~ Chapter Forty-One ~
Malfoy Manor, 1992
„Ich fordere dich heraus!"
Draco zog eine Grimasse. „Ich denke, das ist keine so gute Idee."
Blaise lachte. Es war ein glockenhelles, ansteckendes Lachen, dass angenehm durch den Holzvertäfelten Saal hallte. „Das hier ist keine gute Idee mehr, seit wir die Kiste geöffnet haben, Malfoy. Was ist dein Sinn für Abenteuer?"
Draco hatte keine Lust Blaise zu erklären, dass sein Sinn für Abenteuer direkt mit der Distanz verknüpft war, wie weit sein Vater gerade weg war.
Blaise Vater, Anton, besuchte gerade das Herrenhaus, um mit seinem Vater über Geschäftliches zu sprechen. Beide Männer hockten in Lucius' Lieblingsstudierzimmer, während sie anscheinend über Galleonen und den Import sprachen und wie man beides am besten miteinander verbinden konnte. Narzissa war in der Küche und inspizierte das perfekt trainierte Hauselfen-Team an Köchen, die gerade das Abendessen zubereiteten. Sein Vater erwartete noch weitere Geschäftskollegen im Laufe des Abends. Pansy würde auch mit ihrem Vater kommen. Draco interessierte sich nicht an Pansys Anwesenheit, aber sie hatte ihn informiert, dass es tonnenweise Neuigkeiten gäbe, über die sie berichten wollte. Er konnte sich nicht vorstellen, was sie für Neuigkeiten haben sollte, denn er bekam nicht weniger als drei Briefe pro Wochen von ihr, seitdem die Schulzeit dieses Jahr seit einem Monat vorüber war.
Den Jungen war aufgetragen worden, sich anderweitig zu beschäftigen.
Und das taten sie auch, seitdem Draco mit gewisser Überlegenheit fallen gelassen hatte, dass sich Lucius seit neuestem im Besitz eines original Salazar Slytherin Artefakts befand. Nach näheren Betrachtungen, des definitiv illegalen Artefakts, was sich zurzeit in einem der unteren Säle befand, war Blaise außer sich vor Neugierde. Sie hatten ihre Besen draußen gelassen und waren durch Dracos Schlafzimmerfenster wieder ins Haus geklettert. Blaise kicherte die gesamte Zeit über und war von Draco ein tausendmal ermahnt worden still zu sein, obwohl er sich selber kaum beherrschen konnte.
„Es ist abscheulich", sagte Draco, als sie aus der Kiste geholt hatten.
„Ich denke, es ist ziemlich cool", widersprach Blaise.
Die Jungen wanderten um das Artefakt. Es sah aus wie eine große Urne aus Ton, beinahe so groß wie Blaise und Draco, die fast dieselbe Größe besaßen. Die Urne besaß am oberen Rand vier geschnitzte Löcher. Es war unmöglich etwas im Innern zu erkennen. Es wirkte wie eine große Dunkelheit, was fast unmöglich war, denn Draco hatte seinen Zauberstab bereits an eines der Löcher gehalten, um hinein zu leuchten.
Nichts als finstere Dunkelheit. Dicke, schwarze gewundene Schlangen waren rund um die Urne geschnitzt. Sie zischelten mit ihren gespaltenen Zungen jedes Mal in Richtung der Jungen, wenn sie der Urne zu nahe kamen. Auch Runen waren der Urne hinzugefügt worden, aber sie waren erst im zweiten Jahr, und Alte Runen hatten sie noch nicht. Blaise hatte vorgeschlagen, ein Buch zu Hilfe zu nehmen, aber alle passenden Texte befanden sich in der westlichen Bibliothek, und um dahin zu gelangen, mussten sie an ihren Vätern vorbei.
„Wofür hat es Slytherin wohl gebraucht?"
Draco zuckte die Achseln. „Wahrscheinlich um die Sklaven von den Potentiellen zu unterscheiden."
Blaise rümpfte die Nase. „Ja, ein Test, um die loyalen von den unloyalen zu unterscheiden wäre nützlich."
„Nicht für die unloyalen. Ich habe gehört, es bringt dich um, wenn du versagst. Soweit ich es verstehe, steckst du deine Hand hinein. Wenn du wirklich loyal bist, passiert nichts. Wenn nicht, wird es unangenehm."
