Epilogue: Part Nine
Alastor Moody betrat den Konferenzraum des Ministerium und vermied nur knapp einen Zusammenstoß mit Rufus Scrimgeour, der gerade auf dem Weg nach draußen war.
Da war ein kurzer Moment, wo beide Männer versuchten, zivilisiert zu sein, was schon mal eine echte Verbesserung war, hatten sich vorher nicht einmal die Mühe gemacht einander anzusehen.
„'tschuldigung", brummte Moody. Und nur er konnte eine Entschuldigung wie eine Beleidigung klingen lassen.
„Nein, bitte, Sie zuerst", erwiderte Scrimgeour und klang, als würde er auf Nägeln kauen. Er hatte mit Draco und Harry gesprochen, um Informationen über den Angriff auf Malfoy Manor zu sammeln.
Keine von beiden bewegte sich. Die zehn jungen Leute, die sich im ovalen Konferenzraum befanden, beobachten die Szene mit müdem Interesse.
Draco lehnte sich näher zu Harry, der neben ihm saß. „Sind die immer so?"
Harry zupfte Flocken von einem Kürbis und Mandelmehl Muffin. „Jap."
Ein müder Ron unterbrach die Situation, indem er einen Stuhl unter dem Tisch zurück kickte. „Setz dich, Mad-Eye."
Moody griff sich den Stuhl und setzte sich hin, während sein Holzbein vom Stuhl abstand. Er wartete bis Scrimgeour verschwunden war. Moody öffnete dann den großen obskuren Wintermantel und zog eine Flasche warmen, würzigen, gezuckerten Wein hervor. Es gab kein besseres warmes Getränk für das schlechte Wetter. Das sagten alle. Jemand produzierte eine Reihe weiterer Tassen und blies den Staub von deren Rändern.
„Also gut", wandte er sich an sein Team, „was zur Hölle ist heute Nacht passiert? Die zusammengefasste Version spricht von fünfundzwanzig Todessern, die auf Malfoy Manor gefasst wurden und zurzeit in unseren Verhörräumen an die Stühle gekettet sind. Würdet ihr gerne den Rest erzählen, Jungs?"
Zehn Paar Augen, davon ein magisches, wandten sich erwartungsvoll an Draco, welcher erst jetzt begriff, dass Moody wohl mit ihm gesprochen hatte. Er trug immer noch seinen Festumhang von der Party. Er war noch ziemlich sauber, außer an den Knien der Anzughose, denn diese waren staubig, vom Rumkriechen auf den Dachbalken.
„Wir nehmen an, es ging um Rache, weil Bellatrix gefangen ist", warf Harry ein. Einige nickten zustimmend. „Jeder weiß mittlerweile, dass es Draco war, der es geschafft hat. Es steht in jeder Zeitung."
Aurorkollege Dean Smith runzelte die Stirn. „Aber wenn sie nur Malfoy wollten, wieso attackieren sie dann ein Haus voller Slytherins?" Er wandte sich anschließend an Draco. „Das macht keinen Sinn. Wenn du es mir nicht übel nehmen würdest, aber ihr Leute habt mehr Verständnis für Voldemorts Ideologie."
Dracos Antwort war arktisch kalt. „Voldemort nimmt Dinge persönlich. Er weiß, wie effektiv eine Nachricht sein kann, wenn man sie nur privat genug überbringt. In meiner Privatsphäre, jetzt wo ich wieder eingezogen bin."
Ron schnaubte auf. „Er würde sich gerne Harry privat vorknöpfen, was auch fast geschehen wäre. Sie mussten sich fast in die Hosen gemacht haben, als sie ihn dort entdeckt haben."
„Bisschen früh für diese bildlichen Vergleiche", murmelte Kollegin Angie Johnson vom anderen Ende des Tisches.
„Es ist etwas von beiden", sagte Draco. „Sie kamen für mich, aber sie hätten jeden umgebracht, der mir nur im entferntesten Ansatz nahe steht."
Harry schnaubte in seine Tasse. „Willkommen in meinem Leben."
Moody stimmte mit Draco überein. „Sie mussten für die richtige Gelegenheit warten, dich zu kriegen. Es wäre so gut wie unmöglich gewesen, dich unter Potters Schutz zu attackieren."
Draco schenkte Moody ein sardonisches Lächeln. „Schutz? Das ist es, was es war? Ich dachte, ich stände unter Bewachung, während ihr über mein Schicksal entschieden habt."
Moody zuckte die Achseln. „Ist doch dasselbe."
