Chapter Thirty-Two

Borgin war früh dran. Er wartete sie außerhalb des Cobblestones, und er wirkte peinlich berührt, von der Aufmerksamkeit, die ihm die Mädchen draußen schenkten.

Er trug die gewöhnliche Kleidung, glatt und schwarz, die es ihm leichter machte in der Nokturngasse unterzutauchen. Eigentlich sah er noch genauso aus, wie das letzte Mal, als Draco ihn gesehen hatte, obwohl er jetzt schon weniger Haare hatte, und seine hohe Stirn jetzt noch mehr zu glänzen schien.

„Miss Granger, eine Ehre, Sie endlich kennen zu lernen", sagte er weich. Er reichte ihr seine Hand, die Finger leicht gekrümmt.

Draco hatte ihren Namen in den Briefen nicht erwähnt, und er musste Borgin zu Gute halten, dass sich dessen Schock wohl in Grenzen hielt. Anscheinend brauchte es einiges, um Emmanuel Borgin zu überraschen, überlegte Draco.

„Hallo." Hermines Begürßung war knapp und kalt. Und sie ignorierte die ausgestreckte Hand.

Sie hatte Borgin bestimmt nie persönlich getroffen, aber sein Ruf war ihm bestimmt vorausgeeilt. Sie brauchten vielleicht seinen speziellen Rat, aber Granger machte keinen Hehl daraus, dass sie Borgin nicht leiden konnte.

„Also gut", erwiderte Borgin, die Augen etwas schmaler, der Blick härter, nach der offensichtlichen Ablehnung. „Junger Malfoy, sollen wir fortfahren?"

Hermine ließ ihre erste Frage los. Draco mochte Borgin vielleicht vertrauen, aber wenn sie dachten Hermine Granger, würde einfach mitkommen, ohne Fragen zu stellen, dann wären sie verrückt.

„Wo genau gehen wir hin?"

Borgin antwortete beim Gehen. „Ich habe arrangiert, dass wir im Haus der Experten den Termin stattfinden lassen."

„Wie weit ist es?"

„Nicht sehr weit von hier."

„Wie haben Sie diesen Experten gefunden? Ich wüsste nicht, dass so jemand seine Dienste in der Lokalpresse anbietet."

Borgin hielt inne und warf Draco einen Blick zu, der fragte, ist-sie-immer-so?, ehe er antwortete. „Ich habe herumgefragt, nachdem Draco mir von ihrer Situation berichtet hatte. Und wie es der Zufall wollte hatte sich erst kürzlich ein Experte hier in London nieder gelassen. Ich versichere Ihnen, dieser Mann ist ein Profi. Dafür, dass er sich entschieden hat, hier einen Laden zu eröffnen, ist sein Ruf der allerbeste."

„Ja", erwiderte Hermine trocken. „Ich habe das Zitat gelesen. Ich bin überrascht, dass er für diesen Preis nicht eine diamantbesetzte Kutsche geschickt hat. Diese Kosten sind lächerlich…"

„Stören Sie sich nicht daran, sie zu ignorieren, Borgin", warf Draco ein. Er legte eine Hand auf Hermines Rücken, damit sie schneller ging. Sie hatte lange Beine für ihre Größe, aber die schlechte Angewohnheit, nie in Eile zu sein.

Trödeln, war das Wort, was Draco glaubte, zu suchen.

„Ich werde es versuchen", murmelte Borgin so leise, dass Hermine es nicht hören konnte.

Es war kein langer Weg, aber er war interessant. Sie gingen an verschiedenen kleinen Gassen vorbei, die dem Ausdruck Loch in der Wand eine gänzlich neue Bedeutung gaben. Hagrid würde Probleme haben, in die meisten überhaupt hineinzukommen. Überall waren Stände, auch wenn die Sonne schon untergegangen war. Einige waren weitentwickelte Konstruktionen, an die Hausseiten gebaut, über dem Gehweg. Andere waren leidglich. Andere waren abgenutzte Planen über Streben gespannt, und alles Mögliche hing an Seilen, Haken oder war in Einmachgläser oder Käfige gesteckt.

