Rothen trat an Fester und lies seinen Blick über das weit reichende Gelände der Gilde schweifen. Er bemerkte zwei Gestalten, die grade aus dem Novizenquartier hinüber in die Universität gingen. Er lächelte, als er die beiden jungen Frauen erkannte. Sonea und Anny.
„Die beiden scheinen sich gut zu verstehen. Hoffentlich bleibt dies auch so, wenn Anny herausfindet aus welchen Verhältnissen unsere kleine Sonea kommt."
Es klopfte an der Tür und Rothen wandte sich vom Fenster ab. Die Tür öffnete sich langsam und Tanias Gesicht kam zu Vorschein, als sie Vorsichtig in Rothens Quartier spähte.
„Verzeiht, ich dachte Ihr seid nicht hier", sagte die Dienerin und wurde etwas röter im Gesicht.
„Komm nur herein, Tania", sagte Rothen geistesabwesend und deutete mit der Hand in irgendeinen Bereich des Raumes.
Sie trat ein und stellte Teller und ein Tablett mit etlichen Speisen auf den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes ab.
„Alles in Ordnung, Mylord?", fragte die junge Frau mit einem besorgten Tonfall, während sie das Essen auf dem Tisch anrichtete. Sie blickte nicht auf, doch Rothen konnte allein an ihrer Stimme hören, dass sie sich Sorgen machte. Wahrscheinlich dachte sie, dass Sonea mal wieder Ärger mit den anderen Novizen hatte. Schließlich war das der einzige Grund, weshalb Rothen in den letzten Jahren beunruhigt war.
Doch diesmal war es etwas anderes. Keiner, mit dem er geredet hatte, konnte ihm mehr über diese Anny sagen. Nur eines stand fest. Der Administrator vertraute ihr nicht und deshalb hatte Rothen beschlossen, noch besser als gewöhnlich auf Sonea aufzupassen.
„Komm her, Tania", sagte er und winkte sie zu sich heran.
Sie war fertig mit dem Anrichten von Rothens Frühstück und trat mit dem nun leeren Tablett an Rothens Seite.
„Schau dort unten... unsere kleine Sonea scheint endlich eine Freundin zu haben", er zeigte mit einem Finger auf den Eingang der Universität, den die beiden Frauen soeben erreicht hatten.
„Das ist gut!", rief Tania aus. Dann blickte sie zu Rothen empor. „Aber warum macht ihr dann so ein bestürztes Gesicht, Lord Rothen?"
Rothen ging von dem Fenster weg und setzte sich in einen seiner bequemen Sessel, die um den kleinen Tisch, auf dem das Frühstück stand, standen bevor er antwortete. Er dachte genau darüber nach, was er Tania sagten konnte und was er lieber für sich behalten sollte, da seine Dienerin sich gerne mit seiner Novizin unterhielt und Rothen nicht wollte, dass Sonea etwas von seinen sorgen mitbekam.
„Ich weiß nicht, was ich von Anny halten soll, sie wirkt sehr geheimnisvoll", antwortete er schließlich.
„Ihr denkt, dass sie etwas vor Euch und der Gilde verbirgt, richtig?", stellte Tania fest. Es war ein Jammer, das sie lediglich eine niedere Dienstmagd war. Sie hatte einen scharfen Verstand. Wäre sie in einer der höheren Schichten geboren worden, wäre sie wahrscheinlich Lehrerin oder etwas in der Art geworden.
„Ja", gestand er. „Und ich habe das ungute Gefühl, das es nichts Gutes ist. Ich hoffe um Soneas Willen, dass ich mich irre."
„Sonea ist fast erwachsen, sie kann selber auf sich aufpassen. Wenn sie bemerkt, dass mit dieser neuen Novizin irgendetwas nicht in Ordnung ist, wird sie sich von selbst von ihr fernhalten. Ihr müsst ihr nicht auf Schritt und Tritt nachrennen, Lord Rothen."
Rothen dachte kurz über Tanias Worte nach. Es war wahr. Sonea war bereits in einem Alter, in dem die Novizen aus den reichen Häusern bereits als Magier auf eigenen Beinen standen. Aber er wollte sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Sie hatte bereits mehr als genug schlechte Erfahrungen in der Gilde machen müssen.
