~ Chapter Thirty-Nine ~
Goyle stand am Anfang des Korridors zu den Kerkern und wurde nagenden Zweifeln überwältigt.
Er sollte hier nicht sein. Nein, er sollte eigentlich drei Etagen höher befinden und ein Doxy-Nest entfernen, dass unter einem Balken gemütlich größer wurde und dessen Bewohner fragwürdigen Unrat auf Leute warfen, die das Zimmer betraten.
Das natürlich neben dem Beißen, was wohl eher eine typische Doxy-Eigenart war.
Sie waren irgendwo im Norden von Wales, in den Überbleibseln von einer römischen Burg, die später der Versuch eines Zauberer-Schlosses geworden war. Ein magisches Schloss, natürlich. Blaise hatte ihm natürlich nicht die exakten Koordinaten der Todesser-Baracke genannt, bis sie durch einen Portschlüssel aus Hogwarts diesen Sonntagmorgen angekommen waren.
Es gab einen Baum im Dunklen Wald, etwa zehn Minuten hinter der Apparierschutz-Grenze des Schlosses. Das seltsame war, dass Goyle direkt an der Eberesche vorbeigelaufen wäre, ohne irgendetwas Seltsames an dem Baum zu bemerken, hätte Blaise ihn nicht darauf aufmerksam gemacht.
„Sie ist schön, nicht wahr?"
Dieser Baum war das verdammt noch mal Gruseligste, was er in seinem ganzen Leben gesehen hatte.
Danach war es einfach unmöglich, diesen Baum nicht zu bemerken. Er stand da, voller schwarzer Magie, beinahe pulsierend vor Bösartigkeit. An einem niedrigeren Ast hing eine eiserne Kette mit einer kleinen goldenen Münze.
Blaise hatte gegrinst und gesagt, dass dies der Portschlüssel zu der Todesser-Baracke sei.
Ah, das war also der Grund, dass Blaise einfach hin und her reisen konnte mit einer solch scheinbaren Leichtigkeit.
Die „Baracken", wie Blaise sie nannte, sahen etwas trist aus, um ehrlich zu sein. Goyle hatte gefragt, wie Voldemort diesen Ort ausgemacht hatte. Gerüchten zufolge war Tom Riddle an einem schönen Sommertag in den Sechzigern direkt in die östliche Schlossmauer hineingelaufen, als der Illusionierungszauber seine Wirkung zu verlieren begann und ein zerfallenes, jedoch nützliches, Versteck offenbarte.
Es gab vierzehn Zimmern in der Baracke, auf drei Stockwerken verteilt. Das Gemäuer wäre bestimmt schon vor Jahren in sich zusammengefallen, wäre es nicht aus Stein. Die Wände bröckelten an manchen Stellen, und ab und zu gab es mannsgroße Löcher in den Wänden der Halle, aber es war die Art von Gebäude, von denen ältere Menschen behaupteten, so etwas würde heute nicht mehr gebaut werden.
Der Boden der Burg war unumstößlich.
Die Stufen jedoch, die in den zweiten Stock führten waren allesamt vermodert. So sehr, dass Goyle tatsächlich Angst um sein Leben gehabt hatte, als er sie das erste Mal benutzt hatte. Er hatte seinen Zauberstab nicht eine Sekunde losgelassen, für den Fall, dass ein schneller Leviosa gebraucht wurde, falls die Dielen unter seinem bedenklichen Gewicht nachgaben.
Ansonsten gab es noch zwei unterirdische Stockwerke. In einem waren die Kerker und außerdem ein Zaubertränke-Labor, welches aber seit den Siebzigern nicht mehr benutzt wurde.
Zumindest die orange-grüne Tapete ließ darauf schließen.
Bedauerlicherweise stellte sich der Doxy-Unrat im höchsten Stockwerk als zweihundert Jahre alte Fäkalien heraus. Es lag auf der Hand, dass die Doxy-Nester verschwinden mussten. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass Voldemort tatsächlich ihrem Versteck einen Besuch abstattete, war es undenkbar, dass er – wortwörtlich – mit Scheiße beworfen wurde.
Einen Nachmittag mit schlichter Hausarbeit zu verbringen war Goyle recht. Er würde jeden handwerklichen Job übernehmen, der ihm zugeteilt wurde. Er war noch nicht bereit , Jobs außerhalb zu erledigen, aber dann wiederum hatte ihm Blaise versichert, das müsse er gar nicht erst.
