Epilogue: Part Ten
Es war nicht so, dass Ginny dachte, sie wäre nicht geschickt. Sie war immerhin im selben Haus aufgewachsen wie Fred und George Weasley. Obwohl Molly Weasley sich die größte Mühe gegeben hatte, dass ihr jüngstes Kind und einzige Tochter auf dem Weg aller Tugenden blieb, ließen sich manche Eigenschaften abgucken. Oder vielleicht war es genetisch bedingt?
Sie konnte schon immer eine dicke, fette Lüge ohne mit der Wimper zu zucken über die Lippen bringen (obwohl sie das kaum musste), und selbst wenn es aufflog schaffte sie es, souverän zu bleiben.
Aber das hier war kein Streich der Zwillinge, die einen Komplizen brauchten. Es war auch keine Mission, die mit Harry zu tun hatte. Das hier war gegen das Gesetz, und würde sie erwischt werden, wären die Konsequenzen eine reine Katastrophe.
Ginny zauberte ein aufrichtiges Lächeln auf ihre Züge, als sie den Aufzug im vierten Stück in Askaban verließ. Sie näherte sich der jungen Wärterin, die sie auch letztes Mal in Snapes Zelle geführt hatte, als sie hier mit Hermine gewesen war.
„Hallo Miss", begrüßte sie die Wärterin. Sie stand bereits hinter dem Schreibtisch. „Schon zurück für Snape?"
„Ziemlich schwerer Fall", seufzte Ginny und schaffte es, genervt zu klingen. Sie warf die schwere Umhängetasche praktisch auf den Schreibtisch und machte sich große Mühe, sie zu durchsuchen. „Wie Sie sich bestimmt denken können."
Die Wärterin nickte mitfühlend. Ginny war dankbar, dass das Mädchen neu hier war. Neu, jung, unerfahren und tatsächlich in Harry verschossen. Und weil Ginny Harrys Freundin war, schätzte sie die neue Wärterin ebenfalls.
„Eine Tragödie, dass er hier sein muss", erwiderte das Mädchen traurig. „Mein eigener Vater war Schüler auf Hogwarts, als Snape gerade angefangen hatte. Und sein Vorrat an Geschichten über Snape und was er mit Zuspätkommern angestellt hat, war endlos gewesen, denn-"
Ginny unterbrach sie. Sie wünschte sich, sie könnte sich an den Namen der Wärterin erinnern. „Sie heißen Laura? Ich bin heute wirklich in Eile."
Das Mädchen wurde rot und tat Ginny schon fast leid. „Nein, Constance." Sie schob ihr eine abgenutzte Metallkiste über den Schreibtisch zu. „Sie wissen ja, alle magischen Gegenstände müssen hier rein, während Ihres Besuchs. Sie gehen in die Zelle?"
„Verhörzimmer, bitte. Er muss einige Dokumente unterzeichnen." Ginny zog bereits ihren Mantel aus. Sie öffnete die Knöpfe ihrer Strickjacke und legte die Wettervorhersage-Kette von Bill in die Box. Es folgten die Rechtschreibfeder, ein Block endloses Pergament und der Stimmungsring (der, wie ihr auffiel, purpurn leuchtete). Es waren alles nur kleine magische Gegenstände, aber Regeln waren Regeln, egal, ob sie die Tochter des Ministers war oder eben nicht.
„Ist das alles, Miss?", fragte Constance, mehr als Lückenfüller im Gespräch als irgendwas anderes.
Nicht ganz. Du solltest wirklich den Detektor benutzen, um mich auf versteckte Gegenstände zu untersuchen, aber das wirst du nicht, denn du hast es letztes Mal auch nicht getan, als ich mit Hermine hier war, und jetzt schämst du dich zu fragen.
Ginnys Lächelnd hätte in Stein gemeißelt sein können. „Ja, das war's. Ich hoffe nur, ich habe genug Papier. Das letzte Mal ist es mir ausgegangen."
