Epilogue: Part Six
Pansy Parkinson wusste, wie man eine Party feierte.
Hermine nahm das Kristallglas, gefüllt mit Champagner, von Nick entgegen. Sie trank einen abwesenden Schluck und war kurz vom frischen Rosé Geschmack überrascht. Es war tatsächlich angenehm hier. Pansy machte wohl keine halben Sachen.
Der pinke Champagner war die einzige auffällige Farbe der Dekoration. Alles Übrige war elfenbeinweiß dekoriert. Die Decke war vollständig in elfenbeinfarbene Seide gekleidet und Tücher waren so drapiert, dass die Schatten im Kerzenlicht tanzten.
Es war, als betrachte man Wolken unter Wasser, was unglücklicherweise allerdings nicht war, woran Hermine gerne erinnert wurde.
Der Stoff war um jede der vier Säulen des Saals gewickelt und mündete in einer hübsch dekorierten Stoffschnecke am Boden. Hermine stand vor einer dieser Säulen und stellte sich vor Jack mit den Zauberbohnen zu sein, im Land der Riesen. Sie fühlte sich von allem überschattet, aber das hatte nichts mit der Größe des Saals zu tun. Wenn man so nervös war, hatte man immer das Gefühl, kleiner zu sein als sonst.
Die Kellner zirkulierten so unauffällig mit Tabletts voll Champagner und Canapés, dass man sie gar nicht bemerkte, bis sie einen am Ellbogen berührten, und höflich fragten, ob man noch etwas trinken oder eine happen essen wollte. Wollte man jedoch an derselben Stelle bleiben, war zwei lange Tische im rechteckigen Raum aufgestellt worden, beladen mit Essen. Ein gefährlich aussehendes Kobold Duo, die Flöte und Laute spielten, standen in der Ecke weiter hinten. Sie nahmen keine Wünsche bezüglich der Musik entgegen, wie Neville Longbottom bereits festgestellt hatte.
Nach einer Stunde war der Saal noch immer nicht bis zur Gänze gefüllt. Hermine schätzte die Zahl der bereits Anwesenden allerdings auf über zweihundert. Es war eine gute Mischung. Ehemalige Slytherins – viele von ihnen. Die Gryffindors waren hier wegen Harry. Einzeln verteilt gab es noch Ehemalige anderer Häuser. Dann waren Lehrer gekommen, Dumbledore nicht, und einige Abteilungen aus dem Ministerium, auch Nicks Boss. Ron war auffällig abwesend, hatte er doch seiner Mutter versprochen, Zeit im Fuchsbau zu verbringen. Molly hatte das leere-Nest-Syndrom, seitdem auch Ginny nun vollständig nach Grimmauld Platz gezogen war.
Hermine bereute nun, Nicks Einladung zum Essen vor der Party nicht angenommen zu haben. Es hatte einfach zeitlich nicht gepasst. Sie hatte sich auf der Arbeit umgezogen, und sich beschwert, dass sie nicht die Zeit gefunden hatte, Zauber auf das Kleid zu legen. Immerhin war die dunkelrote Farbe gnädig gegenüber Falten. Sie hätte ihr Outfit besser planen können, aber hätte sie noch mehr Anstrengungen in diesen Abend gesteckt, wäre ihr Kopf explodiert.
Sie war schon auf der Arbeit zu nichts zu gebrauchen gewesen.
Aus der Eingebung heraus hatte sie eine noch dunklere, ärmellose Tunika um die Schultern gelegt. Vorne war es wie eine Korsage geschnürt, und war nur um Weniges kürzer als das Kleid. Sie hatte auch keine Zeit für eine aufwendige Frisur gehabt, was auch nicht nötig gewesen war, denn es war ja eine pflegeleichte Frisur. Sie hatte etwas Styling Gel hinzugegeben, um die Locken mit den Fingern nachzuformen. Die Schuhe waren eine ganz andere Sache gewesen. Es war zu kalt für irgendetwas mit offenen Zehen gewesen, also hatte sie hohe, schlanke braune Stiefletten angezogen, die sie auf einer Shopping Tour in London mit ihrer Mutter gekauft hatte. Sie passten vielleicht nicht völlig zum Kleid, aber das Kleid war lang, und wer achtete schon darauf? Nick kannte Merlin sei Dank nicht einmal den Unterschied zwischen einem Winterstiefel und einem Paar Espadrillos.
Draco Malfoy allerdings kannte den Unterschied höchstwahrscheinlich.
„Und warum denkst du darüber nach?", fragte sie die nervige Stimme in ihrem Kopf, die so klang, wie eine achtzehnjährige Version ihrer selbst.
Ihr hungriger Magen rumorte. Sie nippte nur am Champagner, weil es ihr wenigstens etwas zu tun gab. Unglücklicherweise stieg er ihr direkt in den Kopf. Es war nicht vollkommen unangenehm. Das schwere, weiche Gefühl, das in ihren Knien anfing und hoch in ihren Kopf wanderte. Böse mit sich selbst stellte sie das Glas auf das nächste leere Tablett, das an ihr vorbei getragen wurde.
Nick blieb an ihrer Seite, warm und aufmerksam. Er sah sehr nett in seinem dunklen Anzug aus. Hermine war dankbar, dass er sie nicht auf ihre Stimmung ansprach und weshalb sie sich anscheinend seit einer Stunde dringend hinter der riesigen Eisskulptur auf der anderen Seite der Halle verstecken wollte.
