Chapter Thirty-Six
Snape hatte seinem Patensohn beinahe seinen verdammten Kopf von den Schultern geflucht. Für einen wilden, panischen Moment hatte er nämlich geglaubt, es wäre Lucius, der gelassen auf ihn zu käme. Sie hatten denselben Gang. Auch das Haar hatte dieselbe silberne Farbe im Morgenlicht. Aber Draco musste noch den entsprechenden Umfang seines Vaters erreichen, und er schien leichtfüßiger zu sein.
Außerdem kam hinzu, dass Lucius sich wohl eher umgebracht hätte, als in einem T-Shirt und alten Turnschuhen nach draußen zu gehen.
„Zurück, wie ich sehe", sagte Snape. Er griff in seinen Umhang und zog eine silberne Taschenuhr hervor. „Sie sind gute fünf Stunden zu spät, Mr Malfoy. Die Erlaubnis, auszugehen, endete gestern um elf Uhr nachts. Ich nehme an, Sie haben nicht vergessen, wie eine Uhr zu lesen ist?" Snapes gewöhnliche Tonlage konnte jedoch nicht vollständig die Panik verbergen, die jeder der vier Hauslehrer zurzeit an den Tag legte.
Es waren drei Erlaubnis-Scheine verteilt worden, und nur Blaise Zabini schien es geschafft zu haben, rechtzeitig vor der Einlasssperre wieder im Schloss zu sein. McGonagall würde bei Malfoy lediglich die Augen verdrehen, aber bei Hermine jedoch war es untypisch, dass sie die Regeln nicht einhielt.
Draco hatte noch nie viel von höflichen Wortwechseln gehalten, egal wie unerschütterlich seine Mutter versucht hatte, Manieren in ihn hineinzubekommen. „Ich komme gerade von einer zweiten Dunklen Mal Besichtigung aus der Nokturngasse", informierte er Snape knapp.
Snape sah alarmiert aus, aber nicht allzu schockiert. Er klappte seine Taschenuhr mit einem scharfen Geräusch zu und steckte sie zurück in seinen Umhang. „Wir wurden eben erst informiert. Professor Lupin übernimmt nach meiner Schicht. Ich würde gerne noch mit Ihnen und Miss Granger sprechen, bevor sie schlafen gehen."
Keine verbale Auspeitschung. Keine bösen Blicke oder Andeutung, dass er Strafarbeiten schreiben müsste, bis er fünfundzwanzig war. Einfach gar nichts. Außerdem bemerkte Draco den milden Ton, den Snapes Stimme angenommen hatte nicht.
Das lag aber wohl größtenteils am Schock.
Dracos Mund schien ihm bis auf die Brust gefallen zu sein, als Snape Hermines Namen beinahe gelangweilt erwähnt hatte. „Sie wissen über uns Bescheid."
„Ja, das tue ich", gab Snape entnervt zurück. „Es hatte einiges an Überredungskunst gebraucht, um Minerva McGonagall davon abzubringen, Miss Grangers Eltern einen Brief zu schicken, da sie ja ebenfalls passenderweise zu spät kommt. Wo ist das Mädchen überhaupt? Sie haben Sie doch wieder mitgebracht, oder?"
Schon allein durch die Frage fühlte sich Draco beleidigt. „Natürlich habe ich sie mitgebracht. Sie ist in den Büschen", erwiderte er, als wäre dies ein sehr gewöhnlicher Ort, wo Hermine sich aufhalten würde, zu dieser Tageszeit.
Mit Geringschätzung begutachtete Snape die Hecke aus Farn. „Miss Granger", rief Snape.
Hermine verließ ihr Versteck und wirkte scheu und angespannt. „Guten Morgen, Professor."
„Nein, das ist er nicht", schnappte er. „Sie beide werden in meinen Räumen auf mich warten. Sofort."
„Das ist das erste Mal, dass ich hier drin bin", erklärte Hermine Draco. Sie stand vor einem enormen Bücherregal. Die Titel waren außergewöhnlich genug, dass ihre Fingerspitzen kribbelten.
„Das will ich verdammt noch mal hoffen, denn es sind auch Snapes private Räume", murmelte Draco.
Hermine wandte den Blick über ihre Schulter in seine Richtung. Es saß auf einem Lehnstuhl neben dem Kamin, ein Bein über das andere überschlagen, während seine Finger auf dem Leder der Lehne trommelten. Hermine konnte es sich sehr leicht vorstellen, dass er schon hunderte Male auf diesem Stuhl in genau dieser Haltung gesessen hatte, während Snape ihm Moralpredigten gehalten hatte. Dracos Augen hatten einen und-was-willst-du-mir-jetzt-sagen-Blick aufgelegt. Es war seltsam im Slytherin Haus zu sein. Vor allem schien das hier das Herzstück zu sein.
Die Schülervertretung war zwar überall erlaubt, aber für gewöhnlich beschäftigte sie sich nicht mit Slytherins. Das war selbstverständlich Blaises Aufgabe.
Harry war in Snapes privaten Räumen Okklumentik-Unterricht gehabt, hatte aber nie ins Detail von den Unterkünften erzählt. Er hatte sich eher über den Unterricht an sich beschwert. Snapes Wohnecke war spärlich aber dafür nett eingerichtet. Es sah aus, als bestünden seine Unterkünfte aus drei Zimmern. Der Haupteingang durch den Korridor der Slytherins führte in einen Sitzbereich mit Snapes Büro. Die beiden weiteren Zimmer, die vom mittleren Zimmer in zwei breiten Flügeltüren in entgegengesetzte Richtungen abgingen führten wohl in Snapes Schlafzimmer und sein privates Versuchslabor. Es war sehr männlich, entschied Hermine, und sehr schulisch. Aber das hatte sie erwartet.
