Chapter Twenty-Five

Draco befand sich in der Eingangshalle, versteckt hinter der großen Standuhr, welche soeben drei Uhr im Morgen ankündigte. Der Boden unter seinen Füßen war eiskalt, und er war barfuß. Er wartete, bis das Läuten der Uhr verstummt war und lauschte dann wieder den Stimmen, die aus der Bibliothek drangen.

Seine Eltern waren wach, trotz der späten Stunden, und schienen sich wieder zu streiten. Das war nichts Neues für Draco, aber das heutige Thema des Streites hatte ihn veranlasst weiter nachzuforschen. Er wusste, dass er in großen Schwierigkeiten war, würde er entdeckt werden, aber er nahm das Risiko seines Vaters Zorn auf sich zu ziehen auf sich, wenn es um George ging.

Für George würde er viel riskieren.

Es war erst als seine Mutter seinen Namen genannt hatte, dass seine Neugierde vollständig geweckt war. Er war ohnehin wach gewesen und viel zu aufgeregt, um zu schlafen. Nach George zu suchen, überwog jedes andere Bedürfnis. Die arme Toolip hatte den ganzen Nachmittag mit dem jungen Malfoyerben nach dem Hund gesucht. Aber es gab keine Spur von ihm, auch wenn Draco vom Koch das beste Stück Fleisch gefordert hatte und im Garten gerufen hatte, bis seine Stimme heiser geworden war.

„Ich werde es nicht zulassen", sagte sein Vater gerade. Er sprach mit leiser, finsterer Stimme, was immer bedeutete, dass er nicht mehr gereizt sondern jetzt wirklich wütend war. Es war nicht klug anwesend zu sein, wenn sein Vater so gefährlich ruhig sprach. Für gewöhnlich bekamen die Menschen Angst vor seinem Vater und traten den Rückzug an.

Aber seine Mutter war kein gewöhnlicher Mensch.

Draco kroch den Korridor entlang, unter den Portraits hindurch, während einige der Portraits ihm verschwörerisch zuzwinkerten. Er wollte zurücklächeln, aber dies war kein fröhliches Abenteuer. George war verschwunden, und seine Eltern waren böse miteinander.

Er hoffte, das eine hatte nichts mit dem anderen zu tun.

Die beiden Flügeltüren standen weit offen und Kerzenlicht kroch in die Dunkelheit des Flurs. Für Draco war es nicht ungewöhnlich, keine Angst vor der Dunkelheit zu haben. Magie bedeutete Licht, und er trug es bei sich, wo immer er hinging, so hatte es ihm seine Mutter gelehrt. Das gab ihm also keinen logischen Grund für Angst.

Draco wagte einen Blick hinter die Tür, und drückte sich die hellen blonden, strubbeligen Strähnen platt, damit seine Eltern kein Haar von ihm entdecken konnte, und zog schnell seine Zehen ein, weil er vermutete, auch diese wären zu sehen.

Seine Mutter durchschritt angespannt den Raum, und sie trug immer noch das fliederfarbenen Seidenkleid, dass sie auf der Soiree bei den Parkinsons getragen hatte. Sie hatte ihn vor sechs Stunden zu Bett gebracht und zugedeckt, und er erinnerte sich, dass sie nach Orchideen gerochen hatte. Seine Mutter roch immer sehr gut.

„Du bist widerlich", erwiderte seine Mutter. Draco hatte sie noch nie in diesen Ton gegenüber ihrem Mann sprechen gehört. Er hatte plötzlich mehr Angst um sie als er um George hatte, was sehr viel Angst war, mit der ein fünfjähriger umzugehen hatte.

Lucius knurrte und warf zornig einen Stuhl um. Kurz schien der Stuhl in der Luft zu zögern, ehe er mit einem gedämpften Geräusch auf den Teppich fiel. Draco hatte die Hand über den gelegt, um seine Überraschung zu verbergen. Glücklicherweise waren seine Eltern mitten in ihrem Streit und hörten ihn nicht.

„Den Jungen zu verwöhnen ist falsch. Draco muss harte Lektionen lernen. Er ist alt genug!"

Die eisblauen Augen seiner Mutter verengten sich. „Er hat noch genügend Zeit, um sich auf das Leben vorzubereiten, in das er hinein geboren wurde."

„Fünf ist alt genug, um zu begreifen, dass man keine unwürdigen Promenadenmischungen in dieses Haus bringt."