Die Skulptur hatte natürlich auch in Drachenform sein müssen. Die Augen wirkten wie karamellisierte Kirschen. Sie schritt näher, m sich zu vergewissern und fragte sich, ob es jemand merken würde, wenn sie eine Kirsche ausstach.
„Di weißt, wir können gehen, wann immer du willst", sagte Nick in ihr Ohr. „Eigentlich hätten wir auch gar nicht kommen müssen."
Das war sehr verständnisvoll von ihm. Sie hatte auch nichts anderes von ihm erwartet.
Hermine hatte nicht zu ausschweifend von ihrer Zeit mit Draco berichtet, aber nach sechs Monaten voller zwangloser Verabredungen wusste Nick genug, um anzunehmen, dass ihr Draco Malfoy irgendwann mal etwas bedeutet hatte. Wichtiger war, er wusste, dass es nicht gut ausgegangen war.
Er lag richtig. Sie musste nicht hier sein. Sie war eingeladen worden, natürlich, obwohl niemals aus den Einladungen hervorgegangen war, dass Draco das gewollt hatte.
Draco war der Ehrengast, aber es war Pansy Parkinsons Party. Sie hatte sich höflich zurückgemeldet und angegeben, dass Nick ihr Date sein würde. Nick war mit Pansy über August Winthrop befreundet.
Befreundet gewesen, erinnerte sich Hermine bitter. Noch ein Tod, wegen der Malfoys, wenn auch nur indirekt. Millicent Winthrop, geborene Bullstrode, war natürlich nicht hier.
Hermine wünschte sich, Nick würde mit ihr reden. Sie fühlte sich nutzlos, während sie rumstand und gar nichts tat. Noch ein Kellner schwebte praktisch an ihr vorbei, und resignierend ergriff sich Hermine ein neues Glas Champagner.
Auf der anderen Seite des Saals schnippte Harry voller Konzentration kleine Stückchen, die er nicht mochte, von seinem Canapé. Ginny stand neben ihm und sah bezaubernd in ihrem grünen Kleid aus, die roten Haare lockig hochgesteckt. Sie unterhielt sich angeregt mit Neville Longbottom.
Als würde Harry ihren Blick spüren, hoben sich seine Augen. Seine Brille rutschte ein Stück seine Nase hinab, und er korrigierte es mit seinem Zeigefinger, mit dem er vorher noch Stückchen von seinem Canapé geschnippt hatte. Harry sah besonders gut aus, in seinem schwarzen Smoking, mit weißer Fliege um seinen Nacken.
Er winkte ihr mit dem Canapé (was jetzt nur noch ein Weizenmehl-Plätzchen war) aufmunternd zu.
Nick sah es ebenfalls. „Sieht aus, als würde Potter gerne mit dir reden. Geh vor, ich komme nach."
Es wurde wahrscheinlich sowieso mal Zeit, sich zu bewegen, dachte Hermine. Die Eisskulptur ließ sie zittern.
Immer noch kein Zeichen von Draco. Es störte sie auch überhaupt nicht, erinnerte sie sich wieder. Sie war hier, um Nick zu begleiten, welcher wiederum hier war, um Pansy einen Gefallen zu tun. Und es wäre auch nicht möglich, alles, was mit Draco zu tun hatte, den Rest ihres Lebens zu vermeiden. Sie waren doch verdammt irgendwann aufeinander zu treffen, oder nicht?
Aber es sah nicht so aus, als ob es heute Nacht soweit sein würde.
Etwas von der Anspannung in ihrem Magen löste sich bei dieser Aussicht. Es war, als würde sie gleich die Ergebnisse ihrer Utze erfahren, für die sie nicht gelernt hatte.
Mit einem gekünstelten Lächeln durchquerte Hermine den Ballsaal, ohne die Gäste zu behindern, die in kleinen Gruppen beieinander standen und sich unterhielten. Der lange Rock wehte um ihre Beine, während sie ging.
„Hi", begrüßte Harry sie.
„Hi", erwiderte Hermine, etwas ungeduldig. „Was ist?"
Seine Augenbrauen hoben sich auf Grund ihrer kurz angebundenen Worte. „Nett, dich auch zu sehen. Ich wusste nicht, dass dieser Winter-Typ auch eingeladen war. Seit ihr zusammen gekommen?"
Harry tat etwas, was er nicht besonders häufig tat. Er war bissig.
„Winter-Typ?", wiederholte Hermine entnervt. „Harry, du weißt, dass wir zusammen sind. Ich wünschte, du würdest das endlich begreifen."
„Ich kann nicht anders. Ich kann die Ministeriums-Finanzverwaltung nicht leiden. Sie haben bereits unser Budget für dieses Jahr gekürzt. Und du bist nicht wirklich mit ihm zusammen, oder?"
„Wir gehen seit sechs Monaten aus!"
„Pff", machte Harry und seine Nase kräuselte sich. „Das ist doch gar nichts."
„Nur weil es dich sechs Jahre gekostet hat, Ginny zu bekommen", fuhr Hermine ihn an.
