneller erreichen, als jeder Vogel der Schule."
„Fein. Aber wenn auch nur ein Wort davon rauskommt und Morgen alles im Tagespropheten steht, dann sei dir versichert, Malfoy, meine Rache wird dich grausam umbringen."
„Ach komm schon. Es war doch nicht alles schlecht. Wo bleibt deine natürliche Neugierde, Granger? Es war doch wie ein großartiges Experiment." Er wackelte suggestiv mit den blonden Augenbrauen. Es hätte lächerlich charmant gewirkt, wäre sie nicht um einiges klüger geworden in den letzten Tagen.
„Und was ist mit den krummen Geschäften, die wir mit deinem Vater machen mussten? Und nicht zu vergessen das Beschuldigen und Misshandeln von dir in irgendwelchen dunklen Korridoren? Ich hatte nicht die beste Zeit", spuckte sie ihm jetzt entgegen.
Malfoy setzte einen unschuldigen Blick auf. „Mein Tattoo macht in letzter Zeit ziemlich seltsame Dinge", informierte er sie jetzt leiser. Er ließ sich auf einer moosbedeckten Wurzel nieder und zog einen glänzenden, grünen Apfel aus seiner Tasche. Hermine fiel wieder ein, dass er das Mittagessen verpasst hatte.
Nun. Das geschah ihm nur recht.
„Wie seltsam?", fragte sie ihn, skeptisch und neugierig zugleich.
Er sah aus als würde er für ein Foto posieren. Sarkastischer, böser, quälender Idiot, der einen Apfel isst.
Hermine konnte nicht anders. Sie war müde und irritiert. Ihr Blick ließ sich nicht mehr kontrollieren und ihre Augen wanderten zu seinen Lippen. Dort wo die Wurzel seiner gemeinen, bissigen Kommentare lag. Die sanfte Kurve seiner Lippe, war allzeit zu dem überlegenen Grinsen bereit. Er biss hart in den Apfel und entblößte eine obere Reihe schneeweißer Zähne. Etwas Apfelsaft rann ihm den Mundwinkel hinab und er leckte ihn schnell mit der Zungenspitze fort.
Sieh endlich weg, du Idiotin
Plötzlich tat es ihr auf einmal leid, dass er wegen der Aufsicht das Mittagessen verpasst hatte. Wer hätte schon geahnt, dass es so ein Spektakel werden würde, wenn Draco Malfoy einen Apfel aß. Sie kam sich schon vor wie Lavender und Parvati, die hinter allem eine sexuelle Absicht vermuteten. Und er genoss ihre Aufmerksamkeit. Dämlicher, grinsender Idiot mit dieser perfekten Zunge, die…
Oh…
„Mach das noch mal", forderte er jetzt. Sie hatte nicht bemerkt, dass er sie genauso perplex angesehen hatte, wie sie ihn.
Sie blinzelte. „Was?"
„Sieh auf meinen Mund. Du tust es recht häufig."
Sie machte ein abwertendes Geräusch, mittlerweile dankbar für die Hitze, die wieder einmal die Röte in ihre Wangen schickte. „Du bist ja völlig verrückt. Ich habe bestimmt nicht deinen verdammten Mund angestarrt, Malfoy. Wir sind mitten im Unterricht, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Pass also lieber auf, bevor sich die Leute noch fragen warum du nach sieben Jahren der Beleidigungen und Verachtung auf einmal mit mir sprichst."
Verflucht seien ihre Augen, die anscheinend einen eigenen Willen besaßen. Wieder blickten sie hinab zu seinem Mund. Es blieb nur ein Wunschtraum, dass ein riesiges Apfelstück zwischen seinen Zähnen stecken würde. Nein, sein Lächeln war strahlend weiß.
Und nervtötend, vergiss nicht nervtötend. Sie schüttelte die Gedanken an ihn ab.
„Hmm…", sagte er jetzt langsam. „Der linke Flügel hat sich gerade bewegt." Er klang nicht weniger amüsiert als fasziniert. Hätte er ein Notizbuch dabei gehabt, wäre sich Hermine sicher, dass er es dort eintragen würde. Er war Draco, der Einserschüler, mit dem sie besser zurecht kam als mit Draco, der verzogene Snob. Er konnte sogar recht amüsant sein, trotzdem würde sie eher ihr Schulsprecher Abzeichen verschlucken, als es ihm gegenüber zuzugeben.
