Frühes Morgenlicht überzog die Frost behauchten Fenster mit einem goldenen Schimmer.
Obwohl heute Freitag war, war Auraya bereits früh auf den Beinen. Sie legte die letzten Blätter, die sie soeben Fertig geschrieben hatte, in eine Mappe und verstaute sie in ihrem Bücherkoffer. Dann säuberte sie ihre Feder und legte sie beiseite.
Als es klopfte, gab sie der Tür, ohne sich umzuschauen, den Befehl sich zu öffnen, da sie erwartete, dass es Sonea war, die da klopfte. Sie wollten heute zusammen in die Stadt gehen, auf den großen Marktplatz, den Auraya vor ihrer Aufnahme in der Gilde fast täglich besucht hatte. Als Sonea nichts sagte, wandte sich Auraya zu ihr um und erstarrte im selben Augenblick. Es war nicht ihre Freundin Sonea, die in ihrer Tür stand, sondern der Hohe Lord, ihr neuer Mentor.
Nachdem sie ihren ersten Schock überwunden hatte, sprang sie von ihrem Stuhl auf und verbeugte sich hastig vor ihm.
„Guten Morgen, Hoher Lord", sagte sie mit zittriger Stimme.
Sein Blick ruhte auf ihr, doch seine Miene spiegelte weder Freude sie zu sehen, noch Verärgerung darüber wieder, dass sie ihn zuerst ignoriert hatte.
„Guten Morgen, Anny", sagte er mit der gleichen, autoritätsbewussten Stimme, mit der er auch erklärte, dass er ihr Mentor werden würde. „Ich bin hier, um dir mitzuteilen, dass du in Zukunft bei mir in der Residenz wohnen wirst. Es gibt dort eigens ein Zimmer für den Novizen des Hohen Lords." Er lies einen abschätzenden Blick durch den Raum gleiten, bevor er hinzufügte: „Du wirst sehen, dass es wesentlich bequemer ist als dieses hier."
Eine Welle der Verzweiflung schlug über Auraya zusammen. Sie sollte mit ihm, dem Mann, den sie am meisten in dieser Gilde fürchtete, in einem Haus leben. Sie starrte ihn fassungslos an.
Er begegnete ihrem Blick mit seinem. Er meinte es ernst. Sie hatte keine Wahl. Wahrscheinlich war an dieser Entscheidung schon nichts mehr zu ändern, bevor er ihr Zimmer betreten hatte.
Auraya atmete tief ein und räusperte sich. Ihre Kehle schien ihr auf einmal wie ausgetrocknet und sie befürchtete, dass sie keinen weiteren Laut heraus bringen würde, daher nickte sie ihm lediglich zu.
„Wann?", fragte sie knapp und ohne auf ihre guten Manieren zu achten."
Es schien ihn nicht zu stören, dass sie im Moment zu sehr von seiner Anwesenheit eingenommen war, dass sie nicht mal mehr in der Lage war, anständige Sätze zustande zu bringen. Er schien kurz über ihre Frage nachzudenken, bevor er antwortete.
„Ich denke, es wird genügen, wenn du nach deinem Ausflug in die Stadt da bist."
Auraya starrte ihn fassungslos mit aufgerissenen Augen an. „Woher weiß er, dass ich mit Sonea auf den Marktplatz gehen will?", fragte sie sich.
Er beobachtete sie und ein kurzer Ausdruck der Erheiterung glitt über sein Gesicht. Offensichtlich war das genau die Reaktion, die erwartet hatte.
„Wir sehen und dann heute Abend, Anny", sagte er, bevor sie weiter über seine vorherigen Worte nachdenken konnte und wandte sich um, um zu gehen.
Verwirrt lies Auraya sich zurück auf ihren Stuhl fallen.