„Du wirst dich ab jetzt umsehen müssen, Malfoy", sagte Ron zu Draco, mit überraschender Ernsthaftigkeit.
„Nein, wirklich", erwiderte Draco, genauso ernst.
Moody warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Langsam erhob er sich und der Stuhl kratzte über den Boden. „Gut, das Verhör beginnt gleich. Ich brauche drei Leute, die mir helfen."
Seamus, Dean und Ron meldeten sich gerne freiwillig. Der Rest der Auroren ging wieder zurück an die Arbeit, nur Draco und ein nachdenklich dreinblickender Harry blieben alleine zurück.
„Potter, kann ich dich was fragen?"
„Sicher." Harry schob den Stuhl zurück und legte die Füße auf den Konferenztisch. Das Hämatom auf seiner Stirn sah im künstlichen Licht noch schlimmer aus. Er nahm die Brille ab, klappte die Bügel ein und legte sie auf seine Brust.
„Wenn du draußen im Kampf bist, zielst du, um zu töten?"
Für einen Moment war Harry still. Es gab kein natürliches Licht im Zimmer, nur schwaches Lampenlicht. Dracos helles Haar wirkte mehr Gold als Silber. Es hatte gedauert, bis er die gesunde Bräune verloren hatte, die er in dem wärmeren Klima bekommen hatte, aber wenn es etwas gab, was Bräune zum Verschwinden brachte, war es der britische Winter. Dracos Haut war so blass wie zu Schulzeiten. Sie waren alle erschöpft, aber Draco zeigte es mehr. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen.
„Kommt es dir auf das Auroren-Protokoll an oder willst du speziell von mir wissen, was ich tue?", fragte Harry.
„Sollte es nicht dasselbe sein?"
„Nicht in der Realität. Die Antwort ist Ja, ich ziele, um zu töten, wenn es-"
„-nötig ist?", schlug Draco vor.
Harry sah ihn an. „Ich wollte sagen, wenn es unvermeidbar ist."
„Ah. Ja."
Harry nahm die Füße vom Tisch und lehnte sich vor. „Wieso? Ist irgendwas im Haus passiert?"
Zuerst sah es so aus, als wolle Draco nichts sagen, dann aber öffnete er den Mund. „Ich hätte Dominic Nomarov getötet, wäre Hermine nicht dazwischen gegangen und hätte dem Bastard die Haut gerettet."
„Oh", sagte Harry unverbindlich, „na je, du kennst Hermine. Sie ist jedermanns Gewissen, wenn wir alle zu wütend und zu müde sind, um uns Gedanken zu machen. Sie kann skrupellos sein, wenn sie es sein muss, aber öfters ist sie wohl die nervige Stimme, die man in seinem Hinterkopf hört." Er hörte die Sympathie aus Potters Worten.
Draco sagte nichts. Seine grauen Augen blickten auf keinen bestimmten Punkt an der Wand.
„Das war es nicht, was du hören wolltest?"
„Nomarov war nicht mal nah dran, mich zu gefährden, als ich ihn töten wollte", sagte Draco schließlich. Es war fast ein gleichmütiges Geständnis, aber Harry konnte die Unsicherheit hinter seinen Worten ausmachen.
„Ok, was hast er getan?"
„Wollte fliehen. Und ich wollte ihn töten, denn das wäre schneller gegangen, als ihn gefangen zu nehmen."
„Also, du willst wissen, ob ich dasselbe getan hätte?", fasste Harry zusammen.
Dracos Blick war nicht zu deuten.
„Nein", sagte Harry, ohne groß über die Antwort nachdenken zu müssen. „Hätte ich nicht."
„Und ich nehme an, deswegen bist du du, und ich bin ich", erwiderte Draco resignierend. Er füllte Harrys Tasse und dann seine eigene.
Harry fiel auf, dass er ein wenig stumpf wirkte, wenn es um Herzensangelegenheiten ging, aber er glaubte zu wissen, um was es hier wirklich ging.
„Hermine liebt dich immer noch. Du solltest zu ihr gehen."
Draco ließ sich nicht anmerken, dass er von dem Themenwechsel überrascht war. „Sie denkt wahrscheinlich, dass ich ein Avada Junkie bin."
„Aber das bist du nicht", erwiderte Harry und nahm einen Schluck.
Draco schenkte ihm einen extrem finsteren Blick. Harry bekämpfte das Verlangen, seinen Stuhl ein wenig von ihm abzurücken. „Woher willst du das wissen?"
„Oh, keine Ahnung", bemerkte Harry achselzuckend, „so etwas würde einem auffallen, der mit jemandem vierundzwanzig Stunden zusammengepfercht gewohnt hat."
