~ Chapter Forty-Four ~

Ron trug weiße helle Turnschuhe, mit silbernen Reflektoren an der Seite. Es war sehr dunkel und das wenige Mondlicht war nun hinter den vorüberziehenden Wolken verborgen.

Dennoch wollte Lupin dem Jungen einen Nackenschlag verpassen.

„Bewegt euch mal ein bisschen", flüsterte Lupin Harry zu, der zwischen ihm und Ron stand. Harry tat wie ihm geheißen und sah zu, wie Lupin Rons Schuhe in ein Paar schlichte schwarze Schnürstiefel verwandelte.

„Entschuldige, ich habe nicht nachgedacht…", murmelte Ron, während er auf seine neuen Schuhe starrte, die immer noch so bequem waren wie seine alten Turnschuhe.

„Shht!", sagte Moody von weiter vorne. „Jemand kommt."

Harry zählte neun Stück. Alle trugen verschiedene dunkle Roben mit Kapuzen. Die Lautstärke mit der sie aus den Bäumen schritten, auf das alte Fort zu, ließ Harry erkennen wie sicher sie sich doch hier in ihrem Versteck fühlen müssten. Zwei von ihnen sprachen aufgeregt. Ein dritter sprach mit einem weiteren und bedachte nicht, wohin er ging auf dem unebenen Boden. Er stolperte und fiel beinahe. Es folgte Gelächter. Wenn das wirklich Todesser waren, dann waren sie anders, als Harry es in Erinnerung hatte. Er hielt sie für eine Horde dummer Krimineller, als eine kleinere Person vor ihm plötzlich innehielt, sich umwandte und die Kapuze vom Kopf zog.

Ihre Kapuze, korrigierte sich Harry innerlich. Die Wolken verbargen das Mondlicht nicht mehr, und es zeigte nun das bleiche Gesicht der Frau im Kontrast zu ihrer dunklen Robe und ihrem noch dunklerem Haar.

Bellatrix Lestrange starrte finster auf die kleine Gruppe hinter. Die Gespräche verstummten abrupt und sie folgten ihr nun vorsichtiger.

Harry hatte nicht bemerkt, dass er von seinem Versteck aufgestanden war, während seine Hand seinen Zauberstab so fest umklammerte, dass es ein Wunder war, dass er nicht zerbrach. Er spürte die Wut, die sich in ihm auflud und in seinen Fingerspitzen pulsierte. Einer der Auroren hinter ihm fluchte leise. Plötzlich spürte Harry Lupins feste Hand auf seiner Schulter. Eine Sekunde später zwang ihn dieselbe Hand wieder runter.

„Bring mich nicht dazu, zu bereuen, dass ich euch beide mitgenommen habe", zischte Lupin.

Harry fühlte sich benommen und kein bisschen dumm. Er tauschte einen wissenden Blick mit Ron und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Prozession an Todessern zu, die ihren Weg ins Gebäude fortsetzten. Die Wut verschwand, nachdem er ein paar Mal geblinzelt hatte, und er sah nicht mehr Sirius' Gesicht, wenn er die Augen schloss.

„Was ist das für ein Ort?", wollte Ron von Lupin wissen, als Bellatrix und ihre Gefolgschaft verschwunden waren.

„Eine Art Treffpunkt, nehme ich an. Es gibt eine Vielzahl von diesen in ganz Europa. Wir tun unser bestes, alle zu finden und niederzubrennen, aber Riddle hat noch ein paar unentdeckte Objekte", erklärte Lupin. Es war beruhigend, dass Lupin immerhin so aussah, wie Harry sich fühlte. Bellatrix zu sehen hatte auch ihn ihm etwas ausgelöst.

Harry drehte den Kopf, um Moody zu sehen, der nun kleine weiße Wirbelwinde auf seiner Handfläche tanzen ließ. Die Winde kondensierten in blaue und weiße Sphären. Mit Bewunderung konnte Harry langsam Miniaturkontinente und Ozeane ausmachen.

„Was ist das?", fragte er.

„Global Standort Zauber", antwortete eine lächelnde Aurorin aus den Schatten hinter Moody.

„Der Portschlüssel in den Bäumen hat uns nach Wales gebracht, wie es aussieht", sagte Moody. Er betrachtete mit verengten Augen den kleinen rot leuchtenden Punkt auf dem Miniaturglobus in seiner Hand. Sein magisches Auge wirbelte zweimal um sich selbst, als hätte es Probleme zu fokussieren im schwachen Licht. „Kann es nicht ganz ausmachen."