„Braucht ihr noch irgendwas?", fragte die Dienerin.
Geistesabwesend schüttelte Rothen den Kopf und sah Tania nach, wie sie den Raum verließ.
„Bis Später", rief Sonea Auraya lächelnd zu und verschwand in der Tür zu ihrem Klassenzimmer. Auraya wand sich um und machte sich auf den Weg in ihre eigene Klasse. Sie mochte Sonea, doch sie konnte ihr leider nur wenige Fragen beantworten, die sie ihr über ihre Heimat und ihr Leben selbst stellte. Sie hatte ihr lediglich eine längere, detailliertere Geschichte ihrer Lüge erzählen können. Einen kurzen Moment hatte sie in Erwägung gezogen, Sonea mehr anzuvertrauen, sie in ihr Geheimnis einzuweihen, doch schnell hatte sie diese Idee wieder verworfen. Der Geist des Mädchens war ungeschützt und auch so hätte sie ihrem Mentor alles berichtet und dann hätte es schnell die gesamte Gilde gewusst.
Der Unterricht zog sich wie in den vergangenen Tagen unaufhörlich in die Länge. Die anderen Novizen aus ihrer Klasse gingen noch immer in die Einzelunterrichtsräume und machten dort simple Kontrollübungen, Dinge, die Auraya selbst bereits im Schlaf beherrschte. Mittlerweile war ihr Eifer, hier neue Dinge zu entdecken, erloschen und sie quälte sich mit dem Gedanken die nächsten Jahre hier sitzen zu müssen und simplen, langweiligen Unterrichtsstoff zu bearbeiten.
Auraya bekam in der Zeit, in der die anderen ihren Übungen nachgingen, stets irgendein Buch zum lesen und wurde allein in dem Raum zurückgelassen.
Auraya lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und schaute träumerisch aus dem Fenster. Das Geländer der Gilde war fast menschenleer, nur selten lief ein Magier oder einer der Dienstboten über den großen Platz, den sie bereits bei ihrem ersten Besuch in der Gilde gesehen hatte.
Plötzlich stand Yangun in der Tür. Sie hatte nicht bemerkt, wann er gekommen war und zuckte erschrocken zusammen.
„Guten Morgen, Lord Yangun". sagte sie schnell.
Er nickte ihr kurz zu, aber lächelte nicht. Auraya wusste nicht, was sie von dem Verhalten, des sonst immer so freundlich wirkenden Magiers halten sollte. Er trat in den Raum und hinter ihm schritt ein anderer Mann in blauen Roben ein. Der Mann hatte sein langes, kastanienbraunes Haar im Nacken zu einem Zopf gebunden. Die Art der Frisur ist Auraya bisher nur bei älteren Männern Kyralias aufgefallen. Aber vielleicht tat er dies extra, um älter zu wirken.
Nachdem auch der andere Mann im Raum stand, erinnerte sich Auraya daran, dass von ihr verlangt wurde, sich vor jedem Magier zu verbeugen. Sie hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass Yangun dies nicht von ihr verlangte, dass sie auch bei dem Eintreten des andern Mannes nicht gleich reagiert hatte.
Hastig sprang sie von ihrem Stuhl auf und verbeugte sich ein bisschen zu schnell vor den beiden Männern.
Aus den Gedanken des blau gewandten Mannes erfuhr sie, dass er der Administrator der Gilde war. Ein sehr wichtiger Mann. Fast noch wichtiger als der Führer, der Hohe Lord, da sich der Administrator um sämtliche Belange in und um die Gilde herum kümmern musste. Sie beneidete ihn nicht um diese Aufgabe.
Administrator Lorlen warf ihr einen kurzen Blick zu, dann erklärte er Yangun leise, was er ihm alles bringen sollte.
Nachdem Yangun den Raum wieder verlassen hatte, drehte der blau gewandte Mann sich wieder zu ihr um und lächelte sie an.