„Bastard", zischte seine Mutter.

Kurz sah es so aus, als würde sein Vater die Beleidigung ignorieren. Draco betrachtete ihn ungläubig. Niemand nannte seinen Vater einen Bastard – ein sehr, sehr böses Wort, das man nur benutzte, um zum Duell herausgefordert zu werden. Aber dann stellte sein Vater sein Brandy Glas gefasst auf den Tisch zurück, durchschritt das Zimmer zu seiner Mutter und schlug sie direkt ins Gesicht.

Es war das erste Mal, dass Draco seinen Vater beobachtete, wie er seine Mutter schlug. Was ihn noch mehr schockierte, war, dass seine Mutter lächelte. Es war ein wissendes Lächeln, was keine Überraschung ob dieser Behandlung zeigte. Sie sah so aus, als hätte sie den Streit gewonnen oder hätte eine vorher versteckte Wahrheit aufgedeckt.

Irgendwas in Draco wurde plötzlich kalt. Er merkte, dass die Spiele, die Erwachsene spielten völlig anders waren von denen, die Kinder spielten.

Das hier war nichts, was er sehen wollte.

Er hatte nicht gemerkt, was er getan hatte (seine Füße bewegten sich wie von selbst), und jetzt stand er in der Mitte der Türen zur Bibliothek, vollständig im Licht, die kleinen Hände zu Fäusten geballt, während Tränen seine Wangen hinab liefen. Sein Vater kehrte ihm den Rücken zu, so dass glücklicherweise nur Narzissa ihn sehen konnte. Überrascht blinzelte sie und schüttelte dann kaum merklich den Kopf in einer offensichtlichen Warnung. Draco fühlte sich erleichtert und fühlte sich sofort schuldig, sich erleichtert zu fühlen und kroch zurück in die Dunkelheit des Flurs. Er zitterte vor Furcht und Zorn.

„Vergiss nicht zu wem du sprichst!", erklärte Lucius seiner Frau, obwohl sein Zorn verraucht zu sein schien. Er seufzte und hob schließlich die Hand, um über ihre Wange zu streichen. „Vergiss es nicht", flüsterte Lucius fast und klang entschuldigend und noch irgendwas, was Draco nicht bestimmen konnte. Es fielen noch mehr Worte. Leise Worte, die Draco nicht verstand und auch nicht hören wollte.

Plötzlich fühlte er sich wie ein Eindringling. Es war ein privater, intimer Moment.

Seine Mutter schien es nicht zu wundern, dass die Stimmung seines Vaters umgeschwungen hatte. Oder vielleicht zeigte sie es nicht, weil sie wusste, dass ihr Sohn zusah. Sie zog sich vor ihrem Mann zurück.

„Ich liebe dich nicht."

Lucius lachte auf. Es war ein amüsiertes Lachen. „Doch, tust du. Und du hasst dich selbst dafür."

Sie schenkte ihm ein schmales Lächeln. „Severus hasst mich auch dafür."

„Erwähn nicht den Namen dieses Verräters in diesem Haus!"

Narzissa holte sich ihre fliederfarbene Stola von der Couch. „Er wird nicht so werden wie du. Dafür werde ich sorgen."

Lucius warf sein Glas voller Zorn in die Flammen, so dass diese durch den Alkohol kurz höher züngelten, aber er erwiderte nichts. Narzissa schritt zu den Türen und schloss sie leise hinter sich.

„Und du! Was tust du hier unten?"", wollte sie jetzt von Draco wissen und zog ihn am Ellbogen mit sich. Ihr langes, honigblondes Haar, was vorher noch kunstvoll auf ihrem Kopf gelegen hatte, fiel nun in weichen Wellen ihren Rücken hinab und kitzelte Dracos Gesicht.

„Ich… ich suche George", erwiderte Draco.

Sie hielten nicht an, ehe Draco nicht wieder in seinem Zimmer war. Seine Mutter brachte ihn erneut ins Bett. Toolip, welche schlafend im Schaukelstuhl zusammen gesunken war, schnarchte seelenruhig weiter. Narzissa verdrehte die Augen, während sie die alte Elfe betrachtete.

„Es tut mir leid, dass du das sehen musstest, Liebling. Dein Vater ist heute Abend nicht in bester Stimmung." Sie glättete sein Haar mit ihrer Hand, was heller war als ihres und sich weniger wellte.