„War es möglich? Nein! Meine Gedanken sind durch meinen Schild beschirmt, es kann keine Möglichkeit geben, ihn zu umgehen." Sie sprang auf und schloss von Hand die Tür. Auf einmal hatte sie das Bedürfnis irgendetwas zu tun, während sie über seine Worte nachgrübelte. „Vielleicht wollte er einfach zeigen, dass er mich beobachtet. Ich habe mit Sonea einige Male darüber gesprochen, vielleicht hat er es irgendwann mitbekommen. Oder er weiß es aus Soneas Gedanken, falls er in der Lage ist, sie zu lesen. Aber wenn dies der Fall sein sollte, wird er auch mitbekommen haben, dass meine Gedanken vor ihm verborgen sind", überlegte sie weiter. Ihre Hand ging unweigerlich an ihre Schläfe, als ein starker Schmerz durch ihren Kopf zog. Sie seufzte laut und schaute sich in ihrem kleinen Raum nach einer Ablenkung um.
Sie beschloss ihre Sachen zusammen zu packen, damit sie, nachdem sie mit Sonea zurück war, direkt zu ihm gehen konnte. Auch wenn ihr dieser Gedanke überhaupt nicht gefiel.
Gedankenversunken machte sie sich an die Arbeit. Sie dachte zurück an die Anhörung vor fünf Tagen. Nachdem er, Akkarin, entschieden hatte, dass er ihr Mentor werden würde, hatte sie ihn nicht wieder gesehen. Sie hatte gehofft, dass es so bleiben würde und er zu viel zu tun hatte, um sich besonders um seine neue Novizin zu kümmern. Doch nun stand er vor wenigen Minuten vor ihrer Tür und teilte ihr mit, dass sie in seine Residenz ziehen würde. Sie hatte es nicht gewagt ihm zu widersprechen. Nicht dem mächtigsten Mann der Gilde. Doch ihr kam es so vor, als hätte sie ihr eigenes Todesurteil unterschrieben.
Aber so mächtig konnte er doch nicht sein, nicht wenn er das gleiche Magie Empfinden, wie all die anderen Magier der Gilde, hatte.

Auf dem niedrigen Tisch standen allerlei Delikatessen. Rothen, sein Sohn Dorrien und Sonea saßen auf den bequem gepolsterten Sesseln um ihn herum und aßen, während sie sich unterhielten immer wieder ein kleines Stück der leckeren Süßigkeiten.
Rothen hörte zu, wie Dorrien verschiedene Geschichten aus seinem Dorf erzählte, wie er den Bauern am Fluss von einer seltsamen Art der Lungenfäule heilte oder dem Sohn des Dorfmeisters den Arm heilte, den er sich, wie er selbst behauptete bei der Begegnung mit einem Mortok gebrochen hatte. Einem Wesen, was nur in den Geschichten der Bauernleute auftauche und von keinem jäh wirklich gesehen wurde.
Diese Geschichten faszinierten Sonea normalerweise immer brennend, doch heute starrte sie an einen Teil der Wand hinter Dorrien und schien nichts von dem mitzubekommen, was er sagte. Auch stellte sie keine der üblichen Fragen, die sie sonst immer über seine Heilkunst hatte, was Rothen nur bestätigte, dass sie nicht im Ansatz Dorriens Geschichte zuhörte.
Anscheinend bemerkte auch Dorrien, dass Sonea heute nicht ganz bei der Sache war und sprach die direkt an.
„Sonea? Hörst du mir überhaupt zu?"
Als sie ihren Namen hörte, zuckte sie sichtlich zusammen.
„Verzeih, Dorrien, was sagtest du gerade?"
Er seufzte lächeln und begann noch einmal von vorn zu erzählen. Er hatte noch nicht richtig mit seiner Geschichte begonnen, als Rothen sich in seinem Sessel aufrichtete. Im selben Moment, als Dorrien wieder zu sprechen begonnen hatte, trat in Soneas Blick, der gleiche geistesabwesende Ausdruck wie nur Minuten zuvor.
„Was ist heute nur los mir dir, Sonea? Dich bedrückt doch irgendetwas", sagte er zu ihr und sie schaute ihn überrascht an. Sagte jedoch nichts.
„Hast du dich mit Anny gestritten? Oder hast du wieder Ärger, mit den anderen Novizen?"
