~ Chapter Forty-Two ~

[Ein Auszug aus Kapitel 6]

„Was würdest du tun, wenn du deine Freiheit wieder hättest?", fragte Snape jetzt.

Kein Zögern und keine Lüge lag in Lucius' Stimme als er sprach, was ebenso beunruhigend war, wie seine Worte.

„Meinen Sohn nehmen, ob er will oder nicht und weglaufen.", erwiderte der ehemalige Todesser nun.

„Du würdest ihn wirklich zu einer solchen Existenz zwingen?", fragte Snape jetzt. „Eine Existenz, bei der er jede Person hinter sich lassen muss, die er gekannt hat, immer auf der Flucht, immer versteckt?"

Die Flammen waren einer grünen Wolke gewichen und Lucius' Gesicht verschwamm langsam im Nebel. „Das würde ich.", erwiderte er. Seine Stimme verklang bereits. „Innerhalb eines Herzschlags."

Die Flohnetzübertragung endete so abrupt als hätte man eine Kerze ausgeblasen.

Alles was von der vergangen Konversation geblieben war, war ein schwerer Geruch von Flohpulver im Kamin und die Tatsache, dass Snape hell wach war. Alarmiert und besorgter als er es zugeben wollte.

Er schritt hinüber zu seinem Schreibtisch und setzte sich. Es war ein schöner Schreibtisch. Eines der wenigen Dinge in seinem Leben, zu dem er eine sentimentale Verbindung hatte. Äußerlich hätte der Betrachter vier gleich große Schubladen entdeckt. Zwei an jedem Ende. Aber als Snape mit seinem Zauberstab sachte gegen die Mitte des Tisches klopfte und eine leise Beschwörung murmelte, erschien eine fünfte viel kleinere Schublade aus dem Nichts.

Die versteckte Lade sprang auf und ein kleiner Beutel aus grünem Samt kam zum Vorschein. Snape betrachtete den Beutel einen Moment lang, bevor er ihn aus seinem Versteck hob. Er spürte, dass seine Hände im Begriff waren zu zittern, aber als Meister der Zaubertränke konnte er sich eine solche Unprofessionalität nicht erlauben.

Vorsichtig stülpte er den Beutel nach außen. Im Material eingenäht befand sich ein winziger heller, goldener Schlüssel.

Harry wusste nicht, ob er sitzen oder stehen sollte. Es war alles Rons Schuld, weil er nicht in Dumbledores Büro war. Ron benutzte gerade McGonagalls Privatkamin, um mit seinem Vater zu sprechen. Und eigentlich musste man Ron unter solchen Umständen beruhigen – nicht ihn. In Rons Abwesenheit war Harry nun die aufgeregteste Person im Zimmer, und es gefiel ihm ganz und gar nicht.

Er war zu besorgt, um länger als eine Minute still zu sein und hatte schon zweimal Ärger von McGonagall wegen seines nervtötenden im-Kreis-Gehens bekommen. Er erlaubte es Ginny, ihn auf den leeren Stuhl neben sie zu ziehen und sie merkte wohl nicht mal, dass sie seine Hand so fest in ihrer hielt, dass sie die Blutzufuhr zu seinen Fingern unterbrach. Aber er war es bereits gewöhnt, nach sieben Jahren Quidditch mit Hermine. Zwar hatte sie für den Sport an sich nur Augenverdrehen und Kopfschütteln übrig, aber wenn sie Angst hatte, konnte sie einem jeden Knochen in der Hand brechen, wenn sie zudrückte.

Ron hatte ihm gesagt, während der ersten Prüfung im Trimagischen Turnier hatte sie ihm so gut wie alle Finger abgerissen.

„Das ist alles meine Schuld", wisperte Ginny. Sie hatte über den gesamten Zwischenfall mit dem falschen Harry Lupin, McGonagall und Dumbledore berichtet. Die Details mochten zwar schockierend sein, aber für Ginny gab es nichts Schlimmeres, als dass sie tatsächlich Hermines Kidnapper auch noch geholfen hatte!

„Ich kann nicht fassen, dass du dachtest, das wäre ich", murmelte Harry und wusste, es half nicht. „Und du hast ihn auch noch geküsst!"