Sie wartete zwanzig nervöse Minuten, während das Mädchen Snape in das Zimmer schaffen ließ. Danach wurde Ginny zum Raum geführt und unterrichtet, dass zwei Wachen vor dem Zimmer bleiben würden, sollte sie Hilfe benötigen. Dass sie Snape besuchte, war nichts Neues. Alle verhielten sich so wie immer. So auch Snape.
Zu behaupten, Snape wäre pflegeleicht, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Er war wirklich vollkommen dagegen, den Rest seines Lebens ein Gefangener zu sein, aber er hatte resigniert. Und dieses Mal hatte Dumbledores Unterstützung nicht ausgereicht. Ginny hatte sich gewöhnt und nahm es nicht mehr persönlich, wenn er das gesamte Treffen hindurch lieber ein Buch las, als zuzuhören. Er hatte genügend Bücher, und wenn er nicht las, dann antwortete er höchstens einsilbig.
Heute las er nicht, denn sie waren ja nicht in seiner Zelle. Ginny fragte sich oft, wie er es schaffte, die Gefängniskleidung so sauber und ordentlich zu halten. Man sah immer noch die Falten vom Zusammenlegen der Kleidung durch das Personal.
„Etwas spät, um heute noch vorbeizukommen, finden Sie nicht?", fragte er mit erhobener Augenbraue. Er saß auf dem Hocker, ihr gegenüber, die Ellbogen auf den Tisch gelegt, die Hände gefaltet. Seine immer noch pechschwarzen Haare hatte er mit einem Stück Leder zurückgebunden.
„Ich dachte, Sie hätten vom letzten Besuch genug Informationen, um die lächerliche Gegenklage aufzusetzen?"
Ginny seufzte. Es war ihre erste Gegenklage ohne Hilfe. Snape war ihr erster großer Fall. Sie hoffte nur, er wäre nicht ihr letzter.
„Eine Gegenklage wird nicht funktionieren."
„Ach ja? Haben Sie endlich Vernunft angenommen, bezüglich ihrer fruchtlosen Versuche, waren sie auch nett gemeint?", ergänzte er. Seine Höflichkeit war dennoch spürbar kühl. Sie kam auf den Punkt. „Ein gewisser schwer erreichbarer Freund von Ihnen hat es als passend empfunden, mich letzte Woche aufzusuchen. Mitten in der Unterwäscheabteilung von Harrods."
Snapes Blick war unbezahlbar. Es war die erste Emotion, die sie überhaupt in seinem Gesicht erkannte. „Sie sind sicher, dass… er es war?"
Ginny verschränkte die Arme vor der Brust. „Professor, ich weiß nicht, wie viele Menschen sie in Ihrem aufregenden Leben schon haben umbringen wollen, aber ich für meinen Teil, vergesse nicht das Gesicht der Mannes, der es bei mir direkt oder indirekt bereits versucht hat."
Kurz weiteten sich Snapes Augen. „Sie haben Recht." Dann wurde er zornig. „Sie dummes Kind, das war sehr gefährlich. Ich schätze, sie haben es nicht gemeldet?"
„Sie schätzen richtig."
„Wieso nicht?"
„Weil ich dann nicht in der Lage wäre, Ihnen das hier zu geben." Sie warf einen letzten Blick über die Schulter zur Tür, um sich zu sein, dass sie verschlossen war. Schnell griff sie unter ihre Strickjacke und zog die schmale Kette, die sie um den Hals trug hervor. Snapes Reaktion auf den Schlüssel, war nicht, was sie erwartet hatte.
Zuerst betrachtete er ihn nur, dann legte er den Kopf zurück und lachte. Es war nicht das manische verrückte Lachen, das man manchmal von Gefangenen hier hörte – von Gefangenen, die etwas zu lange hier waren. Das hier war ein tiefes, normales, amüsiertes Lachen.
Sie runzelte die Stirn. „Ich hoffe, Sie wissen, was damit zu tun ist, denn ich glaube nicht, dass es die Schlösser hier öffnen kann."
Dann fiel sein Ausdruck. „Ich weiß, was damit zu tun ist, denn ich habe ihn gemacht. Das ist es, was Lucius vor fünf Jahren aus dem Hausarrest hat entkommen lassen."
