Die Sonne war gerade über dem Horizont erschienen, als Auraya aus der Tür der Residenz des Hohen Lords trat. Sie blickte sich um. Überall um sie herum wuchsen die ersten Boten des Frühlings. Langsam ging sie auf das große Gebäude zu, die Universität.
Das erste Jahr war erschreckend schnell vergangen. Es war so viel passiert und dennoch hatte sich nicht bedeutend viel in ihrem Leben geändert. Nur in den letzten Wochen ging es ihr von Tag zu Tag besser.
Soneas Mentor, Rothen, war unglaublich freundlich zu ihr, er lud sie beinahe wöchentlich zusammen mit Sonea zum Abendessen ein. Und auch so behandelte er sie mittlerweile wie eine zweite Novizin. Nur eines hatte sich noch immer nicht geändert: der Hohe Lord. Er saß nach wie vor jeden Abend, wenn sie aus der Universität oder einem der Abendessen bei Rothen zurückkehrte, in seinem Sessel und wartete auf sie.
Das Spiel folgte immer den gleichen Mustern. Er fragte sie, wie ihr Unterricht an diesem Tag verlaufen war. Auraya gab ihm eine kurze, knappe Antwort und wurde danach auf ihr Zimmer geschickt.
Die wenigen Male, die Akkarin sie nicht selbst in Empfang genommen hatte, stand sein Diener Takan in einer der dunkelsten Ecken des Raumes und begrüßte sie knapp. Auraya vermutete, dass er dem Hohen Lord Bericht erstatten würde, dass sie da war, sobald er selbst zurück war.
Als sie in Gedanken versunken ihr Klassenzimmer erreicht hatte, waren gerade einmal zwei Novizen anwesend. Sie saßen ungewöhnlich gerade auf ihren Stühlen und blickten auf einen Punkt hinter Auraya.
Sie drehte sich um und stellte überrascht fest, dass Administrator Lorlen hinter ihr stand. Hastig verbeugte sie sich vor ihm und wünschte ihm einen guten Morgen. Er selbst lächelte ihr schwach zu.
„Guten Morgen Anny. Wie ich sehe bist du früh dran. Ich möchte dich bitten, mich in mein Büro zu begleiten."
Auraya nickte und folgte dem Administrator aus dem Raum. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was die anderen Novizen nun schon wieder über sie erzählt hatten, dass sie nun schon der Administrator persönlich in sein Büro bat. Dennoch kostete es sie alle Kraft nicht schon vorher seine Gedanken zu lesen, um herauszufinden was geschehen war.
Sie musste vor einiger Zeit mit erschrecken feststellen, dass einige starke Magier ein leichtes Kribbeln verspürten, wenn sie ihre Gedanken las. Lorlen war, wie sie bereits sehr früh bemerkt hatte, ein wirklich starker Magier und da sie nach wie vor eine Entdeckung vermeiden wollte, wagte sie es nicht in seinen Geist einzudringen.
„Es ist unglaublich", sagte er, nachdem seine Bürotür sich hinter Anny geschlossen hatte.
Auraya sah ihn verwirrt an. Sie hatte nichts getan, was sie nicht durfte. Oder hatte ihr irgendjemand eine Falle gestellt, ohne dass sie es bemerkt hatte?
„Du hast es geschafft", fuhr der Administrator fort. Er ging unruhig hinter seinem Schreibtisch auf und ab und schüttelte mit dem Kopf. Auraya wusste immer noch nicht wovon er redete und war mehr als zuvor versucht in seinem Geist nach der Antwort zu suchen. Doch sie fragte stattdessen.
„Verzeiht mir, Administrator. Aber ich habe keine Ahnung wovon ihr redet."
„Deine Abschlussprüfung. Wir haben dich von zweiten bis vierten Jahr geprüft und du hast fast alle Fragen richtig beantwortet."
Auraya, die nicht wusste, wie sie sich nun verhalten sollte, starrte den Administrator ungläubig an. Er blieb bei seinem Stuhl hinter seinem Schreibtisch stehen und schaute sie nun direkt an.
„Du verbringst viel Zeit mit Sonea", berichtete er, „Hast du mit ihr zusammen gelernt?"
Auraya nickte schwach und dachte einen Moment über seine Worte nach. Dann bejahte sie laut, da Lorlen ihr schwaches Nicken offensichtlich nicht bemerkt hatte und sie noch immer fragend ansah. „Und dennoch ist es unglaublich. Du hast bereits ein Jahr übersprungen. Wie hast du es nun geschafft, den Stoff von zwei weiteren Jahren in so kurzer Zeit zu lernen", fuhr er fort.
