Es war eine dieser Nächte, in denen Auraya keine Ruhe fand. Sie wälzte sich von einer Seite zur anderen und hoffte, dass der Schlaf nicht mehr all zu lang auf sich warten ließ. Auch wenn sie ihr Zimmer mit Hilfe von Magie auf eine angenehme kühle Temperatur runter kühlen konnte, so hielt es nie lang genug an.
Sie war heute früh zu Bett gegangen, da sie weder Nachmittagsunterricht noch Strafstunden bei Lord Jullen in der Magierbibliothek ableisten musste.
Ihr Blick fiel auf den rot schimmernden Stein, den sie vor Monaten von Rothen bekommen hatte und der seither an ihrem Finger steckte.
Sie hätte bereits mehr als einmal die Möglichkeit ergreifen können, nach ihm zu rufen. Doch jedes Mal, wenn sie darüber nachdachte, verwarf sie diesen Gedanken schnell wieder und versuchte die Angelegenheit allein zu regeln. Er konnte ihr schließlich nicht jedes Mal zu ihrer Rettung eilen. Nein, die Sache mit den Novizen, die ihr Schwierigkeiten machten, war etwas, mit dem sie selbst zurechtkommen musste.
Auf einmal spürte sie eine starke Aura ganz in ihrer Nähe. Sie konzentrierte sich auf diese Aura und forschte nach ihrem Ursprung. Sie hatte diese Aura in den letzten Wochen häufiger wahrgenommen, aber so schnell wie sie auftauchte, war sie auch schon wieder verschwunden. Doch heute konnte sie einen anderen Geist dahinter wahrnehmen. Jemand, der nach etwas suchte, es aber nicht fand, was dieser jemand allerdings nicht verstand.
Auraya konzentrierte ihren Geist auf die Person und keuchte erschrocken auf, als sie ihn erkannte. Akkarin.
Er versuchte durch Rothens Ring in ihren Geist zu dringen.
Ein kalter Schauder überlief sie, als sie bemerkte, dass sie, obwohl sie anscheinend im Moment direkt mit ihm verbunden war, nicht in seinen Geist blicken konnte. Sie konnte lediglich seine Stimmung spüren.
Entsetzt schlug sie die Augen auf und bemerkte, dass sie sich, ohne es zu bemerken, aufgesetzt hatte. Sie nahm den Ring von ihrem Finger und starrte ihn einen Moment an. Im gleichen Moment, in dem sie den Ring abgenommen hatte, war auch Akkarins Aura verschwunden. Also lag es tatsächlich an dem Ring, dass er ihr auf einmal so nah erschien.
Sie stand von ihrem Bett auf und legte den Ring in eine der Schubladen ihres Schreibtisches. Dann ließ sie sich wieder auf ihr Bett fallen.
Wie war es möglich, dass sie seine Gedanken nicht lesen konnte? Und das, obwohl es so einfach hätte sein müssen? Sie hatte es bisher vermieden, allein in der Nähe des Hohen Lords die Gedanken der anderen zu lesen. Doch sie hatte nie bemerkt, dass sie seine nicht lesen konnte.
Doch die wichtigere Frage war, was hatte er gehofft in ihren Gedanken zu finden?
Auf einmal begann sich alles um sie herum zu drehen und sie ließ sich zurück in ihr Kopfkissen sinken.
Sie konnte seine Gedanken nicht lesen. Schon allein das bedeutete nichts Gutes. Aber was dachte er, nun da er wusste, dass auch er Aurayas Gedanken nicht lesen konnte?
Als sie die ersten Stimmen auf den Gängen der Novizenquartiere vernahm, sprang sie aus dem Bett und zog sich mit schnellen Bewegungen an. Heute war der letzte Tag vor der Sommerpause. Wie lange hatte sie sich nach diesem Tag gesehnt und nun war er endlich gekommen. Die letzten Monate sind am Ende doch erstaunlich schnell vergangen.
Heute, nach der Verteilung der Abschlusszeugnisse, würde sie zusammen mit Dorrien in sein Dorf gehen und dort über einen Monat zusammen mit ihm leben.
Nur schwer widerstand sie dem Drang, nach ihm zu rufen und ihn zu fragen, ob er schon bald die Gilde erreichen würde. Stattdessen ging sie auf ihren Kleiderschrank zu und packte die meisten ihrer Novizenroben in einen großen Koffer, den Rothen ihr gestern Abend mit der Nachricht, dass Dorrien sie morgen abholen würde, überbracht hatte.
