~ Chapter Forty-Three ~

Als Draco seine Augen öffnete, erkannte er Blaise an der Wand, einen Fuß daran abgestützt. Genau wie Draco trug er schwarz. Die schwarzen Hosen der Schuluniform, die an den Knien staubig wirkten und einen helleren Kapuzenpulli. Auf seinen feinen Zügen lag ein leicht amüsierter Blick, während er an einer Zigarette zog. In der Ferne hörte Draco ein stetes Tropfen. Draco konzentrierte sich auf dieses Geräusch und schaffte es schließlich, sich vom Stupor zu erholen.

Er schluckte und befeuchtete seine trockenen Lippen. „Hey."

Blaise nahm einen langen Zug und studierte Draco ernst, ehe er antwortete. „Hey."

„Wie lange war ich bewusstlos?"

„Drei Stunden."

Der enorme Schmerz in Dracos Schulter ebbte ab. Genug, um ihn merken zu lassen, dass die anderen kleineren Schmerzen in seinen Armen und Beinen daher rührten, dass er in Ketten an die Wand gebunden war. Es gab keine Fenster, und die Luft war feucht und abgestanden. Er konnte nur annehmen, dass er sich zurzeit in einer Art Kerker befand. Weitere Offenbarungen würde diese Vermutung bald bestätigen.

Seine Handgelenke und Knöchel lagen in Handschellen. Ein schneller Blick nach rechts offenbarte ihm das Zugsystem, das die Ketten wohl enger ziehen konnte. Es waren Gewichte an ein Rad gebunden und ein Hebel, der wohl einstellte, wann welche Gewicht hinzugefügt wurden. So schmerzhaft Draco wohl gerade gestreckt wurde, musste er aber annehmen, dass der Hebel erst auf der untersten Stufe eingestellt war. Draco begriff mit erstaunlicher ruhe, dass, wenn Blaise ihn auf die höchste Stufe stellen würde, dass Dracos Gliedmaßen schlicht und ergreifend von seinem Körper gerissen werden würden.

Definitiv die Kerker.

Und wäre das nicht bereits schlimm genug, lokalisierte Draco den Schmerz in seinem Oberschenkel. Ein zehn Zentimeter langer Splitter hatte sich nämlich in seinen Schenkel gerammt. Er hatte auch Schmerzen an der Stirn, und getrocknetes Blut klebte wohl auf seiner gesamten linken Gesichtshälfte.

Die Stufen, erinnerte sich Draco schmerzhaft. Erledigt durch ein Treppenhaus.

„Ich wusste nicht, dass du rauchst."

„Du weißt einiges nicht über mich", sagte Blaise.

„Dann bist du es also. Der rekrutierende Todesser, der das Ministerium drangsaliert."

„Jaah." Blaise schien nun definitiv amüsiert. Er warf das Ende der Zigarette auf den Boden und trat sie aus.

Draco konnte nicht anders, als sich anzuspannen, als Blaise hinüber zum Hebel schritt. Glücklicherweise schien Blaise noch nicht mit dem Gedanken an einen grausamen Mord zu spielen, denn mit einem lauten, rostigen Geräusch legte er den Hebel zurück. Dracos Beine waren noch nicht bereit, gebraucht zu werden. Er glitt nutzlos an der Wand hinab, und zwei Massen an Ketten lagen nun links und rechts neben ihm. Das Blut begann wieder durch seine Körperteile zu fließen, und es war die Hölle. Blaise kam näher, kniete sich neben ihn und zerrte den Splitter grob aus Dracos Schenkel.

Weißer, heißer Schmerz blendete Draco kurz, aber er biss die Zähne zusammen und hielt den Blick auf Blaise geheftet. Tropf, tropf, tropf. Das Wasser tropfte in der Ferne. Er klammerte sich an das Geräusch.

„Ich nehme an, Pansy hat es dir gesagt?", sagte Blaise mit gewöhnlicher Stimme. „Die dumme Schlampe konnte noch nie ein Geheimnis behalten. Nicht einmal unter der Drohung mit dem Tod, wie es scheint."

„Wenn du sie anrührst, Zabini!", presste Draco hervor.

Blaise lächelte. Seine weißen Zähne waren gelb wie die Fangzähne eines Wolfs im gelben Licht der Laterne. „Ich glaube, sie ist es nicht, um die du dir Sorgen machen musst. Aber vielleicht kann ich mich zu etwas Mitgefühl bewege, wo wir doch so gute Freunde sind."

„Du bist nicht mein Freund, du scheiß Bastard. Voldemorts Niveau ist gesunken, wenn er sich wirklich für jemanden wie dich interessiert."

„Denkst du das?", fragte Blaise, nur war er nicht Blaise. Er war Potter. Und dann war er Hermine. Dracos Herz schien explodieren zu wollen, denn bei ihrem Anblick wurden so viele emotionale Schocks gleichzeitig ausgelöst. Er konnte das Geräusch nicht unterdrücken, das seiner Kehle entwich.

„Du… du bist ein Metamorphmagus!"

Blaise, der jetzt wieder Blaise war, grinste. „Cool, hm?"

„Wieso? Wieso tust du all das?"

Sein Grinsen verwischte. „Du bist ein kluger Junge, Draco. Das Wieso ist recht uninteressant, findest du nicht?"