„Ich weiß nicht, ob ich das Wort bekommen unterstütze", mischte sich Ginny ein, nachdem Neville Professor Sprout begrüßen gegangen war. „Nebenbei, die Farbe steht dir wunderbar, Hermine. Ist es ein Kleid von Madame Lacroix?"
„Tut mir leid, Ginny. Und ja, es ist ein Lacroix." An Harry gewandt ergänzte Hermine, „Ich wusste nicht, dass du ihn nicht leiden kannst, und er kann nichts für seine Arbeit."
Harry schien froh zu sein, weiter ausholen zu können. „Er ist etwas… verschroben. Ich ziehe den Draußen-Typ vor."
Hermine konnte nicht fassen, was sie hörte. „Tja, gut, dass ich mit ihm zusammen bin und nicht du."
Ginny lächelte, als sie sprach. „Seid ruhig, ihr beiden, er kommt."
Nick erreichte sie, wie versprochen. „Hallo Harry, Ginny."
Ginny lächelte freundlich. „Hallo Nicholas, wie geht es dir?"
„Es geht mit sehr gut, danke. Und dir?"
„Ihr geht's super", unterbrach Harry das Gespräch. „Sag mal, Winter, könntest du uns einen Gefallen tun?"
„Uns?", wiederholte Hermine und verengte die Augen. Es gab wirklich keine Sympathie zwischen Harry und Nick, seit der letzten Budgetkürzung.
Nick schwieg, sah Hermine an, ehe er sich wieder an Harry wandte, mit dem Enthusiasmus, den vielleicht jemand an den Tag legte, der sich bereit erklärt hatte, sich vor Publikum mit Messern bewerfen zu lassen. „Sicher, welchen Gefallen?"
„Büroklammern."
Nick blinzelte. „Büroklammern?"
„Jaah", sagte Harry. „Ich bin dabei eine Bedarfsermittlung über Büroklammern aufzustellen, aber es ist dringend, verstehst du? Wir brauchen sie für administrative Angelegenheiten, die nicht warten können. Die Sache ist die, meine Abteilung hat ihre vorgeschriebenen Ausgaben für Büroartikel anscheinend für diesen Monat erreicht."
„Auroren haben vorgeschriebene Ausgaben für Büroartikel?", warf Ginny ein, während Harry sie an seine Seite zog und einen Arm um sie legte.
„Du möchtest, dass ich deiner Abteilung einen Vorschuss für nächsten Monat gebe, damit deine Abteilung… Büroklammern kaufen kann?", fasste Nick trocken zusammen.
„Könntest du?", strahlte Harry jetzt. „Ich meine, würdest du die Angelegenheit mit deinem Boss besprechen? Ich wäre dir ja so dankbar."
„Ja, ich denke-"
„Das ist nett von dir", unterbrach ihn Harry erneut. „Cawldash steht hier vorne", ergänzte er und deutete auf einen stämmigen, rotgesichtigen Gentleman in einem Kilt, der einen Kellner praktisch mit dem Accio zu sich gerufen hat, für einen Drink.
„Harry, das war gemein von dir", maßregelte Ginny ihn, nachdem Nick gegangen war, um Harrys Gefallen zu erfüllen.
Harry grinste. „Ja, nicht wahr? Wenn Calwdash erst mal anfängt, gibt es kein Entkommen, bis jemand dumm genug ist, das Gespräch mit ihm zu unterbinden."
Hermine betrachtete Harry mit mildem Abscheu. „Du hättest ihn einfach bitten können, uns für einen Moment zu entschuldigen. Er hätte schon verstanden."
„Ja, aber ich bin gerne gemein."
Sie verdrehte die Augen. „Du hast meine volle Aufmerksamkeit, Potter. Spuck es aus."
„Ich denke, es wird Zeit, dass du mit Malfoy sprichst."
Ihre Hand fand den Weg zu ihrer Hüfte. „Das kann ich mir denken."
„Diese Vergangenheit zwischen dir und ihm ist ein loser Faden und… er hängt einfach nur da", beharrte Harry. „Wenn du weiterhin Beziehungen führen möchtest, sei es mit Winter (er seufzte dramatisch auf, nach diesem Namen) oder mit einer anderen Person, dann sag das Malfoy. Für euer beider Wohl."
„Und selbst wenn ich mit diesem Kapitel abschließen wollen würde, Harry, er ist ja nicht mal zu seiner eigenen Party aufgetaucht!"
Harry wirkte für einen Moment verwirrt. „Er steht doch da drüben."
Großer Gott. Ja, das tat er.
Nur Draco Malfoy konnte heimlich auftauchen, ohne es überhaupt zu merken. Er stand direkt neben der Eisskulptur. Hermine war plötzlich sehr dankbar, dass Harry sie zu sich gelockt hatte.
Sie starrten ihn an, wie eine weitere Vielzahl an Gästen, die sein Auftauchen ebenfalls bemerkt hatten. Neben dem Tisch mit den Getränken machten Pansy Parkinson ein zufriedenes Geräusch, als der Ehrengast erschienen war und stöckelte hinüber, wie ein aufgeregter, tropischer Vogel.
Ginny berührte sie am Arm. „Hermine, sag etwas."
Er war etwas gewachsen.
Besser gesagt, er war überall etwas gewachsen.
„Etwas", befolgte Hermine Ginnys Anweisung. Ihre Stimme klang dünn wie Papier.