Ursprünglich hat Rothen die ganze Zeit erklärt, dass sie erst Dorrien rufen würden, wenn sie ihr Zeugnis hatte und feststand, dass sie alle Prüfungen bestanden hatte.
Sie hatte ihm wochenlang in den Ohren gelegen, dass sie dann noch vier lange Tage in der Gilde warten musste, bis er endlich ankam. Doch Rothen hatte sich nicht breitschlagen lassen. Das dachte sie zumindest bis gestern.
Die Ausgabe der Abschlusszeugnisse war eine kurze Angelegenheit. Sie wurden alle kurz zu dem Magier, der am heutigen Tag für sie verantwortlich war, nach vorne gerufen und dann wurde ihnen das Zeugnis überreicht.
Erschreckender Weise hatten gerade einmal fünf von ihren zwölf Mitschülern die Abschlussprüfungen erfolgreich geschafft. Was bedeutete, dass ihre Klasse im nächsten Jahr um mehr als die Hälfte kleiner sein wird als jetzt. Nachdem alle ihre Zeugnisse bekommen hatten, wurden sie in die Ferien geschickt.
Als Sonea das Gebäude der Universität verließ, kam endlich der Ruf, auf den sie bereits den ganzen Tag gewartet hatte.
„Sonea?", sie konzentrierte sich auf den Geist des Sprechers und ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie Dorrien erkannte.
„Dorrien! Wann bist du da?", fragte sie ungeduldig.
„Ich warte in Vaters Räumen auf dich."
„Du bist schon hier?", sie musste sich zusammenreißen, dass sie kein schrilles Quietschen, mitten auf dem Geländer der Gilde ausstieß. Sie drehte sich um und ging mit schnellen Schritten auf das Gebäude, in dem sich die Magierquartiere befanden zu.
Sie stürmte die Treppe zu Rothens Räumen hinauf und platzte ohne zu klopfen hinein. Als sie ihn sah, rannte sie auf ihn zu und umarmte ihn, so dass er kaum noch Luft bekam.
Rothen, der keinen Anstoß an Soneas Mangel an Manieren nahm, lachte laut auf.
„Nicht so wild, Sonea. Bitte richte deine Aufmerksamkeit noch einen Moment auf uns."
Uns? Sonea ließ von Dorrien ab und sprang zurück auf den Fußboden, um zu sehen von wem Rothen redete.
„Lady Vinara", stotterte Sonea und verbeugte sich hastig vor dem Oberhaupt der Heiler. Sie spürte wie ihr Gesicht zu glühen begann und senkte leicht den Blick.
„Verzeiht mir meine Ungestümtheit."
Die höhere Magierin lächelte sie zum ersten Mal, seit sie sie kannte, freundlich an.
„Ich glaube, wenn man so lange von dem Menschen getrennt war, den man liebt, kann man die Etikette für einen Moment außen vor lassen", sagte sie und zwinkerte ihr zu.
Sonea war verblüfft. Noch nie war die Heilerin so freundlich zu ihr gewesen. Sie achtete immer stets auf einen höflichen Umgang, selbst mit Sonea, dem Hüttenmädchen. War sonst aber sehr streng.
Als hätte die Frau Soneas Gedanken gelesen, verschwand das Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Ich möchte gerne, bevor du mit Dorrien gehst, noch einmal in Ruhe mit dir reden", sagte sie in ernstem Ton.
Ein Stich der Furcht durchzuckte Sonea. Was wollte die Höhere Magierin von ihr? Durfte Sonea nun doch nicht mit Dorrien gehen?
Wollt ihr gleich mit mir sprechen?", fragte sie mit zittriger Stimme.
Die Frau nickte und bedeutete Sonea, ihr aus dem Raum zu folgen.
Als Sonea zurück in den Raum kam, wartete Dorrien allein auf sie.
„Na, habt ihr alles geklärt?", fragte er sie und lächelte.
Bei der Erinnerung an das Gespräch mit der Dekanin der Heiler schoss Sonea erneut die Röte ins Gesicht.
Dorrien kicherte laut. „Keine Sorge, wir mussten dieses Thema alle über uns ergehen lassen", erklärte er und zog sie zu sich.