Hermine bewunderte das Treiben (größtenteils illegal), das hier auf diesen Plätzen stattfand. Arthur Weasleys Ministerium dachte gerne von sich, dass es alles unter Kontrolle hatte, aber es war offensichtlich, dass dieser Handel, der seit Jahrhunderten von Statten ging, nicht über Nacht von einem gutmeinenden Minister abgeschafft werden würde.

Es zeigte, wie naiv Hermine doch war, was die meisten magischen Dinge anging. Es gab vieles, was sie noch nie gesehen hatte, was wohl bedeutete, dass sie (sowie auch Harry) die meisten Dinge wohl als selbstverständlich und wahr hinnahmen, die sie aus ihrer begrenzten Erfahrung kannten. Sie mochte es nicht, von sich selber als unwissend zu denken. So oft sie ihre .R Tage betrauerte, war sie noch weit davon entfernt, das Handtuch zu werfen.

Sie warf Draco einen kurzen Blick zu. Seine Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen um sie herum, ließ sie darauf schließen, dass er bereits bekannt mit diesem Treiben war. Das war wirklich seine Welt, ging ihr auf, auch wenn es auch ihre Welt war. Sie sollte wirklich mehr als Hogwarts davon sehen, überlegte sie.

Draco und Borgin waren ihr voraus. Nicht, weil sie s so wollten, sondern eher weil sie hinterher hinkte, denn jedes Schaufenster und jeder Stand lenkte sie mit etwas Sonderbarem ab.

Eine alte Frau hatte ihren Stand neben einen Süßwarenhändler aufgebaut. Ihr Stand bestand aus einemgroßen Fass, über das ein Leinentuch geworfen worden war. Auf diesem behelfsmäßigen Stand waren verschiedene hübsche, aber billige Schmuckstücke ausgestellt.

Draco unterbrach sein Gespräch mit Borgin, um den Kopf zu Hermine umzudrehen. Mit wenigen Schritten war er bei ihr, und umfing grob ihre Handgelenke, bevor sie die Schmuckstücke hatte berühren können.

„Nicht anfassen", sagte er.

„Warum?"

„Gift. Hast du nie Schneewittchen gelesen?"

Die alte Frau lachte. Und es war wirklich ein böses Lachen, wie das einer Märchenhexe, und Hermine starrte sie praktisch an.

Für ein weiteres unzähliges Mal wünschte sich Hermine, sie hätte eine Kamera dabei.

Sie wollte gerne fragen, weshalb irgendjemand eine vergiftete Kette kaufen wollte, aber ihr wurde klar, dass das eine dumme Frage war.

Draco holte wieder zu Borgin auf, und sie sprachen über Borgins Geschäft, über die Position des magischen Schwarzmarktes und den letzten Diebstahl von Drachenblut aus Ungarn, weswegen dieses jetzt nicht mehr unter dreifachem Wert zu bekommen war. Es war ein Gespräch interessant genug, dass Hermine dicht hinter Draco blieb. Dennoch musste dieser ab und zu den Kopf nach hinten wenden, um sie zu erinnern, nicht zu trödeln.

Es gab einfach viel zu viele Ablenkungen für ihre neugierigen Augen.

Das Haus des Experten war ein kompaktes zweistockwerkehohes Gebäude, mit roten Backsteinen und gelben Fensterläden. Es gab noch ein Dutzend ähnliche Häuser, mit den Hausnummern auf gelben Türen. Alle Häuser lehnten ein Stück weit nach links, so dass man fast das Bedürfnis hatte den Kopf nach rechts zu legen, um es auszugleichen. Hermine tat genau das, als Draco ihr einen knappen Blick zuwarf.

Kurz warteten sie vor Haus Nummer drei, als Borgin auf die Klingel drückte. Draco nahm die Kappe ab, rollte sie zusammen und steckte sie in eine Tasche.