Sie würden ihn umbringen, wenn sie wüssten, was er zwischenzeitlich plante. Und auch noch an seinem ersten Tag . Und es wäre auch kein schneller, unspektakulärer Avada Kedavra. Da wäre sehr viel Schmerz. Und sehr viel Geschrei, wahrscheinlich. Es wäre die Art von widerlichem Tod, vor dem Pansy ihn gewarnt hatte.
Pansy.
Bloß an sie zu denken, ließ ihn beinahe seinen Kopf gegen die Wand schlagen und noch einmal überlegen, ob er wirklich tun sollte, was er tat.
Eins nach dem anderen, befahl er sich streng. Er war nicht gut mit Multi-Tasking, und er musste sich auf eine Sache konzentrieren, wenn er vorhatte, hier in einem Stück rauszukommen.
Goyle fuhr mit der Hand über seinen schlechten Haarschnitt (er hatte dem Frisör gesagt, er wollte die Nummer 2, aber wahrscheinlich standen alle Nummern für einen beschissenen Schnitt), bevor er zu der Zelle der Aurorin schritt.
Nymphadora hieß sie. Er hatte es Bob den Wärter sagen hören. Bob war nicht sein echter Name. Er war als Hilfe eingestellt worden und hatte das Unglück einen sechssilbigen Namen zu tragen, indem auch noch die Buchstaben X, L, T und C gleichermaßen unaussprechbar vorkamen.
Die verdammten walisischen Namen waren einfach nicht auszusprechen. Deswegen nannten sie ihn meistens Bob.
Die Aurorin sah nicht aus wie eine Nymphadora. Er wusste zwar nicht, wie eine solche auszusehen hatte, aber er stellte sich eine fülligere, blonde Erscheinung vor, die kicherte und viel flirtete.
Und sie war nicht in einer Kicher-Stimmung gewesen, das letzte Mal als Goyle sie gesehen hatte.
Aber das war verständlich, hatte er sie doch bewusstlos schlagen müssen. Zusammenfassend war es ein schrecklicher Donnerstagabend gewesen.
Goyle war zehn Minuten zu spät zu seinem Treffen mit Blaise erschienen. Der tatsächliche Plan wäre gewesen, dass Blaise Goyle zu den Baracken bringen sollte. Stattdessen kam Goyle gerade nur noch rechtzeitig, um zuzusehen, wie ein geschockter Blaise in die Obhut des Ministeriums gebracht werden sollte.
Nur dass Blaise zu diesem Zeitpunkt Draco gewesen war. Das hatte auch zu Goyles kompletter Verwirrung mitbeigetragen, denn er hatte noch nicht gewusst, dass Blaise ein Metamorphmagus war. Der Bastard hatte vergessen ihn aufzuklären.
Es hatte vorher noch ein Problem gegeben, und der andere Auror war über den Portschlüssel direkt in seinen Tod katapultiert worden.
Blaise hatte ihm von diesen Dingen erzählt und war selber überrascht über seine komplette Gleichgültigkeit. Er hätte sich lieber in jemanden verwandelt, der freundlicher war, als Draco Malfoy.
Wenn dem so gewesen wäre, hätten ihn die Auroren vielleicht mit einer schlichten Warnung passieren lassen. Goyle war geneigt gewesen, ihm recht zu geben. Draco zu sein war so ähnlich, wie ein großes Schild mit sich rumzuschleppen, auf dem stand: HEY! HIER! SIEH MICH AN!
Es war nicht wirklich Dracos Fehler. Er zog die Aufmerksamkeit auf sich, egal, wohin er ging. Na ja, es war seine Schuld, wenn er negativ auffiel – was so ziemlich überall der Fall war. Aber das war der Segen und der Fluch ein Malfoy zu sein. Und Goyle hatte sich gefragt, wie oft Blaise schon mal in der Schule in einer anderen Haut umher spaziert war.
Es war eine schrecklich praktisch Fähigkeit, die man besitzen konnte. Kein Wunder, dass Voldemort ihn haben wollte.