Zwei Mahagonibücherschränke waren in die Wand eingelassen. Überladen und ächzend, so kam es ihr vor. Die anderen Möbel waren auch aus Mahagoni, abgesehen von einem schönen klauenfüßigen Schreibtisch aus Palisander, der relativ aufgeräumt war. Es passte nicht wirklich zum Rest der Möbel, aber die Platzierung und gute Kondition, in dem sich der Schreibtisch befand, machte das Zimmer persönlicher.
Sie nahm Platz in einem grünen Damaststuhl gegenüber von Draco und gähnte. Sie vergaß, wie wenig Schlaf sie diese Woche bekommen hatten. „Wieso um alles in der Welt weiß Snape von unserem Fida Mia Problem?"
Draco zuckte die Achseln, aber diese Sache schien ihn auch zu beschäftigen. „Wie weiß er sonst von Dingen? Er weiß es eben. Aber ich werde es rausfinden."
Hermine bemerkte, dass er erschöpft war. Er stützte seine Stirn auf seiner Hand ab. Natürlich war er sowieso schon sehr weiß, aber im Moment wirkte seine Haut eher gräulich. Sie hatte mittlerweile alles von seiner Haut gesehen, also war sie in der Lage den Unterschied zu erkennen.
„Malfoy, geht es dir gut?"
Er rieb sich über sein Nasenbein. „Bin etwas fertig", gestand er ein, schaffte es aber einen lasziven Ausdruck auf seine Züge zu zaubern, als er sie ansah. „Ich bin völlig ausgelaugt."
Hermine störte sein lasziver Blick, bedachte man die ernsten Umstände. Nur Malfoy konnte gelassen bleiben, während Auroren gekidnappt wurden, Dunkle Male am Himmel standen und wusste Merlin, was noch alles passieren würde.
„Oh, hör auf damit. Dein Patenonkel wird jede Sekunde durch diese Tür kommen."
„Ah ja, dein Blick war unbezahlbar." Erklang nachdenklich. „Ich dachte, die halbe Schule wüsste es mittlerweile."
„Es gibt vieles, was ich nicht von dir weiß, wenn du deine Kleidung anhast", erwiderte sie schüchtern.
Er lachte, lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete sie mit einem freundlicheren Gesichtsausdruck. Es könnte daran liegen, dass er gerade zu müde war um seine gewöhnliche Fassade aufrecht zu halten, aber er betrachtete sie mit ehrlicher Wärme. „Irgendwann wir dich deine Schlagfertigkeit noch-"
Schritte näherten sich, und Hermine blickte zur Tür. „Jemand kommt."
„-um deinen frechen Kragen bringen", endete er und wackelte mit den Augenbrauen.
Die Tür öffnete sich vollkommen lautlos. Und das war nahezu unmöglich wenn es zu den Türen in Hogwarts kam. Snape betrat das Zimmer und sah nicht zu ihnen auf. „Setzen Sie sich."
Sie saßen bereits. „Sollen wir uns noch einmal setzen?", warf Draco ein.
„Ihr Amüsement ist unpassend, Mr Malfoy."
„Verzeihung."
„Professor, gibt es schon Neuigkeiten wegen Nymphadora Tonks und dem anderen Auror? Gibt es Theorien, was passiert ist?", fragte Hermine und fühlte sich schuldig, dass sie nicht schon eher gefragt hatte.
„Wenn es solche Informationen gebe, dann wären Sie wohl kaum berechtigt, sie zu erfahren, Miss Granger", war die kühle Antwort.
Hermine blinzelte überrascht. Was für ein Unsinn! Sie war genauso ein Mitglied des Ordens wie er.
Ah, aber Draco war es nicht. Snape hatte daran gedacht, obwohl sie es vergessen hatte. Hermine bemerkte plötzlich, dass sie doch noch einige Geheimnisse vor Draco hatte (der gerade dabei war, sie seltsam anzusehen). Sie rieb sich über die Nase und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Snape zu.
„Es sieht nicht gut aus, oder?", fragte Draco seinen Hauslehrer. Dann fiel Hermine ein, dass sie ja über seine Cousine sprachen. Das unwohle Gefühl verstärkte sich wieder.
Snape war merklich höflicher, als er seinem Patensohn antwortete. „Der Schulleiter lässt seine besondere Aufmerksamkeit der Situation zukommen, dass zwei Auroren auf seinem Gelände verschwunden sind. Er übernimmt die Nachforschung zusammen mit Alastor Moody.
„Dumbledore weiß nichts von uns, oder?", fragte Hermine. Dass Dumbledore es wüsste wäre genauso schlimm, als wenn Harry und Ron es wüssten.
„Nein, weiß er nicht", gab Snape zurück. Er wandte sich wieder Draco zu. „Ihr Vater hat zu mir Kontakt aufgenommen, als Sie und Miss Granger Malfoy Manor verlassen haben", erläuterte er.
Draco war überrascht. „Sie sprechen mit ihm über Floh? Ich wusste nicht, dass ihm dieser Luxus zusteht."
„Ein Luxus für ihn. Nicht unbedingt für mich", entgegnete Snape. Hermine dachte, sie höre Belustigung in seiner Stimme, aber wahrscheinlich war das nur ihre Einbildung.
