Chapter Forty

Pansy hatte Draco noch niemals so zornig gesehen.

Es war nicht unbedingt der Zorn selbst, der sie überraschte, nein. Es war die Art, wie er zornig wurde. Draco hatte nie viel geschrien und war kein Freund langer Tiraden. Sein Zorn war eher kalt; er bestand aus eisigen Blicken und treffenden Beleidigungen, die Klassenkameraden innerhalb von Sekunden zum Schweigen bringen konnten.

Er beharrte nie auf Dingen, ließ sich keine Stunden über dieselbe Sache aus. Seine Stimmung wechselte von normal zu eiskalt in Sekunden, je nachdem, was es war, dass ihn aufregte.

So war es heute nicht. Es hatte begonnen mit perplexem Schweigen, ehe es im Bruchteil einer Sekunde umgeschlagen war zu fuchsteufelswilder Wut.

Seine Wut kam über sie wie ein brennender, beißender Wind. Es brauchte einiges, um ihr Angst zu machen, aber Draco schaffte es heute ohne Probleme. Sie stotterte, während sie ihm eine Erklärung gab und zuckte jedes Mal zusammen, wenn sich sein vernichtender, glühend heißer Blick aus eisgrauen Augen in ihre brannte. Als sie fertig war, stand sie vor seinem Schreibtisch, die Finger vor ihrem Körper ineinander verknotet, weil sie sonst nicht wusste, was sie mit ihnen anfangen sollte.

Es folgte eine unerträglich lange Pause. Zum ersten Mal in ihrer langen, gemeinsam verbrachten Zeit hatte Pansy tatsächlich Angst vor ihm.

„Draco, ich weiß, ich-"

Sei still."

Der Hass in seiner Stimme trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie musste dem Verlangen widerstehen, zurückzuweichen, als er sich erhob und begann, Runden vor seinem Bett zu beschreiten. Vorher hatte er auf der Matratze gesessen, den Kopf in den Händen vergraben.

„Ich denke, ich verstehe das Wichtigste", murmelte er, mehr zu sich selbst, als zu ihr. „Du wirst mir ein paar Fragen beantworten, Pansy, Liebling. Und dann wirst du so tun, als hättest ich dich nie danach gefragt."

Er wartete, bis sie ihn wieder ansah, ehe er fortfuhr.

„Geh runter zum Abendessen. Der alte Mann ist wieder da und hat anscheinend beschlossen, dass die verbleibenden Schüler an einem Tisch gemeinsam ein letztes Mal essen." Er machte eine Pause, und ein kaltes Grinsen stahl sich auf seine Züge. „Wenn jemand fragt, wo ich, Goyle oder Blaise sind, wirst du sagen, dass wir das Abendessen boykottieren, in Betracht dieser neuen unakzeptablen Tischordnung. Das ist alles, was du weißt. Wenn sie jemanden schicken, um uns zu suchen, dann sollen sie ruhig. Nach dem Essen wirst du dich in deinem Zimmer einschließen, und du wirst für niemanden die Tür aufmachen, außer für mich, Professor Snape oder dem Schulleiter. Parkinson, hast du mich verstanden?"

„Ja."

„Wenn du morgen Zuhause bist, bist du die Sorge deiner Eltern. Ich würde schätzen, sollte dein Vater es schaffen für fünf Minuten nüchtern zu sein, wird er begreifen, was für ein Idiot seine Tochter ist."

An jedem anderen Tag hätte sie ihm ihre Meinung für eine solche Beleidigung gegeigt.

Aber nicht heute Abend. Alles, was ihre Lippen verließ war ein weiteres: „Ja."

„Jetzt ein paar Fragen." Er setzte sich wieder und wirkte, als hätte sein Zorn ihn alle Energie gekostet.

„Wo hat Zabini Goyle hingebracht?"

Sie zögerte, bevor sie sprach. „Ich weiß nicht genau, wo sie hinsollten, aber ich weiß, wie Blaise dorthin gelangt."

