Chapter Thirteen
Es wurde Hermine erst klar, als sie durch das Gryffindorportraitloch kletterte und beinahe über eine Teppichfalte stolperte, dass sie ihre Lust für das Herumschnüffeln im Schloss bei nachtschlafender Zeit aufgegeben hatte, seitdem sie Schulsprecherin geworden war.
Erstmal war da auch die Tatsache, dass ihr Lumos, egal wie leise es geflüstert war, so hell leuchtete, dass es gut drei Meter weit leuchtete. Harry hatte das letztes Jahr ihr gegenüber mit großem Bedauern erwähnt. Damals hatte es lange gedauert einen guten Lumos hervorzubringen, der nicht einfach nach einigen Minuten wieder erlosch.
Herumschnüffeln im Schloss war auch durchaus leichter, wenn man sich auf das gute Gedächtnis verlassen konnte, dass sich hier im Schloss auch blind zurecht fand. Statue von Amor auf der linken Seite, knarrende Diele, alter Wandbehang zur rechten, vier Meter weiter begann die Treppe und auf der zehnten Stufe hatte irgendein hellsichtiges Individuum seine Quidditchstiefel vergessen.
Gott sei Dank schien der Vollmond durch die hohen Fenster auf den Korridor und deshalb konnte Hermine es vermeiden über die vergessenen Schuhe zu stolpern. Am Geländer lehnend, erlaubte sie es sich ein paar Sekunden zu verschnaufen – mit dem halb amüsierten Gedanken, dass einige Schüler wohl einen Schock kriegen würden, würden sie sie am Morgen am Treppenabsatz vorfinden. Eine Hufflepuff Erstklässlerin würde sie wahrscheinlich entdecken und dann schreien zu ihrem Haus zurück laufen, um von der Schulsprecherin zu berichten, die tot auf dem Boden lag, die rosanen Slipper immer noch an den Füßen.
Dazu kamen noch ihr ausgeleiertes Kermit, der Frosch Shirt und das paar zu lange alte Pyjamahosen, die einst ihrem Vater gehört hatten und nicht gerade die idealen Bedingungen fürs Rumschnüffeln boten. Sie hatte die Säume hochkrempeln müssen, um nicht noch sinnlos zu stolpern.
Mit einem ziemlichen Krach, den sie machte, war sie ein leichtes Opfer für die Auroren, die um das Schloss wanderten und patrouillierten. Es gab sechs Auroren. Drei weitere waren in Hogsmeade stationiert, wo sie bis zum Schuljahresende auch bleiben würden.
Nachdem sie die bohrenden Fragen Dumbledores hatten beantworten müssen, wurden Hermione, Ron und Millicent von Professor Lupin wieder in die Große Halle geleitet, wo die gesamte Schule bereits auf Neuigkeiten von Dumbledore wartete. Hermine hatte vermutet, dass sie nur all zu leicht von der Panik ihrer Mitschüler hätte angesteckt werden können, aber sie hatte sich ins Gedächtnis gerufen, dass sie solche ähnlichen Katastrophen schon einmal erlebt hatte. Todesser Erfahrungen waren dankenswerterweise selten, aber dennoch kamen sie vor und wurden bis ins kleinste Detail festgehalten. Arthur Weasley distanzierte sich soweit es nur eben ging von Fugdes "Wenn wir den Mund halten, dann wird es schon wieder gut" Politik. Die Presse berichtete mittlerweile über jedes Vorkommnis. Ein Drittel davon war meist aufgeblähter Unsinn, aber was zählte, war, dass es dokumentiert wurde. Selbst die kleinsten Kinder wussten, was bei einer Todesserattacke zu tun war. Rennen, falls es möglich war und verstecken, wenn es dies nicht mehr war.
Alle lernten dazu, entschied Hermine, Dumbledore ebenfalls.