„Ich weiß nicht", sagte Auraya bestürzt. Würde jetzt der Moment kommen, an dem alles aufflog? „Wie dem auch sei", sagte Administrator Lorlen, ohne eine weitere Antwort von ihr zu erwarten. „Du wirst nach Ende des Semesters in Soneas Klasse aufrücken. Ich denke, du wirst dich gut zurechtfinden. Du bist jetzt schon besser, als ein Großteil deiner zukünftigen Klassenkameraden", fuhr er fort und ging in Richtung Tür. „Du darfst jetzt in deine Klasse zurückkehren. Ich bin etwas in Eile", sagte er und hielt ihr die Tür auf.
Einen Moment fragte sich Auraya, ob sie irgendetwas nicht bemerkt hatte. Vor wenigen Minuten war Lorlen noch erpicht darauf gewesen, von ihr zu erfahren, wie sie es geschafft hatte so viel Unterrichtsstoff zu lernen, und nun hatte er es auf einmal eilig? Hätte ihn jemand per Gedankenrede gerufen, hätte sie es gewiss bemerkt und auch so erschien ihr nichts anders als sonst. Doch sie war froh, als sie das Büro verlassen konnte. Sie verbeugte sich vor Lorlen und ging mit eiligen Schritten den Gang entlang.
Die Flure der Universität waren alle verlassen. Sie vermutete, dass der Unterricht bereits begonnen hatte und beschleunigte ihre Schritte noch mehr, damit sie nicht all zu spät kam.
Sicherlich war ein Termin bei Administrator Lorlen wichtig genug um dem Unterricht fern zu bleiben, aber einige ihrer Mitschüler konnten behaupten, dass sie länger als nötig fern geblieben sei und damit würde sie erneut Ärger bekommen.

„Habt ihr es ihr bereits mitgeteilt, Administrator?", fragte Rektor Jerrik, als die Beiden gemeinsam durch die leeren Flure der Universität gingen.
„Ja". sagte Lorlen knapp.
Bei dem Gedanken an das Gespräch mit Anny musste er sich ein Lächeln verkneifen. Sie hatte einen leicht geschockten Eindruck gemacht, als er sie in sein Büro geordert hatte.
Wahrscheinlich hatte sie erwartet, dass man ihr mal wieder irgendeine Strafe aufbrummen würde.
Dies geschah in letzter Zeit leider öfter. Die Novizen aus Regins Klasse hielten ein genaues Auge auf Anny, seit sie sie vor ungefähr vier Monaten angegriffen hatten. Nach der Anhörung kam nun fast wöchentlich ein Novize in Lorlens Büro und berichtete, dass Anny ohne Aufsicht eines Lehrers Magie gewirkt hatte oder jemandem gedroht hätte ihn anzugreifen.
So leid es Lorlen tat, aber er musste den Beschwerden nachgehen und Anny bestrafen. Meist schickte er sie in die Magierbibliothek, um dort Lord Jullen zu helfen.
Er hatte ihr bei jedem Vorwurf, der ihr gemacht wurde, die Möglichkeit gegeben sich selbst dazu zu äußern, doch sie schwieg und akzeptierte die Strafe, die er ihr erteilte, ohne mit der Wimper zu zucken.
Er wusste selbst, dass es lächerlich war einen Novizen zu bestrafen, nur weil er seine Kleidung mit Magie getrocknet hatte, ohne dass ein Magier Anweisung dazu gab. Aber leider war es ein Teil des Gelübdes, welches sie zu Beginn ihrer Ausbildung ablegen musste, während ihrer Ausbildung keine Magie ohne Aufsicht und Anleitung zu wirken. Die meisten Novizen verstießen allerdings täglich gegen diesen Teil des Gelübdes. Doch solang es keiner anklagte, wurde auch keine Strafe deswegen erteilt.
Lorlen ging weiter schweigend neben dem Rektor her. Vor wenigen Minuten hat Balkan verlangt, dass sie sich alle im Bankettsaal treffen sollten. Lorlen hatte keine Ahnung, was der Grund für dieses war, erkannte jedoch an der Stimme des Kriegers, dass es eilte.
Als Lorlen zusammen mit Rektor Jerrik den Bankettsaal betrat, besah er sich die anwesenden Magier genauer. Alle Höheren Magier waren bereits anwesend. Alle, außer der Hohe Lord. Doch diese Tatsache verwunderte Lorlen nicht. Es musste schon etwas sehr wichtiges sein, um Akkarin zu einer außerplanmäßigen Zusammenkunft zu bewegen. Und auch so war sein Freund nur selten bei solchen Gelegenheiten zugegen. Er überließ es Lorlen, sich die Beschwerden und Sorgen der Anderen anzuhören und ihm später einen vollständigen Bericht, bei einem schönen Glas Wein in der Residenz, vorzulegen.
Lorlen wusste, dass selbst die Höheren Magier großen Respekt vor Akkarin hatten und nichts frei über die Themen debattierten, wenn er zugegen war.