"Irgendwas sagt mir, dass du und Rothen mir das eingebrockt habt."
Dorrien hob abwährend die Hände.
„Das hast du ganz allein deinem Mentor zu verdanken. Aber mir ist es auch mehr als Recht, dass du nun weißt, wie du dich vor einer Schwangerschaft schützen kannst. Vater hätte mich wahrscheinlich umgebracht, wenn er jetzt schon Opa geworden wäre."
„Was wäre so schlimm daran? Und warum konntest du mir das nicht beibringen?"
„Kleine Sonea", sagte Dorrien und setzte sein bezauberndes Lächeln auf. „Denkst du nicht, dass wir zu unterschiedlich sind, als dass ich dir das hätte beibringen können?"
Sonea schaute Dorrien einen Moment verwundert an. Als sie begriff, was er meinte, begann sie zu lachen. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und flüsterte:
„Ich denke, Vater wollte auf Nummer sicher gehen. Es wäre nicht klug, so kurz vor deinem Abschluss schwanger zu werden. Also nehme es ihm nicht übel."
Sonea schüttelte leicht den Kopf. „Das mach ich nicht. Ich bin froh, dass er sich so für uns einsetzt und nicht gegen unsere Beziehung ist. Wann können wir eigentlich los?"
„Sobald du willst. Ich muss nur noch kurz auf Vater warten, er wollte noch schnell etwas aus der Bibliothek holen", antwortete er.
„Dann geh ich am besten schon mal meine Sachen holen", sagte sie und ging aus Rothens Quartier um in ihrem Zimmer den gepackten Koffer zu holen. Auf den Weg zurück in die Magierquartiere machte Sonea einen Umweg und ging noch einmal an der Residenz des Hohen Lords vorbei, um zu schauen, ob Anny bereits zurück war.
Das Haus schien verlassen. Sie war offensichtlich noch in der Universität. Sonea hätte sich gern noch verabschiedet. Aber der Drang, die Gilde endlich zu verlassen, war so stark, dass sie nicht noch länger warten wollte.
Sie ging weiter und schaute sich um, ob Anny ihr vielleicht doch noch irgendwo entgegen kam. Als sie vor den Magierquartieren angekommen war, hörte sie Dorriens Gedankenstimme.
„Dorrien?", fragte sie zurück.
„Wir stehen hier drüben, Sonea. Am Eingang der Universität."
„Okay, ich bin gleich da", sagte sie und drehte sich um, um erneut über das Gelände der Gilde zu eilen.
Bereits von weiten sah sie drei Personen, die an den Stufen der Universität standen. Sie schienen so winzig vor diesem riesengroßen Gebäude.
Die Universität war das größte Gebäude, was sie je gesehen und betreten hatte. Nur der Palast war größer. Doch diesen konnte sie durch die Mauern der Stadt nur zu einem Teil sehen.
Als sie näher kam, erkannte sie die Personen, die vor dem Gebäude standen. Ihr Mentor Rothen stand mit purpurfarbenen Roben zu ihr Gewand. Neben ihm stand Dorrien in seinen grünen Roben. Sie zögerte kurz weiter zu gehen, als sie den Mann in Blauen Roben erkannte. Administrator Lorlen, der sich mit Dorrien unterhielt.
Sonea atmete einmal tief durch und straffte sich, dann ging sie mit entschlossenen Schritten auf die drei Magier zu.
„Guten Tag, Administrator Lorlen", sagte sie, als sie bei den Männern ankam und verbeugte sich vor ihm.
„Hallo Sonea", antwortete er ihr und lächelte freundlich. „Bist du bereit für deine erste große Reise?"
„Ja", sagte Sonea und spürte, wie sie langsam nervös wurde.
Endlich war es soweit. Der Tag, auf den sie fast ein halbes Jahr warten musste, war endlich gekommen. Wie würde es sein, allein mit Dorrien in einem Haus zu leben, in einem kleinen Dorf mitten im Wald?
Sie hörte das Geräusch von Hufen, die auf den harten Steinboden schlugen und drehte sich herum.
Ein Dienstbote kam mit zwei fertig gesattelten Pferden auf sie zu. Als er vor ihnen stehen blieb, verneigte er sich kurz und murmelte einige Worte des Grußes.