„Wir werden heute testen, ob deine Fähigkeiten und dein Wissen ausreichend sind, um in eine höhere Klassenstufe aufgenommen zu werden. Wir müssen nur noch auf Rektor Jerrik warten, dann können wir beginnen", teilte er ihr mit einer beruhigenden Stimme mit.
„Aber ich hatte noch gar keine Gelegenheit mich vorzubereiten", brach Auraya, ohne über ihre Worte nachzudenken, heraus.
„Mach dir keine Sorgen, Anny", sagte er und lächelte mitfühlend. „Das erste Jahr wird nur von Kontrollunterricht bestimmt. Ein paar kleine Übungen, die schaffst du schon."
Auraya war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Sollte sie wirklich jetzt schon eine Klasse überspringen können oder waren ihre Lehrer misstrauisch geworden und unterzogen sie nun einem kleinen Test?
Lorlens Gedanken antworteten ihr buchstäblich. Er war unsicher, ob man ihr trauen konnte und ob es tatsächlich eine gute Idee war, das er dem Direktor das OK gegeben hat, dass sie eine Klasse überspringen kann. Keiner von den Magiern konnte einschätzen wie mächtig sie wirklich war und er machte sich Sorgen, dass sie Ärger machen könnte.
„Ich darf es nicht so aussehen lassen, als würde ich das ohne Probleme hinbekommen. Ein paar Minuten Zeit werde ich mir bei den Aufgaben wohl nehmen müssen", überlegte sie sich.
Nach einigen Minuten des Schweigens wurde es Auraya peinlich vor dem Administrator zu stehen. Sie versuchte nicht auf seine Gedanken zu achten. Jedes Mal, wenn er sie mit einem kurzen Blick musterte, schien ihm ein neuer Grund einzufallen, warum er ihr Misstrauen sollte.
Lord Yangun trat schließlich, die Hände voller Utensilien, die für Aurayas Prüfung gedacht waren, durch die Tür. Er verfrachtete die merkwürdig aussehenden Gegenstände auf dem Schreibtisch und blickte schweigend aus dem Fenster.
Ihm war es auch unangenehm mit dem Administrator in einem Raum zu sein, stelle Auraya fest. Auch wenn er sich durchaus geehrt fühlte, dass er ihn und den Direktor bei der Prüfung unterstützen durfte.
Als sich die Tür ein weiteres Mal öffnete, erkannte Auraya den kleinen, nicht mehr ganz jungen Direktor, der sich bereits am ersten Schultag, mit einer grimmigen Miene, in der Kasse vorgestellt hatte.
Nachdem sie sich auch vor ihm verneigt hatte, ging er um den Tisch herum und überflog, ob alle von ihm verlangten Gegenstände da waren. Nachdem offensichtlich alles zu seiner Zufriedenheit war, winkte er Anny zu sich heran und erklärte ihr kurz, was sie mit welchem Gegenstand demonstrieren sollte. Dann setzte sich der Direktor vor ihr auf den Stuhl des Lehrers und sie ging um den Tisch herum, er blickte sie mit seinem typisch grimmigen Blick an und schien nicht einmal mit der Wimper zu zucken, als er sie bei jeder einzelnen Bewegung genau beobachtete. Lord Yangun wurde mit der Aufgabe betraut, die Gegenstände der Reihe nach Anny zu reichen. Was der Administrator tat konnte sie nicht genau sagen, er hatte sich irgendwo hinter sie gesetzt und starrte nun auf ihren Rücken. Ihr lief ein kalter Schauder den Rücken herunter, als sie seinen Blick spürte. Auch wenn sie sich nicht erklären konnte warum.
Direktor Jerrik stellte ihr eine Aufgabe nach der anderen. Sie meisterte sie alle mit Erfolg. Bei einer Aufgabe, in der sie eine geistige Nachbildung des vor ihr liegenden Gegenstandes schaffen sollte, tat sie so, als erfordere es viel Konzentration von ihr und auch die Farbe war nicht ganz so leuchtend wie die des Originals.