Natürlich hatte der alte Mann noch genug Geheimnisse auf Lager, um die schulischen Ermittler für ein ganzes Jahrhundert auf Trab zu halten, aber er praktizierte nicht mehr länger das "muss alles wissen" Prinzip, welches er bei Harry ersten Jahren in Hogwarts verfolgt hatte. Harry respektierte ihn deswegen noch um einiges mehr, aber Hermine konnte nachvollziehen, dass blindes Vertrauen nun nicht mehr auf Platz Nummer eins stand. Nicht seit Sirius Tod.
In der großen Halle, an diesem ungünstigen Mittwochnachmittag, lauschten tausend neugierige Schüler Dumbledores Worten, als er ihnen die Begebenheiten auf den Schlossgründen näher erläuterte. Es gab knapp fünfzig unterschiedliche Versionen der Geschichte mit dem Dunklen Mal, jede noch lächerliche als die vorherige. Die Wahrheit schien jedoch nicht weniger beeindruckend und die Schüler spekulierten nun über den Verbleib von Lucius Malfoys (mittlerweile berühmten) gestohlenen Zauberstabs.
Am Ende waren die meisten – auch die Lehrer – beruhigt, dass zur Zeit nur ein Malfoy in Hogwarts weilt und dass dieser nicht Lucius war.
Der Unterricht und alle anderen Aktivitäten waren für diesen Tag abgesagt worden. Hermine hatte Draco nicht mehr gesehen. Erst am nächsten Tag beim Abendessen.
Er sah ok aus. Kein Zeichen von Stress oder Angst. Jedes Haar auf seinem blonden Kopf schien genau so zu liegen, wie es liegen sollte. Der immer währende kühle Ausdruck, obwohl etwas Schärfe hinzugekommen war. Es war derselbe herausfordernde Blick, den er aufgesetzt hatte, als Lucius das erste Mal inhaftiert worden war.
Seine Klassenkameraden waren freundlich, aber reserviert. Nichts Ungewöhnliches für Slytherins. Gregory Goyles Beinbruch von einem Fehlgelenkten Klatscher, letzte Woche beim Quidditchtrainig, war soweit geheilt, dass er wieder mit seinen Freunden essen konnte. Nur Goyle schien wirklich aufrichtig froh zu sein, Draco wieder zu sehen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. Diese spontane Geste wirkte auf alle restlichen Slytherins. Pansy Parkinsons Grinsen war nicht mehr ganz so steif und nach der Begrüßung Goyles wandten sich alle wieder ihrem Essen zu. Blaise Zabini warf sogar einen finsteren Blick in die Halle, als ob er allen befehlen wollte, sich endlich wieder um den eigenen Kram zu scheren.
Das taten sie. Und sehr enthusiastisch. Natürlich war das Abendessen um eine Stunde verschoben worden. Deswegen waren alle müde, hungrig, durstig und erhitzt.
Draco blickte während des Essens nicht einmal in ihre Richtung, aber das war Hermine nur recht. Sie hatte andere Dinge, um die sie sich sorgen musste. Obwohl ihr Abendessen da nicht unbedingt zugehörte. Ihr Appetit war seitdem Wochenende verschwunden, und ihr fiel bereits auf, dass ihre Säume um die Hüfte allesamt anfingen zu schlabbern. Außerdem stellte sich ein konstant lethargisches Gefühl in ihrem Körper ein. Ihre Konzentrationsspanne war auch nicht unbedingt die längste. Sie schob ein Stück Kartoffel durch ihre Bohnen, und bekam überhaupt nicht mit, dass Harry wegen den dreißig Punkten Abzug, wegen des Streits mit Lupin, von den anderen Gryffindors übel angepöbelt wurde.
Es war seltsam genug, dass Lavender schließlich diejenige war, die dem ein Ende setzte.
„Ich denke, wir haben andere Dinge, um die wir Sorgen machen sollten, als blöde Hauspunkte.", hatte Lavender gesagt und dabei schrecklich erwachsen geklungen.
Der Hauspatriot aus der fünften Klasse, der den Streit angefangen hatte, hatte dem recht wenig entgegen zu setzen.
Nach dem Essen war der Schlaf langsam überfällig. Für alle. Wie schon so oft wurden die Schüler von den Lehrern und erfahrenen Vertrauensschülern in ihre Häuser begleitet. Die Schüler marschierten recht zügig durch die Korridore, flankiert von Blaise und Hermine.