„Was für eine Art von unangenehm?", wollte Blaise interessiert wissen.
„Keine Ahnung. Vielleicht bekommst du rote Haare und Sommersprossen, wie ein Weasley."
Blaise würgte laut. „Da ziehe ich den Tod vor."
Draco musste grinsen. „Ich auch."
„Ich frage mich, was im Innern ist…"
„Zabini, kommst du davon bitte weg? Wir dürfen überhaupt nicht hier sein! Wenn mein Vater-"
„Sag ihm einfach, es war meine Idee."
Draco schnaubte auf. „Das kann ich wohl kaum beweisen, wenn du tot bist!"
Blaise schenkte ihm einen selbstsicheren Blick. „Keine Angst, ich bin loyal, mir passiert nicht."
Zu Dracos Schrecken schob Blaise einen Arm durch das Loch, bis zum Ellbogen. Die Urne war dazu da, ausgewachsene Menschen zu prüfen, bestimmt nicht Jungen, aber Draco bemerkte, dass, folgte man den Regeln der Muggelphysik, Blaises Hand auf der anderen Seite der Urne wieder hätte herausragen müssen. Aber das tat sie nicht.
Nichts passierte innerhalb der nächsten drei Herzschläge. Und dann:
Blaise keuchte kurz auf und erstarrte dann.
Draco eilte zu ihm. „Was ist?"
„Ich weiß nicht. Es… fühlt sich kalt an."
„Ok, das reicht! Hol den Arm raus, Zabini!"
„Warum? Es passiert überhaupt nichts. Vielleicht ist es nur ein-"
Blaise schaffte es nicht den Satz zu beenden. Ihm entfuhr ein Schrei, der Draco das Blut gefrieren ließ, als sein kompletter Arm plötzlich durch das Loch der Urne ins Innere gesogen wurde. Er versuchte, ihn rauszuziehen, aber es schien, als würde Blaise festgehalten. Alarmiert stürzte Draco nach vorne und hielt seinen Freund festumschlungen. Er zog so hart er konnte, schaffte es aber nicht.
Blaise rutschte an der Urne hinab, und nur sein gefangener Arm hielt ihn aufrecht.
„Was ist los? Was passiert?", wollte Draco wissen, aber Blaise war nicht in der Verfassung, ihm zu antworten. Zu Dracos Schrecken konnte er aber sehen, was passierte. Jeder Ader in Blaises Gesicht, schien heller zu leuchten. Blaises Augen waren in den Kopf zurückgerollt. Er wirkte steif und abwesend. Die Urne schien das Leben aus ihm rauszusaugen.
Durch Blaises Schrei aufgeschreckt waren beide Väter ins Zimmer gestürzt.
Es war ein recht weiter Weg, und beide Männer wirkten außer Atem.
Lucius betrachtete die Szene vor sich und fluchte unterdrückt. Er schubste Draco aus dem Weg, griff nach einem Schüreisen aus dem Kamin und schwang es mit voller Kraft gegen die Urne. Aber nicht mal ein Haarriss erschien auf der Oberfläche. Er versuchte es erneut. Wieder nichts. Die Schlangen auf der Außenseite zischten boshaft. Lucius ließ das Schüreisen fallen und begann nun, wie Draco vorher, mit seinen eigenen Händen an Blaises Arm zu ziehen. Er hatte genauso viel Glück wie Draco. Blaises Arm schien mit der Urne verbunden zu sein. Dann sprach Lucius viele Formeln, Draco hatte Mühe sie alle zu verstehen, so schnell und leise beschwor Lucius irgendwelche magischen Kräfte. Aber nichts geschah. Und Blaise schien an der Schwelle des Todes zu stehen.
Anton Zabini wirkte völlig abwesend. Draco sah, dass r sich nicht bewegte und nicht einmal versuchte, sich seinem Sohn oder der Urne zu nähern.
„Malfoy, zur Hölle… TU ETWAS!"
Lucius ließ den Zauberstab sinken. „Was schlägst du vor, Anton? Du weißt genauso gut wie ich, dass es ihn nicht freigeben wird, bis es fertig ist!"
Beide Männer standen stumm und starrten auf die Urne. Anton keuchte auf.