„Wer weiß es noch?", wollte Draco stirnrunzelnd wissen. Das wäre auch Hermines nächste Frage gewesen.
Snape antwortete ohne zu zögern. „Professor Lupin. Wie Sie wissen, sind seine Sinne wesentlich feiner als die eines gewöhnlichen Menschen. Er war in der Lage den Fortschritt des Zaubers an ihnen beiden zu spüren, letzten Mittwoch im Unterricht."
Der Gedanke, dass Lupin den Zauber sie tatsächlich buchstäblich hatte riechen können, war beunruhigend. „Könnte es sonst noch jemand auf diese Weise rausfinden?"
„Das bezweifle ich, Miss Granger."
„Es war ein dummer Fehler, Sir", sagte Hermine. „Glauben Sie mir. Unter gewöhnlichen Umständen-"
Snapes Hand schoss abwehrend in die Höhe. „Ich wünsche keine Erklärungen oder Rechtfertigungen. Das ist nicht der Grund, weshalb ich mit Ihnen sprechen wollte. Die dokumentierten Fehlstunden und andauernden Verstöße lassen mich annehmen, Sie halten sich beide für alt genug, um sich umbringen zu lassen. Bei Merlin, dumm genug sind Sie beide. Meine einzige Sorge ist, dass Sie sich bei den Verstößen auf die Schulzeiten beschränken, aber dieses Mal waren sie in London und ein Mord ist geschehen."
Draco fluchte. Snape ignorierte es. „Das Dunkle Mal in der Nokturngasse. Es ist also wirklich jemand umgebracht worden?"
„Ja, Mr Malfoy", erwiderte Snape, mit plötzlicher Geduld. „Es sei denn, Sie wüssten ein anderes Wort dafür?"
„Wer war es?"
„Die Identität des Opfers ist noch nicht bekannt. War Ihr Treffen mit dem Fida Mia Experten erfolgreich?" Der Themenwechsel kam schnell, wenn auch nicht gerade sanft.
Snape brauchte auf keine Antwort warten, denn Dracos säuerlicher Ausdruck und Hermines errötende Wangen waren wohl Antwort genug.
„Ich verstehe, das ist wirklich unglücklich." Snape seufzte, faltete die Arme vor der Brust und seufzte erneut. „Es gibt… es gibt noch etwas, dass ich Ihnen sagen muss."
Sie warteten.
Draco war sprachlos. Er hatte seinen Patenonkel noch nie um Worte verlegen gesehen. Aus den Auenwinkeln warf er Hermine einen Blick zu, nur um zu sehen, dass sie Snape auch anstarrte, als hätte er soeben verkündet, seine Lieblingsfarbe sei Pink.
„Draco", begann Snape, „es geht um Ihre Mutter."
Etwas Kaltes und Schweres formte sich in Dracos Innern und schien in seine Magengrube zu fallen. „Was ist mit ihr?"
„Es stand auf der Titelseite des Tagespropheten, aber ich nehme an, Sie hatten noch nicht die Zeit, zu lesen? Nein. Nein, natürlich hatten Sie die Zeit nicht. Es tut mir leid, dass ich derjenige bin, der es Ihnen sagen muss, Draco. Es tut mir mehr als leid."
„Mir was sagen müssen?", wollte Draco wissen.
„Ihre Mutter ist tot." Diese Ankündigung sagte er in einem sehr sachlichen Tonfall. „Sie starb vor etwa drei Monaten. Zuerst sei Suizid als Todesursache festgestellt worden, aber seitdem gab es jetzt längere Nachforschungen. Die Details werden streng geheim gehalten."
Streng geheim gehalten war noch eine Untertreibung. Hermines Hand hatte sich schockiert über ihren Mund gelegt. Der Schock war enorm, aber die plötzlich Enge in ihrer Brust war es, die ihr die Luft zum Atmen raubte. Sie hatte etwas Ähnliches gespürt, als Draco von dem Klatscher in die Ohnmacht befördert worden war. Allerdings hatte sie daneben noch eine kalte Leere gespürt. Ein Anzeichen, dass ihm etwas Unvorhergesehenes passiert sein musste. Jetzt spürte sie eine Welle an dunklen Gefühlen, die von ihm ausgingen. Sie konnte die Wut nicht vom Schmerz oder Schock unterscheiden.
Für einen Moment spürte sie, wie ihr Sichtfeld schwarz verschwamm. Es war beinahe schmerzhaft.
Er sprach nicht, bewegte sich nicht. Er starrte hinab auf den Teppich vor dem Kamin. Sie wollte zu ihm gehen, seine Hand halten, aber sie fühlte sich von all den Gefühlen in ihren Stuhl gezwungen.
Snape runzelte die Stirn. „Draco, haben Sie gehört, was ich gesagt habe?"
„Ja. Was hätten Sie gerne, was ich antworte? Sie ist ohne jeden Abschied verschwunden, und jetzt ist sie für immer fort. Ich sehe keinen Unterschied."
„Es gibt einen Unterschied!"
„Wie ist sie gestorben?", flüsterte Hermine.
Snape richtete den schwarzen, intensiven Blick auf sie. „An einer Überdosis Opium, jedoch-"
„Haben Sie es meinem Vater gesagt?", unterbrach ihn Draco.