Die Tür öffnete sich beinahe sofort, und ein gut angezogener Mann begrüßte sie.

„Sie!", rief Hermine aus, denn sie erkannte ihn sofort als den Widerling, der sie zuvor für eine Prostituierte gehalten hatte. Ihre Hand griff fester um ihre Tasche, bereit, sie als Waffe zu benutzen.

Er grinste jetzt. Es war ein Grinsen, welches sie von den Weasley Zwillingen her kannte, immer, wenn einer ihrer Streiche funktioniert hatte.

„Entschuldigung, wegen vorhin. Ich habe Mr Borgin aufgetragen, Sie einige Zeit eher kommen zu lassen. Nur dann konnte ich Sie mir ausreichend ansehen", erklärte der Mann.

Borgin murmelte etwas. Ihm schiene s wohl nicht zu gefallen, für den Plan eines anderen ausgenutzt worden zu sein.

„Sie wollten uns ansehen?", widerholte Draco, der noch weniger freundlich aussah als Borgin.

„Ja, es gehört mit zu der Beratung. Ich kann es gerne erklären." Er blieb für einen Moment stehen und ließ sie die Neuigkeiten verdauen. „Mein Name ist übrigens Arne. Und so wie es aussieht, bin ich ihr Fida Mia Experte für den Abend." Er trat von der Tür zurück und vollführte eine dramatische Geste. „Kommen Sie rein."

„Haben Sie auch einen Nachnamen, Arne?", erkundigte sich Draco, als er das Haus betrat. Hermine fragte sich dasselbe, obwohl sie gedacht hatte, dass Draco mit etwas mehr Taktgefühl fragen würde. Er störte ihn wahrscheinlich immer noch, dass Arne sie beobachtet hatte.

Sie befanden sich in einem schmalen, mit Teppich ausgelegten, erleuchteten Flur, von dem einige Treppen nach oben in den zweiten Stock führten. Es roch angenehm nach frisch gebackenen Süßigkeiten. An einer Seite stand eine schmale Garderobe mit einer Melone am Haken und einem ebenso altmodischen, gebogenen Gehstock, der dreimal so alt aussah wie Dumbledore und mindestens genauso viel Charakter besaß.

„Ja, ich habe einen Nachnamen. Aber da ich annehmen kann, dass Ihrer nicht Merrybones ist, dachte ich, wir halten die Dinge formal", erwiderte Arne mit einem weichen Lächeln.

Touché, dachte Hermine.

Von dem engen Flur aus öffnete Arne eine Tür, die zu einer Sitzecke führte. Der Tisch war gedeckt mit einer Teekaraffe, Kuchen und Gebäck, in Voraussicht ihres Besuches. „Werden Sie auch dabei sein?" fragte Arne Borgin, der immer noch in der Haustür stand.

„Nein, wohl eher nicht", erwiderte Borgin. „Wenn das alles wäre, was sie diesen Abend benötigen, dann würde ich mich jetzt zurückziehen." Diese Frage ging an Draco.

Draco nickte und steckte die Hand in eine der vielen Taschen seiner Cargo-Jeans, und zog einen weiteren Beutel mit Münzen hervor. Borgins Bezahlung, nahm Hermine an. Er warf ihm den Beutel zu.

Also wirklich, Malfoy musste mit einem kleinen Vermögen in seinen Hosentaschen herum laufen.

Hermine und Draco nahmen im Salon auf demselben grünen Samt-Sofa an entgegengesetzten Enden Platz. Es war fast so, als beobachtete man zwei Menschen bei einem Heiratstherapeuten, stellte Hermine mit einem mentalen Augenverdrehen fest.

Malfoy machte ebenfalls ein leises amüsiertes Geräusch, und Hermine war wieder einmal perplex, denn er schien wieder ihre Gedanken erraten zu haben. Es könnte auch einfach sein, dass sie in verschiedenen Situationen immer dasselbe dachten.