Draco konnte es nicht fassen. Wieso standen sie einfach nur da? Wieso stellten sie es nicht ab? Ängstlich, aber mit dem Wissen, dass er etwas tun musste, bevor die Urne mit Blaise fertig war, sprang Draco nach vorne und schob seinen eigenen Arm durch eines der Löcher der Urne.
Er hörte den Schrei seines Vaters, und Lucius griff hart nach seinem anderen Arm.
Blaise hatte recht. Es war wie, seinen Arm in Eis zu stecken. Es fühlte sich an, als würde sein Arm direkt von seiner Schulter abgerissen. Er heulte auf vor Schmerz, und gerade als er dachte, dass dieses loyale Denken von ihm ein Fehler gewesen war, und er sicher war, die Urne würde nicht aufhören, spürte er Blaises Fingerspitzen an seinen eigenen. Die Hand seines Freunds fühlte sich knochig und kalt an.
Sobald Draco ihn richtig zu fassen bekam, hielt er ihn fest, als ginge es um Leben und Tod.
Augenblicklich war Blaise erlöst, und die Urne gab ihn frei. Die Kraft, die er auf Dracos Hand ausübte, kugelte ihm die Schulter sofort aus dem Gelenk.
Der Schmerz war unbeschreiblich.
Die Jungen erwachten später in einem privaten Krankenzimmer im Sankt Mungo. Es musste also wirklich schlimm gewesen sein, wenn Lucius sie hier hatte hinbringen müssen. Alle alten Familien bevorzugten den Hausheiler.
Eine ältere Heilerin in einem blauen Kittel kam zu ihnen, betrachtete sie und drückte sie an verschiedenen Stellen, ehe sie ankündigte, dass sie jetzt die Eltern rein schicken würde. Draco wünschte sich, sie würde das nicht tun. Er war nicht besonders scharf auf den Zorn seines Vaters.
Blaise setzte sich in seinem Bett auf. Er sah noch immer schrecklich aus. Sein Gesicht war noch eingefallen, und dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. Draco war sich sicher, dass er den Anblick eines Blaises, dem das Leben ausgesogen wurde nicht wirklich schnell würde vergessen können.
„Hey."
„Hey."
„Du hast mir das Leben gerettet", informierte ihn Blaise mit heiserer Stimme.
Draco sah ihn grimmig an. Er war noch ziemlich sauer auf ihn. „Ja, ich habe dich vor der Lebenssaugenden Todes-Vase bewahrt. Ich hoffe, dir ist klar, wie viel Ärger ich jetzt bekommen werde."
Blaise dunkle Augen wirkten noch schwärzer in dem blassen Gesicht. „Das ist eine Zauberer-Schuld, Malfoy. Ich schulde dir wirklich etwas."
„Ja, ja! Ich habe fast meinen Arm wegen dir verloren, Zabini! Meinen verdammten Arm! Hast du gehört, was sie gesagt hat? Es wird nie mehr komplett heilen. Wie soll ich Quidditch mit nur einem Arm spielen, hm?"
Der andere Junge fand, dass es kein zu großer Preis zu zahlen war, bedachte man die Offenbarung, die Draco widerfahren war. Er hatte einen fast manischen Blick in den Augen. „Begreifst du nicht? Du hast den Test bestanden. Du bist loyal."
„Oh verfluchter Hagrid, na und?"
„Draco?"
„Was?" Draco war damit beschäftigt sein Kissen mit nur einer Hand aufzuschütteln. Er würd jetzt gerne seine Mutter hier haben. Niemand konnte Kissen aufschütteln so wie sie.
„Kannst du bitte keinem erzählen, was heute passiert ist?"
Als ob Draco losrennen würde und jedem von dem top geheimen Artefakt erzählen würde, dass sein Vater zuhause versteckt hielt. Aber ihn interessierten Blaises Beweggründe. „Warum nicht?"
Blaise sah ihn an, als ob es völlig offensichtlich wäre. „Weil ich den Test nicht bestanden habe. Weil ich nicht loyal bin, so wie du."
Loyal wem oder was gegenüber, fragte sie Draco. Hätte er die Frage laut gestellt, wäre sie rhetorisch gewesen, denn er wusste, Blaise kannte die Antwort auf die Frage auch nicht.
Und Draco konnte sich entsinnen, dass auch nur einer der Väter versucht hatte, was er versucht hatte. Wieso nicht? Besonders Anton Zabini war noch ängstlicher gewesen. Sein einziger Sohn war im Begriff gewesen zu sterben, und er hatte Angst gehabt.