Ginny machte ein verzweifeltes Geräusch und vergrub zum bestimmt fünften Mal in den letzten zehn Minuten den Kopf in den Händen.

Dumbledore war gerade damit fertig, Professor McGonagall zu berichten, was seine Untersuchungen im Gryffindorturm ergeben hatten. „Harry", begann er, „wenn die gesamte Lehrerschaft für ein Schuljahr gedacht hatte, ein Todesser wäre Alastor Mood, dann kann ich dir versichern, dass Miss Weasleys Missverständnis durchaus nachvollziehbar ist. Denk daran, dass ich Alastor selber seit vierzig Jahren kannte."

„Wo ist Alastor?", fragte McGonagall jetzt.

„Er macht weitere Untersuchungen in Miss Grangers Zimmer", erwiderte Dumbledore. Er war vollkommen ruhig. Aber es war die Ruhe einer dunklen Regenwolke an einem sonst wolkenlosen Himmel. Der drohende Ausbruch war greifbar. „Sein Team hat alle Ausgänge gesperrt. Wenn Miss Granger noch immer im Schloss ist, sollten wir sie auch hier behalten können."

„Warum sollte man sie jetzt kidnappen?", fragte Lupin in die Stille. „Wenn das schon von Anfang an der Plan war, wieso sollte man bis zum letzten Schultag warten? Es gab keine Garantie, dass sie solange bleiben würde. Die meisten haben schon ihre Koffer gepackt und sind abgereist."

Ginny hob langsam den Kopf. Ihr Gesicht nahm eine kalkweiße Farbe an, als sie Harry ansah. „Oh Harry, wir müssen es ihnen sagen!"

„Uns was sagen?", schnappte McGonagalls.

Ja. Das mussten sie wahrscheinlich. Wenn Dumbledore für irgendetwas außer der Reihe suchte, ein rotes Tuch, dann wäre Hermines und Dracos Ehe wohl qualifiziert dafür. Harry nickte unwirsch und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, aber der Schulleiter unterbrach ihn.

„Professor Snape hat uns… bereits über Miss Grangers… Situation informiert", sagte Dumbledore jetzt. „In dem Lichte der neuen Tatsache hielt er es wohl für angebracht."

Harry starrte ihn an. „Also wussten Sie, dass die beiden nach der Abschlussfeier geheiratet haben?"

Professor McGonagall jedoch schien noch nicht informiert zu sein. Sie machte ein ungläubiges Geräusch. „Wer hat geheiratet?"

„Ja, Harry, er weiß es", erklärte Lupin. Er tätschelte McGonagalls Hand und begann zu erzählen, wie die Ohnegleichen-Schülerin mit dem notorischen Bösewicht der Schule nachts die Schule verlassen hat, um diesen auch noch zu heiraten. Während sie ziemlich betrunken gewesen war, fügte Lupin noch hinzu. Und dann erzählte er noch von den Tattoos und dem dazugehörigen Spruch.

McGongall wirkte nahe einem Schlaganfall, als Lupin geendet hatte.

Moody betrat Dumbledores Büro. Obwohl „betreten" vielleicht nicht das richtige Wort dafür war. Er stürmte regelrecht hinein, flankiert von Kingsley Shacklebolt und Astrid Huggins.

Lupin war verwundert, sie schon so früh zurück zu sehen, wo Tonks und Bligh erst seit Kurzem verschwunden waren.

„Hallo, Lupin", begrüßte sie ihn.

„Astrid", gab er zurück. Sie teilten einen schmerzvollen Blick.

Dumbledore erhob sich. Harry war bis jetzt der fehlende Zorn des Schulleiters nicht bewusst gewesen.

„Alastor?" Dumbledore schien auf die schlimmstmögliche Bestätigung zu warten. Jeder konnte wohl den Stimmungsumschwung im Raum spüren, als wäre plötzlich Elektrizität in der Luft. Harrys Nackenhaare stellten sich auf.

Moody sah die stumme McGonagall kurz an, ehe er begann zu sprechen. „Also, wir können sicher sein, dass das Mädchen nicht freiwillig gegangen ist."