Lupin betrachtete die Stelle ebenfalls. Er hatte keine Probleme in der Dunkelheit zu sehen. „Nord Wales. Sieht so aus, als wären wir in Anglesey."

„Loriage!", rief Moody aus. Die weibliche Aurorin kam nach vorne und Moody reichte ihr die rauchige Kugel, die sich immer noch still drehte. Es löste sich auf, als sie es in ihren Zauberstab sog.

„Bringt den Standort nach Hogwarts. Dumbledore wird immerhin froh sein, dass wir noch in der Nachbarschaft sind."

„Fröhliche Jagd noch", flüsterte Loriage ihnen zu und verschwand in die Bäume. Das leise Geräusch eines Apparierenden war einen Moment später zu hören.

Moody wandte sich jetzt zu seinem Team um, welches nun noch aus acht Auroren bestand, aus Remus Lupin, dem Jungen, der überlebte und dem jüngsten Sohn des Ministers für Zauberei. „Lupin und Huggins, wenn es sich ergibt, geht ihr rein. Egal, wen sie da gefangen halten, ihr bringt sie raus. Erster Stock und alles, was darunter liegt."

„Was ist mit uns?", fragte Harry.

„Tanner, Quartermaine. Ihr beiden nehmt die oberen Etagen. Markiert jeden Bereich, sobald er sicher ist."

„Aufagbe?", wollte Quartermaine knapp wissen. Jeder sah Moody gespannt an.

Moody richtete seine Antwort nun an die gesamte Gruppe. „Tötet oder rettet. Es sei denn, ihr seid der Glückliche, der Lestrange in die Finger bekommt. Es ist mir egal, wie ihr es macht, aber ihr bringt mir die Schlampe lebendig. Wenn wir sie haben, haben wir Voldemort.

„Was ist mit uns?", wiederholte Harry.

„Was soll mit euch sein?", konterte Moody. Er richtete anschließend weitere Befehle an Quartermaine.

„Wir gehen rein und suchen Hermine!"

Moody wandte sich mit einem Knurren an Harry. „Junge, bloß weil du weißt, wo das Ende deines Zauberstabs ist, heißt das nicht, dass ich zulasse, dass du meinen Leuten da drin in die Quere kommst. Bleibt hier und haltet die Klappe, dann gebe ich euch vielleicht etwas Nützliches zu tun."

Das waren Neuigkeiten für Harry, dem erst jetzt klar wurde, wie gewohnt er es war, selber Anordnungen zu erteilen, in dem Rahmen, in dem er bisher Erfahrungen gesammelt hatte, wenn es um gefährliche Missionen ging. Es kam ihm vor wie ein kleines Wunder, dass er und Ron überhaupt hatten mitkommen können. Und mit einiger Beherrschung hielt er den Mund.

Lupin wandte sich zu den Jungen um, ehe er mit Astrid gehen würde. Er drückte Harrys Schulter hart genug, dass er einen blauen Fleck bekommen würde. „Ich will, dass ihr bei Moody bleibt. Verstanden? Hört mir zu, alle beide. Seid vorsichtig, egal, wen ihr seht. Selbst wenn es Malfoy ist, habt ihr gehört? "

„Jaah", sagte Harry. Der Stich, den er durch Moodys Worte verspürt hatte, löste sich bei dieser neuen Sorge auf. Er hatte plötzlich das Bedürfnis, Lupin festzuhalten, so dass er nicht gehen würde. „Bitte, sei vorsichtig", wisperte Harry. Er würde nicht blinzeln. Wenn er es tat, würde er nur wieder Sirius sehen.

Remus lächelte jetzt beinahe auf gruselige Weise. Harry wusste nicht, dass der Mann so viele Zähne besaß. Das Wort, an das Harry mit einem Schaudern denken musste, war Wolfszähne. „Wir kommen wieder", war alles, was er sagte. Und dann waren er und Astrid verschwunden, verschmolzen mit der Dunkelheit.

Harry wandte sich Ron zu, der überraschend still geworden war.

„Ron?"

„Mir geht's gut", erwiderte Ron nickend, etwas zu hastig. „Es ist bloß… es ist wohl endlich so weit."

