In dieser Nacht lag Sonea noch lange wach. Sie hörte wie Rothen leise in sein Quartier zurückkam. Als eine weitere Tür sich leise quietschend schloss, war Sonea der Meinung, dass ihr Mentor nun auch zu Bett gegangen sein musste.
Sie schuf einen winzigen Lichtfunken und betrachtete den schlafenden Dorrien an ihrer Seite. Ein Gefühl der Sehnsucht durchzuckte sie, als sie daran dachte, dass er ab morgen Mittag nicht mehr hier sein würde.
Nachdem sie ihn noch eine Weile betrachtet hatte und sich sicher war, dass sie sich jede Einzelheit seiner Gesichtszüge eingeprägt hatte, lies sie ihr Licht erlöschen, schmiegte sich noch etwas näher an ihn heran und schloss die Augen.
Im nächsten Moment ging sie eine lange Treppe hinunter, vor ihr erblickte sie eine Tür, die lediglich einen Spalt weit geöffnet war. Als sie hin durchtrat änderte sich sie Szene.
Sie saß in einem großen Zimmer und lauschte auf fremdartige Worte. Sie erhob sich von dem Bett, auf dem sie auf einmal saß und ging auf die Tür zu. Sie öffnete sie und trat hinaus. Nun stand sie wieder in demselben Korridor. Sie ging weiter, erneut auf die spaltbreit geöffnete Tür zu. Dieses Mal gelang es ihr sie zu durchqueren und schon befand sie sich in einer Art Empfangsraum. Sie blickte sich um. In dem Raum standen mehrere Tische und Stühle. Doch sie schienen eher zweckmäßig. Nur ein paar Stühle und ein Tisch standen mitten in dem Raum.
Ein Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine weitere Tür, auf der anderen Seite des Raumes. Sie ging zu der Tür und blieb davor stehen. Die Stimmen, die sie bereits in ihrem Zimmer gehört hatten, redeten nun in einem lauteren Ton miteinander. Sie schienen sich über irgendetwas zu streiten. Die Stimme des ersten Sprechers klang anklagend und Sonea wusste, dass sie diese bereits einmal gehört hatte. Die andere Stimme hatte einen merkwürdigen Akzent, wahrscheinlich der Grund, warum Sonea die Worte, die gesprochen wurden zuerst nicht verstanden hatten.
Auf einmal spürte sie, wie der Boden unter ihren Füssen zu vibrieren begann und danach trat Stille ein. Sonea lauschte weiter an der Tür vor ihr, doch es war kein Wort mehr zu hören. Plötzlich wurde um sie herum alles schwarz. Als sich die Welt um sie herum aufhörte zu drehen, fand sie sich in der großen Gildenhalle wieder. Ihr Blick war auf den Ausgang des Saales gerichtet. In gleichen Moment, in dem ihr Blick sich geschärft hatte, öffnete sich die große schwere Tür und eine schwarz gewandte Gestalt trat hindurch.
Er ließ seinen Blick einen kuren Moment durch die Halle gleiten, so als warte er darauf alle Aufmerksamkeit der versammelten Magier zu bekommen. Was vollkommen unnötig war, denn sobald ihn der erste Magier entdeckt hatte, ging ein tiefes raunen durch den Raum.
Der Mann straffte sich und sagte dann: „Ich wünsche zu Anny Schreibers Mentor erklärt zu werden."
Es war die gleiche Stimme, wie die, die eben in dem Raum mit dem fremden gesprochen hatte.
Sonea schreckte jäh aus dem Schlaf auf, als eine weitere, laute und vertraute Stimme an ihr Ohr drang.
„Dorrien? Du solltest langsam aufstehen", rief Rothen.
Sonea spürte hinter sich die Bewegung eines warmen Körpers, der eben noch an sie geschmiegt war. Dann sog Rothen erschrocken die Luft ein.
„Sonea! Was machst du...", begann er, unterbrach sich allerdings sofort und ging wieder aus dem Zimmer. Sonea dachte darüber nach es Dorrien gleich zu tun und sich einfach wieder umzudrehen und weiterzuschlafen, doch als hätte Rothen ihre Gedanken gehört, rief er durch die geschlossene Zimmertür. „Beeilt euch lieber ein bisschen, nicht das Sonea zu spät zum Unterricht kommt.