Draco folgte. Er war zwei Köpfe größer als die Viertklässler vor ihm. Goyle lief (mit einem auffälligen Humpeln) vor Draco. Die jüngeren Schüler gähnten bereits und freuten sich auf ihr warmes Bett. Hermine nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass Blaise sie ermahnte, nicht zu drängeln.
Das Ende der begleitenden Schüler kam zu einem Stillstand und Draco kam neben ihr zum Stehen. Er stöhnte ungeduldig, ob der anhaltenden Verzögerung.
Hermine war auf einmal sehr unruhig geworden. Denn auf einmal war sie sich seiner Nähe bewusst geworden. Seine Größe, seines Körpers und des sauberen, männlichen, sanften Dufts, der ihn instinktiv ausmachte. Es war die exakt gleiche Erfahrung, die sie im Wald gemacht hatte, als der Fida Mia Zauber seinen hässlichen Kopf in die Höhe gereckt hatte. Sie verfluchte die Tatsache, dass sie einfach nicht mehr in der Lage war sich normal in der Nähe von Draco Malfoy zu verhalten.
Auf Grund des neuen Ereignisses in ihrer Beziehung (die es nun mal war), fühlte Hermine, dass sie irgendetwas sagen musste. Etwas Tröstendes, etwas Unterstützendes, nachdem, was sie im Wald erlebt hatten. Sie erinnerte sich, dass sie manchmal Harrys oder Rons Arm drückte, um ihnen zu zeigen, dass sie da war und dass alles ok war. Ginny legte ihren Arm immer um Hermines Schulter, wenn Harry sich wieder einmal in irgendwelche Besorgniserregenden Dinge verwickelte hatte und Hermine voller Sorge war…
Es war etwas, das Freunde für einander taten. Aber nicht für Draco. Oh nein. Er machte eine solche Aktion recht unmöglich. Egal welche Demonstration von Unterstützung, noch so platonisch oder vertraut, würde wahrscheinlich das nervtötende, wissende Funkeln in seinen Augen wecken. Er las zu viel in solche Dinge. Es war geradezu ironisch, überlegte Hermine. Nach all den Jahren, in denen sie sich über die Unsensibilität der Jungen beschwert hatte, hatte sie nun ein Exemplar vor sich, dass Intuitivität als Waffe missbrauchte.
„Tritt auf meinen Fuß, Trampel, und ich box dir in den Bauch.", schnappte Draco recht müde gegenüber eines Drittklässlers aus Slytherin, der sich neben ihn drängte. Hermines Blick verfinsterte sich. Es war kein gewöhnlicher Tag in Hogwarts, wenn Malfoy nicht wenigstens einen Schüler rot vor Scham oder Wut werden ließ.
Er schob sich an ihr vorbei und in dem Moment fühlte sie, wie er etwas in ihre Handfläche schob. Ein kleines Stück Pergament. Instinktiv hatte sie ihre Faust darum geschlossen und hoffte stark, dass ihr Ausdruck ihre Überraschung nicht preis gab. Der momentane Stau (verursacht durch Goyle) war nun vorbei und die Menge bewegte sich wieder weiter nach vorne.
Nach einem schnellen letzten Gespräch mit Blaise und McGonagall war Hermine in ihr Zimmer geeilt, um die Nachricht zu lesen. Es kam ihr nicht einmal seltsam vor, dass sie seine Handschrift sofort erkannte. Sie hatte die feine, kursive Schrift oft genug auf der Tafel gesehen, in den letzten sieben Jahren.
Er hatte die Handschrift eines Mädchens, sie konnte nicht anders, als bei diesem Gedanken zu grinsen.
Wir werden den Brief heute Nacht schicken. Triff mich in der Eulerei nach der zweiten Patrouille. Bring Eulenkekse mit..
Oh, wie genau-auf-den-Punkt gebracht. Sie war leicht beeindruckt wie schnell er diese Fida Mia Sache zu Ende bringen wollte. Gott wusste, er hatte genug andere Sorgen, mit denen er sich beschäftigen musste.