Was eigentlich fast wie Gedankenlesen war, wenn man darüber nachdachte.

„Tee?", fragte Arne, der unechte Widerling. Er deutete auf die Karaffe. Es war seltsam, denn er sah nicht unbedingt wie jemand, aus, der sich besondere Mühe gab, ein Teegedeck für Kunden zu decken.

Draco schüttelte den Kopf und schenkte Hermine dann den kürzesten aller Blicke.

„Nein, danke. Wir kommen gerade vom Essen."

„Also gut." Arne nahm in einem Lehnstuhl Platz.

Er war ein sehr attraktiver Mann. Hermine schätzte sein Alter auf Mitte Zwanzig. Er hatte sandfarbene Haare, geschnitten und frisiert in eine altmodische Frisur und trug immer noch das feine weiße Hemd und karierte Hosen. Eine seltsame Auswahl, bedachte man das Wetter, aber Hermine war schon aufgefallen, dass er wohl etwas exzentrisch war.

„Wir haben also ein Problem mit einem bindenden Heiratsspruch, nehme ich an? Bemerkenswerter Zauber, Fida Mia." Er sah auffallend selbstgefällig aus, während er sprach. „Ich nehme an, Sie kennen sich mit den Anfängen bereits aus?"

„Ja", schnaubte Draco. „Ein verrückter dänischer Polygamist."

Arne dehnte die Finger während er den Ellbogen auf das kariertgemusterte Knie abstützte. Er sah so aus, als würde er Kindern eine Geschichte erzählen. „Manche halten es für einen sehr eloquenten Zauber. Es gibt nicht viele, die den Stoff der Seele zu binden vermögen, ohne Schaden anzurichten. Zumindest gibt es keine legalen."

Draco verzog das Gesicht. Hermine nahm an, dieser Ausdruck galt der vorangegangen Beschreibung der Seele. Und sie lag nicht völlig falsch.

„Eloquent?", schnaubte Draco. „Es ist ein Fluch. Kein Zauber. Gewöhnliche Heirat ist schon schlimm genug, ohne diese psychische Verbindung zum Partner. Kein Wunder, dass der Zauber hier illegal ist!", fuhr er mit unglaublichem Missfallen fort.

„Kein Romantiker, wie ich sehe?", bemerkte Arne. Er schritt zu einem Sekretär auf der anderen Seite des Raumes und griff sich eine Feder und ein Stück Pergament.

Draco musste annehmen, die Antwort auf diese Frage sie offensichtlich genug, um nicht zu antworten. Ein überheblicher Ausdruck trat in sein Gesicht, und erblickte stur geradeaus.

„Stört es Sie, wenn ich mir ein paar Notizen mache, während wie sprechen?", fragte Arne. Er betrachtete, wie sie sich gegenseitig ansahen, als er sich setzte.

Keine hatte Einwände.

„Seit wann sind Sie zusammen?"

„Sind wir nicht", sagten beide gleichzeitig, aber Hermine konnte nicht verhindern, einen kurzen Stich zu fühlen, bei der Vehemenz, mit der Draco sprach.

Arne hob den Blick von seinen Notizen. „Also eine spontane Sache?"

Draco räusperte sich und setzte sich gerade hin. „Das könnte man so sagen."

Arne schrieb etwas auf das Papier, was gut und gerne fünf lange Sätze waren. Hermine hätte es gerne gesehen.

„Warum müssen Sie das wissen?" Sie konnte sich nicht abhalten zu fragen.

„Aus demselben Grund, weshalb ich meine Klienten vorher gerne beobachtete, ohne dass sie es wissen. Es lässt mich wissen, wie weit der Spruch fortgeschritten ist. Ihre Emotionen beeinflussen den Spruch mehr, als Sie denken. Egal welches Gegenmittel ich herstelle, es muss perfekt passen. Eine Überdosis würde nicht helfen. Sie könnte nur gefährlich werden. Es ist nützlich zu wissen, in wie weit der Spruch vorangeschritten ist, und in wie weit es bloß…" Er zögerte, dann zuckte er die Achseln. „Sie selbst sind."