„Na dann, worauf wartet ihr noch? Ab mit euch und macht mir ja nicht zu viel Schande", sagte Rothen und machte lachend eine Handbewegung, als würde er ein paar ungezogene Kinder davon scheuchen.
„Auf Wiedersehen, Administrator, Lord Rothen", sagte Sonea und verbeugte sich noch einmal vor den beiden Männern.
„Auf Wiedersehen ihr beiden. Und passt gut auf unsere Sonea auf, Lord Dorrien", sagte Lorlen, worauf Rothen auch noch sämtliche Dinge einfielen, auf die Dorrien achten sollte. Er gab seinem Vater sämtliche versprechen, die er hören wollte. Das sie nicht den ganzen Tag durchritten, dass er sich unbedingt melden sollte, sobald sie angekommen waren und lauter andere Dinge.
Als Rothen nichts mehr einfiel, ging Dorrien auf die beiden Pferde zu. Sonea folgte ihm und blieb neben Dorrien stehen.
„Sie werden warten, bis wir raus geritten sind, oder?"
„Wahrscheinlich", antwortete Dorrien und lächelte ihr mitfühlend zu. Er nahm ihr den Koffer ab und drehte sein Pferd so, dass sie in Ruhe aufsteigen konnte, ohne die Blicke der beiden Magier im Rücken zu verspüren.
Sonea war froh, dass sie es gleich beim ersten Versuch schaffte sich auf ihr Pferd zu hieven und Dorrien reichte ihr die Zügel. Dann schwang er sich mit einer einzigen, fließenden Bewegung auf das andere Pferd und sie setzen sich langsam in Bewegung.
Als die Tore der Gilde in Sicht kamen, drehte sich Sonea noch einmal kurz um. Als hätte Rothen darauf gewartet, hob er seine Hand und winkte ihnen zu.
Herzlichen Glückwunsch, Anny. Du hast die besten Ergebnisse erzielt. Wie machst du das nur? Rektor Jerrik hat mir erzählt, dass du sogar die Abschlussprüfungen für das dritte und vierte Jahr problemlos bestanden hast."
„Danke Lady Meydin. Ich habe immer mit Sonea zusammen gelernt. Dadurch konnte ich den ganzen Stoff bereits", antwortete sie der Frau, während sie den Zettel in ihrem Bücherkoffer verstaute. Sie war froh, dass Lorlen ihr diese prächtige Erklärung für ihre Leistungen geliefert hatte.
„Dann scheint Sonea eine gute Lehrerin zu sein", sagte die Magierin mit einem anerkennenden Nicken und ging zu dem nächsten Novizen.
„Ihr dürft nun gehen. Schöne Ferien", verkündete Lady Meydin, nachdem alle ihre Prüfungsauswertungen bekommen hatten.
Auraya wartete bis die meisten ihrer Klassenkameraden den Raum verlassen hatten, dann verbeugte sie sich vor der Heilerin und trat selber hinaus in den langen Flur.
Sie schlug bewusst einen Weg ein, der an Soneas Klassenzimmer vorbei führte, da sie hoffte, dass sie noch etwas mit ihr reden könnte, bis sie zu Dorrien fuhr.
Sie blieb vor der Tür stehen und drückte ein Ohr daran. Währenddessen schloss sie ihre Augen und sandte ihren Geist in den Raum hinter der Tür aus. Der Raum war verlassen. Auraya beschloss ihre Tasche schnell in die Residenz zu bringen und dann im Novizenquartier nachzusehen.
Als sie die Hand auf die Türklinge der Residenz legte, öffnete sich die Tür, wie immer geräuschlos und gewährte ihr Eintritt. Auraya war froh, dass sie niemanden im Empfangsraum vorfand. Auch von Takan war nirgends etwas zu sehen.
Sie stieg schnell die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf und legte ihre Tasche auf einem Stuhl ab. So leise wie sie die Residenz betreten hatte, schlüpfte sie auch wieder hinaus. Als sie die Tür hinter sich zuzog, stieß sie erleichtert die Luft aus und ging in Richtung Novizenquartiere. Doch auch dort war Sonea nirgendwo zu finden.
Etwas niedergeschlagen kehrte sie in die Gärten der Gilde zurück und setzte sich auf eine schattige Bank. Offensichtlich war Sonea bereits aufgebrochen, ohne sich vorher von ihr zu verabschieden.