Malfoy war nie wirklich dünn gewesen. Viele Kinder waren dünn wie Bohnenstangen und füllten die Körper erst mit der Pubertät aus. Draco nicht. Er war kleiner gewesen, in ihrem ersten Jahr, und er war auch erst im dritten Jahr in die Höhe geschossen. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er schlank und muskulös gewesen, typische Sucher-Figur. Jetzt sah er so aus, als ob er Klatscher mit der Hand verscheuchen konnte.
Ihr Herz schlug seltsame Purzelbäume.
Er sah völlig anders aus und dennoch gleich. Er war schlank. Das Schlaksige an ihm war verschwunden. Er füllte die formalen schwarzen Roben mit Leichtigkeit aus. Und die Roben waren nicht eng, sie waren einfach wunderbar geschnitten. Hermine fragte sich, ob Pansy dafür gesorgt hatte, denn Harry hatte erwähnt, Draco interessierte sich nicht mehr für Mode. Ihre Augen wanderten zu seinen Füßen, und sie war fast amüsiert. Seine Lackschuhe waren vielleicht mal schwarz gewesen, aber die Sonne hatte sie ausgeblichen. Immerhin schien er sich selber für die Schuhe entschieden zu haben. Sie waren ausgelatscht, und auch auf die Entfernung konnte sie erkennen, dass sie wohl ziemlich bequem sein mussten.
Im Moment befand sich Malfoy immer noch im Gespräch mit Pansy. Hermine erkannte nur sein Profil. Pansy schien aber die Unterhaltung ziemlich alleine zu führen. Kurz hatte sie die Hand gehoben, um seinen Pony neu zu frisieren, nachdem sie zufrieden mit seinen Festtagsroben schien. Hermine hörte, wie Pansy ein Quietschen unterdrückte, als auch sie Dracos Schuhe bemerkte. Aber dieser neue Draco schien sich gar nicht an Pansys Gebärden zu stören, hätte er doch früher ihre Hand zur Seite geschlagen. Er wirkte einfach nur gelangweilt und ungeduldig.
Hier stand sie, am Rande eines Nervenzusammenbruchs und Draco Malfoy war gelangweilt.
Und dann hob er den Blick zum Rest des Saals, und Hermine fand sich seiner vollen, frontalen Präsenz ausgesetzt. Sie sah sein Gesicht, dieselbe starke lange, gerade Nase. Die Wangenknochen wirkten deutlicher hervorgehoben, denn sein Gesicht wirkte schlanker, als sie es im Gedächtnis gehabt hatte. Aber der Rest von ihm hatte sich definitiv ausgefüllt. Seine Schultern waren breiter, seine Brust ebenfalls. Die Festtagsroben fielen hinab bis zu seinen Füßen, also konnte sie seinen Unterkörper nicht erkennen, und sie fragte sich, warum zur Hölle sie darüber nachdachte.
Immer noch lag etwas Jungenhaftes auf seinen Zügen. Sie konnte es in seinem Mund erkennen und wusste, seine Mundwinkel würden sich um ein Weniges heben, wäre er amüsiert oder höhnisch.
Überraschenderweise sah er weniger aus wie Lucius, als sie gedacht hatte. Weniger Überheblichkeit und Arroganz lagen auf seinen Zügen. Er wirkte ruhig und gefasst. Sehr gefasst.
Anscheinend zufrieden hatte sich Pansy von ihm abgewandt, damit er sich unter die Leute mischen konnte.
Oh Gott. Hermine suchte den Saal ab und wünschte, dass jemand auf ihn zukäme, ihn ablenken würde.
Aber niemand kam. Es war seine eigene Schuld, dass er so verdammt unnahbar war. Sie zwang sich, ihn weiter anzusehen, sich normal zu verhalten, überzeugt, dass er denken würde, sie würde mit Absicht wegsehen, würde er sie mit seiner Aufmerksamkeit würdigen.
Und es passierte. Draco sah direkt in ihr Gesicht. Es war, als würde sie mental vor eine Wand geworfen. Dieser alleswissende, belastende Blick, der ihre ohnehin wachsende Panik sofort ins tausendfache steigern konnte. Die Geräusche des Saals schwanden in ihren Ohren, bis sich alles zu einem Summen vermischte. Diese grauen, unnatürlich hellen Augen betrachteten sie unablässig.
All die anderen Gefühle, die sie sich so hart antrainiert hatte – Ärger, Bitterkeit und Schmerz – wurden momentan verdrängt, und nichts blieb, außer nackter und düsterer Offenbarung.
Hermine registrierte, dass Draco Malfoy immer noch die Fähigkeit besaß, sie vergessen zu lassen, wie man atmete.
„Es geht los", hörte sie Ginnys entfernte Stimme.
Er kam direkt auf sie zu. Auf sie, Harry und Ginny. Ich kenne diesen Gang, dachte Hermine, ehe sie sich aufhalten konnte. Sie war oft genug hinter ihm her gelaufen, in den furchtbaren zwei Wochen, in denen dieser Gang sich für immer in ihre Gedächtnis gebrannt hatte. Draco hatte es nie vollbracht, ziellos umherzuwandern. Er lief immer sehr offensichtlich auf etwas zu.
Er kam auf sie zu.
Oder vielleicht auch nicht?
