„Endlich haben sie die Frau gefunden. Aber ist sie sich ihrer Sache so sicher, dass sie niemanden tötet, weil sie denkt, dass sie stark genug ist? Oder wartet sie auf den richtigen Moment." Akkarin schüttelte den Kopf. Wann immer er in dem vergangenen Monat etwas Zeit für sich hatte, gingen seine Gedanken unweigerlich zu der Frau zurück.
War es wirklich möglich, dass sie eine Spionin ist? Er konnte nicht ausschließen, dass die Ichani eine Fremdländerin als Sklavin hielten, aber würden sie, sie auch in Magie unterweisen? Oder beherrschte sie bereits zuvor Magie und bekam das Angebot von Freiheit, wenn sie ihn tötete?
Was auch immer sie war, er konnte mit ihr nicht wie mit den üblichen Eindringlingen umgehen. Er musste ihr gegenübertreten und zuvor herausfinden, was sie im Schilde führte. Und das war eines der Hauptprobleme des vergangenen Monats.
Der Dieb, der für ihn die Spione aufspürte, hatte ihm von merkwürdigen Vorfällen berichtet und von Augenzeugen, die gesehen haben, wie eine Frau aus dem Fenster schwebte oder ähnliches. Aber sie schien so schnell zu verschwinden, wie sich auftauchte und bis heute war es den Dieben nicht gelungen, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen.
Akkarin ging in den unterirdischen Kellerraum und tauschte dort seine schwarzen Roben gegen abgetragene, schlichte Sachen. Als die Tür hinter ihm sich öffnete, hielt er in seiner Bewegung inne.
„Sie haben sie endlich gefunden?", fragte der Diener leise.
„Ja, Takan. Wenn ich heute Nacht zurückkehre, wird Imardin einmal mehr etwas sicherer sein. Ich hoffe nur, dass die anderen Magier dann mit der Suche nach ihr aufhören werden. Nicht, dass sie tatsächlich eines Tages noch einem anderen Spion in die Arme laufen."
„Sie werden davon hören, das die Vorfälle aufgehört haben und aufhören mit dem Suchen, Meister."
„Ich hoffe, du behältst Recht, Takan. Es wird nicht leichter, die Spione zu finden, wenn die halbe Gilde nach ihnen sucht. Du kannst zu Bett gehen. Es wird sehr spät sein, wenn ich zurückkehre."
„Ja, gute Nacht Meister. Gebt auf Euch Acht", antwortete der Diener und verbeugte sich tief, bevor er den Raum wieder verließ.
Akkarin schüttelte leicht lächelnd den Kopf über seinen Freund und Diener. Nach all den Jahren war es ihm noch immer nicht gelungen, ihn von seinen Gewohnheiten abzubringen. Er verhielt sich ihm gegenüber tatsächlich so, als wäre er sein Meister, was Akkarin mehr als unangenehm war. Takan hatte bei ihm alle Freiheiten, doch Akkarin wusste, dass er niemals auf den Gedanken kommen würde, diese auch zu nutzen. Es war traurig. Er könnte so ein gutes Leben führen. Aber das tat er ja auch als Akkarins Diener. Hier ging es ihm wesentlich besser, als bei den Ichani.
Akkarin öffnete die Geheimtür und trat hindurch. Er musste sich nun um wichtigere Dinge kümmern, als seinem Diener die Freiheit schmackhaft zu machen. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken hinter ihm und er ging mit schnellen Schritten den Tunnel entlang.
Endlich fiel die Tür zu Takans Räumen ins Schloss und absolute Stille kehrte in die Residenz des Hohen Lords ein. Aus Takans Gedanken wusste Auraya, dass Akkarin heute etwas Besonderes tat. Sie wagte es nicht, tiefer in den Geist des Dieners einzudringen und allein wollte er anscheinend nicht daran denken, was dieses besondere Ereignis sein sollte. Allerdings hatte Auraya eh beschlossen, es selbst herauszufinden, was der Hohe Lord tat. Es konnte nur etwas Boshaftes sein. Warum sonst sollte er es vor dem Rest der Gilde verheimlichen. Sie versuchte nicht daran zu denken und redete sich ein, dass er durchaus auch einen guten Grund für diese Heimlichkeiten haben könnte. Wenn nicht, würde sie noch heute Abend vor den Höheren Magiern sprechen. Aber dafür brauchte sie zuerst einen Beweis.
