Epilogue: Part Four

Der Zauberergamot hatte einen Kater. Oder zumindest die jüngere Hälfte dort. Die ältere Hälfte (was für gewöhnlich ein Jahrhundert oder mehr bedeutete) hatte einen auffallend trägen Gang und trug die dunklen Hüte tief ins Gesicht gezogen.

Zacharias Smith war die Ausnahme der Regel, aber nur, weil sein Job als Gerichtsschreiber besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, denn er musste alles niederschreiben. Mental anwesend zu sein war Teil seiner Jobbeschreibung. Sie hatten es auch mal mit einer Diktierfeder versucht, allerdings war das nicht besonders gut ausgegangen, denn die blumigen Ausschweifungen der Diktierfeder hatten auch nicht ganz so freundliche Sätze beinhaltet.

Nach der Festnahme von Bellatrix Lestrange waren viele ältere Beamten des Ministeriums in Ruhestand gegangen. Die anderen, die noch an ihre Verträge gebunden waren, schienen aber in weitaus besserer Stimmung zu sein als vorher. Wäre die Stimmung des Ministeriums mit einer Farbe zu vergleichen, dann wäre jetzt wohl die Farbe hellgelb in Frage gekommen, wo zuvor ein dunkles rot geherrscht hatte. Eine neue Brise der Hoffnung lag in der Luft. Und diese Brise würde als allererstes Voldemort gefährlich werden.

Harry verließ gerade den Gerichtssaal Nummer 8, wo eine Befragung stattfand, und setzt sich draußen auf eine der Bänke neben Draco. Es war ein sehr langer Morgen bisher.

„Sie sind erst auf Seite siebenundneunzig deiner Aussage", sagte Harry fast anschuldigend.

Draco machte ein unverbindliches Geräusch und blätterte weiter in seinem Tagespropheten. Er versuchte, was er verpasst hatte, nachzuarbeiten.

„Ich nehme an, es wäre zu viel gewesen, zu verlangen, dass du ihnen die Kurzfassung gibst?"

„Das ist die Kurzfassung", erwiderte Draco, ohne aufzusehen.

Es entstand eine kurze Pause, während Harry hinab auf Dracos lederne Schnürschuhe blickte. Sie waren Harrys Schuhe, sowie auch der (zugegebenermaßen billige) graue Muggelanzug, den Draco heute Morgen trug. Er hatte sich nicht mal bemüht, Bügelzauber auszuführen. Was ein wenig verwunderlich war, war, dass selbst billige graue Mikrofaser an Dracos hohser Gestalt wie kostbare Couture wirkte. Anstatt unordentlich und respektlos auszusehen, wirkte Draco ruhig und bereit.

Harry erging es nicht so, denn er hatte die letzte Nacht vor der Anhörung schlaflos in seinem Bett verbracht und sich hin und her gewälzt. So sehr, dass Ginny ihn aus dem Bett geworfen hatte, um wenigstens selber noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Harry war dann ins Esszimmer gewandert, um noch einmal Dracos 157 Seiten Bericht zu lesen, als würde er dadurch mehr Schlaf finden.

Es fühlte sich seltsam an, dass solche grauenhaften und beunruhigenden Erfahrungen so präzise, elegant und in schöner Handschrift aufs Papier gebracht worden sind. Es war fast so als würde man jemandem zusehen, der zur Musik von Tchaikovsky beraubt wurde.

Draco wirkte überhaupt nicht besorgt, dass das Komitee seine Aktivitäten in den letzten fünf Jahren seltsam genug finden würden, um noch mehr Nachforschungen anzustellen oder ihn vorrübergehend in Askaban einzusperren. Es waren sechs Wochen vergangen, seitdem er zurückgekehrt war, und das Ministerium hatte erst jetzt seinen Bericht dazu abgegeben, ob Dracos Bericht Fakt oder Fiktion war.