Dann war er direkt an ihr vorbeigegangen. Nah genug, dass Hermine sein würziges Aftershave hatte erahnen können. Er lief weiter, bis er hinter dem Canapé-Tisch verschwunden war.
„Äh… ok", sagte Harry. „Das lief gut."
Dumme Tränen stiegen in ihr auf. Natürlich waren sie nicht wirklich dumm und irrational. Es war vollkommen normal, dass sie wütend war, aber sie kam sich dennoch dumm vor.
Hermine sah sehnsüchtig zu den französischen Türen, die auf die Veranda führten.
„Entschuldigt mich", sagte sie zu Harry und Ginny. „Ich gehe raus, etwas frische Luft schnappen."
Man musste ihnen zu Gute halten, dass weder Harry noch Ginny irgendwelche Fragen stellten. Sie erinnerten sie auch nicht daran, dass es eisigkalt draußen sein würde. Sie wirkten ebenfalls etwas erschüttert, nach diesem Fast-Zusammentreffen. „Lass dir Zeit", bestätigte Ginny. „Ich sage Nick, dass du gerade beschäftigt bist."
Nicholas Winter war kein Troll. Draco hatte ihn über eine Stunde lang intensive beobachtete und war mit sich darüber eingekommen, zumindest diese Tatsache zu akzeptieren.
Aber er war dennoch ein Buchhalter. Das reichte immer noch für Dracos ich-kann-dich-nicht-leiden-sei-es-auch-aus-dem-dümmsten-Grund-heraus Szenario.
Was er von den Leuten gehört hatte, die ihn kannten, war Winter Mitte dreißig, gebildet, wohlerzogen, gut gekleidet, liebenswert und hatte nicht die verrückten Massenmörder-Verwandten, über die jedermann Bescheid wusste.
Aber welcher Zauberer hatte bitteschön nicht das ein oder andere schwarze Schaf in der Familie?
Nick Winter war auch noch muggelgebürtig. Noch eine Sache, die er und Granger gemeinsam hatte. Er hatte die Art von Gesicht…
Er hatte ein freundliches Gesicht. Das Gesicht eines Mannes, der Grausamkeiten nicht kannte und auch nicht wusste, wie sie bei anderen anzuwenden waren.
Er war auch nicht so groß wie Draco. Noch etwas Gutes.
Aber es reichte nicht, um Dracos Stimmung zu verbessern. Pansy hatte Nerven, diesen Idioten einzuladen. Sie hatte Draco mit einiger Mühe erklärt, dass Hermine Granger die Einladung nicht annehmen würde, würde sie nicht an Nick Winters gottverdammtem Arm hängen können.
Draco hatte fabelhafte Arbeit geleistet, in den Schatten rumzuhängen, bis, sich zu verstecken, keine Option mehr bot. Er war also in den Saal gegangen und hatte einen geschützten Fleck gefunden, neben der scheußlichen Drachenskulptur aus Eis, die Pansy für den Anlass aus Rumänien hatte einfliegen lassen.
Pansy hatte Draco entdeckt und war zu ihm gekommen um extrem schnell und extrem hoch mit ihm zu sprechen. Das bedeutete, dass sie wütend auf ihn war. Er hörte noch ich-kann-nicht-fassen-wie-spät-du-kommst und wo-hast-du-diese-furchtbaren-schuhe-her, ehe er ihre Stimme ausblendete.
Es war schwer, aufmerksam zu sein, denn er konzentrierte sich nur auf Winter und Granger.
Zusammen. Auf seiner scheiß Party! Potter sprach mit dem Mann. Winter ging und ließ Hermine zurück. Sie würde ihn wohl gleich bemerken. Er spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte.
Perfekt war, was dein Kopf dir sagte. Und sie war perfekt, soweit er es einschätzen konnte. Nach so langer Zeit hatte sich sein Gehirn ein eigenes Bild von Hermine Granger zusammen gesponnen, und es sagte einiges, dass die Realität seine kühnsten Träume überholt hatte.
Hermines stille Vorzüge schrien praktisch nach ihm. Das dunkelrote Kleid ließ ihre Haut cremig weich erscheinen. Das Kerzenlicht unterstützte diesen Effekt auch noch. Ihr kurzes Haar bettelte fast darum, berührt zu werden. Es wirkte wie die perfekte Länge, damit er seine Hand darin vergraben konnte. Sie war immer noch so klein und schmal, zerbrechlich fast, aber er wusste, es befand sich Stahl unter dieser Erscheinung. Er hatte bereits die Erfahrung gemacht.
Gott, er konnte schon praktisch spüren, wie er ausfällig werden würde. Pansy ließ ihn zurück.
Es war wohl besser, zu gehen.
Wenn man jemanden liebte, dann tat man alles, damit der andere glücklich war. Selbst wenn er vermeiden musste, sie zu sehen. Vielleicht musste man sogar aus dem Ballsaal verschwinden, um seine Faust in eine verdammte Säule auf dem scheiß Balkon zu rammen.
Besser, als einen verdammten unschuldigen Mann zu schlagen, nahm Draco an.