Da sie nicht wollte, dass ein noch größerer Abstand zwischen ihr und Akkarin lag, ging sie das Risiko ein von Takan, der gewiss noch nicht tief genug schlief, erwischt zu werden.
Als sie durch den Empfangsraum schlich, war sie sich sicher, dass man ihr Herz laut schlagen hören musste. Die Tür des Dieners öffnete sich zu ihrer Erleichterung aber nicht.
Geräuschlos schlüpfte sie durch die Kellertür und stieß erleichtert die Luft aus, als sie diese hinter sich geschlossen hatte.
Als Auraya den Kellerraum betrat, war alles dunkel. Sie schlüpfte in einen langen Umhang, den sie in ihrem Schrank gefunden hatte, und machte sich auf die Suche nach der Geheimtür, von der sie ebenfalls aus Takans Gedanken erfahren hatte. Mit ihren scharfen Sinnen brauchte sie nicht lange, bis sie die versteckte Tür in der Wand entdeckte hatte. Sie ließ sich mit einem einfachen, magischen Befehl öffnen. Auraya trat schnell hindurch und ließ die Tür hinter ihr zufallen.
Die Tür machte nicht ein einziges Geräusch, was darauf schließen ließ, dass der Hohe Lord sie regelmäßig schmierte. Aber das nicht nur er durch diese Vorsorge einen Vorteil hatte, war ihm anscheinend nicht bewusst. Hätte die Tür nur das leiseste Geräusch von sich gegeben, hätte er es wahrscheinlich meterweit in den Tunnel hinein gehört und wäre dadurch gewarnt gewesen.
Sobald die Tür hinter ihr verschlossen war, breitete sich absolute Dunkelheit in dem Tunnel aus. Auraya schuf einen kleinen Lichtfunken und schaute sich genauer um. Sie befand sich vermutlich in einem der unterirdischen Tunnel, die überall unter der Gilde verliefen. Es war verboten, sie zu betreten, da sie einsturzgefährdet seien. Einige Novizen hatten einmal behauptet, dass einzig der Hohe Lord dieses Verbot missachtet. Was offensichtlich der Wahrheit entsprach. Zudem machten die Mauern um sie herum nicht gerade den Eindruck, als würden sie jeden Moment der Last des Erdreiches nachgeben und Auraya begraben. Aber vielleicht hatte der Hohe Lord nur einen Teil des Tunnelsystems für seine Machenschaften in Stand gehalten.
Auraya dämpfte ihre Lichtkugel weiter ab, bis nur noch ein leichter Schatten über die Wände, an denen sie vorbeilief, fiel.
„Diese Stille", ging es Sonea durch den Kopf. Sie streckte sich und öffnete einen Spalt weit die Augen. Sie lag allein in Dorriens Bett.
Sie dachte kurz darüber nach, wo er um so eine Zeit hin sein könnte, dann fiel ihr ein, dass er bereits früh am Morgen zu einem Patienten aufbrechen musste.
Als er sich von ihr gelöst hatte, war sie kurz aufgewacht. Als er dies bemerkte, flüsterte er ihr leise zu: „Schlaf weiter, kleine Sonea. Wenn es hell wird, bin ich wieder da."
Sie seufzte leise, bei dieser Erinnerung. Es schien nicht viel Zeit vergangen zu sein, seit er gegangen war. Draußen war es noch immer dunkel. Oder sollte Dorrien doch schon so früh zu einem Patienten aufgebrochen sein? Vielleicht gab es einen Notfall.
Ja. Das musste es sein. Normalerweise machte Dorrien seine Hausbesuche erst gegen Nachmittag, wenn die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwand.
Schwungvoll erhob sie sich aus dem großen Bett. Auch wenn es noch früh am Morgen war, jetzt, da sie sich sorgte, was passiert sein könnte, konnte sie eh nicht mehr schlafen.
Sie ging in den großen Gemeinschaftsraum und setzte sich an den Tisch, an dem sie ihre Speisen einnahmen.
