Auraya sah sich in dem schmalen, langen Raum um, in dem sie plötzlich stand. Sie befand sich Mitten auf einer Treppe, die hinunter zu einer stabilen, schwarzen Tür führte. Sie war einen Spalt weit geöffnet und ein blasser Lichtschein erhellte den Boden um sie herum. Auraya drehte sich um, um sich zu orientieren. Doch hinter ihr war nur dieselbe schwarze Tür. Diese allerdings war geschlossen und hüllte den oberen Bereich des Raumes damit in absolute Dunkelheit.
Auraya folgte der Treppe hinab zu der geöffneten Tür. Sie hob die Hand um die Tür weiter aufzuziehen, damit sie hindurch treten konnte. Doch in dem Moment, als sie die Hand ausstreckte um die Tür zu berühren, drang ein lauter Schrei an ihre Ohren.
Auraya saß kerzengerade in ihrem Bett. Sie spürte, wie ihre Atmung schneller als normal ging und versuchte sich zu beruhigen.
Sie hatte geträumt. Aber das war doch gar nicht möglich. Sie hatte ihre Gedanken normalerweise weit genug unter Kontrolle, damit dies nicht geschah.
Aber gelegentlich war es doch passiert. Meist an Tagen, an denen sie zu erschöpft war um ihren Geist zu kontrollieren.
Auraya lauschte auf. Hatte sie vielleicht doch nicht geträumt? Sie schlich sich zu ihrer Zimmertür und legte ein Ohr daran. Von irgendwo her drangen leise, aufgeregte Stimmen.
Sie musste herausfinden was da vor sich ging, deshalb schlich sie sich aus ihrem Zimmer und stieg leise, ohne auch nur das geringste Geräusch zu machen, den langen Flur zum Empfangsraum des Hohen Lords hinunter. Vor der unteren Tür blieb sie stockend stehen.
Die Türen – Es waren dieselben Türen, wie die in ihrem Traum. Unnötigerweise blickte sie sich um, um herausfinden ob dies der Raum war, von dem sie geträumt hatte. Doch hinter ihr war keine solche Tür. Sie zwang sich weiter die Treppe hinab zu gehen. Vor der Tür in den Empfangsraum blieb sie noch einmal stehen und lauschte. Die Stimmen waren nun lauter, anscheinend aber noch immer weit entfernt. Also waren sie nicht in dem Empfangsraum. Aber wo dann?
Vorsichtig öffnete Auraya die Tür und spähte durch den kleinen Spalt. Der Raum hinter der Tür lag in Dunkelheit. Auf Zehenspitzen schlich sie sich auf die andere Seite. Irgendwo hinter dieser Tür mussten sie sich befinden. Sie hätte die Worte, der Sprecher nun mühelos verstehen sollen, doch sie sprachen nicht ihre Sprache. Auraya drückte sich noch weiter an die Tür heran, um vielleicht doch noch ein paar bekannte Worte zu hören. Doch in diesem Moment gab es einen lauten Knall und der Boden unter ihren Füßen vibrierte. Auraya hatte bereits den Arm lang gemacht um die Tür aufzureißen und nach zuschauen, was passiert ist, als eine ihr bekannte Stimme plötzlich hinter ihr sprach.
„Was tut ihr hier?", fragte er ungewöhnlich kalt.
Auraya wirbelte herum und drückte sich nun erschrocken mit den Rücken an die Tür, an der sie eben noch gelauscht hat. Takan stand auf einmal hinter ihr. Woher kam er mit einem Mal? Auraya war absolut ruhig und dennoch hat sie seine Schritte nicht gehört. Unwillkürlich ging ein kalter Schauder über ihren Rücken. Doch sie ignorierte ihn. Der Diener stand noch immer vor ihr und erwartete offensichtlich eine Antwort.
„Ich habe merkwürdige Geräusche gehört und mir Sorgen gemacht", log sie. Die Miene des Dieners wurde weicher.