Dracos Lehrer erklärten ihm häufig, dass er einen Sinn hatte, Rätsel zu lösen. Und einen Sinn für Logik. Vielleicht ließ ihn diese Logik auch die nächste Frage stellen.

„Mutter", begann Draco und wünschte sich, er wäre so clever wie Pansy oft behauptete, „hat Vater irgendetwas mit George gemacht?"

Der Blick aus den blauen Augen seiner Mutter wurde für einen Moment härter. Sie schien eine Entscheidung zu treffen. Dann griff sie in eine Innentasche in ihrem Kleid und zog ein schwarzes Lederhalsband hervor.

„Es tut mir leid."

Es gab nichts, was er tun konnte. George war fort. Dracos Herz fühlte sich an wie ein schwerer Stein, der immer tiefer sank und verschwand unter den dunklen Wassern wie in den Quellen von Thimble Creek. Er ergriff das Halsband mit zitternder Hand, aber er weinte nicht. Nicht mal, als seine Mutter ihm einen Kuss auf die Stirn gab und ihm gute Nacht wünschte.

„Liebe niemals etwas mehr als es dich liebt, Draco", flüsterte sie. „Werde niemals wie dein Vater."

Oder wie du, wollte Draco sagen, tat es aber nicht.

Toolip half ihm am nächsten Tag das Halsband im Garten zu vergraben.

Er war nicht tot.

Hermine wusste das, denn alles, was sie tun musste, war, die Augen schließen, ihre Gedanken reinigen und nach ihm suchen. Er war da. Irgendwo weithinten in ihren Gedanken. Er atmete. Er lebte. Sein Herz schlug laut und stark. Allerdings schien er nicht viel zu spüren. Kein Schmerz, keinen Ärger, nicht mal dieses Phantomgefühl, welches ihre eigene Präsenz in seinem Kopf darstellte.

Sie schloss daraus, dass er noch bewusstlos war.

Ron hatte wohl in seiner Panik darauf geschlossen, dass Draco tot sein müsste, wegen dem massiven Blutverlust aus dem Schnitt auf seiner Stirn. Als Professor Flitwick und Madame Hooch die beiden verletzten Slytherins provisorisch behandelten, war Ron losgerannt, um die stellvertretende Schulleiterin zu holen. Als sich McGonagall von dem beinahe Herzinfarkt erholt hatte, war sie losgegangen, um Snape zu holen.

Harry war noch bei Snape, und er hatte sich nicht erinnern können, Snape jemals so zornig erlebt zu haben.

„Ja, abgesehen von dem Tag als er dich in seinem Denkarium entdeckt hatte", erinnerte ihn Ron, um von seiner vorherigen, recht amüsanten, Überreaktion abzulenken.

Ron sagte, beide Slytherins hätten Klatscherangriffe gegen Kopf und Brust abbekommen, wobei Draco den größeren Anteil abgekriegt hatte. Die Verletzungen waren nicht tödlich, aber die Jungen würden Prellungen, blaue Flecken und in Dracos Fall eine Gehirnerschütterung davontragen.

Als sich die Information im Schloss rumgesprochen hatte (danke Pansy Parkinson und Ernie MacMillan), unterschieden sich die Reaktionen von Respekt bis zu großen Lachern. Und viele waren beeindruckt vom Mut des jungen Kaulquappe, dessen Name nun in Hogwarts nicht mehr vergessen werden würde. Denn nicht seit den Weasley Zwillingen hatte jemand gewagt, die Regeln so leichtsinnig zu missachten, nur um Dummheiten zu machen.

Der Rest des Tages verging schmerzhaft langsam, fand Hermine. Sie war immer noch nicht über die Begegnung mit Draco im Badezimmer der Vertrauensschüler hinweggekommen. Aber es hatten sich zwei Dinge für sie herauskristallisiert. Sie waren problematisch, schwer zu verdauen und nahezu unmöglich zu denken. Und sie wollte auch gar nicht daran denken.

Also tat sie es nicht. Sie war ein gutes Beispiel für die emotionale Hinauszögerung.

Aber egal, wie schlecht alles am Mittwoch ausgegangen war, konnte sie nicht länger leugnen, dass sie Gefühle für Malfoy hatte. Das Problem war, dass diese Gefühle keiner zärtlichen Natur entsprangen. Sie erzeugten keine Tagträume bei ihr, keine verzweifelten Seufzer, und sie wollte auch nicht die Buchstaben H und D in Herzen zeichnen.