Draco sah ihn zornig an. Er versuchte, gleichgültig auszusehen, aber er wusste, Mordgedanken mussten in seinen Augen blitzen. Wenn er seit drei Stunden weg war, dann würde es nicht lange dauern, bis Pansy über ihn befragt wurde. Falls eine Rettungsmission angeleiert wurde, dann musste er Zeit schinden, bevor Blaise ihn an Voldemort übergab.

„Das übliche dann? Macht, Einfluss, Reichtum, Frauen?"

„Nein, tatsächlich war mir langweilig", erwiderte Blaise mit einem Kopfrucken. Er kam auf die Beine und begann Runden zu drehen.

„Mir war so verflucht langweilig. Hast du eine Ahnung, wie frustrierend es ist, einen Mann wie Dumbledore zu sehen, mit seiner Macht und seiner Weisheit? Und dass er alles vergeudet für so verdammt unrealistische Ziele? Ich wäre seiner Anführung gefolgt, aber der Mann hat nicht den geringsten Schimmer, was wir brauchen. Wir, die Zauberer! Wir brauchen Führung. Auf die lange Sicht."

Genug Gefühl war in Dracos Gliedmaßen zurückgekehrt, um ihm kleine Bewegungen zu erlauben. So unauffällig wie möglich, versuchte er, hinter sich eine Handvoll der Kette zu fassen zu kriegen. Wenn er es schaffte, Blaise nahe genug an sich heran zu locken, um ihn bewusstlos schlagen zu können, hätte er einen Zauberstab.

„Und du glaubst, du bist jemand, der diese Führung besorgen könnte?"

„Ja, das tue ich", bestätigte Blaise. „Voldemort macht sehr viel Sinn, die meiste Zeit. Ich denke, dein Vater sieht es ähnlich. Es gibt nicht so etwas wie hell oder dunkel, Licht und Schatten. Es gibt bloß das Leben und die Macht, was wir mit ihm anstellen wollen. Die magische Welt leidet an einem Meer von Möglichkeiten, denke ich."

Draco musste seinen Unglauben nicht einmal vortäuschen. „Oh, das unterschreibe ich gerne. Du hast nur ein Problem. Voldemort hat nicht mehr alle Segel an Deck."

Blaise grinste. Er hatte Dracos Schlagfertigkeit immer genossen. „Ich weiß, aber er ist fast so weit. Glaub mir. Eine jüngere, neuere Generation an Todessern wird nicht mehr wissen, wie es war, ihn wirklich zu fürchten. Sein Einfluss verschwindet. Es reicht wohl zu sagen, dass wir ständig mit Mord davon kommen."

„Wie hast du ihn gefunden? Hast du eine Anzeige im Tagespropheten geschaltet? Frisch aufsteigender Soziopath sucht gleichwertigen, instabilen Dunklen Lord für bösen Unterricht?"

„Ich habe ihn nicht gefunden. Er hat mich gefunden. Oder eher, seine Leute haben mich gefunden. Ich habe angefangen, die richtigen Fragen im fünften Jahr zu fragen. Habe meine Sommer dort verbracht, wo du ohne bewaffneten Eskorte niemals hingehen würdest. Leute zu rekrutieren war damals nur ein Wunschgedanke. Todesser sterben aus. Sie werden älter, fetter, langsamer… aber das hat natürlich geholfen", fügte Blaise hinzu. Er verwandelte sich in Severus Snape. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass unser verräterischer Hauslehrer so gute Verbindungen hatte. Sechs Monate zuvor habe ich einen seltsamen Mann namens Peter Pettigrew kennengelernt. Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte. Ich habe Spaß, Draco", ergänzte er, als wäre er selbst nur zu überrascht von dieser Tatsache.

„Spaß?", wiederholte Draco abschätzend. „Zabini, du hast den Verstand verloren, wenn du denkst, du kannst Voldemort übertrumpfen."

„Wieso? Ich bin sein rekrutierender Todesser", erklärte Blaise. „Es ist gefährlich, es ist kein Selbstmord. Denkst du, ich wäre zu jung? Potter ist genauso alt wie ich, und der Rest der Welt erwartet von ihm, dass er gegen einen Zauberer kämpft, der fünfmal so viel Potential hat. Der Dunkle Lord war nur fünf Jahre jünger als du und ich, als er diesen interessanten Baum entworfen hat, er dich hergebracht hat. Er war in unserem Alter, als er die Kammer des Schreckens geöffnet hat. Alter ist nichts. Ambition ist alles, Malfoy. Das ist es, was der Dunkle Lord anpreist." er legte den Kopf schräg und bedachte Draco mit einem mitleidigen Ausdruck. „Du hattest immer die besten Verbindungen und die besten Voraussetzungen, mein Freund. Aber du hattest nie die Ambition. Was für ein armer Slytherin du geworden bist."

„Wenn mir die Ambition fehlt, fehlt dir die Intelligenz", knurrte Draco. „Du bist für das Dunkle Mal am Himmel von Hogsmeade verantwortlich, richtig?"

Blaise schien nicht allzu erpicht darauf, diese Sache zu diskutieren. „Ich war da. Potter ist losgelaufen, um Fadenkraut zu besorgen, ganz der Held. Es ist immer ein stummer Wettbewerb mit diesem Jungen. Ich sag es dir, Draco, es gibt nichts was so traurig und vorhersehbar ist, wie ein Held. Ihr Ego ist so groß, wie ihre Fantasie gering ist."

„Darin stimmen wir überein", murmelte Draco.