„Willst du damit sagen, dass sich die Flügel bewegen?", fragte sie schockiert.
„Es ist mehr wie eine Sensation an Bewegungen. Winzig kleine, scharfe Stiche", erklärte er begeistert. „Ziemlich angenehm."
Hermine verdrehte die Augen. „Du scheinst ja an allem irgendein krankes Vergnügen zu finden."
Er ignorierte ihren Spott. „Dazu kommt, dass ich Linkshänder bin. Vielleicht hat es etwas damit zu tun", fügte er hinzu und bewegte die Finger seiner Hand.
Es war völlig ungerecht, dass er dazu auch noch vollkommen perfekte Hände hatte, dachte Hermine gerade als er seine Hand auf seinem Knie ruhen ließ. Seine Fingerspitzen strichen gerade ein Blatt von seinem Oberschenkel und ihre verfluchten Augen folgten abermals seinen Bewegungen.
Jetzt ist es offiziell, überlegte sie gerade mit Verzweiflung. Ich habe völlig vergessen um was es geht.
„Oh", sagte er plötzlich und deutete auf einen Punkt hinter ihren Kopf. Mit Überwindung wandte sie sich um.
Ein ziemlich aggressiver Tentakel des Fadenkrauts hatte sich aus dem Dickicht erhoben.
„Der ist riesig", verkündete er. „Zieh ihn raus. Ich will nicht unbedingt von Millicent und Weasley gerettet werden müssen." Das wollte sie ebenso wenig. Seufzend griff sie nach dem Eimer.
Dieser zweite Strang an Fadenkraut erwies sich als widerstandsfähiger als der erste. Sie näherte sich ihm stumm und griff hastig nach dem längsten Tentakel und zog so hart sie konnte. Es war als würde sie einen Hammer schwingen.
Die Wurzeln gaben schneller nach als sie gedacht hatte und eine große Menge an Dreck flog mit den Wurzeln durch die Luft und landete auf Malfoy und seinem verflixten grünen Apfel.
Der selbstzufriedene Blick war ihm vom Gesicht gewischt.
Hermine lachte verhalten mit grimmiger Zufriedenheit. Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass sie sich ehrlich erheitert fühlte, seitdem sie nach Hogwarts zurückgekommen war.
Er war nicht böse, nein, er blickte sie eher mit dem Blick an, den sie von Ron und Harry kannte, kurz bevor sie sie durch die Flure jagten, um ihr Sirup in die Haare zu schmieren oder sie zu kitzeln bis sie umfiel vor lachen. Die Idee, dass Draco Malfoy so etwas tun könnte, ging schon weit über das Lächerliche hinaus.
Dennoch würde sie nichts riskieren. Sie verkniff sich das Lachen, griff nach dem Eimer und schritt den Weg weiter hinunter.
Malfoy folgte ihr nicht sofort und sie konnte einige friedliche Minuten allein verbringen und nach weiterem Fadenkraut Ausschau halten. Es gab keins. Sie blickte die hohen Bäume hinauf. Der Wald war nun dichter bewachsen als zuvor und es war unwahrscheinlich, dass sich noch mehr flüchtige Auswüchse hier befanden.
Sie schritt den Weg wieder zurück und entdeckte zu ihrer rechten eine kleine Lichtung mit einer beachtlichen Ansammlung an Champignons. Und dazwischen befand sich ein ausgewachsenes Fadenkrautgewächs.
Eilig schloss sie zu der Kreatur auf und bückte sich nach dem Tentakel, der wahrscheinlich der Größte im ganzen Wald sein musste. Schnell ging ihr auf, dass sich diese Wurzeln nicht so leicht entfernen ließen wie die vorherigen. Das ausgewachsene Fadenkraut gab zornige Geräusche von sich. Laut genug um die Bowtruckles aus den Bäumen zu vertreiben.
Hermine stemmte den Fuß in den Boden, um mehr Halt zu haben. Sie würde nicht zulassen dass eine Pflanze, korrekt oder auch nicht korrekt klassifiziert, stärker sein würde als sie. Mit der linken Hand hatte sie den Tentakel immer noch fest im Griff, während sie mit der anderen zu ihrer Tasche fuhr um nach ihrem Zauberstab zu greifen. Ein bisschen Impedimenta sollte es eigentlich dann tun.