Sonea wandte den Blick von ihm ab und starrte mehrere Sekunden schweigend auf den Teller mit den Süßigkeiten, der vor ihnen stand, als wöge sie verschiedene Möglichkeiten ab um sich herauszureden.
„Nein, ich habe keine Probleme mit den anderen Novizen gehabt. Aber ich glaube, dass sie es nun auf Anny abgesehen haben. Aber sie spricht mit mir nicht darüber. Ich finde es nur merkwürdig, dass sie noch immer in der Bibliothek helfen muss. Ich hatte erwartet, dass diese Strafe ausgesetzt werden würde, nachdem sie zum Schützling des Hohen Lords ernannt wurde. Aber das ist es nicht", beendete sie ihre Erzählung und schaute weiterhin gequält auf den Teller vor ihr.
„Sonea?", fragte Rothen unsicher, als sie nicht weiter erzählte. Sie seufzte laut und blickte Rothen kurz an.
„Ich mache mir Sorgen um Anny. Wir wollten gestern zusammen auf den Markt gehen. Doch da meine Tante mich spontan besucht hatte, wollte ich ihr absagen. Ich dachte Anny versteht das. Ich sehe meine Tante schließlich nur sehr selten und es muss schon ein besonderen Anlass geben, wenn sie zu mir in die Gilde kommt."
Wieder machte sie eine Pause und Rothen glaube einen Moment, dass sie es sich anders überlegt hatte und ihnen nun doch nicht erzählen wollte, was sie bedrückte.
„Ich weiß, es ist kindisch von mir, sich wegen so einer Kleinigkeit sorgen zu machen. Ich wollte Anny per Gedankenrede bescheid geben, dass ich nicht mitkommen konnte, doch sie antwortete mir nicht einmal. Später bin ich zu ihrem Zimmer gegangen und sie hat mir nicht aufgemacht. Ich weiß nicht", Sonea zuckte hilflos mit den Schultern, „Vielleicht war sie einfach nicht da. Vielleicht ist sie allein auf den Markt gegangen oder etwas in der Art. Aber ich fühle mich an die Zeit vor der Anhörung erinnert. Da ist sie mir auch mit allen Mitteln aus dem Weg gegangen. Was ist, wenn wieder irgendetwas passiert ist?"
Nachdem Soneas letzte Worte wie ein Wasserfall aus ihr herausgesprudelt waren, herrschte nun eine quälende Stille in Rothens Räumen. Er konnte Soneas Ängste verstehen, ihr ging es damals, als Anny jeden Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, so kurz nachdem sie ihr gegen die anderen Novizen geholfen hatte, sehr schlecht. Sie hatte sich sämtliche Vorwürfe gemacht. Das Anny nun dachte, dass Sonea schwach und hilflos ist und dass sie, wenn sie mit ihr zusammen war, nur Ärger bekommen würde und sich deshalb von ihr fern hielt.
Vielleicht war sie diesmal nur mit etwas wichtigerem beschädigt oder wirklich, wie Sonea schon selbst vermutet hatte, auf den Markt gegangen.
Plötzlich erinnerte er sich an das Gespräch, was er heute Morgen mit Lord Yangun geführt hatte und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.
Sonea und Dorrien schauten überrascht zu ihm hinüber. Anscheinend hatten sie das vorherige Gespräch fortgesetzt. Doch nun ruhten ihre beiden Augenpaare auf ihm, als erwarten sie eine Erklärung zu seinem Verhalten.
„Mir ist soeben etwas eingefallen. Lord Yangun, der Lehrer, der Anny letztes Jahr auf ihr magisches Potential geprüft hatte, erzählte mir heute Morgen, dass Anny in die Residenz des Hohen Lords eingezogen ist. Er scheint sehr beeindruckt von ihr zu sein und das wahrscheinlich nicht nur, weil sie nun der Schützling des Hohen Lords ist."
„Warum sagt ihr das nicht gleich, Rothen!", sagte Sonea und nun glänzten ihre Augen vor Freude. „Dann ist ja klar, warum sie mir die Tür nicht aufgemacht hat. Wahrscheinlich hatte sie mehr als genug zu tun."