Sein Bericht beinhielt mehrere Vorfälle, die einen mehr als nur die Stirn runzeln ließen. Harry war verwundert, dass einige der Vorfälle nicht mehr als nur eine Narbe auf dem Mann neben sich hinterlassen hatten. Vielleicht hatte es das auch, aber nach all der Erfahrung war Draco vielleicht in der Lage, es besser zu verbergen. Merlin wusste, er war kein offenes Buch in dieser Hinsicht. Hermine hatte es jedoch anscheinend immer faszinierend gefunden in ihm zu lesen.

Es hatte Harry einiges An Willenskraft gekostet, Draco in die Augen zu sehen, ohne seine Emotionen hochkommen zu lassen. Harry fühlte kein Mitleid oder Besorgnis oder Respekt oder Ehrfurcht besonders stark, aber er fühlte alle diese Dinge auch.

Am meisten war es wohl Neid.

Neid, dass Draco fähig gewesen war, all diese Dinge zu tun, zu denen Harry es nicht gebracht hatte – diejenigen zu verlassen, die er liebte, um auf seine eigene Mission zu gehen. Es war eine ständige Verlockung. Harry kannte sich aus mit dem zerstörerischen Wunsch nach Rache, und war sich – neben dem Schmerz den es verursachte – bewusst, dass das größere Wohl verlangte, dass er genau hier blieb. Allerdings kam ihm das größere Wohl zurzeit etwas faul und selbstgerecht vor. Nur weil Voldemort im Moment kein Aufsehen mehr erregte, bedeutete es nicht, dass die Gesellschaft einfach die Achseln zucken konnte, um so weiterzuleben, als hätte es ihn nie gegeben. Das war schon letztes Mal das Problem gewesen, als Voldemort verschwunden war.

Aber das war der Unterschied zwischen ihnen, oder nicht? Draco tat, was er wollte und Harry tat, was alle anderen wollten. Harry hätte Draco applaudiert, wenn die Konsequenz von Dracos Aktionen nicht gerade Hermines gebrochenes Herz gewesen wäre.

Selbstsüchtig oder selbstlos, das war es, worüber die Gesellschaft wohl urteilen sollte.

Dann schwang die Tür zum Gerichtssaal auf und ein tintenbefleckter Zacharias Smith sah ihnen entgegen. Er massierte wohl gerade einen Krampf in seiner rechten Hand.

„In Ordnung, du kannst jetzt wieder reinkommen."

Harry und Draco standen beide auf.

„Nur Malfoy dieses Mal", sagte Zacharias und blickte fast vorsichtig in Harrys Richtung. „Sie sind dabei eine Entscheidung zu treffen."

Harry setzte sich wortlos zurück auf die Bank und ergriff die Zeitung, die Draco ordentlich gefaltet hatte und ihm entgegenstreckte.

„Diese… Mission, auf die Sie sich selber begeben haben. Sie nennen es Rache?" Dumbleore fragte dies von der Geschworenenbank aus.

Draco störte sich nicht besonders an dem formalen Ton seines ehemaligen Schulleiters, der so fehl am Platze klang, aber er nahm an, Dumbledore hatte hier einen Part zu spielen.

„Eine lange, schlecht geplante Rache, ja."

Eine andere grauhaarige, mittelalte Frau, die große Ähnlichkeit mit Terry Boot hatte, sprach als nächstes. „Das ist keine leichte Lektüre, Mr Malfoy", sagte sie schwer. „Was sie erduldet haben…" Sie machte eine knappe Handbewegung in Richtung des Berichts, „…nahezu verhungert, eine beinahe tödliche Krankheit, der sie knapp entronnen sind, Zeiten, die Sie in grauenhafter Gesellschaft verbringen mussten. Ich nehme an, Ihre Erziehung hat Sie wohl kaum auf so etwas vorbereiten können. Und alles nur, um Bellatrix Lestrange zu fangen und sie hierhin zurückzubringen, um sich am Tod Ihrer Mutter zu rächen?"

Dracos Kiefer spannte sich an, aber der Blick in seinen Augen war nichts anderes als kühl. „Nichts formt den Charakter so wie eine gute Portion Hunger", sagte er leichthin.

Horatio Coon, einer der hohen Tiere hier, machte ein ungeduldiges Geräusch. Er war erstaunlich ruhig gewesen.

„Das ist keine lustige Angelegenheit!", warnte er ihn.