„Es war einfach, zwischen die Bäume zu treten und allen zu verkünden, die es hören wollten, dass Voldemort sie nicht vergessen hat." Blaises Gesicht verzog sich zu einem unattraktiven Lächeln. Es war das erste Mal, dass Draco ihn wirklich hässlich nennen konnte. „Der Zauberstab war gekennzeichnet, das Mal wurde entstellt…"

Dracos Lachen war so ehrlich wie es bitter war. „Ah, der gute Malfoy-Standard! Nett zu wissen, dass ich deinen großen Moment versaut habe, ohne es zu merken. Mein Vater muss vor Lachen fast erstickt sein, als er es gehört hat."

Blaise wollte ein höriges Publikum, kein amüsiertes, und Draco hatte ihn die letzten Minuten über mit Absicht geärgert. Er trat vor und griff in Dracos Shirt und bohrte die Spitze seines Zauberstabs gegen Dracos Kehle.

Draco schnaubte auf, wenn auch etwas amüsiert, denn es kostete Blaise tatsächlich etwas mehr Kraft seine größere Statur aufrecht zu halten.

„Denk an deine Schuld", erinnerte ihn Draco sanft. „Ich hätte Slytherins Artefakt das Leben aus dir raussaugen lassen können. Ich hätte deinen Vater neben mir zusehen lassen können, wie du stirbst."

Blaises Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt. Er starrte Draco voller Verachtung an. „Oh, ich erinnere mich."

Jetzt, dachte Draco. Er war kurz davor die Ketten nach oben zu reißen, wenn Blaise vor ihm zurückwich. Verdammt! Widerwillig ließ Draco die Ketten sinken, die er vorhatte gegen Blaises Kopf zu schleudern.

„Du hast Dodders die Nachricht geschickt, oder? Die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt, ihn zum Klatscher Rennen aufgefordert? Was hatte er damit zu tun?"

Blaise blinzelte, als hätte dieses Thema rein gar nichts mit Voldemort zu tun. „Dodders war nur ein Mittel zum Zweck. Ich hatte etwas beweisen müssen."

„Was?", schnappte Draco. „Dass der Junge keine zehn Meter sprinten könnte, um sein eigenes Leben zu retten? Dass er Monogramm-Pyjamas trägt?"

„Geduld. Du wirst schon noch sehen."

„Keine Spiele mehr, du Psychopath. Wo ist meine Cousine? Die Aurorin und ihr Partner, wo sind sie?"

„Vergiss deine Cousine!", erwiderte Blaise durch zusammen gebissene Zähne. „Die familiären Verbundenheiten sind ziemlich überbewertet, wenn du mich fragst. Voldemort würde dir dasselbe sagen."

Draco verharrte. „Wovon redest du?" Er beschloss, vorsichtig zu sein. Blaise sah aus, als wäre der Moment gekommen, wo er hysterisch werden konnte. Was auch immer im Begriff war, preiszugeben, schien ihn ebenfalls mitzunehmen.

„Ich spreche von deiner Mutter, Draco. Meine erste Mission war, als ich das Mal beschworen habe. Ich sollte zu ihr gehen und sie bitten, zurückzukommen. Es wäre Platz für sie gewesen, weißt du? Sie wusste zu viel. Das Ministerium war dumm, sie zu vernachlässigen. Mein Herr war nicht so unvorsichtig."

Draco schüttelte den Kopf, als wäre das Schlimme zu leugnen, einfacher als das, was er erfuhr. Er sah Blaise an mit etwas, das Hoffnung glich. Für diejenigen, die seine charakteristische Gleichgültigkeit und eiskalte Fassade gewöhnt waren, war diese Veränderung erstaunlich. Blaise, so sehr er Draco auch verabscheute, war nicht vollkommen unbeeindruckt von den rauen Gefühlen, die Draco ins Gesicht standen.

„Oh, Blaise, was hast du getan…"

„WAS ICH TUN MUSSTE!", schrie Blaise, und seine Stimme brach. „Dachtest du, ich wollte es? Sie war es nicht, die uns verraten hatte. Es war dein Vater, aber sie hat sich gewehrt-"

„Weiß Bellatrix, was du ihrer Schwester angetan hast?", spuckte Draco ihm entgegen. Seine Stimme zitterte, aber er war machtlos dagegen.

Blaise antwortete nicht, aber seine vorangegangene Sorge war ersetzt mit gruseligem Selbstbewusstsein. Er realisierte Narzissa Mord in seinem Kopf, überlegte Draco. Das war gut. Zweifel waren gut.

„Sie weiß es nicht, oder? Antworte mir!"

„Es war Bellatrix, die die Anweisung gab, Narzissa zu terminieren, sollte sie sich weigern zu kooperieren", antwortete Blaise leise.

Das war es nicht, was er hatte hören wollen. Draco schloss die Augen. Er schlief noch immer. Das musste es sein. Vielleicht war er noch immer im Cobblestone Inn mit Hermine in seinen Armen.

Es war ein Albtraum, aber er würde bald erwachen. Er würde sie halten und sie würde ihn lieben. Hermine liebte ihm. Liebte ihn wirklich, egal, wer er war und wie schlimm er sie behandelt hatte.

Er musste nicht so tun, als wäre sie aus seinen Gedanken verschwunden. Trotz seiner stummen Verleumdungen, hatte er es begriffen, als sie es ihm gesagt hatte. Nicht nur, weil das Mädchen mehr Ehre und Integrität besaß als jeder andere, den er kannte, sondern weil er die Wahrheit selber fühlen konnte.