Blaises Identität war vielleicht noch ein Geheimnis, aber die Aurorin hatte Goyles Gesicht gesehen, und es war ein zu großes Risiko gewesen, sie fliehen zu lassen. Und deshalb hatte Goyle sie nieder geschlagen und war dann in eine Panik ausgebrochen, mit der Sorge, die Frau getötet zu haben.
Er hatte immerhin einen ordentlichen Treiber-Schlag drauf.
Ein benebelter Blaise ist schließlich danach erwacht. Er war zu der Aurorin gekrochen, während seine Blick praktisch Eiswürfel in seine Richtung geschossen hatte, als wäre es Goyles verdammte schuld gewesen, dass der Plan nicht so stattgefunden hatte, wie abgesprochen. Er hatte ihn informiert, dass die Aurorin jedoch noch ziemlich am Leben wäre (was aber vielleicht bald schon nicht mehr der Fall sein würde).
Und so war Nymphadora Tonks von einem rekrutierenden Todesser und seinem nicht ganz so talentierten Todesser-Auszubildenden gefangen genommen worden. Die ganze Sache hätte für sie beide noch wesentlich schlimmer ausgehen können, hätte Goyle anders gehandelt.
„Deine erste Gefangene", hatte Blaise schließlich mit einem makabren väterlichen Stolz eingeräumt.
Dieser Vorfall hatte Blaises vorangegangene Zweifel was Goyles Beitritt anging zerschlagen.
Er war nun ganz offiziell mit dabei.
Blaise war nach Hogwarts zurückgekehrt. Scheinbar für einen letzten Besuch. Das war gut, denn es bedeutete, Goyle hatte eine Sorge weniger. Aber dann gab es immer noch Travers und Wurmschwanz, die die Baracke für Bellatrix Lestranges Ankunft herrichteten.
Wurmschwanz, Travers, Bellatrix… der Dunkle Lord. Es war seltsam, diese Leute mit ihm selber in Verbindung zu bringen. Goyle war mit Geschichten über diese Leute aufgewachsen. Für einen kleinen, unwichtigen Jungen waren diesen Namen mit immenser Bedeutung gewesen.
Es hatte Goyle erschrocken, herauszufinden, dass Blaise nicht der einzige war, der Todesser rekrutierte. Es gab noch zwei in der Beauxbatons Akademie und dem Durmstrang Institut. Es war riskant, aber dennoch clever weitere Leute in anderen Schulen unterzubringen. Welcher Weg war besser, um weitere Kandidaten zu finden?
Sie erwarteten noch zwei neue Anwärter von Beauxbatons und sechs weitere von Durmstrang. Goyle fragte sich, wer für all die neuen Anwärter aus Durmstrang verantwortlich war. Die Zahl war beachtlich. Dann wiederum hatte Blaise jedoch erwähnt, dass Bellatrix dort gewesen war, um sie auszuwählen.
Voldemort wollte Qualität, nicht Quantität. Sie würden dem Dunklen Lord nicht vorgestellt werden, bevor Bellatrix sie nicht bewertet hatte.
„Was passiert, wenn sie einen von uns nicht leiden kann?", hatte Goyle Blaise gefragt.
„Du stirbst."
Natürlich würde man sterben. Goyle hatte sich dumm gefühlt, überhaupt gefragt zu haben. Bellatrix war nicht die Person, die Kandidaten mit einem Handschlag und den Worten „Vielen Dank für Ihre Bewerbung, aber alle Plätze sind zurzeit belegt" wieder nach Hause schickte.
Goyles Zweifel währten nicht viel länger an. Er brauchte noch eine Minute, ehe er sich selber überzeugt hatte, dass niemand die Stufen hinab kam, um die Aurorin zu inspizieren. Zumindest nicht jetzt gerade. Bob war im Dorf, Lebensmittel kaufen, aber er wäre bald zurück.
Es hieß, jetzt oder nie.
Während Goyle das Knäuel an Angst runterschluckte, das sich in seiner Kehle gebildet hatte, eilte er den Korridor hinab und blieb vor der Zelle stehen. Sie war in der Zelle, die am nächsten am Ausgang lag, es war also kein weiter Weg.
Er öffnete vorsichtig den Schlitz und spähte ins Innere. Es war dunkel.
„Psst!"
Es kam keine Antwort. War ihr schon jetzt etwas zugestoßen? Goyle versuchte es erneut.