„Sonea spürte die Vibration von Dorriens Lachen, der offensichtlich den nervösen Tonfall seines Vaters auch mitbekommen hatte, und musste mitlachen.
„Ich wusste gar nicht, dass Vater so schreckhaft ist", sagte er gut gelaunt.
„Ich auch nicht. Ich hoffe, er nimmt es uns nicht übel, dass wir ihm so früh am Morgen einen solchen Schock verpasst haben", antwortete Sonea noch immer grinsend.
„Hm. Ich denke nicht", meinte Dorrien und schmiegte sich enger an sie. Dann seufzte er laut.
„Aber er wird es mir wahrscheinlich übel nehmen, wenn ich dich jetzt nicht aus meinem Bett schmeiße"
Sonea kicherte abermals, dann stand sie auf und zog sich mit schnellen, geübten Bewegungen ihre Roben über.

Auraya war auf den Weg in die Universität. Sie hatte es nicht sehr eilig, da sie noch genug Zeit hatte. Seit sie bei Akkarin wohnte, stand sie bereits immer sehr früh auf und verließ die Residenz so schnell wie möglich, in der Hoffnung so eine Begegnung auszuschließen. Doch jeden Abend, wenn sie aus der Universität zurückkam, saß er in seinem Empfangsraum und wartete offensichtlich nur auf sie. Sie wusste nicht, ob dies einen bestimmten Grund hatte oder ob er sie damit nur daran erinnern wollte, wer ihr Mentor war. Doch je öfter sie ihm abends begegnete, desto unheimlicher wurde ihr dieser, in schwarze Roben gehüllte Mann.
„Anny!", ertönte es auf einmal hinter ihr.
Sie drehte sich herum, um nach dem Besitzer der Stimme Ausschau zu halten.
„Guten Morgen, Sonea. Du bist heute aber spät dran", begrüßte sie ihre Freundin, als diese sie eingeholt hatte.
Zu Aurayas Überraschung errötete Sonea leicht, bei ihrer Feststellung.
„Ja, ich weiß. Ich habe heute gleich bei Rothen gefrühstückt, deshalb ist es etwas später geworden", Auraya nickte mit einem leichten, wissenden Lächeln.
„Was hältst du von dem Traum?", rutschte es ihr plötzlich heraus. Im selben Moment hätte sie sich am liebsten geohrfeigt. Was um alles auf der Welt brachte sie dazu, so unvorsichtig zu sein, dass sie Sonea so offen auf den Traum ansprach, den sie ihr selbst geschickt hatte? Doch nun war es zu spät und sie musste Sonea eine gute Erklärung liefern.
„Traum?", fragte Sonea verwundert.
„Der Traum, den du diese Nacht gehabt hattest. Ich habe ihn dir geschickt, um zu wissen, was du davon hältst."
„Geschickt? Wie ist es möglich, dass man Träume schickt?", fragte sie und es leuchtete echtes Interesse in ihren Augen auf.
Auraya unterdrückte einen Seufzer. In diese Lage hatte sie sich schließlich nun selber gebracht.
„Ich kann es dir nicht genau erklären. Ich habe es einmal von einem Traumweber gelernt. Sie sind... Ich glaube bei euch wären es die Kuriere oder so etwas in der Art."
„Aber sie verfügen nicht über Magie. Traumweber. Das klingt schon sehr faszinierend", stellte Sonea fest. „Kannst du mir das beibringen?"
„Nein, ich dürfte es wahrscheinlich nicht einmal. Zudem denke ich würde es die Gilde auch nicht gut heißen, wenn sie etwas davon erfahren würde."
Bei den letzten Worten lächelte Sonea leicht. Sie hatte Aurayas verborgene Bitte, niemanden etwas davon zu erzählen, offensichtlich verstanden.
Sie gingen einige Momente schweigend nebeneinander her. Auraya hörte gespannt auf Soneas Gedanken, wie sie sich den Traum dieser Nacht noch einmal in den Geist rief und versuchte, sich an jedes Detail zu erinnern.