Fida Mia hatte den großen Abgrund zwischen ihnen überwunden. Es war die Verbindung, die ihm offenbart hatte, wie eine wundervolle Offenbarung, wie sie für ihn fühlte.

Aber er fühlte jetzt nichts davon.

An was er sich erinnerte waren plötzlich Überreste eines Traums, an den er sich nicht erinnern sollte. Aber er erinnerte sich dennoch. Das Wissen, dass es Hermine nicht gut ging, wurde stärker.

Was sollte er wissen?

Zuerst musste er fliehen. Er musste es wirklich.

Draco gewann an Fokus, legte ihn über sich, wie einen Umhang. Das war es, worin er gut war. Er sprach ruhig und gleichmütig, selbst wenn er innerlich nur schreien wollte; schreien, bis seine Stimme nachgab.

„Zabini."

Draco sah den Freund an, mit dem er im zweiten Jahr Schach gespielt hatte, bis zum frühen Morgen, dessen Leben er gerettet hatte, als ein kindisches Spiel todernst geworden war. Er erkannte den Jungen nicht mehr, der ihn gebeten hatte dieses Geheimnis für sich zu behalten, als sie im Mungo aufgewacht waren.

Was er jetzt sah, war ein Monster. Ein Produkt aus all den Dingen, die so falsch waren, in ihrer Welt.

„Sieh mich an, Blaise."

Blaise, der selber in seinen dunklen Gedanken versunken gewesen war, hob seinen Blick zu Dracos Gesicht.

„Du kannst damit aufhören", erklärte Draco, nicht wirklich flehend, aber er legte all seine Überzeugung in seine Worte. „Wie viele Leute müssen noch sterben, bevor du begreifst, was du tust?"

Blaise kratzt sich an der Nase. „Nicht ansatzweise genug, um mich an mir selber zweifeln zu lassen. Ich weiß, was du tust, Malfoy. Wir sind zu gleich."

„Du hast keine Ahnung, was du tust."

„Doch, habe ich", erwiderte Blaise sanft. „Wie ist das dumme Muggel Sprichwort? Man muss ein paar Eier zerbrechen, um ein Omelett zu machen?"

Draco sah ihn an mit absoluter Verblüffung. „Du hast meine Mutter getötet." Er betonte jedes Wort, als würden sich die Worte in Blaises Haut dadurch einbrennen können.

„Ich weiß", entgegnete Blaise traurig. „Aber es wird immer erst schlimmer, bevor es besser werden kann. Sag mir, Draco, was ist dir am liebsten in der Welt?"

Draco öffnete den Mund, um eine schlagfertige Antwort zu geben, aber alles, was seinen Mund verließ war ein Laut voller Schmerzen. Er stolperte nach vorn und hielt sich den Bauch, als wäre er geschlagen worden. Und da wusste er es. Horror, wie er ihn nicht kannte, schien sein Blut innerhalb eines Herzschlags in Eis zu verwandeln. Er konnte einige Sekunden lang kaum denken.

„Wo ist sie?", zischte Draco. Er musste aussehen, wie ein Tier, das in einen käfig gesperrt worden ist. Sein Atem ging unregelmäßig, und er fixierte Blaise mit unkontrollierter, echter Wut.

„Hier. Bei mir."

„Wenn du sie Voldemort gibst, Zabini, schwöre ich, zu welchem Gott auch immer du betest, dass ich dir deine Wirbelsäule mit meinen bloßen Händen rausreißen werde…"

Blaise grinste ihm entgegen. Ganz klar hatte er sich wieder unter Kontrolle, während Draco gerade sämtliche Kontrolle verlor. „Du und welche Armee?"

Draco verzog den Mund und kam in Ketten nach vorn. Er schaffte es, bis auf einen Zentimeter. Weit genug, als dass sein Atem Blaises haare bewegte. Es war eine von Blaise wohl kalkulierte Distanz.

„SAG MIR, WAS DU WILLST, DU PSYCHOTISCHER BASTARD!"

Als Antwort schritt Blaise zu dem hölzernen Hebel und legte ihn langsam um. Die Ketten ächzten und stöhnten, als wären sie lange nicht mehr benutzt worden.

Das Resultat war, dass Draco wieder schmerzhaft gegen die Wand geschleudert wurde. Sein Kopf schmerzte durch den Aufprall, und kurz verschwamm sein Blickfeld. Er sah Blaise an, mit einer Mischung aus Unglauben und Zorn.

„Willst du mir etwas anbieten, Malfoy?", erkundigte sich Blaise ruhig.

„Alles", keuchte Draco. „Du brauchst Geld für deine Mission, oder? Alles, was ich habe, ist deins. Du willst Namen, Geheimnisse, Geheimnisse des Ministeriums, Gründe für eine Erpressung, ich kann dir alles besorgen…" Er wusste, er faselte, aber er konnte nicht aufhören. „Du willst mich rekrutieren? Bitte, tu es. Voldemort will mich haben, oder nicht? Dann soll er mir das Mal verpassen. Lass sie gehen."

Blaise schnaubte auf. „Wir haben dich bereits."

Draco schüttelte den Kopf. „Nein, habt ihr nicht. Ihr wollt Kooperation, die kann ich euch geben. Wenn du es so machst, dann wird dein scheiß Dunkler Lord mich nur verdammt unwillig bekommen."

Blaise schien über die letzten Worte nachzudenken. Draco fühlte einen Keim Hoffnung in sich aufsteigen. „Alles, was ich in der Welt besorgen kann, ist deins", wiederholte er heiser.