Kurz wirkte Draco erleichtert. Und dann wirkte er wieder genervt. „Ich frage dich nicht um Rat, Potter. Nur, dass du es weißt."
Harry hielt verteidigend die Hände in die Höhe. „Natürlich nicht. Davon würde ich nicht mal träumen."
„Wir sind keine Freunde", erinnerte ihn Draco, sowie er damals vor fünf Jahren unter der Treppe Hermine daran erinnert hatte.
Und dennoch tranken sie weiter ihren süßen Wein in einer zumindest kameradschaftlichen Stille.
Dienstag Nachmittag.
Würde sie oft ohnmächtig werden, dann wäre es die Art von Ohnmacht, die man nur durch einen Schock bekam (wäre es denn ein richtig großer Schock). Aber die Idee in Lucius Malfoys nächster Nähe ohnmächtig zu werden, war undenkbar. Sie wollte nichts, was er vorhatte, für ihn noch leichter machen.
Die Tatsache, dass sie sich in der Unterwäscheabteilung im Harrods Großmarkt befanden, machte die Sache noch absurder.
In einem Moment liebäugelte sie mit einem reduzierten Sport-BH, im nächsten erschien Lucius Malfoy hinter einer Schaufensterpuppe im schwarzen Spitzen BH. Also, die Puppe trug den BH. Nicht Lucius.
Und weil Lavender sowieso fragen würde, war Ginny aufgefallen, dass er beige Baumwollhosen und eine graue Fischerweste trug.
Lucius Malfoy in Chinos und Weste. Grundgütiger. Jetzt hatte sie alles gesehen,. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals in weniger als drei Schichten des teuersten Garns gesehen zu haben.
Und Leder, in der einen oder anderen Form.
Also lebte er noch, und er schien mehr oder weniger gesund zu sein. Dünner, als sie sich erinnerte, aber Draco war auch dünner. Sie nahm an, auf der Flucht zu sein, wirkte sich auf die Verdauung aus. Sein silbernes Haar war mittlerweile kurz und er trug einen sauber rasierten Bart, durch den sich graue Strähnen zogen. Sie hatte vergessen, wie hoch sein Kopfgeld zurzeit war. Astronomisch hoch, ohne Zweifel. Sie wäre in der Lage ihre Eltern für immer mit diesem Geld zu versorgen.
Jeder, der nicht überzeugt gewesen war, dass Lucius und Draco noch am Leben waren, war aber überzeugt gewesen, dass sie sich zumindest zusammen versteckt hielten. Draco hatte behauptet, er wüsste nicht, wo sich sein Vater aufhielt, nachdem Snape den älteren Malfoy vom Hausarrest befreit hatte. Ginny war sich nicht sicher gewesen, ob sie ihm geglaubt hatte, aber Harry hatte es getan, und das reichte für gewöhnlich aus.
Lucius Malfoys Größe allein, ließ ihn in der Menge hervorstechen, das war bei Draco genauso. Beide bewegten sich mit einer Grazie, die ihre Titel greifbar machte. Es musste eine Herausforderung für ihn sein, unauffällig zu wirken. Flüchtling hin oder her, er bewegte sich, als läge die Welt dennoch zu seinen Füßen. Die Muggel vor ihm, größtenteils Frauen, wichen zurück und starrten ihm anschließend nach.
Ginny hätte allen gerne eine Ohrfeige verpasst. Lucius war ein übler, extrem gefährlicher, geflohener, vorbestrafter Mörder, und er war der Grund, weshalb Severus Snape den Rest seines Lebens in Askaban verbringen musste.
Und dann war da noch ihre persönliche Fehde, als Lucius Tom Riddles Tagebuch auf sie abgewälzt hatte, in ihrem ersten Jahr.
Das konnte man nicht wirklich vergeben und vergessen, richtig?
„Miss Weasley", sagte er, und hätte sie ihn aus welchem Grund auch immer nicht sofort erkannt, hätte seine Stimme allein ausgereicht. Für einen kurzen Moment kam sie sich vor wie elf Jahre, während sie einen Kessel voller Bücher bei Flourish und Blotts in den Armen hielt. Hass und echte Angst stiegen in ihr empor.
Ihr Zauberstab befand sich bereits in ihrer Hand, versteckt unter dem Ärmel. „Wag es nur, näher zu kommen, du mörderischer Bastard, und ich verwandel dich zu Staub."
Er besaß die Dreistigkeit gänzlich unbeeindruckt zu wirken. „Ich bin nicht hier, um Ihnen etwas anzutun."