Rothen war froh, dass er Sonea eine so einfache Erklärung für Annys Verhalten geben konnte, die sie sofort wieder glücklich stimmte. Er beschloss den günstigen Moment zu nutzen, um Dorrien und Sonea eine Frage zu stellen, die ihm schon lange auf der Zunge brannte.
„Sonea?", begann er und musterte sie kurz. Beeindruckt, was aus den kleinen Mädchen geworden ist, welches er einst aus den Hüttenvierteln gebracht hatte. Das vergangene Jahr war wahrscheinlich das beste Jahr, welches Sonea in der Gilde verbracht hatte. Dank Dorrien und Anny. Ihre Angst, die sie Anfangs den Magiern der Gilde entgegengebracht hatte, schien vergessen.
„Was habt ihr, Rothen?"
Rothen bemerkte, dass er Sonea anstarrte.
„Ähm..., Ich hatte mich gerade gefragt, was du nach deinem Abschluss tun möchtest. Wenn du deine Prüfungen bestehst, darfst du die Gilde verlassen. Falls du zu Dorrien gehen willst. Ich würde alles Nötige mit Lady Vinara abklären", stotterte er herum.
Er nahm eine Bewegung am Rand seines Gesichtsfeldes war. Es war Dorrien, der zuerst überrascht die Luft einzog und dann die Hand vor den Mund hielt um sein Grinsen zu verbergen.
„Ich weiß nicht. Dorrien? Was hältst du davon? Ich will mich dir nicht aufdrängen", fragte Sonea, die offensichtlich Dorriens Reaktion nicht mitbekommen hat.
Er nahm die Hand herunter und grinste Sonea nun breit an.
„Ich würde an deiner Stelle schnell zusagen, bevor Vater es sich anders überlegt. Mich konnte er damals auch nicht schnell genug loswerden. Und dennoch hat er mich, als ich meine Entscheidung getroffen habe, bis zum letzten Moment versucht zum Bleiben zu überzeugen.

Langsam ging Auraya auf das kleine Haus zu. Es lag am Rand des kleinen Waldes, welcher die Gilde auf einer Seite umgab. Durch die dunklen Schatten der Bäume, wirkte das Gebäude grau und nicht sonderlich einladend. Ihr viel auf, dass die Residenz des Hohen Lords erheblich älter aussah, als die anderen Gebäude der Gilde. Zudem war es schmucklos und kahl. Einzig eine kleine Laterne, die an der Haustür hing, ließ darauf schließen, dass in diesem Haus noch jemand lebte.
Auraya bog mit ihren zwei Taschen, in denen sie ihr Habe verpackt hatte, den schmalen Weg zur Residenz des Hohen Lords ein. Einige Schritte von der Tür entfernt, blieb sie kurz stehen um noch einmal tief Luft zu holen. Dann trat sie an die Tür und klopfte. Im gleichen Moment, in dem Ihre Fast das dunkle Holz der Tür berührt hatte, schwang sie aus und Auraya erblickte in dem Raum dahinter zwei Männer, die an einem Tisch saßen, während sie sich unterhielten.
„Anny. Du bist ja schon da", sagte der Hohe Lord in einem überraschend freundlichen Tonfall. „Komm herein und mach die Tür hinter dir zu."
Auraya kam sich vor, wie in einem schlechten Traum. Die zwei einflussreichsten Männer der Gilde saßen vor ihr und nippten gemütlich an ihren Gläsern. Auraya vermutete, dass sie irgendetwas Alkoholisches zu sich nahmen, was auch die gute Laune ihres Mentors erklären würde. Sie hatte noch nie einen Einblick in das private Leben der Magier bekommen. Ausgenommen von Rothen, doch auch dieser hatte zu ihren seltenen Besuchen, die sie ihm mit Sonea abgestattet hatte, immer etwas Besonderes vorbereitet.