Draco fragte sich, ob Lucius seine Hand hinein gesteckt hätte, wäre es Draco gewesen, der gefangen gewesen war. Diese Geste anzuzweifeln, war ein erschreckender Gedanke.
Vielleicht testete die Urne nicht Loyalität. Sondern Vertrauen.
Ginnys sorgenvolle Gedanken galten Harry, als sie die Große Halle für das letzte Essen betrat. Dumbledore hatte seine Drohung wahrgemacht. Die ein Dutzend Schüler, die übrig waren, saßen nun am Slytherintisch, über dem eine diplomatisch weiße Tischdecke lag. Zuerst gab es Suppe, und die war bereits serviert. Sie nickte ihrem Bruder abwesend zu und kam zu einem jähen Halt, als sie Harry erblickte.
„Harry?", entfuhr es ihr heiser. „Wann bist du… wie hast du-?"
Harry legte sein Brötchen zur Seite, um sie zu fragen, ob Hermine noch viel länger brauchen würde.
Harrys erstaunter Blick und die Tatsache, dass er noch seine zerknautschte Uniform trug, die immer noch durch das Zusammentreffen mit Ron und Draco vom Nachmittag beschädigt war, ließ sie keuchen. Sie berührte ihre Lippen leicht mit ihren Fingerspitzen, und Horror trat in ihren Blick.
„Ginny?", sagte Harry erneut, und Besorgnis trat in seinen Blick. Sie antwortete ihm nicht, denn sie rannte zum Lehrertisch.
„Professor Dumbledore, es befindet sich ein Eindringling im Schloss!", informierte Ginny den Schulleiter atemlos.
Es war still genug in der Großen Halle, dass jeder ihre Worte hören konnte. Alle Geräusche kamen zu einem jähen Ende, und Tandish Dodders ließ seinen Löffel fallen.
„Was meinen Sie damit, Miss Weasley?", wollte Albus Dumbledore mit tödlicher Präzision wissen.
„Ich habe gerade jemanden in den Gryffindor Gemeinschaftsraum gelassen, weil ich dachte es wäre Harry. Und.. es war Harry, aber es kann nicht sein, denn Harry ist ja hier!" Sie deutete heftig auf den verblüfften Harry am Tisch. „Professor, Hermine Granger ist noch oben!"
Dumbledore war sofort auf den Beinen. „Minerva, fragen Sie bitte nach Alastor Moody. Er sollte im Ministerium sein. Wenn nicht, fragen sie nach Kingsley Shacklebolt. Remus, Severus, wenn Sie mich bitte zum Gryffindor Turm begleiten würden?"
Snape überprüfte die anwesenden Schüler. „Wir vermissen außerdem ein paar Kapitäne unter anderem. Miss Parkinson!", schnappte er, und seine Augen bohrten sich in die Augen der einzig anwesenden Siebtklässlerin aus Slytherin. „Wo sind Malfoy, Zabini und Gregory Goyle?"
Pansy starrte in ihre Erbsensuppe und seufzte.
Hermine…
Etwas lief ganz falsch. Ohne es zu wollen, hatte Draco auf dem Absatz kehrt gemacht und rannte die Schlossstufen empor, ehe er sich aufhalten konnte.
Was tue ich hier?
Er schüttelte den Kopf, um das seltsame Gefühl loszuwerden, Hermine finden zu müssen, um zu sehen, dass es ihr gut ging. Natürlich ging es ihr gut. Sie war auf Hogwarts. Dumbledore war hier. Die Auroren hatten die Schule gerade verlassen, und Potter wusste, er hatte auf sie auszupassen.
Sie war sicher.
Wieso fühlte es sich dann an, als wäre ich gerade in einen Abgrund gefallen und hätte kurz vor dem Aufprall gestoppt?
Verdammt, er konnte nicht mehr richtig denken.
Fokus, Malfoy. Der Stress holte ihn ein. Es machte Sinn, dass er sich um sie sorgte. Hermine war immer besorgniserregend, oder nicht? Je schneller er mit Goyle wiederkam, umso schneller konnte er sein Leben beginnen, ohne das Ministerium mit seinem verdammten Vertrag im Genick sitzen zu haben. Er konnte den Rest seines Lebens damit verbringen, sich in Ruhe um sie zu sorgen. Draco lächelte fast über diese Ironie.