Harry versuchte den Zorn zu unterdrücken, der nun anstelle seines Blutes durch seine Adern floss. „Es war soweit, seit dem Tag, an dem sie mich zum Waisen gemacht haben. Wenn Hermine irgendwas passiert, werde ich…" Harry konnte kaum die Worte sprechen. „Sie ist unsere Familie, Ron."

Ron sah plötzlich sehr viel älter aus als siebzehn. „Es geht ihr gut. Es muss einfach. Wenn nicht, dann holen wir uns jeden von ihnen. Egal, wie lange es dauert."

Der Mann atmete laut.

In Blaises Zimmer der Todesserbaracke, saß Hermine auf der Bettkante und sah Travers an, der sie bewachte.

Der sie bewachte und atmete. Mit Glück war er ein Kettenraucher, der keine paar Treppen laufen konnte, ohne innezuhalten, um nach Luft zu schnappen. Das würde es leichter machen, ihm in die Eier zu treten und abzuhauen, überlegte Hermine.

Nicht, dass es überhaupt einfach sein würde. Sie war nahe dran ihre Kontenance komplett zu verlieren.

„Du bist das Schlammblut, oder? Potters Schlammblut."

Es klang nicht wirklich wie eine Frage, und deshalb war sie froh, ihn weiter ignorieren zu können. Die Feder, die immer noch im Saum ihres Rockes steckte, kitzelte sie. Sie konzentrierte sich auf dieses Gefühl und wie wenig Sicherheit ihr diese Waffe brachte.

„Du siehst anders aus als auf den Bildern. Ich habe einige, weißt du", erklärte er. „Ausgeschnitten. Hab sie in einem Buch. Ich bin gerne informiert, denn ich bin ja ständig unterwegs. Bin seit acht Monaten in diesem Drecksloch. Die meiste Zeit allein."

Das würde erklären, weshalb er es mochte, mit sich selbst zu reden. Sein Todesser Tagebuch und Voldemorts beschissener Dienstvertrag interessierte sie nicht wirklich. Außerdem starrte er auf eine Art und Weise auf ihre Brust, die Rons Blicke fast keusch wirken ließen. Einen Moment lang überlegte sie, Blaises Decke vom Bett zu nehmen und um sich zu wickeln, aber das würde dann auch noch das Bett zu offensichtlich präsentieren, und sie wollte Travers erst recht nicht auf neue Ideen bringen.

„Du bist in der siebten Klasse auf Hogwarts. Dann bist du wie alt… siebzehn?"

Achtzehn, eigentlich. Also, warum bist du kein guter Wärter und siehst nach, wo Blaise und Pettigrew solange bleiben.

Laut sagte sie: „Du weißt, dass du für eine lange Zeit nach Askaban gehst, wenn sie dich fangen. Leute suchen nach mir."

Er schüttelte den Kopf. Es war kein Starrsinn, was vielleicht beruhigender gewesen wäre. Es war Selbstvertrauen. Sie hoffte inständig, es handelte sich bloß um Überschätzung. „Sie werden uns nicht finden."

Hermine gefiel es nicht, wie er „uns" sagte.

Aber die Geräusche auf dem Flur wurden lauter. Schritte, Geschrei und Befehle. Das Geräusch von Metall, das bewegt wurde. Verschlossene Türen, die geöffnet wurden. Irgendwas passierte da draußen. Hermine fragte sich, ob tatsächlich Hilfe kam oder ob es bloß weitere Todesser waren.

Letzteres ließ sie schaudern.

Sie wusste nicht, ob sie immer noch von dem Imperius befreit war und verspürte nicht den Wunsch, Travers ihre Theorie testen zu lassen. Sollte er ruhig denken, dass sie willig und hilflos wäre. Sollte er zu nahe kommen, würde sie ihn zwischen die Beine treten und dann seinen Zauberstab nehmen. Das war zumindest der Plan.

Draco war irgendwo alleine da draußen.

Es hatte sie nicht lange gekostet, um zu wissen, dass er noch lebte, vielleicht sogar in einem Stück. Wenn sie sich konzentrierte, fühlte sie, wie ihr Herz doppelt schlug. Würde sie ihre Finger an ihren Puls legen, dann würde sie zwei Herzschläge spüren können. Wo auch immer er war, er war in Bewegung und er war nahe.