Einer der Tentakel ging zum Angriff über, zerrte den Handschuh von ihrer freien Hand und versenkte nun die spitzen Dornen in die weiche Haut ihres Handrückens. Aus Reflex zog sie die Hand zurück und die Dornen brachen von der Pflanze und steckten nun in ihrer Haut.
Es war als würden sie ein Dutzend Bienen an derselben Stelle stechen. Hermine keuchte vor Schmerz und murmelte harsche Flüche, während sie mit dem Fuß aufstampfte. Das Fadenkraut hatte sich zwischenzeitlich mit den Tentakeln zurück in die Erde gebohrt.
Es entstand eine kurze Pause des Kampfes.
Der kurze Aufruhr führte Draco natürlich zu der Stelle, wo sie nun fluchend vor sich hin murmelte. Er trug nicht weniger als vier Fadenkrautsetzlinge über dem Arm. Sie bemerkte, dass er seine Handschuhe nicht anhatte, dafür aber den Zauberstab bereit in der Hand hielt.
Er hielt sich offensichtlich an den Ich arbeite nicht hart, ich arbeite smart Slogan der Schule. Zufälligerweise gehörte Ron ebenfalls dazu.
„Beruhige dich." Er hatte sie erreicht und wirkte abgelenkt. „Das passiert eben, wenn du dich alleine auf den Weg machst."
Es war gar nicht so schlimm. Ein Dutzend kleiner Stiche zierten ihren Handrücken, allerdings gab es auch zwei dicke Stacheln, die wohl Gift enthalten hatten. Ihr Handrücken begann langsam anzuschwellen.
Malfoy ließ seine Sachen achtlos zu Boden fallen und griff nach ihrem Handgelenk um sich die Verletzung anzusehen. Er fixierte die Stiche. „Blute mich an, Granger, und es wird dir leidtun."
Hermine konnte den Apfelduft riechen, wenn er sprach. Sie blickte hinab auf ihre schmale Hand, die er nun in seiner viel größeren hielt. Sie trug einen lilafarbenen Ring an ihrem Zeigefinger, den ihr jüngerer Cousin ihr am Anfang des Jahres geschenkt hatte. Es war nichts besonderes, aber sie mochte diesen Ring wirklich gern. Allerdings war er ihr jetzt peinlich. Genauso wie ihre mit Tinte verschmierten gekauten Fingernägel.
Sofort war sie sauer auf sich selbst, dass sie sich für diese Dinge schämte.
„Diese Handschuhe sind völlig nutzlos. Man sollte denken, die ganzen Spenden für die Schule sollten ausreichen, um sich bessere Ausstattung zu besorgen", sagte Malfoy jetzt. Er zog die letzten Stacheln aus der Haut und verdrehte die Augen, als sie kurz jammerte.
Als sie den Blick wieder zu seinen Augen hob, betrachtete er sie mit wachem Interesse. Als wäre sie ein Projekt, was wirklich gut zu laufen schien. Er hatte immer noch einen Flecken Erde im Gesicht. Direkt über dem Wangenknochen und auf dem Nasenrücken. Es ließ ihn nicht weniger elegant aussehen. Wenn, dann unterstrich es noch seine feinen Züge und die helle Farbe seiner Augen. Hermine unterdrückte den Drang, den Dreck fortzuwischen. Es war derselbe Instinkt, der sie kurz zuvor gezwungen hatte, Harrys Haar glatt zu streichen. Natürlich hatte es sich wieder zerstrubbelt, aber der Unterschied war, dass sie bei Harry nicht das Gefühl bekam, als hätte sie ein Doxynest in ihrem Magen.
„Besser?", fragte Malfoy jetzt sanft und so nah, dass sie die hellen blauen Flecken um seine Iris hätte zählen können.
„Ja, danke." Hermine entzog ihm ihre Hand. Sie schmerzte immer noch etwas.
Sie entdeckte die Begierde in seinem Blick, als würde ihm etwas angeboten werden, womit er wenig Erfahrung hatte, aber erpicht darauf war, es in die Finger zu bekommen. Es war wie der seltsame Zwischenfall in Malfoy Manor, nur blickte er sie jetzt herausfordernder an. Und dieses Mal würde Toolip nicht kommen, um Hilfe anzubieten.
Oh, nein. Nicht noch mal.
„Nein", sagte Hermine sofort, und wich etwas zurück, nicht wissend, was sie ihm eigentlich verwehrte. Sie wollte diese Ablehnung nur in Worte fassen, bevor er tat, was auch immer er da gerade tun wollte.