Er zog erneut Pansy schlechte Version einer Karte hervor und beleuchtete sie mit dem Zauberstab. Pansy war nicht halb so präzise wie Hermine es mit der Karte von Hogsmeade gewesen war, nach dem das Dunkle Mal erschienen war. Draco atmete entnervt auf. Sollte die Karte ansatzweise im Maßstab stimmen, dann würde Hogwarts, nach Pansys Rechnung, den halben Verbotenen Wald belegen, und der See wäre nur eine lästige Pfütze neben Hogsmeade. Nach seiner Kalkulation handelte es sich um eine acht Minuten Entfernung vom Schloss. Jedenfalls bei seinem Tempo.
Pansy hatte fünfzehn Minuten kalkuliert. Der Kompass-Spruch bestätigte ihm, dass er ungefähr da war, wo er sein sollte.
Draco zog die Kapuze vom Kopf und drehte sich einmal um sich selbst. Welche verdammte Eberesche? Alles, was er sehen konnte waren Eichen und Weiden und eine ganze Menge mehr an Bäumen. Er stopfte die Karte zurück in seine Hosentasche und überlegte, was Pansy noch gesagt hatte.
Du wirst nicht wissen, wo es ist, bevor du da bist. Es überrascht dich irgendwie.
Fantastisch. Er stellte sich einen gruseligen Baum vor, der auf Zehenspitzen hinter Möchtegern Todessern hinterher schlich, die nach diesem Baum suchten.
Und gerade als er das dachte, passierte es. Draco entfuhr ein erschrockenes Geräusch, denn Pansy hatte recht gehabt. Er hatte diese präzise Stelle bestimmt schon dreimal betrachtete, aber der Baum musste die ganze Zeit da gewesen sein.
Es war tatsächlich eine Eberesche. Ein gruseliges Abbild der Peitschenden Weide.
Vorsichtig näherte Draco sich dem Baum und hielt Ausschau nach einem Portschlüssel. Die Äste konnte keine Portschlüssel sein, oder? Er glaubte nicht, dass es möglich wäre, ein lebendiges Wesen zu benutzen. Nach einem tiefen Atemzug legte er die Hand gegen den Stamm. Fast war er erleichtert, dass nichts passierte.
War es seine Einbildung, oder schien sich der Baum unter seiner Berührung gestört zu bewegen?
„Schon gut, netter Baum", murmelte er und tätschelte den Stamm. Wahrscheinlich wäre es am besten, den Baum nicht aufzuregen. Die Äste wirkten stark genug, um ihn zu umschlingen und den ganzen Weg zurück zum Schloss zu werfen. Kurz zögerte er und begann schließlich den Stamm sanft zu streicheln.
Der Baum erschauderte und einige Blätter rauschten zu Boden. Er fragte sich, ob der Baum gegenüber jedem so reagieren würde oder nur gegenüber potentiellen Todessern. Und ihren Nachkommen, fügte er in Gedanken hinzu.
Gerade als er überlegte, aufzugeben, hörte er ein lautes Knacken über sich. Die obersten Äste teilten sich. Irgendetwas fing das Mondlicht ein und glitzerte hell gegen die dunkelroten Blüten. Eine dicke goldene Kette bewegte sich leicht im Wind über ihm.
War das eine Kette? Nein, eine Münze. Draco wusste, er hatte den Portschlüssel gefunden. Hoch, herausfordernd über ihm.
Der Baum schien nicht in der Stimmung zu sein, ihm die Kette anzubieten.
Er würde klettern müssen.
Und mit einem tiefen Seufzer rollte Draco seine Ärmel nach oben. Du kannst mich, Goyle. Du kannst mich kreuzweise, bis es weh tut.
Portschlüssel waren komplizierte Magie. Sie involvierten ein Verständnis von Perimetern und exakter Messung. Für einen Muggel-Laien bedeutete es, dass man höher Mathematik beherrschen sollte, um zu begreifen, wie stark ein Spruch dosiert werden sollte, um an der exakt berechneten Stelle auszukommen. Sehr viel Energie war dafür nötig, und deshalb wurde das Ziel möglichst nicht in stark bevölkerten Gegenden gesetzt.