Es war wirklich sehr still hier. Beinahe zu still. Sie ging ans Fenster und blickte hinaus. Die großen Bäume vor dem Haus versperrten ihr die Sicht auf den Weg, der in das nahe gelegene Dorf führte. Doch am Horizont konnte sie bereits die ersten schwachen Lichtstrahlen des herannahenden Tages sehen. Sonea lächelte leicht, wenn es bereits hell wurde, würde es auch nicht mehr lange dauern, bis Dorrien zurückkehre.
Nachdem sie noch einige Momente an dem Fenster stand und zu dem stetig heller werdenden Horizont hinüber blickte, wand sie sich entschieden ab. Sie brauchte eine Beschäftigung, damit die Zeit schneller verging. Suchend schaute Sonea sich in dem Raum um. Hier gab es nichts, was sie tun konnte. Alles war sauer und selbst die Töpfe, die bei ihrer Ankunft noch auf dem Küchenschrank verteilt standen, waren nun ordentlich in einer Reihe aufgestellt. Sie ging zurück in den Schlafraum, an den Schrank, den Dorrien für sie frei geräumt hatte, und in dem sie nun ihre Novizenroben und die Schulbücher der letzten zwei Jahre aufbewahrte. Sie holte das Neuste ihrer Notizbücher hervor. Die Seiten des Buches waren noch nicht vollständig beschrieben, aber das, was Sonea sich bereits darin notiert hatte, war von größter Wichtigkeit für ihre Abschlussprüfung.
Mit dem Notizbuch setzte sie sich zurück an den Tisch in dem großen Raum und begann zu lernen. Als es draußen vollkommen hell geworden war und die Sonne durch das Fenster in den Raum strahlte, legte Sonea das Buch beiseite und ging erneut zu dem Fenster.
Langsam wurde sie ungeduldig. Dorrien müsste langsam wieder zurückkommen.
Sie lehnte ihre Stirn an die kalte Fensterscheibe und schloss für einen Moment die Augen.
Auf einmal legten sich warme Hände um ihre Taille. Sie zuckte zusammen und versuchte sich umzudrehen. Doch Dorrien hatte seinen Kopf bereits auf ihre Schulter gelegt und hauchte ihr ins Ohr.
„Guten Morgen. Ich hatte nicht erwartet, dass du bereits auf den Beinen bist."
„Dorrien! Du hast mich erschreckt", sagte Sonea vorwurfsvoll.
Dorrien ließ von ihr ab und ging ihn den Küchenbereich.
„Tut mir leid. Du warst offensichtlich so sehr in Gedanken, dass du mich nicht bemerkt hast. Dabei müsste man eigentlich mitbekommen, wenn diese quietschende Tür geöffnet wird", sagte er kalt.
„Wo warst du so lange? Ist irgendwas passiert?", fragte Sonea, während Dorrien etwas von den süßen Teigklumpen auf den Tisch stellte.
Als sie fragte, hielt Dorrien einen Moment inne und blickte sie, wie ihr es schien, bedrückt an.
„Nein, nichts Besonderes", sagte er schließlich und holte zwei Gläser für Raka aus dem Schrank.
Ein Geräusch hinter Akkarin ließ ihn innehalten. Er drehte sich um und schob die Blende ein Stück weiter über das Licht seiner Laterne. Hinter einer der vielen Biegung konnte er ein schwaches Licht ausmachen.
Mit hämmernden Herzen presste er sich an die Wand eines Seitenganges. War ihm jemand gefolgt? Er schloss die Augen und sandte seinen Geist in die Richtung des Verfolgers aus. Doch er konnte keinen anderen Geist in seiner Nähe wahrnehmen. Hatte er sich dieses Licht nur eingebildet? Er schloss die Blende seiner Lampe komplett und die Dunkelheit hüllte ihn ein. Das Licht, aus der Richtung, aus der er gekommen war, wurde nun noch deutlicher erkennbar. Das konnte nur eines bedeuten. Anny war ihm gefolgt.
Er unterdrückte einen Fluch und dachte darüber nach, was der tun sollte, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte, jetzt, da sie ihm so offensichtlich nachspionierte.
Nachdem er mehrere Momente mit sich selbst rang, beschloss er, dass er das Risiko eingehen würde. Es war eine einmalige Chance und der einzige Weg, der ihm im Moment einfiel, um sie eines Tages doch noch zu einer Willigen Kraftquelle zu machen.