„Ich verstehe deinen Traum nicht ganz", sagte sie schließlich. „Es ist, als hättest du mir den ersten Teil 2 Mal geschickt."
Froh, dass Sonea auf den Traum einging und nicht weiter nach der Methode fragte, wie sie ihr diesen Traum gesandt hatte, begann sie ihr zu erklären.
„Der erste Gang, mit der geöffneten Tür, war mein eigener Traum gewesen. Wenige Momente, bevor ich durch irgendein Geräusch aufgewacht bin. Alles, was du danach geträumt hast, war dass was ich selber gesehen hatte. Die Frage, die sich mir nun stellt, ist, was macht der Hohe Lord, mitten in der Nacht, mit einem anderen Mann in seinem Keller. Und noch wichtiger, was ist mit diesem Mann passiert. Was hatte dieser Krach zu bedeuten..."
„Du denkst doch nicht, dass er…dass er ihn getötet hat. Das wäre ja...", fiel Sonea ihr mit vor entsetzen aufgerissenen Augen ins Wort.
„Ich weiß es nicht. Takan, der Diener des Hohen Lords, hat mich erwischt, als ich die Tür öffnen wollte. Das war der Punkt, an dem auch dein Traum geendet hatte. Aber ich muss herausfinden, was diese Nacht passiert ist. Wenn das wirklich so ist, dann bedeutet das vielleicht, dass die Gilde sich in größerer Gefahr befindet."
Auraya hatte die ganze Nacht über diese Möglichkeit nachgedacht. Doch jetzt erst wurde ihr die Bedeutung ihrer Worte richtig klar. Sie kam hierher um zu lernen und weil sie hoffte, sich hier in Sicherheit zu befinden. Geschützt von den Magier der Gilde, denen sie nun angehörte. Doch sollte sich herausstellen, dass sie recht haben sollte, hatte sie sich mit dem Betritt in die Gilde, nur größerer Gefahr ausgesetzt, als wenn sie weiterhin allein umher gestreift wäre.
Auraya war erleichtert zu sehen, das Sonea ihrer Meinung war. Sie erzählte ihr, dass alle Gebäude der Stadt Kellerräume hatten. Sie vermutete, dass Akkarin und der Fremde in dem Keller der Residenz waren. Wenn sie Glück hatten, würden sie vielleicht ein Fester zu diesem Keller finden. Vielleicht würde sie das weiter bringen. Doch zuvor mussten sie in den Unterricht. Es war bereits spät geworden. Durch ihr Gespräch war die Zeit schneller vergangen, als Auraya bemerkt hatte.
Sie eilten zu Soneas Klassenzimmer.
„Wir sehen uns dann später", sagte Auraya flüchtig und wollte schon weiter gehen, als Sonea sie noch einmal zurück rief.
„Rothen meinte, du solltest einmal mit uns zu Mittag essen. Dorrien reißt heute Nachmittag ab und er würde dich vorher gerne noch kennen lernen."
„Gerne. Warte einfach am Eingang der Universität auf mich", sagte Auraya und rannte ohne auf ein weiteres Wort von Sonea zu warten zu ihrem Klassenraum. Sie schaffte es gerade rechtzeitig zu dem lauten Gong, der den Beginn der Stunde verkündete.

„Kann ich sonst noch irgendetwas für Euch tun, Lord Rothen?", fragte Tanja, mit einem dicken Stapel Wäsche unter den Armen.
„Nein, danke Tanja, du kannst gehen", antwortete Rothen, ohne von seinem Buch aufzublicken.
Seine Dienerin hatte soeben die Tür hinter sich geschlossen als ein erneutes Klopfen erklang. Im ersten Moment dachte Rothen, Tanja hätte etwas vergessen, doch dann fiel ihm auf, dass es nicht dieses leise, schüchterne Klopfen von ihr war. Er richtete sich etwas in seinem Sessel auf und gab der Tür einen kurzen Befehl sich zu öffnen. Einen Moment blickte er überrascht zu seinem Besucher, dann sprang er von seinem Sessel auf.
„Hoher Lord, kommt doch herein. Was kann ich für euch tun?"
„Guten Morgen, Lord Rothen", sagte der schwarz gewandte Mann und nickte ihm kurz zu, dann trat er in Rothens Räume und hinter ihm glitt die Tür mit einem leisem Klicken zurück ins Schloss.