Als also die erste Auroren Patrouille in die zweite runde ging, verließ Hermine um zwei Uhr morgens den Gryffindorturm. Zehn Minuten später, als sie nur knapp dem Treppen-Desaster entgangen war, erreichte sie schließlich die Eulerei oben im Westturm.
Die hohe, etwas morsche Tür der Eulerei stand leicht offen. Mit Vorsicht drückte Hermine sie auf. Halb rechnete sie schon damit, dass sie aus den Angeln brechen würde. Die Tür schob unten den Eulenmist vor sich her, öffnete sich aber dankenswerterweise ohne ein Geräusch zu verursachen.
Als sie erst einmal drinnen war, wurde sie auch schon von dem vertrauten Geruch begrüßt. Neben den gewöhnlichen Briefen, die sie ihren Eltern schickte mit Hedwig oder einer Schuleule, betrat sie die Eulerei nicht sehr häufig. Harry und Ron waren alle zwei Tage hier und kümmerten sich um ihre Eulen. Die Dunkelheit ließ Hermine ziemlich ahnungslos umher tappen und sie wanderte langsam durch den langen, hohen Raum. Ihre Schritte wurden von den quietschenden und schmatzenden Geräuschen unter ihren Füßen begleitet und sie war froh, dass sie bereits die Säume ihres Pyjamas hochgekrempelt hatte.
„Igitt…", rief sie leise aus, als sie auf etwas besonders Weiches und Feuchtes trat.
„Du hast schon so viel Lärm gemacht als du den Korridor runter gegangen bist, bitte hör jetzt bloß nicht damit auf.", zischte Draco hinter ihr.
Verflucht sei er. Er war praktisch aus den Schatten aufgetaucht. Hermine konnte nicht anders, sie erschrak für einen Moment und einige Eulen klackerten mit den Schnäbeln und raschelten mit ihren Flügeln.
„Shh!", raunte er und sah fast so aus, als würde er gleich seine Hand auf ihren Mund pressen.
Sie wich zurück. „Das ist, was passiert, wenn du dich an Leute anschleichst!"
„Du bist schon etwas zu alt, um noch Angst im Dunkeln zu haben, oder?", erwiderte er trocken.
Es gab eigentlich mehr Licht in der Eulerei als draußen. Wahrscheinlich wegen des fehlenden Dachs. Der Mond schien direkt in den runden Raum. Hermine konnte nun die hunderte an Eulen zählen, die sie nun mit wachsamem Interesse beobachteten. Jede Eulenart (und einige spezielle Züchtungen) waren vertreten: Schleiereule, Schneeeule, Zwergohreule, Käuzchen, Kreischeulen und Adler. Als nachtaktive Tiere waren sie ständig in Bewegung und es herrschte ein reges Kommen Gehen in der Eulerei. Sie entdeckte Hedwig sofort. Harrys kluge Schneeeule putzte sich gerade. Etwas, das aussah wie eine (wenigstens noch vor kurzem) haarige Waldkreatur, war in ihren festen Klauengriff gefangen. Kein Zeichen von dem aufgeregten Pigwidgeon und wenn Hermine über den Krach nachdachte, den er zu machen pflegte, war sie recht dankbar.
„Hast du Futter mitgebracht?"
„Ja.", sagte sie und zog die kleine Tüte mit Eulenkeksen aus der Tasche. Es waren Lavenders. Die Tüte hatte die Aufschrift Maus & Käse aromatisiert getragen, mit einem Logo, dass die beunruhigende Form dieser beiden Dinge beinhaltete.
Draco trug seine Schuluniform, was etwas seltsam war, denn es war bereits weit nach der vorgeschriebenen Schlafenszeit. Hermine sagte sich, dass Slytherins wohl andere Bettzeiten verfolgten. Das, oder er trug vielleicht ungerne Pyjamas wenn er schlief und ansonsten wäre dann wohl…
Was?, wollte ihr Gehirn von ihr mit einem mentalen „Hmmm?" von ihr wissen. Ihre Fantasie war willig in diese Richtung zu wandern, aber sie verdrängte diese Bild bevor es klarere Umrisse annehmen konnte. Jetzt war nicht die Zeit ein Teenager zu sein.