Draco sah nicht so aus, als wäre er besonders begeistert darüber, dass Arne wissen wollte, in weit der Spruch sie schon beeinflusst hatte.

Arnes nächste Frage ließ Hermine mehrfach blinzeln. „Können Sie mir erklären, wie es war?"

„Wirklich?", wollte Hermine wissen. „Sie müssen das wirklich wissen?" Sie hatte nicht erwartet, ihre wachsenden Gefühle für Malfoy einem Fremden zu offenbaren, schon gar nicht, wenn Malfoy neben ihr saß.

„Er meint den Spruch, Merlin noch mal", murmelte Draco.

„Oh", erwiderte sie, während Röte in ihre Wangen stieg. „Ähm, wir waren etwas betrunken nach einer Feier, vor zwei Wochen und waren schließlich in einem Pub und haben uns tätowieren lassen. Das Resultat ist anscheinend der Fida Mia, das wurde uns gesagt."

Arne pustete die Spitze der Feder an. „Wo?"

„Wo?", wiederholte sie. Oh meine Güte. „Na ja, er hat ein paar schwarze Flügel auf dem Rücken, und ich habe einen silbernen Drachen auf meiner Hüfte und… äh… auf meinem Unterschenkel."

Da. Das ging doch ganz gut.

„Ich meinte, wo ist es passiert. Den Ort."

Hermine wurde wieder rot. Sie warf Draco einen hitzigen Blick zu. „Willst du bloß dasitzen oder auch etwas dazu beitragen?"

Er trug dazu bei, ohne sie anzusehen. „Das Snake und Stone. Ich denke, es ist ungefähr drei Straßen von dem Gasthaus entfernt, in dem wir zurzeit sind. Ungefähr zwei Blocks von der Hauptkreuzung der Winkelgasse entfernt.

„Ich kenne den Ort", bestätigte Arne nickend. „Können Sie mir die Prozedur beschreiben, soweit Sie sich erinnern?" Seine Augenbrauen hoben sich fragend.

Draco zuckte die Achseln und sah wieder Hermine an. Seine alkoholvernebelte Erinnerung würde ihnen überhaupt keine Hilfe sein.

Hermine nahm einen tiefen Atemzug und fing an. „Wir saßen an einem Tisch am Fenster und haben die vierte oder fünfte Runde Drinks bestellt. Ehrlich gesagt, ging es mir nicht wirklich gut, und Mr Merrybons hier hatte mir angeboten, mich auf meinem Spaziergang zu begleiten, denn er meinte, es sei nicht sicher draußen."

„Das habe gesagt?", wollte Draco gleichmütig wissen.

„Hast du", erwiderte Hermine. Sie wartete noch, dass er etwas sagte, und fuhr fort, als er nicht weiter sprach. „Wir haben ein Schild gesehen, dass einen Tätowierer im zweiten Stock beworben hat, und er hat entschieden, dass es spannend wäre, ihn uns anzusehen. Aber das war bevor er sich dazu entschieden hatte, eine Flasche Odgens an der Theke zu kaufen."

Es entstand ein kurzer Moment der Stille, als Hermine etwas besorgt aussah.

„Fahren Sie bitte fort", bat Arne schließlich.

„Also", begann sie. „Dann gab es eine kleine Auseinandersetzung zwischen Mr Merrybones und einem weiteren Gast, weil dieser etwas Beleidigendes geäußert hatte. Ich glaube jedenfalls, dass es darum ging. Ich stand zu weit weg." Ihr Tonfall ließ annehmen, der Grund für die Auseinandersetzung war noch bei weitem trivialer.

Dass der Gast Draco zum Beispiel bloß falsch angesehen haben musste.

„Nachdem Dra- ich meine Mr Merrybones dem Mann die Nase gebrochen hatte-"

„Das habe ich nicht getan!"