Und mögliche Fehler variierten. Leute konnten einige Kilometer entfernt auftauchen oder eben exakt an der geplanten Stelle, ohne eine Handtasche oder einen Schuh (oder in dem einen veröffentlichen Fall sogar eine Nase). Auf Grund dieser Fehler unterlag das Erstellen von Portschlüsseln so strengen Richtlinien des Ministeriums, dass diese für den Quidditch World Cup drei Monate Zeit gebraucht haben, um alle akkuraten Landepunkte zu berechnen.
Draco hasste es mit Portschlüsseln zu reisen.
Die Vorteile überwogen schließlich, aber der große Nachteil war, dass man sich fühlte, wie an einem riesigen Haken, der alle Eingeweide sadistisch zu sich zog, und das über kilometerweite Entfernungen. Außerdem hatte es Draco noch nie geschafft elegant auf seinen Füßen zu landen.
Es war ihm ein Rätsel.
Er bewegte sich elegant genug auf seinen Beinen, noch eindrucksvoller in der Luft, aber er schaffte es jedes Mal flach auf seinem Hintern zu landen, jedes Mal wenn er einen Portschlüssel benutzte.
Und dieses Mal war es nicht anders. Draco fiel unspektakulär auf einen Haufen Erde zwischen vielen Bäumen. Er hätte genauso gut noch im Verbotenen Wald sein können, denn es sah hier nicht großartig anders aus. Er verzog das Gesicht und erhob sich eilig, den Zauberstab bereit. Er zog die Kapuze wieder über seine hellen Haare und ging hinter einem Baum in Deckung.
Die Lage war soweit sicher. Allerdings sagten ihm die vielen Fußabdrücke auf der Erde, dass dieser Weg oft benutzt wurde. Am besten verließ er diesen Trampelpfad, bevor der nächste Wanderer auftauchte.
Draco klopfte sich den Dreck vom Umhang und stellte fest, dass er nicht besonders weit gereist war, der Position des Mondes nach zu urteilen und der Vegetation, des Wetters und der bekannten Luft. Er stellte fest, dass nicht weit, eine Muggel Schnellstraße angelegt worden war. Außerdem eine viel befahrene. Er konnte die Geräusche jedoch nur hören, wenn der Wind sich drehte.
Als er sich orientiert hatte, stellte er fest, dass er sich am Fuße einer Anhöhe befand. Nach einem kurzen Fußmarsch nach oben wurde die Vegetation weniger und wandelte sich in eine steinerne Wüste. Er erkannte eine Art Schloss, vier Stockwerke hoch. Bei näherem Hinsehen musste er jedoch zugeben, dass es wohl eher ein größeres Herrenhaus abgeben konnte, als wirklich ein Schloss.
Draco wartete hinter den letzten Bäumen ab und beobachtete die Umgebung. Es sah nicht so aus, als ob Wachen vor dem Gemäuer formiert waren, aber er erkannte Licht hinter den oberen Fenstern.
Jemand war also zuhause. Er erkannte keine Bewegung hinter den Fenstern, aber das bedeutete nicht, dass die Bastarde keinen Schutz gestellt hatten. Von seiner Position aus überlegte er, welchen Spruch er anwenden konnte.
„Fumeus Acclaro!", flüsterte er, nach einigen Sekunden.
Ein leichter Nebel löste sich von der Spitze seines Zauberstabs und er hielt den Zauberstab nahe über den Boden. Der Nebel schlich weiter nach vorne zu den Steinmauern des Gebäudes. Merlin sei Dank gab es keine weiteren Hindernisse, oder der Nebel hätte davor gestoppt.
So weit so gut.
Ein Teil in ihm war komplett versteinert vor Angst. Aber war sehr weit hinten in seinem Kopf. Still, grimmig und stoisch. Aber etwas anderes hatte von ihm Besitz ergriffen. Eine Eigenschaft, von der er wusste, dass er sie besaß, aber welche er erst zu wenigen Anlässen genutzt hatte. Wer hätte es gedacht? Vielleicht lag es ihm im Blut? Der logische Teil seines Gehirns schrie praktisch vor Gefahr, Risiko und Konsequenzen, aber der andere Teil in ihm beruhigte seinen Atem, hielt ihn wachsam und bereit und versicherte ihm, dass seine Aufgabe zu meistern war, wenn er einen kühlen Kopf behielt.