„Für sie als Austausch, nehme ich an? Das dreckige Schlammblut, das du zu hassen geschworen hast, seit dem Moment, als du wusstest, was sie war?"

„Ja", flüsterte Draco. Er würde nicht an Hermine denken. Er würde es nicht tun. Er würde alle Kontrolle verlieren, wenn er es tat. Sie war sicher. Blaise hatte seine eigenen Interessen an ihr. Draco sah es jetzt. Wenn auch nichts sonst, dann würde sie das für den Moment retten.

„Alles?"

„Alles, was ich dir geben kann", wiederholte Draco, während seine Stimme brach.

„Ausgezeichnet." Blaise schlug die Hände zusammen und sah ziemlich zufrieden aus, als hätte sich ein großes Drama zu seinem Wohlgefallen aufgelöst. Er kam auf Dracos schmerzhaft gestreckten Körper zu, lehnte sich vor und flüsterte in sein Ohr. Schwarzes Haar mischte sich blondem.

„Ich will du sein", sagte er, mit der Art von Verzückung, die ein Kind ausstrahlt, wenn es am Weihnachtsmorgen die Treppe hinab kommt, auf dem Weg zu einem Berg an Geschenken. „Denkst du, du kannst das ermöglichen?"

Draco zog den Kopf zurück und starrte ihn an. Er sah ihn lange an und wusste, es würde kein Verhandeln mit Blaise geben. Es gäbe keinen Weg der Vernunft.

„Dass sie hier ist, ist deine Schuld. Gewöhn dich an diesen Gedanke, Malfoy. Ich gebe zu, dass ich mehr für unsere Schulsprecherin empfinde als eine vorübergehende Verliebtheit, aber es war dein Interesse an ihr, das ihr Schicksal besiegelt hat." Und damit griff Blaise in die Tasche und brachte eine schmale Holzkiste zum Vorschein.

Er öffnete sie, damit Draco hineinsehen konnte.

Im Innern, auf einem blutigen Tuch, lagen zwei Augen. Eines war grün, ein anderes war blau. Sie gehörten Arne Hendricks und ihnen wohnte ein Ausdruck des Horrors inne.

„Und ich dachte, ihr Malfoys heiratet nie aus Liebe…"

Draco verlor den Kopf. Er trat und schrie und windete sich. Drei Meter Ketten wälzten sich durch die Metallringe, und jedes Mal, wenn er sich nach vorne warf, reichte die Kette nicht aus, damit er Blaise zu fassen bekam. Die Handschellen bissen und rissen an seinen Handgelenken, bis heißes Blut seine Finger hinablief.

„Crucio", sagte Blaise und klang beinahe bedauernd.

Hermine war frei.

Zuerst kämpfte sie noch gegen den Imperius Fluch, und dann wurde alles Schwarz in ihrem Kopf, gefolgt von unglaublichen Schmerzen, während sie den Cruciatus Fluch erkannte. Sie hatte diesen Schmerz sofort erkannt. Es hatte sie in ihren Träumen seit dem fünften Jahr verfolgt. Selbst wenn sie veranlassen würde, dass dieser Zauber aus ihrem Kopf mit dem Vergessens-Zauber entfernt werden würde, würde sich Körper immer noch erinnern können. Ihr Muskeln und Nerven vergaßen diesen Schmerz nicht.

Zu ihrem eigenen Ärger hatte sie Blaises Imperius nicht blocken können. Sie fragte sich, ob es an ihrer mangelnden Übung lag oder an Blaises fortgeschrittener Magie. Er hatte diesen Spruch schon vorher benutzt. So viel stand fest.

Die Kraft dahinter war immens gewesen. Sie hatte Harry gesehen, hatte gesehen, welche Kräfte es ihn kostete, zu widerstehen. Sie konnte es versuchen, aber so würde sie es nicht schaffen können.

Und jetzt, nach der Entführung aus Hogwarts, wo auch immer sie jetzt gerade war, tat sie das Beste, was sie ohne freien Willen tun konnte. Sie passte auf.

Die erste Sache, die ihr klar wurde, als Blaise sie gefangen genommen hatte, war die Tatsache, dass Harry nun tatsächlich in die Schlacht gezogen wurde. Das brachte sie beinahe zum Weinen.

Die zweite Sache war, dass Blaise wohl nicht Voldemorts Anweisungen Wort für Wort befolgte, denn sie aus Hogwarts zu entführen, direkt unter Dumbledores Nase, war wohl kaum ein Befehl gewesen.

Sie wusste dies, weil Blaise sie praktisch in das Versteck der Todesser hinein geschmuggelt hatte. Er kannte dieses Versteck wohl ziemlich genau. Einige Male hatten sie hinter Kurven und Ecken warten müssen, um nicht entdeckt zu werden. Zu ihrer Verwunderung hatte er sie in seine Räumlichkeiten gebracht, wie ein Kind, was sein neues Haustier vor seinen Eltern verheimlichen wollte.

Entweder war das gut für sie, oder es bedeutete, dass sie noch in viel größerer Gefahr war, weil Blaise sie somit nicht mehr beschützen konnte.

Noch etwas. Er hatte sie nicht mehr angerührt. Sie nahm an, es war ein schwacher Trost, dass Blaise sich anscheinend besser einstufte, als die anderen plündernden und vergewaltigenden Todesser, die Voldemort folgten.