„Malfoy", sagte sie jetzt lauter und diesmal schüttelte er sanft den Kopf, als würde er ihren Worten keinen Glauben schenken. Sie machte ein protestierendes Geräusch. Leiser als sie es eigentlich vorhatte.
Er zog sie an sich und es war, als würde sie gegen eine Zementmauer gedrückt. „Bloß eine kleine Erinnerung", flüsterte er. Es klang wie eine Überredung. Hermine hatte keine Ahnung ob diese Worte ihr oder ihm selber galten.
Großer Gott. Er küsste sie. Es war ein tiefer, inniger Kuss. So, als ob er versuchen würde, die verschwommen Erinnerungen wieder zu finden; etwas mehr Kontrolle über sie zu bekommen.
Er hasste es, wenn er sich nicht erinnerte. Hermine wusste diese Sache von ihm.
Sie fühlte sich tollpatschig und etwas verwirrt. Seine Nase stieß gegen ihre und seine Zunge glitt zwischen ihre Lippen. Er schmeckte nach Büchern, nach Apfel, nach Holz… Seine Hände, die sie fest an sich gepresst gehalten hatten, wanderten nun langsam nach oben und er umfasste ihren Hinterkopf, um ihren Kopf zu fixieren. Als er von ihren Lippen abließ, damit sie nach Luft schnappen konnte, wanderte er mit seinen Mund ihren Kiefer entlang um den sensiblen Punkt direkt unter ihrem Ohr zu küssen.
Schrei, befahl ihr ihr Gehirn. Stoß ihn weg und lauf zu den Gewächshäusern.
Ein beständiges Rauschen füllte ihre Ohren, was wahrscheinlich das Blut war, das in ihren Kopf geschossen war. Sie hatte die feuchten Hände in seinen Rücken gekrallt.
Beinahe abrupt wich er von ihr zurück. Seine Pupillen waren geweitet und seine Augen waren nun so dunkel, wie die Regenwolken, die über den Schlossgründen hingen. Sie hielt sich an ihm fest. Wahrscheinlich würden ihre Knie einfach nachgeben, würde sie ihn loslassen. Den Blick den er ihr versetzte war beunruhigend und sie fühlte die Spannung zwischen ihnen. Doch trotzdem wirkte er verärgert. Für einen kurzen Moment verstärkte er seinen Griff um ihre Schultern und lehnte seine Stirn gegen die ihre. Beide schnappten immer noch atemlos nach Luft. Er zitterte. Ganz leicht, fiel ihr auf. Hermine konnte nur über die immensen Ausmaße staunen, mit denen der Zauber auf ihre beiden Nervensysteme wirkte.
Er machte einen Schritt von ihr weg und diesmal folgte sie ihm nicht.
„Granger, ich denke, du bist Hogwarts' bestgehütetes Geheimnis", informierte er sie leise mit einer leichten Härte in seiner Stimme, die die Hitze und die Intensität des Kusses endlich durchbrach. Er richtete seine Hose, ohne sie aus den Augen zu lassen, darauf wartend, dass sie sich schämen würde.
Sie traf seinen Blick und ließ ihren grenzenlosen Hass in seine Augen fließen. Alles was er tat wirkte berechnend. Seine vorgetäuschte Zivilisiertheit und der Kuss der gefolgt war, kamen ihr nun wie ein geplantes Experiment vor, nichts weiter. Bloß eine winzige Flucht aus seinem langweiligen Alltag. Hermine war sich sicher, dass, auch wenn sie die nächsten zehn Jahre mit Draco Malfoy verbringen würde, er sie trotzdem immer wieder überraschen würde.
Sie sprachen kein Wort auf dem Rückweg zum Schloss, der ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Sie wunderte sich kurz, warum er es sich entgehen ließ, sie noch etwas mehr zu demütigen, aber ein Blick in sein Gesicht zeigte ihr den Missmut und das Unbehagen, das jede weitere Frage überflüssig machte.
Passend zu ihrer Stimmung hingen die dunklen Wolken jetzt noch tiefer und es konnte sich nur noch um Minuten handeln, bis der Schauer losbrach. Die Luft roch stark nach Regen als sie endlich die Gewächshäuser erreicht hatten, wo ein schlechtgelaunter Ron und Millicent mit ihrem kleinen Häufchen Fadenkraut bereits warteten.