„Zabini wird es nicht schaffen, weißt du. Der kleine Wichser denkt, er wurde geboren für einen höheren Zweck. Wenn du an einem besseren interessiert bist, meine Chancen stehen gut."

Das war interessant. Hermine schenkte dem Mann ihre volle Aufmerksamkeit, was ihn glücklicherweise zu verwirren schien. Wer hätte gedacht, dass all die Zeit, die sie investiert hatte, böse Slytherins zu verängstigen endlich Früchte trug. Oder vielleicht lag es auch an Dracos ständiger Gesellschaft. Sie hatte ohne Zweifel dazu gelernt.

„Und wer bist du?"

Er grinste und zeigte zwei Reihen an Zähne, die in eine Charles Dickens Geschichte gehörten. Das Kind von Zahnärzten kannte sich damit aus. „Ich bin derjenige, zu dem du jetzt besser nett bist, Kleine."

„Lass mich hier raus und ich schwöre, ich erzähle den Auroren nicht, dass du mit dazu gehörst. Es ist noch nicht zu spät."

„Du bettelst also, ja?" Sein Grinsen sah aus, als wäre es in Stein gemeißelt.

Das hätte er gerne. „Das wünschst du dir."

„Gut. Mir gefällt Aufsässigkeit. "

Hermine spürte, wie ihr Atem schneller ging.

Plötzlich hörte sie eine Explosion im Stockwerk über ihr. Die Wände der Burg schienen zu wackeln. Staub rieselte von den Balken. Hermine wedelte den Staub von ihrem Gesicht und sah in Richtung Tür. Travers hatte sie aufgerissen und blickte den Flur hinab.

„Merlin…"

„Was ist los?", rief Hermine und hatte vergessen, ängstlich zu sein.

„Lass, hoch mit dir!", befahl er, als er sie vorwärts mit sich zu, in den Flur hinein.

„Wo gehen wir hin?", wollte sie wissen und sträubte sich, so gut es ging. Die erste Regeln, wenn man gefangen genommen wird, war, sich nicht an einen anderen Ort verschleppen zu lassen, dachte sie an Lupins Warnung. Wenn der Entführer einem etwas nicht dort antun konnte, wo man war, bedeutete es, dass diese Person plante, etwas Schlimmeres später zu tun.

„Wo bringst du mich hin?"

Hermine glaubte, er würde sie schlagen, aber er griff in ihre Haare und zerrte sie weiter. Der Schmerz ließ die Tränen in ihre Augen scheißen. „Halt den Mund und beweg dich!"

Travers hatte sie durch den halben Flur gezogen, als Hermine die Feder zog und das scharfe Ende in seine rechte Hand rammte. Die Kraft rammte die Spitze unterhalb seines Daumens tief ins Fleisch, und sie zog und zerrte, bis sie abbrach. Er heulte auf wie ein geschlagener Hund, und dieses Mal schlug er tatsächlich nach ihr. Sie duckte sich und versuchte in Richtung Stufen zu flüchten. Travers schiene s erwartet zu haben und stellte seinen Fuß vor sie, damit sie fallen würde. Hermine taumelte zurück, als er sie mit dem Petrificus Totalus traf. Ihre Beine gefroren unter ihr und sie hatte kaum Zeit, sich zur Seite abzurollen, ehe sie schmerzhaft auf den Boden schlug.

Als sie die Augen öffnete, hatte er sie grob in die Höhe gezogen und zog sie mit sich. „Das wirst du bereuen", flüsterte er feucht in ihr Ohr. „Später."

Die untere Hälfte ihres Körpers war eingefroren. Ihre Arme nicht. Hermine griff nach oben, um sein Gesicht zu zerkratzen. Hätte er Haare, hätte sie versucht, diese auszureißen.

„HÖR AUF!" Er schüttelte sie brutal, bis ihre Zähne klapperten und hielt ihre Handgelenke gefangen in seiner Hand. Er drückte so fest zu, dass sie aufschrie und auf die Knie ging. „Mach das noch mal und ich brech dir dein Genick", drohte er. „Zabini kann sich dann ein anderes Spielzeug suchen."

Ohne Zweifel war er etwas panisch. Was auch immer er glaubte, was vorging, schienen keine guten Neuigkeiten für die Todesser zu sein. Der Gedanke erfüllte Hermine mit Hoffnung.