Er humpelte drei Schritte zu Dumbledores Schreibtisch und legte Hermines Zauberstab auf die Tischplatte.

Dumbledores Gesicht verdunkelte sich unwillkürlich. Anscheinend hatten alle gehofft, Hermine würde aus irgendeinem Grund gefangen gehalten worden, und wäre tatsächlich nicht entführt. Jedoch lag der Beweis dafür nun auf Dumbledores Schreibtisch. Und jeder, der Hermine kannte, wusste, dass sie ohne ihren Zauberstab nirgendwohin gegangen wäre.

Lupins Züge spannten sich an. „Also wurde sie mitgenommen."

„Ja", gab Moody grollen zurück. Er blickte auf ihren Zauberstab. „Wenn den Gerüchten über den Rekruierer in Hogwarts Glauben geschenkt wird, dann, Dumbledore, kann es sein, dass das Mädchen dieser verfluchten Missgeburt aus Versehen über den Weg gelaufen ist. Wo auch immer sie ist, ich bin mir sicher, wir finden dort auch die verlorenen gegangenen Auroren von meinem Team."

„So war es auch bei der Kammer des Schreckens." Ginnys Stimme war nur ein Hauch.

Auf Moodys fragenden Blick hin, erläuterte Dumbleodre, wie Hermine im zweiten Jahr, herausgefunden hatte, dass der Basilisk für die Attacken auf die Schüler verantwortlich war, und Hermine überlebt hatte, weil sie mit einem Spiegel um die Ecken geblickt hatte, um den anderen von ihrer Theorie zu berichten.

Moody seufzte. „Das Mädchen ist ungesund clever. Ich muss mit ihr über eine Karriere an der Auroren-Akademie reden, sobald wir sie wieder haben." Harry kannte Moody nicht genug, um zu wissen, ob er gerade versuchte, die Stimmung zu heben. Aber falls es so war, war er gescheitert.

„Was ist mit den anderen vermissten Schülern?", wollte Lupin wissen.

„Wo ist das Parkinson Mädchen? Mir wurde gesagt, sie weiß eventuell etwas über die anderen."

„Professor Snape befragt sie gerade", erwiderte Dumbledore. „Auf meinen Wunsch hin", fügte er hinzu, als er Moodys grimmigen Ausdruck sah.

Moody kratzte sich am Kinn. „Armes Ding", sagte er, ohne jede Spur von Mitgefühl. „Dann warte ich, bis ich dran bin. Es werden vier vermisst, Albus. Und drei davon sind auf einer bestimmten Liste, von der wir so tun, als würde sie nicht existieren."

„Was für eine Liste?", fragte Harry sofort.

„Eine Liste von Schülern, bei denen angenommen wird, dass sie sich höchstwahrscheinlich Voldemort anschließen würden", erläuterte Dumbledore, und es war wohl ganz klar keines seiner Lieblingsthemen. „Diese Liste wurde auf den dringenden Wunsch des Ministeriums erstellt."

„Blaise Zabini steh auf der Liste?", fragte Harry, ohne seine Überraschung zu verbergen. „Wer entscheidet, welcher Schüler auf die Liste kommt?"

„Die Belegschaft von Hogwarts", erwiderte Dumbledore.

Harry starrte ihn zornig an. „Dann müssen Sie etwas über Zabini wissen, was wir nicht wissen, denn es kommt mir so wahrscheinlich vor, dass er Voldemort folgen wird, wie als wenn Hermine es tun würde.

Dumbledore schenkte ihm einen abwägenden Blick. „Die Namen werden nicht halbherzig hinzugefügt, Harry."

„Und was ist mit Malfoy? Mit dem, was wir über ihn wissen, ist wohl schwer zu sagen, ob er das Verlangen hat, Voldemort zu folgen, oder?", fügte Lupin hinzu.

Und keiner erwähnte Goyle. Manchmal war das Offensichtliche so schmerzhaft wie es offensichtlich war.

„Beschränke die Liste, Albus", sagte Moody schließlich. „Das sind deine Kinder. Such dir einen aus. Ich will meine Auroren noch vor Ende dieser Woche wieder haben. So oder so."