Es eher so, dass sie sich krank fühlte, wenn sie ihn sah. Nicht nur in einer schlechten Weise, aber eine Weise, die bedeutete, dass sie sich selber vergaß. Ihr unwilliger Ehemann hatte einen gefährlichen Einfluss auf sie. Ob er es nun wollte oder nicht.

Und unglücklicherweise war Fida Mia keine Ausrede für alles.

Hermine fand es fast obszön sich um Herzenssorgen zu kümmern, wenn einer von ihnen, und zwar Tonks, wahrscheinlich in tödlicher Gefahr schwebte.

Es war nicht ungewöhnlich, Harry zu später Stunde in einer Ecke der Couch im Gemeinschaftsraum zu finden. Manchmal unterhielt er sich mit Ginny, die sowieso weniger Schlaf als alle anderen zu brauchen schien, oder manchmal spielte er Schach mit Ron oder Karten mit Neville.

An diesem Abend hatte Harry etwas zu lesen bei sich. Er sah auf, als Hermine die Treppen runterkam. „Hi."

„Hi", erwidert sie, als sie sich neben ihn setzte. Sie sah, dass er zwei verschiedene Socken anhatte und zwickte seinen großen Zeh zur Begrüßung. „Kannst du auch nicht schlafen?"

Er gähnte. „Das scheint eine populäre Schülerkrankheit zu sein. Ich schaue mir noch mal Snapes Notizen zu meinem Okklumentik Examen an. Wir wollten das Ergebnis heute Morgen besprechen, ehe er in den Krankenflügel gerufen wurde."

„Darf ich gucken? Achtundneunzig Prozent! Harry, das ist großartig!"

„Schätze schon."

Sie verstand seinen begrenzten Enthusiasmus. Tonks Verschwinden war den ganzen Tag lang in ihren Köpfen. Und Dumbledores Abwesenheit war ebenfalls zu spüren und alle waren alarmbereit. Schlechte Dinge passierten, wenn er nicht da war. Es gab die absurde Theorie, dass Tonks mit Donald Bligh einfach durchgebrannt war, aber wer Tonks – oder Bligh – kannte, würde diese Theorie für mehr als abwegig halten. Der Orden hatte ein Treffen für Montag veranlasst, was dann verschoben worden war. Harry war gespannt, was Moody für Schritte einleiten würde, um die die vermissten Auroren zu finden.

Hermine überflog still Snapes strenge, akribisch genau Notizen. Es war herrschte Stille im Gemeinschaftsraum.

„Wolltest du irgendwas?", fragte Harry plötzlich.

„Ja." Hermine wusste nicht genau, wie sie es erklären sollte, also stellte sie die Frage einfach und klar. „Harry, kann ich mir deinen Tarnumhang leihen?"

„Du versuchst nicht, Tonks selber zu finden, oder?"

Sie schenkte ihm einen eindeutigen Blick. „ Natürlich nicht."

„Denn du hast mir erklärt, es wäre ziemlich dumm etwas zu unternehmen, ohne vorher Dumbledores Meinung einzuholen."

„Richtig."

„Und wenn du alleine losziehst, würden wir uns zu Tode sorgen…"

„Ja, Harry, ich weiß."

Er nickte. „Richtig. Ich will nur sicher gehen."

Konsterniert beobachtete Hermine, wie Harry auf die Füße kam, sich streckte und ihr erklärte, zu warten. Er schritt die Stufen zu seinem Schlafsaal hoch und kam keine Minute später zurück.

„Ich werde dich nicht fragen, weshalb du ihn brauchst", erklärte er direkt. „Aber ich erwarte, dass du zu mir kommst, wenn du Hilfe brauchst."

Ihre Jungen waren so erwachsen, bemerkte Hermine stolz. Sie unterdrückte das Verlangen in Tränen auszubrechen.

Völlig gelassen klopfte ihr Harry auf die Schulter. „Er ist ein glücklicher Junge. Wer auch immer er ist."

Ihr Blick hob sich sofort. „Wieso denkst du, dass es sich um so etwas handelt?"

Harry zuckte die Achseln, aber der Geist eines Lächelns verweilte auf seinen Zügen. „Es scheint, als brichst du nur Regeln für Jungen, die du leiden kannst."

Sie hatte ehrlich noch nie so über die Sache nachgedacht.