Er ging auf einen von Rothens Sesseln zu und setzte sich.
„Bitte setzt Euch, Lord Rothen", sagte er und deutete mit einem seiner langen Finger auf den freien Platz, den Rothen gerade verlassen hatte. Rothen schaute den Hohen Lord einen Moment verdutzt an, kam dann allerdings seiner Einladung nach und setzte sich steif hin.
„Wie ihr wisst, habe ich seit neusten eine Novizin", begann Akkarin.
„Allerdings scheint sie mit meiner Position nicht so ganz zurechtzukommen, so dass sie mir gegenüber leider nicht sehr gesprächig ist. Ich hoffe dieses Problem löst sich mit der Zeit." Wieder machte er eine Pause und musterte Rothen genau. Dieser wusste allerdings nicht, was er von seiner momentanen Situation halten sollte. Was wollte der Hohe Lord von ihm? Sollte er Anny dazu ermutigen, sich Akkarin zu öffnen?
Er beantwortete Rothens Fragen im selben Moment, als er sie sich stellte.
„Ich bin hier, weil ich mitbekommen habe, dass Eure Novizin und Anny recht gut befreundet sind. Deshalb wollte ich euch bitten, dass Ihr Anny vielleicht etwas zur Seite stehen könntet, wenn sie Probleme hat."
Rothen nickte leicht. Er konnte gut verstehen, dass Anny Akkarin nicht mit ihren Problemen belustigen wollte. Wenn sie an ihn herantrat, dann musste es schon etwas sehr wichtiges sein. Aber würde sie wirklich zu ihm kommen, wenn sie Schwierigkeiten hatte?
Er war Anny bisher nur ein paar Mal begegnet, seitdem sie hier war. Sie war stets freundlich zu ihm, aber distanziert.
„Ich werde es ihr anbieten. Aber ob sie mein Angebot annehmen wird, kann ich nicht sagen", sagte Rothen schließlich.
„Gebt ihr das", sagte Akkarin, als hätte er Rothens Worte nicht richtig mitbekommen und legte ihm einen Ring mit einem großen roten Stein in der Mitte auf den kleinen runden Tisch zwischen ihnen.
„Dieser Ring ist ein altes Familienerbstück. Der Träger kann zu einer beliebigen Person Kontakt aufnehmen, ohne dass jemand ihn belauschen kann. So hat sie die Möglichkeit einen anderen Magier zu kontaktieren, falls sie euch nicht genug vertraut."
Rothen musterte den großen roten Stein, der eindeutig zu groß für den kleinen, schmalen Ring war. Ohne ein weiteres Wort erhob sich Akkarin und ging in Richtung Tür.
„Ich habe noch einige wichtige Dinge zu erledigen. Vielen Dank für Eure Hilfe, Lord Rothen", sagte er, bevor er den Raum verließ.
Jetzt, nachdem der Hohe Lord den Raum wieder verlassen hatte, nahm Rothen den Ring in die Hand und musterte ihn genauer. Er wirkte nicht nur ziemlich protzig, der Stein hatte auch ein ziemlich schweres Gewicht. Er drehte den Ring etwas, so dass der Stein nun auf der Rückseite des Ringes war. Auf der Innenseite entdeckte er nun ein kleines Loch in dem Metall des Ringes. So war der rote Stein also direkt mit der Haut verbunden, wenn man ihn anlegte. Wahrscheinlich war der Stein der Grund für seine interessante Wirkung. Er zögerte einen Moment, dann steifte er sich selbst den Ring über den Finger und drehte ihn ein paar Runden. Er sah tatsächlich schrecklich aus an seiner Hand. Zudem war er zu auffällig. Kein besonders gut gewähltes Schmuckstück. Er zog den Ring wieder von seinem Finger und legte ihn zurück auf den Tisch.

"Sonea!", zischte Auraya leise, „bist du soweit?", Sonea nickte.
„Wo wollen wir anfangen?"
„Ich weiß nicht. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir zuerst nach diesem Kellerfenster suchen, falls es eins gibt."