McGonagalls wirkte schockiert. „Du denkst eine von ihnen ist der rekrutierende Todesser, Alastor? Ein Schüler?"

„Tom Riddle war einst ein Schüler", erinnerte Dumbledore den Rest.

Moody knurrte zornig. Er schien als einziger immun gegen Dumbledores unterschwelligen Zorn zu sein. Er sah ihn wütend an. „Ich will mit dem Parkinson Mädchen sprechen. Jetzt."

„Ich habe Professor Snape beauftragt, sie zu uns zu bringen."

„Wenn Sie irgendetwas herausfinden, nehmen Sie mich mit", informierte Harry Moody jetzt.

Moody schnaubte auf. „Ich nehme Auroren mit, Junge." Er sah auf Harry hinab. „Soweit ich informiert bin, trägst du noch deine Schuluniform."

Harrys Augen spuckten grünes Feuer. Er war so weit entfernt, dass er Moodys Worte nicht als Provokation wahrnahm, sondern als Ablehnung. „Mir wurde genug erzählt, um genug zu wissen." Diese Worte richtete er an Dumbledore und fasst nun Lupin ins Auge. „Ich bin alt genug, um etwas zu unternehmen. Ich bin nicht Sirius Black. Ich werde nicht denselben Fehler machen. Hermine hat mich eines Besseren belehrt."

Lupin sah aus, als würden Harrys Worte ihm Schmerzen zufügen, aber seine braunen Augen hatten einen seltenen Glanz angenommen. „Wie du vielleicht bemerkt hast, sage ich nicht kategorisch Nein", erwiderte er, und McGonagall lehnte sich vor, um seien Hand zu tätscheln.

Harrys Zorn verrauchte langsam. „Danke", flüsterte er an Lupin gewandt.

„Wenn du umgebracht wirst, werde ich es dir nicht verzeihen, Harry."

„Ich werde nicht umgebracht", versprach Harry sicher.

Moody grunzte. „Albus, die vier vermissten Schüler sind der Hinweis, auf den wir gewartet haben. Wir holen uns die Eltern zur Befragung. Mal sehen, was wir über Zabini und Goyle rausfinden."

„Was ist mit Draco?", fragte Ginny. Sie war verwundert, dass sich niemand mit ihm beschäftigte.

„Was ist mit ihm?" Moodys magisches Auge wirbelte zu Ginny herum. Die Kraft des milchig blauen Blicks war ihr unangenehm. „Ich denke, er hat sich angeschlossen. Ganz einfach. Nichts gegen deine Meinung, Lupin", fügte er in Richtung des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste hinzu, „aber der Junge hat schlechte Gene. Und er ist auf der Liste."

„Vergiss nicht, dass die Liste nur ein Sport des Ministeriums ist, Alastor", erinnerte ihn Dumbledore streng. Harry war überrascht wie involviert Arthur Weasley in der Leitung Hogwarts war. Es musste Dumbledore die Wände hochjagen.

„Die Liste zeigt sich bisher als vollkommen korrekt", erwiderte Moody ausdruckslos.

Ron kam betrat das Büro und wirkte aufgelöster, als ihn Harry jemals zuvor gesehen hatte. Er hielt inne und die Spannung war zum Greifen unangenehm. Er räusperte sich. „Dad ist unterwegs", informierte er den Schulleiter bitter. „Sie haben die Goyles und die Zabini herbestellt, und wir… wir wissen nicht, was wir Hermines Eltern sagen sollen."

„Wir müssen es ihnen sagen!", beharrte McGonagall. „Das Mädchen wird morgen Zuhause erwartet!"

Dumbledore schritt um seinen Schreibtisch und nahm schweren Herzens Platz. „Überlass die Grangers mir. Währenddessen warten wir auf Severus und Miss Parkinson. Ich rechne mit Neuigkeiten, die uns weiter helfen werden."

Snape stand vor dem Kamin, die Stirn gerunzelt. Seine langen Finger waren zu Fäusten geschlossen. Der Griff seine rechten Hand war besonders fest, denn in ihr hielt er den goldenen Schlüssel, den er seit drei Jahren in seinem Schreibtisch versteckt hielt.