Er trug sie einige arg mitgenommene Treppen runter und zerrte sie weiter mit sich, bis sie die Kerker erreichten. Die Luft war modrig und feucht. Eine einzige Fackel am Ende erleuchtete den steinernen Korridor. Daneben befanden sich dicke, mit Metall beschlagene Türen. Dieser Flur vermittelte ein neues Gefühl. Die Luft fühlte sich anders an. Das Feuer der Fackel bog und formte sich auf seltsame Art.

Zauberei war am Werk, begriff Hermine. Anders als oben, wo alles zerstört war, schien das hier ein wichtiger Bereich zu sein. Rettungsaktion hin oder her. Sie würde niemals ihre Eltern wiedersehen. Oder Harry oder Ron.

Und Draco wäre allein.

Sie war bereit gegen ihn zu kämpfen, mit allem, was sie in sich hatte, als eine bekannte Stimme sie gefrieren ließ.

Lass sie gehen."

Draco stand hinter ihnen, vielleicht zehn Meter entfernt. Es sah aus, als hätte er dort gewartet. Neben ihm war ein dickes, hölzernes Geländer. Es war der einzige Schutz, den er hatte, und Hermine wurde verrückt vor Sorge, dass Travers einen Zauber anwenden würde, bevor noch ein einziges Wort gesprochen wurde.

Hermine sog seinen Anblick in sich auf.

Blut strömte die rechte Seite seines Gesichts hinab, seine Füße standen weit auseinander, und sie sah, dass er sich mehr auf das rechte Bein lehnte, wo eine furchtbare Verletzung durch den zerrissenen Stoff seiner Hose zu erkennen war. Er sah aus, als käme er direkt aus der Hölle. Ob blutverschmiert oder nicht. Sie war so lächerlich glücklich, dass sie beinahe weinte, als sie an Travers Seite sank. Die Kraft seines Griffs raubte ihre jede Luft. Hermine hustete und würgte, als sie an seinem Arm zerrte.

Beide Männer hielten die Zauberstäbe aufeinander gerichtet. Der einzige Unterschied war, dass Dracos Hand merklich zitterte unter der Anstrengung. Travers war vollkommen konzentriert.

Draco hatte sie noch nicht angesehen, und Hermine konnte den Blick nicht abwenden.

Er konnte Hermine nicht ansehen, würde sie nicht ansehen. Wenn er es täte, wusste Draco, dass einfach zu dem Mann gehen würde, der sie fast erwürgte und würde ihn mit bloßen Händen zu Tode prügeln.

Der Cruciatus war ein böser Spruch. Die Nachwirkungen dauerten eine ganze Weile, bis sie verschwanden. Sein gesamter Körper fühlte sich an, als würde er unkontrolliert an jeder Stelle zittern. Der Abschaum eines Todessers vor ihm musste das aber nicht wissen. Draco humpelte einen Schritt nach vorne und versuchte, seine Knie am Zittern zu hindern. Frisches Blut tropfte von seinem Haaransatz auf den schwarzen Kragen seines Hemds.

„Lass sie gehen, bevor ich dir ein Loch in den Schädel fluche", wiederholte Draco. Es war mehr Zischen als Reden. Und er meinte jedes Wort.

Travers zeigte seine Zähne. „Versuch es, du kleiner Bastard."

Der Mann war nicht dumm. Er hatte keinen Schutz, wo er war und hielt Hermine vor sich, als Schild und Druckmittel. Er schleuderte den ersten Fluch.

Draco sprang zur Seite, presste sich flach gegen den nächsten Balken. Rote und schwarze Farben sausten über seinen Kopf. Mehrere Flüche trafen den Balken und zerstörten das Holz, wo sie trafen. Draco biss die Zähne fest zusammen. Er hatte eine Chance. Und nur die eine Chance, um es zu schaffen.

„Sie ist nicht Teil des Plans! Vergiss Zabini! Du weißt, er ist zu weit gegangen, dieses Mal! LASS SIE GEHEN!", schrie Draco über die Flüche hinweg.

Die Flüche kamen weiterhin, aber er konnte die Attacken nicht für immer aufrecht erhalten. Nicht während er eine wehrende Hermine halten musste und gleichzeitig versuchte, die Türen zum Kerker aufzubekommen.