Draco amüsierte es, dass der beförderte Coon nicht mehr länger glatzköpfig war, sondern nun ein schiefes Toupet in bronzenem Blond trug. Wirklich, der Mann könnte sich etwas Besseres leisten. Das Toupet biss sich mit den purpurnen Hüten, die die Zauberer vom Zauberergamot tragen mussten.

„Von Mistkäfern zu überleben ist auch keine lustige Angelegenheit, das versichere ich Ihnen", erwiderte Draco, dem das Zucken Dumbledores Mundwinkel entging.

„Haben Sie irgendwelche Informationen über den Verbleib Ihres Vaters, Lucius Malfoy, oder eines Gregory Alexander Goyles?", fragte Dumbledore als nächstes. Das, nahm Draco an, war wohl der Grund, warum man sich hier überhaupt die Mühe einer Anhörung machte. Ginny Weasley hatte richtig gelegen. Er war sich sicher, in den letzten Wochen hätte es ihm um einiges schlechter gehen können, hätte sich Potter nicht gekümmert.

„Nein, habe ich nicht."

„Sie haben sich fünf Jahre vor dem Ministerium verborgen und erwarten, dass wir glauben, dass Sie keinen Kontakt mit ihrem Vater aufgenommen haben, der ebenfalls günstigerweise vermisst wird?", wollte Coon wissen.

„Ja, das tue ich."

Coon schnaubte abfällig auf. Es erinnerte Draco an Umbridge. „Offengesagt finde ich Sie unglaubwürdig, Mr Malfoy."

Draco nickte mitfühlend. „Ich denke dasselbe von Ihren Haaren, Mr Coon."

Zacharias Smith kaschierte sein plötzliches Lachen mit einem Huster, aber das Geräusch erfüllte auch die letzte Reihe. Man musste ihm zu Gute halten, dass er die Feder dennoch nicht einmal absetzte.

Es setzte Gemurmel ein, als Coon den Blick auf ihn senkte. Sein Gesichtsfarbe passte jetzt zu seinem Hut. Dumbledore räusperte sich, und das Gemurmel hörte auf. Draco konnte Dumbledores Ausdruck nicht deuten, aber er kam ihm heiter vor.

„Wir haben unsere Entscheidung vor einer Stunde getroffen", informierte er ihn, als wären sie allein und würden in seinem Büro auf Hogwarts sprechen.

Ah, das erklärte, warum Coon gerade Hummeln im Hintern hatte.

„Nachdem der führende Ermittler in dieser Sache, seinen Bericht abgegeben hatte und wir die Gelegenheit hatten, uns eine Meinung zu bilden, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Sie frei sind von allen Vermutungen, die Sie in Verbindung mit der Flucht von Ihrem Vater, Lucius Malfoy, bringen, oder dem Verschwinden von Gregory Goyle."

Draco nickte. Es hatte sie auch genug Zeit gekostet.

Dumbledores Lippen teilten sich zu einem Lächeln. „Willkommen Zuhause, Draco."

„Du leistet einen großartigen Job, Malfoy aus dem Weg zu gehen."

„Danke", sagte Hermine etwas lauter, denn der Wind blies laut. „Ich bemühe mich darum."

Ginny seufzte, aber nur weil Hermine es nicht hören konnte. Sie standen vor den toren zu Askaban, als sie am Flohpunkt angekommen waren und nahezu vom Wind verweht worden wären. Einige der dunklen Dachziegel des Wächterhauses hatten sich im Wind gelöst und flogen über ihrem Kopf im Wind, wie Krähen, die von einem Wirbelsturm erfasst worden sind. Es war gut, dass sie normale Hosen und eine dicke Jacke trug, anstelle ihrer sonst förmlichen Roben. Ihre dünnen Roben wären ihr wahrscheinlich vom Körper geweht worden, in den Nord-östlichen Sturmeswogen.

Der junge Wächter, der sie begleitet hatte, drehte nun einen langen Schlüssel im Schloss der breiten Türen. Seine andere Hand hatte genug damit zu tun, seinen Hut auf seinem Kopf zu behalten.

