Geblendet durch die Sonne, öffnete Sonea blinzelnd die Augen. Im ersten Moment erschrak sie, als sie eine Bewegung an ihrer Hüfte spürte. Sie drehte sich langsam und vorsichtig um und betrachtete den noch schlafenden Dorrien. Sie mussten gestern Abend, nachdem sie vom Abendessen mit Rothen zurückgekehrt waren, eingeschlafen sein. Dorriens grüne Roben schlangen sich auf eine faszinierende Art und Weise um ihre eigenen schlichten braunen Roben.
Sonea strich dem Magier sanft über die Wange. Er öffnete seine Augen und lächelte sie an.
„Guten Morgen", murmelte er, bevor er sie fest an sich zog,
„Hast du gut geschlafen, mein Schatz?"
Erheitert über seine liebevollen Worte, stieß Sonea ein leises Kichern aus. Er küsste sie, doch sie wandte sich von ihm ab.
„Was ist los?", fragte er leicht verwirrt.
„Du dürftest nicht hier sein, Dorrien. Es ist verboten, dass jemand bei mir übernachtet."
Dorrien zog eine Schnute. „Ich finde, bei dir sollte diese Regel ausgesetzt werden."
Sonea grinste ihn an. „Schön wäre es. Aber bis sie so etwas entschieden haben, sollten wir lieber zusehen, dass wir aus der Sache hier unauffällig raus kommen."
Dorrien kicherte, dann zog er sie noch einmal an sich, um ihr noch einen Kuss zu geben, bevor er sich, mit einer eleganten Bewegung aus ihrem Bett erhob und seine Roben glatt strich.
Sonea gab einen erstickten laut von sich, und Dorrien drehte sich zu ihr herum.
Sie hatte die Hand vor den Mund gehoben, um ihr Lachen zu unterdrücken.
Dorrien schenkte ihr einen ungläubigen Blick, bevor er sich daran machte, seine Roben mit Magie zu glätten, da sie trotz seiner vorherigen Bemühungen noch immer reichlich Falten aufwiesen.
Als seine Roben endlich wieder glatt waren, drehte er sich zu dem großen Spiegel um, den Sonea hinter ihrer Tür aufgestellt hatte und musste über sich selbst grinsen.
„Warum hast du das nicht gesagt?", fragte er, während er sich von allen Seiten im Spiegel musterte. Seine Haare standen in alle Richtungen ab.
„Es... Ich... konnte es nicht... es sah zu gut aus", presste sie zwischen ihrer Hand hervor.
Dorrien schüttelte erheitert den Kopf, während er versuchte seine Haare in die richtige Position zu drücken.
„Ich werde mich nun auf Vaters Quartier schleichen", teilte er ihr, immer noch leicht grinsend, mit.
Soneas Lachen verschwand mit einem Schlag.
„Stimmt, Dorrien wohnt ja für die Zeit, die er hier in der Gilde ist, bei Rothen. Er wird bestimmt bemerkt haben, dass Dorrien die ganze Nacht nicht da war. Hoffentlich ist er nicht wütend", dachte Sonea besorgt.
Als hätte Dorrien ihre Gedanken gelesen, kam er auf sie zu und legte eine Hand an ihre Taille.
„Keine Sorge, ich glaube nicht, dass Vater etwas gegen unsere Beziehung hat."
Er gab ihr noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verließ den Raum.
Sonea schaute noch eine Weile die verschlossene Tür an.
„Ich hoffe du hast Recht", dachte sie.
Dann erhob sie sich selbst aus ihrem Bett und machte sich für den kommenden Tag fertig. Viel hatte sie nicht zu tun. Es waren schließlich Ferien, aber auch in dieser Zeit wollte sie nicht nur untätig rum sitzen.
Als Auraya die Räume zum Badehaus betrat, war sie froh darüber, festzustellen, dass keiner außer ihr da war.
Zurzeit nutzte sie jede Minute der Einsamkeit um darüber nachzudenken, was wohl ihre Strafe sein würde, wegen des Angriffs auf Regin. Es gab so viele Möglichkeiten, das Schlimmste wäre wahrscheinlich, wenn sie sie zurück in ihre Heimat schicken würden. Auraya wusste, dass in einem solchen Fall ihre Kräfte blockiert werden würden und sie wusste nicht, wie die Magier dies bei ihr zu Stande bringen würden. Doch sie hatte beschlossen, dass wenn dieses Urteil gefällt würde, sie nichts mehr hier halten würde. Niemand konnte sie dann mehr aufhalten die Gilde auf eigene Faust zu verlassen. Es war dann besser zu gehen, bevor die Magier herausfanden, wer sie war.