Das Metall schien die Hitze seines Körpers aufzunehmen, bis seine Haut zu glühen schien. Natürlich kam es ihm nur so vor. Das war Teil der Magie. Große Magie brauchte den Glauben daran, um zu funktionieren. Glaub an die Worte, glaub an den Effekt. Er klammerte sich an das dunkle Stück Magie und war froh, daran erinnert zu werden, was er bereits alles in seinem Leben hinter sich gelassen hatte.

Pansy saß auf der schmalen Couch im Vorzimmer. Sie war für den Moment wie versteinert, aber die Nachwirkungen des Veritaserums würden gleich abklingen.

Es hatte nicht mehr viel Zeit, ehe er sie zu Dumbledore bringen würde, mit den gewonnen Informationen, waren sie auch erzwungen worden. Die Sturheit des Mädchens war das Resultat eines Versprechens, was sie Draco gegeben hatte. Dass der Junge eine solche Ergebenheit auslösen konnte, war nicht besonders überraschend. Was ihn allerdings überraschte, war, dass sie in seinen Patensohn verliebt war. Snape überlegte, dass er wohl alt geworden war, wenn ihm so etwas entgangen sein konnte.

Die Flohverbindung baute sich auf. Das Feuer knisterte lauter. Snape sah nun hinab auf die bekannte Hauselfe, die noch nie in der Lage war, seinen Namen korrekt auszusprechen.

„Toolip wir Master Lucius sofort holen", sagte die Kreatur ruhig und war schnell davon getrippelt.

Lucius erschien innerhalb von Minuten, gekleidet in einer makellosen mitternachtsblauen Robe. Es war eine klare Verbesserung gegenüber den Seidenmorgenmänteln, die nun eigentlich zu jeder Tageszeit seine Garderobe darstellten. Er war gerannt. Snape konnte es seinen erhitzten Wangen ansehen. Entweder war er gerannt, oder er hatte wieder getrunken. Aber das war wohl unwahrscheinlich. Die quecksilberfarbenen Augen von Lucius Malfoy wirkten vollkommen klar, Himmel sei Dank. Sie wurden jedoch dunkler, als er Lucius sein Gesicht zu studieren schien.

„Was ist los? Ist es Draco?", fragte er sofort.

Snape musste ihn nicht schonen. Lucius war es gewöhnt, besonders schlechte Neuigkeiten besonders schnell zu erhalten.

„Dein Sohn ist aufgebrochen, Gregory Goyle daran zu hindern, ein Todesser zu werden. Der rekrutierende Todesser wurde auch identifiziert."

„Er tut WAS?!", bellte Lucius. Die Flammen zügelten höher, ehe sie sich wieder legten.

Beim Zorn von Lucius hätten viele Männer bereits das Weite gesucht. Snape jedoch hatte schon schlimmeres gesehen.

Manchmal war er selber sogar schlimmer.

„Du hast mich verstanden."

„Goyles Sohn? Ich kann nicht behaupten, dass es nicht vorsehbar war." Lucius' Augen verengten sich zu silbernen Schlitzen. „Wer ist der rekrutierende Todesser?"

„Antons Junge."

Lucius hob ungläubig die Hand zu seinem Mund als er nach Luft schnappte. Vielleicht wäre dieses Bild komisch gewesen, aber die Situation war zu schlimm dafür. „Das ist nicht dein ernst!"

„Habe ich jemals etwas nicht ernst gemeint?", erwiderte Snape ungeduldig.

„Der Junge betet Draco an!"

„Ja, und wir kennen ja die schmale Linie zwischen Verehrung und Neid." Snapes Lächeln war messerdünn und genauso scharf. „Aber da ist noch mehr. Ich glaube, Zabini hat Hermine Granger als Gefangene mitgenommen." Er ignorierte Lucius' übertriebenes Stöhnen. „Wir wissen nicht zu welchem Zweck, aber es eine ziemlich offensichtliche Komponente…"

„Potter", schloss Lucius. Er atmete tief ein und hob dann das Kinn. „Aber du bist sicher, mein idiotischer Sohn ist nur hinter Goyles Sohn her? Er weiß nicht, dass das Mädchen verschwunden ist?"