Auraya dachte wieder an die beiden Männer, die vor ihr saßen und sie sicherlich neugierig musterten. Sie dachte kurz darüber nach, ob sie behaupten könnte, etwas vergessen zu haben und später wieder kommen, wenn wenigstens einer dieser starken Magier nicht mehr in diesem Raum war. Sie beschloss allerdings, dass es besser war, diese Angelegenheit schnell hinter sich zu bringen.
Sie trat in den Raum und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Erschrocken zuckte sie zusammen und zwang sich dazu, sich nicht noch einmal umzudrehen um zu testen ob die Tür sich wieder öffnen ließ. Unsicher trat sie durch den kleinen, kurzen Flur in den Raum, in dem sich die Magier befanden.
„Guten Abend, Hoher Lord, Administrator Lorlen", sagte sie mit zittriger Stimme und verbeugte sich, wie ihr es schien so unbeholfen, als hätte sie diese Bewegung noch nie gemacht.
Sie versuchte einen klaren Kopf zu bewahren, was ihr bisher noch nie möglich gewesen war, wenn er, der Hohe Lord und mächtigster Magier der Gilde, in der Nähe war. Sie hoffte, dass sie ihre Furcht nicht bemerkten und dass sie sich an seinen Anwesenheit gewöhnen würde. Nun, da sie mit ihm in einem Haus wohnen sollte, würde sie ihm wahrscheinlich öfter über den Weg laufen.
„Das ist mein Diener, Takan. Er wird dich auf dein Zimmer begleiten. Wenn du irgendetwas benötigst, zögere nicht es ihm mitzuteilen", sagte Akkarin und riss Auraya aus ihren Gedanken.
Sie nickte lediglich, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte und verbeugte sich noch einmal, dieses Mal etwas eleganter, was allerdings schwer war, mit den großen Taschen, die sie um ihre Schulter geschlungen hatte, und eilte durch den Raum auf den Diener zu, der an einer Tür zu ihrer Linken geduldig wartete.
Der Raum, in dem sie sich befand diente als Empfangsraum. Bevor Akkarin das Amt des Hohen Lords übernommen hatte, war er beinahe doppelt so groß wie jetzt. Der neue Hohe Lord hatte zusätzliche Wände einziehen lassen, um sich selbst mehr Ungestörtheit zu verschaffen. Von dem Raum aus konnte man durch 3 Türen in weitere Räume gehen.
Auraya folgte dem Diener durch die linke Tür, hinter der sich eine lange Treppe befand. Der Weg führte ausschließlich in die oberen Stockwerke. Am Ende der Treppe angekommen, ging der Diener einen kurzen Flur entlang und blieb sogleich vor einer ebenso dunklen Tür, wie die Empfangstür, stehen. Takan drehte sich zu ihr herum und öffnete die Tür vor der sie standen.
„Dies ist Euer Raum", teilte er ihr mit, während er die Tür für Auraya aufhielt.
Sie trat in den Raum und sog überrascht die Luft ein. Das Zimmer in dem sie stand, war mindestens dreimal so groß wie ihr altes Zimmer im Novizenquartier. Auch die Möbel waren kunstvoller, aus einem sehr dunklen Holz gearbeitet worden. Auraya vermutete, dass es sich um dasselbe Holz handelte, woraus auch die Türen gearbeitet waren. Sie fragte sich, ob dies alles nur so düster gebaut war, weil die Farbe des Hohen Lords das Schwarz war. Aber Akkarin schien ihr nicht zu viel versprochen zu haben, als er meinte, dass es hier bequemer sei als im Novizenquartier. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und wandte sich dann wieder dem Diener zu, der in der Tür stehen geblieben war und sie aufmerksam beobachtete.
„Wie ich sehe gefällt es Euch", stellte er fest. „Kann ich sonst noch irgendetwas für Euch tun?", fragte er weiter.
„Danke, Takan, ich werde zurechtkommen", antwortete sie ihm.
Der Diener nickte ihr höflich zu und ging die Treppe, die sie hinaufgestiegen waren, wieder hinunter. Auraya schloss ihre Tür und begann sich den großen Raum genauer anzuschauen. Auf jedem Gegenstand, befand sich das Incal der Gilde. Als sie an das Fenster trat und die Papierblende, die sie unnötigerweise vor neugierigen Blicken oder dem grellen Sonnenlicht schützen sollte, stellte sie fest, dass das feine Muster darauf lauter Miniaturincals darstellten.