Blaise hatte es ihr auch einige Male gesagt. Sein Ego war anscheinend gut ausgeprägt.

Er machte allerdings andere Dinge, die sie schaudern ließen. Während der Flucht hatte er erzählt von der Zukunft, der neuen Ordnung, dem neuen Ministerium und ihrem Rang in der Gesellschaft, die bald da sein würde. Sie würde ihn nicht für immer hassen, hatte er ihr versichert. Er sagte, dass nach einer notwendigen, blutigen Revolution, sie die Logik dahinter begreifen würde. Dass ein Talent wie ihres seinen richtigen Platz finden würde.

Hermine dachte, dass der richtige Platz für Blaise in der geschlossenen Abteilung des Mungos war, aber natürlich hatte sie ihm das nicht gesagt.

Zuletzt war ihr etwas anderes klar geworden, als Blaise sie in sein Zimmer geschoben hatte, im obersten Stock des Gebäudes. Es hämmerte an seiner Tür. Er hatte sie gegen die Wand neben die Tür gepresst und hatte sich verwandelt. Von außer Atem und nervös zu ruhig und gefasst, ehe er die Tür öffnete. Die Stimme an der Tür gehörte zu einem Mann namens Travers.

Sie hatten ein Problem, hatte der Mann gesagt. Draco Malfoy wäre hier. Sie hätten ihn gefangen genommen.

Hermine hatte sich nicht bewegt. Nicht mit der Wimper gezuckt. Innerlich war sie zusammen gebrochen.

Harry hatte richtig gelegen. Liebe war eine riskante Angelegenheit, während eines Kriegs. Sie musste fast lächeln. Draco hätte widersprochen. Er wollte ihre Liebe nicht. Er würde ihr sagen, dass er sie nicht bräuchte.

Aber er brauchte ihre Hilfe jetzt.

War er wegen ihr gekommen? Wusste die Schule bereits, dass sie fehlte? Das konnte nicht sein. Es war zu wenig Zeit vergangen, als dass die anderen Bescheid wissen konnten.

Blaise hatte sie stehen gelassen, als er losging, um die andere Errungenschaft zu begutachten. Sein letzter Blick war sogar fast zärtlich gewesen. Verrückter Wahnsinniger. Hermine wollte am liebsten sein Gesicht zerkratzen.

Sie war still an der Wand stehen geblieben. Für Stunden, so kam es ihr vor. Ihr Herz raste in ihrer Brust. Sie konnte nicht schreien, nicht weinen oder einen Muskel bewegen.

Und dann erlebte sie den indirekten Cruciatus Fluch, durch den Fida Mia. Draco war im Gebäude und ihm wurden Schmerzen zugefügt. Ein Unverzeihlicher löste den anderen. Blaises Imperius löste sich auf, und Hermine spürte Draco mit aller Macht.

Mit dem Verschwinden des Fluchs, brauchte Hermine dennoch einige Minuten, um sich zu beruhigen und klar zu denken. Alles, was sie anscheinend tun konnte, war, ihr Hände ineinander zu verschränken, und Kreise zu laufen. Sie erlaubte sich den Luxus einiger Panikattacken, und dann durchsuchte sie Blaises Zimmer nach möglichen Waffen. Es war nicht hilfreich, dass Blaise sein Zimmer vollkommen spartanisch eingerichtet hatte.

Hier stand nur ein Bett, ein halbleerer Schrankkoffer mit seinen Sachen – und das war's. Wo war irgendein scharfkantiges Gerät, wenn man eins brauchte! Sie fand schließlich eine brandneue Feder am Boden seines Koffers und hätte vor Erleichterung fast gejubelt.

Hermine steckte die Feder in ihren Rock, bevor sie zur Tür ging, um sich den Türgriff näher anzusehen. Es war kein Wunder, dass Blaise sie eingeschlossen hatte. Es gab keine Zeit, sich einen anderen Plan zu überlegen. Was hatte sie schon für eine Wahl? Draco wurde gefoltert, und sie hatte die Macht, etwas dagegen zu unternehmen.

Dennoch, es war eine Sache dem möglichen Tod ins Auge zu sehen, und es war eine andere, dabei eine Frau zu sein. Es gab vielleicht schlimmeres außerhalb dieses Zimmers als Blaise Zabini.

Am Ende war es egal. Hermine hämmerte gegen die Tür und begann zu schrien.

Es war nicht Travers, der dieses Mal kam. Es war Pettigrew, der die Tür öffnete, sie aufzog und fast einem Schock verfiel, als er sie erkannte. Er stand vor ihr, den Mund weit offen, und er sah noch furchtbarer aus, als er es das letzte Mal getan hatte, als sie ihn gesehen hatte.

„Du?!", rief Pettigrew so überrascht aus, dass Hermine wusste, sie würde es schaffen.

„Ich denke, du hast ein Problem Wurmschwanz", erwiderte Hermine.

Es kostete ihn nicht viel Zeit, bis er zwei und zwei zusammengezählt hatte. „Zabini! Dieser kleine Idiot!"

„Du wusstest wirklich nichts davon?", entgegnete sie, um seinen Ärger auf Blaise weiter anzustacheln.

Pettigrew schenkte ihr einen kalkulierenden Blick. „Mein Herr will den Malfoyjungen. Du hingegen könntest ein neuer Bonus sein."

„Vielleicht", räumte Hermine ein. „Aber er hat mich aus Hogwarts entführt", informierte sie ihn. „Weg von Dumbledore und Harry Potter. Was denkst du, was das bringen wird?"