Es tat Ginny schon leid, dass sie den Schlüssel nicht näher betrachtet hatte. Hermine würde töten, um so etwas in die Hände zu bekommen.
„Das ist der geheime Gegenstand, von dem Sie erzählt haben? Was genau ist es?" Niemand, dem er davon berichtet hatte, hatte wirklich geglaubt, dass es einen Gegenstand gab, der jede Tür öffnen konnte. Ginny hatte geglaubt, es wäre nur eine Geschichte, die Snape erfunden hatte und zu der er auch stehen würde.
Fast sah er sie herausfordernd an, als er antwortete. „Gold, Bronze, Blut und gebrochenes Herz. Alles in die Form gefasst, die Sie hier sehen." Er drehte den Schlüssel in der Hand, ehe er ihn in der Faust umschloss. „Es wird jede Tür öffnen, die eine Person von ihren Lieben fernhält." Seine Stimme klang so ironisch, dass Ginny nicht wusste, was sie sagen sollte.
„Es funktioniert nur, wenn man jemanden tatsächlich auf der anderen Seite der Tür liebt? Und Distanzen sind unwichtig?"
„Ja."
„Unglaublich", flüsterte sie. „Ich wusste nicht, dass man gebrochenes Herz binden kann." Sein Ausdruck sagte ihr, dass sie diese Frage selber beantworten konnte, wenn sie nur lange genug darüber nachdachte.
Na ja… Blut war einfach. Aber woraus bestand das gebrochene Herz? Ginny hob den Blick.
„Sie meinen Tränen?" Die Vorstellung, dass Snape über einem Kessel stand und bittere Tränen weinte war fast lächerlich. Snape sagte nichts.
„Also, Sie und Lucius-" Sie wusste, er würde ihr keine Details offenbaren.
„Wissen Sie, dass sie die einzige sind, die mich noch Professor nennt?"
Ginny war sehr dankbar für den Themenwechsel. „Und Sie nennen mich immer noch Kind."
„Das ist es auch, was Sie sind", erwiderte er. „Warum tun Sie das?"
„Die Tatsache, dass ich es tue, drückt meine Meinung bezüglich Ihrer Haftstrafe aus. Sie haben getan, was Sie tun mussten, für das größere Wohl der Sache."
„Das Gesetz sieht es anders, Kind. Nicht mit meiner Vergangenheit. Besonders jetzt im Krieg nicht. Wir haben das alles schon hinter uns."
„Dann müssen eben diejenigen von uns, die es noch können, Selbstjustiz walten lassen." Sie schritt zur Tür, um durch das kleine Fenster nach draußen zu lugen. Die beiden Wärter sahen nicht auf. „Sie werden mich bewusstlos schlagen müssen", sagte sie, als sie sich wieder umdrehte.
Er blieb vollkommen ruhig. „Das müsste ich wohl, damit Ihr idiotischer Plan funktioniert."
Ginny kam auf ihn zu. „Es ist nicht mein idiotischer Plan, es ist Lucius Malfoys idiotischer Plan." Snape atmete aus.
Dann erhob er sich. Ginny zuckte kurz zusammen, ob der schnellen Bewegung. Der Schlüssel hing nun um seinen Hals und wirkte besonders leuchtend gegen den nichtssagenden Stoff der Uniform. „Wie funktioniert es genau?"
„Es erlaubt mir, unbemerkt durch jede Tür zu kommen, die sich in meinem Weg befindet. Im Moment bedeutet das, dass ich in der Lage bin unbemerkt aus Asakaban zu kommen und auch noch den letzten Wachturm zu passieren."
„Klingt gut", erwiderte Ginny beeindruckt. „Verletzen Sie keinen Wärter, wenn Sie vorhaben, einen Zauberstab zu stehlen."
Snape schenkte ihr einen knappen Blick, den sie dahin deutete, dass sie ihn wohl gerade mit ihren Worten beleidigt haben musste. Sie atmete tief ein und schloss dann die Augen. „Ok, tun Sie es jetzt. Ich bin bereit."