Draco betrachtete sie mit einer Mischung aus Neugierde und dunkler Vorahnung im Blick. „Und warum zur Hölle weißt du das?"

Pansy sah ihn nicht mehr, denn sie ertrug den eisigen Blick aus seinen Augen nicht mehr. „Goyle war nicht Blaises erste Wahl, versteht du? Ich… war die erste Wahl."

„Du?", wiederholte Draco verächtlich und lachte auf.

Sie war wütend genug, dass sie vergaß Angst vor ihm zu haben. „Ja, ich! Ist es so schwer zu glauben?"

Draco sah sie nachdenklich an. Und dann griff er vollkommen ruhig nach ihrem Arithmantik Buch, das auf ihrem Nachtisch lag und schleuderte es mit voller Wucht in den Spiegel über ihrem Schreibtisch.

Er zerbrach in tausend Scherben, die von ihrem Schreibtisch auf den Boden rieselten.

Sie keuchte auf und wich an ihre Tür zurück.

„Ist Voldemort so verzweifelt, dass er willig ist siebzehnjährige Mädchen in seinen Rängen zu haben, die nicht einmal Scherben standhalten können?", erkundigte sich Draco sehr ruhig.

Pansy wischte eine Träne von ihrer Wange, die ihrer Selbstbeherrschung entwischt war. „Ich kann nicht behaupten zu wissen, was Voldemort denkt, aber Zabini hat Potential in mir gesehen."

Draco schüttelte den Kopf. „Er hat jemanden gesehen, der willig war seinem Blödsinn zu lauschen. Du hast kein Potential, Pansy. Du hast die Gabe ständig beschützt werden zu müssen." Draco schenkte ihr einen mitleidigen Blick. „Und weißt du, was das aus dir macht?"

Sie schloss ihre Augen. „Ich hasse dich gerade."

„Gut. Wo hat er dich hingebracht."

„Da… da ist ein Baum im Verbotenen Wald. Die Todesser haben Blaise einen Portschlüssel gegeben. Ich habe nicht gesehen, was es war, aber so ist er die ganze Zeit hin und her gereist. Er hat mich dorthin gebracht, an dem Tag, als er mir das Versteck zeigen wollte. Aber ich habe meine Meinung geändert…"

Als Pansy ihre Augen öffnete stand Draco vor ihr. Er umfing ihre Schultern und schüttelte sie sanft. Sie hatte jetzt keine Angst, denn es lag nichts Beunruhigendes in seinem Blick.

„Ist dir klar, was er mit dir hätte machen können, wenn du dich weigerst, mit ihm zu gehen?"

„Ich hatte darüber nachgedacht, ja! Ich kann es nicht erklären, ich bin panisch geworden. Ich wollte es nicht machen. Die einzige Wahl, die ich hatte, war ihm zu zeigen, dass ich kein guter Kandidat mehr war. Dass ich möglicherweise alles für ihn ruinieren könnte, wenn ich einen Fehler mache. Er wusste, dass Goyle Gefühle für mich hatte. Und ich habe gesagt, es sollte bloß einer von uns sein. Nicht beide sollten mitmachen, denn wir würden uns nur ablenken. Draco, er hat mir geglaubt! Und jetzt ist es meine Schuld, dass Goyle anstatt meiner zu ihm gehen musste!" Ein Schluchzer verließ ihren Mund.

Draco hatte wohl entschieden, dass er sie genug bestraft hatte, denn er umarmte sie jetzt. Sie schloss die Augen und lehnte an seiner Brust.

„Goyle wäre so oder so gegangen. Ich bezweifle, dass du seine Meinung hättest ändern können", erwiderte er resignierend.

Sie sprachen über die Möglichkeit der Wahl. Oder die Illusion, eine Wahl zu haben, realisierte Pansy.

Manchmal war es beschissen ein Slytherin zu sein.

Sie entließ die lang angehaltene Luft. „Gibt es wirklich etwas, das Goyle und ich hätten anders machen können? Wenn Blaise uns genug vertraut hat, zu sagen, wer er ist, dann hat er auch Gefolgschaft von erwartet. Wer hätte uns versichern können, dass er uns nicht beide umbringt, wenn wir uns ihm widersetzen?"