Sie sah ihn an. „Ich dachte, du könntest dich nicht erinnern?"

„Kann ich auch nicht! Das heißt aber noch lange nicht, dass ich hier ruhig neben dir sitze, während du mich beschuldigst, ich hätte irgendwem die Nase gebrochen", beharrte er.

Wenn es um Argumente ging, waren seine schwächer als Haferschleim.

Hermine fuhr also fort. „Jedenfalls sind wir danach hoch gegangen. Ich denke, es war kurz vor Mitternacht." Hermine wandte sich an Draco für Bestätigung, aber erntete bloß einen kalten Blick.

„Frag mich nicht! Ich weiß nichts davon, schon vergessen?"

„Ja, das sagst du", schnappte sie, und atmete resignierend aus. „Wir sind also in das Tattoo Studio gegangen. Und eine alte Frau war da…"

„Warte, also an das kann ich mich erinnern!", warf Draco ein und lehnte sich vor. „Das alte Weib hatte eine Reihe an Zähne, die einen Troll auf zehn Meter Entfernung verscheucht hätten"

Hermine runzelte die Stirn bei diesem Gedanken. „Ja, es war ziemlich schlimm, nicht wahr?"

„Und sie roch nach Mottenkugeln. Oder nach Einbalsamierung. Ich meine, sie war wirklich alt."

„Sie war bestimmt mindestens 120 Jahre alt", erwiderte Hermine.

„Mindestens", bestätigte Draco.

Ein dumpfes Geräusch kam von oben. Als hätte jemand den Fuß gegen die Wand getreten.

Draco blickte hoch zur fleckigen Decke. „Ist jemand anders hier?"

Arne antwortete sofort. „Meine Katze. Sie ist ziemlich alt. Muss wahrscheinlich raus."

„Das arme Ding. Sie ist bestimmt verstört."

„Ja, sehr. Aber ich mag sie trotzdem."

Draco fand Arnes Charme mehr als irritierend. Genauso seltsam wie Hermines Antwort, bedachte man, dass sie dem Mann vorhin noch ihre Tasche gegen den Kopf schlagen wollte.

„Sind wir fertig mit den Fragen?", unterbrach Draco angespannt.

Arne legte das Pergament beiseite. „Beinahe. Was ich jetzt gerne machen würde, ist, einen Blick auf Ihre Tattoos zu werfen."

War es seine Fantasie oder sah der Mann Hermine gerade sehr gespannt an?

Dracos Augen verengte sich einen Spalt. „Wie wäre es, wenn Sie sich meins ansehen, und sich ihres vorstellen, was Sie wahrscheinlich sehr gut können?" Seine Stimme war täuschend ruhig.

„Draco!", rief Hermine aus und vergaß, ihn Mr Merrybons zu nennen.

„Ich würde mir Ihres sehr gerne ansehen", erwiderte Arne, ohne von Draco eingeschüchtert zu sein.

Hermine seufzte. „Ist es nützlich, sie anzusehen?"

Arne nickte. „Es ist nicht absolut notwendig, aber es hilft, sich ein Bild über die physische Fortschreitung des Zaubers zu verschaffen. Ich nehme an, Sie haben Perioden der…", er schien nach einem Wort zu suchen, „Gemeinsamkeit erfahren?"

Draco hatte noch nicht aufgehört von diesem Mann irritiert zu sein, aber die Frage lenkte ihn tatsächlich ab. „Ja", hauchte er. „Es ist…"

Hermine nahm ihm die Worte ab. „Es ist, als würde ich in seiner Haut leben, für einen Moment. Ich fühle, was er fühlt. Ich denke, es passiert, wenn wir etwas besonders stark fühlen. Dann habe ich Einblicke in sein Innerstes. Bruchstücke seiner Persönlichkeit. Es ist… beängstigend."

Arne schenkte ihr ein bewunderndes Nicken. „Die meisten Leute beschreiben es, wie ein grauenhaftes Kribbeln und nichts weiter."