Sie reichte ihm die Kekse und sah ihm dabei zu, wie er sie auf eine Art sehr festem Lederhandschuh schüttete. Selbst in der Dunkelheit erkannte sie die Macken und Rillen auf dem Leder. Aus Erfahrung wusste sie von den Kratzern, die Hedwig Harry ab und zu bescherte. Draco ließ einen leisen Pfiff ertönen und streckte den behandschuhten Arm aus. Von ganz oben aus dem Gebälk, wo auch Hedwig saß stürzte sich eine Eule in die Tiefe.
Hermine hatte den Vogel schon einmal gesehen, natürlich. Morgens brachte er Draco die Post und den Propheten. Doch von Nahem betrachtet war Dracos Adler Eule schon etwas Besonderes.
Sie war ziemlich groß, sehr maskulin, mit einem geschwungenen Schnabel und den Zügen eines Raubvogels. Der Schnabel sah gefährlich genug aus um Draco ein glattes Loch in die Hand zu schlagen. Ob jetzt mit Handschuh oder ohne. Sie sah majestätisch aus, erhaben, auf eine unheimliche, räuberische Art und Weise. Es war…
„Pete.", sagte Draco und streichelte den hübschen Kopf des Vogels.
Die Eule antwortete mit einem freundlichen, „Hooot."
Große Güte, der Vogel war ein Bariton.
Hermine starrte ihn an. Sie wich einen weiteren Schritt zurück. „Du nennst deine Eule Pete?"
Er war damit beschäftigt die Eule zu füttern. „Ein Vogel braucht einen Namen, Granger."
Ja. Das stimmte. Obwohl, sie hatte mit wenigstens vier Silben gerechnet und einen Namen, der eine Hommage an ein Familienmitglied Schrägstrich lang verstorbenes Reinblut Schrägstrich Held Schrägstrich mythologische Figur der Antike war.
Draco blickte sie über seine Nase hinweg an. Er versuchte anscheinend ihre Gedanken zu lesen. „Es ist kurz für Pietro, wenn du es wissen musst."
„Hoot.", erwiderte Pete jetzt, auf die Erwähnung seines Namens.
„Kümmer dich nicht um sie.", erklärte Draco seinem Freund, als er Petes eleganten Kopf kraulte. „Sie hat lieber einen verkommenen, krummbeinigen, alten Fellball als eine Eule."
Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu. „Krummbein ist kein verkommener alter Fellball. Er ist brillant."
„Aber so gelenkig wie Königin Annes Anziehkommode.", fügte Draco, beinahe belustigt, hinzu. Dann schien er sich jedoch daran zu erinnern, dass sei nicht hergekommen sind um Spaß zu haben. Egal in welcher Form. Es war eine recht todernste Sache. „Gib mir den Brief." Er hatte sich entschieden wieder unfreundlich zu sein. Hermine war tatsächlich erfreut über diesen Wandel.
Sie gab ihm den schmalen Streifen Pergament. Er hielt ihn unter einen Strahl Mondlicht, las ihn und riss ihn dann, zu ihrer Überraschung, in winzig kleine Fetzen.
„Es ist sinnlos ein Pseudonym zu benutzen. Borgin kennt Pete.", erklärte er jetzt.
Sie versetzte ihm einen entnervten Blick. „Und? Hast du eine Feder und ein neues Blatt Pergament mitgebracht?"
"Das sollte es auch tun.", verkündete er knapp und zog seine eigene Version des Briefs aus seinem Umhang.
Hermine war kurz davor ihn zu fragen, was dieser ganze Stress dann überhaupt sollte, wenn er sowieso seinen eigenen blöden Brief abschicken wollte. Dann hätte er keine heimlichen Treffen mit ihr mitten in der Nacht ausmachen müssen, oder?
Also warum war sie dann hier? Hermine versetzte ihm einen argwöhnischen Blick.