„Ihr braucht euch nicht zu sorgen. Es ist alles in Ordnung. Es ist besser, wenn ihr nun zurück in euer Bett geht."
Auraya nickte ihm zu und ging auf die gegenüberliegende Tür, aus der sie gekommen war, zu. Als sie hörte, dass die Tür auf der anderen Seite des Raumes geöffnet wurde, drehte sie sich noch einmal um. Doch der Diener war bereits verschwunden und die Tür wieder geschlossen.
Sie lag noch lange wach und dachte nach, ihr Traum, und dass, was soeben passiert war, hatte einfach zu viele Ähnlichkeiten.
„Wenn ich nur einen Blick hinter diese Tür hätte werfen können. Dann hätte ich gewusst, ob sie der Ort meines Traumes war. Ich muss mich hinein schleichen. Am besten, wenn keiner der Beiden in der Nähe ist", dachte sie und drehte sich unruhig auf die andere Seite.
„Ich könnte... Nein, wenn es jemand mitbekommt, dass ich dem Hohen Lord in Traumvernetzungen hinterher spioniere, würde meine Situation nicht besser werden. Aber wussten sie überhaupt, was das ist?"
Vielleicht konnte sie ihm einen harmlosen Traum schicken, etwas, das er nicht mit ihr in Verbindung bringen würde. Nein sie konnte dieses Risiko nicht eingehen.
Bei ihrem nächsten Verstoß gegen ein Gesetz der Gilde würde sie wahrscheinlich nicht mehr mit Bibliotheksdienst davon kommen. Sie musste eine andere Möglichkeit finden, um herauszubekommen was er tat.
Sonea gähnte ungeniert. Dorrien hatte sie heute bereits vor dem ersten Sonnenstrahl geweckt. Nach einem schnellen Frühstück saßen sie beide nun in einer Kutsche der Gilde und fuhren irgendwo hin. Sonea versuchte mit allen Mitteln herauszufinden, was Dorrien geplant hatte, doch immer, wenn sie auch nur eine Frage andeutete setzte er ein breites Grinsen auf und schwieg. Sonea beschloss schlussendlich es ihm gleichzutun und antwortete auf seine Fragen mit einem Lächeln. Wenn sie diese Masche lang genug durch hielt verriet er ihr vielleicht, wo sie hinfuhren.
So saßen sie beide, wie es Sonea vorkam eine halbe Ewigkeit schweigend nebeneinander in der Kutsche. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen und leuchtete Feuerrot am Horizont.
Nun da es außerhalb der Kutsche langsam hell wurde, schaute sich Sonea erstaunt um. Sie waren nicht mehr in der Stadt, was auch sehr wahrscheinlich war, da sie bereits so lange zu ihrem unbekannten Ziel unterwegs waren. Sie blickte auf weite Felder und nur vereinzelt standen hier und da ein paar größere Häuserkomplexe. Sie hatte bereits viel von dem ländlichen, meist einsamen Leben gehört. Doch sie konnte sich diese unglaubliche Weite bisher nur schwer vorstellen. Sie kannte nichts anderes als die Stadt, in der ein Haus neben dem anderen stand, und die Menschen sich regelrecht auf den Straßen zusammendrängten.
Die Kutsche bog auf einen schmalen, stark holpernden Weg und Sonea hielt sich überrascht an der Tür der Kutsche fest. Sie hatte nicht erwartet auf einmal so unangenehm durchgerüttelt zu werden. Sie hob den Vorhang beiseite und spähte erneut heraus. Sie fuhren nun direkt auf eines der alten Bauernhäuser zu, die Sonea soeben noch von der Straße aus beobachtet hatte. Sollte das ihr Ziel sein?
„Wir sind da", verkündete Dorrien einige Minuten später gut gelaunt.
Er half ihr aus der Kutsche und sie schaute sich in dem eher kleinen Innenhof um. Aus einer der Türen, die offensichtlich zu jedem Gebäude des Hofes führte, erschien eine kleine rundliche Frau, die in etwa in Rothens Alter war.