Snape sah tatsächlich schmerzerfüllt aus, als er antwortete. „Draco, Ihr Vater weiß es. Er weiß es seit Monaten, war aber nicht in der Lage es Ihnen zu sagen."
Hermine war mehr als angewidert. „Lucius Malfoy hat also eine neue Tiefe erreicht."
Draco sah auf. So etwas wie Hoffnung flackerte über sein Gesicht. „Aber das Geld wurde jeden Monat auf mein Gringotts-Konto gezahlt… das sollte von Mu- Narzissa gekommen sein. Wie soll es sonst möglich sein?"
Snape zögerte einen Moment. „Das Geld war das meine. Ich muss Ihnen leider sagen, ich wusste es auch. Wir… haben geplant auf den rechten Moment zu warten, ehe wir es Ihnen zu sagen."
„Der rechte Zeitpunkt ist also dann gekommen, wenn der Tagesprophet die Story auf die Titelseite druckt?", erwiderte Hermine schroff. Es war fast, als spräche sie für Draco. Bei Merlin, sie fühlte seine Wut sehr deutlich. Es ließ sie alle anderen Emotionen vergessen. „Sie erzählen es ihm also lieber jetzt in der letzten Sekunde, ehe er es auf dem schlimmsten aller möglichen Wege selber herausfindet?"
Draco war auf die Füße gesprungen, etwas wackelig. „Sie haben es geplant?", spuckte er. „Sie und Lucius meinen Sie? Sie haben es gewusst! Sie haben es beide gewusst und sich nicht die Mühe gemacht es mir zu sagen!" Seine Stimme zitterte. „Ich habe über drei Monate Briefe an diese Frau geschrieben und angenommen, sie würde einfach ablehnen mir zurückzuschreiben."
„Ich übernehme die volle Verantwortung", war alles, was Snape wohl sagen wollte oder konnte, wenn die Anklage jetzt zu seinen Füßen lag. „Es war ein Fehler von mir, es Ihnen nicht eher gesagt zu haben. Es ist wichtig, dass Sie mir aber jetzt genau zuhören. Sie sind in Gefahr. Sie beide. Sie müssen über alle Maßen vorsichtig sein. Die Nachforschungen haben ergeben, dass Ihre Mutter nicht, wie angenommen, Selbstmord begangen hat. Sie ist umgebracht worden, Draco. Im Moment ist anzunehmen, dass die Todesser mit der Familie Malfoy ein Exempel statuieren wollen. Und lag Ihr Wohl am Herzen, es nicht zu sagen."
„Umgebracht?" Dracos Stimme war schrecklich rau, seine Augen zu Schlitzen verengt. „Meine Mutter wurde umgebracht?" Der schockierte Ausdruck verwandelte sich in reinen Schmerz, und dann war nichts mehr in seinem Gesicht zu lesen.
Draco schüttelte schließlich den Kopf und schluckte hörbar. „Es… tut mir leid, Professor", begann Draco, die Stimme kalt wie Eis. „Aber leider fällt es mir schwer zu glauben, dass dieser Schule, dem Ministerium oder meinem Vater jemals mein Wohl am Herzen gelegen hat. Ich werde Antworten verlangen, jedoch nicht von Ihnen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich gehe zu Bett."
Er machte einen Schritt zur Tür, hielt inne und streckte seine Hand nach Hermine aus. Der Blick aus seinen Augen, war das offene Flehen, ihm zu helfen, bevor er zitternd auf die Knie sank. Hermine war innerhalb keiner Sekunde bei ihm.
Tiefe Falten gruben sich in Snapes Stirn. „Miss Granger, ich glaube, Sie brauchen meine Hilfe."
All die Ungerechtigkeit wollte Hermine vor Zorn um sich schlagen lassen. All die bösen, unfreundlichen Dinge, die sie all die Jahre über Snape gedachte hatte legte sie in diesen einen kalten Blick, den sie ihm zuteilwerden ließ. Sie legte ihren Arm um Dracos Hüfte und zusammen verließen sie das Büro.
„Vielen Dank, Professor. Aber ich schaffe es von hier."
Und beinahe knallte sie ihm die Tür buchstäblich ins Gesicht.
Snape stand vor der Tür, starrte sie einige Minuten lang an. Solange bis er die Schritte des jungen Paares nicht mehr hören konnte. Abwesend sah er hinab auf seine Hand und seufzte, als er sah, dass sie zitterte.
Er ballte sie zur Faust und das Zittern hörte auf.
Letztlich war nicht besser als Lucius. Es hatte so viele Gelegenheiten gegeben. Er hatte so viele Chancen gehabt, den Jungen in sein Büro zu holen und es ihm zu sagen, aber er hatte es nicht getan.
Von all seinen Verpflichtungen und Verantwortungen gab es nur eine, die ihn wirklich ehrlich erfreute.
Und die war Draco.
Es war beides, Vergnügen und Schmerz, zusehen, wie der Junge langsam zum Mann wurde. Snape war ein schlechtes Beispiel eines Patenonkels. Er war ein alter, bitterer, kalter ehemaliger Todesser, der ein Spion gewesen war und jetzt eine Liste an Feinden hatte, so lang wie sein rechter Arm. Aber auch Lucius war nicht unbedingt der beste Vater. Wirklich schade, dass sich Kinder nicht die Familien aussuchen konnten, in die sie hineingeboren wurden.
Man musste es einfach erdulden.