„Wann hat dir Blaise erzählt, dass für Voldemort rekrutiert?", fragte Draco jetzt.

„Eine Wochen vor dem Abschlussball. Er hat es Goyle erzählt, nachdem das Dunkle Mal in Hogsmeade gesichtet wurde."

„Hat Goyle mit dir darüber gesprochen?"

„Nein, nicht bis Blaise ihn wohl akzeptiert hatte. Er hatte eigentlich dich gewählt, weißt du? Du solltest es von Anfang an sein. Goyle und ich waren zweite Wahl. Aber Blaise sagte, dir sei nicht zu vertrauen."

Pansy konnte sein Gesicht nicht sehen, aber seine Mundwinkel waren gesunken, als er ihren Rücken streichelte.

„Er hat Recht."

„Was sollen wir tun? Wir können es nicht Dumbeldore sagen. Greg würde sofort ins Gefängnis geschickt!"

„Nicht, wenn ich ihn zurückbringe."

Sie sah ihn verstört an. „Was? Du willst doch wohl nicht alleine gehen!"

Draco kannte nun den Namen desjenigen, der die Schüler rekrutierte. Alles, was er noch zu tun hätte, wäre das Zimmer zu verlassen und im Gemeinschaftsraum über Floh zu verlangen mit Arthur Weasley zu sprechen.

Und dann wäre er frei. Er hätte sein Haus, sein Vermögen. Er hätte sein Leben wieder. Und er hätte die Chance auf eine Zukunft mit Hermine.

Aber er würde diesen Anruf jetzt noch nicht machen. Er würde erst Goyle zurückbringen. Jetzt zu sagen, dass es Blaise war, würde sich auf Pansy auswirken und könnte Goyle ins Gefängnis bringen. Wenn noch irgendetwas in seinem Leben übrig bleiben sollte, nachdem er beendet hatte, was sein Vater begann, dann wären es seine Freunde.

„Ich werde mit Blaise schon fertig."

Pansy war schockiert. „Vergiss den Blaise, den du kennst. Du weißt nicht, zu was er fähig ist. Er ist unheimlich eifersüchtig auf dich. Und was, wenn Goyle nicht zurückkommen will? Du hast ihn nicht gesehen, als er gegangen ist. Er war sich absolut sicher!"

Draco knurrte laut. „Oh, er wird zurückkommen. Wenn ich den verdammten Bastard schocken muss und ihn zurück schweben lasse, er wird zurückkommen. Und keine Sorge wegen Zabini, er wird nicht fähig sein, mir etwas anzutun."

Sie suchte in seinem Gesicht nach einer Erklärung, aber es gab keine Preis. „Was meinst du damit? Ich kann nicht erkennen, wie er dich einfach mit Goyle verschwinden lassen wird!"

Draco spannte die Muskeln seiner linken Schulter an. Diese sechs Jahre alte Verletzung war vielleicht das einzige Manko in seiner sonst exzellenten physischen Kondition, aber heute war er sehr dankbar, dieses Manko zu besitzen.

„Sagen wir einfach, er schuldet mir was."

Ginny Weasley band ihre Haare zum langen Zopf, als sie den Gryffindor Turm verließ. Sie stieß fast mit Harry zusammen, der vor dem Portrait stand. Ihre Haarspange fiel ihr auf den Boden.

„Harry, ich dachte, du wärst schon unten, zum Essen?"

Harry sah sie einen momentlang an, ehe er sich bückte, um ihre Haarspange aufzuheben. „Ich wollte mit Hermine sprechen. Sie ist noch auf ihrem Zimmer, oder?"

„Danke." Ginny griff nach der Haarspange und band sich den Zopf zu Ende. „Sie packt gerade. Wartest du auf sie?"

„Jaah. Sie scheint länger zu brauchen."