„Dorrien, mein Junge. Warum hast du uns nicht gesagt, dass du vorbeikommen würdest?", fragte die Frau und grinste mindestens so breit wie Dorrien, der noch immer an ihrer Seite stand. Die Frau eilte auf sie zu und umarmte Dorrien kurz. Erst dann bemerkte sie Sonea, die zuvor, halb verdeckt von der Kutsche, nicht zu sehen war. Ihre Augen weiteten sich einen kurzen Moment, dann verbeugte sie sich vor Sonea.
„Guten Tag Mylady. Ich freue mich, euch auf meinem Hof begrüßen zu dürfen", bevor sie weiter reden konnte begann Dorrien zu kichern. Sonea war in der Zwischenzeit knall rot geworden. Die Frau hielt sie offensichtlich für eine Magierin.
„Tante Lysia, das ist Sonea, meine Freundin. Sie ich noch eine Novizin. Du brachst dich also nicht mit solchen Höflichkeiten zu quälen. Ich denke, Sonea hätte auch so nichts gegen einen normalen Umgangston", sagte Dorrien und wand sich zu ihr um. Sonea schüttelte schnell den Kopf und wand sich von der Frau vor ihr etwas ab.
„Also kommt rein ihr beiden, ihr habt bestimmt Hunger nach der langen Reise", sagte die Frau und ging durch die Tür zurück, aus der sie gekommen war.
Nach einem leckeren Frühstück traten sie alle drei aus dem Haus. Sie gingen über den Innenhof zu einem langen, einstöckigen Gebäude. Sonea verzog unauffällig die Nase, als ihr ein merkwürdiger und ekelerregender Geruch in die Nase stieg. Sie war froh, dass es weder Dorrien noch seiner Tante auffiel.
„Kannst du reiten?", fragte Dorrien, als sie vor dem Gebäude standen. Sie gingen durch eine breite Tür und befanden sich in einem Pferdestall. Hier drinnen war der komische Geruch noch schlimmer. Doch Sonea konnte sich nur schwer vorstellen, das Pferde so stinken konnten. Sie schüttelte den Kopf, um Dorrien die Antwort zu geben und ging weiter durch den breiten Mittelgang. Rechts und Links von ihr standen in kleinen Gehegen einzelne Pferde. Sie schätzte, dass es mindestens vierzig Tiere sein mussten. Sie drehte sich zu Dorrien um, der ihr durch den Raum gefolgt war.
„Warum hat deine Tante so viele Pferde?", fragte sie ihn.
„Wir bilden Rennpferde für das Haus Correl aus", sagte Dorriens Tante, die auf einmal hinter ihr stand. Sie hielt etwas Großes, Lederartiges in der Hand.
„Hast du schon ein Pferd gefunden, dass dir gefällt?", fragte sie, während sie ihr schwere Last auf einer niedrigen Bank ablegte.
„Ich weiß nicht. Ich saß noch nie auf einem Pferd", gestand Sonea.
„Dann wird es aber höchste Zeit, dass du reiten lernst. Wenn du nächstes Jahr mit Dorrien gehen willst", sagte sie vergnügt und ging an einer Seite der kleinen Boxen entlang. Wahrscheinlich auf der Suche nach einem geeigneten Pferd für Sonea.
„Ah, das ist der Grund, warum wir hier sind, oder?"
Dorrien lächelte ihr zu. „Es ist einer der Gründe, ja."
Sonea zog die Augenbraue nach oben, fragte aber nicht nach den anderen Gründen, er würde es ihr eh erst verraten, wenn es an der Zeit war.
Dorriens Tante gab Sonea ein großes Pferd an die Hand und versicherte ihr, dass es das liebste Pferd hier im Stall sei. Sie selbst wusste nicht, was sie von dem riesigen Tier halten sollte, wie lieb kann so ein Riese schon sein und was bedeutete lieb auf Pferde bezogen. Sie war froh zu sehen, dass ihr das Pferd, dessen Zügel sie nun in der Hand hielt bereitwillig nach draußen folgte. Dorriens Tante hatte den großen ledernen Haufen über den Rücken des Pferdes gelegt und nun erkannte Sonea, dass es ein Sattel sein sollte.