„Oh, da ist auch Kribbeln", fügte Draco trocken hinzu. „Viel Kribbeln."

„Gut, dann wollen wir mal sehen", beschloss Arne, bereits auf den Beinen.

Draco wirkte nur ein wenig beunruhigt, aber er zog das Hemd ohne weiteres aus, den Rücken ihr zugewandt. Ihre Hand hob sich erschrocken zu ihrem Mund, als die dunklen Schwingen sich offenbarten.

Sie hatte Probleme damit, zu glauben, dass sie tatsächlich dasselbe Tattoo sah, was Draco so bereitwillig im Badezimmer der Vertrauensschüler gezeigt hatte. Es sah nicht mehr statisch aus. Nein, es bewegte sich, wie dunkle Wellen auf einem See. Seine glatte, samtene Haut bildete einen perfekten Untergrund. Die Federn waren so dunkel wie vorher, aber im dunklen Schwarz mischten sich weitere Farben, wie Öl auf dunklem Wasser.

Die Flügel wirkten unruhig, schienen Dracos Stimmung aufzunehmen. Sie sahen jetzt gerade etwas kraus aus. Das Verlangen, die Hand auszustrecken und über sie zu streichen war fast überwältigend. Hermine hielt ihre Hände fest zusammen, bis ihre Knöchel weiß wurden.

Draco wandte den Kopf in ihre Richtung. „Ich habe dir gesagt, sie haben sich verändert."

Es erinnerte Hermine an ihr Gespräch im Verbotenen Wald, bevor das Dunkle am Himmel erschienen war.

„Wo ist dein schulisches Interesse, Granger?"

Ja, wo war es? Es war wohl dort, wo auch ihr nüchterner Verstand hin verschwunden war.

Arne war damit beschäftigt, selber das Tattoo zu erkunden. Er wirkte aufgeregt. Ein besseres Wort fiel ihr nicht ein. Er schritt um Draco herum, mit etwas, das aussah wie ein Zirkel, und rief Wörter aus wie „Wunderschön", „Bemerkenswert" oder „Exzellente Arbeit".

Hermine schauderte und stimmte mit all diesen Beschreibungen überein. Das Tattoo von Mr Merrybones ließ ihres wie einen Knutschfleck aussehen.

„Wieso hat er ein paar Flügel? Und ich einen Drachen?", fragte sie.

„Haben Sie es noch nicht erraten?", erwiderte Arne. „Ihr Zeichen ist auf Ihrem Ehemann. Seins ist auf Ihnen. So sehen Sie sich gegenseitig."

Hermine hatte noch nicht einmal ansatzweise begriffen, was Arne ihr gerade erzählt hatte, aber sie erkannte eine Gelegenheit, Malfoy eins auszuwischen. „Wenn mein Tattoo zeigt, wie ich ihn sehe, warum habe ich dann nicht einen kleinen, widerlichen Gnom auf meinem Schenkel?"

Malfoy schenkte ihr einen sehr trockenen Blick. „Ha ha."

„Das Symbol auf Ihrer Haut ist etwas sehr Persönliches. Es könnte auch unbewusst das sein, was Sie von ihrem Partner denken. Es gibt viele Sorten Drachen, wie Sie wissen. Sie könnten diesen speziellen auch nachschlagen", schlug Arne vor.

„Vielen Dank, Arne. Das Geheimnis ist gelöst", erklärte Draco. Er wandte sich um, um Hermine anzusehen. „Ich habe ein paar hässliche Flügel einer Harpyie auf meinem Rücken, denn so sehe ich dich."

Hermine zeigte Malfoy den Mittelfinger, als Arne nicht hinsah.

„Könnten Sie die Schultern rollen?"

Draco tat wie ihm geheißen, und im Einklang seiner Muskeln bewegten sich die Flügel. Arne bemerkte den sichtbaren Fleck der Verletzung auf Dracos linker Schulter.

„Sieht böse aus. Was ist da passiert?"