„Vielleicht wird es ja doch nicht so schlimm, wie ich angenommen habe", dachte sie, während sie den Blick über die, im schwarz der Nacht liegenden Gilde, schweifen lies.

Seit sein eigener Vater den Vorschlag gebracht hatte, dass Sonea zu ihm ziehen könnte, bekam er diesen Gedanken nicht mehr aus seinem Kopf. Bei jeden Moment, indem seine Gedanken zu diesem Thema wanderten, breitete sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht aus. Allein der Gedanke, dass er für immer mit ihr zusammen sein könnte, machte ihn überglücklich. Sonea schien von dieser Idee nicht abgeneigt zu sein, auch wenn sie ihm keine feste Zusage gegeben hatte. Das Gespräch hatte sich in eine andere Richtung weiterentwickelt. Zu einem Thema, bei dem Dorrien nicht viel mitzureden hatte. Er konzentrierte sich lieber auf seine Gedanken, wie ein Leben mit Sonea wohl aussehen würde.
Doch im nächsten Moment schlug eine Welle der Enttäuschung über ihm zusammen. Selbst wenn sie zu ihm ziehen wollte, würde es noch über ein Jahr dauern. Das Wintersemester hatte gerade erst wieder begonnen. Es würden also es noch eineinhalb Jahre dauern, bis sie zu ihm kommen konnte und bis es soweit war, musste er allein zurück in sein Dorf gehen und das bereits in wenigen Tagen. Er würde Sonea eine ungewiss lange Zeit nicht sehen. Was war, wenn sie in dieser Zeit ihre Meinung änderte, wenn sie hier in der Gilde einem Mann fand?
Mit einmal sehnte sich Dorrien nach Ruhe und Einsamkeit. Einsamkeit mit Sonea. Genau das war es, was er jetzt wollte. Ein Gespräch über die Zukunft mit ihr. Ein Gespräch in dem sie ihm erklärte, dass er sich keine Sorgen machen musste und all die wunderbaren Worte, die sie ihm immer zuflüsterte, während sie unbeobachtet in der Bibliothek oder in Rothens Räumen saßen.
Dorrien betrachtete die Beiden. Sie führten eine angeregte Diskussion über Rothens Altchemieunterricht. Auch wenn Sonea sich für die Heilkunst entschieden hatte, schien Rothen endlich jemanden gefunden zu haben, mit dem er sich dennoch so tiefgründig über seine Disziplin unterhalten konnte. Er wollte die beiden jetzt nicht unterbrechen, daher beschloss er, sich allein zurückzuziehen.
Er erhob sich von seinem Sessel und Rothen und Sonea blickten zu ihm auf.
„Entschuldigt mich bitte. Mir ist soeben eingefallen, dass Lady Vinara mich heute Abend noch einmal sehen wollte."
Die beiden verabschiedeten sich mit kurzen Worten von ihm und setzten ihre Diskussion fort, als wäre sie nie unterbrochen worden.
Als Dorrien aus der Tür der Magierquartiere trat, stellte er fest, dass es erneut angefangen hatte zu schneien. Er schuf einen Schild, der den Schnee abhalten sollte und ihn gleichzeitig wärmte. Dann lief er mit schnellen Schritten in Richtung des Waldes.
Während draußen noch ein schwaches Licht der Dämmerung leuchtete, war es im Wald bereits stockdunkel. Er schuf eine Lichtkugel über seinem Kopf, um nicht die Orientierung zu verlieren. Er war diesen Weg bereits unzählige Male gelaufen. Meist in der Zeit, als er selber noch ein Novize war. Er führte ihn zu einem seiner Lieblingsplätze in der Gilde.
Als er an der kleinen Quelle ankam, schnaufte er vor Anstrengung.
Er lehnte sich an einen der Felsen, der ihm etwas Schutz vor dem mittlerweile starken Schneefall gab und lies seine Gedanken schweifen.