Zudem würde er vielleicht dadurch herausfinden, was sie im Schilde führte. Es war ein Risiko. Es war möglich, das sie sich in dem Moment, wo er am verletzbarsten ist, nach dem Kampf gegen die Spionin, gegen ihn stellen würde. Doch er musste darauf vertrauen, dass er in einem solchen Fall noch genug Macht übrig hatte, um sie zu bezwingen.
Er atmete tief ein und wieder aus. Es war beschlossen. Er würde es tun.
Nach einer Weile, die er noch immer an die Wand gepresst, ausgeharrt hatte, hörte er leise Schritte, die sich ihm näherten.
Er hatte beschlossen sich in dem Seitengang verborgen zu halten, bis er sich sicher war, dass es tatsächlich Anny war, die ihn verfolgte.
Die Schritte wurden lauter und Akkarin war sich sicher, dass sein Verfolger jeden Moment den Seitengang erreicht haben müsste, in dem er stand.
Die Angst und Anspannung machten es ihm nahe zu unmöglich, sich zu bewegen. Als die Person nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, hielt er die Luft an. Dann kam diese Person endlich in Sicht. Erst ein Bein, und dann der Rest des dazugehörigen Körpers. Akkarin war nur wenig überrascht, dass er Recht behalten hatte mit seiner Vermutung. Es war sein Schützling Anny.
Als sie an dem Gang vorbei gegangen war, trat er lautlos hinaus.
„Was hast du hier unten zu suchen."
Anny wirbelte herum und Akkarin spürte, wie sie mit bemerkenswerter Schnelligkeit einen starken Schild hochzog. Auch als sie ihn erkannte, hielt sie den Schild aufrecht und blickte ihn grimmig an.
„Geh zurück in die Gilde, sofort", sagte er scharf. Er bemerkte ein Aufblitzen von Wildheit in ihrem Blick und wusste, dass sie sich ihm widersetzten würde. Aber mit nichts anderem hatte er gerechnet. Aber er musste es versuchen. Er konnte sie schließlich nicht mit offenen Armen begrüßen. Er hatte immer schon vermutet, dass ihre Zurückhaltung und Angst vor ihm, nicht echt waren. Sie kam ihm auf einmal nicht mehr so vor, wie eine junge, unerfahrene Novizin, sondern eher wie eine reife, erwachsene Frau. Wenn er gewusst hätte, ob ihre Absichten gut waren, hätte er sie sogar für ihren Mut bewundert. Doch er musste Vorsichtig vorgehen.
„Ich bleibe", antwortete sie ihm trotzig, „wenn ihr euch des Nachts aus der Gilde schleicht und offensichtlich keiner davon etwas erfährt, wird es an der Zeit, dass ich es tue."
„Es ist zu gefährlich, wenn du mich begleitest", sagte er, ohne auf ihre Anspielung einzugehen.
„Dennoch werde ich bleiben. Das Risiko ist es mir wert, wenn ich dadurch verhindern kann, dass ihr noch mehr Menschen tötet."
Akkarin starrte sie einen Moment verwundert an. Als hatte sie doch mitbekommen, was damals in dem Keller vorgefallen ist. Aber warum interessiert es sie, sollte ihr tatsächlich so viel an der Gilde liegen? Oder war es nur ein Trick von ihr? Hoffte sie, eine Möglichkeit zu finden, mit der sie selbst die Gilde zerstören konnte und in ihre Heimat zurückzukehren? Und das dann noch als voll ausgebildete Magierin? Akkarin schob diesen Gedanken entschieden beiseite. Wann immer er die Möglichkeit erwogen hatte Anny einzuweihen, hat ihn dieser Gedanke daran, dass sie selbst versuchen könnte, die Gilde mit dieser Macht zu zerstören, soweit abgeschreckt, dass er die Idee vorerst aus seinen Gedanken verbannt hatte. Selbst wen sie versuchen sollte schwarze Magie durch ihn zu erlernen und die Gilde zu bekämpfen, wäre er immer noch stark genug sie aufzuhalten. Auch wenn das seinen sicheren Tod bedeuten würde.