„Psst! Du da! Dracos Cousine!"
Auroren waren gut trainiert. Er hatte das unterschätzt. Eine Hand schoss aus der Dunkelheit vor dem Schlitz hervor und schloss sich um Goyles breiten Nacken.
Sie hatte einen beeindruckend harten Griff. Für eine Frau.
„Du bist derjenige, der mich geschlagen hat!", sagte sie.
Er konnte ihr Gesicht teilweise durch den Schlitz erkennen. Ihre hellbraunen Augen spuckte Feuer in seine Richtung. Sie sah schlechter aus, als das letzte Mal, aber das war nur verständlich. Ihre Lippen waren leicht aufgesprungen, und ihre vorher noch blaubeerfarbenen Haare wirkten eher wie Lavendel. Sie hatten ihr weder etwas zu essen, noch zu trinken gegeben.
Goyle zog sich aus ihrem Griff zurück, hustete kurz und sah sie zornig an. „Ja, ich weiß. Ich bin hier, um dich zu retten!"
Diese Information jedoch, trug erstaunlicherweise nicht dazu bei, sie in ein dankbares Wesen zu verwandeln. Goyle wurde wieder daran erinnert, wie absolut wenig er über Frauen wusste.
Sie sah misstrauisch aus. „Hier sitze ich und bete für ein kleines bisschen Hilfe, und die großen Mächte schicken mir eine enorm große Zeitverschwendung. Verpiss dich, Fettie." Die undankbare Schlange schenkte ihm sogar noch einen abschätzenden Blick.
„Du verstehst es nicht! Ich bin hier, um zu helfen!" Und er war nicht fett. Er hatte große Knochen, verdammt.
„Und woher soll ich wissen, dass das kein Trick ist? Wieso solltest du mir plötzlich helfen?"
Goyle wusste, er hätte diese Frage erwarten sollen. Offensichtlich traute sie ihm nicht. „Ich nehme an, du wirst nicht wissen, ob es ein Trick ist oder nicht. Hör zu, ich bin Dracos Freund. Du bist Dracos Cousine, und deswegen helfe ich dir, zu entkommen. Was vorher passiert ist, war unvermeidbar, aber ich bin hier, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Reicht das als Erklärung?"
Sie antwortete nicht sofort. „Goyle, richtig?"
„Ja."
„Gut, dann lass mich raus." Sie wich vor der Tür zurück, um ihm Platz zu machen, für was auch immer er jetzt vorhatte.
Goyle schüttelte den Kopf. „Nein, nicht jetzt sofort. Wir können es nicht sofort machen, weil sie wissen werden, dass ich es war. Ich bin angewiesen, dich zu einer bestimmten Zeit nach oben zu bringen. Wenn es soweit ist, wirst du es so aussehen lassen, als hättest du dich gewährt und mich überwältigt. Ansonsten steht mein Leben auf dem Spiel", fügte er hinzu, falls sie annahm, dass für ihn kein Risiko bestand.
Er schob einen flachen Stein durch den Schlitz. Es war dieselbe Art von Materie aus der das gesamte Schloss war. Es war also anzunehmen, dass der Stein von der Wand in ihrer Zelle gebröckelt sein konnte.
Sie nahm den Stein, und dann herrschte Stille. Er fragte sich, ob sie erwartete, dass er ihr noch irgendetwas gab.
„Was zur Hölle soll das sein?"
Goyle hatte angenommen, dass dies offensichtlich war. „Das ist deine Waffe, mit der du mich bewusstlos schlägst.
„Das ist dein Plan?", zischte sie.
Er konnte nicht fassen, dass er gerade von der Person beschimpft wurde, dessen Leben er retten wollte. Waren alle Frauen verrückt? „Fällt dir etwas Besseres ein? In ein paar Stunden wird Bellatrix Lestrange dich umbringen. Wenn du dich gerne auf sie einlassen möchtest, dann bitteschön!"
„Du scheinst ein netter Junge zu sein. Warum bist du hier bei diesen Leuten?"
„Das geht dich nichts an."
„Komm mit mir." Ihr Gesicht war wieder im Schlitz erschienen. „Ich werde dafür sorgen, dass sie Gnade walten lassen, wenn du ihnen Informationen zukommen lässt. Du weißt offensichtlich genug über diese Organisation, dass du von großem Wert für uns sein könntest."