„Wenn er es noch nicht weiß, wird er es bald herausfinden."

„Du hast gesagt ‚wir'. Was tut Dumbledore?"

Wenn er es sich in seinen, wie Snape sie nannte ‚kurzzeitigen Aussetzern', erlaubte zu reflektieren, dann musste er zugeben, dass Lucius Malfoy in den unmöglichsten Situationen schonungslos pragmatisch sein konnte. Snape nahm an, dass genau diese Eigenschaft des älteren Malfoy damals Voldemorts Neugierde geweckt hatte.

„Er hat Moody gerufen, wie vorauszusehen war. Sie werden die Planung beginnen, sobald ich ihnen erzähle, wonach sie suchen müssen. Das Parkinson Mädchen konnte Zabini gerade noch entkommen. Ich weiß nicht, ob dein Sohn dasselbe Glück haben wird."

„Nur nicht, wenn er erwischt wird", ergänzte Lucius. Sein Gesicht zeigte Panik, gemischt mit väterlichem Stolz, den Snape äußerst unangebracht fand.

Aber dann wiederum, war Lucius einfach äußerst unangebracht.

Snape verdrehte die Augen. Er hatte damit gerechnet. „Er hatte vielleicht eine Chance gehabt, Goyle zurückzuholen, wäre die neueste Entwicklung nicht passiert."

Lucius kam näher. Es war wohl ein Fenster in Malfoy Manor offen, denn Lucius' lange Strähnen wehten über seine Schulter, durch das magische Feuer. Würde Snape einen Schritt näher gekommen, wäre er in der Lage, die langen blonden Strähnen zu berühren.

„Severus, dann musst du Draco finden."

„Es gibt vielleicht einen Weg Miss Granger, Goyle und deinen Sohn wiederzubekommen. Ohne… bleibende Schäden. Ich habe meine Vermutungen ob der Dunkle Lord oder ob er nicht über Zabinis momentanen Kurs informiert ist. Ich habe einen Vorschlag, Lucius, welche mich jedoch von der Aufgabe lösen wird, meinen Patensohn zu finden."

Snape hatte Lucius' ungeteilte Aufmerksamkeit. „Was für ein Vorschlag könnte das wert sein?", erwiderte er, mit offensichtlicher Verzweiflung. „Du kannst die Suche nicht aufgeben! Wer sonst, wenn nicht du!"

Als Antwort warf Snape den Schlüssel ins Feuer. Lucius fing ihn auf und verzog das Gesicht unter der Hitze des Metalls. Er starrte hinab auf den filigranen goldenen Schlüssel und hob dann den ungläubigen Blick zu Snapes Gesicht.

„Ich habe dir soeben deine Freiheit geschenkt, Lucius. Und du wirst sie dir jetzt verdienen."

„Draco."

Jemand stellte etwas sehr angenehmes mit seiner Stirn an. Es fühlte sich an wie ein Kuss. Nein, wie eine sanfte Berührung. Oder eine kühle Hand gegen seine heiße Haut. Es waren alle diese Dinge. Und er roch einen bekannten Geruch, den er mit all seinen Kindheitserinnerungen verband.

„Liebling, wach auf", drängte die Stimme. Entgegen den entfernten Liebkosungen, war die Stimme glasklar. Es fühlte sich nicht an wie ein Traum, und deswegen entschied sich Draco auch zu antworten.

Draco sah seine Mutter an, und es kam ihm vor wie das normalste auf der Welt, dass sie jetzt gerade ausgerechnet hier war. Es gab so viel, was er sagen wollte. Er sollte mit der Entschuldigung anfangen.

„Wofür?", sagte seine Mutter lächelnd. Draco bemerkte, dass sie in Weiß gekleidet war. Er wollte auflachen und ihr erklären, was für ein Klischee es war.

Aber dann merkte er, dass seine Augen noch geschlossen waren. Seltsam. Nicht beunruhigend, nur seltsam.

„Weil ich dich nicht gerettet habe", erwiderte Draco. „Wer war es, Mutter? Wer hat dich umgebracht? Sag es mir", flehte er.