So sehr er sich um den Jungen auch sorgte, als die Zeit gekommen war, es zu bewiesen, hatte Snape glorreich versagt. Schon zweimal hatte er Draco enttäuscht. Zum einen als das Ministerium dem Jungen die furchtbare Aufgabe auferlegt hatte, zu spionieren und zum anderen, als er die Chance hatte, ihm zu sagen, dass seine Mutter gestorben war und er es nicht getan hatte. Es war die alte Zuneigung gegenüber Lucius gewesen, die ihn zurückgehalten hatte.
Er hatte gewollt, dass das Mädchen da war, um Draco zu fangen. Und Granger hatte genau das getan. Mit einer Kälte, der er für gewöhnlich applaudiert hätte, wären die Umstände nicht so tragisch.
Snape erinnerte sich, was Draco in Dumbledores Büro gesagt hatte, als das erste Mal am Himmel erschienen war. Der Junge hatte recht. Das Ministerium belohnte ihre Helden nicht. Es benutzte sie nur. Es war eine Welt, der vollkommen egal war, dass sie die Last der Freiheit auf die Schultern eines elfjährigen Jungen legte. So hatte Harry Potter die magische Welt kennen gelernt. Und Dumbledore war daran genauso schuld wie jeder gewöhnliche Zauberer auf der Straße. Aber die Gemeinschaft war genauso schnell zur Stelle Missgunst und Misstrauen zu säen, wenn sich nur ein negativer Verdacht bestätigen sollte.
Draco war weise, dem Ministerium nicht zu glauben. Es gab mehr Grauschattierungen als Schwarz oder Weiß. Ein junger Snape hatte dies auch einmal gewusst. Aber anstelle den Erwartungen den Rücken zu kehren, so wie Draco es tat, tat Snape genau das Gegenteil. Er hatte eine Seite gewählt. Und dieser eine Fehler spiegelte sich in all den Dingen wieder, die er tat.
Snape würde bei Draco jedoch keinen Fehler machen. Er musste es schaffen, sie es auch nur, um der Welt ein wenig Balance zurückzugeben.
Er würde ein langes Gespräch mit Albus und Arthur Weasley führen müssen. Sie taten vielleicht so, als wären sie die Hand Gottes im Bezug auf Harry, aber er würde sie bei seinem Patensohn nicht dasselbe machen lassen.
Wie es schien, hatte Snape recht gehabt. Es ging Draco ganz und gar nicht gut, und Hermine brauchte tatsächlich Hilfe.
Draco hielt sehr plötzlich inne und sackte gegen die Wand. Seine Atmung war kurz und flach geworden. Er hob eine Hand und presste die Handflächen gegen seine Stirn, dort wo feiner Schweiß entstanden war.
Aus Angst, dass er vielleicht durch die Hyperventilation zusammenbrechen würde, ergriff Hermine seine Hände, legte sie auf ihre Schultern und bat ihn, sich an ihr abzustützen. Er hatte nichts mehr gesagt, seitdem sie Snapes Büro verlassen hatten. Draco hielt sie einen Moment lang fest, das Gesicht in ihren Haaren vergraben.
Schließlich beruhigte sich sein Atem wieder, glich sich ihrer Atmung an.
„Es wird alles gut", zwang sie sich gepresst zusagen, damit sie nicht schluchzen würde. „Es wird dir wieder besser gehen." Es war völlig egal, was Narzissa für den Rest der Welt gewesen war. Sie war Dracos Mutter und musste ihn geliebt haben. Hermine ertrug stumm die Phantomschmerzen von Dracos Schmerz. Sie stellte fest, dass auch Phantomschmerzen unerträglich waren.
„Alles, was ich anfasse wird zu Staub", flüsterte er in ihre Haare. Der Qual in seiner Stimme war herzerweichend. „Alles, was irgendwas bedeutet. Das Leben hat keinen Sinn. Meine Familie ist verflucht."
Sie schüttelte heftig den Kopf und wich zurück, um ihn anzusehen. „Das ist nicht wahr, Draco."
Sein Ausdruck war leer, müde und besiegt. Es machte ihr Angst. Sanft steckte er eine Locke hinter ihr Ohr und bedachte sie mit einem traurigen Blick. Hätte er die Kraft, war sie sicher, er hätte sie an den Schultern geschüttelt.
„Hermine, ich spiele nicht mehr. Ich kann dich nicht behalten. Snape hat recht. Was wir hier machen, es ist gefährlich. Das Gespräch in Dumbledores Büro ging um einen Auftrag. Das Ministerium will, dass ich den Slytherins hinterher spioniere. Und das soll ich den gesamten Sommer über tun, und wer weiß für wie viel länger danach!"
Spionieren! Das war es also, was er tun sollte. Und ohne Zweifel ließen sie eine Axt über seinem Kopf kreisen.
„Das können Sie nicht von dir verlangen! Besonders jetzt nicht!"
„Sie verlangen genauso viel von Potter", war alles, was er erwiderte. Sein Ausdruck blieb unverändert. „Es werden Todesser rekrutiert, und wenn ich mich nicht irre, wird mir hier eine Nachricht übermittelt." Er verschränkte seine Finger mit den ihren. Der Blick, den er ihr schenkte ließ sie beinahe anfangen zu weinen. „Ich kann nicht auf dich aufpassen. Vor allem nicht in diesem Sommer. Du kannst bei den Wieseln bleiben, nicht wahr? Da bist du sicherer."
„Das muss ich mir nicht anhören", widersprach sie heftig. „Was sie dich zwingen zu tun ist illegal! Sie können dich nicht zwingen, zuzustimmen. Sie haben vielleicht das Leben deines Vaters in der Hand, aber nicht deins."