Aber nichts passierte. Sie spürte keinen Schlag. Ihre Augen öffneten sich. „Professor, Sie müssen mich schlagen. Ich kann es nicht selber tun, Sie werden es merken."
Sie erwartete fast, dass er sagte: „Nein! Nein, das ist lächerlich." Und dass er sie nicht schlagen würde. Aber es handelte sich um Snape, und er wusste, was nötig war. Sein Blick war nicht entschuldigend, und er sagte auch nichts Entsprechendes zu ihr.
„Ich habe Ihnen Zeit gegeben, Ihre Meinung zu ändern."
„Das werde ich nicht tun, also beeilen Sie sich!"
Später fragten sie sie, was das letzte war, an das sie sich erinnern konnte. Denn natürlich würde dies in die Akten eingehen, es musste ein ganzer Bericht verfasst werden, wie solch ein fataler Sicherheitsfehler hatte passieren können. Sie hatten keine Ahnung, wie Snape jede Tür hatte überwinden können und sogar Aufzug gefahren war, ohne dass ihn jemand bemerkt hatte. Er hatte sogar einen Zauberstab mitgehen lassen. Horace, der Wärter am Eingang, hatte nicht einmal gemerkt, dass sein Zauberstab fehlte, bis er aufgefordert worden war, nachzusehen.
Das letzte, woran sich Ginny erinnerte, war, dass Snape ihr gesagt hatte, dass er sie mit Absicht mit einem Foul im sechsten Jahr während eines Quiddtchspiels bestraft hatte, wo er der Schiedsrichter gewesen war. Diese Strafe für das Foul hatte Gryffindor den Sieg und Pokal gekostet. Es war etwas, worüber sie und Harry sich immer noch aufregten.
„Es war kein Foul gewesen. Draco hatte Schuld gehabt."
Snape hatte es so kalkuliert gehabt, und sie kochte immer noch vor Wut, als sie sie wieder erweckt hatten.
Die Wärme und das willkommene Gefühl dieses Ortes zogen ihn magnetisch an.
Ohne es wirklich vorzuhaben, machte er einen Schritt vorwärts.
Wenn schon Muggel biometrische Sensoren als Sicherheitssystem benutzen konnten, dann war es nur natürlich, dass Zauberer Alarme entwickeln konnten, die nur im Kopf losgingen. Hermine verfügte über solche kleinen, cleveren Zaubere, weil sie in der Mysteriums Abteilung arbeitete. Und jeder wusste, dass die Mysteriums Abteilung mit dem neuesten Schnickschnack spielen durfte, sogar noch vor den Auroren.
Und das war hier der Fall.
Und es passierte an diesem kalten Samstagabend, dass ein leises ‚Ping' in Hermines Kopf ertönte. Und es war nicht der Ofen-Timer, aus dem sie eine hoffnungslos verbrannte Lasagne geholt hatte. Sie war auf dem Weg zum Kühlschrank gewesen, um dort vielleicht noch etwas Essbares zu finden, was allerdings magisch dort würde erscheinen müssen, denn sie hatte nichts gekauft.
Sie trug einen Flanell-Pyjama und Hasen-Hausschuhe, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, und stand mucksmäuschenstill in der Küche. Der unsichtbare Stolperdraht um ihr bescheidenes Grundstück war von jemand unerwartetem durchbrochen worden. Es wäre naiv von ihr, anzunehmen, dass Voldemort sie nie näher als Ziel ins Auge fassen würde, sei es nur für Informationen oder um Harry leiden zu sehen. Jeder der Harry kannte, lief ebenfalls mit der dunklen Ahnung durch die Gegend, dass hinter jede Ecke auch etwas Gefährliches lauern konnte. Es war eben das Komplettpaket, wenn man Harry mochte und er einen ebenso. Man kam irgendwann damit klar.
Es war wirklich kalt draußen. Das Feuer im Kamin brannte relativ hoch. Eine schnelle Flucht wäre nicht möglich, denn Hermine an den Kamin vom Floh-Anschluss genommen, für den Fall, dass Nick versuchte, Kontakt aufzunehmen.