Er wartete bis einige Wolken sich vor den Mond schoben, bevor er einen Sprint zu der Mauer hinlegte. Er presste sich flach gegen sie und streckte die Hand aus, um den Türgriff zu erreichen.
Es war abgeschlossen. Ja, natürlich war es das. Nach einer Sekunde hechtete er zur anderen Seite und verbarg sich hinter einem vermoosten Stein. Es fühlte sich kalt an seiner Haut an. Selbst durch den Umhang und seine Sachen. In der Nähe schuhute eine Eule. Er hörte kratzende und knackende Geräusche aus dem nahen Wald, aber es war nichts Ungewöhnliches. Vor allem bot es Hintergrundgeräusche.
Er verließ sein Versteck, um die Wand hinauszusehen. Vielleicht stand noch ein Fenster offen? Wie sich herausstellte, brauchte er gar nicht so weit zu denken. Er entdeckte ein mannsgroßes Loch in der Mauer, das in einen leeren Raum führte. Selbst von hier konnte er die toten Blätter ausmachen, die auf dem Boden lagen. Wer auch immer dieses Anwesen benutzte scherte sich nicht besonders um Hausarbeiten oder überhaupt um entsprechende Sicherheit. Aber dann wiederum war es wohl die größere Aufgabe, das Anwesen überhaupt zu finden.
Draco wandte den Leviosa auf sich selber an, manövrierte sich in das Loch und zog den Kopf ein, während er prüfte, ob wirklich niemand im Inneren war.
Wo waren alle? Er hörte die Geräusche. Jemand hatte eine Tür weiter hinten geöffnet oder gerade geschlossen. Er hörte eine männliche Stimme. Eindringlich und schnell, gefolgt von raschen Schritten. Schnell betrat er das Zimmer und verzog das Gesicht, ob der Geräusche, die seine Schuhe auf dem Teppich an verdorrten Blättern hinterließen. Dankenswerterweise hatte der Wind wieder zu rauschen angefangen. Mehr Blätter wehten von draußen hinein.
Die Schritte kamen näher. Wer immer es auch war, war nicht gerade leichtfüßig. Aber die mächtigen Schritte kamen ihm bekannt vor. Draco duckte sich in die Dunkelheit eines gefallenen Balkens.
Und kam in greifbare Nähe einer Doxy-Familie. Sie freuten sich ähnlich ihn zu sehen, wie umgekehrt. Der größte von ihnen, ein muskulöses, schwarzes, haariges Ding, der der Anführer der Familie zu sein schien, wagte sich vor und knabberte probehalber an Dracos Schuhspitzen. Aber damit schien die Frustration auch schon besiegt, denn die Familie verzog sich, einige Meter höher, hinter einen weiteren Balken. Draco horchte beinahe schmerzhaft auf die sich nähernden Geräusche.
Es war Goyle! Es musste Goyle sein. Das kürzlich gebrochene Bein seines Freundes machte dieses schleifende Geräusch beim Gehen.
Und er lag richtig. Goyle tauchte auf und schien in großer Eile zu sein. Er überschritt die türlose Schwelle. Als Draco sicher war, dass sein Freund alleine auftauchte, duckte er sich unter dem Balken hervor, in den nahezu schwarzen Korridor.
Mehrere Treppen führten am Ende des Korridors nach oben und unten, und Goyle schien es auf eine der Treppen abgesehen zu haben.
Greg, du verdammter Idiot, dreh dich um!
Aber das tat er nicht. Er lief geradeaus weiter, im Begriff, die Treppen zu benutzen. Draco hätte fast nach ihm gerufen, beherrschte sich aber. Er fluchte still und benutzte die Treppe, die ihm am nächsten war, um Goyle im nächsten Stock anzuhalten. Er lief die ersten drei Stufen hinab, die unter seinem Gewicht nachgaben und knarzten.
Er stoppte auf der vierten, aber nur, weil sein Fuß direkt durch das Holz gebrochen war. Ihm stieg der Geruch von vermodertem Holz in die Nase.
„Oh shit!"
Die ganze Treppe gab nach. Hatte es vorher noch zwei Treppen gegeben, die nach unten und oben führten, so blieb jetzt nur noch ein großes, gähnendes Loch.
Es grenzte an ein Wunder, dass Draco noch die Zeit fand, die Augen zu verdrehen, ehe er fiel.