Als sie draußen auf dem kleinen Innenhof standen, gab Dorrien ihr eine kurze Einweisung und nach einigen versuchen schaffte es Sonea, sich auf den Sattel des Tieres zu hieven. Dorrien reichte ihr die Zügel, die sie auch schon zuvor gehalten hatte, als sie den anderen nach draußen gefolgt war und schwang sich mit einer eleganten Bewegung auf sein Pferd. Ohne ein weiteres Wort setze sich sein Pferd in Bewegung und eine Welle der Verzweiflung machte sich in Sonea breit, da er ihr nicht erklärt hatte, wie sie ihr Pferd antreiben sollte. Doch im gleichen Moment bemerkte sie erleichtert, dass ihr Pferd dem von Dorrien folgte.
Sie ritten über das große Feld, das hinter dem Hof von Lysia lag und nach einiger Zeit konnte sich Sonea sogar an der Landschaft erfreuen. Sie stellte fest, dass es doch nicht so schwer war zu reiten, wie sie zuerst gedacht hatte.
Auf einmal blieb ihr Pferd stehen und sie schaute sich verwirrt nach ihrem Freund um. Er stand neben ihr. Nun erklärte er ihr, wie sie ihr Pferd führen sollte und wie es anhielt. Dann zeigte er ihr, wie sie es zu einer schnelleren Gangart überzeugen konnte. Doch mit erschrecken musste Sonea feststellen, dass es für sie umso schwieriger wurde im Sattel sitzen zu bleiben, je schneller das Tier wurde. Sie zügelte ihr Tempo und blickte ihrem Freund bewundernd nach. Bei ihm sah es so leicht aus. Natürlich war es für ihn leichter. Er ritt bereits seit mehreren Jahren eine weite Strecke bis in die Gilde. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich jemals an das Geschüttele gewöhnen würde, wenn ihr Pferd so schnell lief. Sie betrachtete Dorrien vor ihr genauer und bemerkte, dass er sich genauso bewegte wie das Pferd. Es sah nicht so holprig aus wie bei Sonea. Also musste sie sich nur in dem gleichen Rhythmus wie ihr Pferd bewegen. Sie versuchte es ihm gleich zu tun und sich in dem Rhythmus des Pferdes zu bewegen. Dies schaffte sie sogar, bis zu einer bestimmten Geschwindigkeit. Doch irgendwann wurde das Pferd zu schnell, als dass sie sich an seine Bewegungen anpassen konnte und Sonea hüpfte wieder unwillkürlich auf dem Sattel auf und ab. Je länger sie versuchte sich im Rhythmus des Pferdes zu bewegen, desto mehr begannen ihre Oberschenkel, die an diese Art der Belastung nicht gewöhnt waren, zu brennen. Sie sandte etwas heilende Magie durch ihren Körper und sah erleichtert, dass Dorrien am Hang des Hügels, den sie soeben runter geritten waren, stehen blieb. Als Sonea näher kam, stieg er von seinem Pferd ab und band es an einen einzeln dastehenden Baum. Dann kam er zu Sonea hinüber, um ihr von ihrem Pferd hinunter zu helfen.
„Das hat doch schon gut geklappt", sagte er, als er auch Soneas Pferd an dem Baum festband.
„Komm", sagte er, nahm Soneas Hand und ging mit ihr durch hüfthohes, graues Gras. Sie waren gerade einmal zwanzig Schritte gegangen, als Sonea sich auf einer fast ebenen Fläche befand.
In der Mitte lag ein kleiner See mit so klarem Wasser, dass Sonea erwartet hatte den Grund zu sehen.