Es entstand eine Pause. Der Mann startete den Versuch. Draco konnte hören, wie die schweren Türen sich öffneten. Die Kerker waren magische verschlossen, hatte sein Vater gesagt. Es hieß, jetzt oder nie. In zehn Sekunden wäre Hermine außerhalb seiner Reichweite und ganz bestimmt außerhalb jeder Reichweite derer, die versuchten, sie gerade zu retten.

Und wenn das passierte, würde das Herz in seiner Brust aufhören zu schlagen.

Sucher waren nicht bekannt für ihre Treffsicherheit, aber es war auch ein Geheimnis, dass Draco sich zuerst für den Platz des Treibers beworben hatte. Es war nur wegen Harry, dass Draco schließlich die Sucherposition akzeptiert hatte, die Marcus Flint ihm angeboten hatte.

Dracos Anvisierung war sehr, sehr gut, selbst nachdem er dem Cruciatus ausgesetzt gewesen war.

Er richtete den Laceratus Fluch auf Travers' Schulter und hätte auch getroffen, hätte Travers nicht in er letzten Sekunde den Kopf gedreht, um zu sehen, wo Draco war. Zuerst dachte Draco, er hätte komplett verfehlt, aber Travers fiel plötzlich nach vorne auf die Knie. Befreit von Travers' Griff und dem Petrificus glitt Hermine zu Boden. Eine rote, dünne Linie zeichnete sich diagonal auf dem Hals des Mannes ab. Er keuchte auf und griff blind nach Hermine, als sein Zauberstab zu Boden fiel.

Die dünne Linie wurde feuerrot. Blut floss nicht, sondern spritzte förmlich aus seiner Aorta. Es war überall. Auf dem Steinboden. An den Wänden. Eine gute Portion hatte auch Hermine getroffen. Sie wich rückwärts zurück von einem dunklen Fleck, der auf dem Boden größer wurde, bereit zu würgen.

Dracos sanfte Berührung erschreckte sie. Kurz blickte sie zu ihm auf. Ein Blick, den er nie wieder auf ihrem Gesicht sehen wollte. Aber schnell hatte sie sich gefangen. Rationalität kehrte zurück in ihre Augen und mit Ekel wischte sie sich hastig das Blut von ihrem Gesicht.

Er wusste nicht, wo sein Umhang war, aber Draco nahm an, er lag am Fuße der kaputten Treppe. Er ignorierte den pochenden Schmerz in seinem verletzten Oberschenkel und kniete sich neben. Schnell öffnete er sein Hemd und zog es aus, um das Blut aus Hermines Gesicht zu wischen. Er hatte vergessen, wie schnell das Zeug trocknete. Es zu verschmieren machte es nur schlimmer. Er hätte nur tupfen sollen. Ungelenk tat er das jetzt.

Als er fertig war, ließ er das schmutzige Kleidungsstück fallen und schauderte. Er hatte einen Mann getötet.

Hermine sah benebelt aus. „Ist er tot?", flüsterte sie und sah hinab auf den entstellten Todesser vor sich.

Draco schluckte angewiderte. „Sieh nicht hin." Sie reagierte noch immer nicht vollständig. Unsicher strich er einige ihrer Strähnen aus dem Gesicht und rieb ihre Oberarme. Er wusste nicht, wen er damit beruhigte. Sie oder sich oder sie beide.

Es ging ihr gut. Sie war nicht verletzt oder getötet oder Schlimmeres. Vielleicht konnte er jetzt endlich atmen. Er war sicher, seine Lungen hatten vergessen, wie es geht.

Granger", krächzte Draco und fühlte sich atemlos. Sein Hand hatte sich in den Saum ihrer Bluse gekrallt, so als sie von ihm hatte gehen wollen im kleinen Quidditch Schupppen. Er begriff, er war noch nicht fertig mit ängstlich sein. So ängstlich, wie er in seinem kurzen Leben noch nie gewesen war.

Draco brauchte es, dass sie ihn ansah.

Sein offensichtliches Unwohlsein brachte sie endlich dazu aus der Lethargie zu schnappen. Immer noch auf ihren Knien kroch sie in seine Arme.

Draco hatte keine Ahnung, was er murmelte. Er war jetzt gerade nicht besonders eloquent. Immer wieder musste er sie fragen, ob sie verletzt war. Seine Wange war gegen seine bloße Brust gepresst, und er wusste, sie lauschte seinem Herzschlag. Er wollte sie am liebsten in seinen Körper ziehen, dort behalten und vor allen Gefahren beschützen. Ihre schmalen Hände hielten ihn fest, berührten sein Tattoo. Als sie die Hände wandern ließ, um seine Hand zu ergreifen, waren sie brennend heiß. Es war so angenehm.