Ginny kannte Harry beinahe so gut wie sich selbst. Aber jetzt konnte sie ihn nicht deuten. Diese Erkenntnis beunruhigte sie. „Ist alles in Ordnung?", fragte sie also.

Er war immer sehr verschlossen, wenn er sich Sorgen machte.

Seine Antwort war ein unverfängliches Lächeln, was ihr wohl versichern sollte, dass alles in Ordnung war. „Ich bin zurzeit nur etwas… abgelenkt."

„Verständlicherweise."

Zum Teil war es aus Reflex, zum anderen Teil war es, weil er so traurig aussah, aber Ginny lehnte sich vor und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen.

„Wofür war das?", erkundigte sich Harry.

„Das war ein Dankschön für heute Nachmittag. Dafür, dass du Hermines Neuigkeiten so gut weggesteckt hast. Ron ist immer noch nicht ganz über sie hinweg, weißt du. Ich bin dankbar, dass wenigstens einer von euch über den Tellerrand hinaussehen kann. Ich hatte für Hermine dieses Jahr einfach keine Zeit. Ich kann nicht anders, als zu glauben, dass ich es hätte wissen müssen-"

„Es war ein anstrengendes Jahr", unterbrach er sie neugierig.

Ginny sah ihn wehmütig an. „Es wird so seltsam nächste Jahr, ohne dich. Ohne Ron und Hermine. Ich weiß, wir haben gesagt, wir brauchen eine Pause, aber heute Hermine und Malfoy zu sehen… Zur Hölle Harry, wenn die beiden es versuchen wollen, wieso können wir es dann nicht?"

Sie konnte nicht sagen, warum er plötzlich so siegessicher aussah. Aber dieser kurze Moment war schon verschwunden, bevor sie ihn weiter hätte analysieren können. „Du und ich sind kompliziert", erklärte Harry neutral.

Ginny lachte freudlos auf. „Die Untertreibung des Jahres. Ich nehme an, Alice Crowley ist nicht so kompliziert?"

Harry zuckte die Achseln. „Genauso wenig, wie es Finnigan für dich ist."

Die Spannung, die sich zwischen ihnen bildete wurde durch die lange schweigsame Pause nicht unbedingt gemildert.

„Touché", flüsterte Ginny schließlich. „Das ist eine Unterhaltung, die wir uns für einen anderen Zeitpunkt aufsparen sollten, ok?"

„Das wäre wohl am besten."

Sie hielt das Portrait für ihn offen. „Also, gehst du rein, um Hermine zu holen, oder nicht?", entfuhr es ihr, vielleicht etwas zu genervt, als er immer noch vor ihr stand. Harrys anschließendes Lächeln, war keines, was sie jemals auf seinen Zügen gesehen zu haben glaubte. Er sah aus wie eine Katze, die den Weg zur Milch gefunden hatte.

„Ja, ich denke, das tue ich."

Wie auf der Welt konnte ein normaler Teenager über sieben Jahre so viel Mist angesammelt haben? Hermine hatte den Rest des Nachmittags damit zugebracht ihre unzähligen Habseligkeiten in die Kategorien „Bücher", „Kleidung", „Persönliches" und „Verschiedenes" aufzuteilen.

Bisher könnte der Bücherturm sie tatsächlich zu Tode bringen, würde er jetzt auf sie nieder stürzen, während der „Persönlich" Stapel beschämend überschaubar war. Eine Valentinskarte von Krum lugte aus den Seiten ihres Tagebuchs hervor. Sie lächelte, als sie sie hervor zog und in einen Schuhkarton mit anderen Postkarten und Briefen und vor allem Rons unzähligen Kritzeleien aus dem Unterricht legte. Eine Kritzelei stellte Snape dar, und diese hatte sie fast alle drei Nachsitzen gekostet.

Sie legte gerade ihren Regenmantel zusammengefaltet auf den „Kleidung" Stapel, als es an der Tür klopfte.

„Herein", rief sie. Sie hatte keine Ahnung, wer es sein konnte, denn Ginny war gerade schon zur Großen Halle aufgebrochen, und ansonsten gab es niemanden mehr im Gryffindorgemeinschaftsraum, außer der Schulsprecherin.