Sie musste den Kopf komplett zurücklehnen, um ihm in die Augen zu sehen. Wenn er etwas vorhatte, dann wäre sie nicht so dumm, seine Jackenaufschläge anzustarren.
„Du würdest es nicht überleben, selbst wenn du es versuchen würdest", versprach Ginny.
Einer seiner Mundwinkel hob sich, kaum zu erkennen. Er betrachtete sie amüsiert. „Es ist gut, dass Severus Sie hat, nachdem jeder andere ihn verlassen hat."
Selbst Muggel konnten die angespannte Stimmung zwischen ihnen spüren. Die Leute starrten immer noch. Sie umschritt ihn, so dass sie wieder auf dem Gang stand, und nicht versteckt zwischen Waren.
„Du hast Mut, zurück nach England zu kommen, Malfoy. Ich nehme an, du bist hier, um deinen Sohn zu sehen?"
Lucius war sich der neugierigen Blicke bewusst, die sie auf sich zogen. Er schenkte ihr ein Lächeln und hielt ihr seinen Arm entgegen. „Vielleicht gehen wir ein Stück?"
Ginny erwiderte das Lächeln, allerdings bitterböse. „Vielleicht solltest du mich zum Ministerium begleiten und dich gleich selbst ausliefern?"
Er ignorierte ihre Worte. „Ich habe etwas, dass Sie Snape geben können, um ihm zu helfen, aber Sie müssen willig sein, es mir abzunehmen. Und im Gegenzug muss er willig sein, es von Ihnen anzunehmen."
Diese kryptischen Worte erregten ihre Aufmerksamkeit. Er sprach von schwarzer Magie. „Das einzige, was ich von dir will, ist ein unterzeichnetes Geständnis, dass du Snape gezwungen hast, dich freizulassen."
Er hob eine dunkelgraue Augenbraue. „Hat er Ihnen das erzählt?"
„Nein", zischte Ginny. Sie bemerkte, dass sie bereits neben ihm schritt. „Aber das würde reichen, seinen Namen sauber zu waschen, und das ist alles, um was es mir geht."
„Wie hätte ich ihn denn zwingen können? Ich war nicht in der Position zu verhandeln."
Eine ältere Frau trat in ihren Weg und Lucius musste ausweichen, um sie nicht anzurempeln.
„Ich weiß es nicht. Wer weiß schon, was du für Geheimnisse über den Köpfen anderer hältst…"
Er lachte tatsächlich. „Ich halte gar nichts mehr, Kind. Nicht mal mehr meinen eigenen Namen. Ich bin jedoch im Besitz der einen Sache, die Severus helfen könnte, wenn Sie es mir abnehmen würden."
„Du musst verrückt sein, wenn du glaubst, ich würde irgendetwas von dir nehmen! Ich sollte dich hier und jetzt festnehmen! Dich in Ministerium bringen, dafür, dass du wie ein Feigling abgehauen bist!"
„Was denn, hier vor all diesen unschuldigen Muggeln?", entgegnete er glatt, während er die alte Frau musterte, der sie gerade ausgewichen waren. Es war so gut wie jede andere Drohung. Sie gingen auf die Treppe zu. „Sie würden es nicht überleben, selbst wenn Sie es versuchen, meine Liebe", flüsterte er in ihr Ohr.
Seine Stimme verursachte ihr Schauer auf dem Rücken. Sie verlor ein wenig an Haltung. Jeder, der sie beobachtete könnte meinen, sie wären Vater und Tochter, die sich gerade stritten.
„Was willst du mir geben?", fragte sie und hasste, dass ihre Stimme zitterte. Sie fühlte die Anspannung, als er in seine Tasche griff, aber alles, was er hervorzog, war ein kleiner brauner Briefumschlag.
„Severus wird wissen, was damit zu tun ist. Sagen Sie ihm, ich erwidere den Gefallen", erklärte er und schon betrat er die Treppe, die nach unten führte. „Richten Sie Potter meine Grüße aus." Merlin noch mal, hatte dieser verdammte Bastard ihr doch tatsächlich zugezwinkert!
Ginny verharrte auf der Stelle, während sie immer noch zitterte. Sie griff in den Umschlag und zog einen verzierten goldenen Schlüssel hervor, der an einer goldenen Kette hing. Dass sie hin und her gerissen war, wäre eine Untertreibung gewesen.
Der Schlüssel war hübsch genug, dass man ihn sogar als Kette tragen konnte.
So wie die Dinge zurzeit lagen, war ein Zuhause etwas sehr Flüchtiges für Draco geworden.