Als sie ein paar Stimmen vernahm, straffte sie sich. Sie glaubte eine der Stimmen zu erkennen. Sie streifte mit ihrem Geist kurz über die Gedanken der herankommenden Männer und konzentrierte sich auf deren Persönlichkeiten.
Sie stellte fest, dass sie beide kannte. Der eine war Administrator Lorlen und der andere Lord Rothen.
Auraya beschloss Rothen zu fragen, ob Sonea bereits abgereist sei. Sie wartete, bis die beiden Männer näher kamen, dann erhob sie sich und verbeugt sich vor ihnen.
„Guten Tag, Administrator Lorlen, Lord Rothen."
„Hallo Anny,", antworten die beiden gleichzeitig.
„Ihr entschuldigt mich", sagte Lorlen und setzte seinen Weg fort.
Auraya vermutete, dass er heute, am letzten Tag, noch einmal einen großen Berg Arbeit zu bewältigen hatte, bevor auch bei ihm etwas Freizeit einkehrte.
Rothen war vor ihr stehen geblieben.
„Wollen wir uns setzen?", fragte er Auraya und trat auf die Bank zu, von der sie sich gerade erhoben hatte. Gerade als Auraya den Mund öffnete, um ihn nach Sonea zu fragen, begann Rothen zu erzählen.
„Ich soll dir von Sonea schöne Grüße übermitteln. Sie hatten es beide sehr eilig loszukommen. Wahrscheinlich wird Sonea es noch bereuen, nicht noch eine Nacht in der Gilde geschlafen zu haben. Die nächsten Nächte wird sie auf ihrem Pferd verbringen müssen", erzählte er und lächelte leicht.
„Danke, Lord Rothen. Ich dachte mir bereits, dass sie schon aufgebrochen sind, nachdem sie weder auf ihrem Zimmer im Novizenquartier noch in der Universität aufzufinden war."
Rothen nickte leicht. „Und hast du schon ein paar Ideen, was du in den Ferien unternimmst? Fragte er weiter.
Auraya schüttelte den Kopf. Sie hatte niemanden, den sie hier besuchen könnte. Es würden wahrscheinlich sechs schrecklich langweilige Wochen für sie werden. Einzig herauszufinden, was der Hohe Lord trieb, würde ihr etwas Beschäftigung bringen. Wäre da nicht Takan, der jeden ihrer Schritte beobachtete, wenn der Hohe Lord einmal nicht zugegen war.
Sicherlich wusste Akkarin, dass sie in der einen Nacht an der Tür gelauscht hatte und hatte dem Diener den Auftrag gegeben auf sie aufzupassen, wenn er seinen geheimnisvollen Dingen nachging.
„Wenn du möchtest, kannst du ferne mit mir zu Abend essen", sagte Rothen und riss Auraya aus ihren Gedanken.
„Sehr gern", erwiderte sie.
„Es ist jetzt schon so unerträglich langweilig ohne Sonea. Was soll ich nur machen, wenn sie endgültig zu Dorrien zieht?", ging es Rothen durch den Kopf, während er mit Anny am Tisch saß und sie ihr Abendmahl einnahmen.
Rothen musste feststellen, dass Anny, wenn sie allein ohne Sonea bei ihm war, viel distanzierter war. Man konnte zwar trotzdem mit ihr über die verschiedensten Dinge debattieren, doch dennoch sah Rothen, dass ein wachsamer Ausdruck in ihren Augen lag.
„Vielleicht verhielt sie sich schon immer so, nur mir ist es bisher noch nie aufgefallen", überlegte er.
„Ihr vermisst sie. Nicht wahr?", sagte Anny auf einmal und Rothen zuckte überrascht zusammen. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf sie.
„Wie kommst du darauf?"
„Ihr starrt Löcher in die Luft, Lord Rothen."
Er versuchte ein Lächeln zustande zu bringen, doch es schien ihm mehr wie eine Grimasse.
„Ich mache mir einfach Sorgen um die beiden, dass sie heil bei Dorrien ankommen. Das ist nun mal die Aufgabe eines Vaters beziehungsweise Mentors."
Anny lächelte ihn mitfühlend an, erwiderte aber nichts darauf.
Als sie die Hand nach ihrem Glas ausstreckte, um daraus etwas zu trinken, bemerkte Rothen, dass etwas fehlte.