Hermine war kurzzeitig sprachlos, als sie Draco im Türrahmen erkannte. Er füllte fast den gesamten Platz aus.

„Draco! Wie bist du hie reingekommen?"

„Potter hat mich reingelassen." Aus verschiedenen Gründen fand sie diese Tatsache komisch.

Draco im Gryffindor Turm zu sehen war fast so, wie einen Eisbären im tropischen Regenwald zu entdecken. Hermine blinzelte, um ihre Gedanken zu sortieren. Er wirkte nachdenklich und sehr feierlich, ganz in schwarz. Und er sah sehr gut aus. Er hatte sich also für das Essen schick gemacht. Der Glückliche. Sie hatte diese Zeit nicht gefunden.

„Ich dachte, Harry wäre schon längst unten. Die Tische sind für den letzten Abend kombiniert worden."

„Habe ich gehört", erwiderte er, und trommelte seine langen Finger gegen seinen Oberschenkel. „Bittest du mich rein, oder sollen wir dieses Gespräch weiterführen, während ich im Korridor stehe?" Seine Stimme hatte einen neckischen Ton angenommen.

Hermine wurde rot. „Natürlich! Komm rein." Wie konnte es sein, dass selbst die simpelsten Dinge mit ihm, sich immer noch unangenehm anfühlten? Es lag wahrscheinlich daran, dass sie an streiten gewohnt waren. Und an nichts sonst. Sie machte Platz auf dem Bett, aber er sagte ihr, dass er lieber stehen würde.

„Ist irgendwas passiert?", fragte sie sofort.

Dracos Gesicht wurde ernst. „Um ehrlich zu sein, ja."

Hermine runzelte die Stirn. „Was ist es?"

„Liebst du mich?"

Sie starrte ihn schockiert an, nicht sicher, ob sie seine Frage vollständig mitbekommen hatte. „Draco?", fragte sie vorsichtig. „Was ist los? Hat es mit deinem Versprechen zu tun?"

„Nichts ist los. Das ist die Stelle an der du die Worte auch zu mir sagst." Wäre sie nicht so aufgewühlt, wäre jetzt der Punkt gekommen, an dem sie das untypische Schmollen in seiner Stimme wahrgenommen hätte.

„Du hast mich überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu sehen, geschweige denn zu hören, was du… gerade gesagt hast." Sie hielt sich auf, bevor sie noch anfangen würde zu plappern. „Ich liebe dich", flüsterte sie und senkte ihren Blick auf ihre Füße.

Sie konnte fühlen, wie die Röte ihre Körpertemperatur in die Höhe trieb.

Das Lächeln, was er ihr als Erwiderung zeigte, entblößte seine weißen Zähne. Er sah aus, als wäre er zehn Jahre alt. „Du hast keine Ahnung, wie gut es ist, diese Worte von dir zu hören." Er streckte ihr seine Hand entgegen. „Ich würde dir gerne etwas zeigen. Komm mit mir."

Hermines Augenbraue hob sich. „Jetzt? Was ist mit dem Abendessen?"

„Scheiß drauf. Es dauert nicht lange", versicherte er ihr. Es war so typisch von ihm. Typisch Draco. Hermine konnte nicht anders, als zu grinsen. Sie wollte nicht zu zufrieden erscheinen, dass er sie so kurz nach ihrem Zusammentreffen heute Nachmittag aufgesucht hatte, aber sie war überwältigt vor Freude.

„Okay, gib mir eine Sekunde." Hermine versuchte, ihren Schrankkoffer zu schließen, aber die unglaubliche Menge an Kleidung machte es fast unmöglich. Sie setzte sich auf den Koffer. „Übrigens habe ich ein kleines Rätsel gelöst, heute Nachmittag."

„Und was für Rätsel wäre das?", erkundigte er sich und lehnte an der geschlossenen Tür.

Sie lächelte. „Der Ursprung deiner… äh… Düngemittel Werbung."