„Ich habe eine Zustimmung unterschrieben. Es ist legal und bindend." Er lehnte sich wieder an die Wand und schloss die Augen. „Granger… ich glaube wirklich, dass… dass ich mich hinlegen muss. Mein Kopf tut weh." Sie hörte die raue Ehrlichkeit in seiner Stimme, und es beunruhigte sie sofort. Malfoy gehörte nicht zu denen, die ständig verkündeten, wenn sie sich schlecht fühlten. Er sah fast grün aus. Wie hatte sie vergessen können, dass er noch vor zwei Tagen im Krankenflügel gelegen hatte, um sich von der Gehirnerschütterung zu erholen?
„Wo ist dein Zimmer?", flüsterte sie. Es war fast peinlich, dass sie nicht wusste, wo er schlief. Es war ein winziges Detail, das sie eigentlich wissen müsste. Er antwortete nicht, befeuchtete seinen Lippen und sah aus, als wolle er sich gerne übergeben. Sie berührte seine bleiche Wange.
„Draco?"
„Es ist hier drüben", hörte sie eine sanfte Stimme. „Ich zeige es dir."
Es war Pansy. Sie stand in der Dunkelheit in einem weißen Seidenpyjama, mit passenden Hausschuhen und erleuchtetem Zauberstab. „Snape hat es ihm also gesagt?", wollte sie wissen, nickte aber, ehe Hermine antworten konnte. „Goyle und ich haben es gestern Abend in der Zeituing gelesen."
Hermine war sogar froh, sie zu sehen. Die Keller von Slytherin waren fremdes Terrain für sie. „Es geht ihm nicht gut", erklärte sie, während sie mit der Handfläche über ihre laufende Nase wischte. „Wir sollten ihn zu Madame Pomfrey bringen."
Würde Draco jetzt ohnmächtig werden, gab es keine Möglichkeit für sie beide, ihn zu tragen, ohne den Leviosa anzuwenden. Hermine wusste, er würde es hassen, würde sie Snape um Hilfe bitten. Parkinson würde reichen müssen.
Pansy schüttelte den Kopf, Tränen in den Augen. „Ich helfe ihm. Wir brauchen die Krankenschwester nicht." Sie schloss den Abstand, nahm sein Gewicht auf sich, und er zuckte zusammen, als hätte jemand einen Sack Steine auf ihn fallen gelassen. Hermine war besorgt genug, entgegen Pansys Worten sofort zu Madame Pomfrey zu laufen.
„Pansy", sagte er matt, „meine Mum ist tot." Die vertrauten Emotionen und Bekanntheit in seiner Stimme, ließen Hermine den Stich der Eifersucht deutlich spüren, aber sie schüttelte diesen Gedanken ab und war angewidert von ihren selbstsüchtigen Gedanken.
„Ich weiß, Darling."
„Es ist zum Kotzen, Pansy."
„Ich weiß. Schon gut, ok? Wir bringen dich ins Bett."
Die Situation wäre angenehm gewesen, wäre es nicht so traurig. Er erlaubte es ihnen, beide einen Arm über ihren Schultern zu legen. Es war gut, dass sie beide dieselbe Größe hatten. Sein Zimmer lag am Ende des Korridors, es machte zumindest den Anschein. Hermine war bereits daran vorbeikommen. Sie wusste, Pansy würde den Weg dorthin auch im Dunkeln finden, aber sie war dankbar, dass Pansy den Lumos aufrecht hielt.
Dracos Zimmer war abgeschlossen, und es kostete Pansy einige Alohomora, in Verbindung mit Passwörtern und altmodischen Drehungen des Knaufs, um die Tür zu öffnen.
„Er ist etwas paranoid", sagte Pansy, als sie Hermine Blick deutete.
Als sie im Inneren waren, erwachten mehrere Kerzen zum Leben. Es sah aus wie Hermines Zimmer, vielleicht etwas kleiner. Die Decke war auch niedriger. Sein Bett stand nicht unter dem Fenster, da der Keller keine Fenster besaß. Es stand gegenüber der Tür. Sein Schrankkoffer stand an der linken Wand, neben seinem Schreibtisch. Das Zimmer war penibel ordentlich, was eine Überraschung war. Auf dem Schreibtisch lag ein Quidditchpflege-Set, und an Bronzehaken an der Wand hing eine unglaublich teure Quidditchausrüstung.
Sie überwanden die letzten Schritte zum Bett, und er brach sofort darauf zusammen. Er legte eine Hand über seine Augen, rollte zur Seite und bewegte sich gar nicht mehr. Das Licht störte ihn wahrscheinlich. Hermine löschte die Kerzen wieder. Sie zog ihm schließlich die Schuhe aus, und Pansy hielt sie nicht auf. Allerdings stoppte sie Hermine, als diese in seinem Schrankkoffer nach einem Shirt suchen wollte.
„Lass es", sagte das Slytherin-Mädchen. „Er schläft für gewöhnlich mit den Sachen, die er trägt oder mit gar nichts."
Hermine wusste nicht, was sie mit dieser Information anfangen sollte, also sagte sie gar nichts. Sie wollte zu dem Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand, aber Pansy versperrte ihr plötzlich den Weg.
„Du kannst nicht hier bleiben, Granger. Das machen wir nicht. Das machen wir nie."