Dorrien ließ ihre Hand los und begann seine Roben abzulegen. Sonea schaute ihn währenddessen entgeistert an.
„Kommst du nicht mit?", fragte Dorrien mit hochgezogener Augenbraue, als er Soneas Zögern bemerkte.
„Dorrien", begann Sonea zögernd, „es ist doch viel zu kalt, um hier baden zu gehen."
„Mach dir keine Sorgen. Ich werde es dir schon warm genug machen", sagte er grinsend und ging in Richtung des Wassers. Es schien überhaupt nicht kalt zu sein und nach einigen Momenten bemerkte Sonea auch den Grund. Das Wasser begann leicht zu dampfen. Sie begann sich ebenfalls zu entkleiden und ging einen Schritt in das angenehm warme Wasser. Doch als ihr das Wasser bis an dem Bauchnabel ging, blieb sie stehen. Dorrien befand sich in der Mitte des Sees, doch sie wagte es nicht so weit zu gehen. Sie konnte nicht genau erkennen ab welchem Punkt das Wasser zu tief für sie wurde, um noch stehen zu können.
„Komm zu mir Sonea, hab keine Angst, das Wasser ist nicht tief"; sagte er und winkte sie zu sich heran.
Sie ging langsam auf Dorrien zu. Bei jedem Schritt den sie tat, ging sie weiter ins Wasser. Als sie bei ihm ankam, ging es ihr bis über die Schulter. Sie spürte wie sich zwei Hände um ihre Taille legten und sie in Richtung Dorrien zogen.
„Wo wart ihr beiden heute den ganzen Tag?", fragte Rothen seinen Sohn und Sonea, nachdem er sich die Hände an einem Nasentuch abgewischt hatte.
„Wir waren Tante Lysia auf ihren Hof besuchen. Ich hatte mir überlegt, Sonea reiten beizubringen, für den Fall, dass sie irgendwann mit mir kommen möchte", antwortete Dorrien mit ernster Miene.
Rothen stutzte einen Moment. Er hatte seine Schwester seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.
„So weit seid ihr gefahren?", fragte Rothen und versuchte nicht auf den vorwurfsvollen Ton von Dorrien einzugehen. Doch seine Miene verdüsterte sich noch weiter.
„Solltest du nicht wenigstens erst einmal fragen wie es ihr geht, Vater? Ich soll dich lieb von ihr grüßen."
Rothen wusste, dass er nicht um dieses Thema herum kommen würde. Im Vergleich zu ihm hatte Dorrien immer einen geringen Kontakt zu seiner Tante gehalten.
„Du sollst mich von Lysia grüßen? Ich glaube da hast du etwas falsch verstanden. Sie hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich damals in der Gilde geblieben bin, anstatt mich mit ihr um meine Eltern zu kümmern."
„Ich denke schon, dass sie dir verziehen hat. Nur hast du es nie versucht herauszufinden. Wann hast du dich das letzte Mal bei ihr gemeldet, um mit ihr zu reden? Auch wenn es damals etwas schwierig war, ich denke sie versteht, warum du nicht da warst. Immerhin war es erst gerade einmal ein paar Monate her, das Mutter gestorben war."
Sonea, die neben Rothen saß, sog auf einmal scharf die Luft ein.
„Alles in Ordnung, Sonea?", fragte er sie. Sie nickte nur flüchtig und versuchte dann eine ausdruckslose Miene aufzusetzen.
Er hatte nie gern mit Sonea über seine verstorbene Frau gesprochen. Mit Dorrien war es leichter. Er wusste, was Rothen durchgemacht hatte, er hatte schließlich genau soviel verloren wie er selbst. Er hatte Sonea alles erzählt. Sie musste ihm damals diese Fragen stellen und in seinem Geist die Wahrheit sehen, um ihm zu vertrauen. Doch es widerstrebte ihm jedes Mal näher über dieses Thema zu sprechen. Als Sonea mitbekam, wie sehr es ihn quälte all die Fragen über seine verstorbene Frau zu beantworten, hatte sie dieses Thema nie wieder angeschnitten.