„Ich verstehe nicht, warum wir keine einfache Schuleule benutzen können. Etwas, dass nicht so direkt… hervorsticht."
Er schenkte ihr den „Bist-du-total-bescheuert?" Blick. Hermine kannte ihn gut genug. Er war auch sehr gut in, „Ich-habe-keine-Zeit-dir-das-zu-erklären!", „Wie-sehr-Gryffindor" und „Aus-dem-Weg-bevor-ich-dich-verhexe!"
„Pete ist so sicher wie es eben nur geht. Er wurde dafür gezüchtet. Schuleulen sind verlässlich, ja, aber sie sind leichte Ziele. Sie könne abgeschossen werden, oder abgefangen, gequält oder fehlgeleitet werden. Pete kann das nicht."
Stolz schwang in seiner Stimme mit.
Wie schrecklich. Hermine konnte nicht anders als darüber nachzudenken, was einer Eule alles passieren konnte. Sie hatte gedacht, die einfachste Art eine Eule abzufangen wäre, sie zu erschießen (ganz wie bei Professor Sprouts armem Überbringer). Doch konnte sie sich an kein vorangegangenes Ereignis erinnern, wobei einer Eule ein so schmachvolles Ende gefunden hatte. Wenn sie die Zeit finden würde neben all den Dingen wie, Professor Dumbledore zu helfen, einen Krieg zu bewältigen, auf Jobsuche sein und ihre versehentliche Hochzeit mit Malfoy rückgängig zu machen, dann würde sie vielleicht eine Eulen-Rettungskampagne ins Leben rufen. Und sie würden dann für eine bessere Behandlung der armen Tiere sorgen.
Draco befestigte die Nachricht vorsichtig an Petes Bein in einer kleinen metallischen Röhre und fütterte ihm noch ein paar Eulenkekse. Pete konnte drei auf einmal schlucken.
„Einen sicheren Flug.", flüsterte er, bevor der Vogel sich eindrucksvoll in die Lüfte erhob.
Die Flügelspannweite des Vogels war beeindruckend. Genau wie seine Schönheit. Er drehte noch einen letzten Kreis über der Eulerei, bevor er lautlos aus der Sicht verschwand. Sie standen in vollkommener Stille nebeneinander und lauschten noch einen Moment lang den nächtlichen Geräuschen und dem Pfeifen des Windes in der Ferne.
„Was soll dass heißen, Rainbow Connection? ", fragte Draco jetzt, nachdem er seinen Handschuh abgelegt hatte. Er fuhr mit dem Finger die verblichen Schrift über dem Shirt nach und berührte dabei kurz ihren Nabel. Hermine fiel jetzt auf, dass sie unterm demselben Strahl Mondlicht stand, unter dem er den Brief vorher gelesen hatte. Halb amüsiert betrachtete er Kermit den Frosch, der auf einem lilanen Fleck unter dem farbenfrohen Regenbogen saß.
Für einen kurzen Moment war Hermine sprachlos. Wie erklärte man einem Zauberer wer Kermit der Frosch war? Die Antwort war recht einfach: Man tat es einfach nicht.
„Das ist eine Muggelsache. ", erklärte sie hastig und kam sich seltsam vor. Es wäre wahrscheinlich völlig verrückt gewesen, die Muppets einem Draco Malfoy erklären zu wollen. Vor allem um halb drei in der Früh, während man sich vor einem Team von zehn Auroren versteckt hielt, die einen höchstwahrscheinlich erst versteinerten, bevor sie Fragen stellten.
„Und deswegen ist es nicht nötig es jemandem zu erklären, der kein Muggel ist? " Draco hob eine Augenbraue und blickt ziemlich verärgert drein.
„Das... hab ich nicht... ich...Nein!"
„Es ist genau wie diese Papstsache in der Kutsche unterwegs zu meinem Vater.", murmelte er jetzt.
Sie vermutete, dass sie ihn einfach missverstanden hatte. „Papstsache?"
„Du hast Bezug auf den Papst genommen und als ich dich gefragt hatte, was du mit deiner sarkastischen Anspielung auf meinen Vater sagen wolltest, hast du angenommen, ich würde nicht wissen, wer der Papst sei."