Mit wir meinte Pansy anscheinend Slytherins. „Oh, und wie ich das werde.", schnappte sie.
Pansy schüttelte den Kopf, aber es lag reine Aufrichtigkeit in ihrem Blick. „Ich meine es ernst. Es gibt Dinge, über die diskutieren wir nicht. Er wird sauer sein, wenn auch nur einer von uns heute hier bleibt."
Hermine schniefte laut. Sie hatte die Nase voll von sturen Slytherins, auch wenn sie wusste, Pansy meinte es wohl eher gut als böse. Es war so etwas wie ein Slytherin-Codex. Du sollst nicht in der Öffentlichkeit weinen. Du sollst keine Hufflepuffs und andere daten. Dämlicher Codex.
„Ich will keine Probleme, ich glaube einfach, das ist es, was er bevorzugt. Ich sehe nach ihm nach dem Frühstück. Und danach gehört er wieder dir."
Hermine strich abwesend das Haar aus seiner Stirn, und es war ihr egal, dass Pansy zusah. Es war gut dass er schlief, wusste Hermine auch nicht, wie ihm sonst zu helfen war. Sie fühlte sich nutzlos. „Ich werde morgen früh als erstes zu dir kommen", versprach sie ihm. „Ich verspreche es."
Nachdem sie ein langes Gespräch mit Harry gehabt hatte.
Und einige Pläne entworfen hätte.
„Komm, ich bring dich hoch", sagte Pansy weich.
Mit einiger Anstrengung riss sich Hermine von ihrem Ehemann los und folgte Pansy. Die Tür schloss sich leise hinter ihnen.
„Du und ich müssen aufhören uns so zu treffen, Granger", bemerkte Pansy trocken. Es war geradeso humorvoll wie es im Moment angemessen war. Sie durchschritten den Korridor und erreichten endlich wieder den Gemeinschaftsraum. Pansy öffnete die nächste Tür und Hermine blickte für einen Moment stumm in den dunklen Flur. Sie spürte den Druck in ihrer Kehle, der ihre Tränen unterdrückte. Pansy dagegen wirkte sehr gefangen. Hermine wusste, das Mädchen hatte zuvor fast geweint, aber ihre Nase war nicht einmal rot.
„Seit wann hast du diese Gefühle für ihn?", wollte Hermine wissen.
„Seit ich zehn bin", erwiderte Pansy ohne Scheu. „Sieh mich nicht so an, Granger. Ich weiß, was er die meiste Zeit über ist. Und ich glaube, du weißt, es nicht immer etwas, über das man sich beschwert. Wir hätten gut zusammen gepasst."
Hermine hätte fast zugestimmt.
Pansy seufzte. Es war ein sanftes Geräusch. „Narzissa war eine Schlampe und hat als Mutter wirklich versagt, aber sie hatte etwas." Ihre Hand legte sich um den goldenen Griff der Tür. „Er hat ihre Eleganz. Und die Wangenknochen, natürlich."
„Danke, Pansy", sagte Hermine. Es musste einfach gesagt werden.
Das Mädchen zuckte die Achseln. „Guck nicht so traurig. Es sind nur noch ein paar von uns hier, und wir gehen alle morgen. Ich glaube nicht, dass es noch viel schlimmer werden kann."
Pansy ging allein zurück zu ihrem Zimmer. Es lag in der Mitte des Flurs und war am nächsten zum Gemeinschaftsraum. Die Lage des Zimmers und die Dicke der Wände hatten ihr oft verholfen – ungewollt natürlich – Gesprächen im Gemeinschaftsraum zu lauschen.
Sie legte ihre Hand auf den Türgriff und erschrak, als sich die Tür von alleine öffnete.
„Ist er zurück? Hast du es ihm gesagt? Was hat Granger gesagt?", fragte Goyle ungeduldig. Die Matratze war an einer Ecke eingedellt, wo er wohl gesessen hatte. Sie hatten fast die ganze Nacht gewartet, sollte Draco doch schon um elf Uhr zurückgekommen sein.
Pansy runzelte die Stirn, schob ihn beiseite und sprach nicht, ehe die Tür verschlossen war. „Sprich nicht so laut. Ja, sie sind zurück. Und wir hatten es nicht sagen müssen, Professor Snape hat das schon getan."
Goyle verlagerte sein bemerkbares Gewicht von einem Bein aufs andere. „Wie geht es ihm?"
„Könnte besser sein", seufzte Pansy. „Es geht ihm nicht gut, bedenkt man die Neuigkeiten." Sie schlüpfte aus ihren Hausschuhen und setzte sich aufs Bett. Ein gelber Plüschelefant saß zwischen den Kissen. Sie nahm ihn in den Arm.
Es entstand eine Pause.
„Du solltest etwas Schlaf bekommen. Es ist nach Sonnenaufgang."
Sie antwortete nicht sofort, rieb aber die Ohren des Elefanten zwischen den Fingern. „Hast du Blaise gestern gesehen?", fragte sie Goyle, ohne aufzusehen.
„Nein."
„Ist es falsch zu hoffen, dass er eine falsche Abbiegung genommen hat und von einer Klippe in den Tod gestürzt ist?" Ihre Stimme war flach.
„Pansy-"
„Du bist ein Idiot, wenn du denkst, er lässt dich einfach aussteigen. Einmal ein Todesser, immer ein Todesser."
Goyle schüttelte den Kopf. „Ich gehe nicht denselben Weg wie mein Vater. Glaub mir. Ich finde einen Weg, und dann helfe ich dir und deiner Familie. Warte einfach auf mich. Das ist alles, um was ich dich bitte."