„Na ja, es kann aber nicht immer so weitergehen", fügte Ginny hinzu. „Außerdem glaube ich, dass er langsam auf Harry abfärbt."

„Du meinst, wie etwas besonders Schlechtes?"

Hermine verpasste Ginnys amüsierten Blick, als sich die Tore öffneten. Die beiden Frauen traten in stille, feuchte Luft. Es war drinnen nicht wärmer als draußen, außerdem war es auch dunkler, trotz der hellen Fackeln, die in drei Meter Intervallen an den Wänden angebracht waren. Hermine zog ihren moosgrünen Mantel enger um sich. Sie bereute, keinen wärmeren Schal mitgebracht zu haben. Den, den sie umhatte, war zwar schön, aber etwas aus Molly Weasleys Wollsammlung wäre wohl bei der Kälte angebrachter gewesen. Der Wind heulte draußen weiter und klang tatsächlich fröhlich dabei.

Ein weitere Wächter näher sich ihnen. Er lächelte Hermine freundlich zu. „Miss Granger. Schon zurück? Nicht, dass es uns stört, bei den wenigen Besuchern, die wir ohnehin nur haben."

„Hallo, Horace. Wie geht es dem Bein?"

„Viel besser, danke der Nachfrage." Der Wächter wandte sich an Ginny und wirkte gleich nicht mehr ganz so freundlich. „Würden Sie sich eintragen, bitte?" Er deutete auf ein eselsohriges Register, das in einer Ecke schwebte. Eine zerfranste Feder war daran gebunden, die ab und den Versuch machte, zu entkommen. Ginny schritt hinüber, um sich ins Besucherbuch einzutragen und bekam einen gelben Besucherausweis.

„Brauchen Sie sonst noch etwas?", fragte Horace Hermine.

„Nein, alles in Ordnung. Ich bringe sie selber hoch."

„Sie können mich immer noch nicht leiden", bemerkte Ginny, als Horace sie zurückgelassen hatte.

„Sie sind so zu allen Anwälten", erklärte Hermine. „Die Tatsache, dass du die Tochter des Ministers bist und Snape repräsentierst macht es auch nicht unbedingt besser."

Die beiden Frauen gingen zu den Fahrstühlen. Hermine betätigte den Knopf und dumpf ertönte ein lautes metallisches Geräusch.

„Die Tatsache, dass ich Snape repräsentiere oder dass ich ihn gut repräsentiere?"

„Oh? Die Verhandlungen laufen also gut?", erkundigte sich Hermine.

Ginnys volle Lippen wurden zu einer schmalen Linie. „Kaum, aber jede Verkürzung von Lebenslänglich ist gut."

Hermine stimmte mit ihr überein. „Ich habe mit deinem Vater gesprochen, aber er vertraut auf den Prozess."

„Die Tatsache, dass wir Zabini nur gefangen haben, weil Snape Lucius Malfoy befreit hat, hilft uns leider nicht besonders", bemerkte Ginny. „Es gibt immer noch das kleine Problem, dass das Ministerium Lucius Malfoy als ein größeres Übel als Blaise Zabini ansieht."

Hermine dachte an das letzte Mal, dass sie Lucius Malfoy in seinem Büro auf Malfoy Manor gesehen hatte: furchteinflößend, schlecht gelaunt und ohne jedes schlechte Gewissen, nachdem er Draco so furchtbar behandelt hatte. „Ich bin geneigt, mich dieser Meinung anzuschließen", sagte sie sanft. Es war schwierig, sich vorzustellen, dass Lucius sein Leben riskiert hatte, um Draco aus dem Versteck in Wales zu befreien. Es war eine gewagte Rettungsaktion, wenn man bedachte, dass Lucius auf beiden Seiten des Krieges keine gute Position inne hatte.

„Also, hast du vor, Malfoy für immer aus dem Weg zu gehen?"

Hermine zuckte die Achseln. Sie betätigte noch einmal den Knopf, denn der Aufzug brauchte sehr lange. „Er wird wieder nach Malfoy Manor gehen, wenn das Komitee ihn lässt, was bald genug sein wird. Ich bin sicher, er wird genug zu tun haben, sich wieder an sein Haus und sein Geld zu gewöhnen."