Goyle schaffte es, das erste Mal heute zu lächeln. „Oh, keine Sorge. Das wird passieren. Nur noch nicht jetzt."
Die Aurorin schenkte ihm einen gereizten Blick. „Hör zu, Junge, das ist ein verdammt beschissener Job, den du gewählt hast. Was, wenn sie rausfinden, dass du mir geholfen hast? Sie werden dich umbringen!"
Ach wirklich. Er antwortete nicht. Die Zeit war um. Bob wäre jede Minute zurück.
„Ich komme später, um dich zu holen. Mach dich bereit."
Vielleicht glaubte sie, dass es nicht funktionieren würde, denn sie bedankte sich nicht, als er ging.
Das war schon in Ordnung. Das hatte er auch nicht erwartet.
Hermine stand draußen neben der Hütte für Quidditch-Zubehör und wartete auf Draco. Sie lehnte an der Tür, Arme und Beine verschränkt und starrte ernst auf den Rasen vor sich. Sie musste tief in Gedanken versunken gewesen sein, denn sie registrierte ihn erst als er vor ihr stand.
Sie blinzelte zu ihm auf, das Licht blendete sie.
Die Sonne wirkte Wunder für sie, dachte Draco. Sie war kein Geschöpf, das Gewitterstürme, Regen und Tage drinnen bevorzugte, so wie er. Winter war seine liebste Jahreszeit. Es hatte etwas Besinnliches. Sommer war zu aufdringlich. Frühling zu optimistisch.
Die Farben, die sie trug, waren definitiv herbstlich. Und das mochte er sehr.
Die Sommersonne ließ ihre Haare Whiskeygolden glänzen und betonte ihre dichteren Locken. Sie hatte mehr Farbe auf den Wangen, was ihm positiv auffiel.
„Ich dachte, ich müsste eine ganze Weile warten", informierte sie ihn. Sie klang schlecht gelaunt. „Harry ist also mit dir fertig."
Draco fasste die Worte so auf, als dürfe er erst mit ihr reden, wenn Potter fertig mit ihm war. „Wir waren fertig, ja." Er legte den Besen über die Schulter und blickte bedeutungsvoll zur Tür. Sie blockierte sie.
„War es ein gutes Gespräch?", fragte sie, ohne sich zu bewegen. Ihr Ton war freundlich, aber ihr Ausdruck war besorgt.
„Wenn du mit gut sinnlos meinst…" Draco griff hinter sie und erreichte den Türgriff. Er war erleichtert, dass sie zur Seite wich.
Sie folgte ihm ins Innere und sah zu, wie er den Schulbesen an die Wand hing. Als er fertig war, sahen sie sich an, in der dunklen, engen Hütte.
„War da noch etwas, was du besprechen wolltest?"
„Noch etwas?", wiederholte sie. „Vergib mir, wenn ich etwas paranoid werde, wenn es darum geht, dass du verschwinden willst, ohne irgendeinen Abschied oder Hinweis, wo du sein wirst. Aber ich bin nicht blöd. Ich habe eine Ahnung, was du vorhast. Wir haben… ich weiß nicht, Momente, nehme ich an. Diese winzigen Sekunden, wenn ich glaube, wir verstehen uns. Und dann hörst du diese schrecklichen Neuigkeiten von deiner Mutter", fügte sie sanfter hinzu. „Und dann sind wir wieder direkt am Anfang, wo ich hinter dir her rennen muss, und dich bitten muss, langsamer zu laufen und wieder neben mir zu sein."
Sie zögerte und verzog den Mund wegen ihrer gewählten Metapher. „Ich habe keinen Stolz mehr, Draco. Keinen! Was von meinem Stolz übrig geblieben ist, hat seine Sachen gepackt und ist an einen ruhigeren Ort verschwunden."
Ihr Ausbruch hatte ihn nicht unbedingt erschrocken, aber sie wirkte verängstigt und legte eine Hand über ihre Stirn.
„Es tut mir leid. Ich habe es satt mir Sorgen zu machen. Um uns. Mich um dich zu sorgen ist neu für mich." Ihre ehrliche Verzweiflung war liebenswert. „Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin der Beziehungstyp."