Sie verließen gemeinsam das Universitätsgebäude und gingen in Richtung des kleinen Waldes.
„Warte. Setzt dich."
„Warum? Willst du jetzt doch nicht mehr..."
„Pssst!", unterbrach Auraya sie, „ich habe nicht umsonst den Vorschlag gemacht, dass wir uns in unserer gemeinsamen Freistunde dort hin begeben", Auraya hielt inne und wartete, bis eine kleine Gruppe von Magiern an ihnen vorbeigelaufen war.
„In den Pausen und am Nachmittag, wenn der Unterricht vorüber ist, ist hier zu viel los. Es würde zu viele Leute geben, die uns fragen, warum wir um die Residenz des Hohen Lords herumschleichen."
„Ich verstehe", sagte Sonea und wirkte mit einem Mal besorgt. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Was passiert, wenn sie und dennoch erwischen?"
„Was schon. Sie würden uns ausfragen, was wir dort zu suchen hatten und wahrscheinlich werde ich danach noch ein paar Wochen bei Lord Jullen in der Bibliothek dranhängen müssen", antwortete Auraya und lächelte kläglich.
Als das Klingeln erklang und die anderen Novizen und Magier zurück in den Unterricht gingen, straffte sich Auraya und sah Sonea entschlossen an.
„Keine Sorge, sie werden uns nicht erwischen", sagte sie, um Sonea aufzubauen. Doch diese sah nicht besonders überzeugt aus. Deswegen fügte sie hinzu.
„Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht willst."
„Oh doch, ich komme mit. Wer weiß, was mir entgeht, wenn ich es nicht tue."
Auraya musterte Sonea noch einmal. Sie sah immer noch etwas besorgt aus. Doch Entschlossenheit trat nach und nach in ihren Blick.
„Na dann los. Pass auf, dass du so wenig Geräusche wie möglich machst", sagte Auraya schließlich und ging langsam auf die Residenz den Hohen Lords zu.
„Anny warte. Komm hier entlang", flüsterte Sonea und verschwand in einer der hohen Hecken.
„Ich war, bevor ich in der Gilde aufgenommen wurde, bereits einmal hier mit einem alten Freund. Wenn wir leise zwischen den Hecken um hergehen, wird uns keiner bemerken.
Auraya nickte Sonea anerkennend zu. Sie wäre auf direkten Weg in den Wald zu der Residenz gegangen. Wahrscheinlich aus der Gewohnheit heraus, dass sie diesen Weg öfter nehmen musste, als es ihr lieb war.
„Ist es das?", fragte Sonea vor ihr, sie war aus den Büschen herausgetreten und stand in dem dunklen Wald, ungefähr fünfzig Schritte von Akkarins Residenz entfernt. Auraya folgte Sonea aus den Büschen hinaus.
„Ja das ist sie."
„Von nahem wirkt das Haus noch dunkler und bedrohlicher", sagte Sonea leise, als würde sie zu sich selbst sprechen und ging näher heran.
Sie liefen einen Bogen um die Residenz, bis sie deren Rückseite erreicht hatten.
Auraya bemerkte, dass auf dem immer noch leicht schneebedeckten Waldboden an einer Stelle die Schneedecke verschwand und ein großes Rechteck freigab.
„Sonea!", flüsterte sie leise und deutete auf die Stelle. Sie trat näher an das Loch heran und blickte hindurch.
Ein großes Eisengitter zog sich über das Loch, worüber Auraya heilfroh war.
„Ich will nicht wissen, wie der Hohe Lord reagiert hätte, wenn ich plötzlich in seinen Keller gefallen wäre", dachte sie und ließ sich auf die Knie sinken um mehr von dem Raum unter ihr zu erkennen. Es war niemand zu sehen. Der Raum lag in einem düsteren Licht, als würde er von einigen kleinen Stellen unter ihnen beleuchtet werden.
„Für mich sieht es wie ein normaler Keller aus", berichtete Sonea, die sich neben sie gehockt hatte und ebenfalls nach unten in den Keller spähte.
„Aber warum sollte der Hohe Lord Gäste mit in einen gewöhnlichen Keller nehmen?"
„Es wäre der beste Ort", murmelte Sonea plötzlich.