Winter zusammenzuschlagen kam nicht in Frage, natürlich. Hermine würde ihm schon so nicht vergeben. Pansy hatte also besonders hilfreich erwähnt, dass Winter nicht Hermines erste Begleitung seit Dracos Verschwinden war. Wenn er Winter ins Gesicht schlagen würde, müsste er noch jeden weiteren Verlierer ausfindig machen, dem Hermine in den letzten fünf Jahren in einem Restaurant gegenüber gesessen hatte.
„Sie ist eine Frau, Draco. Wir haben Bedürfnisse", hatte Pansy ihm heute erklärt.
Zur Hölle, er hatte auch Bedürfnisse gehabt. Eher einfachere Bedürfnisse, als er häufig kein sauberes Trinkwasser hatte finden können. Oder als er einen Handbreiten tiefen Schnitt in seiner Seite gehabt hatte und Nadel und Faden provisorisch aus einem Stück Knochen und der Sehen eines Pferds hatte basteln müssen.
Es war nicht so, dass er nicht die Möglichkeit in Erwägung gezogen hatte, dass Hermine wen neues hatte. Er wäre ein Idiot gewesen, nicht darüber nachzudenken. Er hatte sich aber überzeugt, dass sie begreifen würde, was wirklich richtig war – was mit seiner Rückkehr unleugbar im Raume stand – und wieder dorthin gehen würde, wo sie hingehörte.
Hermine gehörte an seine Seite.
Verdammt. Jetzt wollte er Winter wirklich eins auf die Fresse geben.
Das Objekt seiner Begierde wählte diesen Moment aus, den Ballsaal zu verlassen, durch dieselbe Tür, die er gewählt hatte. Sie trat nach draußen auf die Veranda. Sie lief direkt an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken.
Nein, das war zu früh. Er arbeitete immer noch daran seine Wut und seine Eifersucht unter Kontrolle zu kriegen. Es wäre nicht klug, ihr Angst einzujagen Draco blieb in den Schatten verborgen. Es sagte viel über ihn aus, das dies ein Ort war, an dem er sich sicher fühlte.
Hermine rieb ihre Oberarme als sie nach vorne in den mondbeschienenen Garten blickte. Alles war schwarz und silbern.
Der Mond wirkte milchig und enorm groß. Sie betrachtete ihn, ihr Atem als weiße Wolke vor ihrem Gesicht. „Und was starrst du so?", schien sie den Mond zu fragen.
Draco lächelte in der Dunkelheit. Er konnte nicht anders. „Dasselbe, was ich anstarre. Ich mag die kurzen Haare. Sie stehen dir."
Hermine erschrak und wandte sich um. Die Panik in ihrem Blick schmerzte ihn. Aber ihr Gemüt wandelte sich von ängstlich zu zornig, fast innerhalb einer Sekunde. Ja, das war seine Hermine, eine Kreatur der unendlichen Logik, gehüllt in Schichten aus Gefühlen.
„Du", sagte sie, und schaffte es, dass dies wie ein Schimpfwort klang. „Was tust du hier?"
„Ich wohne hier, schon vergessen?"
Er glaubte zu sehen, wie sie eine Spur errötete. „Ja, ich dachte, ich wäre allein", gab sie knapp zurück.
„Ich kenne das Gefühl", erwiderte er still.
Sie schritt bereits von ihm fort. Ihr Kleid wehte ansehnlich um ihre Beine. „Ich hab dir nichts zu sagen."
Draco blieb, wo er war, obwohl es ihn ernsthafte Anstrengungen kostete. Er zog es vor, dass Dinge so liefen, wie er es wollte. Und wenn dies nicht so war, dann wandte er Gewalt an.
„Dann sag nichts und lass mich reden."
Das hielt sie auf. Sie hatte die Fäuste an ihren Seiten leicht geballt, und schien einzuatmen, um sich zu beruhigen. Die Korsage, die sie trug, ließ ihre Brüste ohnehin anbetungswürdig aussehen, aber die tiefen Atemzüge unterstützten diesen Effekt. Langsam wandte sie sich um.
„Wenn ich es mir recht überlege, dann will das hören. Erklär mir, warum ich die Vergangenheit vergessen sollte? Das willst du doch, oder? Und dann was? Dann heiße ich dich in meinen Armen willkommen? Ist es das, was du dir vorstellst? Harry hat mir so viel gesagt."
Draco entschied, dass die Wahrheit im Moment ausreichend war. „Du gehörst zu mir."
Sie blinzelte exakt zweimal und das sehr schnell. Er konnte sehen, dass die Hand, mit der sie ihn vielleicht schlagen würde, kurz zuckte.
„Nach fünf Jahren… wo ich dachte, du wärst tot oder lägst im Sterben oder schlimmer noch – ohne dich überhaupt erreichen zu können, nachdem du diese lächerlichen drei Postkarten geschickt hast! Nach all dem Schmerz, an dem du schuld bist, ist das alles, was du zu mir zu sagen hast? Das?!"
„In der Nacht in der Nokturn Gasse, habe ich dir gesagt, es gibt kein
Zurück mehr. Fida Mia hat etwas begonnen, aber wir haben es verdammt noch mal auf eine nächste Ebene katapultiert und dann haben wir es besiegelt, verdammt Scheiße nochmal, Granger. Ich werde nicht so tun, als wäre es eine dumme Romanze gewesen. Du hast gefühlt, was ich gefühlt habe. Gib der Sache Zeit. Bitte."