Er wusste nicht, ob ein Magier in der Lage war ohne Anweisung zum schwarzen Magier zu werden, nur dadurch dass er wusste, wie das Abziehen der Magie funktionierte. Er hatte es damals nicht geschafft. Aber das bedeutet nicht, dass Anny es nicht schaffen könnte.
Er seufzte laut an Anny gewandt und schaute sie durchdringend an.
„Bist du dir sicher, dass du das willst? Es wird dir nicht gefallen, was du siehst."
„Ja, ich bin mir sicher, sehr sicher."
Akkarin ließ noch einen abschätzenden Blick über Anny gleiten, bevor er sich umwand und mit zügigen Schritten den Gang weiter ging. Wenn es tatsächlich so kommen sollte, musste er eine Möglichkeit finden, Anny zu beweisen, dass er nur zu dem Schutz der Gilde handelte. Er könnte ihr zeigen, wie sie in einen fremden Geist eindringt, auch wenn dieser es nicht will. Aber konnte er zulassen, das Anny diese Fähigkeit lernt und auf ihn hört, wenn er von ihr verlangt, dass sie diese Fähigkeit nicht ohne seine Erlaubnis einsetzt? Ein weiteres Problem bot die Spionin. Wenn er Anny alles zeigen wollte, musste er sie zuerst bewegungsunfähig machen, bevor er sie tötete. Das bedeutete, dass er mehr Kraft aufbringen musste, als geplant. Und wenn Anny tatsächlich versuchen sollte, sich gegen ihn zu stellen, bestand durchaus die Möglichkeit, dass er nicht mehr die Kraft dazu hatte, sie aufzuhalten.
Er konnte nur noch hoffen, dass er Glück hat mit der Spionin. Die meisten, denen er begegnet war, haben nie einen sonderlich freundlichen Eindruck gemacht. Die Gefahr, die von ihnen ausging, sollte auch ihr bewusst sein. Anny wusste, dass er die Spionin töten würde. Immerhin hatte sie es damals bereits mitbekommen in seinem Keller, doch er würde nicht zulassen, dass sie sieht, wie er sie tötet. Ihm blieb noch etwas Zeit, um über einen möglichen Plan nachzudenken.
„Was ist los mir dir, Dorrien? Du bist schon den ganzen Tag so merkwürdig", bemerkte Sonea, als sie Abends mit ihrem Freund im Bett lag.
Seit er heute Morgen von diesem Notfall zurückgekehrt war, war er seltsam ruhig und in sich gekehrt. Sie hatte nicht weiter versucht, herauszufinden, was passiert war, dafür war sie zu froh darüber gewesen, dass er wieder da war. Doch seine geistige Abwesenheit störte sie ungemein.
„Tut mir leid. Ich bin einfach nur erschöpft", antwortete er ihr, ohne sich umzudrehen.
Nun wurde Sonea langsam sauer. Was sollte so schrecklich gewesen sein, dass er es ihr nicht sagen konnte.
„Wenn du müde bist, warum liegst du dann nun schon seit über einer Stunde schweigend neben mir?"
Er blieb noch einen Moment still, mit dem Rücken zu ihr gewandt, liegen. Plötzlich drehte er sich zu ihr um und trotz der Dunkelheit, die in dem Zimmer herrschte, bemerkte sie ein Glitzern in seinen Augen.
„Dorrien!", flüsterte Sonea erschrocken. „Was ist los? Was ist passiert?", fragte sie mit brüchiger Stimme.
Bevor Dorrien antwortete, zog er sie zu sich und umarmte sie fest.
„Es ist nichts, kleine Sonea. Nichts von belang", mehr sagte er nicht.
Sonea, die nicht wusste, was sie von dieser Situation halten sollte, war sprachlos. Sie kannte Dorrien nicht so. Etwas musste passiert sein, doch sie fürchtete sich davor, herauszufinden, was ihm so eine Angst machte. Hatte es mit ihr zu tun? Wahrscheinlich. Aber was konnte es sein?
„Das war leichter, als ich erwartet habe. Vielleicht zu leicht. Was ist sein Plan?" Auraya schielte leicht zu Akkarin hinüber. Seit sie sich geweigert hatte zurückzukehren, hatte er kein Wort mehr gesagt.