Ein Zuhause war ein Ort, an den er zurückkehrte, nach Jahren, in denen er das hatte tun müssen, was er eben zu tun gehabt hatte. Für eine Weile war sein Zuhause verschiedene schmierige Hotelzimmer in Kairo gewesen. Er hatte unter Vordächern geschlafen, im Stand eines Kamelhändlers. Er hatte für zwei Wochen in einer Höhle gelebt. An einem monsunartigen Abend hatte er auf einem Baum Schutz suchen müssen, um nicht von den Raubkatzen gefressen zu werden. Es hatte ihn erstaunt, wie nass ein Mensch doch werden konnte.
Menschen konnten sich anpassen, wirklich. Am meisten, wenn einem der Luxus der Wahl genommen wurde und Überleben das wichtigste Ziel geworden war. Das Leben war fast unerträglich leicht, wenn man sich nicht um seinen Ruf sorgen musste, die Qualität der Kleidung, die man trug oder den Umgang, den man pflegte.
Es hatte etwas seltsam Befreiendes an sich gehabt, nur nach diesen Grundbedürfnissen zu leben. Alles, woran er sich so gewöhnt hatte, worauf er sich so verlassen hatte, hatte sich als überflüssiger Ballast herausgestellt.
Er hatte extreme Armut erlebt und menschliche Abgründe. So naiv er gewesen war, als er aufgebrochen war, er hatte dennoch recht gehabt, als er Hermine erzählt hatte, die Welt war mehr als Schwarz und Weiß. Und Grau. Oh ja, es gab so viele Farben, aus denen Muggel und Zauberer bestanden.
Zuhause hatte sich wieder für ihn geändert. Jetzt war es wieder Malfoy Manor – alle sechsundzwanzig Morgen davon. Allein die schiere Größe war ihm unangenehm. Er mochte die vielen Räume und Flure nicht, die ihm eigentlich bekannt vorkommen sollten. Taten sie aber nicht. Es war bloß Platz. Extrem teuer eingerichteter Platz. Die Erinnerungen, die er hieran hatte, waren nicht hervorstechend. Si fühlten sich nur wie kleine Fetzen seiner Vergangenheit an.
Das Zuhause für Hermine war ein gelbes Naturstein Cottage in Northhamptonshire mit einem Kräutergarten, der unter einem halben Meter Schnee begraben lag. Das Dach sah aus, als könnte es eine Reparatur vertragen. Ein zwanzig Minuten Spaziergang brachte einen ins nächste Muggel-Dorf, mit Straßen und einer Apotheke, eine Grundschule und achthundert ziemlich gewöhnlichen Einwohnern. Vierzig Minuten weiter östlich lag das nächste Zaubererhotel, wo man seinen Besen reparieren lassen konnte (und sie servierten exzellentes Steak und Guinness Pie). Potter und Weasley lebten in keiner großen Entfernung, würde man überlegen wollen, sie zu besuchen.
Draco konnte sich keinen besseren Ort vorstellen, wo man wohnen wollte, wenn man alleine leben wollte, ohne völlig isoliert zu sein.
Er stand vor dem schiefen Zaun vor Hermines Grundstück und fragte sich, was zur Hölle er eigentlich tat. Es war neun Uhr abends und Draco stand bis zu den Schienbeinen im frischen Schnee, den Besen über die Schulter geschlungen.
Die Kälte war still und mächtig. Sein Atem formte Nebelwolken vor seinem Gesicht. Über ihm war der Himmel klar und wolkenlos. Wegen den fehlenden Lichtern der Stadt konnte man tausend Sterne erkennen, wenn man sie denn zählen wollte. Vor dem Zaun stand ein zylinderförmiger roter Briefkasten und ein vergessener Gartenzwerg war fast vollständig vom Schnee bedeckt.
Er hatte bloß sehen wollen, wo sie wohnte, hatte er sich selbst gesagt. Wie sie wohnte. Es war, als würde er die fehlenden Puzzlestücke in ein Bild fügen, damit er sehen konnte, was er angerichtet hatte.
Was er verpasst hatte…
Es war nicht angemessen, ganz und gar nicht. Er wusste das. Er wollte nicht reduziert werden auf einen verliebten, verrückten Stalker. Das Licht von den beiden Fenstern vorne flackerte kurz. Sie war Zuhause. Wieso zur Hölle musste sie Zuhause sein?
Die Wärme und das willkommene Gefühl dieses Ortes zogen ihn magnetisch an.
Ohne es wirklich vorzuhaben, machte er einen Schritt vorwärts.