Pettigrew hatte daraufhin nichts zu sagen, aber sie registrierte, dass er etwas besorgt aussah.

„Wenn dein Herr Malfoy lebendig möchte, schlage ich vor, suchst du Zabini. Er bringt Malfoy nämlich in dieser Minute um. Geh los und such sie, wenn du mir nicht glaubst."

„Was ist hier los?" Travers hatte seinen Weg hierhin gefunden, den Zauberstab sofort gegen ihre Brust gerichtet. Sein Ausdruck war schwer zu lesen, aber mit der Zeit verwandelte er sich in ein Grinsen, während er ihre Uniform und ihre wilden Locken betrachtete. Sie konnte aber nicht sagen, ob er sie erkannt hatte oder nicht.

„Was zur Hölle tut das hier?"

„Pass auf sie auf", knirschte Pettigrew. „Ich sehe nach Malfoy."

„Das wäre besser. Er vor fünf Minuten aufgehört zu schreien."

Hermine wurde blass bei diesen Worten, aber Travers betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Sie beschloss, ihre Sorge erst mal auf diese neue Situation zu konzentrieren.

Blaise ließ seinen Zauberstab sinken, und die Folter hörte abrupt auf. Draco hörte auf zu zucken und die Ketten hielten nun wieder sein volles Gewicht. Seine Haut lag in unheimlichen Schmerzen. Es war hundertmal schlimmer als der Schmerz in seiner Schulter, und es war überall. Es fühlte sich an, als wäre seine gesamte Haut auf einmal von seinem Körper geschält worden. Der Schmerz wiederholte und wiederholte sich. Er hatte aufgehört, sich den Tod zu wünschen, denn dieser Wunsch wurde nicht erfüllt. Wenn Blaise sich während der Folter lustig gemacht hatte, dann hatte Draco das nicht gehört.

Einige seiner Muskeln zuckten ab und an, während der Fluch seinen Körper verließ. Aber er war jung, er war gesund und spürte, wie das Gefühl und seine Sinne zurückkehrten.

Er hörte Stimmen. Ein kleiner Mann war eingetreten Draco hörte wie er und Blaise sich stritten. Er sollte zuhören, über was sie sprachen, aber etwas anderes erregte jetzt seine Aufmerksamkeit.

„Hermine…", krächzte er, und seine Stimme war voller Erleichterung. Sie war hier, ja. Sie hatte Angst, aber sie war sicher für den Moment. Ihr Dasein überflutete seine Sinne, eine süße Erlösung, die sich über seine Qualen legte. Er genoss diese Entdeckung, lächelte und lachte lautlos auf.

Wie typisch. Es brauchte Folter, um ihn akzeptieren zu lassen, wie er tatsächlich fühlte.

Blaise und der kleine Mann hörten auf zu sprechen und starrten ihn an, als hätte der Cruciatus seinen Verstand zerstört.

Er war allein.

Nein, er war nie allein. Nicht seit der Abschlussfeier. Nicht sein Fida Mia.

Draco hatte keine Ahnung, wie lange er hier hing. Zehn Minuten? Eine Stunde? Zehn Stunden? Sein Kopf fiel auf seine Brust, und er bewegte sich nicht.

Er war nicht allein.

Draco war jedoch fast bewusstlos und merkte nicht, wie jemand den Raum betreten hatte. Eine dunkle, hochgewachsene Person erschien in seinem Augenwinkel. Oder vielleicht war es nur seine Einbildung? Vielleicht war es wieder eine Vision von seiner Mutter, die sich endlich etwas Vernünftiges angezogen hatte, bevor sie ihm wieder einen verrückten Traumbesuch gestattete.

Oder vielleicht war es nur Blaise, der wieder gekommen war, um ihn zu foltern. Dracos Verstand war vielleicht noch nicht ganz wieder da, aber sein begann sich sofort in den Ketten zu wehren, bei dem Gedanken daran.

Starke Hände griffen um seine Hüfte und zogen ihn hoch. Er roch und fühlte Leder. Eine behandschuhte Hand hob seinen Kopf am Kinn an.

Nicht Mum, also, registrierte er. Einbildung oder nicht, sie war eine zierliche Person und würde ihn nicht heben können, als wöge er nichts.

Seine Augen öffneten sich und als sich sein Blick fokussierte, war Draco vollkommen verblüfft in die dunkelgrauen Augen von Lucius Malfoy zu blicken.

„Vater?", wisperte er. Er könnte nicht überraschter sein, wäre Salazar Slytherin persönlich aufgetaucht, um ihn zu retten.

Lucius zog die Kapuze von seinem Kopf. „Dein Pate sendet seine Grüße und hofft, dass du noch solange überleben wirst, bis er dich in die Finger bekommt und dein lebensmüdes Dasein selber beenden kann."

Draco wusste nicht, wie lebendig sein Vater aussehen konnte. Seine langen Haare waren in einen strengen Zopf zurückgebunden. Er trug einen schwarzen Reiseumhang und Handschuhe. Zorn lag in seinen Augen. Und es war gut, denn Draco wusste, dass sein zorn dieses Mal nicht ihm galt.

Er konnte nur vor Verblüffung starren.

Lucius begutachtete ihn. Er hatte wohl die Wunde an Dracos Kopf bemerkt, ehe er sich seinen Handgelenken widmete. Er zog einen Zauberstab aus der Tasche und schnitt einige Streifen Stoff von seinem Umhang. „Was hattest du gedacht zu erreichen, wenn du deine Hände abgerissen hättest?"