„Nein, er hat keinen Plan und er scheint sauer zu sein. Aber scheinbar ist ihm klar, dass er mich nicht von meinem Vorhaben abbringen kann. Wie viel ist er bereit mir zu offenbarten?" Was hätte sie nicht dafür gegeben, nur einen kleinen Blick in seine Gedanken werfen zu können. Wenn ihr dies möglich gewesen wäre, könnte sie sich den ganzen Ärger, den sie sich im Moment einhandelte, sparen.
Der Führer, der sie durch das Labyrinth von Tunneln unter den Hüttenvierteln führte, blieb auf einmal stehen. Er deutete nach oben. Akkarin trat an ihre Seite und schaute zu der kleinen Öffnung oberhalb von ihnen.
„Das ist die letzte Chance für dich zurück zu gehen", sagte er mit unerwartet ruhiger Stimme.
„Nein, ich bleibe bei Euch."
„Also schön", sagte er resigniert und trat auf die, in die Mauer eingelassene, Leiter zu. Bevor er sich an den Aufstieg machte, drehte er sich noch einmal zu ihr um.
„Wenn ich sage, dass du gehen sollst, wenn du gesehen hast, was du sehen wolltest, wirst du gehen", sagte er entschlossen, ohne sie anzublicken, und stieg, ohne auf eine Antwort zu warten, die schmale, rostige Leiter empor.
Auraya folgte ihm schweigend. Gegen seine letzten Worte war es unnötig zu protestieren. Es war ein fester Befehl und es würde gewiss noch strengere Konsequenzen mit sich ziehen, wenn sie sich ihm erneut widersetzte.
Er war, wenn auch nur widerwillig, bereit, ihr wenigstens einen Teil seinen Geheimnisses zu offenbarten. Das musste ihr für den Moment genügen.
Sie stieg hinter dem Hohen Lord die Leiter hinauf und gelang in einen kleinen, mit Kisten voll gestellten Raum.
In dem Raum erwartete sie bereits ein hochgewachsener Mann, der einen abgetragenen, schwarzen Umhang an hatte. Aus den Gedanken des Mannes erfuhr Auraya, dass er Goil hieß und die rechte Hand des Diebes war, der für den Hohen Lord die Spione suchte.
Das waren schon mehr als interessante Informationen für Auraya. Der stärkste Magier der Gilde arbeitete also mit den berühmt, gefürchteten Dieben zusammen. Aber wer waren die Spione. Sollte Akkarin tatsächlich in guten Absichten hierher gekommen sein, weil er die Stadt vor einer unbekannten Gefahr schützte?
Goil begrüßte den Hohen Lord knapp und warf ihr einen misstrauischen Blick zu, auf welchen Akkarin nur schwach nickte. Es war offensichtlich noch nie vorgekommen, dass Akkarin jemanden zu solch einem Treffen mitgenommen hatte.
Der hochgewachsene Mann, Goil, wusste genau, dass er den Hohen Lord gegenüber stand. Doch es machte ihm nichts aus. Er war zwar dennoch vorsichtig und wählte seine Worte mit Bedacht, doch Auraya vermutete, dass dies eine angeborene Vorsicht war.
Der Mann zog sich die Kapuze über den Kopf und ging auf die Tür zu.
Auraya brauchte einige Momente, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Hier draußen war es noch dunkler, als in den Tunneln, in denen sie mit der spärlichen Laterne ihren Weg finden mussten. Der Himmel war Wolken verhangen und kein einziger Mondstrahl drang durch die dichte Decke des Himmels. Einzig in ein paar wenigen Häusern brannten noch kleine, schwache Lichter.
Goil ging einmal quer über die Straße auf ein ziemlich heruntergekommenes Haus zu.
„Hier hat sie seit ihrer Ankunft ihr Quartier. Im Moment ist sie nicht da, aber sie müsste bald zurückkehren", erklärte Goil flüsternd und bieb vor der Eingangstür des Hauses stehen, um sie eintreten zu lassen.
„Das Haus ist leer?", fragte Akkarin kalt."
„Die meisten haben das Haus verlassen, denen, die geblieben sind, wird die übliche Menge gezahlt."
„Danke Goil. Du kannst gehen."
Akkarin drehte sich von der Tür weg und sah Anny vielsagend an.