„Was meinst du?", fragte Auraya verwirrt.
„Wenn er wirklich die Absicht hatte, diesen Besucher zu töten, dann wäre dies der beste Ort in der Gilde. Kein anderes Haus liegt so weit entfernt wie dieses und aus dem unterirdischen Raum dringen nur wenige Geräusche. Keiner würde etwas mitbekommen."
„Du hast Recht. Aber warum sollte er so etwas tun?"
Sonea zuckte ratlos mit den Schultern und erhob sich von dem Loch auf dem Boden. Auraya blieb regungslos sitzen und betrachtete immer noch den Raum vor ihren Füßen. Vielleicht war da unten irgendein Detail, was ihr bisher entgangen war.

Dorrien saß mit seinem Vater vor dem niedrigen Tisch, auf den Rothens Dienerin soeben die Teller für das Mittagsmahl bereitstellte. Als ein kurzes Klopfen erklang wand Dorrien sich interessiert zu der Tür um und betrachtete die beiden Frauen, die in Novizenroben in der Tür standen. Anny verbeugte sich vor ihnen und begrüßte sie mit einem bezaubernden Lächeln.
Ihm fiel auf, dass Anny im gleichen Alter wie Sonea war, wenn nicht sogar etwas älter und das obwohl sie zwei Jahrgänge unter ihr war. Sonea war schon recht alt, als sie in die Gilde aufgenommen wurde. Doch dann viel ihm ein, dass Anny aus einem weit entfernten Land stammte, Ithania. Ein Land, das nicht einmal zu den Verbündeten Ländern gehörte. Kein Wunder, dass ihre Eltern nicht wollten, dass sie in die Gilde geht. Sie wird nie wieder nach Hause zurückkehren können. Außer sie gibt ihre Magie auf.
Es wäre eine Schande, wenn sie das täte. Er hatte mitbekommen, wie einige der Magier vermuteten, dass sie stärker als Sonea war. Und sie war bereits ein Naturtalent, eine Magierin, deren Kräfte sich von allein entwickelt hatten.
Dorrien besah sich Anny genauer. Sie hatte ein breites, rundliches Gesicht. Ihre hellen, braunen Haare passten perfekt zu den grünen Augen, die beinahe wie Juwelen leuchteten. Ihre hoch stehenden Wangenknochen waren mit kleinen, braunen Punkten betupft. Sie würde einmal eine sehr attraktive Frau werden. Davon war Dorrien überzeugt.
Als er Soneas Stimme hörte, konzentrierte er sich wieder auf seine Umgebung.
„... Lord Rothen kennst du ja bereits. Und das ist Lord Dorrien, sein Sohn. Er ist nur selten hier in der Gilde, da er in einem weit entfernten Dorf lebt. Aber das habe ich dir ja bereits alles erzählt."
„Hallo Anny. Freut mich, dich endlich einmal richtig kennen zu lernen. Ich hoffe Sonea hat nur gutes über mich erzählt", erwiderte er und lächelte sie freundlich an.
„Ich habe noch nie jemanden getroffen, der soviel gutes über einen Menschen erzählt hat, wie sie von Euch", antwortete Anny. Sie klang älter, als ihr Aussehen es vermuten ließ. Dennoch blitzte Erheiterung in ihren Augen auf.
Es war eindeutig. Dies war die beste Freundin von Sonea und somit wusste sie alles, jede Kleinigkeit über Dorrien und wahrscheinlich auch von ihrer Beziehung. Auch wenn sie nicht direkt darauf zu sprechen kam.
Sie setzten sich zusammen an den Tisch und Dorrien erzählte von seinem Dorf, während Rothens Dienerin das Essen servierte. Während sie aßen verfielen sie kurzzeitig in Schweigen.
„Hast du dich bereits für eine Disziplin entschieden?", fragte Dorrien Anny, nachdem er sein Besteck auf den leeren Teller legte.
„Ich denke, ich werde die Heilkunst wählen. Ich interessiere mich nicht sonderlich für taktische Schlachten und in der Alchemie kann ich nicht viel Nützliches entdecken. Als Heilerin kann ich anderen helfen. Ich denke, dass wird das Beste sein."