„Das hatte ich schon vermutet", murmelte er. „Hör mal, meine Gedanken sind zurzeit nicht die besten…" Draco war gerade sehr ehrlich. Und sie wusste das. „Ich brauche Zeit."
Hermine nickte. „Ich verstehen. Wirklich."
Sie sagten nichts weiter für eine ganze Minute. Mit einem resignierenden Seufzen wandte sich Hermine von ihm ab.
Und irgendetwas brannte in ihm durch. Vielleicht war es irrationale Panik, weil sie ging. Blind griff er eine Handvoll ihrer Bluse und hielt sie fest.
Sie sahen bestimmt albern aus, wie sie einen halben Meter entfernt voneinander standen und er eine Handvoll weißer Baumwolle umklammert hielt.
„Hermine…", sagte er zu ihrem Rücken.
„Du kannst loslassen", erwiderte sie mit harter Stimme.
Er klang verzweifelt. „Ich kann nicht. Das ist mein Problem, oder nicht?"
Sie weigerte sich, sich zu bewegen. „Ich will, dass du dir die Zeit nimmst, die du brauchst, aber gib mir keine unterschiedlichen Zeichen mehr. Ich schwöre, Draco Malfoy, du treibst mich in den Wahnsinn!"
„Ich weiß. Komm her."
„Nein", schnappte sie. Aber es folgte ein hoffnungsvolleres: „Warum?"
Ehrlichkeit war das Prinzip der Unterdrückten, dachte Draco. „Weil ich dich küssen will."
Sie hielt inne. „Und dann was?"
„Und dann… dann kannst du mich zwingen, dir jedes Versprechen zu geben, was du hören möchtest. Macht dich das glücklich?"
Gott, ja! „Ja!", hauchte sie, und ihre Erleichterung war greifbar. Sie warf sich selber in seine Arme.
Draco hielt sie fest. Er genoss ihren Duft, die weichen Locken unter seiner Nase, und ihre Arme, die fest um ihn geschlungen waren. Sie zitterte und murmelte warme Worte in seinen Nacken.
„Ich weiß, du musst dahingehen, um zu tun, was immer du zu tun hast, aber… eine Adresse wäre nett."
Er seufzte.
„Ein Brief die Woche wäre perfekt."
„Granger, ich…"
„Meine Güte, ich nehme auch eine Postkarte jeden Monat, ich bin nicht wählerisch", unterbrach sie ihn trocken.
Sie feuchte Hitze ihres Mundes auf seiner Haut war sehr nett. Sein Puls raste, und wie immer fühlte er die bekannte Sensation, wie immer, wenn er sie so nah an sich brachte. Sie küsste seinen Adamsapfel und begann dann sanft in die weiße Haut über seinem Schlüsselbein zu beißen.
„Mach so weiter, und ich verspreche dir, Potter sieht noch eines mehr als Lederhandschuhe und Besenstiele, wenn er gleich herkommt, um seinen Besen wegzubringen."
Hermine fasste dies als Aufmunterung auf. Sie griff mit ihren Händen in seine Haare und zog ihn zu ihrem Mund hinab. Draco stöhnte, begegnete ihrem Mund und küsste sie stürmisch.
Sie gab ihm ihre Zunge freiwillig, und er entließ sie auch nicht mehr, bis er ihren Mund weiter erkundete und die sensiblen Stellen ihrer Unterlippe.
Sie atmeten schwer. Die Schönheit dieses Kusses löschte all ihre Vergangenheiten und Probleme. Es war diese Art von Kuss, der niemals ein Ende haben sollte. Es war wie ein Vorspiel für so viel mehr.
Sie waren auch nicht besonders leise. Sie sprachen ab und an Worte, die wohl dazu gedacht waren, zu beruhigen, aber sie das war das einzige, was sie nicht taten.
Jeder sollte wissen, wie es ist, so geküsst zu werden, dachte Hermine zitternd. Und bei diesem Gedanken überlegte sie, ob es möglich wäre, an einer übermäßigen Gänsehaut sterben zu können. Er wärmte und kühlte sie zugleich. Ihr inneres Thermometer war wohl denselben Weg wie ihr Stolz gegangen.