Und immer noch konnte er es nicht sagen. Konnte wirklich nicht, denn er würde. Sie würde ihn bloßstellen können, mit ihrer unglaublichen, befreienden Liebe. Das, worauf er sich bei sich selbst verließ – seine Schlagfertigkeit, sein Status, sein Name und sein Vermögen – es zählte alles nichts bei Granger. Wenn er zu ihr kam, dann hatte er nur sich selbst anzubieten. Alles, was ihm beigebracht worden war, alles was gut und wichtig war, kam ihm jetzt vor wie ein Haufen Troll Gold. Es war hübsch anzusehen, aber enttäuschend in der Nachhaltigkeit.

Was war reines Blut schon wert, wenn das eigene Herz, seine Seele, ein dunkles, krankes Chaos war? Wie konnte ihn irgendjemand nur um seiner Willen wollen? Es war unbegreiflich.

Aber Granger tat es. Sie wollte ihn, und er wurde immer weniger als gewesen war, aber vielleicht war das letztendlich in Ordnung. Vielleicht war Granger mit ihrem Idealismus und Optimismus und ihrer inneren Gutmütigkeit die tatsächliche Definition von Reichtum.

Wenn das stimmte, war er mit ihr der reichste Mann der Welt.

„Ich hätte wissen sollen, dass er nicht du war. Es hat mich so viel Zeit gekostet, er zu merken", sagte Granger. Sie klang zornig mit sich selbst.

Draco nahm an, sie sprach von Blaise. Ihm wurde bewusst, er war selber zornig mit ihr. „Ja, du hättest es wissen müssen."

Sie sah ihn beinahe verblüfft an. „Wie bist du so schnell hierhergekommen?"

Er war so dankbar, dass die Furcht ihr Gesicht verlassen hatte, dass er sie auf die Stirn küssen musste. Er war so dankbar, dass sie so unerschütterlich war. „Ich erkläre es später. Wir gehen, sobald wir Tonks und Goyle gefunden haben. "

„Tonks!", rief Hermine aus. „Sie lebt also?"

„Im Moment noch", erwiderte Draco. „Was ist mit Goyle? Granger, hast du ihn irgendwo gesehen?"

Die Art, wie er fragte, sprach Bände. Es war klar, warum er es wissen musste.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Es tut mir leid, habe ich nicht."

„Okay." Draco fuhr sich mit der Hand durch die Haare und verzog den Mund, als er die blutverkrusteten Strähnen spürte. Er drückte sie gegen die Wand, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass jeder, der den Korridor betrat, sie würde sehen können. „Bleib nahe bei mir und bleib im Schatten. Falls etwas passiert, läufst du los. Wenn das nicht geht, versteckst du dich, bis es sicher ist, rauszukommen. Hast du verstanden?"

Sie funkelte ihn böse an. „Das ist nicht die Zeit, den Helden zu spielen!", sagte sie zornig.

„Tu, was ich sage!"

„Es überrascht dich vielleicht, dass ich schon in solchen Situationen gewesen bin! Öfter als du es warst!"

„Es überrascht mich nicht, es macht mir Angst", flüsterte er zurück, wesentlich sanfter.

Es beruhigte sie sofort. Vor nicht zu langer Zeit war sie außer sich vor Sorge um ihn. Hermine nickte, und eine Träne fiel auf ihre Wange. Draco wusste, Hermine hatte nicht begriffen, dass sie geweint hatte. Tränen waren das einzige, das zeigte, dass sie Angst gehabt hatte. Ihre braunen Augen waren nun entschlossen.

Das ist es, was Potter sieht, begriff Draco und spürte eine Welle von unpassender, schlecht geplanter Eifersucht.

„Was hast du geplant?", fragte sie. Ihre Skepsis prickelte unangenehm auf seiner Haut. Ihr Ego war seinem nicht unähnlich.

Er war vielleicht besessen, aber er war kein Harry Potter und würde keinen unglaublich dummen Akt von Gryffindor-Mut hinlegen. So etwas, wie Blaise zu fangen, obwohl er es gerne würde. Scheiß auf das Ministerium. Die Auroren konnten Zabini fangen, wenn sie es unbedingt wollten. Er würde Hermine und seine lilahaarige Cousine hier raus holen, ob nun mit oder ohne Goyle.