War es nicht das, was man normalerweise tat, wenn man mit jemandem Schluss gemacht hatte? Ihn für einige Tage meiden? Sie wusste es nicht, denn es war das erste Mal, dass sie tatsächlich eine Beziehung beendet hatte. Oder das zweite Mal, wenn man Krum mitzählte, was man nicht sollte, denn das war eher einseitig gewesen.
Nick, in seiner verständnisvollen, weisen Art, hatte gesagt, er würde sie verstehen. Aber sie glaubte nicht, dass er das wirklich tat. Deswegen hatte sie auch auf Grund von zu großen Differenzen Schluss gemacht. Hätte sie ihm gesagt, sie würde einen Jungen lieben… nein, einen Mann, den sie nur vierzehn Tage lang intim gekannt hatte und seit fünf Jahren ohnehin nicht gesehen hatte, wäre Nicks Reaktion bestimmt eine andere gewesen.
Seine völlige Ruhe nach dem Gespräch, war für Hermine ein weiterer Indikator dafür gewesen, dass sie ohnehin nicht zusammen gepasst hatten. Hermine dachte selber sehr praktisch, aber sie wusste, dass ein Mann, der nicht einmal schlechte Laune nach einem solchen Gespräch bekam, nicht der Mann war, den sie an ihrer Seite haben wollte.
Ihr Kopf dachte praktisch, wissenschaftlich, sogar. Aber nicht ihr Herz. Es war ungesund und verrückt, zu wollen, dass Nick Stühle warf und schrie, dass er für sie kämpfte, dass er sie ansah, mit einem Blick, der ihr Gehirn praktisch punktierte, und die Wahrheit aus ihr herauszwingen konnte.
Und er hatte nichts davon getan, denn er war nicht Draco.
Das Ende einer solchen Beziehung bedeutete nicht, dass man erst einmal Tee kochte, sich gemütlich hinsetzte und darüber sinnierte, was als nächste im Leben passieren würde. Aber genau das hatte Nick getan. Hermine hatte sein Apartment seltsam zufrieden verlassen, aber auch verwirrt und ängstlich, denn sie hatte etwas über sich herausgefunden, von dem sie gedacht hatte, dass es längst verschwunden war.
Als Hermine zuhause angekommen war, hatte sie beschlossen, vollkommen abzuschalten. Das war aber ein Fehler gewesen, denn sie würde das Netzwerk nicht schnell genug abgeschlossen bekommen, um einen Notruf über Floh zu machen. Sie würde in Sicherheit apparieren müssen, wenn es hart auf hart kam.
Und dazu würde es nicht kommen, denn sie würd erst einmal kämpfen. Die Bastarde besaßen die Dreistigkeit, ihr Haus angreifen zu wollen? Sie würde sicher gehen, dass sie genau das bereuen würden.
Die L-förmige Küche war jedoch voller Fenster, als zog sich ins Esszimmer zurück, um geschützter zu sein. Sie duckte sich hinters Sofa und kroch zum ersten Fenster, um unter dem schweren Vorhang hindurch zu spähen. Eisblumen zogen sich über das halbe Fenster, also sah sie nicht besonders viel. Aber jemand befand sich Garten, soviel konnte sie erkennen.
Sie duckte sich wieder zu Boden und schob Krummbeins Korb beiseite, um die losen Dielenbretter anzuheben, die sie für so einen Notfall konzipiert hatte. Sie hob Krummbein in den Korb, aber dieser war viel zu faul, um sich zu beschweren, und ließ den Korb in einen unterirdischen Raum des Hauses hinab. Krummbein maunzte verstört, als sie die Dielenbretter wieder zurück klappte.
„Shh, Krummbein", flüsterte sie. „Das ist nur zu deinem besten." Mit dem Zauberstab fest in der Hand presste sie sich flach neben die Haustür und zählte bis fünf.