Dorrien warf seinem Vater einen spöttischen Blick zu. Dieser presste allerdings nur die Lippen zusammen und sagte nichts. Er hätte wahrscheinlich liebend gern vor Anny damit geprahlt, was die Alchemisten der Gilde bereits alles Nützliches erfunden hatten. Doch momentan stand er allein mit dieser Vorliebe da. Dorrien war bereits ein voll ausgebildeter Heiler und Sonea hatte ebenfalls diese Richtung gewählt.
Dorrien begann nun von seiner Arbeit als Heiler zu erzählen, um Anny einen Einblick in diese Kunst zu geben. Er vergaß auch nicht zu erwähnen, dass die Heilkunst, die am schwersten zu erlernende Disziplin war und das die meisten Frauen diese wählten.
Er wusste, dass sie einen Großteil von dem, was er ihr erzählte, bereits von vielen anderen Magiern gehört hatte. Dennoch saß Anny entspannt da und hörte aufmerksam zu. Die einzigen Fragen, die sie stellte, waren klug und nur schwer zu beantworten. Sie hatte also tatsächlich einen scharfen Verstand. Aber der Hohe Lord musste gute Gründe gehabt haben, sie als seine Novizin auszuwählen.
Als er ihre letzte Frage beantwortet hatte, richtete er sich etwas in seinem Sessel auf.
„Tut mir leid, aber ich fürchte ich muss mich langsam für meine Abreise bereit machen. Wir reden bei meinem nächsten Besuch weiter."

Rothen beobachtete, wie sein Sohn und Sonea den Raum verließen. Nun saß er allein mit Anny in seinem kleinen Quartier. Er beschloss, dass nun der beste Zeitpunkt sei, um Anny Akkarins Ring zu übergeben.
Als Anny Anstalten machte sich ebenfalls von ihrem Stuhl zu erheben, drehte sich Rothen leicht zu ihr um.
„Bleib doch noch einen Moment, Anny. Sonea will sich sicherlich noch von Dorrien verabschieden."
Anny ließ sich zurück in ihren Sessel fallen und blickte etwas verlegen auf den Tisch vor ihr. Rothen räusperte sich leise. Er wusste nicht so recht, wie er Anny zu diesem Gespräch bewegen konnte. Sein Sohn war deutlich besser darin, ein freundliches, unbekümmertes Gespräch mit Personen zu führen, die er nicht kannte. Alle fühlten sich direkt wohl in seiner Gegenwart. Warum gelang ihm so etwas nicht?
„Wie läuft dein Unterricht?", begann Rothen.
Anny blickte von dem Tisch auf und sah ihn an. „Gut. Ich habe keine Probleme dem Unterrichtsstoff zu folgen."
Rothen nickte zufrieden. Er dachte kurz darüber nach, wie er ihr seine Hilfe anbieten konnte, obwohl sie sie offensichtlich nicht brauchte.
„Falls du dennoch irgendwelche Hilfe benötigst, kannst du dich jederzeit an mich wenden. Ich schätze, dein Mentor wird nicht die Zeit haben, dir Nachhilfe zu geben, falls du es benötigst."
Anny schaute ihn beeindruckt an.
„Danke", sagte sie schließlich leise.
„Einen Moment noch", sagte Rothen und öffnete die Schublade, in die er den Ring gelegt hatte.
„Nimm diesen Ring. Falls du ein Problem hast, kannst du mich jederzeit erreichen, ohne das jemand zuhört."
Rothen erwähnte bewusst nicht, dass Akkarin ihm diesen Ring gegeben hatte. Er vermutete, dass sie sich niemals an ihn wenden würde, wenn sie erfuhr, dass der Hohe Lord ihm den Auftrag gegeben hatte. Jedes Mal, wenn sein Name fiel verhärtete sich ihre Miene und ein wachsamer Ausdruck trat in ihr Gesicht.
Anny nahm den Ring entgegen und musterte ihn. Bevor sie etwas sagen konnte oder ihre Meinung ändern konnte, erhob sich Rothen erneut.
„Kommst du mit runter? Dorrien ist nun abreisebereit."
Er trat auf die Tür zu und hielt sie für Anny auf, was ihm ein dankbares Lächeln ihrerseits einbrachte.