Sein Freund hatte schon immer etwas Geheimnisvolles an sich gehabt. Zudem strahlte er stets eine stille Würde aus, als wisse er ganz genau, was seine Position bedeutet. An den Gesprächen der Gilde nahm er allerdings nur selten teil. Er war eher ein Zuhörer.
Balkan räusperte sich und Lorlen richtete seine Aufmerksamkeit auf den Anführer der Krieger.
„Administrator Lorlen, verzeiht mir, dass ich eine Zusammenkunft einberufen habe, ohne euch vorher darüber in Kenntnis zu setzen."
„Ich denke Ihr werdet gute Gründe dafür gehabt haben, Lord Balkan. Ihr hättest gewiss nicht so gehandelt, wenn es sich nicht um etwas Wichtiges und Dringliches gehandelt hätte. Und nun erzählt uns, was ist passiert?"
Balkan begann zu erklären, dass Botschafter Dannyl sich heute in der Früh mit ihm in Verbindung gesetzt hatte und berichtete, dass in Elyne, dem Land wo er als Botschafter tätig war, merkwürdige Dinge geschahen. Dinge, die den Schluss nahe legten, dass sich ein wilder Magier dort aufhielt.
Die Höheren Magier diskutierten Stunden über die Möglichkeit, dass es sich um ein weiteres Naturtalent handelte oder ob es tatsächlich ein wilder Magier war.
„Bitte sagt Botschafter Dannyl, dass er diese Person ausfindig machen soll und versuchen ihn oder sie hierher zu bringen. Falls es sich um ein weiteres Naturtalent handelt, werden wir ihn, soweit er dies will, bei uns aufnehmen müssen. Ist diese Person allerdings ein wilder Magier, so wird es eine Verhandlung geben, wie mit ihm verfahren werden soll", erklärte Lorlen, nachdem sie sich weitgehend geeinigt hatten, dass es kein zu großes Risiko war, diesen Fremden hierher zu bringen.

Es war bereits später Abend. Draußen verblasste das Licht der untergehenden Sonne immer mehr und die kleinen Lichter, die jeden Nacht die Gilde erhellten, wurden angezündet.
Sonea stieß einen lauten Seufzer aus und betrachtete den Aufsatz, den sie schreiben sollte. Sie hatte gerade einmal ein paar Zeilen geschrieben und das, obwohl sie bereits seit Stunden davor saß. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück zu Dorrien. Es kam ihr vor, als wäre es bereits eine Ewigkeit her, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, dabei waren gerade einmal wenige Wochen vergangen. Und es würden noch viele weitere Wochen vergehen, bis sie sich wieder sehen würden.
Rothen hatte sich überreden lassen, dass Sonea ihren Freund in den nächsten Ferien besuchen durfte. Allerdings nur, wenn sie ihre Abschlussprüfung bestand. Sonst würde sie hier in der Gilde bleiben müssen und lernen. Aber wenn sie dieses Jahr geschafft hatte, brauchte sie sich nur noch auf das letzte Jahr und ihre große Abschlussprüfung als Heilerin vorzubereiten. Doch bis dahin würde es noch immer mehr als ein Jahr dauern. Danach war sie endlich eine voll ausgebildete Magierin und brauchte nur noch die Erlaubnis der Höheren Magier, um Dorrien in sein Dorf zu folgen und mit ihm dort zu leben.
Sonea starrte das Stück Papier an, was vor ihr lag und zum größten Teil noch immer weiß war.
Wie viel sich nur in den vergangenen Jahren geändert hatte. Anfangs ist sie nur in der Gilde geblieben, um eines Tages als Heilerin den Menschen in den Hüttenvierteln zu helfen. Doch seit sie Dorrien getroffen hatte, geriet dieser Wunsch immer mehr in Vergessenheit.
Sonea wusste, dass die Hüttenleute die Magier hassten und ihnen misstrauten, aber sie hatte immer die Hoffnung gehabt, dass sie sich ihr gegenüber anders verhalten würden. Schließlich war sie einmal eine der ihren gewesen. Doch sie würde es wahrscheinlich nie herausfinden. Was vielleicht auch gut so war. Würde sie hier in Imardin bleiben und herausfinden, dass ihre eigenen Leute sie genauso missachteten wie alle Magier, wäre ihre Ausbildung umsonst gewesen, in ihren Augen.
Sie seufzte erneut. Sie konnte sich heute einfach nicht auf ihren Aufsatz, der von dem Blutkreislauf den Menschen handelte, konzentrieren.
Sie legte das Blatt an den Rand ihres Schreibtisches und säuberte ihre Feder. Dann schlüpfte sie in ihr Bett, um von ihrem Freund und ihrer gemeinsamen Zukunft zu träumen.