Eine Sekunde verstrich. Zwei Sekunden… drei, dreieinhalb. „Ist das so?"

Die kurze Verzögerung seiner Antwort, war alles, was sie brauchte. Er hatte keine Ahnung von der Nutrisoil Kappe.

Die Tatsache, dass Hermine gerade nicht mit Draco sprach erschlug sie wie ein Klatscher in voller Fahrt. Das Blut gefror in ihren Adern. Sie hoffte, er würde nicht merken, wie die Farbe von ihrem Gesicht verschwand. Ihre Augen wanderten über seine Schulter, dort hing ihre Robe. Und sie hoffte der Blick wirkte natürlich.

Sie hatte ihren Zauberstab in der linken Tasche, und die hölzerne Spitze war sichtbar.

Harry konnte den Accio zauberstablos ausführen.

Schade, dass sie nicht Harry Potter war.

„Brauchst du damit Hilfe?", sagte er und deutete auf den Koffer, den sie alleine nicht zubekam.

Verdammt. Plötzlich wünschte sie sich Lavenders Naivität oder Pansys Mauer aus Gleichgültigkeit herbei. Ihr eigenes Misstrauen würde ihr noch ihr Grab schaufeln. Sie vermied es, dem Betrüger direkt in die Augen zu sehen, denn ihre Furcht wäre das erste, was sie verraten würde.

Ihn zu bitten, ihr zu helfen, würde ihn aus dem direkten Weg auf ihren Zauberstab locken.

„Ja, bitte." Ihr Lächeln war nervös, aber es war immer noch ein Lächeln. „Ich wusste nicht, dass ich so lausig im Packen bin."

Er kam zu ihr und beugte sich über den Koffer. Dem Betrüger so nahe zu sein, bestätigte Hermines Misstrauen. Alles an ihm schrie praktisch, dass er nicht Draco war. Es war unglaublich, wie viel von Draco sie tatsächlich fühlen konnte, denn von diesem Fremden ging absolut kein Gefühl aus.

Er roch auch nicht wie Draco, aber von ihm ging ein beunruhigend bekannter Duft aus, der Hermine noch zehnmal mehr Angst einjagte.

Klick. Der Koffer schnappte zu.

„Hier. Alles zu", erklärte er.

Als sie irgendetwas Unverständliches murmelte und auf direktem Wege zu ihrem Zauberstab wollte, umfing er ihren Arm und zog sie an sich, um ihren Nacken zu küssen.

Hermine erinnerte sich wieder, wie groß Draco war. Wie viel Stärker im Vergleich zu ihr. Wie hilflos sie sich gefühlt hatte, wann immer er diese Kraft gegen sie angewandt hatte. Sie fühlte speziell daran erinnert, denn jetzt gerade war es nicht Draco Malfoy, der diese Kraft gegen sie anwandte.

Spiel mit oder flieg auf.

Sie war sicher, solange sie innerhalb der Schlossmauern blieb. Professor Lupin hatte alles in seiner Macht stehende versucht, ihnen einzutrichtern, dass – egal, was passierte – sie sich nicht an einen anderen Ort bringen lassen sollten.

Wo war Draco? Ging es ihm gut? Der Betrüger hatte gesagt, Harry hätte ihn reingelassen. War Harry verletzt? Es musste Vielsafttrank sein. Wer auch immer es war, es musste jemand sein, der über ihre Beziehung zu Malfoy Bescheid wusste. Wusste sie sonst nichts über den Betrüger, dann war das zumindest das einzige.

Hermine zwang die Steifheit aus ihren Gliedern und erlaubte ihm, sie zu halten.

Dadurch fühlte er sich angespornt. Zu ihrem großen Horror legte er den Finger unter ihr Kinn und hob ihren Kopf an, um sie zu küssen.

Jeder Muskel in ihrem Körper war bereit zur Flucht anzusetzen, aber sie blieb vollkommen still. Nach einer Minute, nachdem er sie fast sanft geküsst hatte, fühlte sie seine Zunge vor ihren verschlossenen Lippen um Einlass bitten. Ihr Abscheu würde sie noch verraten.