„Du denkst also, er ist nur hier, um sich um sein Erbe und sein Haus zu kümmern?", fragte Ginny und klang neugierig.

„Sein Status und sein Reichtum waren für ihn immer das wichtigste gewesen. Er hat es mich sehr deutlich wissen lassen."

„Was ist mit Rache?", beharrte Ginny. „Diese ganze Zeit, die er damit zugebracht hat, den Tod seiner Mutter an ihrer Möderin zu rächen kann man kaum als selbstsüchtig bezeichnen."

Hermine hob eine Augenbraue. „Ach nein?"

„Alles, was ich sage, ist, dass er vielleicht noch andere Sorgen hat, als neue Vorhänge zu kaufen und seine Haufen an Gold zu zählen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass du für ihn keine Gefühle mehr hast."

„Das ist lange her. Ich war sehr jung", erinnerte sie Hermine. Sie drückte den Knopf diesmal fester.

„Im Gegensatz zu heute, wo du so wahnsinnig alt bist, mit dreiundzwanzig Jahren?", entgegnete Ginny trocken.

Der Fahrstuhl kam.

Hermine schenkte ihrer Freundin einen belustigen Seitenblick. „Ich war jünger. Du erinnerst dich an deinen Schwur, oder nicht?"

Ginny schnaubte auf. „Vage."

„Ich habe einen Fehler gemacht. Gott weiß, wie oft er mich davor gewarnt hatte. Ich habe nicht auf ihn gehört. Warum verteidigst du ihn die ganze Zeit über? Du hast vor einigen Jahren noch keine Loblieder gesungen. Und weiß Harry, dass ihr zwei eine nächtliche Frisör-Szene hattet?", fragte Hermine und steckte eine kaffeefarbene Locke hinter ihr Ohr.

„Ich habe noch niemals Loblieder auf Malfoy gesungen", erwiderte Ginny kühl. „Und ich sage ja nicht, dass du ihm vergeben sollst. Es ist nur, du hast ihn noch nicht gesehen, Hermine. Er… ich weiß, das klingt lächerlich, aber er hat sich verändert. Leid ändert einen Menschen."

Sie erreichten den vierten Stock, der im Fahrtsuhl als „Maximale Sicherheitsstufe" betitelt wurde. Hermine bedeutet Ginny, zuerst zu gehen. „Wenn er gelitten hat, dann war es seine eigene Wahl. Ich habe ihn nicht gezwungen zu gehen, Ginny. Vergiss das nicht. Der Zug ist abgefahren."

„Vielleicht hat er gedacht, er hätte keine Wahl? Wir waren doch alle bloß Kinder. Es war vielleicht eine schlechte Entscheidung, aber manchmal kann man Entscheidungen nur nach seinen Erfahrungen treffen. Und ich glaube nicht, dass Malfoy viel Erfahrung damit gehabt hatte, von jemandem bedingungslos geliebt zu werden. Was am letzten Schultag passiert ist, hätte jeden geschädigt. Ich meine, du bist gestorben, Hermine. Ron sagte, Harry hat Zabini fast den Kopf abgerissen."

„Man verlässt nicht die Menschen, die man liebt", sagte Hermine, als sie den Korridor zur Hälfte hinter sich gelassen hatten. „Das ist wohl die einfachste Regel, die man zu beherrschen hat. Harry tut es auch."

Ginnys Ausdruck verfinsterte sich. „Manchmal frage ich mich…"

Hermine wandte sich um, um Ginny ungläubig anzusehen. „Harry würde dich nie verlassen."

„Nicht, weil er noch nie darüber nachgedacht hätte, das versichere ich dir." Ginny schien selber überrascht, wie energisch sie klang.

„Harry hat manchmal blöde Ideen", bestätigte Hermine mitfühlend. „Aber vor allem ist Harry verlässlich."