Hermine konnte diese Wandlung in ihrer Unterhaltung, so fern es eine war, kaum nachvollziehen. Es war fast so, wie eine dieser Unterhaltungen, die sie öfters mit Harry hatte und sich am Ende schrecklich mit ihm fetzte. Aber dann wiederum waren Harrys Konter bei weitem nicht so niederschmetternd. "Du magst es nicht abgefertigt zu werden, nicht wahr?"
„Sag bloß?", erwiderte er und tippte ihr sachte gegen die Stirn. „Hast du das ganz alleine rausgekriegt?"
Sie machte einen sehr frustrierten Laut. „Mein Gott, man kann mit dir wirklich nicht zurecht kommen."
Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie an. „Warum? Hast du es versucht?"
Es war eine Fangfrage. Er war exzellent in Fangfragen. Und in strategischem Themenwechseln. Nun, das konnte man auch zu zweit spielen. Sie ließ zehn Sekunden verstreichen, ohne zu antworten.
„Weißt du, ich bin froh, dass Dumbledore gestern erzählt hat, was wirklich vorgefallen ist."
„Ist das so?", erwiderte er trocken. Er flüsterte jetzt wieder.
Hermine wunderte sich, warum es ihr noch nicht aufgefallen war, wie nahe sie beieinander standen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich als er eine Feder von ihrem Schlüsselbein strich. Der Drachen auf ihrem Oberschenkel schien sich zu winden. Es war ein bizarres Gefühl an das man sich vielleicht auch nach Jahren nicht gewöhnen konnte.
„Wenn er nichts erklärt hätte, wenn du nicht da gewesen wärst, hättest du dann gedacht ich hätte das Mal in den Himmel geschickt?" Da war eine ganz andere Frage hinter seiner Frage. er betrachtete sie als wäre er ein Pirat und sie eine irregeführt Jungfrau.
„Nein. Ich ziehe keine voreiligen Schlüsse.", schoss sie beinahe augenblicklich zurück, auch wenn ihre Stimme etwas zitterte. Verfluchte Dunkelheit. Sie konnte seinen Ausdruck nicht ausmachen. Er benutzte wahrscheinlich den Wie-sehr-Gryffindor-Blick.
„Gryffindors sind vielleicht gute Märtyrer, aber sie sind schreckliche Lügner. Zuviel steht in deinen Augen."
„Ich bezweifel, dass du meine Augen in der Dunkelheit erkennen kannst, Malfoy."
„Zu dumm.", antwortete er und Hermine fiel auf, dass sie, obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste, dass er lächelte. Sie konnte es an der Stimme erkennen. „Ich weiß es nur, weil sie einen angenehmen Braunen Schimmer annehmen, jedes Mal wenn du zornig bist, was in meiner Nähe recht häufig passiert.", fügte er schienheilig hinzu.
Hermine fragte sich unwillkürlich wie eine Schneeballschlacht in der Hölle aussehen musste. Sie hatte keinen Zweifel mehr daran, dass es möglich sein könnte, denn Draco Malfoy hatte ihr soeben ein Kompliment gemacht.
„Wir sollten wirklich los.", sagte sie jetzt hektisch und verließ die Eulerei. "Die Auroren schließen die Eulerei in ihre Rundgänge mit ein."
Es dauerte nur einige Sekunden, bis Hermine die restlichen Eulekekse in die gemeinschaftliche Futterschale gestreut hatte. Sofort kamen einige Vögel zu ihnen hinab geflogen. Draco wartete auf sie und er flüsterte etwas.
Wahrscheinlich fluchte er, vermutete sie, aber sie konnte es nicht verstehen. Sie trennten sich an der Tür.
„Bitte versuch, auf dem Rückweg nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Ich bin nicht besonders scharf drauf entdeckt zu werden, nur weil du keine fünf Stufen leise rauf laufen kannst."
Hermine nahm an, dass sie diese Aussage als „Gute Nacht und viel Glück!" durchgehen lassen konnte.