Sie wusste, dass er ihr eine letzte Chance gab, mit Goil zurückzugehen und in Sicherheit auf ihn zu warten. Doch sie dachte nicht daran, kurz vor ihrem Ziel aufzugeben. Entschlossen trat sie neben den Hohen Lord. Er blickte zu ihr hinunter und seufzte leise.
Sie traten durch die Tür in einen einzigen Raum. Weitere Türen gab es nicht. Auf der einen Seite des Raumes lagen einige abgenutzte Laken, die als Bett dienten, in einer anderen Ecke waren einige Töpfe über einem kleinen, heruntergebrannten Feuer aufgestapelt. Auraya konnte sich nur schwer vorstellen, dass diese Person, die hier lebte, in irgendeiner Weise eine Bedrohung darstellen könnte.
„Du versteckst dich da...", begann Akkarin, doch der Rest seiner Worte ging in ohrenbetäubenden Lärm unter. Die Tür zu dem Raum, in dem sie sich befanden, wurde aufgesprengt und Auraya zog instinktiv einen starken Schild hoch.
Eine Bewegung neben ihr ließ sie einen Moment zögern. Akkarin war einige Schritte vorgetreten und stand nun zwischen ihr und dem Angreifer. Als Akkarin an den Rand des Schildes gelangte, den sie aufrecht hielt, blickte er sie einige Momente an, sagte aber nichts.
„Wer wagt es?", donnerte eine weibliche Stimme zu ihnen hinüber. Hinter der Staubwolke, die durch die Explosion hervorgerufen wurde, konnte Auraya eine schemenhafte Gestalt erkennen. Die Frau trat in den Raum und blickte Akkarin kalt an. Dann wanderte ihr Blick zu Auraya und für einen kurzen Moment trat Überraschung in die Züge der Magierin. Auraya forschte nach dem Geist der Frau, um herauszufinden, was sie so überrascht hatte. Als sie feststellte, dass sie die Gedanken der Magierin nicht lesen konnte, hätte Auraya beinahe aufgekeucht.
„Das kann nicht sein. Emerahl lebt?!", dachte sie und bemerkte nicht, dass sie Beiden ihr Gespräch bereits fortgesetzt hatten.
Akkarin hatte keinen eigenen Schild hochgezogen. Er blieb in Aurayas stehen. War dies eine Geste des Vertrauens seinerseits? Oder spürte er, dass mein Schild stark genug ist, um ihn zu schützen? Er hatte keine Chance gegen Emerahl. Selbst wenn er sich von ihr schützen ließ und versuchte sie anzugreifen. Er würde scheitern. Doch bisher war, zu Aurayas Erleichterung, noch kein einziger Angriff gefallen.
„... verlassen. Magier, die nicht der Gilde angehören, sind hier nicht erwünscht. Egal aus welchem Land sie stammen und was ihre Absichten sind", erklärte Akkarin diplomatisch.
Auraya hatte vermutet, dass er sich einen kleinen Kampf nicht entgehen lassen würde, doch anscheinend war er vernünftig genug, einzusehen, dass dies nicht einer der Personen ist, nach den er normalerweise sucht.
„Ich verstehe. Dann werde ich gehen", sagte Emerahl und klang beinahe belustigt über Akkarins Worte. Sie ging zu ihrem provisorischen Bett und packte mit übertrieben langsamen Bewegungen die wenigen Kleidungsstücke, die auf ihm lagen, zu einem Bündel zusammen. Akkarin ließ die Frau keinen Moment aus den Augen. Außerdem achtete er genau darauf, dass die Magierin keine Möglichkeit bekam, zwischen ihm und Auraya zu treten.
Er stand noch immer mehrere Schritte von ihr entfernt und dennoch. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er bereits einmal so nah an sie herangetreten war. Die plötzliche Nähe zu dem wichtigsten Menschen der Gilde, dem Hohen Lord, rief ein merkwürdiges Gefühl in ihr wach. Ein Gefühl, in Sicherheit zu sein.
Emerahl ging auf die zersplitterte Tür zu und wandte sich noch einmal zu ihnen um.
„Lebt wohl, Magier", sagte sie und blickte Auraya noch ein letztes Mal an. Diesmal lag in ihrem Blick Besorgnis. Dann wandte sie sich endgültig um und ging in die Nacht hinaus.