Ihr rock war irgendwo um ihre Taille. Und seine Hände waren dafür verantwortlich. Sie hatten zuerst auf ihren Hüften gelegen, waren dann zu ihrem Po gewandert und hatten schließlich den Stoff ihres Rocks achtlos nach oben geschoben. Hermine schob sich seinen Körper empor, und seine Hände legten sich für mehr Halt unter ihren Po. Sie rieb sich selber an seiner Erektion und wusste, dass sie immer noch wund war von ihrer Nacht in der Nokturn Gasse.
Er beendete den Kuss. Wohl zum ersten Mal. Das Verlangen eines Kusses, der zu schnell beendet wird, lässt oft noch einen tiefen Stich zurück. Aber das war jetzt nicht der Fall. Wenn der Kuss nicht weiter gehen konnte und nichts mehr von beiden verlangen konnte, hatten sie aufgehört. Dracos Atem ging schwer, und er sah auf sie hinab mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Verwunderung, die ihr Herz anschwellen ließ.
„Das heißt nicht Leb wohl", berichtigte sie. Für ihrer beider Wohl. Falls er vorgehabt hatte, es misszuverstehen.
„Nein," bestätigte er. Sie hatte es vielleicht noch nicht realisiert, aber in diesem Moment war er nicht fähig ihr irgendetwas abzuschlagen.
Hermine legte ihre Handflächen über seine Wangen. „Du wirst mir dein Wort geben, dass du daran denkst Auf Wiedersehen zu sagen. Und du wirst zumindest versuchen, uns helfen zulassen, wenn wir können, ob das Ministerium es nun weiß, oder nicht. Und du wirst, wann immer es dir möglich ist, mich wissen lassen, wo du bist, was du tust und dass du in Sicherheit bist. OK?"
Draco küsste ihre Nasespitze, ihre geschlossenen Augen, ihre Stirn, ihre Lippen. Er wirkte unsicher.
„Verlang das nicht von mir…"
„Versprich es mir!"
„Also schön, ich verspreche es", flüsterte er.
Hermine nickte. Das war erst mal genug.
Es war noch eine Stunde bis zum Mittagessen, und es gab immer noch so unglaublich viel, was erledigt werden müsste, bevor Hogwarts für den Sommer schloss, das Packen ihrer hunderttausend Sachen mal ausgenommen.
Sie würde sich nicht gestatten deswegen deprimiert zu sein. Der Schock, dass die Schule zu Ende sein würde, hatte sie bereits vor zwei Wochen getroffen. Hogwarts hatte dazu beigetragen, sie erwachsen werden zu lassen. Es wurde Zeit, dass sie alles, was sie gelernt hatte, zu Anwendung brachte. Es gab die Zukunft, der sie entgegenblicken konnte und sie war sich sicher, dass Draco eine Rolle darin spielen würde. So oder so.
Hermine wartete fünf keusche Minuten, nachdem Draco gegangen war, bis sie ebenfalls den Rückweg zum Schloss antrat. So wie Draco vorhergesagt hatte, tauchte Harry ebenfalls vor der Hütte auf und begleitete Hermine noch bis zum Eingang. Er erklärte, er müsse mit Snape sprechen und würde ihr später sagen, weshalb.
Falls Hermine leicht abwesend wirkte, fragte er immerhin nicht, warum. Es war ein schwerer Tag für jeden von ihnen gewesen.
Als sie durch die offenen Türen der Großen Halle schritt, erhaschte sie einen Blick auf einen der zwei Slytherins, die noch nicht abgereist waren.
Es war die junge Viertklässlerin, die Draco so oft nachgestellt hatte. Heute jedoch, wirkte sie fröhlich, während sie mit dem nun berühmten Tandish Dodders Schach spielte. Es war das Shirt des Mädchens, was Hermines Aufmerksamkeit erregte.
Es war schwarz, leicht ausgeblichen, mit einem grellen grün-gelben Logo.
Nutrisoil Dünger.
Hermines Neugierde war geweckt, und sie erreichte das Mädchen.
„Karen, richtig?", wollte Hermine wissen.
Sie war ein hübsches Ding, mit einer provokanten Frisur und großen blauen Augen. Das Mädchen hob den Blick, aber sie ließ sich von Hermines Anwesenheit nicht bei ihrem Schachspiel stören. Sie strich sich das kurze schwarze Haar lässig hinter ihr Ohr und betrachtete Hermine kühl, offensichtlich nicht berührt dadurch, dass Hermine ihren Namen nicht kannte.