„Anscheinend hast du nicht so viel gefühlt, wie ich", erwiderte Hermine mit klarer Stimme. Sie drückte einen Finger über ihr Herz. „Ich bin diejenige mit dem gebrochenen Herzen, schon vergessen? Ich bin nicht gegangen, du bist gegangen. Erzähl mir nichts von Zeit!"
Er nickte. „Ja, ich weiß. Ich komme darauf in einer Minute zurück. Jetzt musst du einfach begreifen, dass du nicht für immer wütend auf mich sein kannst. Jetzt bin ich zurück und wir können nicht für immer getrennt sein. Es wird uns umbringen, das tut es doch schon."
Sie schnaubte auf. „Das wird es nicht. Ich bin tatsächlich ganz wirklich über dich hinweg, Malfoy! Ich habe mein Leben weiter gelebt. Es ist nicht meine schuld, dass du das nicht getan hast!"
Er machte einen ruhigen Schritt auf sie zu. „Ich habe Zweifel, dass du wirklich weiter gelebt hast. Deine Ausdauer ist erstaunlich. Es ist eines der vielen Dinge, die ich an dir liebe, Granger. Aber du belügst dich selbst, wenn du denkst, du wärst über mich hinweg."
Hermine konnte nicht fassen, was sie da hörte. Besaß er wirklich die Dreistigkeit zu denken, dass er tatsächlich vernünftig war? Wenn sein leichtes, aufwandloses Geständnis seiner Liebe sie nahezu zum Platzen brachte, dann schaffte es sein massives, unbeschadetes Ego ohne weiteres. Hermine bemerkte, dass sie gefährlich nahe dran war, vor ihm zu zerbrechen. Und sie hasste ihn wieder einmal dafür. Das sollte so nicht passieren. Es hatte sie so viel Zeit gekostet, ihr Herz abzuhärten.
Sie wandte sich von ihm ab, um wieder mehr Fassung zu gewinnen. Er schien dies als Gleichgültigkeit zu deuten.
„Schon gut", sagte er, und sie war seltsamerweise beruhigt, ein Zittern in seiner Stimme zu erkennen. „Lass es mich dir erklären. Stell dir vor, du wärst ich, fünf Jahre zuvor. Stell dir vor, du wärst in mich verliebt."
Hermine öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber er hielt sie auf. „Warte, hör mich einfach an. Du verliebst dich überraschend. Etwas, von dem du nicht mal erwartet hast, dass du es könntest. Du hasst die Welt, und die Menschen in ihr und du vertraust niemandem. Am wenigsten deiner eigenen Familie, von der du denkst, dass sie dich verraten und verlassen hat. Aber diese neue Liebe… sie ist…" Draco machte eine Pause und schien nach dem richtigen Wort zu suchen. „Sie ist bemerkenswert. Ein Sturm, vollkommen leidenschaftlich, zerbrechlich und völlig irrational, mit absolut schlechtem Timing, aber dennoch ist sie da. Hals über Kopf, über deinen Kopf hinaus. Dann passiert etwas und du bist schuld, direkt und indirekt. Etwas Schlimmes passiert, und der andere stirbt."
„Nur, dass ich nicht gestorben bin. Du hast mich gerettet, schon vergessen?", erinnerte sie ihn tonlos.
Dracos Augen schimmerten farblos im Mondlicht. „Nur geradeso, Granger. Ich habe dich nur gerade eben so gerettet. Du bist in meinen Armen ertrunken. Ich habe das Leben aus dir gleiten sehen. Du hast keine Ahnung, was es mir angetan hat. Du bist wegen mir gestorben."
„Aber du hast versprochen, du würdest nicht gehen, ohne es mir zu sagen!" Ihr fiel auf, dass sie schrei. Sie war verletzt und wütend, und es strömte fast verboten erleichternd aus ihr heraus. Sie konnte nicht aufhören. Sie wollt egar nicht aufhören. Großer Gott, wann war er so nahe gekommen? Sie standen kaum einen Atemzug voneinander entfernt. Sein ernstes, besorgtes Gesicht war über ihrem. Ginnys Haarschnitt war schon ein Stück weit rausgewachsen. Sein PÜony war lang genug, dass er ihn aus den Augen wischen konnte. Seine Haare am Hinterkopf waren jedoch immer noch kurz und stachelig. Eine dünne weiße Narbe zog sich über seinen linken Wangenknochen, eine weitere über seinen Kiefer. Ihr Verstand bemerkte noch ein Dutzend weitere Narbe, weitere Details in seinem Gesicht.
„Du wusstest, es war ein Versprechen, das ich nicht halten konnte, als du mich darum gebeten hast", zischte er.
Ein winziger Teil von ihr registrierte, dass Draco Malfoy jetzt zehnmal gefährlicher war, als vorher. Aber Zorn machte einen oft mutiger als man war. Selbst wenn es dummer Mut war. „Also ist deine fünf Jahre lange Abwesenheit auf einmal meine Schuld, was?"
„Ich hab getan, was ich tun musste, um sicherzugehen, zu dir zurückkommen zu können. Ich hätte vorher niemals bleiben können. Es hätte einfach nicht funktioniert."
„Das weißt du nicht!", sagte sie und ließ all ihren Schmerz in ihre Stimme fließen. „Wir hätten glücklich sein können."