Das letzte Mal, als er hier war, hatte er Sonea diesen Platz gezeigt. Hier war es passiert, dass sie sich das erste Mal geküsst hatten. Auch damals musste er kurz darauf aufbrechen und er hatte ein schlechtes Gewissen. Sonea in diesen Moment einfach zurückzulassen. Doch er hatte keine andere Wahl. Und auch dieses Mal hatte er keine andere Wahl. Sie hatte ihm damals versprochen, dass sie auf ihn warten würde, bis er wieder zurückkam. Und sie hatte es tatsächlich getan.
Dorrien seufzte laut und starrte in die Baumkronen über ihm, die sich unter der schweren Last des Schnees gefährlich bogen.

„Sie scheint Angst vor dir zu haben", sagte Lorlen mit einem leichten Lächeln an seinen Freund gewandt.
„Ja, eine Reaktion, die ich bei jedem Novizen feststelle und überraschender Weise auch bei vielen Magier", antwortete Akkarin und schüttelte leicht traurig, wie es schien, den Kopf. „Bin ich wirklich so Angst einflößend?", fragte er Lorlen mit gespieltem Entsetzen.
Lorlen kicherte leise. „Ich finde dich nicht Angst einflößend. Geheimnisvoll, ja. Aber was zählt schon meine Meinung. Mir gegenüber verhalten sie sich schließlich auch nicht anders. Außer sie wollen, dass ich irgendetwas für sie genehmige."
„Ich schätze, wir müssen uns wohl damit abfinden, dass wir für den Rest unserer Zeit neugierige Blicke auf uns haben und dennoch keiner ohne weiteres auf uns zu treten wird", meinte Akkarin.
Die beiden Magier redeten noch eine Weile über ihre Positionen in der Gilde und machten sich über das Verhalten der Magier und Novizen lustig.
„Was gibt es sonst noch neues in unserer kleinen Familie?", erkundigte sich Akkarin, nachdem sie eine Weile schweigend zusammen saßen.
„Du bist im Moment das einzige interessante Gesprächsthema in der Gilde, beziehungsweise deine neue Novizin", erklärte er und musterte Akkarin aufmerksam als er weiter sprach. „Verrat mir, mein Freund, warum gerade Anny?"
„Warum wählt ein Hoher Lord eine Novizin?", stellte der Hohe Lord lächelnd eine Gegenfrage.
„Sie ist stark, Lorlen, sehr stark. Ich befürchte, allerdings, dass sie in ihrer Ausbildung nicht sonderlich weit gekommen wäre, wenn ich mich nicht ihrer angenommen hätte. Nun werden sich ihre Lehrer gerade zu überschlagen ihr mehr und mehr beizubringen", fuhr er fort, ohne auf eine Antwort von Lorlen zu warten. Lorlen zog die Augenbraue hoch.
„Das ist doch gewiss nicht der einzige Grund. Es gab in den vergangenen Jahren öfters starke Novizen."
Akkarin lächelte Lorlen an. „Du müsstest selber wissen, dass sie stärker ist, als all die Novizen, die wir jäh in unserer Universität hatten. Aber du hast Recht", erklärte er und nippte gemächlich an seinem Glas, bevor er weiter redete.
„Von mir wird seit meiner Wahl zum Hohen Lord erwartet, dass ich einen Novizen zu mir nehme. Hätte ich irgendwen aus den Häusern genommen, hätte sich diese Familie wahrscheinlich überschlagen vor Glück. Doch gleichzeitig hätten sie ernste Probleme mit anderen Familien bekommen. Allein die Neider, die sie dadurch zu sich gezogen hätten." Akkarin schüttelte den Kopf. Dann blitze etwas in seinen Augen. „Zudem liegst du mir nun schon seid Monaten in den Ohren, dass man sie im Auge behalten müsse."
Lorlen musterte seinen Freund mit einem Stirnrunzeln. Akkarin wollte gewiss nicht andeuten, dass er seine Novizin nur aus dem Grund gewählt hatte, dass er des Nachts wieder beruhigt schlafen konnte.