Hermine drückte leicht seine Schultern, und hoffte, es wäre eine subtile Botschaft für ihn, aufzuhören.

Aber das tat er nicht.

Sie fühlte Dracos große Hand gegen ihren Hinterkopf gepresst, während er mehr Druck auf ihren Mund ausübte. Hatte es fragend begonnen, so war es jetzt hart und verletzend. Sie wehrte sich, versuchte ihren Kopf wegzuziehen, während sie ihre Hände gegen seine Brust presste.

Nein!" Und zu ihrer Erleichterung ließ er von ihr ab.

Er wusste, dass sie es wusste. Der wissende Blick auf seinem Gesicht zeigte es ihr. Selbst in seiner schlimmsten Verfassung konnte Hermine sich nicht daran erinnern, dass Draco sie jemals so bösartig angesehen hatte.

Der Betrüger schnaubte auf, befeuchtete seine Lippen nachdenklich. „Ja, ich dachte mir schon, dass ich damit mein Glück aufs Spiel setze."

„Wer bist du?", verlangte Hermine zu wissen. Sie überlegte, ob sie seinen Geschmack ausspucken sollte, aber das würde ihn wahrscheinlich nur noch zorniger machen.

Er tat so als wäre er verletzt. „Ich bin der Mann, den du liebst. Oder bist du so sprunghaft, dass du das zu jedem Mann sagst, zu dem du dich hingezogen fühlst?" Seine Stimme hatte einen säuerlichen Ton angenommen.

Er griff nach seinem Zauberstab.

Nein. Sie setzte an zum Sprint, um ihren eigen Zauberstab zu holen, aber er fing sie sehr schnell um die Hüfte ab und warf sie hart zurück aufs Bett.

Sie wehrte sich, auf der Suche nach einer Waffe, aber ihr Schreibtisch war zu weit weg. Der Betrüger war über ihr, ehe sie treten oder schreien konnte. Nicht, dass sie jemand gehört hätte. Seine Hand legte sich über ihren Mund und sie starrte hinauf in Dracos klare graue Augen. Es waren nicht die Augen, die sie kannte.

„Ich mag dich sehr, Hermine. Aber mir ist meine eigene Haut dennoch wichtiger. Und ich werde nicht zögern, dich zu verletzen, wenn ich es muss. Das verstehst du, oder? Nick einmal, wenn du es verstehst."

Sie nickte… und bewegte leicht ihr rechtes Knie, um zu testen, mit wie viel Gewicht er auf ihr lag. Sie war fast erleichtert, dass er eher auf ihrem linken Bein und Hüfte lag. Ihre Hände hielt er fest, aber sie brauchte sie nicht.

Noch nicht.

Der Betrüger lächelte über ihre Akzeptanz. „Wir machen Fortschritte, denke ich."

Es war unmöglich, nicht den Mund zu verziehen, als er den Kopf senkte, um einen feuchten Kuss auf ihrer Wange zu platzieren. „Du hast keine Ahnung, wie lange ich schon darauf warte, das zu tun", raunte er heiser.

Dracos neckende Worte, nachdem sie bei Arne Hendricks in der Nokturn Gasse waren, kamen ihr ins Gedächtnis.

Hat deine Mutter dir nie beigebracht dein Knie zu benutzen?

Das hatte Mrs Granger auf jeden Fall getan!

Hermine riss ihr Knie nach oben direkt in den Schritt des Betrügers.

Der selbstgefällige Ausdruck auf seinem Gesicht verschwand und er kippte zur Seite.

Sie zögerte keine weitere Sekunde, rollte ihn komplett von sich runter und sprang von ihrem Bett. Am Rande nahm sie war, dass er ihre Hand nach ihr ausgestreckt hatte, aber er verfehlte sie.

Nach drei Schritte zur Tür! Ihre Finger hatten sich um das vertraute Holz ihres Zauberstabs geschlossen, als sie den Befehl hörte, der sie stillstehen ließ.

„IMPERIO!"