Er schüttelte mitfühlend den Kopf. Das Haar fiel in seine Augen und ungeduldig wischte er es zur Seite. „Hätten wir nicht. Ich hätte nicht so mit dir zusammen sein können, wie ich es jetzt kann."
Ehrlich, sie hätte ihn auch einfach nur ansehen können. Sie hätte hier sitzen können und seinen Anblick aufsaugen können. Das fasste die Summe aller Gefühle in ihr zusammen. Die Erleichterung zu wissen, dass es ihm gut ging, dass er überstanden hatte, in was er sich selbst gebracht hatte, kam sehr spät. Es war wie ein Schlag in den Magen.
Oh nein. Sie würde wirklich weinen. Und dann hob sich ihre Hand, wie schon so oft, um sie zu verraten, und legte sich auf seine Wange. Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn verbrannt. Sein Atem ging schneller. Anscheinend zufrieden war ihre Hand wieder zurück an ihre Seite gesunken.
Ihr Mund stimmte immerhin noch immer mit ihrem Verstand überein. Sie war an ihrem Schmerz gewachsen, und es gab ihrer Stimme einen schärferen Ton. „Das ist es also, was du mir zu sagen hast? Das war es? Sind wir jetzt fertig, Draco?"
Seine Augen glänzten mittlerweile. Nach einem Moment, der eine Ewigkeit zu dauern schien, wandte er sich ab und strich mit Handrücken über seine Augen.
„Ja, ich denke, das war's."
Vor fünf Jahren hätte sie ihren rechten Arm gegeben, damit er sie so ansah, so rau, voller offener Gefühle, wie er es jetzt tat, aber Zeit hatte sie hart werden lassen. Sie fühlte den Triumph und den Hauch von Gerechtigkeit in dem Wissen, dass es im Moment wahrscheinlich keine andere Person auf diesem Planeten gab, die Draco Malfoy so sehr verletzen konnte, wie sie es gerade tat.
Und es geschah ihm recht. Dieses Wissen offenbarte eine gewisse Macht. Es half ihren eigenen Schmerz zu linden.
Es gab nichts mehr zu sagen. Nick würde sich schon wundern, wo sie war. Hermine wandte sich ab und begann zum Ballsaal zurückzugehen. Zu der Party, wo die Leute lachten. Wie viel hatte sich wirklich verändert, in der Zeit, in der er fort gewesen war? Bellatrix war gefangen, aber Voldemort war immer noch nicht gestürzt. Die Leute hatten immer noch Angst.
Die Distanz zwischen ihnen wurde größer, mit jedem Schritt den sie machte. Sie wusste, dass er bleib, wo er war, während er ihr zusah. Er folgte ihr nicht. Keine wütenden Schritte hinter ihr. Er umfasste nicht ihren Arm, um sie herumzudrehen, damit er sie fertig machen konnte und sie eine verdammte Lügnerin nennen konnte. Er küsste sie nicht, um sie zu manipulieren oder zu bestrafen oder ihr Angst einzujagen.
Er tat genau das, was sie verlangt hatte. Er ließ sie in Ruhe.
Und was war das Ergebnis ihres Ausbruchs? Sie hatte ihr unvermeidbares Zusammentreffen hundert Mal in ihrem Kopf durchgespielt, in den letzten acht Wochen. Seltsam, dass sie gedacht hatte, einen Schlussstrich ziehen zu können. Aber der Schmerz brannte weiter in ihr.
Sie griff nach dem Türgriff der französischen Türen, als es passierte. Ein seltsamer Windstoß erfasste sie, und eine ungeahnte Kraft warf sie zurück, so dass ihr Absatz über den Boden kratzte. Jemand hatte einen kraftvollen Barriere-Zauber im Ballsaal angewandt, um ihn abzuschotten. Als der Spruch mit den Türen in Verbindung geriet, zersprang das Glas. Die statische Aufladung sirrte über ihr in der Luft.
Sie schlug auf den Boden und ihre Hände schützten instinktiv ihren Kopf, um den Glasregen abzuwehren. In ihren Ohren klingelte es. Sie versuchte, aufzustehen, begriff aber, dass jemand sie mit seinem Körper schützte. Sie musste nicht aufblicken, um zu wissen, dass es Draco war. Seine Hände waren um ihren Kopf gelegt. Hermine suchte nach ihrem Zauberstab.
Der Glasregen war vorüber, aber Staub lag jetzt dick in der Luft. Sie begann zu husten. Es war unmöglich, etwas zu sehen. Ihre Knie taten weh, dort wo sie sie aufgeschürft hatte.
„Geht es dir gut?", fragte Draco. Ihre Ohren waren noch nicht wieder fit, denn seine Stimme klang gedämpft.
„Ja", keuchte sie. „Was ist passiert?"
„Wir werden angegriffen", erwiderte er und zog sie sanft auf die Füße.
All die Feindschaft zwischen ihnen war unwichtig geworden. Warum brauchte es immer Tod, Gefahr und Tragödien, um sie zusammen zu bringen, fragte Hermine sich verzweifelt.
Immer noch gebückt liefen sie die Stufen der Veranda hinab, an den Rosenbüschen vorbei, zur Rückseite des Anwesens. Das Kerzenlicht des Ballsaals war erloschen. Nichts als Dunkelheit und Schreie hinter ihnen.