Zwei Monate an regelmäßigen, warmen Mahlzeiten, einem Dach über dem Kopf und einem richtigen Bett, hatten Dracos scharfe Instinkte nicht abstumpfen lassen. Noch nicht. Vielleicht in ein paar Jahren, nahm er an. Einige Dinge blieben einem unglücklicherweise erhalten. Es schneite mittlerweile so stark, dass ihm die Tür schon verschwommen vorkam.
Es war gut, dass er noch sah, wie die Tür kraftvoll aufgerissen wurde. Ohne abzuwarten, ließ er sich auf den Boden fallen, die Hände gegen den Schnee gepresst. Weniger als einem Meter über seinem Kopf hatte sich ein halbkreisförmiges, magisches Feld gespannt.
Er hörte die Wirkung des Spruchs. Äste brachen, sowie auch der Zaun um das Grundstück herum.
Nachdem der Krach aufhörte, stützte er sich auf die Ellbogen und war gleich auf mit einem Paar Hasenhausschuhe. Sie versanken praktisch im Schnee und er erkannte Knöchel, die in Flanell steckten. Überreste des Fluches brachten den Schnee um ihn herum zischend zum Schmelzen.
„Mein Gott, Malfoy!" Eine ungläubige Hermine Granger stand über ihm, den glühenden Zauberstab in der Hand. Er schob ihn mit der Hand beiseite, damit sie ihm nicht noch die Augenbrauen ansengen würde.
„Einfach nur Draco reicht", sagte er, als er sich hinsetzte. Er bemerkte, dass seine Kleidung bereits durchnässt war. „Zwar bin ich geschmeichelt, dass du mich für Gott hält, aber es ist nicht nötig."
Ja, das war ziemlich lahm von ihm. Nichts löste Spannung so gut, wie ein schlechter Witz. Hermine jedoch schien nicht in der Stimmung zu lachen. Der Zauberstab zitterte in ihrer Hand und sie war blass wie der Schnee.
„Du Idiot! Ich hätte dich töten können!" Jeder Humor fiel von ihm ab, als er erkannte, wie sauer sie wirklich war.
„Gut für mich, dass du das nicht getan hast, hm?", erwiderte er sanft. Es würde sich normal anfühlen, sie in den Arm zu nehmen, aber Draco erlaubte es sich nicht.
Hermine starrte ihn weiterhin an, als könne sie immer noch nicht fassen, dass in ihrem Garten stand. Sie stampfte mit dem Hasenhausschuh auf und rieb sich die Oberarme. Sie bekam wieder Farbe in den Wangen – zwei tiefrote Flecken auf beiden Wangen. In ihrem zu großen Pyjama, den sie an den Handgelenken umgekrempelt hatte und Schnee der in ihren Locken glitzerte, schaffte sie es trotzdem, ihn allein mit ihrem Blick zu rösten. Und Draco fand trotzdem, dass sie das hübscheste war, das er jemals gesehen hatte.
In seiner Brust entstand ein bekanntes beengtes Gefühl. Er war ein Arschloch, dass er hier heute Abend aufgetaucht war.
„Was tust du hier, Malfoy?", fragte sie mit stechendem Blick.
Draco entschied, dass Wahrheit die beste Lösung sein würde. Er zog sich die Kapuze aus dem Gesicht. „Ich weiß es nicht. Ich hatte gehofft, du könntest es mir sagen." Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Hatte sie Gesellschaft? Jetzt fühlte er sich noch beschissener. Nämlich wie ein hoffnungsvolles Arschloch. Er wartete nicht ab, dass sie ihm sagen konnte, wer bei ihr war. Oder noch schlimmer, dass sie ihn aufforderte, zu gehen.
„Entschuldige. Ich bin nicht hergekommen, um eine Szene zu veranstalten." Er griff sich seinen Besen und trat den Rückzug an. Er schritt auf den zerstörten Zaun zu, während geschmolzener Schnee seine Füße durchnässte.
„Eine Szene wäre es nur, wenn mehr Leute als ich hier wären, um sie zu sehen." Hermines reumütiges Geständnis, ließ ihn innehalten. Er wandte sich wieder um. Sie hielt die Tür für ihn offen.