„Und was willst du mit dem Namen anfangen, den ich dir nenne?", erkundigte sie sich sanft.

„Denjenigen töten."

Sie schüttelte den Kopf. Draco bemerkte, dass ihr Haar sich sanft in der Luft bewegte, als wäre sie unter Wasser.

„Nicht für mich, Liebling. Du tust es für dich und musst dann den Rest deines Lebens mit diesem Wissen leben. Du bist nicht dein Vater, Draco. Er ist in der Lage, viele schreckliche Dinge ohne Reue zu tun. Du jedoch nicht. Meine Vererbung, befürchte ich", seufzte sie. „Sie dir meine Schwester Andromeda an. Und Sirius Black. Wir bringen manchmal den ein oder anderen Zauberer mit einem moralischen Kompass hervor, egal, wann er zum Vorschein kommt und wie unpassend es sein mag."

Draco hatte seine Mutter noch nie so reden hören. Es war Narzissa, aber eine Narzissa, die er nicht kannte. Die Bitterkeit und die Distanz waren verschwunden. Alles, was er fühlen konnte, was ihre Liebe für ihn. Weil es so vollkommen ehrlich war, vertraute er auf ihre Worte.

„Wieso erzählst du mir all das jetzt?"

„Ich habe das Glück einen…" Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen. „… einen objektiven Blick über das Kommende zu haben." Ihr Lächeln war fast verschmitzt.

„Du bist im Himmel?", fragte er, und er konnte sich vorstellen, wie groß seine Augen bei diesen Worten sein mussten.

Sie lachte. Er lachte auch. Er hatte nicht so ungläubig klingen wollen.

„Ich soll dir sagen, dass ich nicht wirklich da bin. Dass ich nur in deinem Kopf existiere, der einiges hat einstecken müssen, diese Woche", schloss sie bitter. „Wir haben nicht viel Zeit, also hör mir gut zu."

„Ja?"

Sie schien sicher zu gehen, dass er ihr wirklich zuhörte, ehe sie fortfuhr. „Wenn der Zeitpunkt kommt, such nach dem Licht und lauf darauf zu. Du bist in Sicherheit, wenn du das tust. Finde es, und alles wird gut. Wenn du dich an nichts sonst erinnern kannst, erinnere dich daran."

Oh großer Gott. Er würde sterben.

Weil sie nur ein Hirngespinst seiner Fantasie war, musste er diese Worte nicht laut äußern, damit sie sie verstand. Narzissa verdrehte die Augen. Ihr fließendes weißes Gewand schien entnervte Wellen zu schlagen.

„Ich habe nichts von sterben gesagt, Draco! Ehrlich, du übertreibst so wie dein Vater. Folge meinen Worten, alles wird gut."

„Ok, weißes Licht bedeutet alles in Ordnung. Ich hab's verstanden."

Eine Kälte erfasste ihn. Es war die Furcht und das Wissen, dass er in seinem Unterbewusstsein verschwunden war, seit dem Moment, indem Hermine dem Imperius unterlag. Und weil er ein Gespräch mit seinem Unterbewusstsein führte, könnte er ein paar Dinge klären, von denen er gar nicht wusste, dass sie ihn wirklich störten.

„Mutter?"

„Ja? Schnell Draco."

„Du hast doch deinen objektiven Blick… was ist mit Hermine passiert?", fragte Draco. „Wieso kann ich sie nicht fühlen? Ich fühle sie immer…" Er sah, wie er seine Brust berührte, dort wo sein Herz war, wie er einen Phantomschmerz fühlte.

Seine Mutter lächelte dieses Mal nicht. Aber sie wirkte immer noch so nervtötend freundlich. Draco konnte es nicht mehr leiden. Er wollte wissen, warum Hermine ihm nicht mehr antwortete.

„Du hast noch Zeit. Erinnere dich daran, was ich gesagt habe. Es tut mir leid, dass ich nichts Genaues sagen kann."

Sie blickte über ihre Schultern, als wäre dort ein Geräusch, das er nicht hören konnte. Und dann, mit einem letzten Lächeln, verschwand sie.

Draco wachte auf.