Sie erreichten zwei weitere Türen, vor denen eine weibliche Wächterin an einem Schreibtisch saß. Sie war eingenickt, sprang aber schnell auf die Füße, als sie die beiden Frauen bemerkte. Ginny und Hermine gaben wortlos ihre Zauberstäbe ab und jedes weitere magische Objekt, das sie bei sich trugen. Bei Ginny war es eine wettervorhersagende Kette, die sie von Bill zu ihrem zwanzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Hermine holte eine blanke Pergamentrolle aus ihrem Mantel und schob sie der Hexe zu.

„Das muss ich mit rein nehmen."

Die Wächterin nickte und war wohl schon darüber informiert. „Sie haben zwanzig Minuten mit Snape", erklärte sie Ginny.

„Ich habe so viel Zeit mit meinem Klienten, wie ich brauche, vielen Danke", gab Ginny entnervt zurück.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Zwanzig Minuten, Miss Weasley. Er hat um halb elf einen Termin mit dem DMLA."

„Weswegen?", wollte Hermine stirnrunzelnd wissen.

„Der Malfoy-Erbe ist zurückgekehrt. Das ist alles, was ich weiß. Routinefragen, um diesen Fall abzuschließen." Die junge Wächterin lehnte sich näher zu Hermine. „Es heißt, Snape ist ausgerastet, als er gehört hat, dass Malfoy zurück ist. Vielleicht dachte er, es handelte sich um den anderen Malfoy, Sie wissen schon, Lucius."

Nun, das wäre wirklich ein Grund zur Besorgnis, dachte Hermine. „Ich glaube wirklich, Severus Snape könnte nicht mal ausrasten, wenn man ihn dazu zwingen würde", entgegnete Hermine trocken.

„Ich denke, ich bin eher fertig als du", seufzte Ginny. „Warte nicht auf mich."

„Lust, zu tauschen?", wollte Hermine wissen.

Ginny schauderte. „Gegen Bellatrix? Danke, aber nein danke. Die Sachen, die du für die Mysteriusmabteilung tust. Da würde ich lieber Drachenmist für Nevilles Garten umgraben."

Hermine lugte in die Dunkelheit. Der Korridor schien ewig weiter zugehen. Und nicht durch Magie. Askaban war einfach gruselig und düster. „Letzte Zelle auf der rechten Seite, nicht wahr?", fragte sie die Wächterin.

„Ja, Miss Granger."

Ginny wünschte ihr viel Glück und war schnell in die andere Richtung verschwunden, um das bisschen an Zeit mit ihrem schwierigen Klienten zu verbringen.

Bellatrix Lestranges Zelle sah aus wie jede andere Zelle in Askaban. Sie war dreimal zwei Meter groß, aus Stein, mit Gittern an einer Seite. Dazu ein Hocker in einer Ecke und ein Waschbecken in der anderen.

Jede Zelle wurde auch von Wächtern bewacht. Durch die Abwesenheit der Dementoren war dies etwas notwendiges, wenn man bedachte, wie schwierig es war, eine Hexe oder Zauberer dort zu behalten, wo sie nicht sein wollten. Mit oder ohne Zauberstab.

Die Persönlichkeit der Gefangenen definierte die Art der Wache, die man brauchte. Es war unnötig zu sagen, dass Bellatrix' Zelle mit so vielen Flüchen belegt war, dass die Gitter regelrecht glühten. Es half zwar nicht, die gruselige Stimmung zu heben, aber es sorgte für mehr Licht.

Zurzeit gab es keine anderen weiblichen Gefangen in Askaban. Das reichte aus, damit sich Hermine für ihr Geschlecht schämte.

„Hallo, Bellatrix."

Die Gefangene erhob sich in einer fließenden Bewegung von ihrem Hocker. Sie war nur noch eine Hülle ihrer selbst, bestehend aus Haut und Knochen und mattem, grauem Haar. Ihre Augen waren wildes Blau. Sie wirkten fehl am Platze in ihrem grauen Gesicht. So verwahrlost sie jetzt auch war, das Echo ihrer ehemaligen Schönheit war ihr noch immer anzusehen. Selbst Anmut. Die Blacks hatten das an sich.

„Na sieh mal einer an. Potters kleines Schlammblut kommt, um mich zu besuchen. Wie komme ich zu dieser Ehre?"