Nach einem erholsamen, wunderbar warmen Bad, machte sich Auraya auf den Weg in den Speisesaal um zu Frühstücken. Es waren nur zwei weitere Novizen, die sie nicht kannte da. Also setzte sie sich an einen der langen, leer stehenden Tafeln. Ein Diener brachte ihr das Frühstück und während sie aß, überlegte sie was sie mit ihrem heutigen Tag anstellen könnte.
Es war gerade einmal die erste Woche der Winterferien um und schon jetzt wusste Auraya nichts mehr mit sich anzufangen.
Nach dem Essen ging sie etwas in dem Park umher. Die Wege wurden jeden Morgen vom Schnee geräumt, doch die Bäume bogen sich stark unter ihrer schweren weißen Last.
Als Auraya an ein paar niedrigen Hecken vorbeikam, bemerkte sie eine Gestalt am anderen Ende des Weges. Es war Sonea. Auraya holte einmal tief Luft und begab sich in die Richtung der anderen Novizin. Es war Zeit sich ihr endlich zu stellen.
Sonea hatte ihr den Rücken zugewandt und unterhielt sich mit einem jungen Magier in grünen Roben. Auraya ging näher an die Beiden heran.
„Hallo Sonea", sagte sie entschuldigend und verbeugte sich vor dem Magier. „Mylord"
„Anny!", sagte Sonea überrascht und wandte sich wieder dem jungen Magier zu. Seine Augen blitzten einen Moment vor Interesse auf, doch er sagte ruhig zu Sonea:
„Ich glaube ihr habt Einiges zu besprechen. Wir reden später weiter." Er schenkte ihr noch ein herzliches Lächeln, bevor er sich abwandte und den Weg, den Auraya gekommen war, entlang ging.
Auraya und Sonea gingen schweigend quer durch den Park und folgten dann einem schmalen Pfad, den Auraya zuvor noch nie gegangen war. Irgendwann begann Sonea von Aurayas Anklage zu sprechen. Auraya war froh, dass Sonea die ganzen Fragen zu ihrem Angriff anscheinend schon wieder vergessen hatte und sich nun genauso Sorgen um Aurayas Verbleib in der Gilde machte, wie sie selbst.
„Sie können dich nicht rauswerfen!", sagte sie aufgebracht, „vorher sollten sie Regin aus der Gilde verstoßen. Wenn er mich nicht angegriffen hätte, hätte er sich auch nicht verletzt."
Auraya blickte zu Boden. Sie gingen durch unwegsames Gelände. Der kleine Pfad, dem sie anfangs gefolgt waren, war schon längst verschwunden. Unter dem Schnee befanden sich mehrere angebrochene Äste und große Steine, weshalb sie nur langsam voran kamen.
„Du musst allerdings bedenken, dass Regin sich lediglich des Verbrechens schuldig gemacht hat, ohne die Anwesenheit eines Lehrers, Magie zu wirken. Ich habe ihn und die Anderen bewusst angegriffen um sie irgendwie aufzuhalten."
„Wir sind da", verkündete Sonea etwas außer Atem ohne auf Aurayas Worte einzugehen.
Auraya blickte sich um und war erstaunt. Sonea hatte sie zu einer wunderschönen kleinen Quelle geführt. Im Sommer, wenn die Bäume ringsum grün waren, musste es hier wunderschön sein.
Sonea ging zu einem der niedrigen Felsen und setzte sich, nachdem sie den Schnee geschmolzen hatte, hin. Auraya folgte ihrem Beispiel und sah gespannt zu, wie das Wasser sich unter den Eisschollen bewegte.
„Von hier bekommt die Gilde ihr Wasser. Es zählt als das sauberste der ganzen Stadt. Es ist wunderbar hier, vor allem im Sommer. Immer wenn ich etwas meine Ruhe haben will oder über etwas nachdenken muss, komme ich hier her. Dorrien hat mir den Weg gezeigt, als ich ihn das erste Mal getroffen habe."
Auraya schaute sich noch immer begeistert um, während Sonea erzählte. Sie hatte nicht erwartet, mitten in einer Stadt, einen so friedlichen Platz zu finden.
„Wer ist Dorrien", fragte Auraya beiläufig, als Sonea nicht mehr weiter redete.
„Ähm", Sonea schaute verlegen drein, „der Magier, mit dem ich mich vorhin unterhalten habe. Er ist Lord Rothens Sohn."
Auraya blickte erheitert zu Sonea.
„Ihr scheint ein gutes Verhältnis zu einander zu haben. Du spricht mit ihm, als wärt ihr gute Freunde."
„Ich schätze, wir sind mehr als das. Aber ich weiß nicht."
„Was weißt du nicht?", hakte Auraya weiter nach.
„Ob es ihm ernst ist mit mir", sagte sie leise.