„Quidditch Verletzung."

„Ah, Quidditch. Auch in Dänemark sehr beliebt. Auch wenn die Dänen nicht so verrückt danach sind, wie die Engländer."

Draco zuckte die Achseln. Es stimmte.

Die Flügel zuckten mit einer Sekunde Verzögerung. Beide, Hermine und Arne, betrachteten es.

„Unser Ministerium hat im Moment große Menschenaufläufe nicht so gern. Ich bin sicher, Sie wissen, wovon ich spreche." Arnes Stimme klang nicht mehr heiter.

„Todesser?", fragte Draco ruhig.

„Nicht wirklich. Es sind wohl eher Menschen, die die Ideen von Du-weißt-schon-wem unterstützen. Ich glaube nicht, dass Ihr Voldemort die Augen auf unsere kleine Gemeinde geworfen hat. Das ist eine gute Sache."

„Eine sehr gute Sache. Ich kann nicht glauben, dass sein Einfluss so weit verbreitet ist." Hermine war wütend, dass Arnes Geburtsland durch Voldemorts Ansichten ähnlich verschmutzt war.

„Sie werden feststellen, Miss, dass jeder von uns etwas von einem Bösewicht in sich hat. Es ist der Schwächere, der jedoch vom Wege abkommt. Der böse Impuls jedoch, muss vielleicht erst gesetzt werden."

„Das ist es, was Sie denken, das Voldemort ist? Ein böser Keim?"

„Er ist eine Idee. Eine schlechte noch dazu. Es sind keine guten Tage. Viele in meiner Gemeinde erwarten den Krieg. So oder so. Vielleicht in einem Jahr, vielleicht in zehn. Also mache ich mein Geld, und gebe es aus, wie ich möchte", erklärte er mit einem Lächeln. „Bleibt nur zu hoffen, dass es mehr Stärkere als Schwächere gibt. Weinigere, die sich abbringen lassen."

Draco warf ihm einen seltsamen Blick zu, als dienten die Worte des Mannes zum Misstrauen, als Vertrauen zu schaffen. „Wie kommt es, dass Sie so viel über Fida Mia wissen? Sie sind eine Minute älter als wir."

Arne berührte leicht Dracos Haut und schien zufrieden zu sein, als die Federn wie in einer Antwort auf die Berührung zusammen zuckten, ähnliche wie die Blätter einer Mimose. „Es ist ein Nebenverdienst. Mein Partner und ich leiten ein magisches Ratgeber-Unternehmen in Kopenhagen. Ein Familienbetrieb. Fida Mia hat dänische Wurzeln, und ich nehme mir lediglich die Zeit… es zu studieren."

„Wie wird der Spruch üblicherweise rückgängig gemacht?", wollte Hermine wissen.

„In den meisten Fällen konstruiere ich einen Zauber, der den Platz des Betroffenen einnimmt. Sofern der Betroffene eine menschliche Seele ist. Die Magie, die während des Stechens in die Seele verwoben wurde, wird an den neuen Zauber gebunden, und der Spruch wird gelöst, so auch das Tattoo. Es ist keine einfache Magie. Und es ist auch nicht ausschließlich gute Magie, denn zur Entstehung war Blut notwendig. Somit ist Blut auch notwendig für die Heilung."

„Ich verstehe", erwiderte Hermine, die Augen groß nach dieser Information.

„Sie können Ihr Hemd wieder anziehen", sagte Arne zu Draco, und Hermine spürte fast so etwas wie Enttäuschung, dass diese schönen Flügel wieder verdeckt werden mussten.

„Was ist die Entscheidung?", wollte Draco wissen, nachdem er das Hemd straff gezogen hatte.

Arnes Antwort kam zögerlich. „Kann ich kurz unter vier Augen mit Ihnen sprechen?" Er schenkte Hermine einen entschuldigenden Blick. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen."

Hermine war sofort besorgt, aber sie nickte. „Sicher. Er bezahlt schließlich hierfür."