„Mein Vater ist hier", entschied er sich, ihr zu sagen. Es war immer noch unglaublich. Vor allem auch, dass Lucius ihn gehalten und mit ihm gesprochen hatte.

„WAS?"

„Ich weiß. Frag nicht. Ich habe keine Ahnung, wie, aber ich denke Snape hat etwas damit zu tun. Diese Explosion war wahrscheinlich die Ablenkung, die er mir versprochen hatte." Er nahm sie an der Hand. „Jetzt werden wir Tonks finden und dann werden wir hier verdammt noch mal verschwinden. Einverstanden?", fragte er. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, sie um Beistand zu bitten, war einfacher, als es einfach zu verlangen.

Sie schloss seine Hand fest in ihre. „Einverstanden."

Menschen kamen. Goyle hörte die Flüche der Zauberstäbe auch durch die verhexten Kerkertüren. Da war Geschrei. Fuckfuckfuck. Waren sie schon drinnen? Er war zu spät, er hatte zu lange gewartet, die Aurorin zu befreien. Frei war sie, so oder so. Es hatte ihn Jahre gekostet, alle Sprüche zu lösen, ohne den Alarm auszulösen. Das Niveau der Zauber war für ihn eigentlich zu hoch, aber er hatte sich alles eingeprägt, was Blaise jedes Mal getan hatte, wenn er ihn begleitet hatte. Das Passwort hatte das erste Mal nicht funktioniert, und Goyle war sicher gewesen, von einem Fluch zerquetscht zu werden, aber dann hatte er ein Zischen gehört, als wäre angestaute Luft entwichen, und die Bolzen der Tür hatten sich gelöst. Die Tür war offen.

Tonks Tür zu öffnen war wesentlich einfacher. Sie kam ihm praktisch entgegen geflogen.

„Schlage ich dich hiermit jetzt oder später?", wollte sie trocken von ihm wissen, während sie den Stein hielt, den Goyle ihr gegeben hatte.

„Der Plan ist schief gelaufen", antwortete er hastig.

Sie blinzelte und ließ den Stein fallen. „Ja, ich weiß. Das kann ich hören."

Es wurde wahrscheinlich Zeit, es ihr zu sagen. Es würde ihr nicht gefallen.

„Hermine und Draco sind gefangen genommen worden. Ich habe es erst erfahren, als ich hier runter gekommen bin."

Auroren waren zäh, dachte Gole. Tonks hatte diese bittere Information schnell verarbeitet, mit nichts weiterer als einem sauren Ausdruck. „Sind sie noch am Leben?"

Draco? Goyle musste schlucken. Wahrscheinlich nicht. Granger? Er wusste es nicht.

„Ja", entschied er zu sagen.

„Ja, sicher. Also, lauf schon mal los. Ich gehe nicht ohne sie."

Das war es, worauf er gehofft hatte. Zeit für die nächsten schlechten Neuigkeiten. „Bellatrix Lestrange ist auch hier mit den rekrutierenden Todessern aus Beaubaxtons und Durmstrang", fuhr Goyle fort.

Ihr Mund schloss sich zu einer schmalen Linie. „Wo?", flüsterte sie.

„Die rekrutierenden Todesser sind in einem Zimmer im obersten Stock. Das sollte ich auch sein. So wie ich es einschätze, war Bellatrix gerade dabei, die Interviews zu beginnen, als die Wände eingestürzt sind. Wurmschwanz fehlt."

Sie dachte schnell nach. Goyle stellte fest, wie sehr sie wie Hermine Granger aussah. Ihre Stirn war gerunzelt und sie sah aus, als wäre kein Problem unlösbar, mit genug Verstand.

„Zuerst finden wir die Kinder."

Goyle war verwirrt, bis er begriff, dass sie Draco und Hermine meinte. Er sprach dasselbe Passwort wie zu Anfang. Tonks stand hinter ihm, während die schweren Schlösser der Türen sich lösten und Goyle die Türen aufzog.

Eine weibliche Stimme keuchte auf, aber es war nicht Tonks. Goyle starrte mit Verblüffung auf Hermine Granger und Draco, welcher, Goyle war es nicht entgangen, seinen Zauberstab direkt gegen sein Gesicht gerichtet hatte.