„Du trägst den Ring nicht mehr?", fragte er und war froh, dass seine Stimme in keinster Weise anklagend klang.
Anny blickte auf ihre Hand hinunter und antwortete ohne zu ihm aufzublicken. „Es tut mir leid, Lord Rothen, aber ich habe ihn verloren."
Ihr Gesichtsausdruck erinnerte ihn stark an Sonea. Sie hatte auch immer so geschaut, wenn sie ihm etwas verschwieg.
„Nun bilde ich mir schon sonst was ein. Warum sollte sie lügen, wen es um den Ring geht? Wahrscheinlich werde ich mich daran gewöhnen müssen, dass ich viele Dinge bei anderen sehen werde, die mich an Sonea erinnern. Ich hätte nie gedacht, dass ich sie so sehr vermissen würde", dachte er und sprach dann zu Anny.
„Er war von deinem Mentor, dem Hohen Lord. Er wollte, dass ich dich etwas unterstütze. Allerdings finde ich, dass es besser ist, wenn du mit deinen Problemen direkt zu mir kommst."
Anny nickte. „ Ich habe mich schon gewundert, warum ihr Sonea nicht den Ring gegeben habt. Sie hätte ihn damals wahrscheinlich dringender als ich benötigt."
„Das ist war. Ich habe bereits darauf gewartet, dass du mir diese Frage stellen würdest. Es widerstrebte mir dir gleich zu sagen, von wem der Ring ist, da ich befürchtet hatte, dass du ihn dann nicht annehmen würdest."
„Nun braucht ihr euch darüber ja keine Sorgen mehr zu machen, Lord Rothen. Bitte entschuldigt mich, es ist bereits spät und ich bin müde."
Rothen blickte hinaus. Das Gelände der Gilde war beinahe stockdunkel.
„Gute Nacht, Anny", sagte er, bevor sie sich verbeugen konnte und machte sich daran den Tisch frei zu räumen.
Akkarin saß in seinem gewohnten Sessel. Er dachte darüber nach, was gestern Abend geschehen war. Seit Anny seinen Blutstein trug, konnte er deutlich ihre Aura wahrnehmen. Doch er konnte nicht in ihre Gedanken blicken. Hatte er vielleicht einen Fehler bei der Herstellung des Juwels gemacht? Nein, das war unmöglich.
Als er sich Gesten Abend auf die Suche nach ihrem Geist machte, geschah etwas Merkwürdiges. In einem Moment war ihre Aura noch da, im nächsten war sie plötzlich verschwunden. Der einzige Grund dafür konnte sein, dass sie den Ring abgenommen hatte. Aber warum? Sie hatte ihn, seit Lord Rothen ihn ihr übergeben hatte, nicht einmal abgenommen, bis auf gestern Abend und seitdem hatte sie ihn auch nicht wieder angelegt.
Als ein leises Geräusch vor der Tür erklang, konzentrierte sich Akkarin auf die Person, die jeden Moment durch die Tür treten würde.
„Guten Abend, Anny", sagte er mit ruhiger Stimme.
Sie verneigte sich vor ihm und murmelte eine Antwort.
„Wärst du immer noch so verschlossen zu mir, wenn ich dein Geheimnis kennen würde?", fragte er sie in Gedanken.
Sie musste ein sehr großes, mächtiges Geheimnis haben, wenn sie es nicht einmal zuließ, dass ihre Gedanken bei einer Wahrheitslesung gesehen werden. Sie hatte sich lieber aus der Gilde verbannen lassen, als irgendetwas Preis zu geben.
Er fragte sie nach ihrem Abschluss und sie antwortete knapp. Dann blickte er auf ihre Hände hinunter und stellte fest, dass er Recht hatte mit seiner Vermutung, dass sie den Ring abgenommen hatte.
„Du trägst Lord Rothens Ring nicht mehr?", fragte er beiläufig. Als sie ihn kurz, mit schmalen Augen musterte, sagte Akkarin, dass sie gehen durfte.
Auch wenn ihre Reaktion nur kurz und kaum merklich war, wusste Akkarin, dass sie mehr wusste. „Hatte sie vielleicht erraten, was dieser Ring war? Nein, wohl eher nicht, dann hätte sie Lord Rothen zur Rede gestellt und nicht mir gegrollt.
Akkarin nippte erneut an seinem Glas.
„Aber was war es dann?"