Doch trotzdem waren alle der Männer höchst zufrieden mit ihren Leistungen. Dies verrieten zumindest ihre Gedanken. Sie selbst zeigten nichts davon. Der Direktor wirkte nach wie vor unnahbar und vollauf damit beschäftigt jede Bewegung von ihr innerlich festzuhalten, Administrator Lorlen schien überhaupt keine Anteilnahme an ihrem Erfolg zu nehmen. Er hatte sich mittlerweile in seinem Stuhl zurück gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Das Klemmbrett, auf dem er sich anfänglich Notizen über die einzelnen Disziplinen der Prüfung gemacht hatte, lag am Rand der Tischkante als würde er es nicht mehr benötigen. Einzig Lord Yangun zwinkerte ihr kurz zu, als er sie an die Tür führte, vor der sie warten sollte, bis Administrator Lorlen und Direktor Jerrik sich beraten hatten.
Als Auraya dann draußen auf dem leeren Korridor stand, dachte sie nach ob sie vielleicht zu viele Fehler gemacht hatte oder ob sie mehr hätte machen sollen. Als sie die Anspannung nach quälenden, endlos langen Minuten nicht mehr aushalten konnte, streckte sie ihre Sinne in den Raum vor ihr aus und suchte nach den Gedanken der Männer. Sie waren alle zutiefst beeindruckt von ihrer Leistungen und selbst der Administrator dachte einmal nicht über möglichen Ärger, den Auraya verursachen könnte, nach. Als die Tür zu dem Klassenzimmer sich wieder öffnete, beugte sich der Direktor heraus und zum ersten Mal hatte er ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht. Sie betrat das Klassenzimmer und drehte sich in die Richtung in der die Magier standen und schaute sie erwartungsvoll an.
„Herzlichen Glückwunsch. Du hast alle Prüfungen zu unserer vollster Zufriedenheit gelöst", teilte Direktor Jerrik ihr mit, nachdem er sie, wieder mit ernstem Gesicht, einige Sekunden gemustert hatte. Er schüttelte ihr die Hand und trat einen Schritt an die Seite, damit die anderen sie auch beglückwünschen konnten.
Administrator Lorlen trat vor sie und sagte einige freundliche Worte, während er ihr tief in die Augen sah, als würde er dadurch mehr von ihren Vorhaben erfahren. Dann drehte er sich abrupt um und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken, bevor er den Raum verließ. Der Direktor folgte seinem Beispiel und ließ sie allein mit Yangun im Raum zurück.
„Herzlich Glückwunsch, Anny", sagte dieser und klopfte ihr auf die Schulter. „Ich wusste, dass du das schaffst. Ich denke für heute kannst du Feierabend machen. Wir treffen uns dann Morgen zur ersten Stunde vor dem Gebäude, dann kann ich dich mit in deine neue Klasse nehmen."
„Vielen Dank, Lord Yangun", sagte sie, während sie zusammen mit dem jungen Mann den Raum verließ.
Sonea ging als letzte aus ihrem Klassenzimmer. Sie hatte sich absichtlich mehr Zeit als nötig gelassen um ihre Bücher und Mitschriften in der Tasche zu verstauen, in der Hoffnung, dass die anderen Novizen in der Bibliothek waren, um sich die Bücher für die Hausaufgaben auszuleihen, während sie die Universität verließ. Sie selbst würde später Rothen bitten, dass er für sie etwas zu diesem Thema aus der Magierbibliothek auslieh.
Als sie nun um die erste Ecke bog, beschleunigte sie ihre Schritte um möglichst schnell aus dem Gefahrenbereich zu gelangen. Plötzlich drangen Schreie an ihr Ohr. Sie waren ziemlich laut, daher musste es ganz in der Nähe sein. Sie blickte den langen Hauptkorridor entlang und sah, dass irgendjemand dort anscheinend mit einem Anderen zusammengestoßen sein musste und nun lagen überall auf der Treppe, die am Ende des langen Ganges nach unten führte, unzählige Dokumente herum.
Da Sonea nicht von so einem Vorfall aufgehalten werden wollte, bog sie in den nächsten Seitenkorridor ein und ging über einen Umweg in der Erdgeschoss der Universität.
Gerade als sie um eine weitere Ecke laufen wollte, hörte sie hinter sich ein unterdrücktes Kichern. Blitzartig drehte sie sich um und blickte in kalte, grüne Augen.