Rothen räusperte sich kurz. „Wie geht es eigentlich Anny?", fragte er um das Thema zu wechseln. Dorrien warf ihm einen bösen Blick zu, doch seine Miene wurde weicher, als Sonea anfing über ihre Freundin zu erzählen.
„Ich weiß es nicht. Seit sie die Novizin des Hohen Lords ist, bekomme ich sie nur noch selten zu Gesicht. Meistens nur in den Pausen. Ich glaube sie muss nun auch Abendkurse machen."
„Was wahrscheinlich Akkarins Methode ist, dafür zu sorgen, dass sie ihn nicht im Weg herum steht", schaltete sich Dorrien ein.
Rothen schüttelte den Kopf. "Ich bezweifle, dass sie ihm in irgendeiner Weise stören würde. Soweit ich das beobachtet habe, scheint sie froh zu sein, solang er nicht in ihrer Nähe ist."
„Ich kann verstehen, dass sie eingeschüchtert von ihm ist. Das wäre jeder andere Novize auch. Er ist immerhin der Hohe Lord. Aber irgendwann wird auch sie wahrscheinlich neugierig werden, auf ihren neuen Mentor. Wann wolltest du mir deine Freundin eigentlich einmal richtig vorstellen?", fragte Dorrien Sonea und Rothen wurde bewusst, dass sein Sohn morgen bereits wieder abreisen würde. Er schien allerdings recht interessiert daran zu sein, Anny vor seiner Abreise noch kennen zu lernen. Deshalb schlug er vor, dass Sonea Anny morgen zum Mittagessen mitbringen sollte. Dorrien war begeistert von der Idee.
Nachdem sie eine Weile über Soneas Ausbildung gesprochen hatten, sich Rothen von seinem Platz und ließ die beiden allein in seinen Räumen.
„Es ist schon spät", begann Sonea, nachdem sie lange Zeit in Rothens Quartier gesessen hatten und über ihre gemeinsame Zukunft gesprochen hatten. Dorrien stand von seinem Sessel auf und ging in den Raum in dem Sonea geschlafen hatte, als sie noch bei Rothen gewohnt hatte. Es war mittlerweile drei Jahre her und doch sah der Raum, hinter der Tür, noch genauso aus wie damals. Nichts hatte sich verändert. Nur die große Tasche, die vor dem Schrank stand, in dem Sonea ihre Kleider aufbewahrt hatte, war neu. Genau auf diese Tasche ging Dorrien zu. Er hatte seine Sachen wahrscheinlich schon gepackt, um morgen ohne weitere Verzögerungen abreisen zu können. Er wühlte einige Momente in der Tasche herum.
Nach einigen Minuten ging Sonea zu ihm und fragte unsicher: „Dorrien?",
er wandte sich zu ihr um und hielt etwas in seiner Hand, „Mh?", fragte er.
„Denkst du... das... also das...", begann sie
„Mach dir keine Sorgen, kleine Sonea, ich verspreche dir, dass ich bald wieder da sein werde", unterbrach er sie. Sonea stutzte kurz. Dann grinste sie.
„Das wollt ich nicht fragen, aber es tut gut zu wissen."
„Was wolltest du dann?", fragte er und Sonea erkannte eine kleine Falte, die sie bei Rothen stets sah, wenn auch etwas ausgeprägter, wenn er sich sorgen machte. Sonea ging langsam auf ihn zu und umarmte ihn. Dann flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Denkst du, dass Rothen Anstoß daran nehmen würde, wenn ich heute hier übernachten würde?"
Dorrien schaute sie überrascht an, dann zog er sie auf sein Bett, bevor er noch einmal aufstand um seine Zimmertür zu schließen. Dann zog er Sonea wieder auf die Beine und küsste sie.
„Ich denke, Vater hat nichts dagegen", antwortete er ihr leise, während er begann ihre Schärpe zu lösen.