Sie betrachtete ihn lange und enttäuscht. „In der gesamten Geschichte der Todesser bist du wohl der einzige, der wegen eines Rentenplans einsteigen möchte."
Das war nicht richtig. Viele stiegen aus seltsamen Gründen ein. Ruhm, Gold , Ehre… der Spaß am Foltern.
Aber er wollte einsteigen, weil Pansys Vater ihm nicht gestattet hatte, um ihre Hand zu bitten, wenn er nicht besonders schnell ein großes Vermögen angesammelt hätte. Die Goyles waren nie besonders reich gewesen, und das, was sie hatten war denselben des Malfoys Vermögens gegangen.
Blaise, dem es durch sein eigenes Schaffen sehr gut ging, bot ein profitables Beispiel.
Böse, verrückte Überherrscher brauchten das notwendige Kapital. Immerhin brauchte auch der Dunkle Lord ein Dach über dem Kopf und wenn die Gerüchte stimmten, bevorzugte Voldemort gotische Extravaganz. Es wurden eine ganze Reihe an illegalen Unternehmen durch Todesser geführt. Der Handel von verbotenen Substanzen und Artefakten war nur die Spitze des Eisbergs. Blaise hatte verlauten lassen, dass auch in Muggelgebieten Laboratorien standen und speziell für Muggel Drogen erfunden und verkauft wurden. Viele der älteren Todesser waren beunruhigt über Voldemorts Vendetta und wie sie ausgehen mochte, und die neue Generation an Todessern, darunter auch Blaise, sahen mehr in der Bewegung der Todesser als nur den Blutstatus zu verteidigen.
Aber man brauchte Kraft, um eine solche Maschine in Gang zu halten. Goyle war zwar nicht der hellste, aber er wusste, wie man Menschen einschüchterte. Er wusste, wie man Hintermann war, wie man jemanden beschützte. Das hatte er sein ganzes Leben getan.
Es gab Geld zu machen, Macht zu bekommen. Aber Goyle war noch nie so versessen darauf gewesen. Er wollte bloß einen kleinen Vorsprung haben. Mit seinem schwarzen Familiennamen und seinen schlechten Noten waren Karriere-Chancen nahe null.
„Draco wäre eingestiegen, wären die Dinge anders gelaufen." Er nahm an, er musste das laut äußern, wo Pansy doch Inoffizielle Präsidentin des Draco Malfoy Fanclubs war.
Pansy schnaubte auf. „Vielleicht, aber du bist nicht Draco. Du bist alleine, wenn du mitmachst. Er ist nicht da, um auf dich aufzupassen."
„Ich brauche ihn nicht!", sagte er, vielleicht etwas zu laut, denn ihre blauen Augen weiteten sich kurz. Goyle wollte irgendetwas boxen.
Er brachte alles durcheinander. Alles, was er noch wollte, ehe er Hogwarts verließ, war, die Dinge mit Draco zu klären, die noch zu klären waren. Er wollte ihm Worte des Trosts anbieten, was seine Mutter betraf und sich dann von Pansy verabschieden. Er hatte überlegt, auch Millicent einen Brief zu schreiben, aber Pansy hatte ihm davon abgeraten. Nur für den Fall. Das war auch in Ordnung, denn er konnte nicht wirklich gute Briefe schreiben.
Er konnte die meisten Dinge nicht wirklich gut. Mit schwerem Herzen schritt er zur Tür, hielt inne und wandte sich noch zu Pansy um.
„Ich gehe jetzt", sagte er knapp.
Dem Elefanten wurde jede Luft aus dem Körper gepresst. „Gut. Geh."
Goyle machte ein Geräusch. Hätte die männliche Frustration ein bestimmtes Geräusch, dann wäre es das hier. „Merlin noch mal, Pansy! Sagst du mir auf Wiedersehen oder nicht?"
Pansy warf den Plüschelefanten auf das Bett und erhob sich, die Nase hoch in der Luft.
„Leb wohl, Gregory. Ich hoffe, dass der Tod, der dich in den nächsten Monaten treffen wird, schnell und relativ schmerzlos kommt."
Er sah sie ausdruckslos an. „Relativ?"
Sie wedelte mit der Hand. „Ich hab aufgegeben, deine Meinung zu ändern. Sie ein Idiot. Geh, und werde ein Todesser. Ich habe dich bestimmt schon nach einer Woche vergessen."
Es war ein kleines Zimmer. Ein Schritt hatte ihn zu ihr gebracht. Ein weiterer Schritt und sie lag in seinen Armen. Und dann küsste er sie so, wie er es schon seit drei Jahren hatte tun wollen. Zuerst sträubte sie sich, schlug ihm auf den Bizeps, aber er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Außerdem hatte er nichts mehr zu verlieren. Das gab ihm den nötigen Mut, der ihm bisher beim Werben um Pansy gefehlt hatte.
Nach einer Minute hatte er sie zurück aufs Bett befördert. Sie war atemlos und ihre Wangen waren rosa gefärbt. Abwesend griff sie wieder nach ihrem Elefanten.
„Daran wirst du dich erinnern", murmelte er rau, und dann war er verschwunden. Aus dem Zimmer. Aus ihrem Leben.
Pansy weinte die nächsten zwei Stunden in ihren Elefanten. Goyle hatte ihn ihr zu ihrem zwölften Geburtstag geschenkt.