„Hallo Sonea", sagte Regin mit einer süßlichen Stimme. Doch sein hämisches Grinsen veranlasste Sonea sich ohne ein Wort an ihn gewandt umzudrehen und ihren Weg fortzusetzen. Doch weit kam sie nicht. Sie war gerade einmal ein paar Schritte gegangen, da schlug eine unglaublich starke Kraft an ihren Schild. Sie versuchte Regins Angriffe zu ignorieren und den nächsten, größeren Korridor zu erreichen, in der Hoffnung, dass er dort mit seinen Schikanen aufhören musste. Doch kurz vor einem weiteren Nebenkorridor kamen von beiden Seiten kleine Gruppen von Novizen.
Sonea drehte sich herum und unterdrückte einen Fluch, als sie sah, dass auch Regin sich weitere Novizen angeschlossen hatten. Sie saß in der Falle. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie drehte sich um ihre eigene Achse und zählte. Es waren sechzehn Novizen. Sie hatte keine Chance, egal was sie tat, sie waren stärker.
„So viele waren es noch nie", dachte sie verzweifelt und drängte sich an eine Wand in ihrer Nähe, um ihren Schild verkleinern zu können. Nach kurzer Zeit bereits merkte sie, dass ihre Magie langsam schwächer wurde, doch die Angriffe der Novizen waren noch immer genau so stark wie zu Beginn. Verzweifelt schaute sie sich in dem langen Korridor um. Es war aussichtslos. Auch wenn sie versuchte sich an den Novizen vorbei zu drängen, würde sie niemals das Ende des Korridors erreichen.
Auraya ging im Gang der Novizenquartiere auf und ab.
„Solange kann Sonea doch keinen Unterricht haben. Seit dem letzten Klingeln ist nun schon fast eine halbe Stunde vergangen", dachte sie besorgt, während sie ihren Weg fortsetzte. Sie verlangsamte ihre Schritte und suchte nach den Gedanken der Menschen um sie herum. Sie folgte einigen Magiern und fühlte dann ein Gefühl von hämischer Freude. Sie schaute genauer hin und sah Sonea aus den Augen eines Anderen. Dieser jemand schleuderte ihr immer mehr von seiner Magie entgegen in der Hoffnung, dass sie ihm bald willenlos unterlegen war.
„Regin!", presste Auraya mit zusammen gebissenen Zähnen hervor. Sie drehte sich auf den Absatz herum und eilte aus dem Novizenquartier.
Vor der Universität blieb sie kurz stehen, um herauszufinden, wo Sonea sich befand. Sie eilte weiter, die Treppen hinauf und ignorierte jeden, der ihr entgegenkam. Endlich war sie bei dem Korridor angekommen, in dem sie Sonea gesehen hatte. Es roch nach Angst. Als sie um die letzte Ecke eilte, stockte ihr der Atem. Über ein Dutzend Novizen standen in einem Halbkreis aneinander, den Blick zur Wand gerichtet. Sie schleuderten immer und immer wieder kleine Energiebälle an ihre Mitte. In dieser Mitte musste sich Sonea befinden. Als Auraya näher kam, blickten sich einige Novizen nach ihr um und grinsten ihr in freudiger Erwartung, da sie sich ihnen anschließen würde zu. Auraya schuf einen starken Schild und drängte sich, ohne darüber nachzudenken an den Novizen vorbei, zu Sonea.
Sie war überrascht. Obwohl alle Novizen gleichzeitig auf ihren Schild einschlugen spürte sie kaum etwas von ihren Angriffen auf ihrem Schild.
„Sie sind schwach", dachte sie mit einiger Genugtuung.
„Geh aus den Weg!", schrie Regin sie an.
Auraya ignorierte seine Worte und drehte sich zu Sonea herum.
„Alles in Ordnung, Sonea?"
Sonea kauert an der Wand, die Arme um die Knie geschlungen und nickte schwach. Auraya drehte sich wieder zurück zu den anderen Novizen und funkelte sie wütend an.
„Regin! Nimm deine falschen Freunde und verschwinde."