Für so eine schmale Person war ihre Stimme tief und laut. Sie passte zu ihren Augen, dachte Hermine. Sie erinnerte sich nicht mehr daran, dass Bellatrix' Stimme so befehlsgewohnt geklungen hatte, aber das letzte Mal hatte sie Bellatrix auch nur irre Lachen gehört, als Harry, sie und die anderen in der Mysteriumsabteilung gewesen waren. Es war nicht unbedingt eine angenehme Erinnerung.

Bellatrix fuhr mit ihren Finger über die Gitterstäbe, während sie ihren Besucher beobachtete. Sie wirkte nicht mehr als scheu und neugierig. Der Wächter bewegte sich bei dieser Berührung. Sie hatte ihr Standardkleidung gegeben. Schwarz gestreifte Hosen und ein passendes Oberteil. Sie schien die Sache wie Seide und Brokat auf der Haut zu tragen, nicht wie grobe handgesponnene Baumwolle.

Hermine entfaltete das magisch behandelte Pergament. Sie brauchte nur eine Sekunde, um Bellatrix' Dunkles Mal zu kopieren. Sie wollte nicht mehr Zeit als nötig in Anwesenheit dieser Frau verbringen. „Ich bin hier, um eine Prägung deines Mals zu machen. Schieb deinen Arm durch die Gitterstäbe." Es war keine Bitte.

Bellatrix blickte hinab auf das Papier und hob dann ihren spöttischen Blick zu Hermine. „Konnten Sie keinen vernünftigen Auror für mich finden? Was haben diese Leute die letzten zwei Monate getrieben? Oder sind es mittlerweile drei?" Ihre leichtfertigen Beleidigungen erinnerten Hermine an Sirius. Sie wandte sich zur anderen Wand und befeuchtete ihre Lippen abwesend. „Kann den Mond nicht sehen…"

„Ich bin nicht hier wegen einer Anhörung, aber sei versichert, sie haben dich nicht vergessen", gab Hermine zurück, obwohl Bellatrix es nicht hören wollte.

„Es war nicht mal ein Auror, der mich gefangen hat, richtig? Ihr habt es nicht gepackt. Lucius' Junge hat mich gefunden. Kann man das glauben? Ich denke, es macht biteren Sinn…"

Hermine konnte nicht anders. Sie hatte gewusst, sie würde nicht anders können, in dem Moment, als man ihr diese Aufgabe erteilt hatte. Scrimgeour würde wütend mit ihr werden, ehe die Aufklärer hier waren. Die nächsten Worte aus ihrem Mund überraschten sie nicht.

„Du hast seine Mutter umgebracht."

Ein Muskel in Bellatrix hohlem Gesicht zuckte. Sie blinzelte und befeuchtete ihre Lippe erneut. „Nein, habe ich nicht. Der Junge, Zabini. Er hat es getan."

„Du hast es befohlen", erwiderte Hermine zähneknirschend.

„Zissa war schwach", zischte Bellatrix und Spucke sammelte sich in ihren Mundwinkeln. „Sie war immer schwach. Und Andromeda war eine verfluchte Blutverräterin. Eine Hure der Muggel, aber immerhin… immerhin hatte unsere liebe, verlorene Andromeda die Courage der Blacks." Sie begann in der kleinen Zelle zu wanden. „Ich hätte gedacht, mein Neffe wird enden wie seine Mutter; schwach im Geist, schwach im Willen. Wie falsch ich lag. Ich nehme an, es war mehr von seinem Vater in ihm, als wir angenommen hatten. Die Malfoys waren immer ehrgeizige Kreaturen."

Ihr Ausdruck wurde plötzlich weicher. Aber sie sah immer noch verrückt aus. „Mein wunderbarer Neffe. Der Junge ist durch die Hölle gegangen, um mich zu finden, weißt du? Ich weiß es. Oh ja, ja, ja, ich weiß es. Diese Hölle habe ich geschaffen. Wie lange war er auf meiner Spur? Ich habe gehört, wie es gesagt wurde…"

„Fünf Jahre", erwiderte Hermine abwesend und sie spürte die Kälte wieder deutlicher.