Ron schien bereits auf den Regen zu warten, der ihn von der schrecklichen Hitze erlösen würde. Er grinste ihr entgegen, legte den Kopf in den Nacken und wartete auf den kommenden Schauer. Seine Freude war beinahe ansteckend.
Doch kaum hatte sie die Hand zum Gruß gehoben, verlor Ron jegliche Farbe aus seinem Gesicht und starrte mit stummem Schrecken über die Baumwipfel hinter ihr hinweg. Hermine nahm aus den Augenwinkeln war, wie Millicent panisch aufschrie und zum Schloss hoch stürmte.
Die Haare in ihrem standen ihr zu Berge und langsam wandte sie sich um. Doch schon hatte Malfoy sie gepackt und raubte ihr den Atem. So wie auch Ron, wie es schien. Er zog sie beide mit sich.
„Malfoy, wa-"
„Granger, beweg dich", schrie er jetzt. Er war genauso weiß wie Ron.
Der Grund für diese Hetzerei war ihr nur zu bald völlig klar. Hinter den Bäumen wuchs langsam und beständig das Dunkle Mal in den Himmel. Hermine spürte wie ihr das Blut in den Adern gefror.
Es breitete sich über den Baumwipfeln aus und glühte in einem unheimlichen Silber. Eine rauchige Schlange wand sich aus dem offenen Mund des Schädels und machte die ganze Erscheinung nur noch wirklicher, nahezu greifbar. Das Mal schien zu surren und zu summen, die Luft vibrierte gefährlich über ihnen.
Sie konnten unmöglich die Einzigen sein, die es bemerkt hatten. Das Mal stand hoch genug um von dem aller hintersten Bewohner von Hogsmeade entdeckt zu werden.
Aus der Entfernung konnte sie sehen, wie Lupin den anderen Schülern Anweisungen zu brüllte. Schüler rannten im Sprint hoch zum Schloss. Eine kleiner Gruppe und Lupin selber rannte ihnen nun entgegen.
Lupins Zauberstab sprühte rote Funken als er ankam. Er hatte offenbar das ganze Schloss alarmiert. „Seid ihr ok?", fragte er hastig und musterte sie alle von oben bis unten.
„Uns geht es gut", erwiderte Hermine atemlos. „Sind die anderen alle zurück?", fügte sie jetzt hastig hinzu mit der Sorge einer Schulsprecherin.
„Ja. Du, Draco, Ron und Millicent seid die letzten", informierte Lupin sie und führte die Gruppe weiter vom Waldrand fort, mit besonderer Aufmerksamkeit auf Harry, der dort bleiben zu wollen schien, wo er war. Ron blieb eisern bei ihm.
Lupin wirkte völlig aufgelöst. „Jeder geht zurück ins Schloss. Meldet euch auf der Stelle bei eurem Hauslehrer oder ihr könnt euch mit meinem Zorn auseinander setzen. Habt ihr verstanden? Harry!"
Harry fixierte Hermine. „Hast du was gesehen? Irgendwas?", fragte er jetzt. Sie konnte bloß den Kopf schütteln.
„Oh, mein Gott. Seht doch…", keuchte Parvati jetzt und deutete auf das Dunkle Mal hinter ihnen.
Es veränderte sich. Das dumpfe Silber des Schädels verschwand langsam, bevor es sich in ein helles, leuchtendes Grün verwandelte und die Schlange schien größer zu werden. Ihr wuchsen Flügel und klauenartige Füße. Der flache Kopf der Schlange wurde zur Schnauze. Die gespaltene Zunge blieb jedoch gleich.
Die Schlange war zum Drachen geworden.
Hermine spürte den scharfen, schmerzhaften Ausbruch der Panik in Malfoy. Es war, als würde sie gerade in den Magen getreten werden. Unmöglich sich zurück zu halten griff sie sich an den eigenen Magen und wäre wahrscheinlich zurück getaumelt, hätte Malfoy nicht ihre Schultern gepackt und sie gerade gehalten.
„Es fängt wieder an", flüsterte Blaise jetzt, seine dunklen Augen auf den Himmel gerichtet. Der Regen ergoss sich nun aus den Wolken und verwischte das Mal etwas. Es war als würde man eine Wasserspiegelung betrachten.
Lavender klammerte sich mit beiden Händen an Parvatis Arm. „Professor Lupin, was passiert hier?", wisperte sie panisch.
Harry war derjenige der antwortete. Die Züge hart wie Granit.
„Das ist Lucius Malfoys Zeichen. Er ist frei."