Sein Angriff endete. Anscheinend war er nicht in der Lage, seinen Angriff fortzusetzen, während er sprach.
„Du solltest lieber verschwinden, du willst dir doch nicht versehentlich wehtun. Du bist nicht besser als sie, wenn du ihr hilfst."
Auraya lachte gespielt auf. „Nur weil sie kein verwöhntes Balg ist, wie du, heißt das nicht, dass sie nicht das gleiche Recht hat an der Universität zu bleiben und Magier zu werden. Zudem ist es die Entscheidung der Höheren Magier, wer bleibt und wer nicht. Mich würde interessieren, was sie zu deiner Zukunft in der Gilde sagen, wenn sie von diesem Vorfall hören", sagte Auraya bissig und spürte wie es in ihr brodelte.
Als sie zu Ende gesprochen hatte, schleuderte ihr Regin einen stärkeren Schlag entgegen, als sie bisher bei ihm wahrnehmen konnte. Auch die anderen Novizen begannen erneut anzugreifen. Aber ihre Angriffe waren noch immer sehr schwach.
Ohne darüber nachzudenken, zog sie ein klein wenig mehr Magie in sich hinein, als sie brauchte um ihren Schild aufrecht zu halten und sandte einen Schlag aus, der all die Novizen, die sie bis eben noch umzingelt hatten an die Wand, der gegenüber liegenden Seite oder in den Korridor zu beiden Seiten schleuderte.
Auraya drehte sich erneut Sonea zu und öffnete den Mund um ihr zu sagen, dass sie gehen sollten. In dem Moment bemerkte sie, dass Regin sich von seinem Schock, der ihn an der Wand festgehalten hatte, erholte. Sie drehte sich in einem Zug wieder zu ihm herum und schaute ihn wütend an. Regin Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Entsetzen, Angst und Wut. Auraya blieb regungslos stehen und beobachtete, wie er mit sich selbst rang. Er entschied sich dafür, die Flucht zu ergreifen und so stieß er sich leicht taumelnd von der Wand ab und verließ mit schnellen Schritten den Korridor. Den anderen Novizen schenkte Auraya keine weitere Aufmerksamkeit. Einer nach dem andern rannten sie hinter Regin her, so dass die beiden jungen Frauen bald allein in dem Korridor zurück blieben.
„Wie hast du das gemacht?", fragte Sonea verwundert.
Auraya ignorierte die Frage und sagte. „Komm, lass uns gehen, bevor sie sich anders entscheiden und noch einmal zurück kehren."
Sonea nickte schwach, lies aber den Kopf auf ihren Schoß sinken. Auraya spürte, dass sie sehr müde war von dem Kampf.
„Alles in Ordnung? Soll ich dich vielleicht zu den Heilern bringen?", fragte Auraya besorgt.
„Nein, nein. Es geht schon. Ich bin nur so furchtbar müde."
„Dann bring ich dich am besten auf dein Zimmer", beschloss Auraya und half ihrer Freundin beim Aufstehen. Sonea schwankte leicht als Auraya ihre Hand losließ. Daraufhin legte Auraya den Arm um ihre Taille und ging zusammen mit ihr in Richtung Ausgang.
Lorlen stand verwundert an der Ecke des Korridors. Auraya kam nun mit Sonea im Arm direkt auf ihn zu. Er wusste nicht, was er von der eben gesehenen Szene halten sollte.
Ein Haufen Novizen standen im Korridor und anscheinend stritten sie sich über etwas, was er nicht verstehen konnte, da er zu weit entfernt war. In dem Moment als er in die Ecke bog, um auf die Novizen zuzugehen und ihren Streit zu beenden, spürte er eine enorme Kraft, die sich von einem, für ihn nicht sichtbaren Punkt, zwischen den Novizen ausbreitete. Lorlen reagierte sofort und riss einen Schild hoch. Er spürte, wie stark diese Magie war, die an seinem Schild abprallte, obwohl die Quelle dieser Magie mehr als 100 Schritte von ihm entfernt war. Als er erneut einen Blick in den Korridor riskierte, sah er etwas sehr verwunderliches. Die meisten Novizen standen an die Wand gepresst da und einige saßen auf dem Boden und blickten zu der einzigen Person, die nicht an der Wand lehnte oder saß. Es schien keiner durch den Angriff verletzt worden zu sein, was Lorlen schon einmal erleichterte. Die Novizen die eben noch in dem Flur verstreut waren, rannten nun mit schnellen Schritten davon. Er hielt sie nicht auf. Ihn interessierte mehr, wer einen solchen Angriff ausführte.