Dracos Stimme war leise, aber genauso trocken. „Ich konnte es nicht verhindern bei der Folter und allem."

Lucius machte ein knappes Geräusch, als er die Bandagen wickelte.

„Wie bist du-"

„Stell deine Fragen später", unterbrach Lucius ihn. Er machte einen Schritt zurück. „Junge, kannst du stehen?"

„Ich… ja."

„Dann tu es."

Nach einem kurzen Moment lehnte sich Draco zurück gegen sein Steinmauer und atmete aus.

Lucius ging zum Hebel und legte ihn wieder komplett zurück. Er schien zu wissen, was er tat. Die Ketten, die Draco gehalten hatten, lockerten sich und fielen schließlich zu Boden. Draco hatte sich wohl geirrt, denn kaum war er frei, gaben seine Beine nach. Sein Vater sprang nach vorne, um ihn aufzufangen.

„Das Mädchen ist zwei Stockwerke höher", informierte ihn Lucius, als er seinen Sohn gegen die Wand zurücklehnte und seine Handschellen löste. „Benutz deine Beine. Die Taubheit wird verschwinden." Er klang unglaublich autoritär. Draco fragte sich, ob er wusste, wie sich der Cruciatus anfühlte oder ob Lucius selber diesen Fluch sehr häufig hatte anwenden müssen.

„Blaise Zabini ist der rekrutierende Todesser. Er ist kurz davor, verrückt zu werden." Draco versuchte seine Schultern zu rollen, um den Schmerz zu vertreiben.

„Das habe ich auch gehört. Hier, nimm das."

Draco sah hinab auf seine bandagierte Hand, um dort einen Zauberstab zu finden. Nicht seinen Zauberstab. Nicht den seines Vaters, aber einen Zauberstab. Vielleicht würden sie hier doch lebend rauskommen.

„Brauchst du ihn nicht?" Sein Vater hatte recht. Je mehr er seine Beine bewegte, umso besser wurde es.

„Nein", erwiderte Lucius. Sie wussten beide, er log.

„Was hast du vor?", fragte Draco.

„Mit deiner Tante sprechen."

Er sagte es so gleichmütig. Dass ein Mann mit seiner Schwägerin sprechen wollte, klang so normal. Nur waren beide gesuchte Kriminelle, und die eine war sogar verantwortlich für den Mord an seiner Frau.

„Sie hat Mum umgebracht", entfuhr es Draco. „Zabini hat den Befehl ausgeführt. Er hat es gestanden."

Sein Vater schien es nicht gewusst zu haben. Etwas wie Trauer huschte über seine schönen Züge. Aber der Ausdruck war so schnell fort, wie er gekommen war. Aber da war Bedauern. Bedauern war zwar nicht wirklich ein Ausdruck, aber es schien alles zu sein, was Lucius gerade für sein Kind empfinden konnte.

Der ältere Malfoy ging zur Tür, um zu sehen, ob die Luft rein war.

„Je nachdem, wie es laufen wird, werde ich vielleicht nicht wiederkommen."

Und was zur Hölle sollte das bedeuten? Draco fühlte sich als wäre er wieder in seinem fünften Jahr. Um das Ganze noch schlimmer zu machen spürte er seine Augen brennen. Wenn er seine Fassung verlieren würde, würde sein Vater wahrscheinlich angewidert ausatmen und gehen.

„Pass auf", befahl Lucius. „Ich nehme an, sie sind alle oben, für Bellatrix' Ankunft, wenn sie nicht schon hier ist. Draco?"

Er erinnerte sich an die Worte seiner Mutter – Wir haben nicht viel Zeit, also hör mir genau zu…

Der Traum! Er erinnerte sich. Irgendwie war Licht wichtig…

„Die gefangene Aurorin erweist sich als schwierig", sagte sein Vater. „Ich konnte nicht in die Zelle hinein. Sie ist magisch verschlossen. Du wirst einen von ihnen brauchen, um sie zu öffnen. Ich werde sie ablenken, während sie wahrscheinlich das Mädchen in die Kerker schicken, um sie oben aus dem Weg zu haben. Sei bereit, und wenn du es nicht schaffst die Aurorin zu begreifen, dann geh ohne sie. Hilfe vom Ministerium ist unterwegs, und wenn ich mich an Andromeda Tonks erinnere, dann wird ihre Tochter uns alle wahrscheinlich überleben. Geh zurück nach Hogwarts, so wie du gekommen bist. Du bist sicher, wenn du erst da bist."

„Hogwarts", wiederholte Draco lahm.

Sohn." Lucius' Stimme klang dringend.

Draco sah ihn an. Ja, ich passe auf, wollte er sagen, aber er sagte nichts, unter dem dunklen Blick seines Vaters.

Es entstand eine lange, emotionsgeladene Pause.

„Mach was du willst mit dem Herrenhaus. Es ist dein. Ich bitte dich nur mein Studierzimmer zu lassen, wie es ist. Ich hänge an dem Zimmer."

Und damit war Lucius verschwunden. Um mit Bellatrix Lestrange zu sprechen. Die einzige Person, die vielleicht noch verrückter war als Blaise Zabini.

Es ist offiziell, überlegte Draco, als er den Flur entlang sprintete, direkte auf die Treppe zu, während seine Beine noch immer wankten.

Die Welt war aus ihren Fugen gesprungen.