„Nein, Carmen."
„Ich konnte nicht anders, als dein Shirt zu bemerken", begann Hermine. „Du solltest die Uniform tragen."
Carmens Blick wurde freundlicher, wenn auch nicht viel. Sie streckte die Brust raus und lächelte schließlich. „Es ist das neueste Geschäft meines Vaters. Du wirst mich doch am letzten Tag nicht nachsitzen lassen?" Sie deutete mit einem Blick zum Lehrertisch, an dem Professor Flitwick und Madame Hooch Tee tranken.
„Die haben sich auch noch nicht beschwert."
Dodders hob nun auch den Blick vom Schachbrett und seinem Marmeladen-Scone. Ein verschmitzter Ausdruck zierte sein Gesicht.
„Dein Dad ist im Scheiß-Geschäft?"
Es war ein etwas heikles Thema bei Carmen. Sie wurde rot. „Ja, wir können schließlich nicht alle obszöne Summen von verstorbenen Verwandten erben, oder? Und außerdem ist es kein Geschäft, es ist ein Imperium."
Dodders zuckte die Achseln. „Hey, mein Vater ist einer der letzten, die noch für sein Geld arbeiten müssen. Bei Gringotts", fügte er hinzu, falls sie ihm nicht glauben sollten.
„Warum fragst du?", stellte Carmen Hermine jetzt die nächste Frage.
„Oh, kein besonderer Grund. Ich dachte, ich hätte das Logo… ähm… an einem Schüler vor einigen Tagen gesehen." Sie glaubte nicht, dass es weise wäre, Dracos Namen zu nennen. Das Geheimnis war nun für sie gelüftet.
„Wirklich? Carmen brach in verzücktes Gelächter aus. „Ich verteile an einige privilegierte Kommilitonen jedes Jahr ein paar Produkte. Kein trägt sie aber." Sie lächelte weiterhin und deutete wohl an, dass dies zu erwartet und auch akzeptiert war.
„Ich hab nicht gekriegt", bemerkte Dodders.
Carmen machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war, bevor ich dich mochte." Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Hermine zu. „Ich hoffe, Madame Sprout hat das Logo gesehen. Vater versucht seit einer Weile, in Hogwarts ein Geschäft zu landen, und Hagrid besteht auf diesen minderwertigen rumänischen Drachenmist. Das Zeug kostet weniger, aber sie verwenden Dinge, die ihm alle Nährstoffe entziehen-"
Dodders legte seinen halb gegessenen Scone zur Seite. „Können wir aufhören, über Dünger zu sprechen? Ich frühstücke, und du bist dran."
„Das ist Brunch. Frühstück war vor einigen Stunden." Carmen stupste ihren Läufer fast eine Minute an, ehe dieser erwachte und den Zug machte. „Schach, Tandish."
„Was? Es kann nicht schon Schach sein!", rief Dodders. „Wir spielen erst seit acht Zügen!"
Während Dodders fluchte und das Brett untersuchte, wandte sich Carmen wieder an Hermine. „Übrigens, du hast den Schulsprecher nicht zufällig gesehen, oder? Er hat von mir ein Paket Stinkbomben konfisziert, und ich will es wiederhaben, ehe er abreist."
Hermine runzelte die Stirn. „Nein, ich habe ihn nicht mehr gesehen seit… na ja, seit den letzten zwei Tagen."
Und das war seltsam, wenn sie darüber nachdachte. Sie war sich sicher, Blaise hatte die Schule noch nicht verlassen, denn McGonagall hätte es ihr gesagt. Und Blaise hatte, nicht wie Draco, kein Problem damit, sie zu benachrichtigen, wenn er vorhatte, zu verschwinden.
„Er ist hier irgendwo", versicherte Hermine ihr. Es war ein großes Schloss.
Carmen kräuselte ihre Nase. „Falls du ihn siehst, sag ihm, ich will meine Stinkbomben zurück. Ich habe drei Brüder, und der Sommer ist lang, verstehst du?"
Hermine Mundwinkel hob sich leicht. „Ich sag es ihm."
Bevor sie in Richtung Gryffindor Turm verschwand, winkte sie noch Professor Flitwick und Madame Hooch zu, die beide den Tagespropheten mit einem grimmigen Ausdruck durchblätterten.