Als er näher kam, sah er 2 weibliche Novizen, die zurück geblieben waren. Lorlens Herz begann schneller zu schlagen, als er sah, dass eine von ihnen auf dem Boden kauerte. Doch dann rührte sie sich. Er ging weiter heran und erkannte Anny und Sonea. Anny reichte Sonea, die an der Wand gekauert hatte, die Hand und wollte mit ihr in entgegengesezte Richtung davon gehen.
„Sonea, Anny, kann ich euch bitte einen Moment sprechen?", rief Lorlen den beiden hinterher.
Langsam drehten sie sich um und Lorlen bemerkte, dass Sonea komplett erschöpft war. Er eilte auf die beiden zu.
„Sonea, was ist mit dir passiert?", fragte er entsetzt.
„Regin", antwortete sie mit leiser, schwacher Stimme.
Lorlens Miene verdüsterte sich. Würde dieser Junge jemals aufhören? Aber diesmal kam er nicht so ungestraft davon. Auch wenn Sonea es nie jemanden erzählen wollte, was zwischen ihr und Regin passiert war, diesmal hatte er es selbst mit eigenen Augen gesehen.
Er legte seine Hand auf Soneas Schulter und sandte etwas heilende Magie in ihren Körper um die Müdigkeit etwas zu lindern. Anny beobachtete dieses Vorgehen mit interessiertem Blick.
„Wahrscheinlich hat sie noch nie eine Heilung mit Hilfe von Magie gesehen", dachte Lorlen und nahm die Hand von Soneas Schulter.
„Danke", sagte sie mit etwas kräftigerer Stimme.
„Nichts zu danken. Und nun erklärt mir, was war das für ein Angriff und wer hat ihn ausgeführt?"
Sonea blickte zu Anny herüber und ein leuchten trat in ihre Augen.
„Anny hat mir geholfen. Sie hat sich zwischen mich und die anderen gestellt."
Lorlen schaute schmunzelnd zu Anny hinüber.
„Du überrascht uns tatsächlich jeden Tag aufs Neue."
Anny errötete leicht. „Das war nichts großartiges, Administrator. Ich habe sie lediglich mit einem kleinen Windstoß weg geschoben. Sie waren alle so sehr mit ihren Angriffen beschäftigt, dass sie ihn nicht schnell genug blockieren konnten."
Auraya sah ungeduldig hinter sich. Lorlen wusste, dass sie ihm nicht die gesamte Geschichte erzählte, aber vielleicht würde Sonea etwas ihrem Mentor Rothen gegenüber diesem Vorfall verlieren. Er würde es herausfinden.
„Ok, bitte bring Sonea auf ihr Quartier, damit sie sich ausruhen kann."
Als hätte Anny auf diese Worte gewartet, drehte sie sich um und ging, so schnell wie es Soneas zusätzliches Körpergewicht auf ihren Schultern erlaubte, den Korridor entlang und auch er setzte seinen Weg in Gedanken versunken fort.
„War es vielleicht wirklich nur ein Windstoß, mit dem Anny die anderen Novizen weg geschleudert hatte?" Lorlen selbst hatte die enorme Macht gespürt, die hinter dem Angriff steckte. Aber hatte er sich das vielleicht nur eingebildet. Hatte vielleicht die Schlauch ähnliche Form des Korridors dazu geführt, dass der Wind, als er Lorlen erreicht hatte so eine starke Kraft hatte?" Lorlen hatte seine Bürotür bereits erreicht und war vor ihr stehen geblieben, ohne es zu bemerken. Er blickte kurz auf, schaute kurz über seine Schulter und betrat dann schließlich sein Büro.