Bellatrix hob die Augenbraue. Sie wirkte kurz gedankenverloren. „Fünf Jahre? Wirklich? Eine Verschwendung, wirklich. So viel Hingabe sollte dafür genutzt werden, dem Dunklen Lord zu dienen." Ihre Augen verengten sich. Ihr Verstand schien sich zu fokussieren. „Du bist du dreckige Verschwendung", spuckte sie ihr bösartig entgegen. „Wer hätte gedacht, unser Draco würde sich so ändern, wie er es getan hat? Kein Feigling am Ende, aber selbst das wäre besser gewesen. Es sollte sterben, alleine an der Schande. Zissa hat es getan", fuhr Bellatrix mit einem wildem Nicken fort. „Sie ist gestorben, weil sie es gewagt hatte, für sich und ihren Sohn ein anderes Leben zu wollen. Arme, fehlgeleitete, besessene Narzissa. Dachte, sie könnte ihrem Schicksal entfliehen."

Und wieder diese Schicksals-Kacke, dachte Hermine. Sie hatte von Draco schon genug davon gehört.

„Wir alle haben eine Wahl, Bellatrix."

„Und dein versautes Blut bestimmt die Wahl, die du machst, Schlammblut. Es kann dir nicht helfen", sagte Bellatrix mit unzerstörbarem Glauben.

Hermine bemerkte, dass sie eine Wahnsinnige anstarrte, aber sie hatte den unglaublichen Wunsch, Bellatrix etwas Böses anzutun. Es wäre gerecht, für alle unschuldigen Leben, die sie genommen hatte, für alle Familien, die sie zerstört hatte, für alles Gift, das sie zu Lebzeiten verspritzt hatte. Aber es war nicht ihre Aufgabe, diese Art von Gerechtigkeit walten zu lassen. Trotz aller Fehler des Ministeriums und seinen fragwürdigen Taktiken. Arthur Weasley behielt am Ende recht.

Es gab einen Prozess.

Und trotz der Ungerechtigkeiten, die das Ministerium Draco vor fünf Jahren angetan hatte, trotz des Verlustes, den er hatte ertragen müssen, hat er immer noch Vertrauen gehabt, dass Bellatrix die ultimative Strafe bekam. Er hatte genügend Gelegenheiten gehabt sie umzubringen, das wusste Merlin sicher.

Hermines Brust schmerzte, als sie daran dachte. Echt oder eingebildet, sie konnte es nicht sagen. Es fühlte sich echt an. Vielleicht lag es an ihrem Zorn und ihrem Abscheu gegenüber Bellatrix, den sie verbarg. Aber sie wusste, es war rührte wohl von dem Riss her, der plötzlich durch den Stein fuhr, in dem sie Herz eingeschlossen hatte. Es war nicht nur ein schlechtes Gefühl, aber es war definitiv ein beängstigendes.

Hermine gab ihrer Wut nach und schloss den Abstand zum Gitter. Sie sprach ruhig und präzise. „Wenn wir mit dir fertig sind, finden wir Tom Riddle und werden ihn aufhalten. Für immer."

Bellatrix fletschte knurrend die Zähne. Hermine war aber noch nicht fertig.

„Gib mir deinen Arm, oder ich lasse zwei muggelgeborene Zauberer hier rein kommen, die dich dazu zwingen, dich nackt auszuziehen, nur für den Spaß, den ich dabei hätte, dich gedemütigt zu sehen. Und dann, Bellatrix, würde ich mir einen ganzen Tag lang Zeit lassen, die Prägung vorzunehmen."

Bellatrix schenkte Hermine einen puren, bösartigen Blick, ehe sie ihren dürren Arm durch die Gitterstäbe schob. Ihre Haut war weich, faltig und papieren. Das Dunkle Mal streckte sich über ihren Arm. Hermine gab sich Mühe, es nicht direkt zu berühren. Als sie das Pergament zurückzog zeigte es eine perfekte Kopie, die sie würde studieren können.

Kurz sah sie das Bild von zwei schlagenden, schwarzen Flügeln vor ihrem inneren Auge. Hermine blinzelte und die unwillkommene Erinnerung verschwand.