Aus Soneas Gedanken wusste Auraya, dass ihre Freundin total vernarrt in den jungen Magier war und dieser sogar die letzte Nacht mit ihr zusammen verbracht hatte. Für Auraya war das eigentlich Zeichen der Liebe genug.
„Ich meine, er lebt in einem Dorf an der elynischen Grenze und kommt im besten Fall zweimal im Jahr für wenige Tage in die Gilde."
„Aber sobald du nächsten Winter deinen Abschluss gemacht hast, steht es auch dir frei, die Gilde zu verlassen und bei ihm zu leben."
Soneas Augen blitzten auf. "Über diese Möglichkeit hab ich noch gar nicht nachgedacht. Ich werde…", sie stoppte abrupt in ihren Worten und schaute Auraya entschuldigend an.
„Geh nur zu ihm. Ich bin im Gegensatz zu ihm jeden Tag da."
Sonea strahlte Auraya glücklich an und bedankte sich bei ihr, bevor sie sich zurück in Richtung Gilde machte.
Auraya blieb allein zurück und konnte seid langem Mal wieder die Einsamkeit und Ruhe genießen. Die Fragen, die Auraya erwartet hatte, über die sie sich in den letzten Tagen so sehr den Kopf zerbrochen hatte, blieben aus und sie ärgerte sich innerlich, dass sie nicht schon eher mit Sonea gesprochen hatte. Sie hatte ihr in den letzten Tagen ganz schön gefehlt. Ein kurzes Gespräch, eine kurze Erklärung der Vorkommnisse und schon hätte sie sich selbst und wahrscheinlich auch Sonea einige schlaflose Nächte erspart.
Lorlen blickte zweifelnd über all die Papiere, die über seinem Schreibtisch verstreut lagen. Er stieß einen lauten Seufzer aus. Was wollte Garrel mit der Anklage gegen Anny bezwecken? Aus der Gilde würde man sie gewiss nicht ausschließen, nicht wegen so einer Lappalie und sollte Anny bereit sein, eine Wahrheitslesung durchführen zu lassen, wird Garrels Novize, Regin, wahrscheinlich eine härtere Strafe bekommen als Anny. Ob ihm das bewusst war?
Mit einer flüchtigen Handbewegung glitten die Papiere, die Lorlen für die morgige Anhörung vorbereitet hatte, fein säuberlich auf einen Stapel. Lorlen lehnte sich in seinem Stuhl zurück und gönnte seinen Augen ein paar Minuten Ruhe. Wie lange hatte er in den Vorbereitungen der Anhörung gesessen? Lorlen schaute aus dem Fenster und stellte fest, dass es schon weit nach Mittag sein musste. Die schwache Wintersonne, die am frühen Morgen noch in sein Büro geschienen hatte war längst auf der anderen Seite der Universität verschwunden.
„Ich glaube, ich brauche etwas frische Luft und Bewegung, bevor ich mich an die Lebensmittelbestellungen machen kann", überlegte er.
Als er aus der Universität trat, spürte er die leicht warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Der Frühling erhielt dieses Jahr vielleicht einen frühen Einzug.
Nachdem er etwas im Park umher gegangen war, kehrte er langsam und widerstrebend zu seinem Büro zurück.
Vor der Tür stand bereits ein junger Mann, der ihn offensichtlich erwartete.
„Lord Dorrien. Seid ihr auch mal wieder in der Gilde?! Was kann ich für euch tun?", fragte Lorlen, nachdem er nah genug an den Mann herangetreten war.
„Guten Tag, Administrator. Lady Vinara war der Meinung, dass es wieder Zeit für den jährlichen Bericht sei. Aber das ist nicht der Grund, warum ich euch aufsuche. Ich wollte mit euch über Anny reden."
Lorlen unterdrückte einen Seufzer. Anscheinend war die junge Novizin zur Zeit das Gesprächsthema Nummer Eins in der Gilde.
„Also habt ihr auch schon von diesem Vorfall gehört", stellte Lorlen fest und war zugleich erschrocken über seine kalte Stimme. Er räusperte sich kurz und sagte dann freundlicher: „Kommt erst einmal herein, Lord Dorrien. Ich hoffe, ich habe Euch nicht all zu lange warten lassen."
„Die ganze Gilde spricht nur noch über dieses eine Thema, Administrator. Aber ich wollte euch nur fragen, wie ihr das Urteil einschätzt. Sonea soll daran ja auch beteiligt gewesen sein, nun macht sie sich Sorgen, dass sie Schuld daran sein könnte, das Anny die Gilde eventuell verlassen muss."
Lorlen schaute Dorrien überrascht an.
Was hatte dieser junge Mann mit dem Mädchen aus den Hüttenvierteln zu tun, dass er sich so sehr um sie sorgt. Bisher hat kaum ein Magier ein Wort darüber verloren, dass Sonea gerettet wurde.
